Sonntag, 14. Oktober 2012

Realität und Halluzination

Der Nobelpreis für Literatur ist in diesem Jahr 2012 an den Chinesen Mo Yan gegangen, mit der Begründung, er verbinde "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart"
Da frage ich mich, was eigentlich "halluzinatorischer Realismus" ist.
Zugegebenermaßen habe ich die Romane von Mo Yan nicht gelesen, kann also aus schriftstellerischer Sicht nicht beurteilen, ob er den Nobelpreis verdient hat. Andererseits weiß ich aber, dass Mo Yan Parteimitglied ist und sich mit dem Regime durchaus arrangiert hat. Seine Begründung dafür, die er einmal in einem Interview im Jahre 2009 gegeben hat, liest sich wie die Begründungen der ehemaligen Parteigänger von NSDAP oder SED: Wer nicht dabei war/ist, kommt zu nichts.
Für Mo Yan mag das der richtige Weg gewesen sein. Immerhin setzt er sich trotzdem kritisch mit dem Regime, unter dem er lebt, innerhalb der engen Grenzen, die ihm dadurch gesetzt sind, auseinander.
Aber mir stellt sich die Frage, ob das Komitee der Nobelpreis-Stiftung hier die richtige Entscheidung im Sinne Alfred Nobels getroffen hat. Immerhin wollte er Schriftsteller auszeichnen, die "in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert" haben. Ist es herausragend, dass Mo Yan "zu Ehren des Großen Führers Mao Tse Tung" dessen berüchtigte Reden abgeschrieben hat? Möglicherweise, aber sicher nicht in der idealistischen Richtung, die Alfred Nobel sich vorgestellt hat. Ich bin mir sicher, da hätte es andere Schriftsteller gegeben, die besser geeignet wären, Nobels Forderung nach herausragender Leistung und Idealismus Rechnung zu tragen. Und ich bin mir sicher, diese Schriftsteller wären nicht nur in China zu finden, sondern auch in Chile, Mexiko, auf dem afrikanischen Kontinent oder sogar in Deutschland.

Wie "treffsicher" das Komitee der Nobelpreisstiftung tatsächlich sein kann, zeigt folgende kleine Geschichte:
Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die Europäische Union. Damit soll dem Beitrag Rechnung getragen werden, den die EU zu sechs Jahrzehnten friedlicher Entwicklung in Europa geleistet hat. Und die vielen Vertreter der Europäischen Union haben nun nichts besseres zu tun, als sich darüber zu streiten (sic!), wer die Auszeichnung in Oslo entgegennehmen darf... Das ist doch zutiefst paradox: Streit um einen Preis des Friedens! Gleichzeitig ist es aber auch zutiefst menschlich, denn Wichtigtuerei, Neid und Missgunst geben sich hier die Hand.
Auch hier frage ich mich, ob dieser Preisträger den Vorstellungen Alfred Nobels tatsächlich entspricht. Wäre es nicht besser gewesen, einen einzelnen Menschen, der sich besonders um den Frieden in dieser Welt verdient gemacht hat, auszuzeichnen, als Ansporn und Motivation für all die anderen, die sich bis jetzt einfach nicht getraut haben? Oder eine kleine, vielleicht sogar nichtstaatliche Friedensorganisation, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen? Meiner Ansicht nach ist die Organisation Europäische Union einfach viel zu groß und nicht wirklich fassbar. Was sich ja nun auch bestätigt, nachdem es eine ganze Reihe von Vorschlägen gibt, wer aus diesen vielfältigen Ressorts, Abteilungen, Ausschüssen und wasweißichnochalles der EU den Preis entgegennehmen soll.
Meiner Meinung nach sollte der Präsident des Eurpopäischen Parlaments den Preis entgegennehmen, oder Herman van Rompuy, der Ratspräsident. Auf jeden Fall sollte sich eine Gala, ein Ball, eine Feierstunde anschließen, die europaweit im Fernsehen übertragen wird, und in der eindeutig dargestellt wird, dass hier nicht einige wenige, sondern vielmehr unzählige Bürger aus 27 Ländern ausgezeichnet wurden. Die Frage, was mit dem Geld passieren soll, das mit dem Nobelpreis verbunden ist, immerhin gut 900000 Euro, möchte ich gar nicht beantworten. Und ich bin mir sicher, da wird es noch jede Menge Debatten geben! Da hat das Komitee der Nobelpreisstiftung echte Halluzinationen gehabt, dass diese Realität gut gehen würde...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen