Sonntag, 17. November 2013

Auf die Vorbereitung kommt es an!

Sämtlichen marktwirtschaftlichen Versuchen zum Trotz beginnen meine Familie und ich tatsächlich erst rund um den ersten Advent mit den feierlichen Vorbereitungen für das alljährliche Weihnachtsfest. 
Wir halten einfach nichts davon, schon mitten im September Lebkuchen, Spekulatius und andere zutiefst weihnachtliche Süßwaren einzukaufen, wenn draußen die Herbststürme gerade erst angefangen haben, dem Land ein neues Styling zu verpassen. Auch Weihnachtskugeln, Kunstschnee und Deko-Schlitten nebst Plastik-Rentier sind meiner Ansicht nach wenig angebracht, wenn am Baum gerade mal die Äpfel reifen...
Außerdem verliert diese ganz besondere Zeit vor Weihnachten irgendwie ihren Glanz, wenn man damit schon kurz nach der Bikinisaison anfängt. Das Argument, der Kunde wolle schon im September Weihnachtsartikel erwerben, ist meiner ganz persönlichen Ansicht nach eine schlichte Lüge umsatzgieriger Supermarktbetreiber.


Aber trotz allen Traditionsbewusstseins und trotz des argwöhnischen Blickes auf den Kalender, gibt es auch für mich eine Weihnachtsvorbereitung, die schon weit vor dem ersten Advent beginnen sollte. Immerhin handelt es sich hierbei um eine ganz besondere, erstaunlich schwierige und extrem gefährliche Angelegenheit, für die man nie genug Vorbereitungszeit haben kann. Deshalb fange ich alljährlich in aller Regel schon wenige Tage nach Ostern damit an, mir den Kopf über die richtigen Weihnachtsgeschenke zu zerbrechen. 
Für unsere Kinder ist das nicht weiter schwer. Sie sind in einem Alter, in dem ein Geschenk nur wenige Kriterien erfüllen muss, um ihre Augen zum Strahlen zu bringen: Groß, bunt und macht Lärm. Jedes Geschenk, das die Entwicklung des kleinen Menschen in mehr oder weniger bestimmten Bereichen fördern kann, ist ebenso sinnlos, wie diverse Kleidungs- und/oder Möbelstücke, die Junior und -ette zwar dringend benötigen, aber eben weder blinken noch irgendwelche interessanten Geräusche machen. 
Aber das richtige Geschenk für den Rest der Verwandtschaft, einschließlich meiner geliebten Ehefrau, zu finden, ist alles andere als einfach. 
Jahr für Jahr nehme ich mir daher vor, den Gesprächen mit der Verwandtschaft mögliche Wünsche, Bedürfnisse oder wenigstens Ideen zu entnehmen, die mir im weiteren Verlauf des Jahres dabei helfen könnten, für jeden die richtige Ware aus dem Laden zu entführen. Und Jahr für Jahr stehe ich am vierten Advent panisch in der Fußgängerzone und frage mich, wo das Jahr geblieben ist. Die Notizen, die ich mir machen wollte, umfassen nach über acht Monaten der Sammlung folgenden Eintrag: „Oma – Übertopf“
Aber was habe ich denn damit gemeint?
Folglich werde ich nun doch wieder alle Geschenke aus dem Bauch heraus auswählen müssen. Es muss eine solche Situation gewesen sein, in der ein kluger Kopf den Spruch gebar: „Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ 
Natürlich könnte ich es mir einfach machen und das bestehende Warenangebot auf das übliche S-O-S einschränken. An Socken, Oberhemden und Schlüppis kann man(n) ja nie genug haben. Für die weibliche Sektion der näheren und ferneren Verwandtschaft gäbe es dann noch die Allheilmittel 4711, die große Pralinensammlung (die gute mit Kirschwasser!) oder das Ein-Jahres-Vorteilsabo für „Frau im Koma“. Aber das wäre, wie bereits erwähnt, ein bisschen sehr einfach und würde mir, neben dem einen oder anderen gezwungenen Lächeln aus Höflichkeit, wohl mehrere Ewigkeiten im Höllenfeuer garantieren, und zwar in der Abteilung, an deren Toren steht: „Ablassbriefe werden hier nicht angenommen!“
Damit mir dieses nicht wieder geschieht und ich nicht wieder mit ebenso rast- wie ratlosem Gesichtsausdruck und einem verlegenen Grinsen an der Supermarktkasse stehe, mit einer Flasche Schnaps, einem Deo und sechs Packen Pralinen (die guten mit Kirschwasser), sitze ich nun schon seit einer Woche in Klausur und zerbreche mir den Kopf, wem in der Verwandtschaft ich welches passende (!) Geschenk machen soll. 
Na gut, Ostern ist schon ein wenig vorbei. Aber immerhin fange ich dieses Jahr wesentlich früher mit meiner persönlichen Weihnachtspanik an, und wenigstens habe ich dieses Mal eine Liste! Und da steht auch schon was drauf:


„Mama – Abo?“


Ich gebe zu, das ist noch nicht viel. Und ich weiß auch nicht mehr, was ich damit eigentlich genau gemeint habe, aber immerhin ist ein Anfang gemacht. Bis Weihnachten dauert es ja auch noch ein Weilchen, da wird mir schon noch was einfallen. Hoffe ich...  

Dienstag, 12. November 2013

Alte Zeiten...

Irgendein kluger Kopf hat mal gesagt, man könne nicht mehr zurück. 

Ein bisschen stimmt das ja auch. Auf der anderen Seite kommen wir doch alle irgendwann in eine Situation, die uns zumindest das Gefühl gibt, wieder im „Früher“ zu sein.
Vor einigen Tagen wurden unser Thronfolger und seine Erzeuger daran erinnert, dass mindestens einer von uns dreien sehr bald einen neuen Lebensabschnitt beginnen wird: 
Die künftige Lehranstalt hatte Sohnemann nebst Eltern zu einem ersten Gespräch eingeladen. Für Prinz Tunichtgut war das Ereignis nicht halb so schrecklich wie für seinen Vater! Der nämlich (also ich!) fühlte sich mit Betreten eines dieser typischen Flure um einige Dutzend Jahre zurückversetzt. 
Kaum erblickten meine alten Augen die offenbar gesetzlich vorgeschriebene Schulflurfarbe „Popelgelb“, die Haken voller kleiner, feuchter Anoraks und die unvermeidlichen verlorenen Handschuhe, kaum hörten meine grauen Ohren das konzentrierte Murmeln hinter verschlossenen Türen, den gelegentlichen Ruf einer Lehrerin nach Ruhe und Aufmerksamkeit, kaum roch meine taube Nase den sauer-herben Geruch lernender, schwitzender Kinder, krochen seltsame Gedanken in mein dumpfes Hirn:
„Ich hab meine Hausaufgaben nicht gemacht!“
„Hoffentlich schreiben wir heute keinen Test!“
Ich habe meinen Turnbeutel vergessen!“
Mein lieb Frauchen sah mir meine Sorgen wohl an, denn sie schenkte mir ein zauberhaftes, nichtsdestotrotz spöttisches Lächeln, als wir durch die stillen Gänge schritten. Vor dem Sekreteriat mussten wir erst mal warten. Das ist wohl so eine Art Naturgesetz: Niemand geht einfach so durch diese Tür! Niemand! Außer den Lehrern und den Schülern der höheren Stufen, die nur noch schnell was für die Schülerzeitung kopieren müssen.
So warteten wir vor den Toren der Höl... vor dem Sekretariat und vertrieben uns die Zeit damit, logische Gründe dafür zu finden, warum wir uns auf gar keinen Fall auf die Stühle setzen wollten, die genauso aussahen, wie man es von solchen Stühlen in allen Schulen dieser Welt erwarten kann (und muss...): Hart und unbequem. 
Während ich mich fragte, warum ich schon wieder zum Rektor musste, erkundete unser künftiger Musterschüler begeistert, fasziniert und gänzlich unbefangen die zahlreichen Zeichen gelebter Demokratie an dieser Schule:




Das Rauchen ist auf dem gesamten Schulgelände verboten!“
Die Schülervertretung informiert: Die nächste Sitzung des Komitees für Leibesertüchtigung findet am 12. April '98 im Schulcafé statt!“
Eure beliebte Schülerband „Die Labskäuse“ spielen zum Sommerfest '99 in der Aula!“
Eure Schülerzeitung „Schwamm drüber“ sucht noch Mitstreiter! Meldet euch bei Elke (7a)!“
Verlorene Turnbeutel können in der großen Pause beim Hausmeister abgeholt werden!“
Turnbeutel verloren! Er ist blau mit roten Streifen. Nicht schütteln! Da ist ein Joghurtbecher drin.“




Nur die Wandtafel mit den Stundenplänen ließ unseren potentiellen Oberprimaner seltsamerweise völlig unberührt...
Endlich, nach gefühlten Stunden ereignislosen Wartens, öffnete sich die Tür zum Sekretariat und eine Stimme erscholl von jenseits des Tresens, voller Autorität und bar jeden Zweifels: „Die nächsten! Bitte.“
Hinter dem Tresen fand sich eine Dame (Und ich wähle diesen Titel bewusst!) älteren Baujahrs, die uns freundlich begrüßte, einige formale Dinge mit uns besprach und sich ganz offensichtlich über den Besuch unseres Sohnes freute. Ihre beredte Körpersprache vermittelte allerdings folgendes:
„Ihr habt Unsinn gemacht. Leugnen hilft nicht, ich weiß es genau! Deshalb müsst ihr nun zum Rektor, und da kann ich euch nicht helfen. Aber keine Angst! Er wird euch schon nicht fressen. Strafe muss sein, und wer weiß? Vielleicht habe ich hinterher noch ein Trostpflästerchen für euch. Falls der Rektor noch etwas von euch übrig lässt...“ 
Dann öffnete sich die Tür zum Büro des Rektors, und es gab kein Zurück mehr! Während lieb Frauchen und Sohn lächelnd, sorglos und beinahe beschwingt in das Büro schwebten, schlurfte ich mit hängenden Schultern und schlechtem Gewissen hinterher...
Welche Hausaufgaben hatte ich denn jetzt schon wieder nicht gemacht? Sooo schlecht waren meine Noten doch nun auch nicht. Und schwänzen tun nur die anderen!
Ich hatte ganz vergessen, was für ein grandioses Gefühl plötzliche Erleichterung ist! Es ging ja gar nicht um mich! Was für ein Wunder. Immerhin hatte ich die Schule schon vor unzähligen Jahren verlassen, und diese spezielle Schule hatte ich noch nie besucht. 
Der Rektor unterhielt sich ausgesprochen freundlich mit uns über seinen künftigen Schüler, stellte uns ebenso wort- wie bildreich seine Schule vor und bedankte sich, dass wir uns für seine Lehranstalt entschieden hatten. Trotz allem kamen wir aber nicht ohne ein Wort der Ermahnung aus dem Büro: Lehren würden sie unserem Sohn alles, was er braucht, aber die Erziehung müssten wir schon selbst übernehmen! 
Das ist wohl noch so ein schulisches Naturgesetz: Der Rektor mahnt immer!




Nur noch ein paar kurze Monate, dann wird der Vorschüler zum Grundschüler. Schon der Gedanke daran macht uns Eltern stolz. Und noch mehr freuen wir uns über den Abschluss dieses besonderen Tages: 
Als wir alles hinter uns hatten, als alle Spiele gespielt und alle Geschichten gelesen waren, nach Abendessen, Waschen und Zähneputzen, als Prinz Studiosus müde in seinem Bett lag, da fragte er uns: „Können wir morgen wieder in die Schule gehen?“
Bald, mein Sohn, bald... 

Mittwoch, 18. September 2013

Suchspiel


Sherlock Holmes hat einmal gesagt: „Wenn man alle Möglichkeiten ausgeschlossen hat, so muss das Unmögliche, so unwahrscheinlich es klingt, die Lösung sein.“ 
Der Mann weiß gar nicht, wie recht er hatte!

Vor ein paar Tagen entdeckte meine heißgeliebte Ehefrau im Badezimmer Lücken in den Fugen, was angesichts des fortgeschrittenen Alters unseres Regenzimmers auch kein Wunder ist. Die Lösung unseres kleinen handwerklichen Problems hieß Silikon, weshalb wir kurzerhand den Baustoffhändler unseres Vertrauens aufsuchten und mit einer Tube Silikon ins Bad zurückkehrten. Meine Frau ist in handwerklichen Dingen um Längen geschickter als ich, und daher nahm sie das Heft in die Hand und beauftragte ihren Göttergatten, die zur Bewältigung der Aufgabe nötigen Utensilien bereitzustellen. Das merkwürdige Gerät, vermittels dessen der Tubeninhalt in die Fuge gepresst wird, war schnell gefunden und bereitgestellt. Auch einige Rollen Küchenpapier und eine klein Schale Spülwasser sowie Kreppband waren schnell zur Hand. Allerdings verlangte meine Frau auch noch nach einer Schachtel mit Silikonabziehern. Das sind, sagen wir mal, Spachtel, mit denen die gelartige Masse in Form und Fuge gebracht werden kann, um sich nicht die Finger schmutzig machen zu müssen. 
Ich wusste sehr genau, dass wir im Besitz einer solch genialen plastilinen Erfindung sind, aber leider überhaupt nicht mehr, wo ich selbige deponiert hatte. Nun halten sich handelsübliche Werkzeuge in einem durchschnittlichen Haushalt meist im Keller auf, folgerichtig begann ich die Suche also in den dunklen Katakomben unseres eigenen Kellers. Mit Taschenlampe, langen Fingern und viel Hoffnung durchsuchte ich gründlich mehrere Meter Regal, etwa ein Dutzend Kisten und Kartons und mehr Ecken, als man gemeinhin in einem solchen Raum vermuten würde. Ich fand einige Dinge, die ich vor langer Zeit einmal dringend gebraucht hätte, wenn ich sie damals gefunden hätte, irrsinnig viele Sachen, deren Betrachtung mich in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten schwelgen ließen, und erstaunlich viele Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass wir so was haben. Einen gewichtigen Teil meiner Beute brachte ich schwitzend und stolz ans Tageslicht, was mir allerdings den durchaus berechtigten Unmut meiner Fugenmeisterin einbrachte, denn das so dringend benötigte und so verzweifelt gesuchte Utensil war nicht dabei. Die Beute wanderte zu meinem großen Bedauern wieder in den dunklen Keller...
Nach diesem wahrscheinlichsten Aufenthaltsort der Spachtel durchsuchte ich weitere Orte, an denen ich mit einiger Berechtigung fündig zu werden hoffte. Zunächst durchsuchte ich die Laube, in der sich für gewöhnlich allerlei mit verschiedenen Gewerken in Verbindung stehende Gegenstände befinden, dann Dachboden, Küche, Wohnzimmer und sogar Badezimmer. Als alle Möglichkeiten, das ersehnte Werkzeug zu finden, erschöpft waren, besann ich mich der eingangs erwähnten Worte des Meisterdetektivs aus der Bakerstreet. Es war eigentlich völlig unmöglich, ausgeschlossen, dass eine Durchsuchung auch nur eines Kinderzimmers Erfolg haben könnte. Was sollten die Kinder denn auch mit diesen Spachteln? Außerdem habe ich die Dinger noch nie auch nur in der Nähe der Kinderzimmer gesehen. Andererseits hat lieb Töchterchen da so ein ganz spezielles Hobby...
Wie der geneigte Leser bereits weiß, sammelt Madam Dasbrauchichaber grundsätzlich alles ein, was sich auch nur ansatzweise in der Reichweite ihrer unzähligen Tentakeln wagt. Glücklicherweise befindet sich die Privatsphäre unseres Nesthäkchens noch in der Entwicklungsphase und beschränkt sich bis dato noch beinahe ausschließlich auf das Badezimmer. So hatte ich dann auch nur wenig Bedenken, ihr Refugium dezent, aber dennoch bis in die letzte Ecke gründlich zu durchsuchen. Also forschte ich in der üblichen Anzahl von Schränken und Kommoden, aber auch dahinter, dann unter dem Bett und in ungefähr siebenundneunzig Taschen, Beuteln und weiteren tragbaren Behältnissen unterschiedlichster Machart und Größe. Was ich fand, waren unzählige Haargummis, Heerscharen von Stofftieren, Armeen aus Legosteinen, Unmengen von Mützen, Fluten von Schals, Halstüchern, Handschuhen und Strümpfen, aber nicht einmal ansatzweise etwas, was auch nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit den gesuchten Spachteln hätte.
Meiner handwerkelnden Ehefrau blieb nun nichts anderes übrig, als das Silikon mit den bloßen, zarten Fingern zu verarbeiten, während ich zähneknirschend ob meiner erfolglosen Suche stumm daneben stand und Werkzeug, Lappen und Spülwasser anreichte.
Sherlock Holmes hatte wohl doch nicht recht. Aber wahrscheinlich greift hier auch ein ganz anderes Gesetz:
Das, was du gerade jetzt dringend brauchst, wirst du erst finden, 
wenn du eher schlechten als rechten Ersatz geschaffen hast und (und das ist wichtig!) 
du etwas völlig anderes, wahnsinnig wichtiges suchst... 
aber nicht findest.

„Suchet, so werdet ihr finden,“ sagt die Bibel. Das eine muss aber nichts mit dem anderen zu tun haben.



Donnerstag, 5. September 2013

Jäger? Sammler!


Mindestens einmal im Monat wird aus dem Jäger der Antike und Vorzeit der Sammler der Neuzeit. Dann versammelt das Familienoberhaupt seine Schar um sich und überfällt mit Frau und Kindern die Konsumtempel der Stadt. Und irgendwie ist das monatliche Einholen der Nahrungsvorräte mit der ganzen Familie eines der letzten Abenteuer, denen sich ein Mann im Großstadtdschungel noch stellen kann. Jedenfalls wenn er körperliche Risiken möglichst gering halten will. Obwohl….
Letzten Monat war es natürlich auch für mich und meine Familie wieder soweit, die Kornkammern der heimischen Scholle aufs Neue zu befüllen. Im Verlaufe der vergangenen Wochen hatte sich der Raum mit jedem neuen Tag ein bisschen mehr geleert, bis das Echo das einzige war, was man in dieser heiligen Halle noch finden konnte. In wochenlanger Kleinarbeit haben mein geliebtes Eheweib und ich eine Einkaufsliste von epischen Ausmaßen gedrechselt und die lukullischen Gaumenfreuden des nächsten Monats geplant, sodass uns nun, in der Morgenröte des neuen Monats und im (wenigstens kurzzeitigen) Vollbesitz meines Gehaltes, nichts mehr davon abhalten konnte, den diversen Konsumtempeln der Stadt unsere plündernde Aufwartung zu machen, einen jeden Tempel nach seinen Waren- und Sonderangeboten.
So wurden die Kinder in ihre besten Schuhe gesteckt und im Fond unseres Familienlasters vertäut, die Einkaufskisten wurden im geräumigen Kofferraum nach Art des Tetris möglichst effektiv eingebaut, und schon strebten wir dem ersten Supermarkt auf der Liste entgegen.
Das Einkaufen an sich ist ja nicht so schwer. An jedem Laden gibt es ein strategisch günstig gelegenes Einfallstor, wo man auch gleich einen dieser ebenso praktischen wie widerspenstigen Gitterwagen mieten kann, in dem wir nicht nur unsere Kinder lagern, sondern auch unsere Beute einsammeln können. Und dann schiebt man seinen Wagen von einem Gang in den nächsten und hakt auf der Einkaufsliste Artikel um Artikel ab, bis der Wagen gefüllt ist und man sich in der Schlange vor der Kasse mental auf die Überschreibung seiner finanziellen Mittel im Austausch gegen eine Handvoll Lebensmittel vorbereitet. Soweit die Theorie. Und solange man allein oder in Begleitung eines normal vernunftbegabten Erwachsenen einkaufen geht, stimmt die Theorie mindestens größtenteils mit der Praxis überein. Aber nicht, wenn Kleinkinder ins Spiel kommen.
Das fängt schon mal damit an, dass ich den so mühsam gedichteten Einkaufszettel im ganzen Haus suchen muss, weil er eben nicht mehr am Küchenschrank hängt, wo ich ihn eigentlich erwartet habe. Letztlich finde ich den Zettel in einer der unzähligen Taschen meiner Tochter, die darin alles verstaut, was sich nicht rechtzeitig dem Zugriff ihrer acht Arme entziehen kann.
Ein stetiger Redefluss von den billigen Plätzen untermalt die Fahrt zum Supermarkt unseres Vertrauens: „Können wir Schokolade haben? Darf ich ein Spielzeug? Ich brauche unbedingt ein Buch!“ Und auf dem Parkplatz werden Vater und Mutter regelmäßig Zeugen eines kleinen Wunders: Während es Jung Siegfried und Prinzessin AufderErbse im Normalfall kaum schaffen, das Auto in einem ansprechenden Zeitraum zu verlassen, platzen sie nun, kaum, dass die Türen geöffnet werden, aus dem Auto. Ich bin überzeugt davon, dass mein Frauchen und ich in der ganzen Stadt bekannt sind als das Paar, das auf jedem Parkplatz erst mal laut „STOP!“ brüllt. Die Herde ist kaum zu halten, wenn es darum geht, einen Konsumtempel (mit Aussicht auf Süß- und/oder Spielwaren) zu entern.
Im Laden geht es dann auch nicht unbedingt ruhiger zu, denn grundsätzlich alle angebotenen Waren sind hochgradig interessant und wollen gewissenhaft untersucht werden. Einer der häufigsten Sätze im Verlaufe der Plünderung der Regale ist demzufolge: „Nein, das brauchen wir nicht. Bring es bitte zurück, wo du es her hast.“ Trotzdem müssen wir in heiterer Regelmäßigkeit verschiedene Gemüsedosen, kleinere Dekorationsartikel, Nippes und merkwürdiges Spielzeug aus unserem Einkaufswagen sammeln. Die Kinder sind ebenso regelmäßig ausgesprochen enttäuscht, wenn sie ihre Beute wieder zurückbringen müssen. In den Fällen, in denen die Kinder ihre Beute nicht in den Wagen legen, finden wir die Dosen säuberlich aufgereiht vor den Regalen. Es bedarf dann einiger klärender Worte, eines bösen Blickes und zuweilen auch einer Drohung mit Süßwarenentzug, um die Waren wieder an ihren angestammten Platz zu bringen.
So wird die Wanderung durch die langen Gänge des Supermarktes immer wieder unterbrochen von Diskussionen über Bedarf oder Nichtbedarf einzelner Waren, von Ermahnungen, bei Mama und Papa zu bleiben, von Aufforderungen, Waren nicht umzusortieren, und so weiter und so fort. Bis wir mit unserem planmäßigen Einkauf fertig sind, besteht das Abenteuer Supermarkt für unsere Kinder aus einer schier endlosen Reihe von Ermahnung, Ablehnungen und Kommandos. Und dann hängen wir zwischen Spielwarenabteilung und Süßwarenregal. Für Ritter Brauchichaber und Lady Alleswill die größte Herausforderung des Tages, denn die Alttiere erlauben unsinnigerweise nur eines: Entweder Spielzeug (ein kleines) oder Süßes (nicht viel größer)! Langzeitvergnügen oder kurzfristige Geschmacksekstase, das ist hier die Frage. Angesichts des nun doch schon etwas länger zurückliegenden Frühstücks prognostizieren lieb Frauchen und ich, dass die Wahl auf Süßwaren fallen wird, und siehe da! Beide Kinder entscheiden sich in der Tat für Süßwaren. Welche das nun ist, ist völlig egal, Hauptsache süß. Nun müssen Freund Hunger und Madam Jetzt nur noch warten, bis wir endlich durch die Kasse sind. So reihen wir uns dann in die Schlange der geduldig wartenden Einkäufer ein, überschlagen schon mal den Rechnungsbetrag, hoffen auf Mengenrabatt und widerstehen dem Drang, die Kasse noch ein- oder zweimal zu wechseln, nur weil die andere Schlange scheinbar schneller voran kommt. Während wir warten, müssen wir gefühlten zweiunddreißig kleinen Händen ein ums andere Mal beibringen, dass die Leckerei erst noch bezahlt werden muss, bevor sie in den Bauch wandern darf. Aber sonst sind unsere beiden Schätze richtige kleine Engel. Das hängt möglicherweise mit einer angedeuteten Zukunft ohne Süßwaren zusammen, sollten sich unsere Nachkommen nicht unseren Wünschen entsprechend verhalten.
Als wir endlich an der Kasse angekommen sind, bemerken wir, dass praktisch alle anderen Schlangen schneller waren als wir. Aber das ist zweitrangig. Viel mehr wurmt es uns, dass uns die diensthabende Kassiererin einen geradezu lächerlich hohen Betrag aus dem Kreuz leiern will. Sie kann ihre Forderung allerdings anhand einer eng bedruckten Tapete voller Zahlen und einer irrsinnig hohen Summe belegen, sodass uns nichts anderes übrig bleibt, als unsere schmalen Besitztümer zu überschreiben. Immerhin sind wir nun wieder genügend eingedeckt, um bis zum Ende des Monats gut leben zu können, wenn wir die Speisen streng rationieren. Den Kindern ist das alles egal, denn endlich können sie den Lohn ihres guten Benehmens genießen, während Vater und Mutter den Familienlaster bis unter das Dach mit Speis und Trank befüllen. Die Heimbringung der Beute wird untermalt vom zufriedenen Schmatzen auf den hinteren Rängen und dem leisen Schimpfen der Alttiere über die absurd hohen Lebensmittelpreise von heute. Was dann folgt, geht mir persönlich regelmäßig auf den Nerv. Während es den Kindern (noch) vergönnt ist, nach erfolgreicher Jagd im Wohnzimmer dem kindlichen Spiel zu frönen, muss ich die Beute in mühevoller Hand- und Fußarbeit in die Küche wuchten, wo lieb Frauchen die Speisekammer geduldig und halbwegs nach Plan befüllt.

Nach des Vormittages großer Mühen des Nahrungserwerbs, nach dem Schleppen tonnenschwerer Kisten und Kästen gibt es nur noch eines, wonach ich mich sehne: Meinen Mittagsschlaf, auf dem Sofa. Jetzt sofort! Gute Nacht!  

Mittwoch, 28. August 2013

Gesundheit! Danke!


Vor einiger Zeit stand ich mit einigen Freunden in illustrer Runde und diskutierte verschiedene Lösungsansätze zur Bewältigung einiger der dringenderen Probleme dieser Welt, als es plötzlich in meiner Nase leicht, aber unangenehm kribbelte. Meine erste Reaktion auf diesen Hinweis einer nasalen Schutzfunktion war ein Handrücken, der heftig die Nase bearbeitete, bis sie leise Knackgeräusche von sich gab. Das Gespräch nahm davon völlig unbeeindruckt seinen weiteren Lauf, bis es wieder in meiner Nase kribbelte, dieses Mal aber ein wenig nachdrücklicher. Meine bisherigen Erfahrungen mit kribbelten Nasen lehrte mich, dass es nun höchste Zeit war, auf die Suche nach einem Taschentuch zu gehen. Während ich diverse Hosentaschen abklopfte, holte ich tief und hörbar Luft. Das bis dahin munter vor sich hin plätschernde Gespräch erstarb, und die komplette Gesprächsrunde beobachtete mich mit einer Mischung aus Spannung und Sensationsgier. Während ich hektisch in meinen Hosentaschen kramte, schlossen meine Freunde schon Wetten ab: „‘n Zehner, dass er kein Taschentuch findet.“ „Nee, das schafft er schon noch!“
Meine Lungenflügel waren mittlerweile bis zum Bersten gefüllt mit schöner, frischer Luft, als ich vorne rechts endlich einen Zelluloseklumpen ertastete, der vor nicht mal drei Wochen noch ein frisches Taschentuch gewesen war. Mit zitternden Fingern, halb blind in Vorbereitung eines heftigen Niesens, fummelte ich das Taschentuch Stück für Stück aus der Tasche und versuchte, die einzelnen Fetzen irgendwie vor die Nase zu bekommen. Inzwischen verweigerten die Lungen die weitere Luftaufnahme und wiesen vehement daraufhin, dass es nun höchste Zeit sei, auszuatmen. Egal, wie! 
Meine Freunde betrachteten mich interessiert. Meinen Kopf weit in den Nacken gelegt, mit Lungenflügeln groß wie Elefanten, weit aufgerissenem Mund und einem Zellulosepuzzle vor der Nase erwartete ich nunmehr den Ausstoß sämtlicher Fremdkörper dieser Welt aus meinem Riechorgan.
Und dann kam… nichts! Das Kribbeln verging ebenso schnell, wie es gekommen war. Die Luft entwich geräuschvoll aus meinem überdehnten Atemapparat, der Kopf klappte nach vorn, mein Taschentuch wanderte umgehend in die nächste Tonne. In den Gesichtern meiner Zuschauer zeigte sich ein klein wenig Enttäuschung, während ich selbst doch sehr verwirrt darüber war, nun doch nicht genossen zu haben. Dafür aber lief mir die Nase, und zwar heftig. Mein eigenes Taschentuch war ja nun gerade in die ewigen Jagdgründe gegangen, aber wozu hat man denn Freunde? Mir wurde ein neues, sogar ungebrauchtes Taschentuch in die Hand gedrückt, mit dem ich denn nasalen Dammbruch schließen und die bisherigen Flüssigkeitsströme aufnehmen konnte. Oh, welch Wohltat. Nun endlich konnte das Gespräch wieder aufgenommen werden. 
Ich wollte gerade mit einem gelehrten Diskurs über den EU-Beitritt diverser Staaten beginnen, als plötzlich ein weiteres, ausgesprochen heftiges Kribbeln meine Nase überfiel. Ich griff in die Hosentasche, fasste in irgendetwas eklig nasses und zog daran. Aber bevor ich auch nur ansatzweise meine Nasenöffnungen verschließen konnte, schossen unzählige Tropfen, beladen mit Myriaden von Viren, Bakterien und anderen Passagieren, mit nahezu unglaublicher Wucht aus der Nase, begleitet von einem ebenso überraschten wie lauten „ATSCHÜHH!“ Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, wenigstens die Armbeuge vor das Gesicht zu  heben. Ich schaffte es gerade mal, meinen Kopf abzuwenden, was aber auch nur zur Folge hatte, dass der feuchte Strahl viraler Überraschung nicht in einer engen Keule nach vorn aus der Nase entschwand, sondern sich in eine breite, elegante Kurve auffächerte, woraufhin sich meine Gesprächsrunde sprunghaft erweiterte. 
Jetzt endlich, lange nach der plötzlichen Verbreitung biologischer Kleinstteile, konnte ich das noch nasse Taschentuch dazu nutzen, wenigstens die feuchten Überreste des Niesanfalls aus meinem Gesicht zu entfernen, während ich ein nasales „Schuldigung“ in die Runde schniefte. 
Obwohl dies mein einziger Ausbruch überraschender Niesübungen war, blieben meine Freunde im weiteren Gespräch auf respektvollem Abstand, was ich ihnen auch nicht übelnehmen konnte. 
Wer will sich schon mit einem ganzen Psychrempel anstecken? Sehen Sie, meine Freunde auch nicht.
Nur wenige Tage später konnte ich eine gute Freundin bei einem ähnlichen Dilemma beobachten. Auch sie atmete tief ein und bereitete sich auf einen Nieser der Extraklasse vor. Im Unterschied zu mir, schaffte sie es, aus ihrer Handtasche ein frisches Taschentuch zu angeln, es anmutig zu entfalten und sich vor die Nase zu halten, dies alles einhändig, weil die zweite Hand die Handtasche festhielt, blind, weil sie den Kopf im Nacken hatte, und rechtzeitig, bevor sie ihrem Nieser mit einem damenhaften „HAAAAA-tschi“ Ausdruck gab. 
Eben diese junge Dame fragte ich wenige Minuten nach diesem geradezu niedlichen Ereignis nach einem Taschentuch. Und soll man es glauben? Dieselbe Frau, die gerade eben blind und einhändig ein Taschentuch in höchster Eile und Präzision aus der Handtasche gezaubert hatte, brauchte nun geschlagene fünf Minuten, um die Packung Taschentücher in den Tiefen ihres tragbaren Großlagers zu finden. 

Donnerstag, 22. August 2013

Wie war das noch?


Jeden Monat ist es dasselbe Spiel: Kaum hat der Monatsanfang den monetären Lohn täglicher Mühe auf das strapazierte Konto gespült, rennt der verantwortungsbewusste Familienvater mit Mutti los und kauft für die Brut (und natürlich auch für das eigene leibliche Wohl) allerhand Nahrungsmittel, Getränke und Hygieneartikel ein. Am Ende einer solchen Bevorratungsoperation stehen ein hoffnungslos überfüllter Familienlaster, ein deutlich schlankeres Konto und eine EC-Karte mit deutlichen Schleifspuren. 
Im Idealfall muss diese EC-Karte in der Folgezeit nur noch selten benutzt werden, bis kurz vor Ende des Monats (so runde zwei Wochen) der Tank meines Familienlasters so allmählich trocken fällt. Ich versuche dann immer, möglichst dann zu tanken, wenn der Benzinpreis mal nicht himmelhoch steht, sondern wenigstens annähernd in Erdnähe. Manchmal gelingt es mir, manchmal ärgere ich mich nur wenige Stunden später, dass ich nicht noch ein klein wenig gewartet habe, um zwei Cent pro Liter mehr sparen zu können. Immer aber ist das Zahlungsritual dasselbe: Seit der Möglichkeit, elektronsich zu bezahlen, habe ich solch astronomische Beträge, wie sie mittlerweile zur Begleichung der Tankrechnung nötig sind, nicht mehr bar bei mir. Die Gefahr eines äußerst verlustreichen Überfalls ist einfach zu groß. Folglich bezahle ich in der Regel an der Tanke mit meiner EC-Karte. Immerhin leben wir in einer modernen, technisierten und größtenteils digitalisierten Handelswelt. Ich schiebe meine Karte also in den dafür vorgesehenen Schlitz, bestätige ein ums andere Mal, dass sich die Karte am richtigen Platz befindet, dass der Betrag der richtige ist und dass ich nunmehr elektronisch bezahlen möchte. "Bitte geben Sie Ihre Geheimzahl ein!" 

Oha, wie war die gleich noch? Nach einigem Überlegen und einem nervösen Blick auf die Schlange bezahlungswilliger Kunden hinter mir, tippe ich die vier Ziffer mit zitternden Fingern in das Gerät. 

"Ihre Eingabe war nicht korrekt. Sie haben noch 2 Versuche!"
Nun, die wollen gut überlegt sein. Wenn ich mich noch einmal vertue, schwinden meine Chancen, die Karte weiterhin zu benutzen. Außerdem habe ich kein Bargeld bei mir, aus oben bereits aufgeführten Gründen. Als vorsichtiger Bürger, der um die Gefahren von Taschenraub, Phishing und ähnliche Gemeinheiten durchaus weiß, befindet sich in meinem Geldbeutel kein Zettel mit einer vierstelligen Nummer. Außerdem bin ich mir sicher, dass die vier Ziffern, die ich da gerade eingetippt habe, stimmen. Nur über die Reihenfolge bin ich mir nicht ganz im Klaren. Nach weiterem, langem und intensiven Überlegen und einer kurzen Entschuldigung in Richtung der mehr oder weniger geduldigen Warteschlange probiere ich mein Glück mit einer Zahlenkombination, die einfach stimmen muss, sonst bin ich aufgeschmissen. Die Sekunden der Wartezeit, die zur Prüfung meiner Eingabe nun einmal notwendig ist, erscheinen mir wie Stunden. Endlich piepst das Gerät: "Bezahlung erfolgt. Bitte Karte entnehmen." Erleichterung strömt durch mein geschundenes Herz, beschwingt nehme ich Kassenbon und Quittung in Empfang, strahle die Warteschlange an und verlasse auf Wolken schwebend die Tankstelle. 
Dieses Erlebnis nahm ich zum Anlass, einmal all die Passwörter, PIN-Nummern und Zugangscodes, sammeln zu wollen, die ich im Moment so benötige, nicht nur, um meiner Familie das Überleben zu sichern, sondern auch, um meine tägliche Arbeit zu verrichten und einige Teile meiner Freizeit zu genießen. 
Es ist noch gar nicht so lange her, da brauchte man nur einen kleinen Zettel im Nachtschränkchen oder eben, wenn man ein wenig risikofreudiger war, im Geldbeutel und ein Adressbuch neben dem Telefon im Hausflur, um die wichtigsten Nummern und Namen bei Bedarf nachschlagen zu können. 
Heute haben wir die Namen im Telefon oder Smartphone gespeichert und brauchen eine Geheimzahl, um das Smartphone benutzen zu können. Dann brauchen wir ein Passwort für den heimischen Computer, für soziale Netzwerke, Internetforen, für Online-Banking und -Shopping, für tausenderlei Dinge Benutzernamen und Passwörter in rauen Mengen. Und auf der Arbeitsstelle geht es weiter: Wir brauchen unsere Personalnummern, Benutzernamen und eine weitere Reihe Passwörter, um mit dem Computer unseres Arbeitgebers zu arbeiten, um interne Netzwerke und notwendige Programme zu nutzen. 

All diese Passwörter, Benutzernamen und Zugangscodes passen nicht mehr auf einen kleinen Zettel, ich bräuchte schon ein ganzes Buch, um all die Zugänge, Passwörter, Benutzernamen und Geheimzahlen aufzuschreiben, denn im Kopf kann ich mir das alles schon lange nicht mehr behalten. Dieses Buch läge dann in meinem Nachtschränkchen, wenn es denn dort noch Platz hätte. Früher lag dort einmal ein Zettel, auf dem nichts weiter als vier Ziffern standen... 

Allerdings bin ich auch mit diesem Buch auf ein Hindernis gestoßen: Eine ganze Reihe von Passwörtern, die ich tagtäglich zu benutzen habe, um beispielsweise an meinem Arbeitsplatz wenigstens halbwegs produktiv zu sein, muss in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen geändert werden. Das eine Passwort nach vier Wochen,. das nächste nach zwei Monaten, ein anderes alle sieben Tage, und so weiter und so fort... 
Natürlich reicht es dann nicht, ein Wort zu nehmen, dass ich mir recht leicht merken kann. Im Sinne der Sicherheit in den Netzwerken müssen meine Passwörter bestimmten Konventionen folgen, damit ich sie verwenden kann: Sonderzeichen, wechselnde Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlenfolgen und dergleichen mehr. Einen Rattenschwanz von beispielsweise "ÄöH@ro#f34l*gm9" kann ich mir einfach nicht merken. Folglich bin ich geradezu gezwungen, mir auch diese häufig wechselnden und gar nicht mal simplen Passwörter aufzuschreiben. Das wiederum bedeutete allerdings eine ganze Reihe von immer wiederkehrenden Streichungen und Neueinträgen in meinem externen Gedächtnis, wenn ich es denn schriebe. Ich bin daher dazu übergegangen, all meine Passwörter und Benutzernamen, alle Zugangscodes und PIN-Nummern in eine Tabelle einzutragen, und zwar am Computer. Denn diese kann ich übersichtlich gestalten und nach Belieben oder Notwendigkeit ändern. Es gibt keine Streichungen und, nebenbei gesagt, auch keinen Interpretationsspielraum aufgrund höllisch unleserlicher Schrift. Alles ist klar und deutlich zu lesen und jederzeit im Computer griffbereit. Ich brauche nun keine Angst mehr zu haben, ein Passwort, eine PIN-Nummer oder einen Benutzernamen zu vergessen, ich brauche ja nur in der Liste nachzuschauen. Es ist ja alles da! Und garantiert aktuell! Natürlich ist diese Datei gegen den Zugriff von außen durch ein kompliziertes Passwort geschützt. Tja, und das... hab ich vergessen. Und ich hatte es auch noch nicht auf einen kleinen Zettel geschrieben... 

Mittwoch, 21. August 2013

Die moderne Welt


Die moderne Welt, in der wir leben, ist ja zuweilen schon faszinierend.
Früher, als nach Aussage sämtlicher älterer Menschen noch alles besser war, geriet die alltägliche Ernährung des Familienclans gerne mal zum „Alle-Mann-Manöver“, wie man unter Seefahrern so gerne sagt. Papa sorgte mit Keule, Pfeil und Bogen für das Fleisch, die Kinder sammelten genug Holz für den heimatlichen Feuerkreis, und Mama drechselte aus frisch geschossenem Wild, einigen Dutzend Beeren und Wurzeln und jeder Menge Kreativität eine ausgewogene Mahlzeit in drei Gängen für die ganze Höhle. 
Seither hat die Küchen- und Mahlzeitenzubereitungstechnik erstaunliche Fortschritte gemacht, die unter anderem dazu geführt haben, dass meine Wenigkeit nicht verhungert. Denn bei meinen waidmännischen Fähigkeiten würde sich essbares Wild höchstens totlachen, statt durch eine gut geführte Keule oder einen Robin-Hood-mäßigen Schuss mit Pfeil und Bogen meinerseits den Löffel abzugeben. 
Wie der regelmäßige Leser schon längst weiß, bin ich durchaus in der Lage, mittels Herd, Topfsammlung, diverser Küchengeräte sowie einer ständig wechselnden Auswahl von Lebensmitteln das eine oder andere essbare Mahl zuzubereiten. Jedenfalls ist bei mir noch keiner verhungert. Im Allgemeinen koche ich genügend, um auch am folgenden Tag noch Gelegenheit zu haben, mein lukullisches Meisterwerk zu genießen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer, um beim Essen zu bleiben. 
Es gibt natürlich mehrere Arten, kalte Speisen von gestern wieder zu erwärmen. Auf dem Herd, im Ofen, meinetwegen auch auf offener Flamme. Aber die einfachste, schnellste und natürlich auch bequemste Art der Neuerwärmung ist mit Sicherheit die Mikrowelle. Statt darauf zu warten, bis Töpfe, Schüsseln und Terrinen im Ofen langsam warm werden, knallt man seine Portion essfertig auf einen Teller, schiebt selbigen in die Mikrowelle und lässt sie einige Sekunden bis Minütchen brummen. So schnell kommt man heutzutage zu einer warmen Mahlzeit! 
Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. 
Wenn man sich so eine Mikrowelle mal rein äußerlich betrachtet, fallen einem dann doch gleich eine ganze Reihe Knöpfe und Regler auf, alle mit mehr oder weniger kryptischen Symbolen behaftet. Vermittels dieser zahlreichen Bedienelemente soll gewährleistet werden, dass jede Speise bedarfs-, mengen-, und mundgerecht erwärmt wird. Dazu wäre grundsätzlich das gründliche Studium der Bedienungsanleitung vonnöten, eine Form der Literatur, die ich persönlich immer für überfrachtet und größtenteils überflüssig betrachtet habe. Also, weg mit dem Ding. 
Es kann ja nicht so schwer sein, einen Teller mit Kartoffeln, Erbsen und Möhren, sowie einem ordentlichen Schnitzel in diesem technischen Meisterwerk warm zu bekommen.  Und so schritt ich eines schönen Tages zur Tat! 
Der Knopf zur Regelung der Leistung des Gerätes war bald gefunden, und ebenso schnell war er ganz nach rechts gedreht. Warum dieser Knopf zwischen „Null“ und „Volle Pulle“ noch ungefähr zwölf weitere Einstellungen hatte, erschloss sich mir nicht; war mir auch egal, denn eine alte Volksweisheit sagt ganz richtig: „Viel hilft viel!“
Nach einigem Herumprobieren fand ich dann auch den Knopf, mit dem man die Garzeit einstellen konnte. Nach dem Motto „In fünf Minuten ist alles gut!“ pendelte ich mich irgendwo bei 5 Minuten und ein paar Sekunden ein und suchte den Startknopf. Gefunden, gedrückt, und das Gerät brummte heiter los… Weil fünf Minuten je nach Laune, Tagesform und Luftfeuchtigkeit immer mal ein weniger länger dauern können, begann ich in der Zwischenzeit mit dem Herrichten meines Mittagstisches. Messer und Gabel, dazu ein Gläschen Gallensteiner Nierentritt und die aktuelle Tageszeitung. Letztere musste ich erst mal suchen, weshalb mir die ersten Anzeichen, dass mit meinen Wunderofen ganz offensichtlich was nicht stimmen konnte, nicht auffielen. Weder das erste Zischen überhitzten Wassers, noch erste zarte Knackgeräusche vom Gemüse drangen an mein Ohr, während ich die Einzelteile der aktuellen Tagespresse aus allen möglichen und unmöglichen Ecken des Zimmer zusammensuchte. Erst, als ich meinen persönlichen Mittagstisch zu meiner Zufriedenheit zusammengestellt hatte, wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder meiner  Mahlzeit zu, die in der Zwischenzeit zu wilden, unkontrollierten Salutschüssen übergegangen war. Mit heftigen Explosionen und lautem Zischen bedeutete mir die Mikrowelle, dass meine Speise nun leicht überhitzt war. Ist ja kein Problem, denn wie jeder weiß, wird durch die Mikrowelle lediglich die Speise erwärmt, nicht aber Teller oder Schüssel. Mehrere heftige Donnerschläge aus dem Inneren der Mikrowelle sowie ein lustiges Klingeln wiesen mich nunmehr darauf hin, dass die eingestellte Garzeit abgelaufen war. Ich öffnete die Tür, wich der dichten Wolke kochend heißen Wasserdampfes behände aus und griff nach dem Teller. Den ich nach Bruchteilen von Sekunden und weit außerhalb des Garraumes unvermittelt wieder losließ… Nicht nur mein Mittagessen brodelte in vulkanischer Hitze, auch der Teller war glühend heiß! Natürlich übernahm die Schwerkraft sofort ihre Aufgabe und sorgte für eine großräumige Ausbreitung vormals erlesener Speisen auf dem Laminat. Der Blick ins Innere des Glutofens war auch nicht sonderlich erfreulich. Die kümmerlichen Überreste dutzender explodierter Erbsen und Möhren, gemischt mit Sprenkeln dunkler, festgekochter Sauce und übermalt von zartgelben Kartoffelfetzen schmückten sämtliche Wände, Boden und Decke des Garraumes. Nur mit Mühe schob sich das Licht der Mikrowellenfunzel durch das Gewirr zerfetzter Grundnahrungsmittel. Angesichts des Gemetzels im Inneren der Mikrowelle wunderte ich mich, dass überhaupt noch etwas meiner so sehnsüchtig erwarteten Mahlzeit auf dem Boden angekommen war. Einzig das Schnitzel erschien noch intakt, sah man einmal von den nach dem Freiflug daran klebenden Haaren, Staubfusseln und dem irgendwie verkohlten Geruch ab. 
Meine Pläne für die Mittagspause änderten sich aus naheliegenden Gründen ad hoc. Aus dem Mittagessen einschließlich politischer Bildung sowie einem sich daran anschließenden, ausgiebigen Suppenkoma wurde eine konzertierte Reinigungsaktion mit Lappen, diversen Reinigungsessenzen und einem Spachtel. Nicht nur der Fußboden musste gefegt, gewischt und desinfiziert werden, auch das Innere des Küchenvulkans musste (nach Abkühlung zumindest der oberen Belagsschichten) freigekratzt, gereinigt, desinfiziert und poliert werden. Eine Tätigkeit, die weit mehr Zeit in Anspruch nahm, als meine Mittagspause es getan hätte… Und Hunger hatte ich immer noch! 
Letzteren stillte ich angesichts des gerade erlebten Desasters durch Einnahme einiger Scheiben belegter Brote, die garantiert nicht in den Genuss der Mikrowelle kamen. Die Lektüre der Zeitung wurde verschoben zugunsten der nun doch wieder hervorgekramten Bedienungsanleitung. Wer  hätte gedacht, dass ein Buch über die Bedienung einer Mikrowelle gleichzeitig ein Lehrbuch über den praktischen Gebrauch der Wellenausbreitung zum Zwecke der Wärmeerzeugung sein könnte? Ich vertiefte mich in Theorie und Praxis elektromagnetisch induzierter Teilchenbewegung, Frequenzen und Wärmeübertragung und konnte schon bald jeder der zwölf Einstellungen am Leistungsregler einen Sinn entlocken. Ich war stolz auf mich!

