Sonntag, 25. November 2012

Fantasie

So, der Totensonntag ist nun beinahe vorbei, und damit biegen wir nun ganz allmählich in die Zielgerade der Weihnachtszeit ein, die ja schon Ende September angefangen hat. Jedenfalls, wenn man dem Einzelhandel glauben darf.
Und alljährlich machen wir uns tiefschürfende Gedanken, was wir den Kindern in diesem Jahr schenken. Die Geschenkeindustrie macht es einem aber auch nicht leicht.
Dabei wäre es so einfach!

Vor ein paar Tagen schnappt sich Töchterlein einen kleinen grünen Eimer, setzte sich auf ihn und erklärte: "Muss Pipi machen!" Wenigstens war sie vollständig angezogen und grinste über alle vier Backen! Was Sohnemann nicht davon abhielt, sie zu belehren: "Nein, Pipi macht man in Toilette!"
Nach einigem Hin und Her einigten sich die beiden darauf, dass der Eimer sicherlich keine mobile Toilette sei, trotzdem aber in jedem Fall an den Hintern gehöre. Töchterchen stülpte sich den Eimer also über ihre kleine Sitzfläche und rannte "Miau!" schreiend durch das Haus, verfolgt von ihrem laut lachenden Bruder! Nach einigen Runden um den Esstisch verkündete Brüderchen: "Jetzt bin ich die Katze!", entriss seiner Schwester den Eimer, stopfte seinen kleinen Hintern umständlich hinein und rannte seinerseits "Miau" schreiend durch das Haus. Meine Frage "Wo ist denn da eine Katze?" beantwortete Söhnchen mit: "Na, hier ist doch der Schwanz!" und schwenkte enthusiastisch den kleinen Eimer.

Bevor unsere Kinder ihren Teilzeitjob als Katze angenommen haben, hatten sie sich Mamas (glücklicherweise leeren) Wäschekorb geschnappt. Beide quetschten sich hintereinander in den Korb, stritten sich (natürlich) über den Platz ganz vorne,  und schon ging es in wilder Fahrt durch den Fluß geradewegs in das Meer! Das Wasser spritzte nach allen Seiten, die Klamotten unserer beiden wilden Piraten trieften geradezu vom Wasser, und die Kinder lachten sich halb kaputt! Und das alles auf dem trockenen Boden unseres Wohnzimmers!

Auch unsere Umzugskartons durften schon als Burg, Piratenschiff, Höhle und Turm herhalten, um danach als Springpolster, Behelfsschrank und Versteck zu dienen. Die Kartons konnte ich hinterher wegwerfen, aber bis dahin hatte unsere beiden Wirbelwinde stundenlang Spaß!

Es ist immer wieder wunderbar anzuschauen, mit wieviel Fantasie unsere Kinder einen an und für sich alltäglichen Gegenstand wie einen Eimer, einen Wäschekorb oder eben einen alten Karton in allerlei Körperteile, verschiedenste Fahrzeuge, großartigste Abenteuerspielplätze verwandeln. Sie brauchen keine technischen Spielereien (Batterien nicht enthalten!) oder pädagogisch getestetes und für wertvoll befundenes reichlich teures Spielzeug. Sie brauchen einfach nur irgendwas, was ihre Fantasie anspricht. Und das ist oft sogar schon ein einzelner Stock, der ein Fahne wird.

Für uns stehen die nächsten Weihnachtsgeschenke also fest: Ein weiterer kleiner bunter Eimer, der über beide Hintern passt, damit wir demnächst zwei schreiende Katzen haben. (Eigentlich drei, aber unsere pelzige vierbeinige und zuweilen schreiende Mitbewohnerin zähle ich jetzt mal  nicht mit.)
Einen größeren Wäschekorb, wo beide "Piloten" nebeneinander sitzen können, und neue Kartons, um das nächste Schloß zu bauen. Und der Nikolaus bringt schon mal einige Holzstöcke für neue Fahnen, Rührstöcke, Trommelstöcke, Kopfschmücker und alles andere, was den beiden noch so einfällt.

Samstag, 24. November 2012

Jubel!

10³ sind exakt 1000.
1000 als römische Zahl ausgedrückt: M
1000 heißt auf althochdeutsch: thûsend

Das M bezieht sich auf das lateinische Wort mille, aus dem sich die heute gebräuchliche Meile ableitet.
Aus dem althochdeutschen thûsend leitet sich das neuhochdeutsche Wort tausend ab.

Und 1000, thûsend, M sind die Anzahl der Klicks, die mein Blog seit Erschaffung des ersten Eintrages am 28. August 2012 erreicht hat! Ist das nicht irre? Doch, ist es!

Satte 1000 Klicks auf meine Seite!
1000 mal hat es interessiert, ob und was ich geschrieben habe! 

Mensch, wie mich das freut! Als ich mit meiner Schreiberei hier angefangen habe, hätte ich echt nicht gedacht, dass ich innerhalb so kurzer Zeitso viele Leser bekomme.
Innerhalb von nicht mal drei Monaten schon 1000 Klicks...
Ist das nicht schön? Doch, das ist schön! Sogar sehr schön!

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lesern bedanken, die mich in meinem Blog besuchen. Ich bedanke mich auch für die Kommentare, die ihr gegeben habt, und ich hoffe, euch auch in Zukunft immer wieder mit meinen kleinen Geschichten, Aushilfsphilosophien und Gedankengängen interessieren und erfreuen zu können.

Montag, 19. November 2012

locus necessitatis

Es ist schon erstaunlich, was man so alles feiern kann. In diesen Tagen, genauer gesagt am 16. November, hatten wir schon den Vorlesetag (siehe unten), am 21. Juni den Tag des Schlafes, am 6. März den Anti-Diät-Tag, und heute feiern wir hochoffiziell den Welttoilettentag! Man kann es kaum glauben!
Tatsächlich steckt hinter diesem Welttoilettentag eine ernst zu nehmende Geschichte, denn immer noch leiden rund 40 Prozent der Weltbevölkerung unter dem Fehlen selbst der einfachsten hygienischen Einrichtungen. Wenn unsereins mal nach einer Kneip(p)en-Tour kein Klo findet und stattdessen eine Eiche, einen Hollunderbusch oder eine Hauswand zweckentfremdet, so stinkt das zwar zum Himmel, ist aber sonst kein großes gesellschaftliches Problem. (Es sei denn, wir sind von altem Adel und lassen unsere Stange Wasser am Pavillon einer großen Nation stehen...) Wo es aber keine entsprechenden hygienischen Einrichtungen weit und breit gibt, wächst nicht nur die Gefahr des Erstinkens, sondern auch ganz real die Gefahr von Infektionen bösester Art.

Wenn man mal über oben geschriebenes nachdenkt, bekommt das eigene Porzellansitzmöbel im Kachelraum doch eine ganz besondere Bedeutung. Erst recht, wenn man bedenkt, wieviel Zeit man dort eigentlich verbringt. Vielfach ist die Schüssel nebst zugehörigen Räumlichkeiten ja der einzige Ort, an dem man mal für eine kleine Weile ungestört sein kann. Falls nicht die gesamte Familie in willkürlichen Abständen immer wieder an der glücklicherweise verriegelten und verrammelten Tür ausrastet, weil sie eben auch mal müssen. Wohl dem, der zwei Abtritte im Haus hat! Dann kann man es sich mal so richtig gemütlich machen, bei der Verrichtung der täglichen Notdurft. Es gibt da zum Beispiel ein japanisches Modell, bei dem man wenig mehr machen muss, als sich seiner Hosen zu entledigen und eine bequeme Sitzhaltung auf der Keramik zu finden. Sämtliche Tätigkeiten, die mit der Verklappung menschlicher Verdauungsreste einhergehen, werden von der Toilettenanlage vollautomatisch erledigt. Das fängt bei der musikalischen Übertönung der gemeinhin bei derlei Aktionen enstehenden und meist als peinlich empfundenen Geräsuchkulisse an und hört bei der automatischen, sanften, aber zuverlässigen Reinigung und Trocknung (!) der unteren Körperregionen noch lange nicht auf. Ein Traum! Leider auch ein sehr teurer, weshalb sich in unserem hauseigenen Herzchenhäuschen nur ein Normalklo befindet, bei dem alles noch von Hand erledigt werden muss. Aber man kann sich diesen Ort des persönlichen Rückzuges ja auch ohne High-Tech Shinto-Klo-Tempel aus Nippon gemütlich einrichten. Bei uns zum Beispiel gibt es zahlreiche Ablagemöglichkeiten, die an und für sich zur Lagerung meiner Toilettenlektüre gedacht waren. Tatsächlich stapeln sich dort nun zahlreiche verschiedene Cremes und Öle für meine Frau und die Kinder, während meine Bücher auf dem Fensterbrett Platz nehmen müssen. Wie dem auch sei...
Die eigentlich doch eher langweilige Tätigkeit des Entleerens sämtlicher gastroenterologischer Körperbehältnisse erfährt durch die Lektüre dem Anlass entsprechender Literatur eine ungemeine Aufwertung. Die Ungestörtheit des Stillen Örtchens lädt geradezu dazu ein, sich in ein gutes Buch zu vertiefen, während draußen vor der Tür die Hektik des alltäglichen Wahnsinns tobt. Um den Lese- und Abführgenuß noch zu erhöhen, befindet sich auch ein Musikgerät in den Heiligen Hallen, dessen primäre Aufgabe es ist, dem wertvollen Moment des Insichgehens, des sich Ausdrückens und der literarischen Bildung eine passende Hintergrundbeschallung zu schenken, und das in zweiter Linie in der Lage ist, die bei dieser zutiefst menschlichen Tätigkeit entweichenden Misstöne nicht an zufällig in der Nähe befindliche Ohren gelangen zu lassen. Ein Ort des Friedens...
Kein Frieden währt ewig, so lehrt es uns die Weltgeschichte, und irgendwann ist die Zeit gekommen, da man den selbstgewählten Lesesaal wieder verlassen muss. Lesezeichen nicht vergessen, damit wir bei der nächsten Sitzung weiterlesen können, wie sich die Geschichte zwischen Fürst Andrej und Natascha Rostowa weiterentwickelt, dann Fenster öffnen, damit der Mief aus Stickstoff, Wasserstoff, Methan, Kohlenstoffdioxid sowie insbesondere die für den infernalischen Geruch verantwortlichen Schwefelverbindungen ihren Weg in die Weite Welt finden, und, last but not least, Hände waschen nicht vergessen! Die sind doch voller Druckerschwärze....

Erfrischt, erholt und einige Kilo leichter können wir uns nun mit neuem Elan dem weiteren Tag widmen und insbesondere den heutigen Tag zelebrieren: Den Welttoilettentag!

Wer mehr über den Welttoilettentag erfahren möchte, der schaue sich hier um: Welttoilettentag - Achtung! Ist in Englisch!

Sonntag, 18. November 2012

Out of Africa? Lieber nicht!

Ich glaube, es war der große Douglas Adams, der mal geschrieben hat, dass die meisten Menschen den evolutionshistorischen Gang von den Bäumen herunter als einen Schritt in die falsche Richtung bewerten. Immerhin hat uns dieser Schritt den aufrechten Gang, das Feuer und den Pizzaservice gebracht, was dann ja auch nicht ganz schlecht ist. Jede Medaille hat eben ihre zwei Seiten.
Was ich persönlich als evolutionsgeschichtlich falschen Schritt bezeichnen würde, ist das Verlassen des afrikanischen Kontinents. Hätte es diese Out-of-Africa-Geschichte nicht gegeben, würde ich heute in den warmen Gefilden am Äquator meine Kokosmilch schlürfen und Maniok braten. Oder so... Statt dessen rutschen die täglichen Höchsttemperaturen verdächtig nahe an den absoluten Nullpunkt heran, und ein hoffnungsvoller Polarsturm hat seinen Übungsraum nach Norddeutschland verlegt, um hier noch mal sein gesamtes Programm durchzuspielen, bevor er zu seinem großen Auftritt am Norpol aufbricht. Mit einem Wort: Schietwetter!
Und was tut man nicht alles, um in diesem Wetter keine Bliztbefrostung zu bekommen!
Wenn ich im Sommer vor die Tür gehen will, reicht es, die Tür zu öffnen und nach draußen zu gehen. Kleidung ist da eher zweitrangig und eigentlich nur eine Frage des Anstandes.
Im Herbst ist der Gang vor die Tür dagegen eine logistische Herausforderung erster Güte!
Eingepackt in Omas Angora-Unterwäsche, einem Feinripp-Unterhemd, einem T-Shirt, einem Sweat-Shirt und einem Norwegerpulli (das alles oberhalb der Gürtellinie), dazu noch Thermo-Leggins, Wollstrümpfe, Schneehosen im Jeanslook und die Luis-Trenker-Gedenk-Treter gefüttert mit Yeti-Fellimitat kommen wir uns vor wie eine Mischung aus Michelin-Männchen und wandelndes Produktmuster der Bekleidungsindustrie. Dazu noch die feinen ledernen Fingerhandschuhe, die wir in die klobigen, wollenen Fausthandschuhe stopfen, und zum Abschluß noch die gestrickte Bommelmütze, komplett mit Ohrenschützern. Fehlt nur noch die Fettcreme im Gesicht, dann sind wir bereit, den Weg in die sibirische Kälte vor der Haustür anzutreten. Eigentlich kann uns jetzt ja auch nichts mehr passieren.
Eigentlich...
Aber es kommt anders. Es kommt immer anders. Da hat man sich nach dem Zwiebelprinzip stundenlang in ungefähr 15 Schichten gehüllt und peinlich darauf geachtet, dass nicht ein einziger Quadratmillimeter blanke Haut den fiesen Elementen ungeschützt ausgesetzt ist, und dann frieren wir doch! Wir bekommen eine lupenreine Piloerektion. Das ist, wie wir natürlich alle wissen, nichts anderes als eine cutis anserina.
Es ist mir ein Rätsel, eingehüllt in ein Mysterium, umgeben von einem Enigma, wie es angesichts dieser bekleidungstechnischen Vorbereitungen geschehen  kann, dass einem doch kalt wird.
Der Wind greift mit kalten Händen unter den Anorak, zupft am Pullover, schiebt die Unterhemden beseite und krallt seine fürchterlichen kalten Finger erbarmungslos in die zarte Haut. Wenn es doch nur der Wind wäre! Aber es kommt ja noch dieser fiese, feine Nieselregen dazu, der sich auf einen legt, wie ein eiskaltes nasses Tuch. Der Regen ist so fein, dass er in alle Knopflöcher kriecht und wir in kürzester Zeit nicht nur von außen, sondern auch von innen ordentlich nass sind. Die Bommelmütze saugt sich in kürzester Zeit voll Wasser, wird schwer und schickt den überschüssigen Regen in einem dünnen, eiskalten Rinnsal den Hals und die Wirbelsäule hinab bis zum Hosenbund, wo sich das ausgesprochen kalte Wasser sammelt und uns mal so richtig nervt.
Wenn der Herbst in diesen Tagen etwas schönes hat, dann die Klimaanlage und die Sitzheizung meines Familienlasters, der schon wenige Minuten nach Fahrtantritt zur finnischen Sauna mutiert. Was für eine Freude, wenn der Wasserdampf aus den Zwiebelschichten meiner Klamotten aufsteigt und mein Hintern von der Sitzheizung medium gebraten wird.
Trotzdem: Wenn ich mir das aktuelle Wetter so anschaue, hätten wir den Weg out of Africa nie antreten sollen. Klimaerwärmung? Das ich nicht lache!

Samstag, 17. November 2012

Welttag des Vorlesens

Gestern war ja Welttag des Vorlesens. Man sollte ja meinen, das Vorlesen braucht keinen Aktionstag, aber dem ist wohl doch nichts so.
Tatsache ist jedenfalls, dass mein Frauchen und ich als ausgesprochene Liebhaber des geschriebenen Wortes durchaus häufiger beim Vorlesen erwischt werden. Und bei den Dingen, die wir da vorlesen, handelt es sich nicht immer um Bedienungsanleitungen, die einer rezitiert, während der andere versucht, den gehörten Worten Sinn zu verleihen und dem Gerät, um das es sich in der Anleitung dreht, seinen Willen aufzuzwingen.
Beinahe regelmäßig machen wir das, was man gemeinhin tatsächlich unter dem Begriff "Vorlesen" versteht. Wir setzen uns hin, versammeln die Schar zweier Kinder um uns und lesen ihnen eine Geschichte vor. Das ist nicht immer so einfach, wie es klingt. Es fängt schon mal mit der Auswahl der Lektüre an. Als mein Sohn nur wenige Wochen alt war, konnte ich ihm noch alles vorlesen, was ich mir wünschte. So bekam er schon in diesem sehr jungen Alter die komplette Nibelungen-Sage quasi als Hörbuch auf die Ohren gedrückt, nur weil ich Lust dazu hatte und die Nibelungen selbst noch nicht kannte. Bleibende Schäden haben wir bisher bei ihm nicht feststellen können.
Bei seiner Schwester indes haben wir auf derlei Experimente verzichtet, einerseits, weil wir bis dahin altersgerechte Belletristik erwerben konnten, andererseits, weil sich Töchterchen beim Zuhören völlig anders verhielt als Sohnemann. Während er an meinen Lippen hing und mit gespitzten Ohren Siegfrieds Abenteuern lauschte, schlief Madame innerhalb von Sekundenbruchteilen ein, sobald die zarte Stimme des Vaters oder der Singsang ihrer Mutter lesenderweis an ihre Ohren krabbelten.

Heutzutage, da die Kinder an Jahren zugelegt haben, ist es ungleich schwieriger, passende Lektüre für den Vorlesegenuß zu finden. Unerklärlicherweise reagieren beide Kinder geradezu unwirsch, wenn ich nach den Klassikern der Belletristik greife. Weder "Die Blechtrommel", noch "Der alte Mann und das Meer" vermögen es, das literarische Interesse unserer Kinder zu erreichen. Auch ein Meilenstein der Dichtkunst wie das zugegebenermaßen eingedeutschte Gesamtwerk Shakespeares oder auch Goethes "Faust" gehen spurlos an den kindlichen Ohren vorbei. Zuweilen reagieren beide Kinder etwas ungeduldig, wenn ich versuche, ihnen ein bis zwei Kapitelchen "Schuld und Sühne" zukommen zu lassen. Es ist beinahe schon enttäuschend.

Statt dieser Perlen der Literatur finden sich meine geliebte Ehefrau und ich uns immer öfter mit Büchern in der Hand wieder, deren Titel zum Beispiel "Hase Hoppel findet eine Nuss" lauten, oder "Die sieben Lieben gehen an den Strand" oder "Abenteuer im Zwergenwald".
Alle diese Geschichten  enden schon nach wenigen Seiten, wenn das Kaninchen seine Nuss gefunden hat, die sieben Lieben faul am Strand liegen oder die Zwerge das frischgeborene Kitz von "Frau Reh" gefunden haben! Wo bleibt die Entwicklung der Hauptfiguren? Was ist mit dem Spannungsbogen? Wo bleiben die vielschichtigen Strukturen eines literarischen Abrisses des modernen Zeitgeistes?

Nun gut, finden wir uns damit ab, dass unsere Kinder ihre Geschichten gerne etwas simpler haben wollen. Wenn es denn sein muss... Aber dann wäre es ja nett, wenn sie wenigstens zuhören würden! Aber kaum hat man die ersten drei Sätze stotternd hinter sich gebracht, finden die beiden die Bilder in den Büchern wesentlich interssanter als die Geschichte. Dann unterbrechen sie den hart arbeitenden Vorleser: "Pappa, ein Hase! Da ist ein Hase!" "Ja, mein Schatz, das ist der Protagonist der Geschichte, wenn auch ein wenig oberfl..." "Guck ma hier, Pappa! Der Baum ist kaputt!" "Nein, das ist ein Höhle in dem Ba..." "Pappa! Der Zwerg macht aber Pippi!" "Was? Wo siehst du das denn?"
Und in diesem Stil kriecht man durch eine kleine Geschichte, die im Büchlein kaum fünf Seiten haben mag, aber in der Fantasie der Kinder ganze Regalwände füllt.
Das ist dann der Punkt, an dem das Vorlesen so richtig Spaß macht! Wenn wir das Gefängnis der geschriebenen Worte verlassen und sie als Vehikel für unsere eigene Fantasie nehmen und die anderen Geschichten erzählen, die zwischen den Zeilen stehen, die im Buch gezeichnet oder gemalt stehen. Was braucht es da Goethe, Grass oder Shakespeare? Hier vor uns auf dem Teppichboden sitzen die Autoren, die Geschichtenerzähler und die Fantasten. Hören wir ihnen zu! Wer weiß, was wir Alten noch alles lernen können...

Donnerstag, 15. November 2012

Sinn und Unsinn?

Das Internet - unendliche Weiten! Ich glaube, das Internet ist schon lange sehr weit davon entfernt, auch nur im Mindesten übersichtlich zu sein. Heutzutage ist es ja unglaublich leicht, einen eigenen Auftritt im Netz zu haben. Bestes Beispiel sei mein Blog hier. Ich habe keinen Schimmer von HTML, Java und all dem anderen kryptischen Zeug, was man eigentlich braucht, um eine Webseite zu erstellen. Aber ich habe es mittels einiger Klicks und ein paar Anschlägen an der Tastatur geschafft, mir meine eigene kleine Bühne zu schaffen. Wer hätte das gedacht?
Wie einfach es ist, sich im Netz der Netze auszudrücken, kann man sehen, wenn man mal ein wenig auf die virtuelle Reise geht und sich im Internet umschaut. Da gibt es Seiten, die bestehen aus einer Adresse und einem einzigen Wort: http://www.ismycomputeron.com/
Oder Seiten, deren Inhalt sich ad infinitum wiederholt: http://chickenonaraft.com/
Einfach, langweilig, simpel, nichts dahinter... Aber erstaunlicherweise kann man mit der Suche nach solchen Seiten Stunden um Stunden vor dem Bildschirm verbringen und immer wieder staunen.

Zu unser aller Glück aber besteht das Internet nicht ausschließlich aus solch simplen Seiten, es gibt auch Kleinodien. Nehmen wir mal die allseits bekannte Wikipedia. Früher hatte man regalmeterweise den kleinen Brockhaus kaufen müssen, um einigermaßen gebildet zu erscheinen, heute genügen einige einfache Klicks, und man erfährt sogleich, wo Germania inferior liegt, wer Hans Georg von Arnim-Boitzenburg war oder was eine Marderlatte ist. Erstaunlich, nicht wahr?
Aber auch der angehende Philosoph findet in den unglaublichen Weiten des digitalen Netzwerkes alle Antworten auf seine dringenste Frage: Die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest! 
Wir Kinder der Vor-Internet-Zeit und Leser von althergebrachten Druckwerken kennen die Antwort natürlich auch ohne Blick ins allwissende Internet: 42! 
Warum schreibe ich das alles? Weil ich in diesen Tagen über eine Webseite gestolpert bin, die mir die Suche zumindest nach dem Unsinn des Lebens erheblich erleichtert hat. Bei  The useless web findet man neben den oben genannten Beispielen noch eine ganze Reihe weiterer mehr oder weniger sinnfreier Web-Auftritte, mit denen man vielleicht nicht unbedingt schlauer wird, aber eine Menge Zeit verbringen kann.

Die größte Lüge des Internets überhaupt: Das Ende?


Dienstag, 6. November 2012

Wechselbäder!

Jetzt im November bietet der Blick aus dem Fenster auch nicht immer erfreuliches, jedenfalls hinsichtlich der meteorologischen Situation da draußen. Der Wind, der sich in diesen Tagen in unserer Gegend herumtreibt, scheint sein Handwerk in den zirkumpolaren Regionen der Arktis gelernt zu haben. Und das Wasser, das er in den dicken, grauen Wolken mitbringt, scheint ebenso dem nördlichsten Nordmeer, das er auftreiben konnte, zu entstammen.
Schon ein Blick auf das herrschende Wetter allein genügt, um frierend den Norwegerpulli enger um die Brust zu schlingen, während die Gänsehaut über den ganzen Körper krabbelt.
Der Weg aus dem Haus ist da wenig angenehm. Aber was will man machen? Man muss ja zur Arbeit, oder mal einkaufen gehen...
Um so schöner ist dann das Heimkommen. Aus der schneidenden Kälte des Herbststurmes in die heimelige Wärme des eigenen Zuhauses !Oh, Wohltat! Aus dem eisigen Nieselregen in die trockene Heimeligkeit der schützenden vier Wände! Oh, Freude!
Ich bin mir sicher, dass Schiller seinerzeit aus einem fiesen, kalten Sturm nach Hause gekommen ist und die Freude der körperlichen Wärme gespürt hat, als er irgendwann in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts seine "Ode an die Freude" geschrieben hat.
Und ich bin mir auch sicher, dass Beethoven aus einem geradezu waagerechten Eisregen gekommen sein muss, als er sich um das Jahr 1824 anschickte, diese "Ode an die Freude" in seiner 9. Sinfonie zu vertonen.
Was gibt es denn schöneres, als aus sturmumtosten Regenschauern, aus sibirischer Kälte, aus grauen Wolken und tristen Farben in die warme, stille, trockene und im goldenen Glanze strahlende Stube zu kommen? Nur wenig...
Dann sitze ich gerne da, schaue mir das Toben der entfesselten Elemente vor dem Fenster andächtig an und schlürfe gerne an einem ausgesprochen nordischen Grog: Rum muss, Zucker kann, Wasser braucht nicht! Wohlige, entspannte Wärme breitet sich in meinem Körper aus, umfängt mich und macht mich oftmals, insbesondere am Abend, ein wenig schläfrig. Das ist dann der Moment, an dem ich meiner geliebten Ehefrau den Vorschlag mache, dem rhythmischen Trommeln des Regens und dem enthusiastischen Heulen des Sturmes vom warmen Bette aus zu lauschen.
Unter der dicken Federdecke eingemummelt lausche ich dem meteorologischen Treiben vor dem Fenster, während ich auf meine Frau warte. Es ist das Vorrecht der holden Weiblichkeit, immer ein bisschen länger zu brauchen, bis man "fertig" ist...
Aber alsbald gesellt sie sich zu mir, rutscht unter die warme Decke, um sich gleich darauf an mich zu kuscheln. Es wäre perfekt, wenn da nicht...
Oh, diese eiskalten Frostbeulen, die ihr Füße nennt! Oh, diese grausamen, diese schneidenden, diese ungemütlich kalten, tiefgefrorenen Füße, die ihr frierend und zitternd zwischen die Schenkel eurer Männer schiebt! Oh, diese blauen, gemeinen, zwickenden Hände, die ihr um eurer Männer Brüste schlingt!
Wie kann ein einzelner Mensch nur so ein Gefrierschrank sein? Wie kann man mit einer Körpertemperatur nahe dem absoluten Nullpunkt leben? Wie könnt ihr Frauen nur so gemein sein?
Ich weiß, der weibliche Körper besteht im Durchschnitt zu 25% aus Muskeln und weiteren 25% Fett, während wir Männer aus 40% Muskeln und 15% Fett bestehen. Weniger Muskeln gleich weniger Wärme. Aber muss es denn gleich der Nordpol sein?
Ich weiß, dass die maskuline Haut im Vergleich zur weiblichen Epidermis um 15% dicker ist. Aber ist das ein Grund, uns die ganze Wärme mit Händen und Füßen aus dem Körper zu saugen?
Aber ach, was rege ich mich auf? Letztlich mache ich das, was wir Männer alle tun, wenn sich der kalte Leib meiner Gattin an mich drängt. Ich wärme sie, und das mit Freuden.

