Montag, 29. April 2013

Den Vorgarten gerockt!

Nun ist er also endlich da, der Frühling. Obwohl… Manchmal ist es ja doch noch unangenehm kalt. Aber der Schnee ist weg, die Bäume schlagen allmählich aus und die Landwirte fahren hektoliterweise Gülle auf die Äcker.
Die Abwesenheit des Schnees, einige recht warme Strahlen der fernen Sonne sowie einen nach dem langen Winter ausgesprochen unansehnlichen Anblick unseres Vorgartens nahm ich denn auch zum Anlass, mich unter die Gartenarbeiter zu mischen, um Moos, Unkraut und allgemeinem Wildwuchs den Kampf bis zum letzten Halm anzusagen.
Das Rasenmähen klappte schon mal recht gut. Natürlich hatte sich der Rasenmäher in einem komplizierten Knoten im Gartenschlauch verfangen, obgleich ich letzteren im Herbst möglichst weit weg im Schuppen aufgehängt hatte. Aber es gehört wohl zu den ewigen Mysterien des Gartenbaus, dass der Gartenschlauch im Verlaufe des Winters grundsätzlich den Rasenmäher an das Werkzeugregal fesselt. Genauso unverständlich ist es mir, wie aus einem 25 Meter langen, halbsteifen Plastikschlauch, in ordentlichen Schleifen am Wandhaken aufgehängt, ein mindestens 50 Meter langes, gummiertes und störrisches Knotenvieh werden kann, aus dem ich den Rasenmäher nur unter Androhung der grausamen Zerstückelung mittels Amok-Axt zu befreien in der Lage bin. Wie dem auch sei…
Jedenfalls habe ich es unter titanischer Anstrengung geschafft, den Rasenmäher ans Tageslicht zu zerren und gleichzeitig einen funktionstüchtigen Gartenschlauch zu behalten, der sich nun auch wieder brav in ordentlichen Schleifen aufgerollt am Wandhaken befindet. Und der Wunder waren sogar noch mehr! Mein benzingetriebenes Grashalmmoped sprang sogar noch an! Na gut, ich musste ungefähr eine Viertelstunde am Starterseil zerren, schickte ein bis mehrere Stoßgebete sowie ein gutes Dutzend heftigster Flüche in den Äther, aber letztendlich habe ich es geschafft. Unter Absonderung einer hübschen bläulichen Rauchwolke und einer gehörigen Portion Phon erwachte der gewaltige 150-Kubikzentimetermotor zitternd und bebend zu neuem Leben nach dem Winterschlaf. Sogar der Propeller (also der Mähbalken) drehte sich lustig unter dem Blechrahmen. Der erste Kontakt mit dem Rasen nach langen Monaten der Dunkelheit und Arbeitslosigkeit entlockte dem Gartenfrisör ein sehr kurzes Röcheln, aber dann fraß er sich mit Vehemenz durch Elefantengras, Glockenblumen und Frühbeet, bevor ich ihn noch stoppen konnte. So ein Rasenmäher mit Vorderradantrieb ist schon was feines, man muss eben nur daran denken, das Gerät auch fest in den Händen zu halten, damit er sich nicht seinen eigenen Weg sucht.
Mit jeder Bahn, die ich mit meinem Schnitter zog, wurde es etwas heller im Vorgarten, und schon bald konnten wir die Straße und die gegenüberliegende Straßenseite wieder ungehindert betrachten, ohne auf Stühle steigen zu müssen.
