Montag, 31. Dezember 2012

Denke immer daran, dass es nur eine wichtig Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt.

Das hat Tolstoi mal gesagt. Und damit hat er wohl nicht so ganz unrecht.
Trotzdem ist der letzte Tag des Jahres traditionell eine Gelegenheit, sich an die vergangenen 365 Tage zu erinnern und Wünsche auszusprechen für die kommenden 365 Tage.
Und was war das nun für ein Jahr 2012?
Christian Wulff ist als Bundespräsident zurückgetreten und Joachim Gauck folgte ihm ins Amt.
In Syrien ging der Aufstand gegen das Regime Assad unvermindert weiter, und das wird wohl noch eine ganze Zeit so weiter gehen.
Dat Lisbeth von der Themse, also Ihre Königliche Hoheit Elisabeth II., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Länder und Gebiete, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens, hat in diesem Jahr ihr sechzigstes Thronjubiläum gefeiert.
Das Filmstudio in Babelsberg hat seinen hundersten Geburtstag gefeiert.
Ebenso den hundersten feierte die russische Prawda und der Verleger Axel Springer, wenn er denn noch leben täte.
Wir haben die Handball-Europameisterschaft in Serbien gesehen und natürlich die Olympischen Spiele und die Sommer-Paralympics in London.
Die Mars-Sonde Curiosity ist auf dem Mars gelandet, was zwar eine technisch hervorragende Einzeltat ist, mich aber mehr überrascht hätte, wenn sie auf dem Jupiter (oder so) gelandet wäre.

So gibt es sicher noch eine ganze Menge anderer Dinge und Ereignisse, die zum Ende dieses Jahres ein oder mehrere Gedanken wert wären. Weltpolitisch, wissenschaftlich, kulturell...
Aber was uns in diesem Jahr sicher am meisten beschäftigte, war doch unser eigenes Leben. Jeder von uns hat in diesem vergangenen Jahr genug erlebt, um sich seinen ganz persönlichen Jahresrückblick zu gestalten.
Für mich persönlich war es ein beruflich außergewöhnlich erfolgreiches Jahr, und ich bin dankbar, dass ich das alles mit meinen Freunden, Kameraden und Kollegen erleben durfte. Privat war es für mich ebenso ein wunderbares Jahr. Ich habe meine Kinder gesund aufwachsen sehen, habe viel mehr Zeit mit meiner Frau verbringen können, als ich gehofft habe und habe mich im Kreise meiner Familie ausgesprochen wohl gefühlt.
Das alles lässt mich hoffnungsvoll, froh und unbeschwert in das nächste Jahr blicken, das nun kommt, obwohl die Welt schon vor ein paar Tagen längst in Feuer und Schwefel hätte untergehen sollen. Wir danken an dieser Stelle der Sensationspresse und dem unbekannten Fremden, der den Maya-Kalender ebenso kompetent wie konsequent fehl gedeutet hat.
Ich halte es also am Ende dieses Jahres mit dem guten, alten Aristoteles, der mal sagte:
 
Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am
Vergangenen die Erinnerung. 

Euch allen, die Ihr in den letzten Monaten meinen Blog verfolgt habt, wünsche ich ein erfolgreiches Jahr 2013, verbunden mit meinem Dank an Euch und der Hoffnung, dass Ihr weiterhin meine Geschichten genießt. 

Wenn's alte Jahr erfolgreich war, dann freue dich aufs neue,
und war es schlecht, ja dann erst recht.
KARL-HEINZ SÖHLER 




 

Sonntag, 30. Dezember 2012

Was vom Tage übrigblieb...

... ist ja eigentlich ein Roman von Kazuo Ishiguro, der 1989 erschien und 1993 mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in den Hauptrollen verfilmt wurde.
Zu meinem Bedauern habe ich das Buch immer noch nicht gelesen (es gibt einfach so unglaublich viele Bücher, die noch gelesen werden wollen!), aber der Titel fiel mir sofort ein, als ich dieser Tage die Überreste des Weihnachtsfestes betrachtet habe.

Nun ist alles wieder vorbei. Mannigfaltige Geschenke wurden ausgetauscht, mehrere Gänge ausgezeichneter und während 364 Tagen im Jahr viel zu teurer Speisen wurden verzehrt, und tagelang beherrschte ein einziges Thema die Musikwelt: Weihnachtsmusik.
Aber nun ist alles vorbei. Das Geschenkpapier, das man im Schweiße seines Angesichts im Laden ausgewählt und um das Geschenk gewickelt hat, liegt zerknüllt, zerrissen und unbeachtet in der Mülltonne, die Waage im Badezimmer ist definitv kaputt, weil sie nur noch utopische Werte anzeigt ("So viel habe ich doch das ganze Jahr nicht gewogen!") und der Tannenbaum verliert nun büschelweise seine Haare Nadeln.
Und von der bis zum Zweiten Weihnachtsfeiertag noch vollkommen unvermeidlichen Weihnachtsmusik ist nun nichts mehr zu hören. Das ist es, was mich an den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester immer am meisten fasziniert: Von einem Moment auf den anderen, vollkommen ohne erkennbaren Übergang, wird die besinnliche, tränendrüsenantreibende, romantisierende Herz-Schmerz-Musik durch dröhnende, wummernde, schnelle Partymusik ersetzt. Sämtliche herzerwärmenden Sendungen in allen Tv-Sendern landauf, landab werden rigoros gegen eine Dauerbefeuerung von Comedians, Komödien, Lachparaden und Gute-Laune-Shows ersetzt. Was gerade noch eine ruhige, friedliche und besinnliche Zeit war, ertrinkt nun im Lärm der Silvestervorbereitung. Abrupter kann ein bevölkerungsweiter Stimmungswechsel nicht sein.
Aber keine Bange! Spätestens gegen Ende des Sommers geht es wieder los mit der Vorweihnachtszeit. Kein Witz! In diesem Jahr war es der 30. August, an dem ich die ersten weihnachtsbezogenen Süßwaren im Supermarkt meines Vertrauens entdeckte. Und weil die weihnachtlich nutzbare Phase des Einzelhandels in Jahre 2012 ja so kurz war, wird man im Jahre 2013 vielleicht schon im Juli mit dem Konsumterror anfangen...

Montag, 24. Dezember 2012

Heilig Abend

Dunkel ist die Nacht, 
fast kein Auge wacht.
Nur die Hirten auf der Erden 
lagern wachend bei den Herden,
reden von dem Herrn, 
ob er wohl noch fern. 

Und ihr Auge weint. 
Siehe, da erscheint
in den Höhen Licht und Leben.
Siehe, tausend Engel schweben
von den lichten Höh'n,
herrlich anzuseh'n!

Und ein Engel spricht:
"Fürchtet Euch nur nicht!
Siehe, ich verkünd'ge heute
allen  Menschen große Freude, 
deren werden soll
alle Welt noch voll. 

Und vergesst es nie, 
denkt dran spät und früh:
Euch. ihr Sünder, die verloren, 
ist der Heiland heut' geboren, 
Christen, Euer Herr!
Fürchtet Euch nicht mehr!"



Dies ist ein altes Volkslied aus Pommern.

Die Zeit des Gebens, des Liebens, der netten Worte, der Stille, der besinnlichen Momente. Die Zeit des Träumens, des Wünschens, des Beschenktwerdens, der erfreuten Gesichter.



Ich wünsche Euch allen Frohe Weihnachten! 


Sonntag, 23. Dezember 2012

Wintersport!

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Guten Morgen, liebe Wintersportfreunde! Ich begrüße sie heute im winterlich verschneiten Blödeby, wo heute die 37ten Weihnachtsmeisterschaften im TrashDumping stattfinden.
Ehemänner aus aller Herren Länder haben sich heute hier eingefunden, um den Besten des Jahres 2012 zu küren.
Am Donnerstag gab es schon das freie Training, und hier hat sich erneut Andrew „Trashbag“ Guettman in die vorderen Ränge gespielt, wie auch beim Qualifying gestern bei schon leicht verschneiter Strecke.
Da taucht er auch schon am Starterhäuschen auf, Trashbag hat heute offenbar auf profillose Schuhe gesetzt, das könnte ein Risiko heute sein. Trashy, wie ihn seine Gegner und Freunde respektvoll nennen, ist für gewöhnlich Rechtsträger, aber hier sehen wir, er hat sich für die linke Hand entschieden! Die linke Hand trägt also den Wettkampfmüllbeutel, gefüllt mit repräsentativem dreitägigen Abfall aus einem Haushalt, die rechte Hand also folglich die Führungshand. Die Tür am Starterhäuschen öffnet sich bereits, aber da gibt es offenbar noch ein kleines Problem. Der Kampfrichter Torve Iskaldson checkt noch einmal Größe und Gewicht des Wettkampfmüllbeutels. Zeit und Gelegenheit, die Strecke hier in Blödeby kurz vorzustellen.
Ja, da geht es nach dem Start gleich nach links in die neunstufige Höllensenke, hier erreichen die Wettkämpfer die höchsten Geschwindigkeiten im Rennen, das heute übrigens im Einzelstart durchgeführt wird. Unten am Ende der Höllensenke schließt sich die Hugo-Eckener-Gedächnis-Kehre an, eine 180-Grad-Kurve, die bei den heutigen Witterungsverhältnissen mit Bedacht genommen werden muss. Ich weiß nicht, ob das die richtige Entscheidung war, heute mit profillosen Schuhen ins Rennen zu gehen! Dann kommt die leicht abfallende Beate-Uhse-Gerade, keine große Herausforderung, aber hier, kurz vor dem Ende noch einmal eine schnelle Links-Rechts-Kombination in das Volvo-Loch, wo dann auch schon die Zieltonne steht.
So, der Kampfrichter ist mit dem Wettkampfbeutel einverstanden, und Trashbag Guettman macht sich nunmehr bereit für den Start... Konzentration steht ihm ins Gesicht geschrieben... Links der Wettkampfmüllbeutel, rechts die Führungshand an der Absprungklinke...  
Und DA ist der Start, Trashy kommt gut weg, gleich nach links geneigt in die Höllentalsenke! Meine Güte, ist der Mann schnell! Mitte der Senke, was ist daaas!? Da gleitet er aus und rudert mit den Armen! Hier nochmal rechts unten in ihrem Bildschirm in der Zeitlupe gut zu sehen! Da gleitet der rechte Fuß links weg, er versucht mit einer Links-Rechts-Ausfall-Kombi auszugleichen! Er kommt wieder auf die Beine, aber es trägt ihn weeiiiiiit raus aus der Hugo-Eckener! Führungshand nach vorne, Junge!! Na, geht doch, ein wenig spät vielleicht, aber da kommt jetzt auch noch die Lasthand vor! Der Oberkörper weiiiit nach vorne gezogen! Junge, du schaffst das!! Da setzt er endlich die Beine wieder unter den Rumpf, eine geschickte 180-Grad-Wende, und so kann er den Schwung aus seinem Sturz in die Beate-Uhse-Gerade mitnehmen! 
Jetzt hat er Zeit, sich wieder zu sammeln. 
Die altbekannte Rechts-Links-Kombination durch die Gerade, Tempo aufbauen, jetzt die letzte Slalom-Kurve..Und wieder zieht es ihm den Schuh weg! Ja, ob das so die richtige Entscheidung war mit den profillosen, ich weiß ja nicht! Er fängt sich, meineDamenundHerren, er fängt sich wieder! Da beweist sich die Klasse und Erfahrung dieses alten Haudegens, der schon gegen den legendären Alfred Tetzlaff angetreten ist, '76 war das, sie werden sich erinnern! Die letzten Meter zur Zieltonne, die Lasthand geht schon hoch, oh, das kostet Zeit, Mann! Viel zu früh! Die Führunghand greift im letzten Moment den Deckel der Tonne, Abwärtsschwung! Uund der Beutel ist in der Tonne! Und mit dem letzten Dreher kracht Trashbag Guettman in die Bande, aber da lacht er auch schon, reißt die Arme hoch! 
Er weiß es! Er weiß es! Er weiß es schon, liebe Wintersportfreunde! Das ist der Titel! Der Sieg! Meine Güte, was für ein Kracher, dieser Mann, was für ein Kerl!
Und mit diesen emotionalen Eindrücken gebe ich zurück ins Sendestudio zu Ole Olsen Olsensen. Vielen Dank!

Samstag, 22. Dezember 2012

Handwerk hat goldenen Boden?

Eines Morgens, es war noch gar nicht so lange her, stürmte mein Eheweib mit wehenden Fahnen, hoch über den Kopf erhobenen Händen und ebenso erhobener Stimme auf mich zu: „Wir brauchen unbedingt einen neuen Spülkasten!“ Nun ja, ich konnte sie verstehen.
Der bisherige Spülkasten tat seine Arbeit ein bisschen zu enthusiastisch, denn das Wasser lief beinahe kontinuierlich durch, wenn man ihm nicht ab und an (eigentlich immer) einen kräftigen Schlag auf den Deckel gab. In der Nacht ärgerte uns der Spülkasten, indem er nur ein kleines, kaum wahrnehmbares Bächlein durch die Toilette schickte, bis nachts um halb drei der Wasserkasten nachbefüllt wurde, komplett mit zischendem Wasserlauf und einem eigentümlichen (und vor allem lauten!) Quietschen am Ende des Befüllvorganges. So war es mir eigentlich sehr recht, endlich einen neuen Spülkasten an der Toilette vorzufinden, vorzugsweise ohne viel Arbeit.
Ich beorderte also telefonisch einen Klempner herbei. Das heißt, ich versuchte es.
„Hören Sie? Ich habe einen Notfall! Meine Toilettenspülung läuft durch! Kommen Sie! Retten Sie!“
„In sieben Tagen hätte ich einen Termin frei, dann könnte ich kommen...“
„Was? Aber Ihre Werbung sagt doch was von 24/7-Notdienst!“
„Ja, es dauert sieben Tage, bis sie einen Termin bekommen können, aber dann brauche ich 24 Stunden, um den Schaden zu beheben.“

Dann mach ich das eben selber. Kann ja kein Hexenwerk sein!
Einer der Vorteile der Konsumgesellschaft ist es, dass Spülkästen in allerlei Größen, Formen und Farben beim Baustoffhandel meines Vertrauens permanent am Lager sind. Glücklicherweise behelligte mich keiner der Angestellten mit irgendwelchen Beratungsgesprächen, sodass ich nach kaum einem halben Tag Entscheidungsfindung vor dem haushohen Regal mit Spülkästen mit etlichen Euros weniger in der Tasche, dafür aber einem ansehnlichen Spülkasten unter dem Arm meiner heimatlichen Scholle entgegenstrebte.
Zuhause besorgte ich mir dann auch gleich die paar Werkzeuge, die ich für die nun folgende Operation brauchen würde. Neben Schutzbrille, Arbeitshandschuhen und Sicherheitsstiefeln, kamen noch Knieschoner, Bohrmaschine, eine Auswahl von Bohraufsätzen für Holz-, Stein- und Metallbohrarbeiten in fünfzehn verschiedenen Stärken, ein Akkuschrauber, das 50-teilige Bit-Sortiment für den Akkuschrauber, ein Zollstock, ein elektronisches Metermaß, eine Wasserwaage, ein Auswahl verschiedener Zangen, Schraubenzieher in verschiedener Größe und Ausführung, eine elektrische Stichsäge mit fünfzehn verschiedenen Sägeblättern, eine Handsäge für Metallsägearbeiten, eine Trittleiter, ein Satz Dichtungen in verschiedenen Durchmessern und Stärken und ein Handtuch dazu. Solchermaßen ausgerüstet sollte es mir möglich sein, die Aufgabe in nur wenigen Stunden zu meistern.

(c) Andreas Gütter, 2012


Das Abbauen des alten Spülkastens war keine Schwierigkeit, nachdem ich den Wassereinlauf abgeschraubt und die folgende Überschwemmung mit einigen Quadratmetern Feudel wieder halbwegs trockengelegt hatte. Immerhin weiß ich jetzt, wofür die kleine Schraube am Wassereinlauf war. Und beim nächsten Mal denke ich sicher auch daran, vorher den Kasten zu entleeren.
Das Auspacken des neuen Spülkastens war dank meiner werkstättischen Grundausstattung eine Kleinigkeit, das Lesen der Einbauanleitung erinnerte mich hingegen an das Bücherregal „Billy“ eines namhaften schwedischen IKEA-Hauses. Trotzdem gelang es mir, den Piktogrammen einen einigermaßen stimmigen Sinn zu entlocken. Nachdem ich das Wasserrohr solange eingekürzt hatte, dass es gepasst hätte, wenn die Toilette näher am Spülkasten gestanden hätte, gelang es mir, den Kasten mit zwei der vier vorgesehenen Schrauben an der Wand zu befestigen. Der Einsatz der Bohrmaschine konnte zu meiner großen Überraschung entfallen, da der neue Spülkasten mit nur wenigen Hammerschlägen beinahe wie von selbst an die alten Befestigungspunkte gezwungen werden konnte.
Der reichliche Einsatz von Bauschaum gewährleistete trotz der rätselhafterweise aufgetretenen Lücke den tropffreien Transport des Spülwassers in die Toilettenschüssel. Ebenso tropffrei konnte der Spülkasten befüllt werden, nachdem ich achtzig Zentimeter Zuleitung (gerade, verzinkt) mit Hammer und Zange in die zwanzig Zentimeter zwischen Ventil und Spülkasten verbaut hatte. Die Schrauben hielten daraufhin leider nicht mehr richtig dicht, aber auch hier vertraute ich auf die dichtende und haltende Wirkung des Bauschaumes.
Nach gerade mal vier Stunden harten Handwerkertums und zwei Stunden konzentrierter Reinigungsarbeit im Bad konnte ich meiner Frau und meinen begeisterten Kindern eine funktionierende Toilettenspülung präsentieren! Und dieser Typ vom Installateur-Dienst hätte da einen ganzen Tag für gebraucht...
Seltsamerweise besteht meine Frau seit neuestem darauf, dass das gesamte Bad renoviert werden soll. Und ich soll dafür einen Fachmann engagieren! Das verstehe, wer will...

Freitag, 21. Dezember 2012

Welche Welt geht denn da unter?

Heute ist der 21. Dezember 2012. Nach allem, was uns durch die Boulevard-Presse bekannt ist, sollte dieser Tag den Abend nicht mehr erleben. Inzwischen wissen wir aber durch dieselbe Boulevard-Presse, dass das ja alles gar nicht stimmt.
Die Welt geht nicht unter, und trotzdem pilgern einige Unverbesserliche nach Frankreich, in den kleinen Ort Bugarach, weil irgendjemand, von dem sie selbst nicht wissen, wer es war, behauptet hat, dass dort die Außerirdischen landen, um wenigstens ein paar von uns zu retten. Spätestens nach einer Woche würden die Außerirdischen ihre Geretteten wieder zur Erde zurückbringen, davon bin ich überzeugt. 
Was für mich persönlich Anzeichen für einen völlig verdienten Weltuntergang ist, sind zum Beispiel Weltuntergangsüberlebenspakete, die man allen Ernstes erwerben kann. Ich habe auch eine Weltuntergangsversicherung gefunden. Man bekommt eine satte Million Euro, wenn der Weltuntergang eintritt. Was will man dann noch mit der Kohle, wenn man selbst nur noch eine Wolke Moleküle ist? Ich hoffe, das war ein Scherzangebot... 
Mal ehrlich, wenn ich wüsste, dass morgen mein letzter Tag auf Erden ist, würde ich mir allen Luxus, den ich bekommen kann, auf Pump kaufen! Nach mir die Sintflut! 
Und überhaupt: Was für einen Sinn haben denn Weltuntergangsüberlebensstrategien? Solange diese Pläne nicht das Verlassen der Erdumlaufbahn, das Erreichen eines erdähnlichen Planeten und dessen erfolgreiche Besiedlung vorsehen, ist das ohnehin Quatsch. Der Terminus Weltuntergang bedeutet, dass die gesamte Welt untergeht, einschließlich aller Bunker, Überlebenspakete und Berufsoptimisten.

Für die ganzen Propheten der Weltuntergangsfraktion (die Zeugen Jehovas, Nostradamus-Follower und ähnliche) muss das heute ja der reinste Weltuntergang sein. Wie sollen sie ihren Jüngern bloß erklären, dass es nicht geklappt hat? Wieder mal... Ich hätte da einen kleine Tipp: 
Ich glaube, es war Papst Silvester II., der einen Weltuntergang beim Jahreswechsel von 999 zu 1000 (n.Chr.!) vorhersagte, der dann auch nicht eintrat. Seine Begründung: "Natürlich ist die Welt nicht untergegangen! Ich habe ja auch gebetet!" Beweise ihm einer das Gegenteil. 
Aber er ist ja nicht der erste, der den Weltuntergang vorhergesagt hat, und er wird auch nicht der letzte sein. Die Bibel ist ja angeblich voll von Hinweisen auf den Weltuntergang, und man muss sie nur richtig lesen, um das Datum zu finden. Aber selbst die Zeugen Jehovas halten sich inzwischen nach einigen Fehlberechnungen damit zurück, einen genauen Zeitpunkt anzugeben. 
Den hat auch Nostradamus nicht wirklich angegeben, aber er hat uns eine Reihe Hinweise gegeben, die wir natürlich nur richtig deuten müssen. Dann klappt es auch mit dem Weltuntergang. 
Selbst Isaac Newton (Ihr wisst schon, der mit dem Apfel und der Gravitation) hat einen Weltuntergang vorhergesagt, und zwar für das Jahr 2060. Nun, wir werden sehen... 
Es war aber kein geringerer als Vladimir - der Russische Bär - Putin, der den einzig richtigen Zeitpunkt für den Weltuntergang bekannt gegeben hat. In einer monströs langen Pressekonferenz am 20. Dezember verkündete der russische Präsident den Weltuntergang für einen Zeitpunkt in gut 4,5 Milliarden Jahren, wenn die Sonne das Licht ausmacht. Bis dahin tut uns ohnehin kein Zahn mehr weh.

Ich bin überzeugt davon, dass der Maya-Kalender, der die ganze Geschichte ausgelöst hat, nur am 21.12.12 aufhört, weil der Kalenderschreiber einfach keinen Platz mehr auf dem Stein gehabt hat. Und bestimmt findet man in den nächsten Tagen einen weiteren Stein der Maya, auf dem der Kalender vom 22.12.12 bis 21.12.2412 verzeichnet ist, komplett mit allen Geburtstagen künftiger Herrscher, Weihnachten und Oster-Terminen. Wahrscheinlich findet man den Kalender dann in Nordkorea, und vermutlich wird er von Kim Jong-Un gefunden. Immerhin hat der Teufelskerl (bzw. seine von ihm beauftragten und inspirierten Forscher) schon das tausend Jahre alte Einhornnest gefunden. Siehe hier: Einhornnest gefunden! Was ist da schon ein Filofax-Ableger der Maya? 

Wie sagte schon mein Vater:
Und wieder ist ein Tag vollbracht, 
und wieder haben wir nur Mist gemacht. 
Morgen geht's mit gleichem Fleiße
weiter mit derselben Sch...

(Doch, Papa, hast Du gesagt! Der Satz hat sich mir in den zerebralen Frontallappen eingebrannt...) 

Und morgen früh können wir uns dann wieder solche Bilder live anschauen: 


Freitag, 14. Dezember 2012

Der freie Wille

Seine Kinder satt zu bekommen, sollte eigentlich keine Schwierigkeit sein. Immerhin ist das Essen ein Grundbedürfnis, das gestillt werden will.
Solange das Kind noch nicht allzu lange auf diesem Erdenrund weilt, ist die Fütterung des Raubtieres auch denkbar einfach: Anlegen an Mamas reichlich gefüllte Milchbar, und schon wird mit seligem Blick genuckelt. Alles sehr einfach, vielleicht auch, weil die Speisekarte eine ausgesprochen spartanische Auswahl von Menüs aus garantiert biologischem Anbau bietet.
Trotz der sehr eingeschränkten Menüauswahl neigen Männer, die der Speisung mehr oder weniger zufällig beiwohnen, dazu, die glücklichen Babies hingebungsvoll zu beneiden.

Spätestens jedoch, wenn die mütterliche Menütafel geschlossen wird und man die Speisekarte um Breichen verschiedenster Konsistenz und Zusammenstellung erweitert, beginnt das Drama.
Denn nun entwickelt das Kind auch noch ganz allmählich seinen eigenen, freien Willen. Wenn der dritte Löffel schwungvoll auf dem Latz gelandet ist, statt den Weg in die infantile Mundhöhle zu finden, wenn Sohnemann  im letzten Augenblick angewidert den Kopf wegdreht, sodass der Spinatbrei in den Haaren landet, wenn Töchterchen den Karottenbrei großzügig auf Strampler, Sitzhilfe und Fußboden verteilt hat, ist man bereit, dem Erfinder des freien Willens gerne mal ein paar Takte zu seiner hervorragenden Idee zu erzählen.
Aber glücklicherweise garantieren elterliche Geduld, zahlreiche Überlistungsstrategien und ein gehöriges Maß Sturheit seitens des Löffelhalters die ausreichende Ernährung der Kinder trotz aller Ausweichbewegungen...
Je älter nun die Kinder werden, desto mehr entwickeln sie Vorlieben und Abneigungen, was für sich genommen eine durchaus faszinierende Entwicklung ist. Man ist ja schon ein wenig stolz, wenn man sieht, wie die Kinder ihre ersten eigenen Entscheidungen treffen.
Ab und an wird diese Entwicklung allerdings auch recht frustrierend...
Letzte Woche, zum Beispiel, gab es regelmäßig Abendessen. Na ja, das gibt es ja nun jeden Abend, aber in dieser letzten Woche zeigten uns unsere beiden Augäpelchen, wie weit ihr eigener freier Wille und ihre eigenen Vorlieben und Abneigungen schon gediehen sind.

Montag - "Abendbrot, da isst man Brot!", sagt Söhnchen. Kein Problem, es wird gefuttert, bis sich     der Bauch kugelt.

Dienstag - Es gibt Nudeln. Originalzitat Sohnemann: "Ich will Reis!"

Mittwoch - Weil wir unseren Kindern Gutes tun wollen, gibt es Reis. Zitat Filius: "Ich will Nudeln!"

Donnerstag - Wenn Nudeln und Reis nicht gewünscht sind, gibt es Kartoffeln. Zitat Junior (m): "Ich will aber Brot!"

Freitag - Abendbrot, da isst man Brot... Aber Sohn will nur Gurken. Haben wir aber nicht.

Samstag - Gurken gekauft: "Ich mag aber keine Gurken!"

Sonntag - "Heute essen wir aber kein Abendbrot!" Söhnchen vielleicht nicht, aber der Rest der Familie isst ganz sicher! 


Die gleiche Woche sah bei Töchterchen ungefähr so aus:

Montag - "Ich möchte nicht essen!" Ein kleines Brot mit einer armseligen Wurstscheibe wird unter übermenschlichen Anstrengungen unserer kleinen Dame in den Bauch gezwungen. 

Dienstag - Keine Meinungsäußerungen, da Mund permanent voll. 

Mittwoch - Halbe Portion im Bauch, die andere Hälfte auf dem Fußboden verteilt. Tochter pappsatt. 

Donnerstag - "Ich möchte nicht essen." Tut es dann aber doch ein wenig  und verteilt den überwiegenden Rest auf den Fliesen. 

Freitag - Gurken, Käse, Wurst, Eier, alles mit den Händen und am liebsten gleichzeitig. Aber um Himmels Willen kein Brot! 

Samstag - "Ich mächte nicht essen!" Das Brot bleibt angeknabbert und traurig auf dem Teller liegen. 

Sonntag - Der Brotkorb ist leer, die Wurstplatte ebenso, Käse gibt es nicht mehr, und wir müssen neue Gurken kaufen: "Ich hab aber noch Hunger!"

Essen ist ein Grundbedürfnis, das gestillt werden will. Nur über das Wann und Was sind wir uns noch nicht einig. Aber spätestens, wenn die Kinder über die Arbeitsplatte schauen und den Kühlschrank allein ausräumen können, machen sie sich selbst ihr Essen!



Dienstag, 11. Dezember 2012

's is Winter!

Als ich noch ziemlich jung war (also vor sehr langer Zeit), habe ich mal gelernt, dass die Eskimos über hundert Worte für "Schnee"haben.
Das ist natürlich Quatsch. Erstens gibt es "die Eskimos" ja gar nicht, sie nennen sich Inuit, was aber auch nichts anderes heißt als Mensch. Und zweitens haben sie auch nicht viel mehr Worte für Schnee als unsereins. Allerdings ist die Sprache der Inuit, die sich Inuktitut nennt, eine sogenannte polysynthetische Sprache, was bedeutet, dass Worte, Eigenschaften und Tätigkeit durch Affigierung zu scheinbar einem einzigen Wort verschmelzen. Dort also, wo der normal hochdeutsch sprechende Wintergeschädigte sich wortreich über "Schnee, der eiskalt vom Dach in meinen Nacken gerutscht ist" beschwert, benutzen Inuit einen Ausdruck, der auf Deutsch ungefähr so aussehen könnte: "Schneedereiskaltvomdachinmeinennackengerutschtist".
Etwas ähnliches kennen wir ja auch im Bayrischen. Dort heißt derselbe Sachverhalt (siehe oben): "Himmiherrgottzefixhalleluljasoginochamoi!" Dabei wird der rechte Arm über den Kopf gehoben und die rechte Hand mit fegenden Bewegungen in den Nacken gelegt. Die linke Hand greift um die linke Hüfte herum in den Rücken. Jetzt mit der linken Hand die rechte ergreifen. Und eins, zwei, draaai, vier, und Sei-ten-wech-sel! Ähm.
...
Wo war ich? Ach ja, beim Schnee. Es ist also Unsinn, dass irgendjemand gut hundert verschiedene Worte für Schnee hat. Wahr ist allerdings, dass es eine ganze Reihe von Ausdrücken gibt, mit denen ich die derzeitig vorhandene "weiße Pracht" beschreiben könnte. Ich habe zum Beispiel ein Wort für den Schnee, den ich im frühestmorgendlichen Dämmerlicht von heimischen Aufgang und Fußweg schaufeln muss, nur, damit der städtische Winterdienst selbigen nur wenige Minuten später wieder mittels motorisierter Schaufel unter dicken Haufen verschüttet.
Ich habe auch einen Ausdruck für das Eis, das ich am frühen Morgen mit halb abgefrorenen Fingern und einer kaputten CD-Hülle von der Frontscheibe meiner Karosse zu kratzen versuche.
Ich habe auch einen Ausdruck für den festgetrampelten Schnee auf dem Fußweg, der mich zu Bewegungsoptionen nötigt, die auf meiner persönlichen Fähigkeitsliste unter dem Stichwort "No go!" gelistet sind. Hierzu zählt zu allererst die Bewegungsform "Spagat", den zu erlernen ich in diesen Tagen innerhalb von Sekundenbruchteilen gezwungen war, und über dessen Auswirkung meine Oberschenkel noch heute mit Nachdruck Ausdruck geben!
Ich hätte noch unzählige weitere Beispiele für Ausdrücke, mit denen ich den Schnee beschreiben könnte, auch und gerne in jeder beliebigen toten oder lebendigen Sprache. Aber sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind allesamt nicht druckfähig...
Ja, der Winter hat eben einige Eigenschaften, die mir nicht so wirklich zusagen. Die Kälte, die einem langsam, aber sicher durch die Zwiebelschichten an die nackte Haut kriecht. Das Michelin-Männchen, zu dem ich regelmäßig mutiere, nur weil ich mich warm anziehen und eben nicht frieren möchte. Das frühmorgendliche Orgelkonzert der scheintoten Anlasser in der Straße der Laternenparker... 

Aber bevor die gesammelte Wintersportindustrie und ihre Jünger mich nun steinigen (vermutlich mit Schneebällen...): Der Winter hat auch schöne Seiten. Und die genieße ich dann auch. Die Norweger nennen diese Zeit, wenn es die Sonne den ganzen Tag nicht über den Horizont schafft, die "blaue Zeit". Und eine kleine Ahnung bekommen wir hier bei uns auch, wo der Norden schon ganz langsam zum Süden wird.
Dann, wenn der Schnee lautlos fällt, die frühe Dämmerung die Welt um mich herum in diesen ganz besonderen Blauton hüllt, wenn alles um mich herum still ist und nur der Schnee unter meinen Stiefeln leise knirscht, wenn mein Atem in der Kälte als Dampf langsam aufsteigt, wenn in der Ferne die Fenster in den Häusern golden leuchten, dann ist der Winter wunderschön.
Dann, wenn draußen der Wintersturm heult und alles in einem weißen Schneegestöber versinkt, wenn der Grog in den Händen vor sich hin dampft, wenn die Heizung bollert und der dicke Pullover so richtig kuschelig ist, dann ist der Winter wunderschön.

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Aber trotzdem: Ich warte jetzt schon wieder sehnsüchtig auf Sommer, Sonne, Strandwetter. 

Dienstag, 4. Dezember 2012

Mittagsschlaf..?

Mittagsschlaf ist doch was feines. 
Insbesondere dann, wenn man mehr oder weniger unregelmäßige Arbeitszeiten hat. Dann nutzt man quasi jede Möglichkeit, sich ein bis mehrere Mützen Schlaf zusätzlich einzufangen. Und groß sollten die Mützen sein, die man sich da auf den Kopf rammt.
Es ist nämlich gar nicht so leicht, in Morpheus Arme zu fallen, obwohl die Voraussetzungen dafür eigentlich denkbar gut sind.
Die Kinder sind erfolgreich dem Kindergarten übereignet worden, das arbeitende Volk schweigt gerade angesichts voller Münder ebenfalls, und selbst der Nachbar mit dem kaputten Roller hat seine nervtötenden Versuche, die Mühle zu reparieren, zumindest vorläufig aufgegeben. Stille breitet sich aus... 
So wickeln wir uns gewissenhaft in die urgemütliche Wolldecke, geben uns auf dem Sofa liegend dem Mittagskoma hin und schließen mit einem letzten, wohligen Gähnen die Augen. Wir gleiten in die sanfte Bewusstlosigkeit des Schlafes...

Und dann juckt es! Eine kleine Stelle, gleich unter der Nase! Also gut, eine Hand unter der Decke hervor gezogen, kurz kratzen und schon gleiten wir wieder ins Traumland. Wohlige Wärme, Stille, und es juckt am Hals, gleich links unter dem Ohr! Wieder sucht sich die Hand ihren Weg aus der Wolldecke, wir kratzen uns hingebungsvoll am Hals und beeilen uns, damit man nicht allzu wach wird. 

Jetzt aber! Schlaf, komm!

Tiefes Atmen und ein leichtes Schnarchen sollen den Rest des Körpers davon überzeugen, dass wir längst im Tiefschlaf angekommen sind. Folglich versuchen wir nachdrücklich, das Jucken unter der Gürtelschnalle zu ignorieren! Noch ein bisschen länger, dann geht es sicher gleich von selbst weg! ... Argh! Hand unter den Gürtel und hingebungsvoll und ausdauernd kratzen, kratzen, kratzen! Aaah, welch Wohltat! 
Einschlafversuch, die x-te. Vergeblich...
Nachdem wir fünfzehn Minuten lang jedes Jucken und jedes Kitzeln am ganzen Körper mit langen Nägeln, unterdrücktem Fluchen und seltsamen Verrenkungen bekämpft haben, geben wir erschöpft auf und gestehen uns unsere Niederlage ein. Wann haben wir eigentlich zum letzten Mal geduscht, dass es uns nun dermaßen jucken muss? 

Für den Rest des Tages erinnert uns ein ausgesprochen heftiges Gähnbedürfnis permanent an den verlorenen Mittagsschlaf. Wir verbiegen uns unsere komplette Gesichtsmuskulatur, damit der Rest der Welt uns unseren ständigen Drang zu gähnen nicht anmerkt. Wir reiben uns die Augen, strecken Muskelpartien, von denen wir bisher nicht mal wussten, dass wir sie haben, und tun alles, um uns vom Erschöpfungsschlaf nicht einfangen zu lassen. 
Endlich ist der Abend da! Zeit und Gelegenheit, endlich den verlorenen Schlaf wiederzufinden. Nach einer gründlichen Tiefenreinigung unseres Leibes und frisch gesalbt entern wir glücklich und schlafestrunken das heimische Federbett, um uns nur zu gern und mit Schwung in Morpheus Arme zu werfen. Sanft schlummern wir Richtung Traumland, die Decke wird warm, der Körper schwer, die Augenlider noch viel schwerer... 

AAAAAAAH! Es juckt! Am Rücken! Und ich komm nicht dran!

Sonntag, 25. November 2012

Fantasie

So, der Totensonntag ist nun beinahe vorbei, und damit biegen wir nun ganz allmählich in die Zielgerade der Weihnachtszeit ein, die ja schon Ende September angefangen hat. Jedenfalls, wenn man dem Einzelhandel glauben darf.
Und alljährlich machen wir uns tiefschürfende Gedanken, was wir den Kindern in diesem Jahr schenken. Die Geschenkeindustrie macht es einem aber auch nicht leicht.
Dabei wäre es so einfach!

Vor ein paar Tagen schnappt sich Töchterlein einen kleinen grünen Eimer, setzte sich auf ihn und erklärte: "Muss Pipi machen!" Wenigstens war sie vollständig angezogen und grinste über alle vier Backen! Was Sohnemann nicht davon abhielt, sie zu belehren: "Nein, Pipi macht man in Toilette!"
Nach einigem Hin und Her einigten sich die beiden darauf, dass der Eimer sicherlich keine mobile Toilette sei, trotzdem aber in jedem Fall an den Hintern gehöre. Töchterchen stülpte sich den Eimer also über ihre kleine Sitzfläche und rannte "Miau!" schreiend durch das Haus, verfolgt von ihrem laut lachenden Bruder! Nach einigen Runden um den Esstisch verkündete Brüderchen: "Jetzt bin ich die Katze!", entriss seiner Schwester den Eimer, stopfte seinen kleinen Hintern umständlich hinein und rannte seinerseits "Miau" schreiend durch das Haus. Meine Frage "Wo ist denn da eine Katze?" beantwortete Söhnchen mit: "Na, hier ist doch der Schwanz!" und schwenkte enthusiastisch den kleinen Eimer.

Bevor unsere Kinder ihren Teilzeitjob als Katze angenommen haben, hatten sie sich Mamas (glücklicherweise leeren) Wäschekorb geschnappt. Beide quetschten sich hintereinander in den Korb, stritten sich (natürlich) über den Platz ganz vorne,  und schon ging es in wilder Fahrt durch den Fluß geradewegs in das Meer! Das Wasser spritzte nach allen Seiten, die Klamotten unserer beiden wilden Piraten trieften geradezu vom Wasser, und die Kinder lachten sich halb kaputt! Und das alles auf dem trockenen Boden unseres Wohnzimmers!

Auch unsere Umzugskartons durften schon als Burg, Piratenschiff, Höhle und Turm herhalten, um danach als Springpolster, Behelfsschrank und Versteck zu dienen. Die Kartons konnte ich hinterher wegwerfen, aber bis dahin hatte unsere beiden Wirbelwinde stundenlang Spaß!

Es ist immer wieder wunderbar anzuschauen, mit wieviel Fantasie unsere Kinder einen an und für sich alltäglichen Gegenstand wie einen Eimer, einen Wäschekorb oder eben einen alten Karton in allerlei Körperteile, verschiedenste Fahrzeuge, großartigste Abenteuerspielplätze verwandeln. Sie brauchen keine technischen Spielereien (Batterien nicht enthalten!) oder pädagogisch getestetes und für wertvoll befundenes reichlich teures Spielzeug. Sie brauchen einfach nur irgendwas, was ihre Fantasie anspricht. Und das ist oft sogar schon ein einzelner Stock, der ein Fahne wird.

Für uns stehen die nächsten Weihnachtsgeschenke also fest: Ein weiterer kleiner bunter Eimer, der über beide Hintern passt, damit wir demnächst zwei schreiende Katzen haben. (Eigentlich drei, aber unsere pelzige vierbeinige und zuweilen schreiende Mitbewohnerin zähle ich jetzt mal  nicht mit.)
Einen größeren Wäschekorb, wo beide "Piloten" nebeneinander sitzen können, und neue Kartons, um das nächste Schloß zu bauen. Und der Nikolaus bringt schon mal einige Holzstöcke für neue Fahnen, Rührstöcke, Trommelstöcke, Kopfschmücker und alles andere, was den beiden noch so einfällt.

Samstag, 24. November 2012

Jubel!

10³ sind exakt 1000.
1000 als römische Zahl ausgedrückt: M
1000 heißt auf althochdeutsch: thûsend

Das M bezieht sich auf das lateinische Wort mille, aus dem sich die heute gebräuchliche Meile ableitet.
Aus dem althochdeutschen thûsend leitet sich das neuhochdeutsche Wort tausend ab.

Und 1000, thûsend, M sind die Anzahl der Klicks, die mein Blog seit Erschaffung des ersten Eintrages am 28. August 2012 erreicht hat! Ist das nicht irre? Doch, ist es!

Satte 1000 Klicks auf meine Seite!
1000 mal hat es interessiert, ob und was ich geschrieben habe! 

Mensch, wie mich das freut! Als ich mit meiner Schreiberei hier angefangen habe, hätte ich echt nicht gedacht, dass ich innerhalb so kurzer Zeitso viele Leser bekomme.
Innerhalb von nicht mal drei Monaten schon 1000 Klicks...
Ist das nicht schön? Doch, das ist schön! Sogar sehr schön!

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lesern bedanken, die mich in meinem Blog besuchen. Ich bedanke mich auch für die Kommentare, die ihr gegeben habt, und ich hoffe, euch auch in Zukunft immer wieder mit meinen kleinen Geschichten, Aushilfsphilosophien und Gedankengängen interessieren und erfreuen zu können.

Montag, 19. November 2012

locus necessitatis

Es ist schon erstaunlich, was man so alles feiern kann. In diesen Tagen, genauer gesagt am 16. November, hatten wir schon den Vorlesetag (siehe unten), am 21. Juni den Tag des Schlafes, am 6. März den Anti-Diät-Tag, und heute feiern wir hochoffiziell den Welttoilettentag! Man kann es kaum glauben!
Tatsächlich steckt hinter diesem Welttoilettentag eine ernst zu nehmende Geschichte, denn immer noch leiden rund 40 Prozent der Weltbevölkerung unter dem Fehlen selbst der einfachsten hygienischen Einrichtungen. Wenn unsereins mal nach einer Kneip(p)en-Tour kein Klo findet und stattdessen eine Eiche, einen Hollunderbusch oder eine Hauswand zweckentfremdet, so stinkt das zwar zum Himmel, ist aber sonst kein großes gesellschaftliches Problem. (Es sei denn, wir sind von altem Adel und lassen unsere Stange Wasser am Pavillon einer großen Nation stehen...) Wo es aber keine entsprechenden hygienischen Einrichtungen weit und breit gibt, wächst nicht nur die Gefahr des Erstinkens, sondern auch ganz real die Gefahr von Infektionen bösester Art.

Wenn man mal über oben geschriebenes nachdenkt, bekommt das eigene Porzellansitzmöbel im Kachelraum doch eine ganz besondere Bedeutung. Erst recht, wenn man bedenkt, wieviel Zeit man dort eigentlich verbringt. Vielfach ist die Schüssel nebst zugehörigen Räumlichkeiten ja der einzige Ort, an dem man mal für eine kleine Weile ungestört sein kann. Falls nicht die gesamte Familie in willkürlichen Abständen immer wieder an der glücklicherweise verriegelten und verrammelten Tür ausrastet, weil sie eben auch mal müssen. Wohl dem, der zwei Abtritte im Haus hat! Dann kann man es sich mal so richtig gemütlich machen, bei der Verrichtung der täglichen Notdurft. Es gibt da zum Beispiel ein japanisches Modell, bei dem man wenig mehr machen muss, als sich seiner Hosen zu entledigen und eine bequeme Sitzhaltung auf der Keramik zu finden. Sämtliche Tätigkeiten, die mit der Verklappung menschlicher Verdauungsreste einhergehen, werden von der Toilettenanlage vollautomatisch erledigt. Das fängt bei der musikalischen Übertönung der gemeinhin bei derlei Aktionen enstehenden und meist als peinlich empfundenen Geräsuchkulisse an und hört bei der automatischen, sanften, aber zuverlässigen Reinigung und Trocknung (!) der unteren Körperregionen noch lange nicht auf. Ein Traum! Leider auch ein sehr teurer, weshalb sich in unserem hauseigenen Herzchenhäuschen nur ein Normalklo befindet, bei dem alles noch von Hand erledigt werden muss. Aber man kann sich diesen Ort des persönlichen Rückzuges ja auch ohne High-Tech Shinto-Klo-Tempel aus Nippon gemütlich einrichten. Bei uns zum Beispiel gibt es zahlreiche Ablagemöglichkeiten, die an und für sich zur Lagerung meiner Toilettenlektüre gedacht waren. Tatsächlich stapeln sich dort nun zahlreiche verschiedene Cremes und Öle für meine Frau und die Kinder, während meine Bücher auf dem Fensterbrett Platz nehmen müssen. Wie dem auch sei...
Die eigentlich doch eher langweilige Tätigkeit des Entleerens sämtlicher gastroenterologischer Körperbehältnisse erfährt durch die Lektüre dem Anlass entsprechender Literatur eine ungemeine Aufwertung. Die Ungestörtheit des Stillen Örtchens lädt geradezu dazu ein, sich in ein gutes Buch zu vertiefen, während draußen vor der Tür die Hektik des alltäglichen Wahnsinns tobt. Um den Lese- und Abführgenuß noch zu erhöhen, befindet sich auch ein Musikgerät in den Heiligen Hallen, dessen primäre Aufgabe es ist, dem wertvollen Moment des Insichgehens, des sich Ausdrückens und der literarischen Bildung eine passende Hintergrundbeschallung zu schenken, und das in zweiter Linie in der Lage ist, die bei dieser zutiefst menschlichen Tätigkeit entweichenden Misstöne nicht an zufällig in der Nähe befindliche Ohren gelangen zu lassen. Ein Ort des Friedens...
Kein Frieden währt ewig, so lehrt es uns die Weltgeschichte, und irgendwann ist die Zeit gekommen, da man den selbstgewählten Lesesaal wieder verlassen muss. Lesezeichen nicht vergessen, damit wir bei der nächsten Sitzung weiterlesen können, wie sich die Geschichte zwischen Fürst Andrej und Natascha Rostowa weiterentwickelt, dann Fenster öffnen, damit der Mief aus Stickstoff, Wasserstoff, Methan, Kohlenstoffdioxid sowie insbesondere die für den infernalischen Geruch verantwortlichen Schwefelverbindungen ihren Weg in die Weite Welt finden, und, last but not least, Hände waschen nicht vergessen! Die sind doch voller Druckerschwärze....

Erfrischt, erholt und einige Kilo leichter können wir uns nun mit neuem Elan dem weiteren Tag widmen und insbesondere den heutigen Tag zelebrieren: Den Welttoilettentag!

Wer mehr über den Welttoilettentag erfahren möchte, der schaue sich hier um: Welttoilettentag - Achtung! Ist in Englisch!

Sonntag, 18. November 2012

Out of Africa? Lieber nicht!

Ich glaube, es war der große Douglas Adams, der mal geschrieben hat, dass die meisten Menschen den evolutionshistorischen Gang von den Bäumen herunter als einen Schritt in die falsche Richtung bewerten. Immerhin hat uns dieser Schritt den aufrechten Gang, das Feuer und den Pizzaservice gebracht, was dann ja auch nicht ganz schlecht ist. Jede Medaille hat eben ihre zwei Seiten.
Was ich persönlich als evolutionsgeschichtlich falschen Schritt bezeichnen würde, ist das Verlassen des afrikanischen Kontinents. Hätte es diese Out-of-Africa-Geschichte nicht gegeben, würde ich heute in den warmen Gefilden am Äquator meine Kokosmilch schlürfen und Maniok braten. Oder so... Statt dessen rutschen die täglichen Höchsttemperaturen verdächtig nahe an den absoluten Nullpunkt heran, und ein hoffnungsvoller Polarsturm hat seinen Übungsraum nach Norddeutschland verlegt, um hier noch mal sein gesamtes Programm durchzuspielen, bevor er zu seinem großen Auftritt am Norpol aufbricht. Mit einem Wort: Schietwetter!
Und was tut man nicht alles, um in diesem Wetter keine Bliztbefrostung zu bekommen!
Wenn ich im Sommer vor die Tür gehen will, reicht es, die Tür zu öffnen und nach draußen zu gehen. Kleidung ist da eher zweitrangig und eigentlich nur eine Frage des Anstandes.
Im Herbst ist der Gang vor die Tür dagegen eine logistische Herausforderung erster Güte!
Eingepackt in Omas Angora-Unterwäsche, einem Feinripp-Unterhemd, einem T-Shirt, einem Sweat-Shirt und einem Norwegerpulli (das alles oberhalb der Gürtellinie), dazu noch Thermo-Leggins, Wollstrümpfe, Schneehosen im Jeanslook und die Luis-Trenker-Gedenk-Treter gefüttert mit Yeti-Fellimitat kommen wir uns vor wie eine Mischung aus Michelin-Männchen und wandelndes Produktmuster der Bekleidungsindustrie. Dazu noch die feinen ledernen Fingerhandschuhe, die wir in die klobigen, wollenen Fausthandschuhe stopfen, und zum Abschluß noch die gestrickte Bommelmütze, komplett mit Ohrenschützern. Fehlt nur noch die Fettcreme im Gesicht, dann sind wir bereit, den Weg in die sibirische Kälte vor der Haustür anzutreten. Eigentlich kann uns jetzt ja auch nichts mehr passieren.
Eigentlich...
Aber es kommt anders. Es kommt immer anders. Da hat man sich nach dem Zwiebelprinzip stundenlang in ungefähr 15 Schichten gehüllt und peinlich darauf geachtet, dass nicht ein einziger Quadratmillimeter blanke Haut den fiesen Elementen ungeschützt ausgesetzt ist, und dann frieren wir doch! Wir bekommen eine lupenreine Piloerektion. Das ist, wie wir natürlich alle wissen, nichts anderes als eine cutis anserina.
Es ist mir ein Rätsel, eingehüllt in ein Mysterium, umgeben von einem Enigma, wie es angesichts dieser bekleidungstechnischen Vorbereitungen geschehen  kann, dass einem doch kalt wird.
Der Wind greift mit kalten Händen unter den Anorak, zupft am Pullover, schiebt die Unterhemden beseite und krallt seine fürchterlichen kalten Finger erbarmungslos in die zarte Haut. Wenn es doch nur der Wind wäre! Aber es kommt ja noch dieser fiese, feine Nieselregen dazu, der sich auf einen legt, wie ein eiskaltes nasses Tuch. Der Regen ist so fein, dass er in alle Knopflöcher kriecht und wir in kürzester Zeit nicht nur von außen, sondern auch von innen ordentlich nass sind. Die Bommelmütze saugt sich in kürzester Zeit voll Wasser, wird schwer und schickt den überschüssigen Regen in einem dünnen, eiskalten Rinnsal den Hals und die Wirbelsäule hinab bis zum Hosenbund, wo sich das ausgesprochen kalte Wasser sammelt und uns mal so richtig nervt.
Wenn der Herbst in diesen Tagen etwas schönes hat, dann die Klimaanlage und die Sitzheizung meines Familienlasters, der schon wenige Minuten nach Fahrtantritt zur finnischen Sauna mutiert. Was für eine Freude, wenn der Wasserdampf aus den Zwiebelschichten meiner Klamotten aufsteigt und mein Hintern von der Sitzheizung medium gebraten wird.
Trotzdem: Wenn ich mir das aktuelle Wetter so anschaue, hätten wir den Weg out of Africa nie antreten sollen. Klimaerwärmung? Das ich nicht lache!