Aber ich bin mir sicher, als sich Modest Petrowitsch Mussorgski in einer solchen Lage befand, mit Eisblöcken zwischen den Schenkeln und kalten Händen an der Brust, hat er "Die Nacht auf dem kahlen Berge" geschrieben.

Samstag, 3. November 2012

To boldly go where no man has gone before...

Der heutige Eintrag in meinem Blog ist dem Gedenken an eine kleine Mischlingshundedame gewidmet, die es geschafft hat, der Menschheit eine Tür in eine unendlich große Welt aufzustoßen.

Heute vor 55 Jahren schrieb das erste lebende Wesen im Weltall Geschichte. 1957 wurde die russische Hündin Laika vom Kosmodrom Baikonur aus auf die Reise um die Erde geschickt. Laika war vor ihrer Karriere als Kosmonaut ordentlicher Straßenkläffer in Moskau, was zeigt, wie hoch man ohne Schulausbildung kommen kann. Obwohl das ja so auch nicht stimmt, denn bevor Laika auch nur eine Pfote in die Weltraumkapsel setzen durfte, wurde sie einem strengen Trainingsprotokoll unterworfen.
Mit Laikas Flug um die Erde haben die Russen nachgewiesen, dass ein Überleben in der Schwerelosigkeit möglich ist, und nebenbei haben sie den Amerikanern ordentlich die Nase lang gemacht, denn letztere waren nun zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ins Hintertreffen geraten. Wir erinnern uns: Nur einen knappen Monat zuvor, am 04. Oktober 1957, schickten die Russen den Sputnik ins Weltall, und den Amerikanern pfeift sein Piepsen wahrscheinlich noch heute höhnisch in den Ohren.

Laika hat ihren historischen Flug leider nicht überlebt. Aber vielleicht konnte sie in den wenigen Stunden, die ihr in der Kapsel blieben, ihr persönliches Wunder erleben. Die Aussicht muss grandios gewesen sein...


Freitag, 2. November 2012

Heiße Kartoffel im Mund?

