Dienstag, 19. März 2013

Zeitdilatation

Dilatation leitet sich vom lateinischen dilatare ab, was im Deutschen die Bedeutung verlängern, ausdehnen, vergrößern hat.
Bei der Zeitdilatation, also der Ausdehnung der Zeit, handelt es sich um ein Phänomen, das im Zusammenhang mit der Speziellen Relativitätstheorie von Albert Einstein zusammenhängt.
Um das nun in aller gebotenen Ausführlichkeit  zu erklären, verweise ich an dieser Stelle auf den folgenden Link, der das Phänomen weitaus besser darstellen kann, als ich kleiner Aushilfsphilosoph und astrophysikalischer Voll-Laie:  Wikipedia zum Stichwort Zeitdilatation
 
Um die Auswirkungen der Zeitdilatation im Alltag beobachten zu können, braucht es allerdings weder Einstein noch ein Studium der Allgemein und / oder Speziellen Relativitätstheorie. Man muss sich einfach nur mit seiner Nachkommenschaft beschäftigen.
Unsere beiden Kinder werden, da sie ja nun aufrecht gehen, sich artikulieren und Hände sowie Füße fachgerecht benutzen können, immer mehr in die tägliche Hausarbeit einbezogen. Was effektiv bedeutet, dass Sohn und/oder Tochter bei Gelegenheit einen feuchten Lappen über diverse waagerechte oder senkrechte Einrichtungsgegenstände ziehen, welchem dann Vater und/oder Mutter hernach unauffällig eine Grundreinigung angedeihen lassen. Auf diese Weise lernen die Kinder, das Hausarbeit entgegen aller Gerüchte glücklich macht, denn sie werden für ihren zwar unermüdlichen, doch zur Zeit noch beinahe zwecklosen Einsatz gehörig gelobt.
Was das mit der Zeitdilatation zu tun hat? Einstein war sich dessen nicht wirklich bewusst, nehme ich mal an, aber man braucht eben erheblich länger, um das Haus in einem vorzeigbaren Zustand zu halten. Oder zu bekommen, je nach dem…
Dass wir mehr Zeit benötigten, um einen bestimmten, erwünschten Zustand trotz Zuhilfenahme zweier zusätzlicher Paare Hände zu erreichen, bemerken wir erst am Abend, wenn wir völlig geschafft  mit blitzblanken, nach Zitrone, Essig und Tensiden riechenden Händen vor dem Fernseher sitzen. Es ist der gute Wille, der zählt, und die Kinder sollen ja auch was praktisches lernen, von dem sie im späteren Leben, wenn sie auf eigenen Beinen stehen, noch etwas haben sollen.
Eine sehr viel deutlichere und emotional extrem spürbare Auswirkung der einsteinschen Zeitdilatation konnte ich jedoch gestern Abend registrieren. Um es mal zart auszudrücken…
Die Schilderung des folgenden Ereignisses erfordert weitaus mehr Zeit (und, nebenbei gesagt, auch Raum), als das Ereignis selbst, welches nur wenige Sekunden wertvoller Zeit in Anspruch nahm. Was war denn nun passiert?
Im Zuge der haushälterischen Ausbildung unserer jungen Praktikanten, ähm, Kinder wurde gestern das feierliche Eindecken des Tisches zum Abendbrot geübt. Aufgrund der Tatsache, dass die Kinder nun schon mehrfach die Vorgänge „Auswahl des Essbestecks“, „Teller verteilen“ und „Ausräumen des Kühlschrankes“ erfolgreich geübt haben, sprachen wir gestern allgemein von einer Wiederholungsausbildung. Mit anderen Worten: Ich musste nicht mehr alle einzelnen Schritte erklären, sondern stellte mich in der Küche an einen strategisch günstigen Platz, der mir die Auf- und Übersicht über alle nun zu erfolgenden Tätigkeiten gewährte, und rief die Kinder: „Tisch decken! Papi hat Hunger!“ Nach nur wenigen Minuten rannten zwei völlig aus dem Häuschen geratene Kleinkinder in die Küche und prügelten sich nun geradezu darum, wer welche Aufgaben zu übernehmen wünschte. Letztlich kristallisierte sich heraus, dass FräuleinPrinzessin sich um das Besteck kümmerte, während Jung Siegfried sich mit den Türen der Vitrine anlegte, um vier Teller, einige Gläser und einen Becher (ganz speziell für Jung Siegfried) zu befreien und auf dem Esstisch zu platzieren.
Bis zu diesem Zeitpunkt erschienen dem unbedarften Beobachter die Vorgänge um das Abendessen vielleicht laut und chaotisch. Ich indes erkannte Struktur, Ordnung und einen Hauch Disziplin im Ausbildungsgang. Allerdings musste ich nun eingreifen, denn wäre es nach den beiden Auszubildenden gegangen, wären wir hungrig zu Bett gegangen. Zwar stand das Werkzeug auf dem Tisch, aber weder Brot noch diverse Möglichkeiten des Belags waren bisher erschienen. Da wir nicht über jenen Wundertisch verfügen, über den einst die Gebrüder Grimm in ihrer Märchensammlung unter der Überschrift „Tischlein, deck dich!“ so trefflich berichteten, brauchte es ein Zeichen meinerseits, um den Hunger stillen zu können: „Und was sollen wir jetzt essen?“ Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens stürzten sich Sohn und Tochter schreiend und mit wehenden Fahnen auf den Kühlschrank, um ihn seines Hab und Gutes zu berauben.
