Donnerstag, 11. Oktober 2012

Denken Sie nicht an blaue Elefanten!

Ich hatte heute ein Erlebnis, dass ich nicht einmal meinen ärgsten Feinden wünschen würde. Obwohl, einem vielleicht...
Ich hatte heute das Vergnügen, einen gar nicht mal so schlechten, sehr interessanten Vortrag zu hören, der leider ein bisschen länger wurde als geplant. Das ist an sich nicht so schlimm, zumal das Thema in der Tat sehr interessant war. Ärgerlich war nur, dass ich nach etwa 15 Minuten Vortrag das Gefühl hatte: "Solltest langsam mal auf die Toilette..."
Rede,
Vortrag,
Bilder,
Rede...
Es wäre unhöflich gewesen, den Vortrag wegen einer solchen Lapalie zu verlassen, wenn auch nur kurz. Ich blieb also an meinem Platz und folgte dem Redner durch seine ganz persönliche Welt.
Rede,
Vortrag,
Bilder,
Rede...
Meine Blase signalisierte: "So langsam wird es dringend!" Aber es war doch so interessant! Ich versuchte, die Nachrichten aus dem unteren Bereich meines ungeduldigen Körpers wenigstens temporär zu ignorieren, bis ich Zeit und Gelegenheit hätte, dem Drängen meiner Blase nachzugeben.
Rede,
Vortrag,
Bilder,
Rede...
Wie es sich für einen anständigen Vortrag gehört, kam er nach einiger, andernfalls durchaus annehmbarer Zeitüberschreitung zum Ende. Meine Blase hüpfte daraufhin in freudiger Erwartung geradezu euphorisch auf und ab, was mich aus meinem Stuhl schnellen ließ, um schnellen Schrittes zur Tür zu eilen. Dort wurde ich aufgehalten, und während sich ein großer Teil meines Hirns mit dem sich nun entspannenden Gespräch über den Zeitbegriff im Allgemeinen und Pünktlichkeit im Besonderen beschäftigte, kreiste in einem kleinen, aber gemeinen Areal ganz hinten an der Hirnwand nur ein Gedanke: "Du darfst jetzt an alles denken, nur nicht an rauschende Bäche!" Meine Blase erinnerte sich augenblicklich, dass sie da noch ein dringendes Bedürfnis hatte. Ein gewisser Druck baute sich in meinem Bauch auf. Nun kann man ab und an ein Gespräch nicht einfach so beenden, zumal circa fünfzig Prozent der Teilnehmer mein Chef waren. Ich versuchte also, mit allerlei klugen, aber nichtssagenden Antworten das Thema zum Abschluß zu bringen, während vor meinem inneren Auge Gebirgsbäche hektoliterweise vor sich hin strömten und mein inneres Ohr dazu das Rauschen in Dolby Surround hörte. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich einen letzten Gruß zwischen den Lippen herauspressen. Endlich konnte ich zur Erlösung verheißenden Tür der Toilette vordringen. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Auf dem Weg zum urinalen Paradies begegnete ich dem nächsten Gesprächspartner, und das leidige Spiel wiederholte sich. Krampfhaft versuchte ich mich in nettem Small Talk, während dieses kleine und gemeine Hirnareal leise zu singen begann: "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach..."
Glücklicherweise währte dieses Gespräch nicht lange, und ich beschloß, mich auf dem weiteren Weg zur Erleichterung nicht einmal von einer Kontinentalverschiebung, einem Vulkanausbruch oder ähnlichen Kleinigkeiten aufhalten zu lassen. Aber ach! Die Götter hatten sich gegen mich verschworen! Vor der Tür stand der Utensilienwagen unserer Gebäudereinigungsfachkraft: "Ich habe gerade angefangen! Dauert auch nicht lange!" flötete es aus dem Vorraum der Toilette.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit unserer wackeren Reinigungsfachkräfte, und ich weiß, dass sie unter großem zeitlichen Druck stehen. Aber in gewissen Situationen sind neunzig Sekunden für einen tennisplatzgroßen Schauraum für langweilige Kacheln mit keramischen Sitzgelegenheiten und praktischen Urinalen einfach zu lang! In der Toilette rauschte infolge der Reinigungsarbeiten eine Toilettenspülung nach der anderen, während ich mit gekreuzten Beinen vor der Tür auf und ab lief und sowohl dem Rauschen der Toiletten wie auch dem Wellenschlag in meiner Blase lauschte. "ICH MUSS MAL!" brüllte meine Blase! Meine Sicht war gelb! Mir stieg sogar der Geruch warmen Harns in die Nase! Und eine altbekannte Angst beschlich mich: "Was ist, wenn die Blase platzt?"
Bevor ein derartiges Desaster passieren konnte, grinste sich die Reinigungsfachkraft aus der Toilette, bedankte sich artig für meine Geduld und schaute mir ein wenig verblüfft nach, als ich mit Höchstgeschwindigkeit das nächste Urinal anflog.
Mit zitternden Händen und Schweiß auf der Stirn nestelte ich an Knopf und Reißverschluß, die sich genau diesen Moment aussuchten, um in den Streik zu gehen. Fluchend rupfte ich am Hosenbund im verzweifelten Versuch, die zur Verrichtung nun äußerst dringender Geschäfte nötigen Körperteile an die mehr oder weniger frische Luft zu bekommen. Endlich! "Moin!"
Was? Da stand doch tatsächlich einer neben mir?! Völlig gelassen und in sich ruhend stand dieser mir völlig unbekannte Mann neben mir und ließ der Natur ihren freien Lauf. Und ich? Nix! Der tiefste Punkt auf Erden ist der Mariannengraben. Ganz unten, in rund 11000 Metern Tiefe herrscht ein Druck von rund 1100 bar. Das ist ein Witz gegen den Druck, der in meiner Blase herrschte! Wenn der Typ sich nicht augenblicklich vom Acker macht, pinkel ich hier lupenreine Diamanten! (Moooment..! Da kommt mir doch gerade eine Geschäftsidee.) Es ist nichts zu machen. Meine Blase ist bis zum Überlaufen voll und spielt das Lied vom feuchten Tod, aber das Pinkelbecken bleibt trocken wie die Wüste Gobi! Ich kann nun mal nicht, wenn man mich beobachtet! Sicher, der Mann schaut völlig entspannt die Wand an. Aber wir wissen doch, wie das ist, wir Männer! Natürlich will der wissen, was ich in der Hand habe! Jetzt denke ich an murmelnde Bäche, an rauschende Wellen. Ich singe leise "I'm dancing in the rain!", ich drücke sogar die Klospülung... Nichts zu machen! Der trockenste Ort der Welt ist nicht die Atacama-Wüste in Chile, es ist mein... Endlich schüttelt er ab! Endlich geht er! Hallelulja! Die Tür schließt sich hinter ihm und gleichzeitig öffnen sich bei mir die Schleusen! Selten war ein nasser Strahl so schön anzusehen!
Die menschliche Blase hat ein durchschnittliches Fassungsvermögen von 800 Millilitern. Aber was sich da gerade sprudelnd den Weg bahnt, sind Liter, Hektoliter! Welch seliges Gefühl, wenn ein ganzer Ozean den Körper verlässt! Ein glückliches Lächeln ersetzt meinen bis dahin so gequälten Gesichtsausdruck, und ich genieße den Augenblick bis zum allerletzten Tropfen. Aaaah! Welch Wohltat.

Zum Abschluß das Paradoxon des Tages: "Diesen Hinweis nicht lesen!"

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