Freitag, 29. März 2013

Der Mensch im Dialog

Seit Ex-Papst Benedikt XVI. in Rente gegangen ist, ist der Name seines Nachfolgers in aller Munde.
Seine Heiligkeit heißen jetzt Papst Franziskus (nicht I., weil die Nummer erst angehängt wird, wenn es einen II. geben sollte!), der seinen Namen bei Franz von Assisi entliehen hat.
Wie wir alle ja wissen, ist Franz (oder eben Franziskus) von Assisi der Begründer des Ordens der Franziskaner, obgleich er seinen Orden (wie wir ebenfalls wissen) „die Minderen Brüder“ genannt hat.
Dem Otto-Normal-Gläubigen ist der Heilige Franziskus aber nicht nur als Ordensstifter bekannt, sondern auch als der Vogelprediger. Irgendwann in seiner Karriere zwischen Ritter derer von Assisi, Mönch in Armut und Ordensstifter, so die Legende, hat Franziskus den Vögeln gepredigt.
Heute gilt der Heilige Franziskus nicht nur als Namenspate für den amtierenden Vertreter Gottes auf Erden, sondern auch als Schutzheiliger Italiens, der Tiere und des Naturschutzes.
Man sieht also, wohin es führen kann, wenn man mit Tieren spricht.
 
Irgendwas an der Geschichte des Franz von Assisi muss meine Frau fasziniert oder zumindest angesprochen haben. Folgendes trug sich in diesen Tagen während des familiären Abendmahles zu:
Sämtliche Kinder und ihr Erzeuger saßen bereits am Tisch, die noch leeren Teller vor uns, weil wir auf unsere Mutter warteten. Selbige fand so kurz vor der Einnahme des Abendmahls den Zeitpunkt für gekommen, sich um zwei zarte Lebewesen zu kümmern, die zu beherbergen wir seit ein paar Tagen die Ehre haben. Das sollte ich wohl mit einigen Worten erklären.

Wie ja allgemein bekannt ist, ist der normal durchschnittliche Mensch in seinem Haus nur geduldeter Gast. Die Herrschaft in den vier Wänden haben (ungeachtet sämtlicher Reinigungsversuche) einige mehr oder weniger peinliche Insekten und eklige Spinnentiere. Im Normalfall bitten wir derlei Bewohner freundlich, aber bestimmt, unsere Heimstatt innerhalb der nächsten 24 Stunden zu verlassen und sich vielleicht in einem der vier Obstbäume in der näheren Umgebung niederzulassen. 
Wer das Ultimatum untätig verstreichen lässt, bekommt allerdings die ganze Härte der Zwangsräumung zu spüren, von Handfeger über Staubsauger bis hin zu Zeitungsrolle und Küchenpapier. Jegliche Spinne oder anderes Kerbtier verliert seinen bedrohlichen Aspekt, wenn es platt ausgebreitet an der Wand klebt.
Nur wenigen Insekten, insbesondere aus der Ordnung der Käfer, ist es erlaubt, unsere Gastfreundschaft zu genießen. Zu diesen privilegierten Wesen gehören zweifelsohne die Marienkäfer, stehen sie doch im Verdacht, Glück bringen zu können. Aus diesem Grunde wurden vor wenigen Tagen zwei Marienkäfer, die ich in unserem Schlafzimmer angetroffen hatte, nicht etwa des Hauses verwiesen, sondern sie bekamen eine ungleich bessere Unterkunft auf einigen in unserem Esszimmer wuchernden Pflanzen. Was der Ort des Auffindens dieser beiden Glücksbringer über die Art des Glückes aussagt, das nunmehr über uns hereinbrechen mag, darüber möchte ich den Mantel der Diskretion legen.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Fauna unseres Hauses und allgemeine Glücksymbolik kehren wir nun wieder zu unserer Ausgangsgeschichte zurück. Herzlichen Dank.
Also kümmerte sich unsere liebe Mama, meine geliebte Ehefrau und Freizeit-Tierpflegerin kurz vor dem Abendessen hingebungsvoll um zwei Marienkäfer im Geäst und Blätterwerk einer mir (trotz aller Erklärungsversuche) völlig unbekannten, grünen Pflanze. Ich hätte ja nichts gesagt, hätte es mein Frauchen bei einem „Na, lebt ihr noch?“ gelassen… Aber sie ging ja noch ein bis mehrere Schritte weiter. Nicht nur wurde nach dem Befinden gefragt, in der stillen, aber absoluten Überzeugung, auch eine Antwort zu bekommen, sie gab auch noch Ernährungstipps („Hier ist ein bisschen Zuckerwässerchen für euch! Aber langsam trinken, sonst bekommt ihr Bauchweh!“), zeigte Vergnügungsmöglichkeiten auf („Am Fenster könnt ihr mal ein bisschen rausgucken.“) und sorgte sich um die Gesundheit und die körperliche Unversehrtheit der Käfer („Immer schön aufpassen! Und nicht so wild rumfliegen!“). Einmal Mama, immer Mama…
Sohn, Tochter und auch Ehemann schauten sich ein wenig verwundert bis belustigt an und verfolgten das Schauspiel mit großen Augen. Dann hielt ich es für angeraten, dem recht einseitigen Dialog vermittels eines diskreten Hüstelns ein Ende zu setzen und solchermaßen auf unsere leeren und mittlerweile heftig knurrenden Mägen hinzuweisen. Meine Frau setzte sich zu Tisch mit einem Gesichtsausdruck, der nahelegte, dass es das Normalste der Welt sei, eine angeregte Unterhaltung mit zwei Marienkäfern zu führen, schließlich sind es auch fühlende Wesen, und einer muss sich doch um sie kümmern, und wenn nicht sie, wer denn dann, und nun kein Wort mehr davon, bitte.
Aus den Abyssalen meines Hirnes tauchten aber einige Gedanken auf, blitzten kurz an der Oberfläche auf, um dann knapp unter der Oberfläche ziellos umherzutreiben: Franziskus sprach zu den Vögeln, stiftete einen Orden und wurde heiliggesprochen. Meine über alles geliebte Frau aber spricht zu Käfern (und Pflanzen, zählt das auch?). Wenn sie nun noch ein Gedenktäfelchen stiftete, spräche man sie dann auch (wenigstens ein bisschen) heilig?

Und könnte ich dann im güldenen Lichte ihres Glorienscheins noch schlafen?

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