Freitag, 29. März 2013

Der Mensch im Dialog

Seit Ex-Papst Benedikt XVI. in Rente gegangen ist, ist der Name seines Nachfolgers in aller Munde.
Seine Heiligkeit heißen jetzt Papst Franziskus (nicht I., weil die Nummer erst angehängt wird, wenn es einen II. geben sollte!), der seinen Namen bei Franz von Assisi entliehen hat.
Wie wir alle ja wissen, ist Franz (oder eben Franziskus) von Assisi der Begründer des Ordens der Franziskaner, obgleich er seinen Orden (wie wir ebenfalls wissen) „die Minderen Brüder“ genannt hat.
Dem Otto-Normal-Gläubigen ist der Heilige Franziskus aber nicht nur als Ordensstifter bekannt, sondern auch als der Vogelprediger. Irgendwann in seiner Karriere zwischen Ritter derer von Assisi, Mönch in Armut und Ordensstifter, so die Legende, hat Franziskus den Vögeln gepredigt.
Heute gilt der Heilige Franziskus nicht nur als Namenspate für den amtierenden Vertreter Gottes auf Erden, sondern auch als Schutzheiliger Italiens, der Tiere und des Naturschutzes.
Man sieht also, wohin es führen kann, wenn man mit Tieren spricht.
 
Irgendwas an der Geschichte des Franz von Assisi muss meine Frau fasziniert oder zumindest angesprochen haben. Folgendes trug sich in diesen Tagen während des familiären Abendmahles zu:
Sämtliche Kinder und ihr Erzeuger saßen bereits am Tisch, die noch leeren Teller vor uns, weil wir auf unsere Mutter warteten. Selbige fand so kurz vor der Einnahme des Abendmahls den Zeitpunkt für gekommen, sich um zwei zarte Lebewesen zu kümmern, die zu beherbergen wir seit ein paar Tagen die Ehre haben. Das sollte ich wohl mit einigen Worten erklären.

Wie ja allgemein bekannt ist, ist der normal durchschnittliche Mensch in seinem Haus nur geduldeter Gast. Die Herrschaft in den vier Wänden haben (ungeachtet sämtlicher Reinigungsversuche) einige mehr oder weniger peinliche Insekten und eklige Spinnentiere. Im Normalfall bitten wir derlei Bewohner freundlich, aber bestimmt, unsere Heimstatt innerhalb der nächsten 24 Stunden zu verlassen und sich vielleicht in einem der vier Obstbäume in der näheren Umgebung niederzulassen. 
Wer das Ultimatum untätig verstreichen lässt, bekommt allerdings die ganze Härte der Zwangsräumung zu spüren, von Handfeger über Staubsauger bis hin zu Zeitungsrolle und Küchenpapier. Jegliche Spinne oder anderes Kerbtier verliert seinen bedrohlichen Aspekt, wenn es platt ausgebreitet an der Wand klebt.
Nur wenigen Insekten, insbesondere aus der Ordnung der Käfer, ist es erlaubt, unsere Gastfreundschaft zu genießen. Zu diesen privilegierten Wesen gehören zweifelsohne die Marienkäfer, stehen sie doch im Verdacht, Glück bringen zu können. Aus diesem Grunde wurden vor wenigen Tagen zwei Marienkäfer, die ich in unserem Schlafzimmer angetroffen hatte, nicht etwa des Hauses verwiesen, sondern sie bekamen eine ungleich bessere Unterkunft auf einigen in unserem Esszimmer wuchernden Pflanzen. Was der Ort des Auffindens dieser beiden Glücksbringer über die Art des Glückes aussagt, das nunmehr über uns hereinbrechen mag, darüber möchte ich den Mantel der Diskretion legen.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Fauna unseres Hauses und allgemeine Glücksymbolik kehren wir nun wieder zu unserer Ausgangsgeschichte zurück. Herzlichen Dank.
Also kümmerte sich unsere liebe Mama, meine geliebte Ehefrau und Freizeit-Tierpflegerin kurz vor dem Abendessen hingebungsvoll um zwei Marienkäfer im Geäst und Blätterwerk einer mir (trotz aller Erklärungsversuche) völlig unbekannten, grünen Pflanze. Ich hätte ja nichts gesagt, hätte es mein Frauchen bei einem „Na, lebt ihr noch?“ gelassen… Aber sie ging ja noch ein bis mehrere Schritte weiter. Nicht nur wurde nach dem Befinden gefragt, in der stillen, aber absoluten Überzeugung, auch eine Antwort zu bekommen, sie gab auch noch Ernährungstipps („Hier ist ein bisschen Zuckerwässerchen für euch! Aber langsam trinken, sonst bekommt ihr Bauchweh!“), zeigte Vergnügungsmöglichkeiten auf („Am Fenster könnt ihr mal ein bisschen rausgucken.“) und sorgte sich um die Gesundheit und die körperliche Unversehrtheit der Käfer („Immer schön aufpassen! Und nicht so wild rumfliegen!“). Einmal Mama, immer Mama…
Sohn, Tochter und auch Ehemann schauten sich ein wenig verwundert bis belustigt an und verfolgten das Schauspiel mit großen Augen. Dann hielt ich es für angeraten, dem recht einseitigen Dialog vermittels eines diskreten Hüstelns ein Ende zu setzen und solchermaßen auf unsere leeren und mittlerweile heftig knurrenden Mägen hinzuweisen. Meine Frau setzte sich zu Tisch mit einem Gesichtsausdruck, der nahelegte, dass es das Normalste der Welt sei, eine angeregte Unterhaltung mit zwei Marienkäfern zu führen, schließlich sind es auch fühlende Wesen, und einer muss sich doch um sie kümmern, und wenn nicht sie, wer denn dann, und nun kein Wort mehr davon, bitte.
Aus den Abyssalen meines Hirnes tauchten aber einige Gedanken auf, blitzten kurz an der Oberfläche auf, um dann knapp unter der Oberfläche ziellos umherzutreiben: Franziskus sprach zu den Vögeln, stiftete einen Orden und wurde heiliggesprochen. Meine über alles geliebte Frau aber spricht zu Käfern (und Pflanzen, zählt das auch?). Wenn sie nun noch ein Gedenktäfelchen stiftete, spräche man sie dann auch (wenigstens ein bisschen) heilig?

Und könnte ich dann im güldenen Lichte ihres Glorienscheins noch schlafen?

