Donnerstag, 2. Mai 2013

Autsch! Muskelkater!

So! Jetzt ist Schluß! Der Anblick eines Sportplatzes lässt mich in Schweiß ausbrechen, beim Anziehen von Jogginghose und –schuhen bekomme ich Atemnot. Vorbeilaufende Mitmenschen in Schweiß und Sportklamotten verursachen in mir ein zutiefst schlechtes Gewissen.
Diese Anzeichen vollkommen vernachlässigter Kondition veranlassten mich vor einigen Tagen dazu, endlich wieder joggen zu gehen. Aber das war leichter gesagt, als getan. Denn meine Jogginghosen lagen in den Tiefen meines Schrankes verborgen, die Laufschuhe blieben zunächst unauffindbar und überhaupt wusste ich nicht mal, welche Strecke ich laufen sollte.
Aber irgendwann gab es einfach kein Zurück mehr. Ich fühlte mich ob meiner Kurzatmigkeit schon beim Erklimmen mittlerer Treppenaufgänge nicht mehr wohl. Meine Lungen schienen nur noch auf halber Leistung zu laufen, und mein Puls hatte schon Höhenangst, weil er seit mindestens sechs Monaten nicht mehr oberhalb der 80ger Marke zu finden war.
Nach einer generalstabsmäßigen Vorbereitungsphase, in der ich sowohl Jogginghose wie auch Laufschuhe wiederfand sowie ungefähr ein Dutzend Gründe nebst einer adäquaten Laufstrecke für den Beginn meines Sportlerkarriere fand, verschob ich mein Lauftraining aufgrund ungünstiger äußerer Bedingungen umgehend. Immerhin befanden sich die täglichen Lufttemperaturen noch weit unterhalb des für mich und meine Lungen zuträglichen zweistelligen Bereiches, außerdem war das Wetter sowohl zu feucht als auch zu kalt, und die Wege waren auch noch nicht wirklich gut.
Mit dem Aufkommen warmer Winde aus dem Westen, der intensivierten Sonneneinstrahlung und dem Ausbleiben ergiebiger Schnee- oder Regenfälle gingen mir allerdings allmählich die Argumente zur Förderung meiner Bewegungslosigkeit aus und  ich gab mir einen ebenso metaphorischen wie mentalen Tritt in den breiten rückwärtigen Bereich, um mein Vorhaben zur Steigerung meiner Kondition endlich zu beginnen.
So fand man mich also eines schönen, sonnigen Nachmittags eingekleidet in Jogginghose, leichte Laufjacke und eingestaubten Laufschuhen vor dem Hause, wo ich verzweifelt versuchte, meinem Klugophon jene App zu entlocken, vermittels derer ich meine sportlichen Aktivitäten aufzeichnen konnte, um später mit meinen herkuleischen Leistungen protzen zu können. Irgendwann tat das Gerät denn auch seinen von mir geplanten und beauftragten Dienst, und so konnte ich, begleitet von motivierender Musik auf den Ohren, meinen ersten Lauf nach guten sechs Monaten Winterpause endlich beginnen.
Bereits wenige Minuten nach dem Start meldete mein Kreislauf erstmals stark überhöhte Werte, als mein Pulsschlag die Schallgrenze von 80 dauerhaft überschritt und sich trommelnd und unglaublich schnell Werten von 180 und mehr unaufhaltsam näherte. Die immer dringender werdenden Aufrufe meines Körpers zur Temporeduzierung und Erholung überhörte ich konsequent, was nach weiteren vierhundert Metern Dauerlauf zu einem ebenso plötzlichen wie ungeahnten Leistungsabfall führte, der mich aus vollem Lauf auf Schrittgeschwindigkeit abbremste. Schnappatmung, strömender Schweiß und hoch erhobene Arme waren äußere Anzeichen meiner seit sechs Monaten stark vernachlässigten Kondition. Aber gerade das war es ja, was ich ändern wollte. Trotzdem gab ich den Hilfeschreien meines bereits jenseits der Belastungsgrenze befindlichen Körpers nach und gönnte mir ein paar Schritte im Tempo eines müden Wanderers, betrachtete die Natur und gab mich philosophischen Gedanken hin: Wieso mach ich das überhaupt? Was soll das alles? Ich fand allerdings zunächst keine befriedigende Antwort, was dazu führte, dass ich mein Vorhaben für heute möglichst bald wieder abbrechen wollte. Dummerweise war ich inzwischen doch recht weit vom Startpunkt meiner Folter entfernt, außerdem wollte ich mir selbst nicht die Blöße geben. Außerdem teilt diese dämliche App meinen Misserfolg umgehend über sämtliche sozialen Netzwerke  aller Welt mit, und ich habe noch nicht rausgefunden, wie ich ihr das abgewöhnen kann…