Mit ungeahnter Geschwindigkeit wurden Wurst und Käse, Butter und Brot aus ihrem kalten Verließ gezerrt und in mehr oder weniger zufälliger Ordnung auf dem Esstisch platziert.
Und dann geschah es; und es geschah so schnell, dass ein Eingreifen schlicht unmöglich war, selbst, wenn ich unmittelbar neben dem Unglücksort gestanden hätte:
In einer einzigen fließenden Bewegung näherte sich mein Sohn mit einer Geschwindigkeit nur knapp unterhalb des Lichts dem Kühlschrank, griff nach dem Senfglas, drehte sich um und rannte zurück zum Esstisch. Mein in langen Jahren des Ausbildertums geschulter Blick registrierte leidenschaftslos: Am Deckel gehalten. Ich sah, wie mein Sohn mit hoher Geschwindigkeit Richtung Esstisch rannte, das Senfglas am Deckel gehalten, bemerkte, wie sich das noch gut gefüllte Glas unter der Einwirkung der von Issac Newton im Jahre 1686 beschriebenen Gravitation langsam aber unaufhaltsam aus dem Blechdeckel bewegte und dem Erdmittelpunkt entgegen strebte. Wo es sicherlich auch angekommen wäre, hätte der steinerne Bodenbelag des Esszimmers den Fall nicht ebenso unausweichlich wie abrupt aufgehalten. Ich beobachtete den freien Fall meines geliebten und für das Abendbrot dringend benötigten Senfs in ganzer Länge, bis das Glas mit einem für die dramatische Situation unangemessen leidenschaftslosen „Plobb!“ den Steinboden mit einer kunstvollen Kreation aus Senfhaufen, Glasstücken und glitzernden Splitterchen schmückte. Gleichzeitig meisterte mein Sohn das Kunststück, von wahnwitziger Geschwindigkeit auf völligen Stillstand herunterzubremsen, ohne dafür auch nur einen Zentimeter Bremsweg zu benötigen. Sein völlig verblüffter Gesichtsausdruck bezog sich dabei nicht etwa auf die physikalische Unmöglichkeit, quasi zeitlos zum Stehen zu kommen, sondern auf den ebenso plötzlichen wie unerwarteten Gewichtsverlust in der rechten Hand. Sofort danach stellte sein Gesichtsausdruck seinen innersten Gedankengang rot leuchtend zur Schau: „Oh, das gibt Ärger!“
Nein, gab es nicht. Der Ausbildungsabschnitt wurde nur ein wenig erweitert…
Das ganze schreckliche, senfzerstörende Ereignis nahm nur wenige Sekunden in Anspruch, aber mir kam es vor, als würden endlose Minuten vergehen, bis der Senf ausgebreitet auf dem Boden lag und das letzte Stück zersplitterten Glases zitternd unter der Vitrine zur Ruhe gekommen war.
Dann setzte der normale Zeitablauf wieder ein. Eine Minute dauerte wieder eine Minute, auch gefühlt.
Zunächst galt es nun, die beteiligten Personen unbeschadet aus der Gefahrenzone zu evakuieren, ohne Schnittwunden oder laut und heftig schreiende Unfallopfer zu riskieren. Beide Kinder wurden ins Wohnzimmer beordert, wo sie weitere Maßnahmen geduldig abwarten sollten. Dann widmeten sich Vater und Mutter gemeinsam der gewissenhaften und gründlichen Räumung der Unfallstelle, verwischten die Spuren und atmeten sodann tief durch. Das Abendessen konnte beginnen. Natürlich waren insbesondere die Kinder erleichtert, dass sich das erwartete väterliche Unwetter dann doch überraschend verzogen hatte, aber zumindest der Unfallverursacher musste noch eine kleine Nachschulung hinnehmen. Ein Abendbrot ohne Senf ist für mich einfach nicht möglich, und so fand sich Sohnemann alsbald in Begleitung seines hungrigen Vaters in der Vorratskammer wieder, wo er unter gewissenhafter Aufsicht ein neues Glas Senf am Glas fasste und vorsichtig und langsam (!) zum Tisch trug, wo er es  unbeschadet absetzte. Stolz füllte seine Brust und seine Augen! Väterliches Lob ergoss sich über sein Haupt und Mutter schaute mit glänzenden Augen zu. Somit nahm der Tag doch noch, nach einem anschaulichen Beispiel für die Relativität der Zeit, ein friedliches und glückliches Ende.  Und wir sind auch alle satt geworden.

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