Donnerstag, 31. Januar 2013

Crashkurs

Die Entwicklung unserer Kinder zu beobachten, ist faszinierend und erschreckend zugleich. Gerade eben waren sie noch zu klein, um Sand vom Mittagessen zu unterscheiden, und jetzt plötzlich zwingen sie einen in philosophische Betrachtungen der Sprachlehre. Sohn und Tochter sind in die Phase der Fäkalsprache eingetreten und kommen nun Tag für Tag mit neuen "bösen Wörtern" aus dem Kindergarten zurück. Und was tun wir Eltern? Wir sind maßlos entsetzt und verbieten den Kindern mehr oder weniger lautstark den Gebrauch solcher Wörter. Dabei bedenken wir allerdings nicht, dass unsere beiden Augäpfelchen nun eine ausgesprochen wirkungsvolle Möglichkeit gefunden haben, sich unserer ungeteilten Aufmerksamkeit zu versichern. Mama und Papa unterhalten sich mit den Nachbarn, statt mit mir zu spielen? "A...loch!" Und schon sind die Nachbarn an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt, und Kind sitzt da, wo es seiner Meinung nach hingehört: Im Mittelpunkt. Nun gut, wir sind leidlich intelligente Vertreter der Gattung Eltern und haben unsere Lektion gelernt. Wir werden ruhiger, die Kinder auch.
Allerdings ergibt sich auch ein weiteres kleines Problem, zumindest für mich. Denn eigentlich ist das Schimpfen recht unterhaltsam, wenn man es mal aus der linguistischen Perspektive sieht. Jede Sprache hat seine eigene Faszination, wenn es darum geht, Kraftausdrücke zu verwenden.
Die Amerikaner zum Beispiel sind recht unkompliziert. Weit über zwei Drittel aller Kraftausdrücke beginnen mit dem "F", dann kommen die "bitch" und der "maddafakkaaah!" Aber das hört man meistens ohnehin nicht, weil alle unschicklichen Ausdrücke mit einem auffälligen "Piep!" übertönt werden.
Wenn Italiener schimpfen, klingt das nach dem melodischen Vortrag der Speisekarte aus Luigis Trattoria, komplett mit Pasta und Vino tinto. Eine Ausnahme macht hier nur der Pate, der klingt, als würde er gleich seinen letzten Schnaufer tun.
Russische Beschimpfungen bergen die Gefahr des Ertrinkens in sich, wenn der Vortragende seinen Speichelfluss nicht richtig im Griff hat. Ich kenne keine andere Sprache mit so vielen Zischlauten.
Dagegen klingen selbst die schlimmsten französischen Beschimpfungen wie das sinnliche Versprechen einer rauschenden Liebesnacht.
Wie komm ich da jetzt drauf?

Heute morgen befanden sich meine beiden Lieblingskinder im Bad und widmeten sich unter den fürsorglichen Augen ihres Erzeugers hingebungsvoll der morgendlichen Hygienerituale. Da unser Nachwuchs auch zu einer gewissen Selbständigkeit erzogen werden soll, schickte ich mich an, meine Brut im Bad allein zu lassen, nicht ohne ihnen einige Worte der Ermahnung mitzugeben. Auf dem Weg nach draußen steuerte mein linker Fuß in einem unbeobachteten Moment den Türrahmen an, visierte kurz über den großen Zeh und stürzte mich in wenigen Augenblicken in arge Probleme. Der calcaneus (das ist quasi der "Zeigezeh") kollidierte mit Schwung mit dem Türrahmen, stauchte sich bis zur Ferse zusammen und schickte ein Alarmschreiben ins zerebrale Schmerzzentrum.
Innerhalb von Bruchteilen von Nanosekunden versammelten sich geschätzte hundertfünfzig Flüche in verschiedenen Sprachen und Dialekten auf der Zunge, wo sie nur von zwei ausgesprochen widerstandsfähigen Zahnreihen am lauthalsen Entschlüpfen gehindert werden konnten. In einer einbeinigen Variation des traditionellen irischen Stepptanzes hüpfte ich mit zusammengepressten Lippen ins Wohnzimmer, während mein Hirn mit den auf der Zunge versammelten blumigen Beispielen internationaler Fluchkunst in Verhandlung trat.
Inzwischen ballonierte mein eingangs erwähnter calcaneus, um der in seinem Inneren versammelten Elite der Trommelkunst mit so illustren Namen wie Phil Collins, Nicko McBrain von Iron Maiden oder Joey Jordison von Slipknot Raum für einen Trommelwettstreit der Extraklasse zu geben.
Nach einigen weltmeisterlichen Vorführungen improvisierter Einbeintanzkunst und einem schmerzhaftenTrommelreigen gelangte der zwischen Hirn und den vor den oralen Barrikaden stehenden Schimpfwörtern verhandelte Kompromiss zu Gehör: "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium!" Nun ja, für die Fischerchöre habe ich mich damit wohl eher nicht qualifiziert, allerdings habe ich meinen Kindern auf diese Weise auch keinen Crashkurs in fortgeschrittenen multilingualen Fluchtechniken gegeben. Auch ein kleiner Erfolg, der für den Rest des Tages vom Schmerz im gepeinigten linken Fuß ablenkt.



Brmmmm...!

Dass Haustiere dem Menschen gut tun, hat die Wissenschaft schon mehrfach herausgefunden und bestätigt. Depressionen können gebessert werden, Genesungsprozesse können beschleunigt werden und dergleichen mehr ist es, was Haustiere bewirken können.
Letztlich sind unser Haustiere aber einfach nur da, damit wir uns wohlfühlen. Alles andere, wie Genesung, Glück, Lebensfreude, Zufriedenheit des Menschen folgt unmittelbar aus dem Wohlergehen unseres tierischen Familienmitgliedes und der Zuneigung, die uns entgegengebracht wird.

So ist es eine meiner schönsten Momente, wenn der Abend gekommen ist und unsere Katze ihren angestammten Platz auf dem Sofa entert.
Ab und an begehe ich den Fehler, drei der Sitzplätze auf dem Sofa einzunehmen, um in liegender Position häuslicher Entspannung zu fröhnen. Nur allzu gerne möchten mir dabei die Augen zufallen, begleitet vom mehr oder weniger monotonen Singsang aus der Flimmerkiste.
Allein, vor die Erholung haben die Götter die Katze gesetzt, die tödlich beleidigt vor mir steht und mich mit eisigen Blicken durchbohrt, bis ich in einer komplizierten Folge von körperlichen Faltvorgängen genug Platz schaffe, damit unsere Pelzwurst ihren Hintern und mehrere Meter Leib auf mindestens zwei der drei Sitzplätze verteilen kann. Und das ganze mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht: Katze hat ihren Menschen fein dressiert!
Natürlich bedeutet die erfolgreiche Okkupation von zwei Dritteln meines Lebensraumes auf dem Sofa nicht, dass ich mich nun der Entspannung und dem televisionär unterstützten Schlaf zuwenden könnte. Katze möchte gestreichelt werden, was ich natürlich gerne tue. Alsbald werde ich mit wohligem, hingebungsvollen Schnurren belohnt, das mitunter derartige Lautstärken erreichen kann, dass Markus Lanz, Thomas Gottschalk, Bruce Willis oder Will Smith ihre Stimmen um ein erkleckliches Maß erheben müssen, um beim Zuschauer Gehör zu finden. An Schlaf ist unter diesen Umständen natürlich nicht zu denken. Abgesehen von der herrschenden Lautstärke ist die Unterbrechung des Streichelvorganges natürlich bei Strafe verboten. Schon der kurzzeitige Griff zur Fernbedienung, um die Lautstärke um weitere ungezählte Phon zur Übertönung des felinen Schnurrens zu erhöhen, erzeugt einen Blick, wie ihn sonst nur der jugendliche Liebhaber von seiner Freundin zu sehen bekommt: "Warum hörst du auf, Schatz?" Wer könnte einem solchen Blick voller Schmerz schon widerstehen? Ich nicht, also streichle ich tapfer weiter und erweitere meinen Erfahrungsschatz um die wärmende Erkenntnis, dass fünf Minuten Katze streicheln etwa zehn Gramm loses Katzenfell erzeugen. Würde ich all das Fell sammeln, was bei diesen abendlichen Streichelorgien an meinen Handflächen hängen bleibt, hätte ich am Ende des Jahres genug Material zusammen, um unser Haus garantiert biologisch zu dämmen.
Irgendwann aber muss mal Schluss sein mit Streicheln, so leid es mir auch tut. Bei meiner Katze führt eine derart schändliche Tat natürlich zum unweigerlichen Zusammenbruch ihres momentanen Weltbildes und zum vollständigen Verlust ihrer guten Laune! Das Schnurren verstummt sofort. Sie verfolgt mich schreiend und schimpfend bis in die entlegensten Winkel unserer Heimstatt, sogar bis auf die Toilette! Denn immerhin ist sie es, die bestimmt, wann sie genug gestreichelt wurde! Wie kommt der zweibeinige Pöbel nur auf die Idee, sich über die hoheitlichen Wünsche und Bedürfnisse ihrer Hauskatze hinwegzusetzen?

Das ist dann der Moment, wo die Wissenschaft mit ihrer Meinung über die Wirkung von Haustieren auf das Wohlbefinden des Menschen nicht mehr ganz so recht hat. Denn nichts ist schlimmer als eine Katze, die böse mit mir ist. Es wird Tage dauern, bis sie mich wieder lieb hat...





 

Mittwoch, 23. Januar 2013

Rutschparty!

Seit gefühlten Äonen hat der Winter den Norden des Landes und somit auch mein heißgeliebtes Wohnörtchen fest in seinen eisigen Fingern. Eigentlich eine ganz nette Angelegenheit, wenn man den Schnee mit den Augen der Kinder sieht, oder sich auf dem Sofa im kuschelig köchelnden Wohnzimmer lümmelt.
Aber ab und an muss man das Haus ja auch verlassen, um seine verdammte Pflicht zu tun und das Geld zu verdienen, das ich offensichtlich schon längst wieder ausgegeben habe. Anders kann ich mir die tägliche Ebbe in der Kasse nicht erklären...
Aber ich gehe ja auch gerne arbeiten. Wenn da nicht immer der Weg zur Arbeit wäre... Gerade jetzt, wo mindestens kalendarisch, ab und an aber auch mitten auf der Straße Winter herrscht, ist die tägliche Autofahrt ein Quell ständiger Überraschungen.
Ich persönlich halte mich eher für den gemütlichen Autofahrer. Meine Sturm- und Drangzeiten mit Bleifuß auf dem Gaspedal, Finger an der Lichthupe und der Frage "Wozu war noch mal das Pedal in der Mitte gut?" sind schon lange vorbei. Nun bin ich Familienvater, älter, verantwortungsbewusst, nicht mehr so risikofreudig, erzkonservativ, totlangweilig... Wo war ich stehengeblieben? Ach, ja...
Für gewöhnlich bemühe ich mich darum, im laufenden Verkehr möglichst unauffällig mitzuschwimmen, was mir gemeinhin auch gelingt. Wenn da nicht zuweilen die anderen Verkehrsteilnehmer wären, gerade jetzt in der kalten Jahreszeit. Menschen, die die Teilnahme am allgemeinen Verkehrschaos zu einer besonderen Herausforderung werden lassen. Menschen, die mich mehr schwitzen lassen, als Eis und  Schnee auf den Straßen oder die Klimaanlage meines Autos. Menschen, ohne die der tägliche Weg zur Arbeit ein Kinderspiel wäre, auch im Winter.
Da gibt es zum Beispiel jene, für die Eis und Schnee selbst im Januar noch völlig überraschend kommen. Laut Tacho fährt die Mühle schon mit Geschwindigkeiten zwischen zwanzig und achtzig Kilometern durch die Stadt. Tatsächlich kriecht der Ehrenstauführer mit dem mittleren Schritttempo einer Schildkröte über die geschlossene Schneedecke, getreu dem Motto: "Zwei Millimeter auf den Sommerreifen reichen für den Winter noch!"
Nun ja...
Sehr schön anzusehen auch immer wieder diejenigen unter uns Individualverkehrsteilnehmern, die bei diesem Wetter am liebsten zuhause bleiben würden. Aber sie müssen ja mit ihrem eigenen Schlitten durch die Welt rutschen, weil ihre Arbeitszeiten sich nur schlecht mit dem Fahrplan des öffentlichen Personennahverkehrs in Übereinstimmung bringen lassen. Mit schreckgeweiteten Augen, das Lenkrad fest in beide Hände geklammert, der Blick stur geradeaus, jeder Muskel angespannt, schleichen sie mit maximal dreißig Kilometern auf völlig trockener Straße durch das winterliche Land. Der nachfolgende Verkehr wird in ein Bremslichtgewitter getaucht, der vorausfahrende Verkehr ist bereits im nächsten Sommer angekommen. Herzlichen Glückwunsch. Hinter einem solchen Verkehrsteilnehmer ist Geduld angesagt. Aber diese Tugend gilt nicht umsonst als eine der schwierigsten. Und so sieht man allenthalben entnervte Hinterherfahrer, die an vollkommen unübersichtlichen Stellen wild hupend gewagte Überholmanöver starten, an die sie unter normalen Umständen nicht einmal gedacht hätten und für die mindestens tausend Meter mehr freie Strecke und 75 Pferdchen mehr Kraft nötig wären. Ein Blick nach rechts während dieser halsbrecherischen Aktion, vor der Kuppe, in einer engen Rechtskurve, zeigt dem ungeduldigen Wagenlenker eine verschreckte Gestalt, die sich bestätigt sieht: "Wie kann man bei dieser Glätte bloß derartig rasen?"
Oh, man kann. Und es gibt Menschen, die einem das auch zu gern zeigen. Diese Fahrer treiben ihr Fahrzeug mit Geschwindigkeiten weit jenseits der Haftungsgrenze von Asphalt und Versicherung durch die verschneiten Straßen, vertreiben mit Blinker links und Lichthupe alle mobilen Verkehrshindernisse vor sich und nehmen die nächste Abzweigung heftig schliddernd unter Benutzung der Handbremse und reichlich Gas. Das Heck katapultiert einen unschuldigen Begrenzungspfahl in den nächsten ahnungslosen Vorgarten, bevor es um Haaresbreite am Laternenpfahl vorbei zischt und kurz an der Bordsteinkante anschlägt. Solchermaßen wird dem Aushilfsrallyepiloten mitgeteilt: "Hier ist die Straße zu Ende. Bitte suchen Sie weiter rechts nach der Fortsetzung." Der Gesichtsausdruck des zumeist jungen Wagenhenkers bleibt dabei betont cool, nur die Angstschweißperlen auf der Stirn stören glitzernd den Effekt.
Das alles mitten drin im Strom der anderen, mehr oder weniger unauffälligen Autofahrer, die einfach nur von A nach B kommen wollen, möglichst ohne Schrammen an Lack oder Seele zu nehmen.
Wann wird es endlich wieder Sommer?

Freitag, 18. Januar 2013

Einstellungssache

Ich glaube, es war Thomas von Aquin, der einmal die Frage aufwarf, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben.
Engel habe ich noch nie auf einer Nadelspitze stehen sehen, aber mich. Jeden Tag.

Nach einem harten Arbeitstag ist es mir eine Freude und Wonne, mir den Schweiß der Arbeit, den Staub der Straße und auch den Streß unter dem sanften Strahl des heimischen Regenzimmers abzuspülen. Allein, vor das Vergnügen haben die Götter den Schweiß gesetzt. Mit anderen Worten: Bevor ich mich dem Vergnügen persönlicher Hygiene hingeben darf, muss ich mit der dämlichen Dusche umgehen lernen. Die verfügt nämlich nicht über einen dieser hochmodernen Einhand-Mischhebeln mit eingebautem, gradgenauem Thermostat, sondern "nur" über eine olle Zweigriffarmatur.
Obwohl ich beide Hähne unserer Mischbatterie in der Theorie drehen kann, bis der Arzt kommt, darf ich zur Einstellung einer angenehmen Duschatmosphäre sowohl den Heißwasser-, wie auch den Kaltwasserhahn nur mit äußerster Vorsicht bewegen. Im Laufe der Jahre haben sich gewisse Erfahrungswerte herauskristallisiert, mit denen ich nunmehr arbeite.
Nach dem vollständigen Entkleiden meines bewundernswerten Leibes, erklettere ich die Badewanne, die in unserer Badeoase gleichzusetzen ist mit der Duschwanne. Zunächst drehe ich den Heißwasserhahn um eine Vierteldrehung auf, quasi gleichzeitig wird der Kaltwasserhahn um etwa einachtel gedreht. Der erste Schwall Wasser aus dem Duschkopf nähert sich der Nullgradgrenze von unten. Im Bemühen, möglichst wenig Quadratmillimeter meiner zarten Haut mit dem Eiswasser in Berührung zu bringen, steige ich auf die äußerste Spitze meines rechten, großen Zehs und versuche im gleichen Augenblick, die  Badewannenwand zu erklimmen. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich mühelos auf einer Nadelspitze Ballett tanzen könnte.
Diesem ersten unglaublich eiskalten Schwall folgt nun übergangslos der zweite Schwall, dieses Mal aber ist die Wassertemperatur nur wenige hunderstel Grad kühler als die Sonnenoberfläche. Heißer Dampf steigt auf, während ich weiterhin Wannenballett tanze und nebenbei hektisch an Heiß- und Kaltwasserhahn hin und her drehe. Dabei beschwöre ich das Mantra der Duschgänger: "HEISSHEISSHEISS!KAALTKALTKALTKALT!"
Meine Erfahrungen mit der Einstellung der richtigen Wassertemperatur haben ergeben, dass ich die Wasserhähne wohl durchaus genügend Umdrehungen bewegen kann, um damit einmal die Welt zu umrunden, aber der Bereich zwischen Höllenheiß und Polareiskalt ist nur wenige Nanometer groß. Das Verdrehen einer Seite der Mischbatterie um nur einen Hauch bedeutet entweder genügend Dampferzeugung, um die Transsibirische Eisenbahn bis nach Wladiwostok zu bringen, oder spontaner Ortswechsel in das Nordmeer.
Nach einigem Hin und Her, bei dem meine Hautfarbe mehrfach zwischen dunkelblau und krebsrot wechselt, gelingt es mir endlich, mehr durch Zufall denn durch manuelle Abstimmung, eine Wassertemperatur zu erreichen, die meinem Drang nach Körperhygiene ebenso genügt, wie meinem Wunsch nach Entspannung und Wohlgefühl. Schöner kann es nicht sein, wenn warmes Wasser den Körper umspült und Schmutz, Schweiß und die Anspannung des Tages sanft in den Ausguss des Vergessens spült. Oh, feuchte Freude!
Und dann geht, irgendwo im Haus, ein Wasserhahn an. HEISSHEISSHEISS!

Ich habe daraufhin, da das Badezimmer nach dieser Kochwasserattacke vollständig in heißen Nebel getaucht war, einen Selbstversuch gestartet und ein x-beliebiges, zufällig herumliegendes T-Shirt angezogen. Ich konnte beobachten, wie innerhalb von wenigen Sekunden sämtliche Falten und Knitter auf magische Weise verschwanden. Nun denke ich darüber nach, Bügelbrett und Plätteisen im Keller verstauben zu lassen oder vielleicht auch gewinnbringend zu verhökern, um dann sämtliche Bügelwäsche im wabernden Heißnebel der Dusche am Leibe zu glätten. Was könnte ich an Strom und Arbeit sparen...