Dienstag, 26. März 2013

Scherengeklapper

Gestern musste ich mich mal an Michel aus Lönneberga erinnern. Ihr kennt ihn sicher auch noch, wenn nicht aus den Büchern von Astrid Lindgren, dann wohl aus der Serie, die irgendwann vor undenklichen Zeiten im Fernsehen lief, als es nur drei Programme gab und in den Sommerferien das Kinderferienprogramm in ARD und ZDF.
Wenn ich an Michel denke, sehe ich immer einen strohblonden Tunichtgut vor mir, dessen Haare in den meisten Fällen wild zerzaust waren. Ich glaube mich sogar an eine Szene zu erinnern, in der Michel einen Kochtopf auf dem Haupte trug, während ihm mit einer geradezu riesigen Schere die Haare geschnitten wurden. 
Diese Szene ging mir gestern durch den Kopf, als meine Tochter auf meinem Schoß saß und Mama ihr mit Schere, Kamm, einer Handvoll Klammern und unglaublich viel Geduld eine neue Frisur auf den Kopf zauberte. Na gut, nicht wirklich eine neue Frisur, weil Klein Juniorette noch nicht so recht mit Kamm, Bürste, Föhn, Styling-Gel und Haarspray umgehen kann. Aber der Kopfschmuck musste mal wieder kürzer werden, denn lieb Töchterlein konnte kaum mehr sehen vor lauter Haaren.
Nun hat unsere Tochter, neben vielen sehr liebenswerten Eigenschaften, allerdings eine Aufmerksamkeitsspanne, die eher mit der eines koffeingetränkten Eichhörnchens vergleichbar ist. Das stellt ihre Mutter, die eine ebenso geschickte wie geduldige Haardompteuse ist, vor heftige Schwierigkeiten, denn das Frisieren unserer kleinen Dame stellt extreme Anforderungen an Reaktionsfähigkeit, Tempo und Geschicklichkeit der mütterlichen Schnitterin. Kaum ist eine Strähne blonden, zarten Haars gekämmt und zwischen den Fingern eingeklemmt, bereit, auf erträgliche Länge gebracht zu werden, dreht sich das kleine Köpfchen plötzlich (aber nicht ganz unerwartet) der nächsten Attraktion zu. Das ist in den meisten Fällen ihr Bruder, der während der ganzen Tortur aufmerksam die Handbewegungen meiner Frau beobachtet und ohne Unterlass kommentiert. Nicht, dass seine geliebte Schwester noch ein Ohr oder gar die Nase verliert!
Der solchermaßen herausgeforderte Barbier (oder, in diesem Falle, die Barbierette) führt die Schere also mit kleinen, schnellen Schnitten behände über den Kopf, schneidet dort, korrigiert da, kämmt vorne, striegelt hinten, immer begleitet von dem gleichen gebetsmühlenartig vorgetragenen Mantra der Kinderfrisöre: „Schön den Kopf stillhalten! Kopf hoch! Schön stillhalten!“
Am Ende aller Mantras, nach unzähligen schnellen, feinen Schnitten, nach Myriaden von vergeblichen Versuchen, genau diese Haarsträhne zum Zwecke des Scherens festzuhalten, nach vielfachem Durchatmen und Bis-zehn-zählen, nach stummen, nichtsdestotrotz inbrünstigen Gebeten, dass das eine Kind still halten und das andere Kind still bleiben solle, ist es geschafft. Unsere kleine Prinzessin hat wieder eine ordentliche Frisur auf dem Kopf, die ein bisschen (aber eben nicht ganz) so aussieht wie vorher, nur ordentlicher. Und sie sieht jetzt wieder was.
Warum aber, so fragt sich der Leser (vielleicht), saß mein Töchterchen während dieser ganzen Prozedur auf dem väterlichen Schoß?
Nun ja, meine wunderbare Frau hatte mit dem Frisieren sehr klassisch begonnen. Dabei steht das Opf… unser Mädel auf einem Höckerchen, trägt ein hinreißendes Zelt, das sich als Frisörumhang tarnt, und hat den Blick frei geradeaus. In der Theorie bedeutet das, dass der zu bearbeitende Kopf in Arbeitshöhe ist, unser Töchterchen still  und leidlich bequem steht und das Haareschneiden deshalb nur wenige Minuten dauert. Aber grau ist alle Theorie. Um bei unserer Tochter zum gewünschten Ergebnis zu kommen, brauchte es einen Stuhl oder einen Pfahl, an dem wir das zu scherende Kind festbinden könnten. Da unser herrschaftliches Schloss aber aus unerfindlichen Gründen weder über Folterkammern noch -instrumente verfügt, vermittels derer wir die Kinder zart, aber bestimmt zum Stillhalten bewegen könnten, muss eben wieder Vattern ran. Und der trägt sein lieb Töchterlein, nachdem sie über Plattfüße klagte,  geduldig auf den Schenkeln und versucht verzweifelt, sie für das einzig wichtige zu interessieren: Einen unsichtbaren Punkt vor ihrer Nase, damit der Kopf a) oben und b) bewegungsarm bleibt.
Während ich also da so saß, meiner Tochter allerlei schöne Dinge, die sie vor sich zu sehen habe, damit sie den Kopf wenigstens ansatzweise ruhig hielte, erzählte, und meine Angetraute mit flinken Händen die Schere klappern ließ, kam mir ein Gedanke:
Wenn man es sich mal so recht überlegt, scheint es insbesondere für Kleinkinder nur drei grundsätzliche Frisuren zu geben. Zum einen recht unkomplizierte einfache Frisuren, die ein ebenso fixer wie geschickter Frisör (-in, nicht zu vergessen!) dem ungeduldigen Kind auf den Kopf gezaubert hat. Zum Zweiten die langhaarigen Frisuren, die schon lange keinen Frisör mehr gesehen haben und die man mittels exzessiven Gebrauch von Bürste, Föhn und Unmengen von Haarpflegemitteln zu  bändigen versucht, und schließlich c) die raspelkurzen Haare, weil nichts einfacher ist, als dem Knaben (Bevorzugt, denn bei den Mädeln sieht es einfach dämlich aus!) das Gewölle mit der elektrischen Hochleistungshaarschneidemaschine auf eine maximale Länge von zwei Millimetern zu stutzen. Da kann man dann auch nichts falsch machen.
Ich wandere nunmehr mit dem geschärften Blick eines Vaters einer frisch geschorenen Tochter durch meine kleine Welt und ich sehe: Ich habe Recht! Achtet mal drauf.
Übrigens: In den nächsten Tagen ist mein Filius dran, seine Haare stutzen zu lassen. Natürlich ohne Motorsense! 

Wer sich mal selbst erinnern will: 

 


Freitag, 22. März 2013

Immer und überall...?

In was für einer modernen Welt wir doch leben. Das Fernsehen bringt uns Nachrichten und Bilder aus aller Welt, in Farbe und mit allerlei Geräusch unterlegt. Wir können mit beinahe jedem Menschen auf dem Erdenrund jederzeit kommunizieren, wir haben Telefon in der Tasche und sind überall und jederzeit erreichbar. Während wir unterwegs sind, können wir sogar jederzeit auf das gesammelte Wissen des Internets zugreifen, Emails abrufen, Nachrichten lesen, schreiben und sogar selbst zu einer Nachricht in den Abendmeldungen der Tagesschau werden.
Mittlerweile ist es völlig wurscht, wo und wann man gerade ist, man ist immer in der Lage, mit dem Rest der Welt zu kommunizieren. Natürlich braucht man dazu die entsprechende Technik. Aber nichts heutzutage ist einfacher, als sich Zugang zu einer unüberschaubaren Menge von Kommunikationswegen zu verschaffen. Selbst in der Einsamkeit der Wüste oder in den Abyssalen der Ozeane ist es uns mithilfe moderner Technik möglich, Markus Lanz auf der Wetten-Dass-Bühne zu beobachten oder den Live-Mitschnitt des letzten Falco-Konzerts herunterzuladen. Man könnte sogar aus der Einöde heraus mit seiner Familie telefonieren, aber wer macht das denn heute noch? Heute wird gepostet und getwittert, selbst eine SMS ist doch heutzutage schon „old school“.
Jedenfalls hat sich die Möglichkeit, jederzeit mit der ganzen mehr oder weniger zivilisierten Welt kommunizieren zu können, in einer Weise in unserer Gesellschaft ausgebreitet, dass heute am Telefon ganz selbstverständlich Fragen gestellt werden, die noch vor wenigen Jahren keinen Sinn ergeben hätten: „Wo bist du denn gerade?“

Zu jenen mittlerweile lang vergangenen Zeiten, in denen ich das elterliche Haus verließ, um auf eigenen Füßen zu stehen, hatte auch nicht die Gefahr bestanden, dass meine Erziehungsberechtigten im öffentlichen Raum Bilder entdecken, die ihre Nachkommenschaft in restlos unzivilisierter Haltung, in Begleitung von Menschen mit wechselhaften Moralvorstellungen und wenig stilvoll gekleidet unter den Tischen einer zweifelhaften, verrauchten und dunklen Spelunke zeigen. Heute ist nichts einfacher, als der gesamten kommunikativ verbundenen Menschheit mit nur wenigen Handbewegungen zu zeigen, was man gerade isst, trinkt, auskotzt… Alle reden über Datenschutz und den Schutz der eigenen Persönlichkeit. Gleichzeitig zeigt eine erschreckend große Menge der User eine unglaublich hohe Bereitschaft, ihr gesamtes Leben, Denken, Fühlen und Handeln über das Internet einem unüberschaubar großen Publikum zur Verfügung zu stellen.

