Dienstag, 8. Januar 2013

Wer war eigentlich...

... Hermann August Hagen?
Er wäre in diesem Jahr sicher ein stolzer Mann gewesen. Herr Hagen ist ein Paradebeispiel, wie sich Interessen weitervererben. Im zarten Alter von zehn Jahren entdeckte nämlich Klein-Hermann die Insektensammlung seines Großvaters. Und statt den versammelten verblichenen Kerbtierchen diverse Körperteile zu entnehmen, wie es in diesem Alter mehr oder weniger "normal" wäre, stand Jung Hermann verzaubert vor der Sammlung und beschloß stande beene, in Opas Fußstapfen zu treten. Der war nämlich Universalgelehrter, und so wurde aus Hagen junior nach einem Umweg über ein Medizinstudium Zoologe und Insektenkundler.
Als solcher nahm er sich (neben einigen anderen Tierchen) einer Fliege an und untersuchte sie so lange, bis er sie ordentlich klassifizieren konnte. Das nennt sich dann Taxonomie.
Das Tierchen nennt sich lateinisch Rhyacophila fasciata und in Wald- und Wiesendeutsch (im Sinne des Wortes) Gebänderte Flussköcherfliege.
Als Larve ist die gebänderte Flussköcherfliege ein ziemlicher Rabauke, denn sie gehört doch tatsächlich zu den Räubern unter Wasser, was viele Insekten, die auf der Speisekarte stehen, sicher bestätigen könnten, wären sie nicht schon längst verdaulicher Teil der Nahrungskette geworden.
Aber wie das so ist, irgendwann ist jede Sturm- und Drangzeit mal zu Ende. Dann baut sich die Larve ihr kleines Heim, das seltsamerweise wie ein Köcher aussieht (daher der Name), und schließt sich für eine Weile ein. Der belesene Bürger mag in diesem Zusammenhang an Gregor Samsa denken, den tragischen Handelsvertreter aus Kafkas "Die Verwandlung". Die romantischere Seele denkt vielleicht eher an den Einsiedler, der bewusst die Einsamkeit sucht, um sich auf sich selbst zu besinnen, um wie verwandelt wieder in der Mitte der Gesellschaft aufzutauchen wie Phönix aus der Asche.
Wahrscheinlicher aber ist, dass sich Larve noch eine letzte Orgie gönnt, mit dem insektoiden Gegenstück eines Alkoholexzesses. Dann wacht man irgendwann auf, wundert sich über schmerzende Brustwarzen und Oberarme, bis man bemerkt, dass in den Nippel kiloschwere Piercings stecken und die Oberarme mit Anker- und "Mutti ist die Beste"-Tätowierungen übersät sind, von denen man bis dahin noch gar nichts wusste. Perfekt war der Exzess dann, wenn Käpt'n Ahab wenig später an der Tür klingelt und mit einem Heuer-Vertrag in der Hand wedelt. Aha, eine Anstellung als Schiffjunge auf der MS Santa Calamitat. Wann hat man das denn unterschrieben?
Für Larve dürfte das Erwachen nach der Verpuppung ähnlich überraschend sein. Von den Flügeln hat man bisher nichts gewusst, und irgendwie fehlt ihr auch noch die Luft. Nur Käpt'n Ahab klingelt nicht, denn als Köcherfliege ist sie einfach zu klein für einen Job als Schiffsjunge...
Wenn sich die gebänderte Flussköcherfliege dann endlich in die Lüfte erhebt, tritt sie quasi in den Lebensabend ein, denn die fliegende Phase dauert nur zwei bis drei Wochen. Und wie das so ist im Lebensabend, man wird ruhiger. Denn die Flussköcherfliege wird leicht mit der gemeinen Mücke verwechselt, kann aber nicht stechen...

Herr Hermann August Hagen (1817 - 1893) hat die gebänderte Flussköcherfliege ausgiebig untersucht. Und er wäre in diesem Jahr sicher stolz auf sich und seine Arbeit, denn in diesem Jahr ist die gebänderte Flussköcherfliege Insekt des Jahres 2013! Herzlichen Glückwunsch!

Weitere Informationen zum Thema gibt es hier:
Die gebänderte Flussköcherfliege
Hermann August Hagen

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