Samstag, 22. Dezember 2012

Handwerk hat goldenen Boden?

Eines Morgens, es war noch gar nicht so lange her, stürmte mein Eheweib mit wehenden Fahnen, hoch über den Kopf erhobenen Händen und ebenso erhobener Stimme auf mich zu: „Wir brauchen unbedingt einen neuen Spülkasten!“ Nun ja, ich konnte sie verstehen.
Der bisherige Spülkasten tat seine Arbeit ein bisschen zu enthusiastisch, denn das Wasser lief beinahe kontinuierlich durch, wenn man ihm nicht ab und an (eigentlich immer) einen kräftigen Schlag auf den Deckel gab. In der Nacht ärgerte uns der Spülkasten, indem er nur ein kleines, kaum wahrnehmbares Bächlein durch die Toilette schickte, bis nachts um halb drei der Wasserkasten nachbefüllt wurde, komplett mit zischendem Wasserlauf und einem eigentümlichen (und vor allem lauten!) Quietschen am Ende des Befüllvorganges. So war es mir eigentlich sehr recht, endlich einen neuen Spülkasten an der Toilette vorzufinden, vorzugsweise ohne viel Arbeit.
Ich beorderte also telefonisch einen Klempner herbei. Das heißt, ich versuchte es.
„Hören Sie? Ich habe einen Notfall! Meine Toilettenspülung läuft durch! Kommen Sie! Retten Sie!“
„In sieben Tagen hätte ich einen Termin frei, dann könnte ich kommen...“
„Was? Aber Ihre Werbung sagt doch was von 24/7-Notdienst!“
„Ja, es dauert sieben Tage, bis sie einen Termin bekommen können, aber dann brauche ich 24 Stunden, um den Schaden zu beheben.“

Dann mach ich das eben selber. Kann ja kein Hexenwerk sein!
Einer der Vorteile der Konsumgesellschaft ist es, dass Spülkästen in allerlei Größen, Formen und Farben beim Baustoffhandel meines Vertrauens permanent am Lager sind. Glücklicherweise behelligte mich keiner der Angestellten mit irgendwelchen Beratungsgesprächen, sodass ich nach kaum einem halben Tag Entscheidungsfindung vor dem haushohen Regal mit Spülkästen mit etlichen Euros weniger in der Tasche, dafür aber einem ansehnlichen Spülkasten unter dem Arm meiner heimatlichen Scholle entgegenstrebte.
Zuhause besorgte ich mir dann auch gleich die paar Werkzeuge, die ich für die nun folgende Operation brauchen würde. Neben Schutzbrille, Arbeitshandschuhen und Sicherheitsstiefeln, kamen noch Knieschoner, Bohrmaschine, eine Auswahl von Bohraufsätzen für Holz-, Stein- und Metallbohrarbeiten in fünfzehn verschiedenen Stärken, ein Akkuschrauber, das 50-teilige Bit-Sortiment für den Akkuschrauber, ein Zollstock, ein elektronisches Metermaß, eine Wasserwaage, ein Auswahl verschiedener Zangen, Schraubenzieher in verschiedener Größe und Ausführung, eine elektrische Stichsäge mit fünfzehn verschiedenen Sägeblättern, eine Handsäge für Metallsägearbeiten, eine Trittleiter, ein Satz Dichtungen in verschiedenen Durchmessern und Stärken und ein Handtuch dazu. Solchermaßen ausgerüstet sollte es mir möglich sein, die Aufgabe in nur wenigen Stunden zu meistern.

(c) Andreas Gütter, 2012


Das Abbauen des alten Spülkastens war keine Schwierigkeit, nachdem ich den Wassereinlauf abgeschraubt und die folgende Überschwemmung mit einigen Quadratmetern Feudel wieder halbwegs trockengelegt hatte. Immerhin weiß ich jetzt, wofür die kleine Schraube am Wassereinlauf war. Und beim nächsten Mal denke ich sicher auch daran, vorher den Kasten zu entleeren.
Das Auspacken des neuen Spülkastens war dank meiner werkstättischen Grundausstattung eine Kleinigkeit, das Lesen der Einbauanleitung erinnerte mich hingegen an das Bücherregal „Billy“ eines namhaften schwedischen IKEA-Hauses. Trotzdem gelang es mir, den Piktogrammen einen einigermaßen stimmigen Sinn zu entlocken. Nachdem ich das Wasserrohr solange eingekürzt hatte, dass es gepasst hätte, wenn die Toilette näher am Spülkasten gestanden hätte, gelang es mir, den Kasten mit zwei der vier vorgesehenen Schrauben an der Wand zu befestigen. Der Einsatz der Bohrmaschine konnte zu meiner großen Überraschung entfallen, da der neue Spülkasten mit nur wenigen Hammerschlägen beinahe wie von selbst an die alten Befestigungspunkte gezwungen werden konnte.
Der reichliche Einsatz von Bauschaum gewährleistete trotz der rätselhafterweise aufgetretenen Lücke den tropffreien Transport des Spülwassers in die Toilettenschüssel. Ebenso tropffrei konnte der Spülkasten befüllt werden, nachdem ich achtzig Zentimeter Zuleitung (gerade, verzinkt) mit Hammer und Zange in die zwanzig Zentimeter zwischen Ventil und Spülkasten verbaut hatte. Die Schrauben hielten daraufhin leider nicht mehr richtig dicht, aber auch hier vertraute ich auf die dichtende und haltende Wirkung des Bauschaumes.
Nach gerade mal vier Stunden harten Handwerkertums und zwei Stunden konzentrierter Reinigungsarbeit im Bad konnte ich meiner Frau und meinen begeisterten Kindern eine funktionierende Toilettenspülung präsentieren! Und dieser Typ vom Installateur-Dienst hätte da einen ganzen Tag für gebraucht...
Seltsamerweise besteht meine Frau seit neuestem darauf, dass das gesamte Bad renoviert werden soll. Und ich soll dafür einen Fachmann engagieren! Das verstehe, wer will...

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