Also trat ich mir noch einmal in die winterlich überbeanspruchte Sitzfläche und verfiel wieder in einen leichten Dauerlauf, mit dem ich auch einige Meter voran kam, bevor mein Körper mich erneut und vehement darauf hinwies, dass ich mich über ein halbes Jahr dem süßen Nichtstun hingegeben hatte. Allerdings konnte ich nun nicht mehr in verhaltenes Wandern verfallen, denn mir kam ein anderer Jogger entgegen. Da kann ich doch nicht anfangen zu gehen! Wie sieht das denn aus? Ich lief weiter, ignorierte schmerzende Lungen und Beine, die Seitenstiche und die Schweißtropfen in den Augen. Ich lief und lief und lief, bis ich merkte, wie sich meine Beine einem Automatismus näherten. Nicht mehr mein Wille bewegte sie, sondern die Gewohnheit. Schmerz und Verzweiflung fielen von mir ab wie die Blätter im Herbst vom Baume! Euphorie erfasste mich und ich lief und lief und lief. Bis der Jogger an mir vorbei und hinter der nächsten Ecke verschwunden war. Ich spürte mehr als ich es sah, dass ich nun wieder allein auf weiter Feld und Flur war. Und sofort kamen Schmerzen und Verzweiflung zurück, und sie brachten Erschöpfung mit. Mit pfeifenden Lungen, die Arme dem Himmel entgegen gereckt im verzweifelten Bemühen, genug Sauerstoff zu bekommen, taumelte ich am Wegesrande entlang, darauf gefasst, jeden Moment bewegungsunfähig und vollkommen fertig zusammenzubrechen. Der Anblick des sich nähernden Zieles und die Befürchtung, man könnte mich aus den Häusern heraus beobachten, mobilisierten letzte, ungeahnte Reserven und ich trabte locker und leichtfüßig meinem Startpunkt entgegen, verschwand lächelnd im Haus und warf mich halb tot und völlig erschöpft auf den kalten Fußboden. Ich war angekommen, mehr tot als lebendig, aber angekommen. Meine Klamotten waren vom Schweiß durchnässt, meine Schuhe waren zu eng, meine Lungen viel zu klein. Mir war heiß, mir war kalt, mein Puls raste, meine Lungen pumpten. Aber ich hatte es geschafft! Ich habe den ersten Lauf nach einem halben Jahr Stillstand überlebt.
Objektiv betrachtet war das Ergebnis meines Laufes eher niederschmetternd, weshalb man mich ja auch auf dem Boden hätte vorfinden können, wäre denn jemand gekommen. Subjektiv gesehen habe ich gewonnen, denn ich bin ohne Zuhilfenahme motorisierter Gehhilfen eine Stunde lang unterwegs gewesen. Die Freude darüber, diesen ersten Lauf überlebt zu haben, sowie die Einsicht, dass ich viel zu langsam unterwegs war und es viel zu sehr geschmerzt hatte, aber auch die aufmunternden Worte einiger Freunde, die meine „Leistungen“ im sozialen Netzwerk entdeckten, brachten mich dazu, regelmäßig laufen zu gehen. An dieser Stelle ein herzliches und tief empfundenes Danke!
Nun bin ich beinahe jeden zweiten Tag unterwegs. Wenn das Wetter gut ist, wenn ich Zeit habe und wenn alles andere stimmt. Bis jetzt tat es das.
Und jetzt, meine lieben Leseratten, gehe ich auch wieder laufen. Drückt mir die Daumen! Es kann nur besser werden!  Hoffentlich…

„Zwinge dich zur Langsamkeit!“ hat Novalis gesagt. Aber ich muss ja nicht alles tun, was man mir sagt…

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