Freitag, 28. Juni 2013

„Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor...“

Das ist so ziemlich alles, was ich über das Spiel mit der Lederkugel weiß. Abgesehen natürlich von einigen Standardsätzen  die auch einem Komplett-Laien im Fachgebiet Fußball bekannt sind:
  • Der Ball ist rund und ein Spiel dauert neunzig Minuten.
  • Abseits ist, wenn der Schiri pfeift.
  • Emotional habe ich ein gutes Gefühl.

Daher war mein erster Besuch eines Endspiels ein geradezu wahnsinnig spannendes Abenteuer für mich. Nun gut, es war nun nicht gerade ein Fußballendspiel auf internationalem Niveau, bei dem zwei meisterhafte, berühmte und beliebte Mannschaften aufeinander trafen. Es gab auch keine 70000 Zuschauer, sondern eher so drei Nullen weniger. Es war vielmehr ein Spiel zwischen zwei Mannschaften, deren Mitglieder den Ball eigentlich nur zum Spaß, nebenbei und nicht hauptberuflich über das Grün treten. Trotzdem gab es einen Pokal zu gewinnen, und nebenbei natürlich auch ein wenig Ruhm und Gloria.
Pokal der Begierde,
leicht unscharf... 
Einige der hoffnungsvollen Endspieler waren und sind mir persönlich bekannt. Grund genug für mich, mich in eine vollkommen unbekannte Welt zu stürzen und diesem denkwürdigen sportlichen Ereignis beizuwohnen. 
Obwohl hier zwei doch eher dem lokalen Bereich zuzuordnende Mannschaften gegeneinander antraten, fand ich in der Arena doch alles, was zu einem zünftigen Fußballspiel so gehört: Würstchenbude, Bierpilz, eine Tribüne, auf der ein ganzer Haufen Kommentatoren, Fußballexperten und Profitrainer Platz nahm, einige Reporter und sogar mindestens zweiundzwanzig Menschen, deren äußeres Erscheinungsbild darauf schließen ließ, dass es sich dabei um die beiden Mannschaften handeln könnte. Und ich hatte Recht, denn alsbald stellten sich die Mannschaften auf den Rasen, offensichtlich in einer gewissen Ordnung, deren Sinn zu erkennen ich aber in meiner grenzenlosen Unwissenheit nicht in der Lage war. Für mich sah das ganze aus wie Rasenschach. Ein netter, leicht rundlicher Herr in dunkler Garderobe pfiff munter auf seiner Pfeife, und schon rannte ein Haufen mehr oder weniger sportlicher Männer hektisch über den Rasen und trat nach einem unschuldigen kleinen Ball. Der Profi mochte bei all dem Treiben Taktiken und Spielzüge erkennen, ich... nicht. Der offensichtliche Sinn all des Rennens und Tretens war mir natürlich klar; im Grunde ging es eben darum, das Runde in das Eckige zu schießen. Aber die Feinheiten darüber hinaus entgingen mir völlig. Ich begriff aber sehr früh, dass so ein Fußballspiel nicht nur durch der Füße eilige Arbeit gewonnen wird. Das ist der eigentlich kleinere Teil. Der weitaus größte Teil des Spieles besteht aus Schreien. Die Spieler schreien sich diverse Namen zu, oft unterstützt durch frenetisches Winken, die Trainer brüllen andere Namen, stoßen lauthals Verwünschungen und Befehle aus und deuten dabei mit den Armen in alle Himmelsrichtungen, und die Zuschauer auf der Tribüne wissen natürlich alles besser und schreien es wechselweise den Spieler auf dem Rasen, den Trainern am Spielfeldrand oder dem hinterher hastenden Schiedsrichter entgegen. Mein persönlicher Favorit des Tages war: „VERNASCH IHN DOCH!“ Allerdings kam ich nicht dahinter, was der Rufer damit sagen wollte. Und wem...Interessant war aber nicht nur das Geschehen auf dem Spielfeld, sondern auch jenes unter den Zuschauern. Das Endspiel, dessen Gast ich die Ehre hatte zu sein, zog auch einige ehrenvoll im Pulverdampf ergraute Altherren an, die das jugendliche Treiben auf dem Grün fachmännisch betrachteten. Wie das eben bei älteren Menschen so ist, fällt die aufrechte Fortbewegung nicht mehr ganz so einfach, wie vor vielen Jahren, als man den jungen Hüpfern hier noch mit Leichtigkeit davongesprungen wäre. Langsam und bedächtig setzten sich die Graurücken an die Biertische und begannen die in diesen Fällen übliche Unterhaltung über Rücken, Arthrose, ärztliche Inkompetenz und die Rangliste der besten Chirurgen im örtlichen Krankenhaus, das ganze gewürzt mit arthritischem Keuchen, Ächzen und Stöhnen. Nebenbei wurden mit Kennermiene die Spielzüge der „jungen Garde“ auf dem Spielfeld kommentiert und bewertet, nach dem Motto „Früher was alles besser.“ 
Und dann wurde ich Zeuge einer unglaublichen Verwandlung, und das nicht nur einmal sondern gleich mehrere Male!Sobald nämlich der Ball über die Spielfeldbegrenzung hinaus einem Teilnehmer des Seniorentreffs vor die Füße trudelte, verwandelte sich jener in einen jungen Maradonna! Mit einem erstaunlich agilen Satz sprang Opa Hinkefuß von der Bierbank, trippelte leichtfüßig den Ball Richtung Spielfeld, drehte sich um die eigene Achse und bolzte die Pille mit einem Gewaltschuss einem sichtlich überraschten Jungspieler in die Arme, der eigentlich nur herausgekommen war, um den Ball von den „Großen“ zurückzubetteln. Die Arme gen Himmel, der Welt das Victory-Zeichen ins verblüffte Gesicht gestreckt, tänzelte der Meisterschütze zu seinen Bewunderern zurück, die im anerkennend auf die Schultern klopften, aber bitte nicht zu fest, ihr wisst schon, der Rücken... Und so oder ähnlich ging es jedem Fußballveteran, der einen Ball vor die Füße bekam. Wenn jemals wieder jemand den Jungbrunnen suchen sollte, ich habe ihn gefunden. Werft einer Gruppe von Greisen einen Ball vor die Füße, und sie beginnen sofort, zu laufen und zu springen, als wären sie wieder achtzehn. Was für ein verblüffender Effekt! 
Nach neunzig Minuten, in denen zwei Mannschaften sich permanent um den Ballbesitz gestritten, sich einige Fußballveteranen ihre zwei Minuten Ruhm und dringende Arzttermine erspielt hatten und ein großer Teil der Tribünenmannschaft sich heiser gebrüllt hatte, war das Spiel zu Ende. Allerdings hatte sich keine der Mannschaften zu genug Toren durchringen können, um einen eindeutigen Sieger festzustellen. Eine neue Losung wurde ausgegeben, und die hieß „Verlängerung“. Bisher kannte ich diesen Begriff nur aus der unsäglichen Email-Werbung, in denen Frauen überirdisches Glück versprochen wurde, würden sich ihre Männer einer spezifischen Verlängerung hingeben. Das war hier aber ganz und gar nicht gemeint. Viel eher ging es darum, eine Entscheidung hinsichtlich des Siegers herbeizuführen. Immerhin hatte man nur einen einzigen Pokal vorbereitet, also konnte es keine zwei Sieger geben. Was hätte man denn dem zweiten Sieger in die Hand drücken können?Dreißig weitere Minuten wurden also den Mannschaften gegönnt, um der Gelegenheit zum Sieg Raum zu geben. Unglückseligerweise nahm die gegnerische Mannschaft diese Gelegenheit wahr und überwand den heimischen Torwart oft genug, um Sieg und Pokal davonzutragen.Na gut, dann eben beim nächsten Mal. Vielleicht habe ich bis dahin die Gelegenheit, wenigstens die Grundzüge des gemeinen Fußballspiels soweit zu begreifen, dass ich mit einem Hauch Sachverstand dem Geschehen beim Rasenschach folgen kann.
Und irgendwann bin vielleicht ich es, der zum Fußballfeld humpelt, seine Krücken an den Biertisch lehnt, sich ein Bier und ein Würstchen mit Senf bestellt und dann mit Effet die Pille zwischen Pfosten und Torwart in die Ecke ballert.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Die einzig richtige Antwort