Leider zeigte sich unter dem Elefantengras nicht etwa gesunder Mutterboden, aus dem die Grashalme lustig sprießen, sondern ein kompakter Moosteppich, der die Zeit der winterlichen Ruhe gnadenlos zur eigenen ungehinderten Ausbreitung genutzt hatte. Da half nichts, der Vertikutierer musste ran! Was im Grunde auch kein großes Problem darstellt, hatte sich mein eigener Vertikutierer doch erfolgreich allen Fesselungskünsten im Schuppen zur Wehr gesetzt. Offenbar hatte sich das treue Gartengerät aber im Kampf mit dem fürchterlichen Gartenschlauch heftige Verletzungen zugezogen, die ich zunächst nicht erkennen konnte. Kaum hatte ich das Gerät in Betrieb genommen und einige Meter Moos ins florale Nirwana geschickt, knackte es im Gehäus vernehmlich und mein armer Vertikutierer stellte seinen Betrieb ein. Das heißt, eigentlich nicht ganz. Der Motor drehte ungehindert und ungebremst mit Drehzahlen weit jenseits der Schallgrenze, aber die Welle mit den Messern blieb unbeweglich. Quasi ein Beinbruch, der mein Gerät für den weiteren Verlauf der Rasenbearbeitung leider völlig nutzlos machte. Der Versuch, die Bruchstelle operativ zu erreichen und eventuell sogar wenigstens notdürftig zu reparieren, scheiterte an der Unbeweglichkeit diverser Abdeckungen. Dies bedeutet mithin die erzwungene Verschrottung des Gerätes und, in der Folge, die Notwendigkeit der Überschreibung eines kleinen Vermögens an ein Gartenbaucenter unseres Vertrauens, um einen neuen Vertikutierer in unseren Dienst zu stellen. Da warten eben auf der anderen Seite des Hauses auch noch ein paar Hektar Rasen darauf, entmoost zu werden.
An dieser Stelle gilt es ein Hoch auf gute Nachbarschaft öffentlich kundzutun und in zwischenmenschlichen Jubel auszubrechen! Hurra. Denn glücklicherweise versetzte mich die Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft meines Nachbarn in die Lage, dem Moos im Vorgarten an diesem Tage trotz des gerade erlittenen Verlustes doch noch den Garaus zu machen. Statt also in dumpfe Untätigkeit zu verfallen, rumpelte ich mit dem schnuckeligen Kleinvertikutierer meines Nachbarn Bahn um Bahn über das Moos und hinterließ eine braune Spur der Zerstörung. Nun sieht der Rasen vor unserem Hause zwar etwas gerupft aus, aber der am nächsten Tag unmittelbar und unvermeidlich einsetzende Regen hat im Boden hoffentlich was bewirkt, sodass es im Vorgarten demnächst angenehm grün sein wird.
Für farbliche Abwechslung sorgte indes mein lieb Frauchen, die sich mit Schaufel, Hacke und Kampfschrei auf die Beete stürzte und eine Orgie der Vernichtung unter dem Unkraut anrichtete. Im Unterschied zu mir schaffte sie es aber, ihre sämtlichen Gerätschaften in einem technisch einwandfreien, funktionsfähigen Zustand zu erhalten, trotz schwerer Erdarbeit und ausgesprochen zahlreicher und wehrhafter Unkrautgewächse. Statt nun aber ein braunes Ödland zu hinterlassen, vermochte es mein Weib aufgrund ihres grünen Daumens (eigentlich mehr so die grüne Hand!) ein buntes und blühendes Feld zu hinterlassen, das gekonnt mit der braunen Wüste meines Rasens kontrastierte.
Am Ende des Tages bestaunten meine beste Ehefrau von allen und ich die Fortschritte, die unser gemeinsames kleinlandwirtschaftliches Bemühen im Vorgarten zeitigte und sahen, dass es gut war.
Angesichts eines derart schwungvollen wie erfolgreichen ersten Arbeitstages freuen wir uns ungeheuer auf die restlichen 364Tagwerk Garten, die noch der Rasenauffrischung, Unkrautentfernung und Neubestellung harren. 
Wie sagte doch gleich der unvergessene Schiller?
„Frisch, Gesellen, seid zur Hand! Aus der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß!“