P.S.: Um die Frage des Aquinaten zu beantworten: Die einzig richtige Antwort (laut Kirche) heißt natürlich "alle". Jede andere Antwort von "Weiß ich nicht" bis "zweihundertsiebenundfünzig", um nur irgendeine Zahl zu nennen, hieße die Allmacht Gottes anzuzweifeln...

Dienstag, 15. Januar 2013

"Bring den Müll raus!"

Dieser Tage war es mal wieder so weit. Während ich mich wichtiger Recherchen im Internet mit Inbrunst widmete, flötete meine geliebte Ehefrau aus der Küche: "Schatz! Bring doch mal den Müll raus!"
Aber ich hatte doch wesentlich wichtigeres zu tun! Mein Facebook-Account wollte gelesen werden, ich suche noch Aktualisierungen für mein Betriebssystem, die EMails sind auch noch nicht gecheckt, und außerdem wollte ich doch noch kurz die Welt retten...
"Bring den Müll raus!"
Warum eigentlich immer wir Männer? Ich bin mir sicher, irgendwo auf der Welt bringen auch Frauen den Müll raus. Diese Frauen haben begriffen, wofür Alice Schwarzer in den Siebzigern, Olympe de Gouges während der französischen Revolution oder die Suffragette Christabel Pankhurst Ende des neunzehnten Jahrhunderts gekämpft haben. Emanzipation bedeutet nämlich nicht nur Bürgerrecht, Wahlrecht und Gleichstellung. Es bedeutet auch, sich bis dahin rein männlicher Pflichten anzunehmen! Mit anderen Worten: Auch Frauen können, dürfen und sollen sogar den Müll rausbringen.
Das alles legte ich meiner Frau dar. Sie sagte: "Bring den Müll raus."
Warum ich? Ist der Weg zu lang für meine Frau? Nein, es sind ja kaum zwanzig Schritte, wenn man mal den Weg von der Küche zur Haustür außer Acht lässt.
Ist der Weg zu gefährlich? Nein! Auch, wenn es gerade geschneit hat: Der Weg zur Mülltonne ist gewissenhaft geräumt und gestreut, und zwar von mir höchstpersönlich. Mir sind auch keine Nachrichten über Drachen- oder Monsterüberfälle auf dem Weg zur Mülltonne bekannt. Ebenso wenig hörte ich von Überfallkommandos, Dieben oder anderen Unholden. Zudem ist der Weg vom Wohnzimmer aus (also mithin von meinem Sitzplatz aus) in seiner vollen Länge einsehbar, sodass meine Frau sich vollkommen sicher und unter gewissenhafter Beobachtung zur Mülltonne und zurück begeben könnte, ohne, dass ihr etwas unglückliches passiert.
All diesen Argumenten begegnete meine Frau mit einem: "Bring den Müll raus."
Aber ich habe doch zu tun! Hier sind noch so viele EMails, die ich noch lesen muss. Brustvergrößerung, Kredit ohne Schufa, Angebot zur Teilung von Gewinnen aus der Erdölförderung in Burkina Faso, Aufforderung zur Teilnahme an einer möglichen Gewinnausschüttung, und so weiter.
Ist denn der Müll so schwer? Nein, die Tüte wiegt kaum ein Kilo! Oder stinkt der Müll? Nun ja, zugegeben, es ist nicht gerade Chanél, was der Tüte da entfleucht. Aber man kann die Tüte mit einem ordentlichen Knoten geruchsdicht verschließen. Es muss doch einen Grund geben, warum immer ich den Müll rausbringen muss! Meine Frau nannte mir den Grund: "Bring den Müll raus."
Ich tat es...

Wie heißt es eigentlich, wenn Männer sich emanzipieren wollen? E"frau"zipation?

Dienstag, 8. Januar 2013

Wer war eigentlich...

... Hermann August Hagen?
Er wäre in diesem Jahr sicher ein stolzer Mann gewesen. Herr Hagen ist ein Paradebeispiel, wie sich Interessen weitervererben. Im zarten Alter von zehn Jahren entdeckte nämlich Klein-Hermann die Insektensammlung seines Großvaters. Und statt den versammelten verblichenen Kerbtierchen diverse Körperteile zu entnehmen, wie es in diesem Alter mehr oder weniger "normal" wäre, stand Jung Hermann verzaubert vor der Sammlung und beschloß stande beene, in Opas Fußstapfen zu treten. Der war nämlich Universalgelehrter, und so wurde aus Hagen junior nach einem Umweg über ein Medizinstudium Zoologe und Insektenkundler.
Als solcher nahm er sich (neben einigen anderen Tierchen) einer Fliege an und untersuchte sie so lange, bis er sie ordentlich klassifizieren konnte. Das nennt sich dann Taxonomie.
Das Tierchen nennt sich lateinisch Rhyacophila fasciata und in Wald- und Wiesendeutsch (im Sinne des Wortes) Gebänderte Flussköcherfliege.
Als Larve ist die gebänderte Flussköcherfliege ein ziemlicher Rabauke, denn sie gehört doch tatsächlich zu den Räubern unter Wasser, was viele Insekten, die auf der Speisekarte stehen, sicher bestätigen könnten, wären sie nicht schon längst verdaulicher Teil der Nahrungskette geworden.
Aber wie das so ist, irgendwann ist jede Sturm- und Drangzeit mal zu Ende. Dann baut sich die Larve ihr kleines Heim, das seltsamerweise wie ein Köcher aussieht (daher der Name), und schließt sich für eine Weile ein. Der belesene Bürger mag in diesem Zusammenhang an Gregor Samsa denken, den tragischen Handelsvertreter aus Kafkas "Die Verwandlung". Die romantischere Seele denkt vielleicht eher an den Einsiedler, der bewusst die Einsamkeit sucht, um sich auf sich selbst zu besinnen, um wie verwandelt wieder in der Mitte der Gesellschaft aufzutauchen wie Phönix aus der Asche.
Wahrscheinlicher aber ist, dass sich Larve noch eine letzte Orgie gönnt, mit dem insektoiden Gegenstück eines Alkoholexzesses. Dann wacht man irgendwann auf, wundert sich über schmerzende Brustwarzen und Oberarme, bis man bemerkt, dass in den Nippel kiloschwere Piercings stecken und die Oberarme mit Anker- und "Mutti ist die Beste"-Tätowierungen übersät sind, von denen man bis dahin noch gar nichts wusste. Perfekt war der Exzess dann, wenn Käpt'n Ahab wenig später an der Tür klingelt und mit einem Heuer-Vertrag in der Hand wedelt. Aha, eine Anstellung als Schiffjunge auf der MS Santa Calamitat. Wann hat man das denn unterschrieben?
Für Larve dürfte das Erwachen nach der Verpuppung ähnlich überraschend sein. Von den Flügeln hat man bisher nichts gewusst, und irgendwie fehlt ihr auch noch die Luft. Nur Käpt'n Ahab klingelt nicht, denn als Köcherfliege ist sie einfach zu klein für einen Job als Schiffsjunge...
Wenn sich die gebänderte Flussköcherfliege dann endlich in die Lüfte erhebt, tritt sie quasi in den Lebensabend ein, denn die fliegende Phase dauert nur zwei bis drei Wochen. Und wie das so ist im Lebensabend, man wird ruhiger. Denn die Flussköcherfliege wird leicht mit der gemeinen Mücke verwechselt, kann aber nicht stechen...

Herr Hermann August Hagen (1817 - 1893) hat die gebänderte Flussköcherfliege ausgiebig untersucht. Und er wäre in diesem Jahr sicher stolz auf sich und seine Arbeit, denn in diesem Jahr ist die gebänderte Flussköcherfliege Insekt des Jahres 2013! Herzlichen Glückwunsch!