Samstag, 17. November 2012

Welttag des Vorlesens

Gestern war ja Welttag des Vorlesens. Man sollte ja meinen, das Vorlesen braucht keinen Aktionstag, aber dem ist wohl doch nichts so.
Tatsache ist jedenfalls, dass mein Frauchen und ich als ausgesprochene Liebhaber des geschriebenen Wortes durchaus häufiger beim Vorlesen erwischt werden. Und bei den Dingen, die wir da vorlesen, handelt es sich nicht immer um Bedienungsanleitungen, die einer rezitiert, während der andere versucht, den gehörten Worten Sinn zu verleihen und dem Gerät, um das es sich in der Anleitung dreht, seinen Willen aufzuzwingen.
Beinahe regelmäßig machen wir das, was man gemeinhin tatsächlich unter dem Begriff "Vorlesen" versteht. Wir setzen uns hin, versammeln die Schar zweier Kinder um uns und lesen ihnen eine Geschichte vor. Das ist nicht immer so einfach, wie es klingt. Es fängt schon mal mit der Auswahl der Lektüre an. Als mein Sohn nur wenige Wochen alt war, konnte ich ihm noch alles vorlesen, was ich mir wünschte. So bekam er schon in diesem sehr jungen Alter die komplette Nibelungen-Sage quasi als Hörbuch auf die Ohren gedrückt, nur weil ich Lust dazu hatte und die Nibelungen selbst noch nicht kannte. Bleibende Schäden haben wir bisher bei ihm nicht feststellen können.
Bei seiner Schwester indes haben wir auf derlei Experimente verzichtet, einerseits, weil wir bis dahin altersgerechte Belletristik erwerben konnten, andererseits, weil sich Töchterchen beim Zuhören völlig anders verhielt als Sohnemann. Während er an meinen Lippen hing und mit gespitzten Ohren Siegfrieds Abenteuern lauschte, schlief Madame innerhalb von Sekundenbruchteilen ein, sobald die zarte Stimme des Vaters oder der Singsang ihrer Mutter lesenderweis an ihre Ohren krabbelten.

Heutzutage, da die Kinder an Jahren zugelegt haben, ist es ungleich schwieriger, passende Lektüre für den Vorlesegenuß zu finden. Unerklärlicherweise reagieren beide Kinder geradezu unwirsch, wenn ich nach den Klassikern der Belletristik greife. Weder "Die Blechtrommel", noch "Der alte Mann und das Meer" vermögen es, das literarische Interesse unserer Kinder zu erreichen. Auch ein Meilenstein der Dichtkunst wie das zugegebenermaßen eingedeutschte Gesamtwerk Shakespeares oder auch Goethes "Faust" gehen spurlos an den kindlichen Ohren vorbei. Zuweilen reagieren beide Kinder etwas ungeduldig, wenn ich versuche, ihnen ein bis zwei Kapitelchen "Schuld und Sühne" zukommen zu lassen. Es ist beinahe schon enttäuschend.

Statt dieser Perlen der Literatur finden sich meine geliebte Ehefrau und ich uns immer öfter mit Büchern in der Hand wieder, deren Titel zum Beispiel "Hase Hoppel findet eine Nuss" lauten, oder "Die sieben Lieben gehen an den Strand" oder "Abenteuer im Zwergenwald".
Alle diese Geschichten  enden schon nach wenigen Seiten, wenn das Kaninchen seine Nuss gefunden hat, die sieben Lieben faul am Strand liegen oder die Zwerge das frischgeborene Kitz von "Frau Reh" gefunden haben! Wo bleibt die Entwicklung der Hauptfiguren? Was ist mit dem Spannungsbogen? Wo bleiben die vielschichtigen Strukturen eines literarischen Abrisses des modernen Zeitgeistes?

Nun gut, finden wir uns damit ab, dass unsere Kinder ihre Geschichten gerne etwas simpler haben wollen. Wenn es denn sein muss... Aber dann wäre es ja nett, wenn sie wenigstens zuhören würden! Aber kaum hat man die ersten drei Sätze stotternd hinter sich gebracht, finden die beiden die Bilder in den Büchern wesentlich interssanter als die Geschichte. Dann unterbrechen sie den hart arbeitenden Vorleser: "Pappa, ein Hase! Da ist ein Hase!" "Ja, mein Schatz, das ist der Protagonist der Geschichte, wenn auch ein wenig oberfl..." "Guck ma hier, Pappa! Der Baum ist kaputt!" "Nein, das ist ein Höhle in dem Ba..." "Pappa! Der Zwerg macht aber Pippi!" "Was? Wo siehst du das denn?"
Und in diesem Stil kriecht man durch eine kleine Geschichte, die im Büchlein kaum fünf Seiten haben mag, aber in der Fantasie der Kinder ganze Regalwände füllt.
Das ist dann der Punkt, an dem das Vorlesen so richtig Spaß macht! Wenn wir das Gefängnis der geschriebenen Worte verlassen und sie als Vehikel für unsere eigene Fantasie nehmen und die anderen Geschichten erzählen, die zwischen den Zeilen stehen, die im Buch gezeichnet oder gemalt stehen. Was braucht es da Goethe, Grass oder Shakespeare? Hier vor uns auf dem Teppichboden sitzen die Autoren, die Geschichtenerzähler und die Fantasten. Hören wir ihnen zu! Wer weiß, was wir Alten noch alles lernen können...

Donnerstag, 15. November 2012

Sinn und Unsinn?

Das Internet - unendliche Weiten! Ich glaube, das Internet ist schon lange sehr weit davon entfernt, auch nur im Mindesten übersichtlich zu sein. Heutzutage ist es ja unglaublich leicht, einen eigenen Auftritt im Netz zu haben. Bestes Beispiel sei mein Blog hier. Ich habe keinen Schimmer von HTML, Java und all dem anderen kryptischen Zeug, was man eigentlich braucht, um eine Webseite zu erstellen. Aber ich habe es mittels einiger Klicks und ein paar Anschlägen an der Tastatur geschafft, mir meine eigene kleine Bühne zu schaffen. Wer hätte das gedacht?
Wie einfach es ist, sich im Netz der Netze auszudrücken, kann man sehen, wenn man mal ein wenig auf die virtuelle Reise geht und sich im Internet umschaut. Da gibt es Seiten, die bestehen aus einer Adresse und einem einzigen Wort: http://www.ismycomputeron.com/
Oder Seiten, deren Inhalt sich ad infinitum wiederholt: http://chickenonaraft.com/
Einfach, langweilig, simpel, nichts dahinter... Aber erstaunlicherweise kann man mit der Suche nach solchen Seiten Stunden um Stunden vor dem Bildschirm verbringen und immer wieder staunen.

Zu unser aller Glück aber besteht das Internet nicht ausschließlich aus solch simplen Seiten, es gibt auch Kleinodien. Nehmen wir mal die allseits bekannte Wikipedia. Früher hatte man regalmeterweise den kleinen Brockhaus kaufen müssen, um einigermaßen gebildet zu erscheinen, heute genügen einige einfache Klicks, und man erfährt sogleich, wo Germania inferior liegt, wer Hans Georg von Arnim-Boitzenburg war oder was eine Marderlatte ist. Erstaunlich, nicht wahr?
Aber auch der angehende Philosoph findet in den unglaublichen Weiten des digitalen Netzwerkes alle Antworten auf seine dringenste Frage: Die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest! 
Wir Kinder der Vor-Internet-Zeit und Leser von althergebrachten Druckwerken kennen die Antwort natürlich auch ohne Blick ins allwissende Internet: 42! 
Warum schreibe ich das alles? Weil ich in diesen Tagen über eine Webseite gestolpert bin, die mir die Suche zumindest nach dem Unsinn des Lebens erheblich erleichtert hat. Bei  The useless web findet man neben den oben genannten Beispielen noch eine ganze Reihe weiterer mehr oder weniger sinnfreier Web-Auftritte, mit denen man vielleicht nicht unbedingt schlauer wird, aber eine Menge Zeit verbringen kann.

Die größte Lüge des Internets überhaupt: Das Ende?


Dienstag, 6. November 2012

Wechselbäder!

Jetzt im November bietet der Blick aus dem Fenster auch nicht immer erfreuliches, jedenfalls hinsichtlich der meteorologischen Situation da draußen. Der Wind, der sich in diesen Tagen in unserer Gegend herumtreibt, scheint sein Handwerk in den zirkumpolaren Regionen der Arktis gelernt zu haben. Und das Wasser, das er in den dicken, grauen Wolken mitbringt, scheint ebenso dem nördlichsten Nordmeer, das er auftreiben konnte, zu entstammen.
Schon ein Blick auf das herrschende Wetter allein genügt, um frierend den Norwegerpulli enger um die Brust zu schlingen, während die Gänsehaut über den ganzen Körper krabbelt.
Der Weg aus dem Haus ist da wenig angenehm. Aber was will man machen? Man muss ja zur Arbeit, oder mal einkaufen gehen...
Um so schöner ist dann das Heimkommen. Aus der schneidenden Kälte des Herbststurmes in die heimelige Wärme des eigenen Zuhauses !Oh, Wohltat! Aus dem eisigen Nieselregen in die trockene Heimeligkeit der schützenden vier Wände! Oh, Freude!
Ich bin mir sicher, dass Schiller seinerzeit aus einem fiesen, kalten Sturm nach Hause gekommen ist und die Freude der körperlichen Wärme gespürt hat, als er irgendwann in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts seine "Ode an die Freude" geschrieben hat.
Und ich bin mir auch sicher, dass Beethoven aus einem geradezu waagerechten Eisregen gekommen sein muss, als er sich um das Jahr 1824 anschickte, diese "Ode an die Freude" in seiner 9. Sinfonie zu vertonen.
Was gibt es denn schöneres, als aus sturmumtosten Regenschauern, aus sibirischer Kälte, aus grauen Wolken und tristen Farben in die warme, stille, trockene und im goldenen Glanze strahlende Stube zu kommen? Nur wenig...
Dann sitze ich gerne da, schaue mir das Toben der entfesselten Elemente vor dem Fenster andächtig an und schlürfe gerne an einem ausgesprochen nordischen Grog: Rum muss, Zucker kann, Wasser braucht nicht! Wohlige, entspannte Wärme breitet sich in meinem Körper aus, umfängt mich und macht mich oftmals, insbesondere am Abend, ein wenig schläfrig. Das ist dann der Moment, an dem ich meiner geliebten Ehefrau den Vorschlag mache, dem rhythmischen Trommeln des Regens und dem enthusiastischen Heulen des Sturmes vom warmen Bette aus zu lauschen.
Unter der dicken Federdecke eingemummelt lausche ich dem meteorologischen Treiben vor dem Fenster, während ich auf meine Frau warte. Es ist das Vorrecht der holden Weiblichkeit, immer ein bisschen länger zu brauchen, bis man "fertig" ist...
Aber alsbald gesellt sie sich zu mir, rutscht unter die warme Decke, um sich gleich darauf an mich zu kuscheln. Es wäre perfekt, wenn da nicht...
Oh, diese eiskalten Frostbeulen, die ihr Füße nennt! Oh, diese grausamen, diese schneidenden, diese ungemütlich kalten, tiefgefrorenen Füße, die ihr frierend und zitternd zwischen die Schenkel eurer Männer schiebt! Oh, diese blauen, gemeinen, zwickenden Hände, die ihr um eurer Männer Brüste schlingt!
Wie kann ein einzelner Mensch nur so ein Gefrierschrank sein? Wie kann man mit einer Körpertemperatur nahe dem absoluten Nullpunkt leben? Wie könnt ihr Frauen nur so gemein sein?
Ich weiß, der weibliche Körper besteht im Durchschnitt zu 25% aus Muskeln und weiteren 25% Fett, während wir Männer aus 40% Muskeln und 15% Fett bestehen. Weniger Muskeln gleich weniger Wärme. Aber muss es denn gleich der Nordpol sein?
Ich weiß, dass die maskuline Haut im Vergleich zur weiblichen Epidermis um 15% dicker ist. Aber ist das ein Grund, uns die ganze Wärme mit Händen und Füßen aus dem Körper zu saugen?
Aber ach, was rege ich mich auf? Letztlich mache ich das, was wir Männer alle tun, wenn sich der kalte Leib meiner Gattin an mich drängt. Ich wärme sie, und das mit Freuden.

Aber ich bin mir sicher, als sich Modest Petrowitsch Mussorgski in einer solchen Lage befand, mit Eisblöcken zwischen den Schenkeln und kalten Händen an der Brust, hat er "Die Nacht auf dem kahlen Berge" geschrieben.

Samstag, 3. November 2012

To boldly go where no man has gone before...

Der heutige Eintrag in meinem Blog ist dem Gedenken an eine kleine Mischlingshundedame gewidmet, die es geschafft hat, der Menschheit eine Tür in eine unendlich große Welt aufzustoßen.