Donnerstag, 25. April 2013

Hier entsteht eine Geschichte

Eigentlich sollte hier eine kleine Geschichte über die Freuden der Bahnfahrt stehen. „Bahnbrechend“ gewissermaßen. Allein, es fehlt die Inspiration.
Dabei hatte ich alles so gut vorbereitet. Ich hatte ein Thema: „Eine Fahrt mit dem Nahverkehrszug“. Ich hatte Zeit, Ruhe und einen kleinen Computer. Leider aber kam die Muse nicht, die mich sonst so gerne küsst. Statt dessen kam eine andere, die mich stürmisch knutschte, mir die Hirnwindungen verwüstete und mich vollkommen ideenlos zurück ließ... So blieb die Seite weiß und unbeschrieben.
In solchen Momenten frage ich mich, was die Großen der schreibenden Zunft in einem solchen Falle getan haben. Bisher bin ich zu noch keiner Antwort gekommen.
Aber ich stelle mir beispielsweise den guten Hemingway vor, der vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Vielleicht hatte er ein Glas Whisky in der Hand (und möglicherweise ein früheres im Magen), als er seinen berühmten Roman „Wem die Stunde schlägt“ begann: „Er lag der Länge nach auf dem braunen, nadelbedeckten Boden des Waldes...“
Die ersten Worte einer Geschichte zu finden, ist unglaublich schwierig. Es müssen die richtigen sein, es müssen Worte sein, die den Faden der Geschichte aufnehmen und weiterspinnen. Wenn die ersten Worte nicht stimmen, kommt die ganze Geschichte nicht in Schwung. So ging es mir gestern mit der kleinen Geschichte, die ich schreiben wollte. Alle Worte, alle ersten Sätze, die ich schrieb, nahmen den Faden nicht auf. Sie wollten einfach nicht stimmen.
Vielleicht hätte ich anfangen sollen wie Umberto Eco. Er bediente sich der Bibel, um die berühmteste seiner Geschichten zu beginnen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ So beginnt die Geschichte des Adson von Melk - „Der Name der Rose“.
Tatsächlich hat der von mir so verehrte Umberto Eco seiner Geschichte nicht nur ein paar schnöde Sätze gegeben, um den Faden aufzunehmen, er gab ihr ein ganzes Kapitel, das mit einem Satz endet, der für mich die genialste Überleitung in der literarischen Welt darstellt, einfach, weil er mir gefällt: „... und gebe Gott, dass meine Hand nicht zittert, wenn ich nun niederzuschreiben beginne, was dann geschah.“
So weit war ich gestern noch lange nicht. Ich hatte nicht mal einen ersten Satz, wie konnte ich da an ein erstes Kapitel denken, sei es auch noch so kurz.
Ein weiterer von mir sehr verehrter Schriftsteller ist Terry Pratchett. Seine Scheibenweltromane faszinieren mich nun schon seit Jahren. Ich verschlinge seine Bücher geradezu, auch, weil er es immer wieder schafft, schon in der ersten Zeile meine Neugier zu wecken. Wie geht die Geschichte weiter? Wie wird sie enden? Nehmen wir mal „Echt zauberhaft“: „Hier spielen die Götter mit dem Leben von Menschen, auf einem Brett, das der Spielbereich und gleichzeitig die ganze Welt ist.“
Wenn ich einen solchen Satz lese, brenne ich darauf, mehr von diesem Spiel zu erfahren. Und schon tauche ich ein in Pratchetts geniale Scheibenwelt voller Magie, Zwerge, Hexen und Narrativium.
Ein Terry Pratchett ist allerdings auch nicht aus mir geworden, und so schlug ich mich gestern Stunde um Stunde mit dem ersten Satz herum. Er wollte nicht kommen...
Manchmal entsteht eine Geschichte zuerst im Kopf. Ich beobachte oder erlebe eine kleine Begebenheit und meine Phantasie macht aus einem klein wenig Erlebten, einem Klecks Erdachten und einer gehörigen Portion Irrsinn eine kleine Geschichte, die dann auch danach drängt, niedergeschrieben zu werden. Ich werde unruhig, wenn ich eine Geschichte im Kopf habe und kann sie nicht aufschreiben. Ist wirklich so.
Andere Geschichten entstehen während des Schreibens. Auch hier habe ich ein Erlebnis, an das ich anknüpfen kann, aber statt die Geschichte im Kopf zu wälzen, sie mehrfach umzubauen und danach ein wenig in der dunklen Feuchtigkeit meines Hirnschmalzes reifen zu lassen, zucken mir die Finger, um den ersten Satz in die Tastatur zu hämmern. Jetzt sind die ersten Worte, ist der erste Satz besonders wichtig! Ohne ihn funktioniert es einfach nicht. Moers nannte es in seinen Romanen um Hildegunst von Mythenmetz (ein genialer Name!) das „Orm“. Wer das Orm hatte, konnte wunderbare Romane, Gedichte und ganze Enzyklen schreiben. Wir würden es wohl Inspiration nennen.
Ob ich nun eine Geschichte zuerst im Kopf wälze oder sie beim Schreiben erschaffe, eines haben beide gemeinsam: Sie können nicht erzwungen werden.
In dieser Lage schien ich mich gestern zu befinden. Ich wollte unbedingt einen neuen Eintrag in meinem Blog. Ich wollte unbedingt eine Geschichte über das Bahnfahren. Ich hatte auch schon einige Sätze, die innerhalb der Geschichte ihren Platz finden sollten. Aber ich konnte keinen Anfang finden. Und ohne den ersten Schritt gibt es keinen Weg, und ohne Weg kein Ziel.
Vielleicht, nein, ganz bestimmt ist das auch der Grund, warum ich nicht „auf Bestellung“ schreiben kann. Seit ich meine kleinen Geschichten schreibe, gab es immer Menschen, die mich gebeten haben: „Schreib doch mal was über Geburtenkontrolle, Magenverstimmung, Weinanbau, über Kindheit, Pubertät oder Kreditkartenwerbung!“ So sehr mich das Interesse dieser Menschen freute (und noch immer freut), so sehr ich mich geschmeichelt fühlte, dass man mir dergleichen zutraute, so sehr bedaure ich immer wieder, einer solchen Bitte nicht entsprechen zu können. Wann eine Geschichte entsteht, kann ich nicht beeinflussen. Sie kommt, wenn sie dazu bereit ist. Und wenn ich dazu bereit bin. Deshalb dauert es oft so lange, bis meine treuen Leser endlich wieder eine Geschichte zu lesen bekommen. Und deshalb, meine Freunde, lest ihr hier nicht die Geschichte einer Bahnfahrt, sondern das Gejammer eines Buchstabendompteurs, dem es nicht gelungen ist, die Buchstaben und Silben in die richtige Reihenfolge zu bringen.
Irgendwann in ferner Zukunft wird es mir vielleicht gelingen, wenigstens ansatzweise einen ähnlich grandiosen Einstieg in eine Geschichte zu finden, wie einst Herman Melville: „Nennt mich Ismael.“