Weitere Informationen zum Thema gibt es hier:
Die gebänderte Flussköcherfliege
Hermann August Hagen

Samstag, 5. Januar 2013

Frühstück!

Eigentlich fing dieser Tag so normal an, wie jeder andere. Irgendwann am frühen Morgen stand ich auf, weckte den diensthabenden Gartenvogel und vertrieb mir die wenigen Stunden, bis meine Familie das Licht des neuen Tages erblicken würden, mit der Lektüre der neuesten Nachrichten. Ich pflückte unsere Kinder aus ihren Betten und hieß sie, den morgendlichen Reinigungsritualen besondere Sorgfalt zu widmen.
Wie immer also... Sohnemann hatte mal wieder alle Zeit der Welt, um zwischen rechtem und linkem Strumpf ein wenig tagzuträumen, versonnen seinen Pullover zu betrachten und danach seine Hose auf die einzig unmögliche Art falschrum anzuziehen, während Töchterlein in gewohnt zielgerichteter Manier ihre Kleidung in einem Zuge und komplett über den Kopf zu ziehen versuchte.
Fürsorglicher Vater, der ich bin, half ich natürlich an allen Ecken und Enden. Junior wurde in regelmäßigen, etwa dreißig-sekündigen Abständen von seinem fernen Planeten abgeholt, Juniorette fachgerecht in das Bekleidungssortiment einsortiert, danach Waschlappen, Zahnbürste, Kamm, Hunger.
Das Frühstück, als eine der drei wichtigsten Mahlzeiten des Tages, sollte immer mit etwas beginnen, was man gerne mag. Und welches Kind, frage ich meine geschätzten Leser, mag keine Schokocreme?
Also wurde die Brotschnitte reichlich mit Nuss-Nougat-Creme (für Insider: ELF Meter!) bestrichen, in mundgerechte Häppchen zerteilt und den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Ach nein, halt! Heute ja nicht ganz. Söhnchen durfte sich am süßen Mahle delektieren, Töchterlein aber hatte noch die Wurstschnitte von gestern Abend auf dem Teller liegen. Und ihr ahnt ja nicht, welches Drama diese Wurstschnitte nun auslöste.
Töchterlein rannte strahlend, in Erwartung süßer Gaumenfreuden, auf den Tisch zu, enterte ihren Stuhl und erblickte... das WURSTBROT! Die Augen weiteten sich zu Suppenterrinengröße! Das Lächeln in ihren Gesicht erstarrte, die Mundwinkel zogen unaufhaltsam nach Süden, bis sie von ihren zitternden Knien dann doch aufgehalten wurden!
Während Sohnemann sich mit Elan der Vernichtung der angebotenen Lebensmittel widmete, drehte sich Töchterleins Kopf langsam zu mir. Der Rücken krümmte sich, Atlas gleich, unter der Last der Leiden dieser Welt. In ihrem Blick ein stummer Schrei: Eloi, Eloi, lema sabachthani?*
Wie konnte ich nur? Welcher Teufel war in mich gefahren, dass ich meiner Tochter solch titanische Qualen erleiden lasse? Mein schlechtes Gewissen regte sich nicht, es tanzte einen wilden Czárdás auf meinen Tränensäcken. Und noch ehe sich ihre Augen mit den Wassern der Welt füllen konnten, sprang ich schon auf und zu ihr hin, entzog ihr die kulinarische Beleidigung und belohnte ihre herzergreifende Aufführung mit dem Oscar in Brot und Schokolade für die überzeugende Darstellung spontanen Verhungerns.
Na gut, das Brot war ein bisschen kalt. Und die Wurst schmeckte auch nicht so richtig nach Schokolade, aber zum Wegwerfen war es einfach zu schade. Nur eines störte mich dann doch ein ganz kleines bisschen: Ein Lächeln bekam ich bis jetzt noch nicht von meiner Tochter...

[Mk 15,34]: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du  mich verlassen?