Dienstag, 14. Mai 2013

Schauspielerische Meisterleistung!


Wenn es nach unseren Kindern ginge, wären die beiden bereits in ihren ausgesprochen jungen Jahren kugelrund und Musterbeispiele für Adipositas. Denn dann würde ihre Speisekarte ausschließlich Dinge wie Schokolade, Weingummi in rauen Mengen, Pommes und Kekse enthalten. Solche merkwürdigen Sachen wie Obst, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Nudeln gäbe es gar nicht. Obwohl, Nudeln wahrscheinlich doch, vorausgesetzt, es gibt reichlich Ketchup dazu.
Zum Glück gibt es ja noch uns Eltern, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, ihre Kinder mit einer ausgewogenen, vitaminreichen, gesunden  und abwechslungsreichen Ernährung zu traktieren, damit sie auch morgen noch durch die Tür passen. Zuweilen sorgen diese beiden diametral entgegengesetzten Sichtweisen auf genüssliche Ernährung natürlich für Spannungen, aber bisher haben es Vater und Mutter immer noch geschafft, unseren Thronfolgern solch schreckliche Monster wie Vitamine und Kohlenhydrate in ausreichender Menge zum Fraß vorzuwerfen.
Manchmal aber muss man zu einer kleinen List greifen, damit Kind die angebotene Nahrung widerspruchslos zu sich nimmt. 

So trug es sich eines gar nicht so fernen Morgens zu, dass Junior sein eigens für ihn bereitetes Frühstücksbrot nicht zur Gänze vertilgen wollte. Das war nicht schlimm, denn die Hälfte der Nuss-Nougat-Scheibe, die er aß, war groß genug, um ihn bis zum Mittagessen zu bringen. Die andere Hälfte lag indes bis auf eine kleine Biss-Spur unberührt auf dem Teller. Na ja, dachte ich, dann bekommt Juniorette eben den Rest. Man muss ja keine teuren Lebensmittel unnötig dem Müll überantworten, zumal unsere Prinzessin in der Regel das gleiche Frühstücksbuffet bekommt wie ihr Bruder. Für gewöhnlich frühstücken die beiden ja auch gemeinsam. Aber es war Wochenende, und wir Männer wissen ja alle, wie Frauen unter Umständen reagieren können, wenn sie zu früh aus ihrem Schönheitsschlaf getrommelt werden. Meine Tochter macht da keine Ausnahme. Wenn man sie zu früh aus dem Bett holt, ist der Tag für sie erst mal gelaufen. Und es gibt nichts schlimmeres, als einen Morgenmuffel, den man den ganzen Tag ertragen muss!
Wo war ich stehengeblieben? Ach so, beim Frühstück. Irgendwann schälte sich dann auch unsere Tochter aus Morpheus‘ Armen und wankte schlaftrunken zur morgendlichen Wasserstelle, um sich den täglichen Reinigungs- und Bekleidungsritualen hinzugeben. Frisch gewaschen, sauber gewandet, ausgesprochen gut gelaunt und hungrig wie ein Bär nach dem Winterschlaf stürmte sie nur wenig später an den Frühstückstisch, wo Kakao und „das Brot mit brauner Schokolade“ schon bereitstanden. Ihre bis zu diesem Moment bis in den Himmel reichenden Mundwinkel fielen sofort in bodenlose Tiefen, Töchterchen ließ die Schultern hängen und drückte dicke Tränen in die Augen. Natürlich bemerkte ich den plötzlichen, extremen Stimmungswandel und fragte entsprechend nach: „Was’n los?“ „Das ist nicht mein Brot. Das ist Bruder Brot!“
Geduldig setzte ich Prinzessin Auf-der-Erbse auseinander, dass jenes Brot noch essbar wäre, wundervoll schmecke und ihren kleinen Bauch aufs Trefflichste füllen werde. Ich pries die Mahlzeit als göttliches Manna an, als Ambrosia und Hochgenuss. Allein, Madame hielten Kopf und Schultern gesenkt, meine sorgfältig gewählten Argumente, meine irrwitzig interessante Werbung und meine ansonsten wahnsinnig effektive Überzeugungsarbeit versickerten allesamt gute zwei Zentimeter vor ihrer Nasenspitze…
Da hatte ich einen wahrhaft hollywood-mäßigen Einfall! Ich kapitulierte vor meiner Tochter, entschuldigte mich wortreich für den frühmorgendlichen Fauxpas und nahm den Teller mit dem unglaublich unpassenden Frühstücksbrot vom Tisch. Mit theatralischer Geste, viel Geklapper und unglaublich umständlich holte ich einen weiteren, natürlich sauberen Teller aus der Vitrine und wanderte in die Küche. Hier klapperte ich enthusiastisch mit beiden Tellern, holte deutlich sichtbar ein Streichmesser aus der Schublade sowie den Pott mit der „braunen Schokolade“ aus dem Lebensmitteldepot und veranstaltete allerlei küchentechnischen Lärm. Hinter meinem Rücken beobachtete indes meine kleine Motzkugel mein recht auffälliges Treiben, während ich, für sie natürlich nicht sichtbar, die Bisskante des brüderlichen Brotes sorgfältig glättete und das Brot auf dem sauberen Teller deponierte. Was bin ich doch für ein Schelm! Anschließend stellte ich meinem hungrigen Wolf den Teller mit dem Schwung eines sternegekrönten Oberkellners vor die Nase und präsentierte somit Ihrer Majestät ihr nagelneues, nur für sie bereitetes und garantiert exklusives Frühstücksbrot. Schultern, Trotzkopf und Mundwinkel hoben sich in ungeahnte Höhen, Töchterchen strahlte mich aus königsblauen Augen an, und das Brot sah das Tageslicht nie wieder. Der Tag war gerettet, meiner Tochter Laune schlagartig ganz oben, und meine, ganz nebenbei gesagt, auch.

Was für ein Talent! Was für eine fantastische Leistung! Welch ein begnadeter Schauspieler!
„Und der Oscar für die beste schauspielerische Leistung in einem Küchenstück geht an – mich!“
Danke! Danke! Danke! Völlig zu Recht! Trotzdem in aller Bescheidenheit Danke!

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