Die ganze Geschichte spielte sich vor vielen Jahren ab. Inzwischen gehe ich mit einer Mikrowelle ganz selbstverständlich um, wie mit jedem anderen Haushaltsgerät, sei es Kühlschrank, Waschmaschine oder DVD-Player.  Denn wenn mich diese Geschichte eines gelehrt hat, dann dieses: 
Auch, wenn Bedienungsanleitungen eine überfrachtete und größtenteils überflüssige Form der Literatur sind, lohnt es sich zuweilen doch, sie zu lesen. Wenigstens die wichtigsten Kapitel… 



Samstag, 10. August 2013

Nachtflug

Das ausgesprochen warme Wetter der letzten Tage lässt uns nur allzu schnell vergessen, wie kalt, feucht und vor allen Dingen lang der letzte Winter war. Während wir zitternd und frierend unter Regenschirmen und mehreren Schichten dicker, warmer Kleidung das Wetter im Allgemeinen und den Winter im Besonderen hingebungsvoll monatelang verfluchten, fühlten sich die Insektenlarven ausgesprochen wohl. Wer damit gerechnet hatte, dass das ungemütliche Klima des letzten Winters einschließlich großer Teile des Frühlings den heranwachsenden Mücken, Schnaken und anderen lästigen Insekten den Garaus gemacht hätte, hatte sich kräftig verrechnet. Tatsächlich sagen Experten, dass es in diesem Jahr wesentlich mehr Insekten gibt als in den vorangegangen Jahren, weil die Larven eben das feuchte Klima für eine gesunde Entwicklung brauchen. 

Daher ist eines der häufigsten Geräusche, was man in diesem Sommer hört, das Surren und Summen kleiner, blutgieriger Mistviecher, die uns Zweibeiner offenbar als irrsinnig großes und schmackhaftes Buffet betrachten. Das zweithäufigste Geräusch in diesem Sommer ist folglich auch das mehr oder weniger rhythmische Klatschen von Händen auf Nacken, Arme, Brust, Beine, Po oder wo auch immer die kleine Sauger ihre Mahlzeit einzunehmen wünschen. 

Während andere Menschen in meinem Dunstkreis sich tagtäglich über neuerliche Mückenattacken aufregen und der mehr oder weniger interessierten Umwelt Arme und Beine mit beulenpestartiger Dekoration vorführen, blieb ich bisher von der blutsaugenden, insektoiden Plage beinahe unberührt. Vielleicht liegt es an meiner Vorliebe für Knoblauch, vielleicht an meiner stahlharten Ganzkörperhornhaut, die kein Stachel zu durchdringen vermag, jedenfalls ist mein Model-Body noch zart und glatt, abgesehen vielleicht von meiner männlich-herben Körperbehaarung.
Trotzdem bin auch ich vom derzeitigen Massenauftreten von Mücken, Faltern und dergleichen mehr nicht gänzlich unbetroffen, bin ich doch regelmäßiger Teilnehmer am nächtlichen öffentlichen Straßenverkehr. Sobald der Motor meines Familienlasters brüllend zum Leben erweckt wird und der gleißende Strahl meiner High-Energy-Frontalfunzeln die fahle Dunkelheit des mitternächtlichen Nordhimmels durchdringt, stürzen sich wahre Heerscharen insektoiden Lebens ins Licht. Solange das Fahrzeug immobil ist, mutet die plötzliche Völkerversammlung im Schein meiner Lampen lediglich wie eine ausgesprochen agile, lebenslustige Staubwolke an.
Aber sobald ich den hundert munteren Mustangs unter der Haube die Sporen gebe und unseren Familienlaster durch die dunkle Nacht treibe, ist die gesamte, gigantische Insektenwolke im Lichte meiner Kutsche nur von einem einzigen Gedanken beseelt: Stürzt euch alle auf die Windschutzscheibe!
In Bruchteilen von Sekunden verwandeln sich ehemals elegante Flieger, kleine Wunderwerke der Natur, in kaum millimeterdicken, ekligen Schleim auf meiner Frontscheibe. In Scharen werfen sich die suizidalen Flatterviecher gegen meinen Laster, ohne dass ich auch nur im Ansatz eine Chance hätte, ihnen auszuweichen. Mit jedem Meter, den ich weiterfahre, klatschen weitere, unzählige Leiber auf die Scheibe und behindern auf diese Weise ganz allmählich die Sicht in die weite Welt vor mir. Kurz bevor das Fahren einem Blindflug gleicht, versuche ich mittels Unmengen von Waschwasser und hektischer Scheibenwischerei, die Sicht auf die Straße zu verbessern. Aber statt sich von der Frontscheibe zu lösen und in den natürlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens einzugehen, verteilen sich die sterblichen Überreste von unzähligen Mücken und Faltern nur gleichmäßig unter dem verzweifelten Hin und Her der Scheibenwischer und geben der Scheibe das Aussehen eines frisch lasierten Schlachtfeldes. Mein Blick bleibt getrübt, aber immerhin kann ich noch das wichtigstes erkennen: Straßenbegrenzungen, andere Verkehrsteilnehmer in ähnlich misslicher Lage und die Abzweigung zum heimatlichen Carport.
Am nächsten Morgen kann man mich dabei beobachten, wie ich kopfschüttelnd und bewaffnet mit Glasreiniger, Schwamm und anderen Reinigungsutensilien vor meinem Familienlaster stehe und das Ergebnis des nächtlichen Massakers auf der Frontscheibe betrachte.
Es kostet reichlich Mühe, viel Reinigungsmittel und einige Kubikmeter Wasser, die dicke Schicht aus tausenden und abertausenden Faltern und Käfern mit Spachtel, Schwamm und Hingabe von der Scheibe zu entfernen, damit ich in der nächsten Nacht wenigstens für eine kleine Weile freie Sicht habe, bevor sich die gesamte Insektenwelt wieder auf mein Auto stürzt. 
Angesichts des allnächtlich frisch belegten Insektenfriedhofs frage ich mich, warum es überhaupt noch so viele Insekten geben kann. Wenn man mal bedenkt, wie viele Fahrzeuge in jeder Nacht unterwegs sind, und welche unglaublichen Massen an Insekten über allerlei Windschutzscheiben landauf-landab geschmiert werden, dürften eigentlich kaum noch welche übrig bleiben, die im Schlafzimmer nächtens nach Blut gieren. Und tatsächlich ist es doch immer nur eine einzige, winzige Mücke, die uns nächtelang mit ihrem Sirren um Schlaf, Verstand und körperliche Unversehrtheit bringt.
Aber die Rechnung scheint irgendwie nicht aufzugehen, denn schon in der nächsten Nacht stellt meine Windschutzscheibe wieder einmal ein undurchdringliches und finales Hindernis für die fliegende Insektenwelt dar. Da mir die Milliarden Dramen auf der Frontscheibe allmählich auf den Geist gehen und ich auch endlich mal den Durchblick behalten will, beginne ich spontan einen Feldversuch, um künftig die Scheibe sauber zu halten. Ausgehend von dem bekannten Fakt, dass alle Mücken unbeirrbar ins Licht fliegen, entziehe ich den im weiteren Umkreis befindlichen Vertretern insektoiden Lebens den Grund, sich vor oder auf meinem Auto zu versammeln: Ich schalte das Licht bei voller Fahrt aus. Schon nach nur wenigen Metern, nach einigen sehr merkwürdigen, rumpelnden und ziemlich beunruhigenden Geräuschen, nach etlichen endlos langen Schrecksekunden und einem plötzlichen, heftigen Schweißausbruch beende ich den Feldversuch ebenso spontan, wie er begonnen hat, und suche in der Dunkelheit meines Familienlasters hektisch nach dem Lichtschalter. Ich hätte nie geahnt, dass ich einmal ein derartig heftiges Verlangen nach Licht, insbesondere in Fahrtrichtung, haben würde. So langsam kann ich die Mücken verstehen.
Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, allnächtlich das letzte zu sein, was unzählige Insekten zu sehen bekommen. Oder ich versuche, Mücken, Falter und anderes Getier, was vom Lichte angezogen wird, mit Glühwürmchen zu kreuzen. Dann hätte jedes Vieh sein eigenes Licht und brauchte sich nicht mehr für das meines Vehikels zu interessieren.
Walter Röhrl hat mal gesagt: „Ein guter Autofahrer hat die Fliegen auf der Seitenscheibe.“ Vielleicht versuche ich das mal...  

Wer schon immer mal genau sehen wollte, was die Mücke am Arm eigentlich genau macht, folge dem Link:


Donnerstag, 8. August 2013

Strandlogistik


Ist das nicht ein herrlicher Sommer? Blauer, oft wolkenloser Himmel, warmer Wind, herrlicher Sonnenschein... Genau das richtige Wetter, um einen Tag am Strand zu verbringen! Raus aus dem Haus, rein in den Sand und in das kühle Nass der Flensburger Förde. Was für ein Glück , dass wir dort wohnen, wo andere Urlaub machen. 
Nun ist das aber nicht ganz so einfach, mit zwei Kleinkindern und den Alttieren mal eben an den Strand zu gehen. Jedenfalls ist es in logistischer Hinsicht ein weit größerer Aufwand als damals zu jenen seligen Zeiten, als ich noch allein an den Strand ging. Da hatte ich nämlich nicht viel mehr als ein Badetuch zum Drauflegen und Abtrocknen, ein Buch zum Schmökern und etwas Trinkbares mit an den Strand genommen. 
Prinzipiell ist das heute auch noch so, allerdings in etwas größeren Maßstäben und unter „ferner liefen“. Wenn man mit Kindern einen Tag am Strand verbringen will, braucht man eben ein paar Kleinigkeiten mehr, um den Tag zu überstehen. 
Das fängt schon mal mit dem Badetuch an. Davon brauchten wir, als wir an den Strand wollten, vier, und außerdem noch mindestens vier weitere Handtücher zum Abtrocknen. Dass vermutlich zwei der vier Familienmitglieder gar nicht ins Wasser gehen würden, spielte beim Packen keine Rolle. Da die Kinder nicht mit Hose und Hemd ins Wasser gehen sollten, war Badezeug vonnöten, natürlich auch für die Eltern. Also auch rein in die Tasche. Außerdem neigen Kleinkinder dazu, ihre Klamotten unvermittelt zu verschmutzen und zu befeuchten. Daher musste auch noch Wechselwäsche eingepackt werden, und zwar das volle Programm, inklusive Strümpfen und Pullovern, falls es den Kindern doch kalt werden sollte. Wir Eltern hofften in diesem Zusammenhang auf unsere Nehmerqualitäten und einen schnellen Heimweg, sollte überraschend arktisches Klima über die Förde einbrechen. 
Neben Bade-, Ersatz- und Schutzkleidung sowie mehreren Quadratmetern Liege- und Trockentüchern musste natürlich auch noch für Spiel, Spaß und Spannung gesorgt werden. Die Mitnahme zweier großer Schaufeln für die Kinder war natürlich angesichts des Sandstrandes Pflicht. Dazu noch Eimerchen, eine große Auswahl Förmchen, das lustige Ding, wo das Wasser durchfließen kann, ein Sieb und eine Harke. Zur elterlichen Zerstreuung kamen noch zwei Frisbee-Scheiben hinzu, zwei Romane, natürlich die Klugofone, sowie Fotoapparat und Fernglas. 
Auf dem häuslichen Flur standen nun, nach erfolgter Sammlung des benötigten Materials und dessen erfolgreicher Verpackung, drei große Taschen: Eine mit sämtlichen Handtüchern, eine mit Wechselwäsche, Sonnenhüten und -brillen, und eine mit Spiel- und Spaßgeräten. 
Für den Tag an der Sonne und dann auch noch am Meer empfiehlt sich dringen die Mitnahme und exzessive Nutzung von Sonnenmilch, weshalb eine Familienpackung mit Schutzfaktor „Irrsinnig hoch“ für die Eltern und eine weitere Literflasche mit Schutzfaktor „Unglaublich irrsinnig hoch“ für die Nachkommenschaft in die vierte Tasche glitten. Daneben fanden dort zwei Wasserflaschen, acht Tüten Caprisonne, acht Butterbrote mit Wurst, acht Butterbrote mit Käse, eine große Salami, zwei Packungen Kekse, zwei Tüten Gummibärchen, vier Äpfel, vier Kiwis (die Frucht, nicht die Vögel!), sowie eine Dose Erdnüsse ihren Platz. Obenauf wurde der Sonnenschirm gestapelt, und dann waren wir bereit, den Strand zu erobern. Oder auch nicht... 
Die Vorstellung, vier dick bepackte Tasche und einen kompletten Sonnenschirm über einen guten Kilometer (oder mehr) durch glühende Sonne über heißen Teer und Sand zu schleppen, behagte weder mir noch meiner Frau. Die Kinder sind noch zu klein, um derartige Volumina und Gewichte zu schleppen, und meine Frau ist ein wenig zu zart, um zwei Taschen zu buckeln. Ich auch, wenn ich das mal so sagen darf... 
Das Befahren des Strandes mit Kraftfahrzeugen aller Art ist für den Abschnitt, den wir zu besuchen gedachten, verboten, was auch absolut sinnvoll ist, denn ein großer Teil des Weges zum Strand zeichnet sich durch eine geringe Breite und ein großes Gefälle aus. Ich hätte die Karre vielleicht (mit tausend Kratzern) runter gebracht, aber nie wieder rauf... 
Der Vorschlag meiner Frau, dass ich zunächst nur eine Tasche tragen sollte, und meine Frau dann die Kinder am Strand beaufsichtigt, während ich den Rest des Gepäcks aus dem Familienlaster pflücke, stieß bei mir auch nicht so recht auf Zustimmung, weil wir uns nicht entscheiden konnte, welche der Taschen als erstes mitgeführt werden sollte. 
Uns blieb nur eine Lösung: Das Gepäck musste weniger werden. Und zwar viel weniger! Wir einigten uns darauf, mit nur einer einzigen Tasche auskommen zu wollen. 
Als erstes verzichteten wir auf einen Großteil unserer Baumwolllast. Die Liegetücher sollten eine Doppelfunktion übernehmen und auch als Trockentücher dienen. Die Möglichkeit, dass ein plötzlicher Temperaturabfall eintreten könnte, wurde nach Konsultation des dänischen und deutschen Wetterdienstes ersatzlos fallengelassen, was dazu führte, dass etwa zwei Drittel der zuvor verpackten Menge an Wechselwäsche wieder in die Schränke wanderte. Davon ausgenommen waren natürlich Sonnenhüte und -brillen, denn heiß und hell war es ja trotz allem immer noch. Aus diesem Grunde wollten wir natürlich auch nicht auf die Sonnenmilch verzichten, ließen dabei aber die elterliche Familienpackung im Bad, denn was den Kindern gut tut, kann für die Eltern ja nicht schlecht sein. 
Auch das vorhandene Spielmaterial wurde heftig ausgedünnt und beschränkte sich am Ende auf die beiden Schaufeln, denn ohne kann man einfach nicht an den Strand. Sämtliches anderes Spielzeug wanderte zusammen mit dem Sonnenschirm wieder in den Garten, wo es uns zu einem späteren Zeitpunkt wieder zur Verfügung stünde. 
Des Weiteren einigten wir uns darauf, dass man am Strand besseres zu tun hätte, als den ganzen Tag zu futtern. Das Angebot an Speisen und Getränke beschränkte sich daher auf vier Flaschen Wasser, was an einem heißen Tag unerlässlich ist, einer Packung Kekse und vier Äpfel, die den Vorteil haben, sowohl den Hunger als auch den Durst löschen zu können. 
Übrig blieben nun ein Rucksack mit allem, was Baumwolle war, und ein Korb für Speis und Trank. Und natürlich Fotoapparat und Fernglas, sowie die zwei Bücher. Weil Strand ohne Bücher, das geht nun auch nicht. 

Die Flensburger Förde bei Holnis


Und was soll ich sagen? Wir haben einen fantastischen Tag am Strand verbracht, mit viel Spaß, Freude und (in meinem Falle) dem erstens Sonnenbrand des Jahres. Soviel zu Schutzfaktor „Unglaublich irrsinnig hoch“... Uns hat nichts gefehlt, nicht mal der Sonnenschirm, denn es gab am Strand genug Bäume, unter die wir uns hätten legen können, wenn wir gewollt hätten. All das Essen, das wir uns vorbereitet hatten, wurde am Abend, nach vielen schönen Stunden am Strand, zuhause mit großem Appetit vernichtet. Und demnächst gehen wir wieder an den Strand, mit nur einer, vielleicht zwei Taschen. Aber auf keine Fall mehr! 
Die Bücher haben wir übrigens fast gar nicht in der Hand gehabt...  


Wer da wohl der Käpt'n ist? Käpt'n Ahab? Käpt'n Iglo? Käpt'n Sparrow?

Samstag, 3. August 2013

Warum es so lange dauert...

Schreiben kann so richtig Spaß machen! Ich kann meiner Fantasie, meinen Emotionen und meiner Kreativität freien Lauf lassen. Und am Ende steht da etwas, das wiederum die Fantasie und die Emotionen meiner Leser stimuliert. 

Ich erinnere mich noch an jene längst vergangenen Zeiten, als mir zum Schreiben nichts anderes als ein Blatt Papier und ein Stift zum Schreiben zur Verfügung stand. Da hat man sich seine Worte schon vorher gut überlegt, bevor man sie zu Papier brachte. Und trotzdem gab es ausgesprochen oft Streichungen über Streichungen, weil ich mich verschrieben hatte, weil ich neue Gedankengänge hatte oder weil ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Sehr oft wurde das gerade so mühevoll beschriebene Papier aus dem Block gerissen, zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Oder wenigstens grob in diese Richtung. Vielen anderen und weitaus besseren Autoren als mir wird es nicht anders ergangen sein. 
Das schöne am Papier war, dass man es aus dem Papierkorb wieder hervorholen konnte, wenn einem eine alte Idee vielleicht doch noch zugesagt hatte. Das Papier wurde glatt gestrichen, gelesen, und schon ging es mit der Geschichte weiter. 
Am Ende standen einige Seiten mit einer mehr oder weniger sauber geschriebenen Geschichte und unzählige Papierknäuel, die sich in kleinen Haufen rund um den Schreibtisch gesammelt hatten. Der Papierkorb blieb meistens leer...
Aber der Fortschritt blieb natürlich auch vor mir nicht stehen, und so konnte man mich Anfang der 1990er Jahre beobachten, wie ich an Mamas guter, alter Triumph das Schreiben mit der Schreibmaschine erlernte, und zwar mit allen zehn Fingern. Was ich an Mamas mechanischer Schreibmaschine lernte, führte ich an einer elektrischen Schreibmaschine weiter. Heute steht, wie in den meisten Wohnungen, ein PC auf meinem Schreibtisch, mit dem ich weit mehr machen kann, als "nur" Geschichten zu schreiben. Es fasziniert mich ja schon, welche Möglichkeiten der Computer mir bietet. Ich kann verschiedene Stile, Worte und Satzfiguren ausprobieren, kann Idee ad hoc einfließen lassen, wieder löschen, ändern und wieder ändern, bis ich endlich zufrieden bin. Und das alles, ohne dabei unzählige Streichungen vorzunehmen, die den Text letztlich unleserlich gemacht hätten, oder einen Haufen Papier in den Papierkorb zu werfen. Oder wenigstens in seine Nähe... 
Mit dem Computer kann ich meine Ideen sofort aus dem Kopf in die Finger gleiten lassen, und wenn ich eine andere Idee bekomme, kann ich einzelne Worte, Sätze oder gleich das ganze Kapitel wieder umschreiben oder komplett löschen. Solange ich Papier und Stift brauchte, um meine Geschichten zu schreiben, überlegte ich länger, um meinen Text ans Licht der Welt zu bringen, einfach, um weniger Streichungen zu haben und nicht so viel Papier zu verbrauchen. Heute am PC ist das nicht mehr nötig. Normalerweise formt sich meine Geschichte ohnehin zuvor in meiner Fantasie, in meinem Kopf. Ich brauche mich dann nur noch hinzusetzen und sie niederzuschreiben. Aber heute kann ich mittendrin der Geschichte eine neue Wendung geben, ohne dafür stapelweise Papier vernichten zu müssen. Wenn ich heute eine Geschichte niedergeschrieben habe, muss sie deswegen nicht fertig sein. Ich kann mir jederzeit das Geschriebene wieder auf den Bildschirm rufen und meine  Geschichte umschreiben, wenn es mir gefällt. Eine Geschichte kann  leben, sich verändern, nur mit ein paar Klicks am Computer. Das ist irgendwie faszinierend. 
Allerdings hat man beim Schreiben am Computer auch so ganz eigene Probleme... 

Wenn ich auf Papier schreibe und irgendwann den Faden verliere, kann ich mir all die Entwürfe, die verworfenen Ideen und verschrifteten Gedankengänge wieder vom Boden aufsammeln, das Papier glätten und den Faden wieder aufnehmen. Am Computer ist das so nicht wirklich möglich, denn die Entwürfe sind schon wieder überschrieben, die verworfenen Ideen im Datennirwana verschwunden und wenn ein Gedankengang weg ist, ist er weg. Das ist nicht so schlimm, solange mein Hirn noch arbeitet und ich mehr oder weniger flüssig meine Geschichte schreiben kann. Und solange ich die Geschichte speichern kann... 