Die Möglichkeit, einmal für eine kleine Zeitspanne nicht für alles und jeden erreichbar zu sein, einmal nicht zu jedem gewünschten Zeitpunkt mehr oder weniger lebenswichtige Nachrichten in die Welt zu schicken, ist für viele Menschen dieses Informationszeitalters gar nicht mehr vorstellbar.
Wer das Smartphone auf dem Schreibtisch vergessen hat, wessen Computer aus unerfindlichen Gründen nicht mehr startet, wer temporär keine Kommunikationsmittel in der Hand hält, fühlt sich nackt und vielleicht sogar ein bisschen schutzlos. 

Vor ein paar Tagen war etwas überraschend der Akku meines Handys leer, als meine Frau versuchte, mich telefonisch zu erreichen. Als ich endlich zuhause ankam, war mein geliebtes Weib vor Sorge völlig aufgelöst. Angesichts der Jahreszeit und der in diesem Zusammenhang herrschenden, etwas weniger komfortablen Straßenverhältnisse eine durchaus verständliche Reaktion.
Nachdem sich allerlei Nerven beruhigt hatten und wieder ein wenig Ruhe eingekehrt war, dachte ich über diese kleine Begebenheit nach.

Ich selbst habe noch erfahren, was vor der Erfindung des tragbaren Telefons passierte, wenn man jemanden telefonisch nicht erreichen konnte. Dann war das eben so. Gegebenenfalls machte man noch den einen oder anderen Versuch, je nach Wichtigkeit der Mitteilung, und wenn man seinen Gegenüber nicht erreichte, dann wartete man eben noch ein Weilchen. Die Zeitspanne zwischen Nichterreichen und Sorgenmachen war erheblich länger als heute. Wer heutzutage auf den ersten Anruf nicht sofort reagiert, wer die erste SMS nicht umgehend beantwortet, ist bereits von finsteren Gesellen entführt, erdolcht, verscharrt worden. Na ja, vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber Sorgen macht man sich ja doch. Was im Grunde auch gar nicht so schlecht ist. Immerhin zeigt es uns, dass wir unseren Mitmenschen nicht egal sind. Auch ein schöner Gedanke. 

Ich habe dieses kleine Erlebnis zum Anlass genommen, über mein eigenes Verhältnis zu Bruder Computer, dem allwissenden Internet und die allzeitliche Erreichbarkeit ein wenig nachzudenken.
Und ich werde ein wenig über die Verwendung des „Off-Schalters“ nachdenken…

In diesem Zusammenhang ein Spruch, im Internet gefunden (sic!):

Stell dir vor, du begegnest der Liebe deines Lebens, 
und bemerkst es nicht, weil du über deinem Smartphone hängst.

Mittwoch, 20. März 2013

Eigentlich...

wollte ich ja von den Freuden des Frühlingsanfangs schreiben. Dieses Vorhaben verschiebe ich aber mal aus klimatischen Gründen auf unbestimmte Zeit.
Deshalb gibt es jetzt:

Bewusster essen
Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, Eindrücken und Emotionen, die mich im Zusammenhang mit Heim, Haus und Familie immer wieder daran erinnern, wie gut es mir eigentlich geht.
Und ab und zu sollte jeder sich wirklich mal bewusst machen, dass das gute Gefühl, das man da hat, vielleicht nicht wirklich selbstverständlich ist.
Einer der schönsten Eindrücke, die ich zuhause haben darf, ist der Duft von frisch gebackenem Brot.
Der Kauf eines Brotes in einer Bäckerei oder auch nur der Brotabteilung des ortsansässigen Supermarktes ist in unserer kleinen Familie zur Seltenheit geworden. Und irgendwie bekommen meine liebe Frau und ich ein schlechtes Gewissen, wenn wir es dann mal tun, ausnahmsweise.
Denn eigentlich backt meine beste Ehefrau von allen unser Brot grundsätzlich selbst. Und mittlerweile habe selbst ich begriffen, dass handgebackenes Brot keine Selbstverständlichkeit ist.
Das beginnt beispielsweise schon mit dem Einkauf der dazu benötigten Einzelteile, hier insbesondere des Mehls.
Vor vielen Jahren begann der Siegeszug des selbstgebackenen Brotes mit ein wenig Abenteuerlust seitens meiner Frau und einem klaren Auftrag an mich während der Einkaufstour: „Geh mal Mehl holen!“ Ein einfacher Auftrag, sollte man meinen. Weit gefehlt!
Da stand ich nun mit meinem Einkaufswagen vor dem Regal mit dem Mehl, beziehungsweise den diversen Mehlsorten und war vollkommen ratlos. Welches Mehl nimmt man denn jetzt für das Brot? Da stand was von Weizen, Roggen, Dinkel und  Schrot. Nun wusste ich zwar aufgrund meiner in Kindheit und Jugend gemachten landwirtschaftlich angehauchten Erfahrungen, die verschiedenen Getreidesorten zu unterscheiden, wusste auch, was man prinzipiell damit anstellen konnte (Bier brauen, was mir seinerzeit unglaublich wichtig erschien), aber  im Zusammenhang mit der Kunst des Brotbackens konnte ich mich einfach nicht für eine Sorte entscheiden.
Nun waren die verschiedenen Sorten neben der Nennung des Getreides auch mit einer kryptischen Zahl versehen, die mir die Auswahl allerdings auch nicht einfacher machte. Typ  405 stand da, oder Typ 1150, aber auch Typ 550. Sollte ich Quersummen bilden? Waren es Mengenangaben? Hatten die Zahlen etwas mit der Haltbarkeit der Backware zu tun? Kurzum: Ich war rat-, ahnungs- und hilflos.
Ein stummer Schrei entrang sich meiner Kehle. Hilfesuchend schaute ich mich um, ohne Erfolg. Ich griff meinen noch immer völlig leeren Einkaufswagen und machte mich auf die Suche nach meinem Eheweib, im vollen Bewusstsein meiner soeben erlittenen Niederlage…
Das muss sie mir angesehen haben, als ich Frauchen endlich fand, irgendwo zwischen Hefewürfeln und Backpapier. Gütig lächelte sie mich an, tröstete mich und führte mich zurück an den Ort meiner Ahnungslosigkeit. Hier nun folgte eine kleine Lehrstunde, an deren Ende ich ein Grundwissen über die Entstehung von Mehl, verschiedene Ausmahlungsgrade und Mineralstoffgehalte mein Eigen nennen durfte. Außerdem füllte sich der Einkaufswagen während des ebenso anschaulichen wie interessanten Vortrages auf magische Weise bis zur Grenze seiner Tragfähigkeit mi t Unmengen an Packungen verschiedenster Mehlsorten. Hätte ich die Quersumme der Mehltypen (so nennt man die Nummern!) gezogen, ich wäre Millionär geworden, Mehlmillionär.
Inzwischen ist der Erwerb von Mehl zum Zwecke des Backens für mich bereits Routine geworden, aber dieses erste, einschneidende Erlebnis ließ mich einige Dinge in unserem alltäglichen Leben anders betrachten.
Der nächste Schritt nach dem Kauf der Einzelkomponenten war natürlich die Verarbeitung derselben zu einem nahr- und schmackhaften Brot. Diese Tätigkeit habe ich, eingedenk meiner handwerklichen Begabung, die sich diesbezüglich eher im Minusbereich befindet, bisher klugerweise meiner talentierten Hobbybäckerin überlassen.
Ein frisches Brot, kurz vor der Sauna...
Aber ich schaue ihr gern zu, wie sie aus verschiedenen Mehlsorten, aus Hefe, verschiedenen Gewürzen, einem Schutt Wasser und vielleicht sogar einem Schluck Bier (für das Brot, nicht für die Kehle) ein kleines kulinarisches Kunstwerk formt. Insgeheim bin ich sogar der Überzeugung, dass der Vorgang des Teigknetens für meine geliebte Gattin eine Art Meditation darstellt, zuweilen sogar der Aggressionsabfuhr oder Frustbekämpfung dient. Ich erkenne es an der Art und Weise, in der sie den ansonsten völlig unschuldigen Teig traktiert. In der Meditation rührt und knetet sie den Teig mit Anmut und einer überraschenden, aber wunderschön anzusehenden Zärtlichkeit. Sollte sie aber ein gewisses aggressives Potential in sich spüren oder gar frustriert sein, bekommt der Teig die ganze Macht ihrer Fäuste zu spüren und sie knetet und walkt den ganzen aufgestauten Ärger hinein. Sei es, wie es ist, am Ende entsteht doch immer ein gut durchgekneteter, weicher, appetitlich anzusehender Brotteig.
Die Phase der Ruhe, die ein Teig haben muss, damit er aufgeht, nimmt meine Frau sehr ernst. Manchmal ruht sie sogar aus lauter Solidarität gemeinsam mit dem Teig, bis dieser aufgegangen ist und meine Frau den nächsten Schritt auf dem Weg zur familiären Ernährung gehen kann. Der Teig wird noch einmal geknetet (nun wesentlich ruhiger und ausgeglichener als vielleicht beim ersten Mal), in Form gebracht, eingeschnitten und dann der fein austarierten Hitze des heimischen Küchenofens überlassen.
Das ist dann die Zeit, in der es für mich extrem interessant wird. Denn nun beginnt das Brot zu backen. Alsbald verbreiten sich wunderbarste Düfte im ganzen Haus. Es riecht wie… Es ist ein Duft wie… Der Geruch ist wie… Nein, es gibt keinen Weg, den einzigartigen Duft frisch gebackenen Brotes, der einem noch warm in die Nase steigt, zu beschreiben. Absolut nichts auf der Welt riecht wie ein frisch gebackenes Brot, bis auf das Brot selbst natürlich. Wenn ich diesen Duft wahrnehme, bekomme ich augenblicklich Hunger, ganz unabhängig davon, wie viel ich vorher gegessen haben mag. Das nächste unvergleichliche Vergnügen ist es, von diesem noch warmen Brot eine Scheibe zu essen, pur, ohne Butter oder sonstige Beläge. Nicht nur der Geruch ist einzigartig, auch der Geschmack ist es. Weich und warm liegt der Bissen auf der Zunge und entfaltet die ganze Bandbreite seines Geschmackes, sodass man gar nichts anderes mehr haben möchte.
Ein frisch gebackenes Brot, zum Verzehr ausgesprochen geeignet.
Ich schmecke das Mehl (ein wenig), die Hefe (auch nur wenig), die verschiedenen Gewürze wie Salz, Kümmel, Kardamom und was der Geschmäcker und Gewürze mehr sind. Dem Einfallsreichtum, mit welchen Zutaten ein Brot gebacken werden kann, sind nur die Grenzen des eigenen Geschmackes und Wohlgefallens gesetzt. Und so sind auch die Eindrücke, die Geschmackserlebnisse auf der Zunge grenzenlos.
Warmes Brot ist nicht nur Nahrung, nicht nur Essen, es ist eine Wohltat, ein positives Lebensgefühl, ein kleines Glück. Es ist Gemütlichkeit und Zufriedenheit.
 
Manchmal muss man sich einfach mal bewusst machen, wie gut man es eigentlich hat. 

Fettes P.S.:  Ganz lieben Dank an dieser Stelle an meine Lieblingsbäckerin, Fotoknipsendompteuse und herzallerliebste Ehefrau, die mir die Bilder (und das Brot) gebastelt hat! Knutsch!

Dienstag, 19. März 2013

Zeitdilatation

Dilatation leitet sich vom lateinischen dilatare ab, was im Deutschen die Bedeutung verlängern, ausdehnen, vergrößern hat.
Bei der Zeitdilatation, also der Ausdehnung der Zeit, handelt es sich um ein Phänomen, das im Zusammenhang mit der Speziellen Relativitätstheorie von Albert Einstein zusammenhängt.
Um das nun in aller gebotenen Ausführlichkeit  zu erklären, verweise ich an dieser Stelle auf den folgenden Link, der das Phänomen weitaus besser darstellen kann, als ich kleiner Aushilfsphilosoph und astrophysikalischer Voll-Laie:  Wikipedia zum Stichwort Zeitdilatation
 