Heute vor 55 Jahren schrieb das erste lebende Wesen im Weltall Geschichte. 1957 wurde die russische Hündin Laika vom Kosmodrom Baikonur aus auf die Reise um die Erde geschickt. Laika war vor ihrer Karriere als Kosmonaut ordentlicher Straßenkläffer in Moskau, was zeigt, wie hoch man ohne Schulausbildung kommen kann. Obwohl das ja so auch nicht stimmt, denn bevor Laika auch nur eine Pfote in die Weltraumkapsel setzen durfte, wurde sie einem strengen Trainingsprotokoll unterworfen.
Mit Laikas Flug um die Erde haben die Russen nachgewiesen, dass ein Überleben in der Schwerelosigkeit möglich ist, und nebenbei haben sie den Amerikanern ordentlich die Nase lang gemacht, denn letztere waren nun zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ins Hintertreffen geraten. Wir erinnern uns: Nur einen knappen Monat zuvor, am 04. Oktober 1957, schickten die Russen den Sputnik ins Weltall, und den Amerikanern pfeift sein Piepsen wahrscheinlich noch heute höhnisch in den Ohren.

Laika hat ihren historischen Flug leider nicht überlebt. Aber vielleicht konnte sie in den wenigen Stunden, die ihr in der Kapsel blieben, ihr persönliches Wunder erleben. Die Aussicht muss grandios gewesen sein...


Freitag, 2. November 2012

Heiße Kartoffel im Mund?

Die heiße Kartoffel im Mund sagt man ja den Dänen nach, wenn man ihnen zuhört. Na ja, das ist immerhin eine Abwechslung zum dänischen Nationalgericht Hot Dog. Die Speisekarte ist also eher kurz geraten, ganz im Gegensatz zu den Franzosen, wo zur ewig langen Speisekarte noch der unvergleichliche Klang hinzukommt, wenn der Ober (garçon) die Speisenfolge vorliest. Das klingt dann wie ein lustvolles Versprechen auf stundenlangen beiderseitigen Hormonaustausch. 
Wie bin ich jetzt darauf gekommen? Ach ja, Kartoffeln und Hot Dogs! 
Unsere Kinder haben das besondere Vergnügen und die große Chance, zweisprachig aufzuwachsen. 
Hier im Haus versuchen die Eltern verzweifelt, ihren Sprößlingen in Deutsch klarzumachen, was wir wollen, im Kindergarten (børnehave) dagegen lernen sie, die Kindergärtnerinnen auf Dänisch irre zu machen. Und natürlich versuchen wir Eltern unser Bestes, mit dem Dänisch der Kinder mitzuhalten, schon allein, um sie zu verstehen, wenn sie vom børnehave erzählen. Aber auch die Redewendungen des täglichen Bedarfs wie Hunger, Trinken, Essen, "WILL NICHT!" und ähnliches klappen nun schon sehr gut zweisprachig in schönstem Deutsch-Dänischem Kauderwelsch. 
Irrungen und Wirrungen gibt es aber regelmäßig, weil sich unser dänisches Vokabular von dem der Kinder doch recht stark unterscheidet. Wir Eltern lernen unsere Wörter und Sätze anhand eines Lehrbuches und mit Hilfe des einen oder anderen Dänisch-Kurses, der bei uns angeboten wird. Schönstes, ordentliches "Hochdänisch", also. Während unsere Kinder ihren Wortschatz aus dem täglichen Drama beziehen, das um sie herum passiert. Und da gibt es eben weniger "Ich heiße Sören!" oder "Ich wohne in Kopenhagen" in der jeweiligen dänischen Übersetzung, sondern eher solche Sätze wie "Du bist mein Freund!", wenn es gut läuft, oder "A***loch!", wenn es mal nicht so gut läuft. 
Heute Abend überraschte uns mein Sohn beim Abendessen mit der Feststellung "Dette er et skib!", was für unseren dänischen Sprachschatz nicht allzu schwierig war. Wohl aber für unsere Fantasie, denn was er da als Schiff (skib) bezeichnete, stellte sich als eine bizarr zerbissene Scheibe Gouda heraus. Diesen Satz in seiner Bedeutung zu begreifen, war nicht allzu schwer für uns, denn erstens kennen meine beste Ehefrau und ich die grammatikalischen Regeln, die diesem Satz zugrunde liegen, zweitens kennen wir 75% der benutzten Worte und drittens konnten wir uns die restlichen 25% anhand des Klangs zusammen reimen: "Das ist ein Schiff!" Womit unser Sohn auf einer eher ideellen, fantastischen Ebene durchaus Recht gehabt haben könnte, wenn auch das Werk, auf das sich seine Aussage bezog,  ein Fahrstuhl, ein Auto, ein Pferd in ungewöhnlicher Haltung oder eine Schreibmaschine hätte sein können.
Viel mehr Schwierigkeiten hatten wir mit einer Redensart, mit der unser Sohn neuerdings beinahe jeden Satz einleitet: "Widuwell..."
"Widuwell, da ist eine Feuerwehr!"
"Widuwell, im børnehave waren wir tour!" (Anm. d. Red.: på tour, Dän. = Spaziergang)
"Widuwell, ich war schon ganz müde." 

Auf "Widuwell" konnten wir  uns weder vom Klangbild, noch vom Zusammenhang einen Reim machen. Duvel ist ein belgisches Bier, aber das hat mit unserem Sohn nichts zu tun. Man hätte vielleicht auch argumentieren können: 

Duvel = dialektischer Ausdruck für Teufel
mithin also: Widuwell = Weiß der Teufel! 

Aber all unsere Interpretationsversuche verliefen im Sande. Bis ich mich in meiner Verzweiflung einer kindlichen Eigenart erinnterte: Früher oder später beginnt jedes Kind all seine Sätze mit "Weißt du, was?" Und das war des Pudels Kern, wie es faustischer nicht hätte sein können. 

Habe nun, ach! Deutsch,
Dänisch und Russisch,
Und leider auch Englisch
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor...

Aber nein! Wir waren nun tatsächlich klüger! Was unser Sohn da sagte, war: "Ved du hvad...",
was dann heißt "weißt du, was..."
Und das bringt uns wieder zurück zur Speisekarte. Die heiße Kartoffel haben die Dänen beim Sprechen wirklich im Mund, und so hört sich der dänische Satz mit all den Ungenauigkeiten eines geübten Sprechers eben an wie "Widuwell".

Wir haben noch viel zu lernen!

Montag, 29. Oktober 2012

Von O bis O!

Eine der schlimmsten wiederkehrenden Herausforderungen, die unsere moderne, technisierte Welt für uns bereithält, ist der jahreszeitliche Reifenwechsel.
Da ich selbst handwerklich nicht zu den schärfsten Messern in der Schublade gehöre, vertraute ich mich dieser Tage einem Meisterbetrieb an, um der Herausforderung wenn schon nicht mit Muskelschmalz, so doch mit reichlich Hirnschmalz zu begegnen. Leider aber musste ich erfahren, dass es auch unter den wackeren Werkstattmeistern schwarze Schafe gibt. Mein festes Vertrauen darauf, dass den Meistern in den Reifenwechselstationen die Verkehrssicherheit am Herzen liegt, wurde in seinen Grundfesten erschüttert, als ich erfuhr, dass man mir doch tatsächlich Geld für diese Tat an der Sicherheit der Menschheit aus der Tasche ziehen wollte. Nun gut, wenn es denn so sein soll! Mach ich den Wechsel eben selber! Warum auch nicht? Immerhin befindet sich in meinem Fundus alles, was ich brauche, um diese Herausforderung nun eben doch mit ein wenig Muskelschmalz zu meistern.
Ganze vier, herrlich rund geformte, tiefschwarze Winterpneus lungern seit der letzten kalten Jahreszeit im Keller herum, und im Fond meines Familienlasters schlummert auch noch ein Wagenheber nebst Drehkreuzschraubenabmontiergerät (oder wie das heißt) im sanften Sommerschlaf.
Das Auto auf dem heimischen Hof festgenagelt, Arbeitsklamotten angezogen, weil die Reifen nach des Sommers wechselhaftem Wetter hie und da eben doch ein wenig verschmutzt waren, und schon ging es los. Der Theoretiker in mir sammelte sich erst mal nach reichlicher Überlegung alles Material zusammen, was ich in der nächsten Stunde (länger sollte es wohl auch für den Ungeübten nicht dauern...) brauchen würde:
Vier Winterreifen – vorhanden, Mindestprofiltiefe sind 1,6 Millimeter, mir stehen nach amtlicher Messung runde 1,8 µm zur Verfügung. Das ist noch im Limit!
Wagenheber - war im Kofferraum ein wenig angerostet, aber wird schon gehen.
Schraubendingsbums, kreuzförmig – vorhanden.

Ein Blick auf die Unterseite meiner Kutsche zeigte mir nach kurzer Suche den Punkt hinter dem ersten Vorderrad, an dem der Wagenheber angesetzt werden sollte. Das ging ja leicht. Weniger leicht war es, das Auto mittels dieses vermaledeiten Dingens in die Höhe bringen zu wollen. Eine vermutete Übersetzung von 1:16000 heißt hier, ich brauche mindestens 16000 Umdrehungen mit einer irgendwie nur halb passenden Kurbel, um den Wagenheber um gerade mal einen Zentimeter in die Höhe zu bekommen! Dabei bestand noch immer kein Kontakt zur Karosserie! Und auf halbem Wege zum Aufnahmepunkt stockte die Kurbel und ließ sich nicht einmal durch den vehementen Einsatz eines Hammers bewegen, ihren Dienst wieder anzutreten! Festgefressen!
Wie gut, dass es Nachbarn gibt. Der fährt einen kleinen Fiat Punto, war aber dennoch, wenn auch ein wenig skeptisch, bereit, mir seinen Wagenheber leihweise zu überlassen.
Fröhlich, dieses kleine Ungemach hinter mich gebracht zu haben, kurbelte ich munter darauf los. Und tatsächlich: Mein Laster stieg in ungeahnte Höhen auf! Nur, um gleich darauf wieder zu Mutter Erde zu stürzen, während der kleine Fiat-Heber sich unter ihm leise stöhnend zusammenfaltete. Mist.
In einer fließenden Bewegung räumte ich den kaltverformten Wagenheber in die Ecke, drückte meinem verblüfften Nachbarn meinen eigenen störrischen Wagenheber in den Kofferraum und fuhr direkt zum nächsten Autoteile-Händler, um einen vernünftigen Wagenheber zu erstehen. Amtliche fünf Tonnen Hubkraft, mit Pumparm, hydraulisch zu bedienen, und mit kleinen Rädern, die es mir, wenn mir denn der Sinn danach stünde, erlaubten, mein reifenloses Fuhrwerk durch die Stadt zu schieben. Nun, ich habe andere Hobbies.
Vermittels des neu erstandenen High-Tech-Kfz-Anhebegerätes gelang es mir nun in nur wenigen Minuten, meinen Laster hoch genug zu heben, um endlich, endlich den ersten Reifen zu wechseln. Da mir, wie der Leser schon weiß, gewisse körperliche Merkmale fehlen, nahm ich das Hebelgesetz zur Hilfe und stattete meinen … Abschrauber (Wie heißt dieses dämliche Ding?) mit einer Verlängerung in Form meines Sonnenschirmes aus. Dreimal kräftig gezogen, und schon... Nun gut, den Sonnenschirm brauchen wir demnächst ohnehin nicht mehr. Und hässlich wie die Nacht war das Ding auch noch.
Trotzdem gelang es mir, die Muttern mit viel Schweiß zu lösen. Das weitere Abdrehen der Radmuttern mittels dieses kreuzförmigen Werkzeugs führte zu einigen Hautabschürfungen meinerseits, weil dieses merkwürdig geformte Gerät einfach nicht auf den Muttern sitzenbleiben wollte. Eine echte Fehlkonstruktion, die ich dem Hersteller bei nächster Gelegenheit mit einem geharnischten Brief unter die Nase reiben werde. Einstweilen versorgte mich meine treue Ehefrau mit einem gewaltigen Grinsen im Gesicht mit mehreren Lagen Pflaster und einigen aufmunternden Worten. Immerhin hatte ich es geschafft, den Vorderreifen (Sommer) von seiner Aufhängung zu befreien und den Vorderreifen (Winter) auf die Schrauben zu setzen. Das Anziehen der Radmuttern vermittels komischen Kreuzgerätes verlief zunächst störungsfrei. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Radmuttern mit einem Drehmoment von 120 Nm angezogen werden müssten. Da ich über keinerlei Gerät zur Messung des Drehmomentes verfüge, versuchte ich mich in mehr oder weniger groben Schätzungen. Zunächst zog ich die Muttern mit aller Kraft an. Dann senkte ich mein Fahrzeug wieder ab, setzte das Kreuzschraubgerät wieder auf und zog noch einmal kräftig nach. Danach drückte ich mit meinem gesamten Körpergewicht auf die Mutter, um sie noch ein wenig fester zu bekommen. Ein alter Handwerkerspruch sagt: „Nach fest kommt ab!“ Wie dem auch sei...
Ich bin der festen Überzeugung, dass das Rad auch mit vier von fünf Muttern fest genug am Auto verschraubt ist. Bei den Billy-Regalen funktioniert es ja auch...
Mein erster Reifen war endlich montiert! Angesichts schmerzender Muskeln, diverser, tiefer Wunden und der einsetzenden Dämmerung beschloss ich, ermutigt durch die Überredungskünste meiner Frau, meines Nachbarn und einiger mir ansonsten völlig unbekannter Zuschauer, die restlichen drei Reifen von einem Fachmann wechseln zu lassen. Koste es, was es wolle!
Ich fuhr also mit einem Winterreifen vorne links und drei Winterreifen im Kofferraum in die Werkstatt und mit dem Bus wieder zurück. Aus Gründen, die ich absolut nicht nachvollziehen kann, wollte der Meister mein Auto da behalten. Und das alles wegen einer einzigen kleinen Schraube...