Vor einiger Zeit saß ich am Schreibtisch, um ein paar Zeilen zu elektronischem Papier zu bringen, die mir schon eine kleine Weile im Kopf umherwanderten. Stunde um Stunde saß ich da, wühlte in meinen Haaren, tippte Sätze ein, korrigierte, verbesserte, fügte neue Ideen hinzu und verwarf dafür ganz andere. Ich war ganz  in meiner schriftstellerischen Welt versunken, die Finger glitten über die Tastatur, die Muse umschmeichelte mich, und Seite um Seite reihten sich die Buchstaben zu Silben, Silben zu Worte, Worte zu Sätzen. Viel zu selten habe ich die Gelegenheit, mich derart tief in mein Tun zu versenken, dass ich die Welt um mich herum vergesse. An diesem denkwürdigen Nachmittag stimmte einfach alles. Die Fantasie sprudelte, die Muse war ganz wild auf mich, und meine Geschichte schrieb sich beinahe von selbst. Es passiert nicht oft, dass ich schon beim Schreiben das Gefühl habe, dass die Geschichte in sich stimmig ist und sich richtig gut liest. Meist ist es richtig viel Arbeit, den Text so zu schreiben, wie ich ihn gerne lesen möchte  und wie ich ihn gerne meinen Lesern geben möchte. Aber an diesem Nachmittag ging mir das Schreiben leicht von der Hand, und ich fühlte mich außerordentlich wohl. Und dann drang ein leises, aber vernehmliches "Diling!" an meine Ohren. Unvermittelt fiel ich aus den Höhen der Fantasie hinab ins Hier und Jetzt und starrte verdutzt meinen Bildschirm an: 
"Microsoft Word hat einen Fehler festgestellt und muss beendet werden."
Das war doch wohl nicht sein Ernst? Das konnte doch nicht wahr sein? Mein Text, Frucht endloser Stunden an der Tastatur, Ergebnis vieler Überlegungen, die genialste Geschichte, die ich seit langem geschrieben habe, war vom Bildschirm verschwunden! Mit einem Schrei gab ich meiner Wut und meinem Frust lautstark Ausdruck, und nur der Gedanke an die Folgekosten verhinderte, dass zumindest Teile meiner Rechnerausstattung einen Freiflug bekamen. Meine gute Laune flüchtete blitzartig, meine Muse trat mir metaphorisch in den Hintern und rannte eilends meiner Laune hinterher. Natürlich versuchte ich, das Dokument wiederherzustellen, aber ich hatte einen Anfängerfehler gemacht: Ich hatte nicht gespeichert. Was von meinem Text übrig blieb, war nicht der Rede wert. Trotzdem versuchte ich, aus der Asche der Datentrümmer noch den Phönix meiner Geschichte aufsteigen zu lassen, aber so sehr ich es auch versuchte, so sehr ich auch in den Tiefen meines Gehirns kramte, der Text wollte nicht mehr so werden, wie er mal war. Er fühlte sich einfach nicht mehr richtig an. War das denn auch ein Wunder, nachdem gute Laune und Muse verflogen waren? Wenn man auf Papier schreibt und die Muse geht in Urlaub, dann kann man weitermachen, wenn sie wieder zurück ist. Aber der Ärger über das Versagen der modernen Technik vertreibt Muse und Laune so weit, dass es viel Zeit und Überzeugungskraft braucht, um beide wieder anzulocken. 

Das ist einer der Gründe, warum ich auch heute noch meine Geschichten am liebsten zu Papier bringe, bevor ich sie der Technik übergebe. Und das ist es auch, neben einem herrlichen Sommer und der Urlaubszeit, warum in meinem Blog so lange nichts Neues zu lesen war. 
Aber keine Angst! Es wird bald wieder neue Geschichten für Euch geben. 

Hier noch ein Klassiker in diesem Zusammenhang: 


Dienstag, 9. Juli 2013

Held in strahlender Rüstung


Manchmal frage ich mich, was wohl mit dieser Welt passieren würde, gäbe es uns Männer nicht.
Baumärkte gäbe es wohl nur wenige, dafür aber eine ganze Menge mehr Schuhläden und Boutiquen. Vermutlich wäre auch Unordnung ein zumindest nicht ganz so heftiges Thema, da Frauen ja im Allgemeinen einen etwas anderen Ordnungsbegriff haben, als wir Männer. Für uns zählt es ja schon als „aufgeräumt“, wenn wir die abgelegten Klamotten mit einem halbwegs gezielten Tritt grob Richtung Waschtrommel befördern.
Dergleichen Beispiele gäbe es wohl noch reichlich, aber insgesamt könnte man wohl behaupten, ohne uns Männer wäre die Welt sauberer, ein bisschen blumiger und vielleicht auch ein bisschen ruhiger.
Wenn es da nicht gewisse Situationen gäbe, die euch Frauen alltäglich beweisen, dass es ohne uns Männer einfach nicht geht. Wer, um nur mal ein Beispiel zu nennen, würde all die technischen Hürden meistern, um eine Glühlampe auszutauschen? Wie sollte frau einen Reifen wechseln, nachts, in völliger Einsamkeit und Dunkelheit, bei Regen? Wer würde all die schönen Kleider kreieren? Oder die Schuhe? Und wer, wenn nicht wir Männer, würde in schöner Regelmäßigkeit die schöne Jungfrau vor dem schrecklichen Drachen retten?

Vor einigen Tagen befand ich mich mitten in einer wenig testosteron-trächtigen Beschäftigung: Ich half meiner Frau beim Reinigen der heimischen Wohn- und Schlafräume. Ich weilte gerade bewaffnet mit Eimer, Lappen und etlichen Reinigungsmitteln im Oberdeck unseres Schlosses und bedrohte die dortige Toilette mit absoluter Sauberkeit, als aus der Küche ein spitzer Schrei des Schreckens ertönte. Natürlich unterbrach ich sämtliche Reinigungsrituale und lauschte gespannt zunächst den Hilferufen aus den Tiefen des Wohnhauses, genauer gesagt, aus der Küche, dann dem Rauschen des Testosterons in meinem Blute. Was ich zu hören bekam, ließ den Schluss zu, dass sich in der Küche ein achtbeiniges, behaartes, mindestens vier Meter hohes Monster breit gemacht hat, dass a) den Fluchtweg versperrt und b) meine Frau zu verspeisen gedenkt. Ich stellte also mein Desinfektionsmaterial beiseite und machte mich gemächlich auf den Weg zum Tatort, während von unten beständig die Schreie der Not und der Pein an mein Ohr drangen. Das wilde Geschrei um Hilfe hatte inzwischen auch die Kinder alarmiert und in die Küche getrieben, wo nun auch ich, als heroischer Retter in strahlender Rüstung, eintraf. (Mein stattlicher Hengst musste leider draußen bleiben und graste friedlich vor dem Haus.) Meine Frau drückte sich in der hintersten Ecke unserer kleinen Küche herum, mit schreckgeweiteten Augen und bereits heiser vom ständigen Schrei nach ihrem Helden. Jung Siegfried und Prinzessin Tausendschön standen mittendrin und lachten sich schlapp.
Held, der ich war, fragte ich mein Weib zunächst mal nach dem Grund ihres Alarms und erhielt zur Antwort einen ausgestreckten Arm, der grob Richtung Fenster deutete, sowie eine verbale, eher schlicht gehaltene Beschreibung: „IIIIIIIIIH! MACH DAS WEG!“ Eine nähere Untersuchung in angegebener Richtung ergab, dass sich am Küchenfenster ein Exemplar der Arachnidae befand, komplett mit acht Beinen sowie Prosoma und Opisthosoma, also Vorder- und Hinterleib, ungefähr riesige zwei Zentimeter groß im Durchmesser. Zudem war das monströse Spinnenvieh auch noch ausgesprochen lebendig, was sich in einer deutlichen Wanderbewegung zeigte, deren Ziel offenbar in der Nähe meiner Frau lag. Das dürfte zum allgemeinen Schrecken meines Eheweibes beigetragen haben.
Der heroische Ritter straffte seine Rüstung und wählte seine Waffen: „Habt keine Angst, meine Königin! Ich werde Euch sogleich erretten! Weh dir, schreckliches Untier!“
Ich warf mich mit lautem „Hurra!“ und einem Küchentuch auf den fürchterlichen Drachen und bezwang ihn mit List und Tücke. Und mit einem ebenso heftigen wie gezielten Schlag auf den Kopf.
Das Küchentuch bildete nun das Leichentuch für meinen in heroischem Kampf gefallenen, tapferen Gegner; ich nahm es auf und begab mich als siegreicher Ritter mit dem Beweis meines Mutes zu meiner Königin, um ihr meine Beute zu Füßen zu legen. Statt nun der Bewunderung ob meines geradezu unerhörten Sieges würdig Ausdruck zu geben, drängte sich meine kürzlich Gerettete noch weiter in die Ecke, verdrehte Augen, Nase und sogar die Lippen, rollte Zehennägel und Fußzehen ein und lehnte aus mir nicht erklärlichen Gründen die angebotene Trophäe angeekelt ab. Mir blieb also nichts anderes übrig, als den platten Leib des Monsters den Dunklen Wasserfällen der Toilette zu übergeben, um meiner Frau den Schrecken zu nehmen: „Ihr seid errettet, oh holde Maid!“ Erleichterung strömte über das Gesicht meiner Holden, und ich bekam  endlich den traditionellen Siegespreis: Einen Kuss! Mit stolz geschwellter Brust und wehenden Fahnen ritt der Held in den Sonnenuntergang, während die Kinder sich lachend auf dem Boden wälzten.
Noch stundenlang konnte man unsere Kinder hören, wie sie immer wieder „Iiiih!“ schrien, und „Igitt! Eine Spinne!“ Und immer wieder musste ich als Held in strahlender Rüstung antraben und retten, was zu retten ging, während meine Frau den Schrecken verdaute und sich vielleicht auch ein wenig ob ihrer Schreckhaftigkeit schämte.

Wahrscheinlich wäre die Welt tatsächlich sauberer und ein bisschen blumiger ohne uns Männer. Aber gewiss nicht ruhiger, denn sie würde erzittern unter dem Geschrei der Frauen, die Schutz und Hilfe suchen vor Spinnen, Mäusen, Wespen und anderen ekligen Viechern. 



Sonntag, 7. Juli 2013

Spaß bis zum Umfallen!

Endlich, endlich, endlich! Nach ewig langer Wartezeit ist es nun endlich Sommer geworden. 

Meine geliebte Ehefrau und ich haben auch gleich die Gelegenheit wahrgenommen, um die recht seltene Konjunktion von geschlossenem Kindergarten, elterlicher Urlaubszeit und vorzüglichem Wetter mit einer besonderen Freizeitaktivität zu feiern.
Bepackt mit Fotoapparat, Trinkvorrat, ein paar kleinen Knabbereien und zwei ausgesprochen gespannten Kindern kreuzten wir durch Schleswig-Holsteins Weiten, um einen Vergnügungspark mit unserer Anwesenheit zu beehren. Bei Schleswig findet man den VergnügungsparkTolk-Schau, dessen Attraktionen und Sensationen gerade auf tob-süchtige Kleinkinder wie unsere zwei Wirbelwinde ausgerichtet sind.
Offensichtlich hatte der halbe Norden dieselbe geniale Idee wie wir vier, sodass unser erstes Vergnügen aus dem immer wieder beliebten Schlangestehen bestand, und das, obwohl wir nur zehn Minuten nach offizieller Öffnung der Tore angekommen waren. Aber wie es in solchen Parks üblich ist, dauert eine einzelne Attraktion nicht wirklich lange, und so fanden wir uns nur wenige Minuten später im Inneren des umzäunten Geländes wieder, in gespannter Erwartung der kommenden Abenteuer und unsere Geldbörsen um etliche Silberlinge leichter.
Das erste große Abenteuer, jedenfalls für uns Eltern, war gleich hinter der ersten Ecke zu finden. Von dort aus hatte man einen Blick über einen erklecklichen Teil des Parks, was zur Folge hatte, dass Jung Siegfried und Prinzessin Adrenalin von jetzt auf gleich auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigten und in verschiedene Richtungen entfleuchten. Angesichts einer erheblichen Ansammlung von Parkbesuchern unterschiedlichsten Alters und Erscheinens, einer ratternden und scheppernden Parkbahn und zweier völlig orientierungsloser Elternteile verfielen wir stehenden Fußes in Panik und rannten uns in dem verzweifelten Bemühen, die Flüchtigen einzufangen, erstmal selbst über den Haufen. Glücklicherweise (für uns) erreichte die Reizüberflutung ungefähr zehn Sekunden nach Vollgas die Beine der Kinder, weshalb beide unvermittelt mit weit aufgerissenen Augen und Mündern stehenblieben. Das war unsere Chance zur Familienzusammenführung! Mama und Papa hatten ihre Lektion gelernt und ließen ihre Frischlinge fürderhin nicht weiter als drei mitteleuropäische Schritt entkommen. Das bedeutete natürlich, dass wir an allen Attraktionen, die sich unsere Kinder aussuchten, ebenfalls teilzunehmen hatten. Nun ja, das war im Grunde kein Problem, immerhin waren alle Fahrgeschäfte auf ein Publikum im Alter zwischen Null und zehn Jahre ausgerichtet. Kein Vergleich zu den selbstmörderischen, den Magen umdrehenden und irrwitzig schnellen Fahrgeschäften auf Jahrmärkten, Oktoberfesten oder Freizeitparks.
Der neuste Katastrophenfilm: Elefanten am Himmel! 
In der Parkbahn hatten wir ja alle noch genügend Platz,aber schon im Flugzeugkarussell wurde es Pappa neben seiner angehenden Jungpilotin doch schon ein wenig eng zumute. Es wundert mich bis heute, dass das Flugzeug mit einer Elfe und einem Elefanten an Bord tatsächlich abheben konnte. Arg beengte Verhältnisse herrschten auch im Autoscooter, hier aber wurde ich schon bald des Platzes verwiesen, nachdem Junior hinter das Geheimnis von Gaspedal und Lenkrad gekommen war. Kaum war sein Gefährt um unzählige Kilos leichter, entwickelte sich unser Held innerhalb weniger Minuten zum Pistenschreck, weshalb wir uns gezwungen sahen, ihn nach etlichen Verkehrsverstößen aus demselbigen zu ziehen. 
Immerhin gab es auch einige Attraktionen, die uns ausgewachsenen Begleitern passten, denn die Sicherheitsvorschriften bedingten eine Begleitung des vergnügungssüchtigen Kindes durch einen Erwachsenen. Ich hatte ja eigentlich damit gerechnet, dass ich einigermaßen gelangweilt neben unseren Thronfolgern sitzen würde, still und ergeben meine Pflicht erfüllend, während Junior und Juniorette mit der Schiffsschaukel um die Wette kreischten. Weit gefehlt! Tatsächlich hatte ich alle Hände voll zu tun, um den Mageninhalt der vergangenen Tage von einer übereilten Rückreise abzuhalten, während meine Kinder und meine Frau (!) vor Freude johlten und kreischten. Ganz offensichtlich werde ich nun doch so langsam alt... 
Das zweifelhafte Vergnügen der Achterbahn überließ ich, noch immer mit ein wenig Unwohlsein geschlagen, meiner Frau, die dann auch gleich mehrere Runden sowohl mit Ritter Fürchtenicht wie auch mit Jungfer Kannichschon drehte. Ich hingegen wartete in der relativen Ruhe einer Sitzgelegenheit, bis Brut und Braut mit roten Bäckchen und irrem Grinsen dem rasenden, ratternden Alptraum entstiegen. Die nachfolgende Kanalfahrt mit einem Boot durch eine malerische Zwergenwelt wurde von den Achterbahn-Profis mit einem extrem gelangweilten Gesichtsausdruck gewürdigt. Wer hätte das gedacht? 
Zum Ausgleich für diese Langweilertour wurden wir Eltern zu einer zweiten Runde durch Karussells, Schiffschaukeln, Trampolinen und Achterbahn gejagt, nicht zu vergessen die monsterlange und ebenso schnelle Rutsche, auf der wir gefühlte Kilometer zurückgelegt hatten. Wäre es nach unseren heimlichen Herrschern gegangen, so drehten wir uns noch heute auf irgendeinem Fahrgeschäft im Kreise. 
Die Kondition der Alttiere ist aber nicht grenzenlos, und so traten wir, unter heftigen Protesten der Thronfolger, den Heimweg durch die abendliche Dämmerung an. 
Kaum aber saßen Sohn und Tochter im elterlichen Familienlaster, beobachteten wir etwas, das wir seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Beide Kinder schliefen auf der Heimfahrt tief und fest... 

Nachtrag:


Nur einen Tag später machte der Sommer schon wieder Pause und überließ das Feld, mal wieder, dem Regen. Unseren Kindern gönnten wir ein paar Stunden in einem Indoor-Spielplatz. Dort entdeckte unsere Tochter ein Kinderkarussell, das sie sofort enterte. Nach der zweiten Runde stieg unsere Tolk-Schau-gestählte Stuntfrau ab und schob das Ding an!
 

Freitag, 28. Juni 2013

„Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor...“

Das ist so ziemlich alles, was ich über das Spiel mit der Lederkugel weiß. Abgesehen natürlich von einigen Standardsätzen  die auch einem Komplett-Laien im Fachgebiet Fußball bekannt sind:
  • Der Ball ist rund und ein Spiel dauert neunzig Minuten.
  • Abseits ist, wenn der Schiri pfeift.
  • Emotional habe ich ein gutes Gefühl.

Daher war mein erster Besuch eines Endspiels ein geradezu wahnsinnig spannendes Abenteuer für mich. Nun gut, es war nun nicht gerade ein Fußballendspiel auf internationalem Niveau, bei dem zwei meisterhafte, berühmte und beliebte Mannschaften aufeinander trafen. Es gab auch keine 70000 Zuschauer, sondern eher so drei Nullen weniger. Es war vielmehr ein Spiel zwischen zwei Mannschaften, deren Mitglieder den Ball eigentlich nur zum Spaß, nebenbei und nicht hauptberuflich über das Grün treten. Trotzdem gab es einen Pokal zu gewinnen, und nebenbei natürlich auch ein wenig Ruhm und Gloria.
Pokal der Begierde,
leicht unscharf... 
Einige der hoffnungsvollen Endspieler waren und sind mir persönlich bekannt. Grund genug für mich, mich in eine vollkommen unbekannte Welt zu stürzen und diesem denkwürdigen sportlichen Ereignis beizuwohnen. 
Obwohl hier zwei doch eher dem lokalen Bereich zuzuordnende Mannschaften gegeneinander antraten, fand ich in der Arena doch alles, was zu einem zünftigen Fußballspiel so gehört: Würstchenbude, Bierpilz, eine Tribüne, auf der ein ganzer Haufen Kommentatoren, Fußballexperten und Profitrainer Platz nahm, einige Reporter und sogar mindestens zweiundzwanzig Menschen, deren äußeres Erscheinungsbild darauf schließen ließ, dass es sich dabei um die beiden Mannschaften handeln könnte. Und ich hatte Recht, denn alsbald stellten sich die Mannschaften auf den Rasen, offensichtlich in einer gewissen Ordnung, deren Sinn zu erkennen ich aber in meiner grenzenlosen Unwissenheit nicht in der Lage war. Für mich sah das ganze aus wie Rasenschach. Ein netter, leicht rundlicher Herr in dunkler Garderobe pfiff munter auf seiner Pfeife, und schon rannte ein Haufen mehr oder weniger sportlicher Männer hektisch über den Rasen und trat nach einem unschuldigen kleinen Ball. Der Profi mochte bei all dem Treiben Taktiken und Spielzüge erkennen, ich... nicht. Der offensichtliche Sinn all des Rennens und Tretens war mir natürlich klar; im Grunde ging es eben darum, das Runde in das Eckige zu schießen. Aber die Feinheiten darüber hinaus entgingen mir völlig. Ich begriff aber sehr früh, dass so ein Fußballspiel nicht nur durch der Füße eilige Arbeit gewonnen wird. Das ist der eigentlich kleinere Teil. Der weitaus größte Teil des Spieles besteht aus Schreien. Die Spieler schreien sich diverse Namen zu, oft unterstützt durch frenetisches Winken, die Trainer brüllen andere Namen, stoßen lauthals Verwünschungen und Befehle aus und deuten dabei mit den Armen in alle Himmelsrichtungen, und die Zuschauer auf der Tribüne wissen natürlich alles besser und schreien es wechselweise den Spieler auf dem Rasen, den Trainern am Spielfeldrand oder dem hinterher hastenden Schiedsrichter entgegen. Mein persönlicher Favorit des Tages war: „VERNASCH IHN DOCH!“ Allerdings kam ich nicht dahinter, was der Rufer damit sagen wollte. Und wem...Interessant war aber nicht nur das Geschehen auf dem Spielfeld, sondern auch jenes unter den Zuschauern. Das Endspiel, dessen Gast ich die Ehre hatte zu sein, zog auch einige ehrenvoll im Pulverdampf ergraute Altherren an, die das jugendliche Treiben auf dem Grün fachmännisch betrachteten. Wie das eben bei älteren Menschen so ist, fällt die aufrechte Fortbewegung nicht mehr ganz so einfach, wie vor vielen Jahren, als man den jungen Hüpfern hier noch mit Leichtigkeit davongesprungen wäre. Langsam und bedächtig setzten sich die Graurücken an die Biertische und begannen die in diesen Fällen übliche Unterhaltung über Rücken, Arthrose, ärztliche Inkompetenz und die Rangliste der besten Chirurgen im örtlichen Krankenhaus, das ganze gewürzt mit arthritischem Keuchen, Ächzen und Stöhnen. Nebenbei wurden mit Kennermiene die Spielzüge der „jungen Garde“ auf dem Spielfeld kommentiert und bewertet, nach dem Motto „Früher was alles besser.“ 
Und dann wurde ich Zeuge einer unglaublichen Verwandlung, und das nicht nur einmal sondern gleich mehrere Male!Sobald nämlich der Ball über die Spielfeldbegrenzung hinaus einem Teilnehmer des Seniorentreffs vor die Füße trudelte, verwandelte sich jener in einen jungen Maradonna! Mit einem erstaunlich agilen Satz sprang Opa Hinkefuß von der Bierbank, trippelte leichtfüßig den Ball Richtung Spielfeld, drehte sich um die eigene Achse und bolzte die Pille mit einem Gewaltschuss einem sichtlich überraschten Jungspieler in die Arme, der eigentlich nur herausgekommen war, um den Ball von den „Großen“ zurückzubetteln. Die Arme gen Himmel, der Welt das Victory-Zeichen ins verblüffte Gesicht gestreckt, tänzelte der Meisterschütze zu seinen Bewunderern zurück, die im anerkennend auf die Schultern klopften, aber bitte nicht zu fest, ihr wisst schon, der Rücken... Und so oder ähnlich ging es jedem Fußballveteran, der einen Ball vor die Füße bekam. Wenn jemals wieder jemand den Jungbrunnen suchen sollte, ich habe ihn gefunden. Werft einer Gruppe von Greisen einen Ball vor die Füße, und sie beginnen sofort, zu laufen und zu springen, als wären sie wieder achtzehn. Was für ein verblüffender Effekt! 
Nach neunzig Minuten, in denen zwei Mannschaften sich permanent um den Ballbesitz gestritten, sich einige Fußballveteranen ihre zwei Minuten Ruhm und dringende Arzttermine erspielt hatten und ein großer Teil der Tribünenmannschaft sich heiser gebrüllt hatte, war das Spiel zu Ende. Allerdings hatte sich keine der Mannschaften zu genug Toren durchringen können, um einen eindeutigen Sieger festzustellen. Eine neue Losung wurde ausgegeben, und die hieß „Verlängerung“. Bisher kannte ich diesen Begriff nur aus der unsäglichen Email-Werbung, in denen Frauen überirdisches Glück versprochen wurde, würden sich ihre Männer einer spezifischen Verlängerung hingeben. Das war hier aber ganz und gar nicht gemeint. Viel eher ging es darum, eine Entscheidung hinsichtlich des Siegers herbeizuführen. Immerhin hatte man nur einen einzigen Pokal vorbereitet, also konnte es keine zwei Sieger geben. Was hätte man denn dem zweiten Sieger in die Hand drücken können?Dreißig weitere Minuten wurden also den Mannschaften gegönnt, um der Gelegenheit zum Sieg Raum zu geben. Unglückseligerweise nahm die gegnerische Mannschaft diese Gelegenheit wahr und überwand den heimischen Torwart oft genug, um Sieg und Pokal davonzutragen.Na gut, dann eben beim nächsten Mal. Vielleicht habe ich bis dahin die Gelegenheit, wenigstens die Grundzüge des gemeinen Fußballspiels soweit zu begreifen, dass ich mit einem Hauch Sachverstand dem Geschehen beim Rasenschach folgen kann.
Und irgendwann bin vielleicht ich es, der zum Fußballfeld humpelt, seine Krücken an den Biertisch lehnt, sich ein Bier und ein Würstchen mit Senf bestellt und dann mit Effet die Pille zwischen Pfosten und Torwart in die Ecke ballert.