Um die Auswirkungen der Zeitdilatation im Alltag beobachten zu können, braucht es allerdings weder Einstein noch ein Studium der Allgemein und / oder Speziellen Relativitätstheorie. Man muss sich einfach nur mit seiner Nachkommenschaft beschäftigen.
Unsere beiden Kinder werden, da sie ja nun aufrecht gehen, sich artikulieren und Hände sowie Füße fachgerecht benutzen können, immer mehr in die tägliche Hausarbeit einbezogen. Was effektiv bedeutet, dass Sohn und/oder Tochter bei Gelegenheit einen feuchten Lappen über diverse waagerechte oder senkrechte Einrichtungsgegenstände ziehen, welchem dann Vater und/oder Mutter hernach unauffällig eine Grundreinigung angedeihen lassen. Auf diese Weise lernen die Kinder, das Hausarbeit entgegen aller Gerüchte glücklich macht, denn sie werden für ihren zwar unermüdlichen, doch zur Zeit noch beinahe zwecklosen Einsatz gehörig gelobt.
Was das mit der Zeitdilatation zu tun hat? Einstein war sich dessen nicht wirklich bewusst, nehme ich mal an, aber man braucht eben erheblich länger, um das Haus in einem vorzeigbaren Zustand zu halten. Oder zu bekommen, je nach dem…
Dass wir mehr Zeit benötigten, um einen bestimmten, erwünschten Zustand trotz Zuhilfenahme zweier zusätzlicher Paare Hände zu erreichen, bemerken wir erst am Abend, wenn wir völlig geschafft  mit blitzblanken, nach Zitrone, Essig und Tensiden riechenden Händen vor dem Fernseher sitzen. Es ist der gute Wille, der zählt, und die Kinder sollen ja auch was praktisches lernen, von dem sie im späteren Leben, wenn sie auf eigenen Beinen stehen, noch etwas haben sollen.
Eine sehr viel deutlichere und emotional extrem spürbare Auswirkung der einsteinschen Zeitdilatation konnte ich jedoch gestern Abend registrieren. Um es mal zart auszudrücken…
Die Schilderung des folgenden Ereignisses erfordert weitaus mehr Zeit (und, nebenbei gesagt, auch Raum), als das Ereignis selbst, welches nur wenige Sekunden wertvoller Zeit in Anspruch nahm. Was war denn nun passiert?
Im Zuge der haushälterischen Ausbildung unserer jungen Praktikanten, ähm, Kinder wurde gestern das feierliche Eindecken des Tisches zum Abendbrot geübt. Aufgrund der Tatsache, dass die Kinder nun schon mehrfach die Vorgänge „Auswahl des Essbestecks“, „Teller verteilen“ und „Ausräumen des Kühlschrankes“ erfolgreich geübt haben, sprachen wir gestern allgemein von einer Wiederholungsausbildung. Mit anderen Worten: Ich musste nicht mehr alle einzelnen Schritte erklären, sondern stellte mich in der Küche an einen strategisch günstigen Platz, der mir die Auf- und Übersicht über alle nun zu erfolgenden Tätigkeiten gewährte, und rief die Kinder: „Tisch decken! Papi hat Hunger!“ Nach nur wenigen Minuten rannten zwei völlig aus dem Häuschen geratene Kleinkinder in die Küche und prügelten sich nun geradezu darum, wer welche Aufgaben zu übernehmen wünschte. Letztlich kristallisierte sich heraus, dass FräuleinPrinzessin sich um das Besteck kümmerte, während Jung Siegfried sich mit den Türen der Vitrine anlegte, um vier Teller, einige Gläser und einen Becher (ganz speziell für Jung Siegfried) zu befreien und auf dem Esstisch zu platzieren.
Bis zu diesem Zeitpunkt erschienen dem unbedarften Beobachter die Vorgänge um das Abendessen vielleicht laut und chaotisch. Ich indes erkannte Struktur, Ordnung und einen Hauch Disziplin im Ausbildungsgang. Allerdings musste ich nun eingreifen, denn wäre es nach den beiden Auszubildenden gegangen, wären wir hungrig zu Bett gegangen. Zwar stand das Werkzeug auf dem Tisch, aber weder Brot noch diverse Möglichkeiten des Belags waren bisher erschienen. Da wir nicht über jenen Wundertisch verfügen, über den einst die Gebrüder Grimm in ihrer Märchensammlung unter der Überschrift „Tischlein, deck dich!“ so trefflich berichteten, brauchte es ein Zeichen meinerseits, um den Hunger stillen zu können: „Und was sollen wir jetzt essen?“ Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens stürzten sich Sohn und Tochter schreiend und mit wehenden Fahnen auf den Kühlschrank, um ihn seines Hab und Gutes zu berauben.
Mit ungeahnter Geschwindigkeit wurden Wurst und Käse, Butter und Brot aus ihrem kalten Verließ gezerrt und in mehr oder weniger zufälliger Ordnung auf dem Esstisch platziert.
Und dann geschah es; und es geschah so schnell, dass ein Eingreifen schlicht unmöglich war, selbst, wenn ich unmittelbar neben dem Unglücksort gestanden hätte:
In einer einzigen fließenden Bewegung näherte sich mein Sohn mit einer Geschwindigkeit nur knapp unterhalb des Lichts dem Kühlschrank, griff nach dem Senfglas, drehte sich um und rannte zurück zum Esstisch. Mein in langen Jahren des Ausbildertums geschulter Blick registrierte leidenschaftslos: Am Deckel gehalten. Ich sah, wie mein Sohn mit hoher Geschwindigkeit Richtung Esstisch rannte, das Senfglas am Deckel gehalten, bemerkte, wie sich das noch gut gefüllte Glas unter der Einwirkung der von Issac Newton im Jahre 1686 beschriebenen Gravitation langsam aber unaufhaltsam aus dem Blechdeckel bewegte und dem Erdmittelpunkt entgegen strebte. Wo es sicherlich auch angekommen wäre, hätte der steinerne Bodenbelag des Esszimmers den Fall nicht ebenso unausweichlich wie abrupt aufgehalten. Ich beobachtete den freien Fall meines geliebten und für das Abendbrot dringend benötigten Senfs in ganzer Länge, bis das Glas mit einem für die dramatische Situation unangemessen leidenschaftslosen „Plobb!“ den Steinboden mit einer kunstvollen Kreation aus Senfhaufen, Glasstücken und glitzernden Splitterchen schmückte. Gleichzeitig meisterte mein Sohn das Kunststück, von wahnwitziger Geschwindigkeit auf völligen Stillstand herunterzubremsen, ohne dafür auch nur einen Zentimeter Bremsweg zu benötigen. Sein völlig verblüffter Gesichtsausdruck bezog sich dabei nicht etwa auf die physikalische Unmöglichkeit, quasi zeitlos zum Stehen zu kommen, sondern auf den ebenso plötzlichen wie unerwarteten Gewichtsverlust in der rechten Hand. Sofort danach stellte sein Gesichtsausdruck seinen innersten Gedankengang rot leuchtend zur Schau: „Oh, das gibt Ärger!“
Nein, gab es nicht. Der Ausbildungsabschnitt wurde nur ein wenig erweitert…
Das ganze schreckliche, senfzerstörende Ereignis nahm nur wenige Sekunden in Anspruch, aber mir kam es vor, als würden endlose Minuten vergehen, bis der Senf ausgebreitet auf dem Boden lag und das letzte Stück zersplitterten Glases zitternd unter der Vitrine zur Ruhe gekommen war.
Dann setzte der normale Zeitablauf wieder ein. Eine Minute dauerte wieder eine Minute, auch gefühlt.
Zunächst galt es nun, die beteiligten Personen unbeschadet aus der Gefahrenzone zu evakuieren, ohne Schnittwunden oder laut und heftig schreiende Unfallopfer zu riskieren. Beide Kinder wurden ins Wohnzimmer beordert, wo sie weitere Maßnahmen geduldig abwarten sollten. Dann widmeten sich Vater und Mutter gemeinsam der gewissenhaften und gründlichen Räumung der Unfallstelle, verwischten die Spuren und atmeten sodann tief durch. Das Abendessen konnte beginnen. Natürlich waren insbesondere die Kinder erleichtert, dass sich das erwartete väterliche Unwetter dann doch überraschend verzogen hatte, aber zumindest der Unfallverursacher musste noch eine kleine Nachschulung hinnehmen. Ein Abendbrot ohne Senf ist für mich einfach nicht möglich, und so fand sich Sohnemann alsbald in Begleitung seines hungrigen Vaters in der Vorratskammer wieder, wo er unter gewissenhafter Aufsicht ein neues Glas Senf am Glas fasste und vorsichtig und langsam (!) zum Tisch trug, wo er es  unbeschadet absetzte. Stolz füllte seine Brust und seine Augen! Väterliches Lob ergoss sich über sein Haupt und Mutter schaute mit glänzenden Augen zu. Somit nahm der Tag doch noch, nach einem anschaulichen Beispiel für die Relativität der Zeit, ein friedliches und glückliches Ende.  Und wir sind auch alle satt geworden.

Montag, 18. März 2013

Bundesschneestraße...?