Damit keiner glaubt, ich schmückte mich hier mit fremden Federn, liste ich hier mal die Quellen meiner Zitate auf. Jedes einzelne dieser Bücher lege ich jedem ans Herz, der gerne liest, gerne mal lesen möchte oder einfach eine tolle Geschichte erleben möchte. Für mich sind diese Bücher kleine Goldstücke, die ich immer wieder unglaublich gerne lese.

Beginnen wir mit Ernest Hemingway. Das Zitat ist entnommen aus „Wem die Stunde schlägt“ in der Ausgabe des Bertelsmann-Leserings aus dem Jahre 1955, Seite 7, übersetzt von Paul Baudisch.

Dann hätten wir da Umberto Eco. Das Zitat ist entnommen aus „Der Name der Rose“, erschienen im dtv-Verlag, 1. Auflage April 1986 (ISBN 3-423-10551-8). Die Übersetzung stammt von Burkhart Kroeber und den Text findet ihr auf den Seiten 17 und 27 der bezeichneten Ausgabe.
Wiewohl „Der Name der Rose“ Ecos bekanntester Roman sein dürfte, lege ich dem Leser auch gerne seine weiteren Romane wie „Baudolino“ oder „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ ans Herz. Nicht gar so einfach zu lesen, aber hervorragende Geschichten!

Einer meiner Lieblinge in der humorvollen Literatur ist unbestritten der große Terry Pratchett. Das oben genannte Zitat habe ich entnommen aus seinem Roman „Echt zauberhaft“, in der Ausgabe des GoldmannVerlages von 1997 (ISBN 3-442-41599-3). Die zitierten Worte wurden von Andreas Brandhorst ins Deutsche übertragen und sind auf der Seite 7 dieser Ausgabe zu finden.
Terry Pratchett hat bis zum jetzigen Zeitpunkt siebenunddreißig (!) Scheibenweltromane geschrieben. Obgleich jede Geschichte in sich geschlossen ist, hilft es, seine Romane in einer gewissen Reihenfolge zu lesen. Wer Fantasy mag und gerne lacht, beginne am Besten mit dem Roman „Die Farben der Magie“.

Den wohl genialsten ersten Satz ever in einem Roman findet ihr in Herman Melvilles „Moby Dick“. Der in diesem Text erwähnte Satz entstammt der Ausgabe des Insel-Verlages aus dem Jahre2013 (ISBN 978-3-458-36239-5). Die Übersetzer waren hier Alice und Hans Seiffert.

Dienstag, 9. April 2013

Bettgeschichten...

Kleine Kinder machen ja einen Haufen Spaß, wenn man es mal so recht bedenkt. Das allabendliche Spiel mit ihnen (nach dem Feierabend) macht Freude; man sieht sie zu kleinen Persönlichkeiten heranwachsen, räumt ihnen das Spielzeug hinterher, wischt den Boden hinter ihren Unfällen, repariert Autos, Actionfiguren, Schrankwände… Und abends fallen die beiden Kleinen todmüde ins Bett und schlummern selig neuen Abenteuern entgegen.
Jedenfalls in der Theorie. Töchterchen beispielsweise dreht kurz vor dem Zubettgehen mal so richtig auf und liegt eigentlich nur noch horizontal in der Luft. Schreiend und lachend rast sie zu (theoretisch) nachtschlafender Zeit durch Küche, Ess- und Wohnzimmer, durch das Bad und alle anderen Räumlichkeiten, verwüstet noch schnell ihren eigenen vier Wände und fällt dann, noch immer schreiend und lachend, ins Bett, wo sie in sekündlichen Abständen jede nur mögliche Stellung einnimmt, bei der es garantiert unmöglich ist, einzuschlafen. Mutter und Vater dürfen sie dann unter gemeinsamer, titanischer Anstrengung auf der Matratze festnageln, um wenigstens ansatzweise der völlig unbegründeten Hoffnung zu erliegen, dass gnä‘ Wirbelwind demnächst in sanften Schlummer gleiten wird. Und weil unsere kleine Prinzessin genau weiß, wie man es macht, liegt sie denn auch nach gewichtigem Zuspruch der versammelten Erziehungsberechtigten still und leise unter der Decke und brüllt uns ein fröhliches „Gu’Naaacht!“ hinterher, „Schaafguut!“
Aber nur wenige Minuten, nachdem die elterliche Ordnungsmacht das töchterliche Verließ Schlafgemach verlassen hat, hört das geübte Ohr mehr oder weniger leises Getrappel kleiner Füße Schuhgröße 26, die geschäftig durch den Raum eilen, um der Schlafstatt eine neue Einrichtung zu verpassen. Allabendlich wird unser kleiner Wirbelwind in ein ordentlich eingerichtetes Bettchen gelegt, dessen Interieur sich auf das übliche Kissen/Bettdecke/Matratze-Arrangement sowie einer übersichtlichen, geringen (!) Anzahl von Kuscheltieren beschränkt. Und allmorgendlich fischen wir unser Chaos-Mädchen aus hunderten unterschiedlich weichen, die gesamte mitteleuropäische Fauna repräsentierenden Kuscheltieren heraus, während mindestens die Bettdecke nutzlos neben dem Bett liegt. Zuweilen kommt es mir so vor, als werfe mir die Bettdecke einen leicht beleidigten Blick zu…
Ganz anders unser maskuliner Thronfolger. Während Töchterchen abends, kurz vor der Schlafenszeit, noch einmal im Tiefflug durch das Haus tobt, zieht sie in der Regel einen schreienden, zeternden Bruder hinter sich her, der verzweifelt versucht, im abendlichen Spiel die Oberhand zu behalten oder sie wenigstens zu gewinnen. Meistens geht das schief, was aber nicht schlimm ist, weil sich Sohnemann längst daran gewöhnt hat. Irgendwann ist mit dem Gerenne um die Vorherrschaft sowieso Schluss, auf elterliches Geheiß, spätestens, wenn nun auch Ritter Kunibert die weiche Matratze seiner Schlafstatt ansteuern soll. Anders als seine Schwester ist der Herr Ritter eher selten bereit, das Bett nach einer Weile, wenn die Eltern auf dem besten Wege sind, auf dem Sofa einzuschlafen, zu verlassen, um seinen Vergnügungen nachzugehen. Er hat da eine andere Taktik, die wir „Das Leben verlängern“ nennen. Zunächst müssen mal die Jalousien heruntergelassen und die Vorhänge geschlossen werden. Das dauert seine Zeit. Dann muss Jung Siegfried natürlich noch auf die Toilette, was nicht geht, ohne dass er sich hinter der Tür versteckt, bis der böse Papa kommt und ihn auf die Schüssel scheucht. So eine kleine Blase zu leeren braucht natürlich auch noch seine Zeit, und vielleicht ist ja auch noch ein großes Geschäft drin. Noch ein paar Minuten gewonnen… Danach die üblichen Ritualien mit Anziehen, spülen, dem Wasser hinterherschauen, Deckel schließen und Händewaschen, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. „Muss noch was trinken, Papa!“ Ja doch, mein Sohn. So füllt sich nach und nach die angestrebte zusätzliche Stunde jungenhaften Lebens. Doch halt! Der böse Papa scheucht unseren jungen Rebellen nun mit Stimme und Peitsche ins Zimmer, wo sich Sohnemann (mal wieder) zu verstecken sucht. Aber nein, Papa wird so langsam ungeduldig. Endlich, endlich liegt Freund Lebensverlängerer im Bett, unter der dicken Decke, gemütlich in die Kuscheltiere (weit weniger als im schwesterlichen, vollbesetzten Bett!) gekuschelt. Bevor nun aber kurz vor Toreschluss das Licht gelöscht wird, muss noch eine Geschichte her, die natürlich pflichtgemäß vorgetragen wird. Haben Sie, werter Leser, schon mal versucht, die Gesamtausgabe der Grimmschen Märchen in zwei Minuten zum Vortrage zu bringen? Es geht, mit ein bisschen Übung.
Für gewöhnlich ist nach dem literarischen Vortrag der letzte Vorhang gefallen und das Licht gelöscht.
Dann gehen auch Vater und Mutter in den elterlichen Feierabend, besetzen das Sofa, und sind alsbald in sanften Schlummer gefallen, beleuchtet vom sanften Schein der abendlichen Fernsehunterhaltung.
Übrigens:
Kronprinzens letzte Bitte „Möchte Musik hören!“ haben wir ihm ersatzlos gestrichen, denn wir mussten erfahren, dass diese Musiksession durchaus auch  mal zwei Stunden dauern kann. Dann hat er angefangen, lauthals zu schimpfen, was uns treu sorgende Eltern natürlich veranlasste, nach dem Grund zu fragen: „Ich bin müde! Ich möchte schlafen!“ Ja, dann tu es doch! Endlich! Herrje…