Freitag, 15. März 2013

Wie denkt eigentlich der Mensch?

Ich gebe zu, das ist eine der etwas schwierigeren Fragen der Philosophie und Neurowissenschaften.
Und eine Antwort habe ich natürlich jetzt auch nicht gleich so parat…
Trotzdem stellt sich mir immer wieder die Frage, insbesondere dann, wenn ich Menschen sprechen oder besser gesagt fragen höre.
Ich spreche natürlich nicht von den wichtigen Fragen. „Wer bin ich?“; „Was mache ich hier eigentlich?“ oder „Wo gibt es hier was zu essen?“
Ich spreche von dieser Sorte Fragen, deren Antworten eigentlich für jedermann klar auf der Hand oder vor den Augen liegen. Nehmen wir mal folgende Situation an:

Es ist Mitte März, der Winter ist noch im Gange mit all den Begleiterscheinungen wie Kälte, Schneesturm und Frieren, die man so kennt. Aus irgendeinem hier völlig unwichtigem Grunde haben Sie einige Zeit im Schneegestöber verbracht, als Sie, von oben bis unten in Schneeflocken gehüllt, das Haus betreten. Ich bin normalerweise kein Mensch, der auch nur irgendeine wie auch immer geartete Wette abschließt. (Ich verliere nämlich meistens…) Aber in diesem Falle wäre ich ausnahmsweise bereit, Haus, Hof, Weib und Auto (na gut, das letzte vielleicht nicht…) darauf zu verwetten, dass die erste Frage, die gestellt wird, wie folgt lautet:
„Schneit’s draußen?“
Da steht man da als schlechte Kopie eines Schneemannes, mit roten Wangen, blauen Lippen und weißem, tropfenden Mantel in der Tür. Was antwortet man da?
„Nein, Schatz! Das ist ein plötzlicher und sehr extremer Fall von Schuppen. Ich wasch mir dann gleich mal die Haare…“
„Wie kommst du denn darauf? Ich hatte nur einen Streit mit dem Bäcker um die Ecke. Und der fiese Kerl hat mit Mehl und Puderzucker geworfen…“
„Natürlich draußen! Wenn es hier drin schneien würde, würde ich mir heftige Sorgen machen!“

Oder eine andere Situation, wie sie jeden Tag vorkommen kann:
Nach einem harten Arbeitstag sitzt man des Abends auf dem Sofa und versucht, mit den letzten Resten seines Denkvermögens der Tagesschau (oder DSDS, oder WWM… Hier bitte das bevorzugte Sendeformat eintragen) zu folgen. Die körperlichen und/oder geistigen Anstrengungen des Tages fordern nun, da der Körper auf der gemütlichen Liegestatt zur Ruhe kommt, ihren Tribut. Sie gähnen, lang und anhaltend.
„Bist du müde?“
„Wo denkst du hin? Es ist nur die schlechte Luft hier drin…“
„Nein, ich mache ein spezielles Training zur Stärkung meiner Gesichtsmuskeln.“
„Aber nein, ich habe Hunger, und weil ich zu faul bin, aufzustehen, simuliere ich Kaubewegungen, damit mein Körper glaubt, er wäre jetzt satt.“

Warum stellt man permanent solch völlig unnötigen Fragen?
Ist denn mein Gegenüber mit Blindheit geschlagen, dass so kleine Hinweise wie tropfnasse Kleidung, blaue Lippen, heftiges Gähnen und so weiter einfach nicht erkannt werden?
Braucht es die Fähigkeiten eines Sherlock Holmes, um aus den äußeren Anzeichen und vielleicht einem Blick aus dem Fenster auf die harten Fakten zu schließen?
Ich bin geneigt, die beiden letzten Fragen mit einem klaren „Nein“ zu beantworten, vermutlich, weil ich unerschütterlich an das Gute im Menschen glaube, ungeachtet sämtlicher täglich zu bemerkender Beweise des Gegenteils.
Ich persönlich glaube, dass diese Fragen nach dem Offensichtlichen gestellt werden, einerseits, um dem Gegenüber ein Gefühl des Interesses und der Anteilnahme zu geben, andererseits aber vielleicht auch aus dem zwanghaften Bedürfnis heraus, völlig klare Fakten noch einmal bestätigt zu bekommen, weil man sonst einfach nicht glauben kann, was man da sieht.

Wer nun glaubt, ich hacke hier nur auf anderen Leuten herum: Nein, nein! Ich bemerke diese dämlichen Fragen durchaus auch an mir. Heute Morgen, zum Beispiel, stand ich in der Kaffeeküche, vor mir zwei leere Kannen, ausgeschaltete Kaffeemaschinen und eine offensichtlich leere Kaffeedose (in meinen Kreisen eine absolute Katastrophe!). Meine erste Reaktion hätte, als rationell denkender, vernunftbegabter, überlegt handelnder Mensch, sein sollen, entweder den Raum unverrichteter Dinge wieder zu verlassen oder ein mehr oder weniger belangloses Gespräch mit zufällig anwesenden Kollegen zu beginnen. Denn alle Hinweise deuteten mit aller Deutlichkeit darauf hin, dass es keinen Kaffee mehr gab. Angesichts der leeren Kaffeedose würde es heute offensichtlich auch keinen mehr geben, es sei denn, es führe ein Freiwilliger zum nächsten Supermarkt und erwürbe dort ein bis mehrere Pfund Kaffee.
Das war aber nicht meine erste Reaktion. Die war: „Gibt’s keinen Kaffee mehr?“, gefolgt von der automatisch gegebenen Antwort: „Nö.“

Wir haben wohl keine andere Wahl, als diese eigentlich unnötigen Fragen nach dem Offensichtlichen zu stellen, weil unser Hirn sonst wohl kaum in der Lage wäre, die Realität, die unablässig auf unsere Sinne einströmt, vollumfänglich zu begreifen.  Vielleicht geschieht das, um die Eindrücke richtig einordnen zu können, um dann letztendlich ein Urteil zu fällen, eine Entscheidung zu treffen, um den Eindruck als solchen überhaupt irgendwie verarbeiten zu können.
Wahrscheinlich haben wir es mit einer Art Ordnungsfunktion zu tun, wenn wir offensichtliches hinterfragen oder auch nur bemerken. Und deswegen wird es wahrscheinlich auch bis in alle Ewigkeit auf Facebook Nachrichten geben wie „Es schneit! :(“.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen