Samstag, 5. Januar 2013

Frühstück!

Eigentlich fing dieser Tag so normal an, wie jeder andere. Irgendwann am frühen Morgen stand ich auf, weckte den diensthabenden Gartenvogel und vertrieb mir die wenigen Stunden, bis meine Familie das Licht des neuen Tages erblicken würden, mit der Lektüre der neuesten Nachrichten. Ich pflückte unsere Kinder aus ihren Betten und hieß sie, den morgendlichen Reinigungsritualen besondere Sorgfalt zu widmen.
Wie immer also... Sohnemann hatte mal wieder alle Zeit der Welt, um zwischen rechtem und linkem Strumpf ein wenig tagzuträumen, versonnen seinen Pullover zu betrachten und danach seine Hose auf die einzig unmögliche Art falschrum anzuziehen, während Töchterlein in gewohnt zielgerichteter Manier ihre Kleidung in einem Zuge und komplett über den Kopf zu ziehen versuchte.
Fürsorglicher Vater, der ich bin, half ich natürlich an allen Ecken und Enden. Junior wurde in regelmäßigen, etwa dreißig-sekündigen Abständen von seinem fernen Planeten abgeholt, Juniorette fachgerecht in das Bekleidungssortiment einsortiert, danach Waschlappen, Zahnbürste, Kamm, Hunger.
Das Frühstück, als eine der drei wichtigsten Mahlzeiten des Tages, sollte immer mit etwas beginnen, was man gerne mag. Und welches Kind, frage ich meine geschätzten Leser, mag keine Schokocreme?
Also wurde die Brotschnitte reichlich mit Nuss-Nougat-Creme (für Insider: ELF Meter!) bestrichen, in mundgerechte Häppchen zerteilt und den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Ach nein, halt! Heute ja nicht ganz. Söhnchen durfte sich am süßen Mahle delektieren, Töchterlein aber hatte noch die Wurstschnitte von gestern Abend auf dem Teller liegen. Und ihr ahnt ja nicht, welches Drama diese Wurstschnitte nun auslöste.
Töchterlein rannte strahlend, in Erwartung süßer Gaumenfreuden, auf den Tisch zu, enterte ihren Stuhl und erblickte... das WURSTBROT! Die Augen weiteten sich zu Suppenterrinengröße! Das Lächeln in ihren Gesicht erstarrte, die Mundwinkel zogen unaufhaltsam nach Süden, bis sie von ihren zitternden Knien dann doch aufgehalten wurden!
Während Sohnemann sich mit Elan der Vernichtung der angebotenen Lebensmittel widmete, drehte sich Töchterleins Kopf langsam zu mir. Der Rücken krümmte sich, Atlas gleich, unter der Last der Leiden dieser Welt. In ihrem Blick ein stummer Schrei: Eloi, Eloi, lema sabachthani?*
Wie konnte ich nur? Welcher Teufel war in mich gefahren, dass ich meiner Tochter solch titanische Qualen erleiden lasse? Mein schlechtes Gewissen regte sich nicht, es tanzte einen wilden Czárdás auf meinen Tränensäcken. Und noch ehe sich ihre Augen mit den Wassern der Welt füllen konnten, sprang ich schon auf und zu ihr hin, entzog ihr die kulinarische Beleidigung und belohnte ihre herzergreifende Aufführung mit dem Oscar in Brot und Schokolade für die überzeugende Darstellung spontanen Verhungerns.
Na gut, das Brot war ein bisschen kalt. Und die Wurst schmeckte auch nicht so richtig nach Schokolade, aber zum Wegwerfen war es einfach zu schade. Nur eines störte mich dann doch ein ganz kleines bisschen: Ein Lächeln bekam ich bis jetzt noch nicht von meiner Tochter...

[Mk 15,34]: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du  mich verlassen?

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