Ein schneller Blick in den Terminkalender offenbart: Heute ist der 18. März des Jahres 2013.
Mal abgesehen davon, dass an diesem Tage im Jahre 1662 Blaise Pascal in Paris ein Pferdedroschkenunternehmen gegründet hat, was den Beginn des Personennahverkehrs in Frankreich markiert hat, und abgesehen davon, dass heute unter anderem Luc Besson, Queen Latifa und Charlotte Roche Geburtstag haben, ist es auch ganz kurz  vor dem kalendarischen Frühlingsanfang.
Der Blick aus dem Fenster lässt das nicht so wirklich vermuten. Seit den frühen Morgenstunden tummeln sich hier unzählige Schneeflocken im wilden Ostwind, schichten sich weiße Massen viel zu hoch auf Wiesen, Felder und Straßen.
Dementsprechend war die Fahrt zur Arbeit heute Morgen wieder mal ein kleines Abenteuer, hat es doch nun schon so lange nicht mehr in dieser Menge geschneit, dass man sich als Fahrzeugführer schon wieder an trockene, freie, griffige Straßen gewöhnt hatte. Die Sicherheitsabstände zwischen den Fahrzeugen wuchsen heute in ungeahnte Höhen, während die Durchschnittsgeschwindigkeit innerorts in abyssale Tiefen fiel. Wir brauchten heute Morgen alle ein bisschen länger, um an unsere Arbeitsplätze zu kommen.
Innerhalb der Stadt fiel mir schon bald das  Fehlen jeglicher größerer Schneeräum- und Streufahrzeuge auf. Vermutlich waren die Fahrer im Schnee steckengeblieben. Allerdings waren die kleinen, lärmenden Traktörchen mit Motorbesen und Sandstreuer in gigantischen Mengen auf den Gehwegen unterwegs, im Dienste des frierenden Fußgängers. Welche Geschichte hinter diesem Phänomen steckt, habe ich bisher nicht herausfinden können.
Außerhalb der Stadtgrenzen war die Lage auf den Bundesstraßen ein wenig besser, vielleicht weil der meiste Schnee schlicht von der Straße geblasen wurde. Immerhin konnte man als mehr oder weniger geübter und umsichtiger Fahrer Geschwindigkeiten um die siebzig oder sogar achtzig Kilometer pro Stunde fahren, jedenfalls solange kein wie auch immer gearteter Bremsvorgang oder eine plötzliche Richtungsänderung vonnöten waren. Dann wurde auch die breiteste verschneite Bundesstraße plötzlich unglaublich eng.
Der beständige, in diesen Morgenstunden noch immer zunehmende Schneefall sorgte in Verbindung mit einem ausgesprochen lebhaften Wind dafür, dass die weitere Straßenführung zunehmend dem Zufall überlassen wurde. Mit einer Mischung aus Gottvertrauen, Glücksspiel, dem Verfolgen der roten Lichter vor mir und dem verzweifelten Versuch, mich daran zu erinnern, wo, zum Teufel, die Straße im Sommer nochmal war, versuchte ich, auf dem rechten Wege zu bleiben. Angesichts der Tatsache, dass ich sowohl in mein Büro als auch wieder nach Hause zurückgekommen bin, ohne die nähere Umgebung der Straße einer genaueren Inaugenscheinnahme zu unterziehen, mag wohl Beweis genug sein, dass ich der Straße trotz ihrer Versuche, sich zu verstecken, folgen konnte.
Übrigens habe ich während der gesamten Fahrt zu und von meinem Arbeitsplatz genau -ein- Räum- und Streufahrzeug zur Bekämpfung von Schnee- und Eismassen auf Bundes- und Landesstraßen angetroffen, dafür aber -acht- Fahrzeuge zur Räumung und Streuung von Geh- und Fahrradwegen. Es scheint, als verfolge die Regierung hier ein bisher unbekanntes Programm zum Umweltschutz, indem den Fahrern von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren der Spaß am Fahren gründlich verleidet wird, und das ganz ohne eine Erhöhung der Kfz-, Treibstoff- oder Vergnügungssteuer… 

Das meldet die Lokalpresse heute: 

Und in meinem Kopf flötet der selige Rudi: 



Freitag, 15. März 2013

Wie denkt eigentlich der Mensch?

Ich gebe zu, das ist eine der etwas schwierigeren Fragen der Philosophie und Neurowissenschaften.
Und eine Antwort habe ich natürlich jetzt auch nicht gleich so parat…
Trotzdem stellt sich mir immer wieder die Frage, insbesondere dann, wenn ich Menschen sprechen oder besser gesagt fragen höre.
Ich spreche natürlich nicht von den wichtigen Fragen. „Wer bin ich?“; „Was mache ich hier eigentlich?“ oder „Wo gibt es hier was zu essen?“
Ich spreche von dieser Sorte Fragen, deren Antworten eigentlich für jedermann klar auf der Hand oder vor den Augen liegen. Nehmen wir mal folgende Situation an:

Es ist Mitte März, der Winter ist noch im Gange mit all den Begleiterscheinungen wie Kälte, Schneesturm und Frieren, die man so kennt. Aus irgendeinem hier völlig unwichtigem Grunde haben Sie einige Zeit im Schneegestöber verbracht, als Sie, von oben bis unten in Schneeflocken gehüllt, das Haus betreten. Ich bin normalerweise kein Mensch, der auch nur irgendeine wie auch immer geartete Wette abschließt. (Ich verliere nämlich meistens…) Aber in diesem Falle wäre ich ausnahmsweise bereit, Haus, Hof, Weib und Auto (na gut, das letzte vielleicht nicht…) darauf zu verwetten, dass die erste Frage, die gestellt wird, wie folgt lautet:
„Schneit’s draußen?“
Da steht man da als schlechte Kopie eines Schneemannes, mit roten Wangen, blauen Lippen und weißem, tropfenden Mantel in der Tür. Was antwortet man da?
„Nein, Schatz! Das ist ein plötzlicher und sehr extremer Fall von Schuppen. Ich wasch mir dann gleich mal die Haare…“
„Wie kommst du denn darauf? Ich hatte nur einen Streit mit dem Bäcker um die Ecke. Und der fiese Kerl hat mit Mehl und Puderzucker geworfen…“
„Natürlich draußen! Wenn es hier drin schneien würde, würde ich mir heftige Sorgen machen!“

Oder eine andere Situation, wie sie jeden Tag vorkommen kann:
Nach einem harten Arbeitstag sitzt man des Abends auf dem Sofa und versucht, mit den letzten Resten seines Denkvermögens der Tagesschau (oder DSDS, oder WWM… Hier bitte das bevorzugte Sendeformat eintragen) zu folgen. Die körperlichen und/oder geistigen Anstrengungen des Tages fordern nun, da der Körper auf der gemütlichen Liegestatt zur Ruhe kommt, ihren Tribut. Sie gähnen, lang und anhaltend.
„Bist du müde?“
„Wo denkst du hin? Es ist nur die schlechte Luft hier drin…“
„Nein, ich mache ein spezielles Training zur Stärkung meiner Gesichtsmuskeln.“
„Aber nein, ich habe Hunger, und weil ich zu faul bin, aufzustehen, simuliere ich Kaubewegungen, damit mein Körper glaubt, er wäre jetzt satt.“

Warum stellt man permanent solch völlig unnötigen Fragen?
Ist denn mein Gegenüber mit Blindheit geschlagen, dass so kleine Hinweise wie tropfnasse Kleidung, blaue Lippen, heftiges Gähnen und so weiter einfach nicht erkannt werden?
Braucht es die Fähigkeiten eines Sherlock Holmes, um aus den äußeren Anzeichen und vielleicht einem Blick aus dem Fenster auf die harten Fakten zu schließen?
Ich bin geneigt, die beiden letzten Fragen mit einem klaren „Nein“ zu beantworten, vermutlich, weil ich unerschütterlich an das Gute im Menschen glaube, ungeachtet sämtlicher täglich zu bemerkender Beweise des Gegenteils.
Ich persönlich glaube, dass diese Fragen nach dem Offensichtlichen gestellt werden, einerseits, um dem Gegenüber ein Gefühl des Interesses und der Anteilnahme zu geben, andererseits aber vielleicht auch aus dem zwanghaften Bedürfnis heraus, völlig klare Fakten noch einmal bestätigt zu bekommen, weil man sonst einfach nicht glauben kann, was man da sieht.

Wer nun glaubt, ich hacke hier nur auf anderen Leuten herum: Nein, nein! Ich bemerke diese dämlichen Fragen durchaus auch an mir. Heute Morgen, zum Beispiel, stand ich in der Kaffeeküche, vor mir zwei leere Kannen, ausgeschaltete Kaffeemaschinen und eine offensichtlich leere Kaffeedose (in meinen Kreisen eine absolute Katastrophe!). Meine erste Reaktion hätte, als rationell denkender, vernunftbegabter, überlegt handelnder Mensch, sein sollen, entweder den Raum unverrichteter Dinge wieder zu verlassen oder ein mehr oder weniger belangloses Gespräch mit zufällig anwesenden Kollegen zu beginnen. Denn alle Hinweise deuteten mit aller Deutlichkeit darauf hin, dass es keinen Kaffee mehr gab. Angesichts der leeren Kaffeedose würde es heute offensichtlich auch keinen mehr geben, es sei denn, es führe ein Freiwilliger zum nächsten Supermarkt und erwürbe dort ein bis mehrere Pfund Kaffee.
Das war aber nicht meine erste Reaktion. Die war: „Gibt’s keinen Kaffee mehr?“, gefolgt von der automatisch gegebenen Antwort: „Nö.“

Wir haben wohl keine andere Wahl, als diese eigentlich unnötigen Fragen nach dem Offensichtlichen zu stellen, weil unser Hirn sonst wohl kaum in der Lage wäre, die Realität, die unablässig auf unsere Sinne einströmt, vollumfänglich zu begreifen.  Vielleicht geschieht das, um die Eindrücke richtig einordnen zu können, um dann letztendlich ein Urteil zu fällen, eine Entscheidung zu treffen, um den Eindruck als solchen überhaupt irgendwie verarbeiten zu können.
Wahrscheinlich haben wir es mit einer Art Ordnungsfunktion zu tun, wenn wir offensichtliches hinterfragen oder auch nur bemerken. Und deswegen wird es wahrscheinlich auch bis in alle Ewigkeit auf Facebook Nachrichten geben wie „Es schneit! :(“.

Donnerstag, 14. März 2013

Schöne Träume...

Der Winter ist also noch einmal zurückgekehrt. Und es gibt nicht wenige unter uns, die inständig hoffen, dass er nun den letzten Akt seines Gastspieles gibt.
In diesen feuchtkalten Tagen gibt es für mich fast keinen gemütlicheren Platz als die angenehm köperwarme Höhle unter der Federbettdecke meines Morpheus-Tempels.
Allabendlich schlüpfe ich mit einem ausgesprochen breiten Grinsen unter die Bettdecke und freue mich diebisch über die steigende Umgebungstemperatur. In dieser hinreißend gemütlichen Wärme fällt es mir dann auch nicht schwer, die Augen zu einem wohltuenden, tiefen, erholsamen Schlummer zu schließen. Das gelingt mir übrigens besonders gut, wenn draußen vor dem Fenster ein enthusiastischer  Sturm Myriaden von Schneeflocken wild tanzen lässt und mit Geheule und Gebrause um das Haus tobt.
Gerade in solch stürmischen Nächten neige ich dazu, von einem wunderschönen Sandstrand in der Karibik zu träumen. Der Wind streicht sanft durch die Palmen, ich liege am Strand und betrachte tiefenentspannt die Szenerie vor mir. Die Kinder necken einen Hai in der Bucht, während meine schöne Frau im knappen Bikini Seeigel sammelt. Ein Bild des Friedens, und sehr erholsam…
Wenn ich dann nach vielleicht sechs, vielleicht acht Stunden schnarchendem Schlafvergnügen die Augen öffne, im Kopf noch die Bilder des letzten Karibiktraumes, fühle ich mich herrlich entspannt und ausgeruht für die neuen Herausforderungen des Tages.
Manchmal aber gelingt mir das nicht. Denn während ich so friedlich von meinen Kindern träume, die Kokosnüsse von den Palmen schütteln, und von meiner Frau, die aus den Palmblättern einen Sonnenschirm faltet, schleicht sich ein störendes Geräusch in meinen Traum: „Miau!“
Zunächst noch ein wenig leise, geradezu zurückhaltend driftet der Ton durch den lauen Traumwind, bald aber wird er lauter, durchdringender und bekommt eine zunehmend realere Qualität.
Blinzelnd öffne ich die verschlafenen Augen und blicke in die hellwachen, glühenden Augen unseres Teppichtigers, der direkt neben meinem Bett steht und mich neugierig anschaut: „Bist du jetzt wach?“ Das bin ich, definitiv… Ein kurzer Blick auf die Leuchtziffern des Radioweckers lässt mich leise, aber verzweifelt aufseufzen. Es ist gerade mal kurz nach vier.
Um meine neben mir friedlich schlafende Frau nicht zu wecken flüstere ich Micky (also unserer Katze) ein bestimmtes „SCHSCHT!“ zu. Was sie mit einem lauten „MIAU!“ quittiert. Kurz nach vier… Da jagt man doch keinen anständigen Menschen aus dem warmen Bett! Ich will wieder zurück an den Karibikstrand! Leicht genervt drehe ich Gesicht und Leib auf die andere Seite und schließe die Augen, in der Hoffnung, dass Katze den stummen Hinweis versteht, und um den Schlaf zu suchen, den ich gerade verloren habe.
„MIAU!“ Hmpf. „MIAAAAUUU!“ In ein menschliches Idiom übersetzt soll das wohl heißen:“Ich verhungere! Steh auf, Sklave, und kredenze mein Frühstück!“  Ich antworte mit einem leise gebrüllten „Hörst du wohl mit dem Lärm auf, du Fusselgehirn!“, was auf feliner Seite auf völlig taube Ohren trifft.
Neben mir regt sich zart mein Frauchen, wohl in ihrem Traum gestört vom felinen Lärm, der sich hier gerade auftut. Also gut, bevor Katze mein Eheweib weckt und letztere wieder den ganzen Morgen wie ferngesteuert durch das Leben tappt, stehe ich eben auf und folge dem Ruf meiner bepelzten Herrin. Stöhnend und ächzend, den Schlaf noch tonnenweise in den Augen, zwinge ich meinen noch schlummernden Körper in die Vertikale, versuche mich daran zu erinnern, wie man geht, und scheuche Katze aus dem Schlafzimmer. Mensch, ist das kalt hier draußen! Immerhin macht die Gänsehaut ein bisschen wach. Auf dem langen Weg vom Schlafzimmer zum Speisesaal unserer pelzigen Majestät brüllt Micky unentwegt vor mir her, vermutlich in der Befürchtung, dass ich ohne ihre aufmunternden Worte den Weg nicht mehr finde. Mich hingegen plagt ob des Katzengeschreis die berechtigte Sorge, dass die Kinder in ihrem dringend benötigten Schlaf gestört werden könnten. Aber ach, die kleinen Seelen, sie können ja noch so gut und fest schlafen. Wenn ich so tief und fest schlafen könnte wie meine Kinder, würde sich Micky die Lunge aus dem Hals schreien können, ich würde nichts bemerken!
So wanke ich geblendet vom hellen Schein der Küchenbeleuchtung halbwegs hilflos durch die Küche und versorge als erstes Katze, damit des Lärmes endlich ein Ende ist. Der Blick in den felinen Speisesaal offenbart einen noch fast vollen Napf mit Trockenfutter und einen nicht ganz halbleeren Napf mit Feuchtfutter. Eigentlich genug, um mehrere Katzen satt zu bekommen, aber eben nicht genug für diese spezielle Nervensäge, die noch immer schreiend und schimpfend um mich herumtänzelt und das elendiglich verhungernde Haustier mimt. Also gut, ich füge mich in mein Schicksal, lasse das Trockenfutter links liegen und tausche das Feuchtfutter gegen eine frische Mahlzeit aus.
Endlich, endlich hört das Geschrei auf! Endlich kehrt wieder Stille ein ins noch immer schlafende Haus. Und was ist mit mir? Ich bin hellwach. Es lohnt sich nicht mehr, dem Sandmännchen noch eine Wagenladung Schlafsand aus dem Ärmel zu schütteln. Aber morgen, morgen kann sich das Vieh die Lunge aus dem Hals schreien, ich stehe nicht auf! Vielleicht…

Mittwoch, 13. März 2013

Lärm...

Eigentlich hat der Tag vollkommen normal und total unspektakulär angefangen. Ich bin ziemlich früh aus dem Bett gefallen, weil es eben Zeit wurde, mich auf den täglichen Berufswahnsinn geistig, moralisch und auch körperlich vorzubereiten. Mein Frühstück war ebenso einfach wie wohlschmeckend, der Weg zur Arbeit war von geradezu unglaublicher Ereignislosigkeit geprägt (sieht man einmal vom üblichen Prozentsatz wahnsinniger Fahrzeugführer ab), und in meinem Büro war heute Morgen auch alles beim Alten.
Ich hätte stutzig werden sollen, als vor der Eingangstür zu dem Gebäude, in dem zu dienen und zu arbeiten ich die hohe Ehre habe, zunächst ein handwerklich genutztes Fahrzeug, dann zwei in schmutzige Arbeitskleidung gewandete, recht kräftig gebaute Herren auftauchten, die im Eingangsbereich mehrere schwere Glasscheiben, eine breite Auswahl bereits intensiv benutzter Werkzeuge sowie einige nagelneue und auf seltsame Weise vertraut geformte Stahlprofile ablegten. Aber ungeachtet der wenig subtilen, eher deutlich sichtbaren Hinweise bevorstehender handwerklicher Höchstleistung, strebte ich in der Überzeugung meinem Büro zu, dass das alles mit mir überhaupt nichts zu tun hatte.
Hatte es streng genommen auch nicht. Trotzdem wurde ich insbesondere von den Auswirkungen der komplexen Tätigkeiten am Gebäudeeingang mehr oder weniger stark tangiert.
Ich war nämlich gerade dabei, mich bei einem koffeinhaltigen Heißgetränk einer ebenso kreativen wie komplexen Schreibarbeit hinzugeben, als meine tiefe Konzentration nachhaltig gestört wurde.
Ein Stockwerk tiefer nämlich huben die beiden Handwerker an, die bisherige Eingangstür mühevoll aus ihrer Verankerung zu lösen. Solcherlei Tätigkeit geht natürlich nicht ohne eine gewisse Lärmbelästigung vonstatten, wofür ich auch rein rationell genügend Verständnis hatte. Meine emotionale Welt hingegen konnte keinerlei wie auch immer geartetes Verständnis für die lautstarke Peinigung meiner Gehörgänge entwickeln. Der Lärm diverser Stemmhämmer und Trennschleifer schrie einem in Stacheldraht gewickelten und stumpfen Sägeblatt gleich durch mein Hirn, trennte mich solcherart von jeglichem erfolgsorientierten Denken und trieb Kreativität und Trommelfell an den Rand des Tinitus.
Wohl den halben Vormittag dauerte dieser lautstarke Angriff auf Hör- und Konzentrationsfähigkeit, gegen den auch sämtliche Verteidigungsmaßnahmen wie geschlossene Türen, Ohren verstopfen oder simples Ignorieren nicht halfen. Natürlich hätte ich sowohl Büro wie auch  Gebäude verlassen können. Aber die Flucht antreten? Nein, das geht nun wirklich nicht.
Aber alles im Leben hat irgendwo auch eine gute Seite, so auch diese: Immerhin war es mir vergönnt, diesen Vormittag ohne nervtötende Telefongespräche verbringen zu können, führte der handwerkliche Lärm doch unweigerlich jeden Versuch der Gesprächsaufnahme auch ohne Telefon ad absurdum. Hätte dieser Lärm geherrscht, als Philipp Reis oder Alexander Graham Bell seinerzeit ihre Erfindungen vorführten, wir würden heute wesentlich mehr Briefe schreiben! Leider nützte mir das auch nichts, denn der titanische Lärm verhinderte auch jegliche andere, auf geistige Konzentration beruhende Tätigkeit.
Irgendwann aber war es vorbei mit Trennschleifer und Bohrhammer, und in mir breitete sich die Hoffnung aus, nunmehr einigermaßen ungestört mein Tagewerk vollbringen zu können. Weit gefehlt!
Denn nun trat offensichtlich ein enthusiastischer Bildhauer auf, der sich anschickte, dem letzten Rest Mauerwerk, der der Zerstörung bisher entgehen konnte, ganz klassisch mit Hammer und Meißel den Rest zu geben. Jeder Schlag Eisen auf Eisen fuhr mir wie ein rostiges, schartiges, krummes Schwert in meine Hirnwindungen, bereit, mir ebenfalls den letzten Rest zu geben. DÄNG, DÄNG, DÄNG!!!
Meine zumindest vorläufige Rettung war die Mittagspause, die mir eine gründliche, akzeptable und allgemein angenommene Entschuldigung lieferte, die Stätte des Lärms wenigstens für eine verfressene halbe Stunde verlassen zu können. Meine Ohren wie auch mein Hirn konnten sich ein wenig erholen.
Aber irgendwann ist jede Mittagspause vorbei, und ich musste zurück in mein Büro. Auf dem Weg dorthin stellte ich erleichtert fest, dass bereits einer von zwei Türflügeln seiner Endfertigung zustrebte, was in mir den zarten Samen der Hoffnung aufkeimen ließ, dass der Lärm nunmehr Geschichte sei. Nun ja, wenigstens der Lärm des Trennschleifers hatte sich in den Urlaub verabschiedet. Aber seine Vertretung übernahmen nun Bohrhammer und Akku-Schrauber. Der von diesen Werkzeugen verursachte Lärm bohrte sich tief in meinen Kopf und hinterließ tiefe, schmerzende Löcher, als er endlich vorbei war.
Der Einbau einer mehrflügeligen Eingangstür ist eine komplexe  und zeitaufwendige Angelegenheit, die völlig zu Recht von sorgfältig ausgebildetem, erfahrenem Personal durchgeführt wird. Ich bewundere und respektiere die Arbeit der wackeren Handwerker, die ich selbst so nicht ausführen könnte. Trotzdem war ich am Ende des Arbeitstages froh, die heiligen Hallen meines Arbeitgebers fluchtartig verlassen zu können. Auf dem Heimweg schaltete ich das Radio meines Autos aus, um die relative Stille in einem fahrenden Auto angemessen genießen und würdigen zu können. Denn zuhause erwartete mich der gewohnte und irgendwie auch geliebte Lärm einer liebenden Ehefrau, die mir das neueste vom Tage erzählen möchte, zweier Kinder, die das Gleiche tun wollen, und einer Katze, die mal wieder glaubt, verhungern zu müssen.
Nur eines ärgert mich ein ganz kleines bisschen. Heute Nacht, wenn das Haus ganz still ist, wenn selbst die Stadt mit all ihren Menschen und Tieren endlich schläft, werde ich die Abwesenheit des Lärms nicht genießen können. Dann schlafe ich nämlich selbst, tief und fest…