Die heiße Kartoffel im Mund sagt man ja den Dänen nach, wenn man ihnen zuhört. Na ja, das ist immerhin eine Abwechslung zum dänischen Nationalgericht Hot Dog. Die Speisekarte ist also eher kurz geraten, ganz im Gegensatz zu den Franzosen, wo zur ewig langen Speisekarte noch der unvergleichliche Klang hinzukommt, wenn der Ober (garçon) die Speisenfolge vorliest. Das klingt dann wie ein lustvolles Versprechen auf stundenlangen beiderseitigen Hormonaustausch. 
Wie bin ich jetzt darauf gekommen? Ach ja, Kartoffeln und Hot Dogs! 
Unsere Kinder haben das besondere Vergnügen und die große Chance, zweisprachig aufzuwachsen. 
Hier im Haus versuchen die Eltern verzweifelt, ihren Sprößlingen in Deutsch klarzumachen, was wir wollen, im Kindergarten (børnehave) dagegen lernen sie, die Kindergärtnerinnen auf Dänisch irre zu machen. Und natürlich versuchen wir Eltern unser Bestes, mit dem Dänisch der Kinder mitzuhalten, schon allein, um sie zu verstehen, wenn sie vom børnehave erzählen. Aber auch die Redewendungen des täglichen Bedarfs wie Hunger, Trinken, Essen, "WILL NICHT!" und ähnliches klappen nun schon sehr gut zweisprachig in schönstem Deutsch-Dänischem Kauderwelsch. 
Irrungen und Wirrungen gibt es aber regelmäßig, weil sich unser dänisches Vokabular von dem der Kinder doch recht stark unterscheidet. Wir Eltern lernen unsere Wörter und Sätze anhand eines Lehrbuches und mit Hilfe des einen oder anderen Dänisch-Kurses, der bei uns angeboten wird. Schönstes, ordentliches "Hochdänisch", also. Während unsere Kinder ihren Wortschatz aus dem täglichen Drama beziehen, das um sie herum passiert. Und da gibt es eben weniger "Ich heiße Sören!" oder "Ich wohne in Kopenhagen" in der jeweiligen dänischen Übersetzung, sondern eher solche Sätze wie "Du bist mein Freund!", wenn es gut läuft, oder "A***loch!", wenn es mal nicht so gut läuft. 
Heute Abend überraschte uns mein Sohn beim Abendessen mit der Feststellung "Dette er et skib!", was für unseren dänischen Sprachschatz nicht allzu schwierig war. Wohl aber für unsere Fantasie, denn was er da als Schiff (skib) bezeichnete, stellte sich als eine bizarr zerbissene Scheibe Gouda heraus. Diesen Satz in seiner Bedeutung zu begreifen, war nicht allzu schwer für uns, denn erstens kennen meine beste Ehefrau und ich die grammatikalischen Regeln, die diesem Satz zugrunde liegen, zweitens kennen wir 75% der benutzten Worte und drittens konnten wir uns die restlichen 25% anhand des Klangs zusammen reimen: "Das ist ein Schiff!" Womit unser Sohn auf einer eher ideellen, fantastischen Ebene durchaus Recht gehabt haben könnte, wenn auch das Werk, auf das sich seine Aussage bezog,  ein Fahrstuhl, ein Auto, ein Pferd in ungewöhnlicher Haltung oder eine Schreibmaschine hätte sein können.
Viel mehr Schwierigkeiten hatten wir mit einer Redensart, mit der unser Sohn neuerdings beinahe jeden Satz einleitet: "Widuwell..."
"Widuwell, da ist eine Feuerwehr!"
"Widuwell, im børnehave waren wir tour!" (Anm. d. Red.: på tour, Dän. = Spaziergang)
"Widuwell, ich war schon ganz müde." 

Auf "Widuwell" konnten wir  uns weder vom Klangbild, noch vom Zusammenhang einen Reim machen. Duvel ist ein belgisches Bier, aber das hat mit unserem Sohn nichts zu tun. Man hätte vielleicht auch argumentieren können: 

Duvel = dialektischer Ausdruck für Teufel
mithin also: Widuwell = Weiß der Teufel! 

Aber all unsere Interpretationsversuche verliefen im Sande. Bis ich mich in meiner Verzweiflung einer kindlichen Eigenart erinnterte: Früher oder später beginnt jedes Kind all seine Sätze mit "Weißt du, was?" Und das war des Pudels Kern, wie es faustischer nicht hätte sein können. 

Habe nun, ach! Deutsch,
Dänisch und Russisch,
Und leider auch Englisch
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor...

Aber nein! Wir waren nun tatsächlich klüger! Was unser Sohn da sagte, war: "Ved du hvad...",
was dann heißt "weißt du, was..."
Und das bringt uns wieder zurück zur Speisekarte. Die heiße Kartoffel haben die Dänen beim Sprechen wirklich im Mund, und so hört sich der dänische Satz mit all den Ungenauigkeiten eines geübten Sprechers eben an wie "Widuwell".

Wir haben noch viel zu lernen!