Wartet nur ab, bis der Winter vorbei ist! Bis dahin habe ich dem Autoteile-Markt noch den einen oder anderen Besuch abgestattet! Und dann nagel ich mir die Reifen selbst an das Auto! Ha!

Montag, 22. Oktober 2012

Polarnacht "light"

An sich hat der Norden ja viel Faszinierendes, zum Beispiel Mittsommer, oder die Polarnacht.
Ich bekomme in schöner Regelmäßigkeit eine Ahnung, wie es sein muss, wenn Tageslicht nur eine Option ist, aber keine Tatsache. Nachtschichten bringen meinen Tagesablauf regelmäßig völlig durcheinander.
Dabei ist es eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag; er fängt eben nur ein bisschen später an als gewöhnlich.
Der Start in den nächtlichen Arbeitstag (schon allein dies ein kleines Paradoxon) gelingt eigentlich recht gut. Vielleicht bin ich nicht ganz ausgeschlafen, aber das geht mir an anderen Tagen genauso., Dagegen hilft eine gute Tasse Kaffee, tiefschwarz, heiß und koffeingesättigt. Dann habe ich genug Schwung, die Routinearbeiten, die so anliegen, in dieser Nacht zu erledigen.
Zwischendurch noch eine Tasse Kaffee, um den Kreislauf ein wenig in Schwung zu bringen, dann bekomme ich die Nacht schon rum. Alles kein Problem!
Irgendwann ist die Routinearbeit getan, und wie es so ist mitten in der Nacht, kommen keine neuen Aufgaben. Zeit für eine kleine Pause, einen Plausch mit den Kollegen, Ablenkung bei einer genüsslichen Tasse Kaffee.
Ein Blick auf die Uhr: Hurra, die ersten zwei Stunden sind rum. Erst?
Je ruhiger der Arbeitstag, ach nein, die Arbeitsnacht ist, desto schwieriger wird es jetzt.
Drei Uhr: Gääääääähn! Erstmal einen Kaffee...
vielleicht einen doppelten Espresso...
gemütlicher Stuhl, irgendwie...
..................
..................
......wollte ich nicht noch eine Kaffee? Schwarz, heiß, stark! Damit lässt sich der Rest der Nacht aushalten! Wär doch gelacht! Ha!
Schmeckt gut, der Kaffee.
Wollte doch noch was lesen. Knochentrockener...
.... Text, ....
...............
.............das....
...............
...............
...............
Mein Kaffee! Weckt kaltes Koffein eigentlich auch die müden Glieder? Der Stuhl ist aber auch zu bequem! Dann vielleicht doch noch eine Runde durch die Gemeinde. Mal schauen, wem man noch ein Gespräch aufzwingen kann. Wieviel Uhr? Erst halb vier?!
Was einen jetzt wachhält, ist der Gang zur Keramik, weil der ganze Kaffee ja auch irgendwann wieder raus muss. Eine willkommene Abwechslung im langweiligen Tran des Nachtschicht-Trotts. So ein Gang zur Toilette kann ein kleines Ritual werden. Genüsslich über den Gang wandern, in aller Ausführlichkeit vor Örtchen der Natur ihren Lauf lassen, gründliches Händewaschen mit kaltem Wasser und, bitte schön, noch ein paar Spritzer ins Gesicht. Na bitte, endlich wieder wach.
Fünf Uhr, gleich kommt die Ablösung. Der rechte Zeitpunkt, sich mit einem Kaffee zu bewaffnen, der den Kreislauf einen motivierenden Tritt in den Allerwertesten gibt, um dann den Tagesablauf noch einmal Revue passieren zu lassen, damit nachher bei der Übergabe nichts vergessen wird. Also, was war denn alles so los? Aha....
... nicht so viel....
.........langweilig....
.................
.................
.................
.................
Mein Gott, ist denn die Ablösung nicht endlich da? Und mein Kaffee ist schon wieder kalt! Vielleicht sollte ich mal an die frische Luft gehen? Keine schlechte Idee, wenn es draußen nicht so eisekalt wäre und wenigstens nicht regnen würde... Noch ein Gang auf die Toilette, Wasserspiele anwerfen.

Irgendwann am Morgen ist es dann endlich so weit, die Ablösung ist da! Schnell die Übergabe über die Bühne gebracht und nichts wie nach Hause. Schön, wenn man dann Mitfahrer ist  und den Sonnenaufgang...
..........
..........
.... sind wir schon da?
Und endlich, wenn die ganze Nation zur Arbeit geht, komme ich endlich in meinem Bett zur Ruhe! Oh, Wohltat! Oh, Wonne in Morpheus Armen! Na ja, die Handwerker nebenan hätten heute aber auch mal eine Pause machen können...
Die nächste Nachtschicht wird eine Qual....

So bekomme ich einen kleinen Eindruck von der Polarnacht, wenn man (gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit) im Dunklen zur Arbeit fährt. Auf dem Heimweg geht die Sonne noch lange nicht auf, und wenn man seine kleine Mütze Schlaf dann endlich bekommen hat, wird es schon wieder dunkel... Kein Wunder, wenn man dann ein bisschen blass um die Nase ist...

Zum Abschluß ein schöner Film, in der die Nacht zum Tag wird.

 Tromsø in the Polar Night

Samstag, 20. Oktober 2012

Rollenspiele

Als sich vor einigen Jahren ein kleines Wunder ereignete und mein Sohn sich anschickte, diese Welt zu erobern, betrachtete ich eine erste Ultraschallaufnahme von ihm und dachte mir: "Mein Sohn! Irgendwann rennst du durch die Welt, die Taschen voller Steine, Schrauben, Schnur, Kaugummi und allem anderen, was man so braucht, und erlebst ein Abenteuer nach dem anderen."
Ich sehe meinen Sohn aufwachsen, erlebe seine kleinen Abenteuer mit und erlebe, wie er älter wird, Interessen entwickelt und wieder ablegt, wie er wächst und gedeiht.
Ein wenig später nur machte sich meine Tochter ebenfalls auf den Weg, dieser Welt ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Und wieder sinnierte ich beim Anblick des Ultraschallbildes: "Meine Tochter! Eine Welt in Rosa, mit Pony, Püppchen und Barbie."
Und auch sie sehe ich aufwachsen und erlebe ihre Streifzüge mit dem Puppenwagen, ihre derzeitige Vorliebe für Handtaschen und die täglichen kleinen und großen Revierkämpfe mit ihrem Bruder.

Gewissermaßen scheint der Weg vorgezeichnet. Unsere Kultur und Tradition führt zu einem festgefügten Bild, wie sich ein Junge zu verhalten hat und was ein Mädchen ausmacht. Jungs sind blau, draugängerisch, abenteuerlustig und spielen Streiche. Mädchen sind rosa, niedlich, spielen mit Puppen und weinen viel. Was in der Folge, also in der Zukunft dazu führt, dass aus Jungs echte Männer und aus Mädchen eben Frauen werden. Hier die Axt, das Auto, die Muskeln, dort der Kochlöffel, der Kinderwagen, Brust, Beine und Po.
Manchmal aber bekommt dieses Bild Risse, und dann entsteht ein völlig neues Bild, erst recht in unseren modernen Zeiten mit Emanzipation, Alice Schwarzer und Frauenquote.
Na gut, mein Junge trägt meist blaue Kleidung, macht Unsinn und spielt am liebsten mit Autos. Aber er ist auch sehr sensibel, ziemlich launisch und manchmal eine richtige Zicke. Während meine Tochter zwar Rosa trägt, mit Puppen aber nicht wirklich viel anfangen kann. Dafür aber ist sie der Draufgänger mit einem Haufen Unsinn im Kopf.
Meine Vorstellungen, die ich mir einmal von meinen Kindern gemacht habe, verändere ich beinahe Tag für Tag. Und es tut mir nicht mal leid! Mein Sohn, den ich als "Dennis the Menace" gesehen habe, als Klettermaxe mit Zwille, als Cowboy oder Soldat, erscheint mir  nun eher als Schöngeist, der sich am Anblick von Tieren und Pflanzen erfreut, als feinfühliger Philosoph, der nur zu gern in seiner eigenen Gedankenwelt lebt. Während seine Schwester schweren Schrittes durch die Welt stapft, als wäre es ihre eigene. Meine Tochter hat nichts als Unsinn im Kopf und die Hosentaschen voller Steine, Knöpfe, Schnüre und Sand. Während mein Sohn vor dem Baum sinniert, warum er da steht und was er da macht, versucht sich meine Tochter bereits schreiend vor Vergnügen am Aufstieg.
Eines Tages, da sind sich meine beste Frau von allen und ich uns einig, wird unser Sohn mit einem Strauß Blumen nach Hause kommen, während unserer Tochter die Fahrradkette aus der Tasche baumelt.
Oder vielleicht auch nicht. Denn immer, wenn ich denke, dass Sohn und Tochter die Plätze getauscht haben, klettert er die Schränke im Haus rauf und runter, während sie versonnen ihre Handtasche packt und ihre Püppchen umsorgt.
Bereit, die Welt zu erobern!

Donnerstag, 18. Oktober 2012

So viele Menschen...

Gerade eben noch war ich auf der Suche nach einem Thema, um mich endlich mal wieder in meinem Blog zu melden. Ich habe etwas gefunden!

Was mich am folgenden Video fasziniert, ist der Friede und die Ruhe, die entstehen, wenn die Menschen mal nicht über die Straßen wuseln. Wir kennen San Francisco als eine Stadt voller Bewegung, so wie wir Frankfurt, München, Hamburg oder unsere eigene Heimatstadt voll von Menschen kennen.
Was für ein Unterschied ist es, wenn all die Menschen, die da so normalerweise unterwegs sind, plötzlich fehlen! Ein ähnliches Gefühl überkommt mich, wenn ich tief in der Nacht durch meine Stadt streife. Wenn es nicht gerade Wochenende ist und alle Clubs und Kneipen noch offen, dann sind auch hier die Straßen leer. Es ist der Gegensatz zum sonst so hektischen Treiben, der mich dann fasziniert. Dass eine Stadt wie San Francisco oder eben meine Heimatstadt so ruhig, so friedlich wirken kann, erstaunt mich.
Aber genug geschrieben. Klickt das Video an, schaltet um auf Vollbild und genießt!


P.S.: Ich war noch niemals in San Francisco, aber nach diesen Bildern könnte ich es mir echt überlegen...

Sonntag, 14. Oktober 2012

Mannesfreuden...

Heute bin ich mal wieder einem meiner liebsten Hobbies nachgegangen. Ich habe gekocht!

Es gab Schweinsfilet auf mediterrane Art!
Das komplette Rezept kann man hier einsehen.

Kochen ist für mich ein besonderes Hobby, denn eigentlich bin ich ja eher sitzenden Tätigkeiten zugetan, wie zum Beispiel dem Lesen. Na gut, nicht nur sitzend, ich kann dabei auch ganz gerne mal liegen.
Beim Kochen aber fliege ich durch die Küche. Die  muss dann auch ganz allein mir gehören! Eventuelle Frauen, Kinder, Gäste oder sonstige Unruhestifter werden zwar nicht der Heiligen Hallen verwiesen, müssen aber schnell feststellen, dass es für sie trotz der ungeahnten Größe der Küche einfach keinen sicheren Platz gibt, wenn ich mit Messer, Holzlöffel, Schneebesen, Schüssel, Schneidbrett und Pfanne nebst Kaserolle durch meinen Arbeitsbereich fege.


Es sind die kleinen Rituale nebenbei, die mir das Kochen so wertvoll machen. Sicher, die üblichen Tätigkeiten wie Kartoffeln schälen, Zwiebeln häuten, Mehl anschwitzen und so weiter, habe ich von meiner Mutter gelernt. Und sie war eine hervorragende Lehrmeisterin! Aber für mich selbst habe ich die Tätigkeit des Kochens mit ein paar kleinen Extras gewürzt, ohne die ich bei keinem Gericht auskomme. Dazu gehört zum Einen ausgesprochen gute Musik, zu deren Takt ich den Löffel durch die Soße schwingen lassen kann, und zum Anderen meine rituelle Tasse Espresso, die ich zwischendurch genüßlich schlürfe, während das Fleisch in der Pfanne schmurgelt, die Soße aufkocht oder das Gemüse sein Dampfbad nimmt.
Um mein Kocherlebnis als solches noch abzurunden, habe ich mir in diesen Tagen eine Kochjacke zugelegt, wie der geneigte Leser auf dem Foto vielleicht schon erkannt hat. Eigentlich gehört ja noch eine Kochmütze dazu, aber damit sehe ich in der Tat aus wie der letzte Fußgänger... Außerdem tragen die Fernsehköche auch eher selten eine Kopfbedeckung bei der Arbeit.
Wo wir gerade bei den Fernsehköchen sind: Ist euch schon mal aufgefallen, dass in den Kochstudios beinahe ausschließlich Köche stehen? Die Damenwelt ist bei solchen Sendungen eher auf "Helfertätigkeiten"reduziert. Und auch unter den Sterneköchen findet man sehr, sehr selten Frauen. Ist das nicht seltsam? Wenn man nämlich dann mal in die heimische Küche schaut, sieht man eine ganze Menge Mütter, Omas, Tanten, Ehefrauen, die daheim den Kochlöffel schwingen. Den Spruch "Bei Muttern schmeckt es noch am besten!" gibt es ja nicht von ungefähr!
Zuhause kochen die Mamas,
im Studio kochen die Papas.
Geschlechtertrennung, wie sie konsequenter nicht mal die Katholische Kirche hinbekommen hat...
So denn, in diesem Sinne: Guten Appetit!

Zum Schluß noch eine krasse Behauptung nebst Beweis:
Äpfel, Zwiebeln und Kartoffeln schmecken alle gleich. Den Unterschied macht nur der unterschiedliche Duft der Knollen.
Beweis: Die Nase zuhalten und in jedes reinbeißen, dann schmecken alle süß.

Realität und Halluzination

Der Nobelpreis für Literatur ist in diesem Jahr 2012 an den Chinesen Mo Yan gegangen, mit der Begründung, er verbinde "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart"
Da frage ich mich, was eigentlich "halluzinatorischer Realismus" ist.
Zugegebenermaßen habe ich die Romane von Mo Yan nicht gelesen, kann also aus schriftstellerischer Sicht nicht beurteilen, ob er den Nobelpreis verdient hat. Andererseits weiß ich aber, dass Mo Yan Parteimitglied ist und sich mit dem Regime durchaus arrangiert hat. Seine Begründung dafür, die er einmal in einem Interview im Jahre 2009 gegeben hat, liest sich wie die Begründungen der ehemaligen Parteigänger von NSDAP oder SED: Wer nicht dabei war/ist, kommt zu nichts.
Für Mo Yan mag das der richtige Weg gewesen sein. Immerhin setzt er sich trotzdem kritisch mit dem Regime, unter dem er lebt, innerhalb der engen Grenzen, die ihm dadurch gesetzt sind, auseinander.
Aber mir stellt sich die Frage, ob das Komitee der Nobelpreis-Stiftung hier die richtige Entscheidung im Sinne Alfred Nobels getroffen hat. Immerhin wollte er Schriftsteller auszeichnen, die "in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert" haben. Ist es herausragend, dass Mo Yan "zu Ehren des Großen Führers Mao Tse Tung" dessen berüchtigte Reden abgeschrieben hat? Möglicherweise, aber sicher nicht in der idealistischen Richtung, die Alfred Nobel sich vorgestellt hat. Ich bin mir sicher, da hätte es andere Schriftsteller gegeben, die besser geeignet wären, Nobels Forderung nach herausragender Leistung und Idealismus Rechnung zu tragen. Und ich bin mir sicher, diese Schriftsteller wären nicht nur in China zu finden, sondern auch in Chile, Mexiko, auf dem afrikanischen Kontinent oder sogar in Deutschland.

Wie "treffsicher" das Komitee der Nobelpreisstiftung tatsächlich sein kann, zeigt folgende kleine Geschichte:
Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die Europäische Union. Damit soll dem Beitrag Rechnung getragen werden, den die EU zu sechs Jahrzehnten friedlicher Entwicklung in Europa geleistet hat. Und die vielen Vertreter der Europäischen Union haben nun nichts besseres zu tun, als sich darüber zu streiten (sic!), wer die Auszeichnung in Oslo entgegennehmen darf... Das ist doch zutiefst paradox: Streit um einen Preis des Friedens! Gleichzeitig ist es aber auch zutiefst menschlich, denn Wichtigtuerei, Neid und Missgunst geben sich hier die Hand.
Auch hier frage ich mich, ob dieser Preisträger den Vorstellungen Alfred Nobels tatsächlich entspricht. Wäre es nicht besser gewesen, einen einzelnen Menschen, der sich besonders um den Frieden in dieser Welt verdient gemacht hat, auszuzeichnen, als Ansporn und Motivation für all die anderen, die sich bis jetzt einfach nicht getraut haben? Oder eine kleine, vielleicht sogar nichtstaatliche Friedensorganisation, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen? Meiner Ansicht nach ist die Organisation Europäische Union einfach viel zu groß und nicht wirklich fassbar. Was sich ja nun auch bestätigt, nachdem es eine ganze Reihe von Vorschlägen gibt, wer aus diesen vielfältigen Ressorts, Abteilungen, Ausschüssen und wasweißichnochalles der EU den Preis entgegennehmen soll.
Meiner Meinung nach sollte der Präsident des Eurpopäischen Parlaments den Preis entgegennehmen, oder Herman van Rompuy, der Ratspräsident. Auf jeden Fall sollte sich eine Gala, ein Ball, eine Feierstunde anschließen, die europaweit im Fernsehen übertragen wird, und in der eindeutig dargestellt wird, dass hier nicht einige wenige, sondern vielmehr unzählige Bürger aus 27 Ländern ausgezeichnet wurden. Die Frage, was mit dem Geld passieren soll, das mit dem Nobelpreis verbunden ist, immerhin gut 900000 Euro, möchte ich gar nicht beantworten. Und ich bin mir sicher, da wird es noch jede Menge Debatten geben! Da hat das Komitee der Nobelpreisstiftung echte Halluzinationen gehabt, dass diese Realität gut gehen würde...

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Denken Sie nicht an blaue Elefanten!

Ich hatte heute ein Erlebnis, dass ich nicht einmal meinen ärgsten Feinden wünschen würde. Obwohl, einem vielleicht...
Ich hatte heute das Vergnügen, einen gar nicht mal so schlechten, sehr interessanten Vortrag zu hören, der leider ein bisschen länger wurde als geplant. Das ist an sich nicht so schlimm, zumal das Thema in der Tat sehr interessant war. Ärgerlich war nur, dass ich nach etwa 15 Minuten Vortrag das Gefühl hatte: "Solltest langsam mal auf die Toilette..."
Rede,
Vortrag,
Bilder,
Rede...
Es wäre unhöflich gewesen, den Vortrag wegen einer solchen Lapalie zu verlassen, wenn auch nur kurz. Ich blieb also an meinem Platz und folgte dem Redner durch seine ganz persönliche Welt.
Rede,
Vortrag,
Bilder,
Rede...
Meine Blase signalisierte: "So langsam wird es dringend!" Aber es war doch so interessant! Ich versuchte, die Nachrichten aus dem unteren Bereich meines ungeduldigen Körpers wenigstens temporär zu ignorieren, bis ich Zeit und Gelegenheit hätte, dem Drängen meiner Blase nachzugeben.
Rede,
Vortrag,
Bilder,
Rede...
Wie es sich für einen anständigen Vortrag gehört, kam er nach einiger, andernfalls durchaus annehmbarer Zeitüberschreitung zum Ende. Meine Blase hüpfte daraufhin in freudiger Erwartung geradezu euphorisch auf und ab, was mich aus meinem Stuhl schnellen ließ, um schnellen Schrittes zur Tür zu eilen. Dort wurde ich aufgehalten, und während sich ein großer Teil meines Hirns mit dem sich nun entspannenden Gespräch über den Zeitbegriff im Allgemeinen und Pünktlichkeit im Besonderen beschäftigte, kreiste in einem kleinen, aber gemeinen Areal ganz hinten an der Hirnwand nur ein Gedanke: "Du darfst jetzt an alles denken, nur nicht an rauschende Bäche!" Meine Blase erinnerte sich augenblicklich, dass sie da noch ein dringendes Bedürfnis hatte. Ein gewisser Druck baute sich in meinem Bauch auf. Nun kann man ab und an ein Gespräch nicht einfach so beenden, zumal circa fünfzig Prozent der Teilnehmer mein Chef waren. Ich versuchte also, mit allerlei klugen, aber nichtssagenden Antworten das Thema zum Abschluß zu bringen, während vor meinem inneren Auge Gebirgsbäche hektoliterweise vor sich hin strömten und mein inneres Ohr dazu das Rauschen in Dolby Surround hörte. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich einen letzten Gruß zwischen den Lippen herauspressen. Endlich konnte ich zur Erlösung verheißenden Tür der Toilette vordringen. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Auf dem Weg zum urinalen Paradies begegnete ich dem nächsten Gesprächspartner, und das leidige Spiel wiederholte sich. Krampfhaft versuchte ich mich in nettem Small Talk, während dieses kleine und gemeine Hirnareal leise zu singen begann: "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach..."
Glücklicherweise währte dieses Gespräch nicht lange, und ich beschloß, mich auf dem weiteren Weg zur Erleichterung nicht einmal von einer Kontinentalverschiebung, einem Vulkanausbruch oder ähnlichen Kleinigkeiten aufhalten zu lassen. Aber ach! Die Götter hatten sich gegen mich verschworen! Vor der Tür stand der Utensilienwagen unserer Gebäudereinigungsfachkraft: "Ich habe gerade angefangen! Dauert auch nicht lange!" flötete es aus dem Vorraum der Toilette.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit unserer wackeren Reinigungsfachkräfte, und ich weiß, dass sie unter großem zeitlichen Druck stehen. Aber in gewissen Situationen sind neunzig Sekunden für einen tennisplatzgroßen Schauraum für langweilige Kacheln mit keramischen Sitzgelegenheiten und praktischen Urinalen einfach zu lang! In der Toilette rauschte infolge der Reinigungsarbeiten eine Toilettenspülung nach der anderen, während ich mit gekreuzten Beinen vor der Tür auf und ab lief und sowohl dem Rauschen der Toiletten wie auch dem Wellenschlag in meiner Blase lauschte. "ICH MUSS MAL!" brüllte meine Blase! Meine Sicht war gelb! Mir stieg sogar der Geruch warmen Harns in die Nase! Und eine altbekannte Angst beschlich mich: "Was ist, wenn die Blase platzt?"
Bevor ein derartiges Desaster passieren konnte, grinste sich die Reinigungsfachkraft aus der Toilette, bedankte sich artig für meine Geduld und schaute mir ein wenig verblüfft nach, als ich mit Höchstgeschwindigkeit das nächste Urinal anflog.
Mit zitternden Händen und Schweiß auf der Stirn nestelte ich an Knopf und Reißverschluß, die sich genau diesen Moment aussuchten, um in den Streik zu gehen. Fluchend rupfte ich am Hosenbund im verzweifelten Versuch, die zur Verrichtung nun äußerst dringender Geschäfte nötigen Körperteile an die mehr oder weniger frische Luft zu bekommen. Endlich! "Moin!"
Was? Da stand doch tatsächlich einer neben mir?! Völlig gelassen und in sich ruhend stand dieser mir völlig unbekannte Mann neben mir und ließ der Natur ihren freien Lauf. Und ich? Nix! Der tiefste Punkt auf Erden ist der Mariannengraben. Ganz unten, in rund 11000 Metern Tiefe herrscht ein Druck von rund 1100 bar. Das ist ein Witz gegen den Druck, der in meiner Blase herrschte! Wenn der Typ sich nicht augenblicklich vom Acker macht, pinkel ich hier lupenreine Diamanten! (Moooment..! Da kommt mir doch gerade eine Geschäftsidee.) Es ist nichts zu machen. Meine Blase ist bis zum Überlaufen voll und spielt das Lied vom feuchten Tod, aber das Pinkelbecken bleibt trocken wie die Wüste Gobi! Ich kann nun mal nicht, wenn man mich beobachtet! Sicher, der Mann schaut völlig entspannt die Wand an. Aber wir wissen doch, wie das ist, wir Männer! Natürlich will der wissen, was ich in der Hand habe! Jetzt denke ich an murmelnde Bäche, an rauschende Wellen. Ich singe leise "I'm dancing in the rain!", ich drücke sogar die Klospülung... Nichts zu machen! Der trockenste Ort der Welt ist nicht die Atacama-Wüste in Chile, es ist mein... Endlich schüttelt er ab! Endlich geht er! Hallelulja! Die Tür schließt sich hinter ihm und gleichzeitig öffnen sich bei mir die Schleusen! Selten war ein nasser Strahl so schön anzusehen!
Die menschliche Blase hat ein durchschnittliches Fassungsvermögen von 800 Millilitern. Aber was sich da gerade sprudelnd den Weg bahnt, sind Liter, Hektoliter! Welch seliges Gefühl, wenn ein ganzer Ozean den Körper verlässt! Ein glückliches Lächeln ersetzt meinen bis dahin so gequälten Gesichtsausdruck, und ich genieße den Augenblick bis zum allerletzten Tropfen. Aaaah! Welch Wohltat.

Zum Abschluß das Paradoxon des Tages: "Diesen Hinweis nicht lesen!"