Im Leben fragen wir uns oft genug, ob der Mensch an unserer Seite auch wirklich der richtige ist. Wirklich sicher können wir uns eigentlich nie sein, denn keiner von uns ist in der Lage, so weit in die Zukunft zu sehen, um diese Frage zweifelsfrei beantworten zu können.
Aber es gibt Momente, an denen wir uns hundertprozentig sicher sind, dass dieser Mensch an unserer Seite der einzig richtige, wahre Partner ist.
Gestern Abend hatte ich das Glück, einen solchen Moment zu erleben. Und das kam so:
Den ganzen Tag schon schien die Sonne warm vom Himmel und bescherte uns im Norden einen Sommertag, wie er im Buche steht. Die Zeit an meinem Arbeitsplatz wurde schon beinahe zur Qual, zog es mich doch bei diesem wunderbaren Wetter in den heimischen Garten, um das Wetter mit möglichst wenig Bekleidung in vollen Zügen zu genießen. Zum allerfrühest möglichen Zeitpunkt drehte ich meinem Arbeitgeber also eine lange Nase, schwang mich in den Pilotensitz unseres Familienlasters und flanierte bei offenen Fenstern und cooler Musik durch Schleswig-Holsteins Sommerlandschaft beschwingt Richtung heimatlicher Scholle.
Die letzten Meter durch die Stadt im Sonnenschein waren ein wahrer Augenschmaus, zeigten sich doch die Schönheiten dieser Welt von ihrer besten Seite. Aber: Appetit holen ist erlaubt, gegessen wird zuhause! Umso mehr freute ich mich am Anblick meiner schönen Ehefrau, die ihre Kleidung der ausgesprochen heißen Witterung angepasst hatte. Hier durfte ich mir nicht nur Appetit holen, sondern auch naschen, ach was sage ich, mich satt essen!
Unglückseligerweise lädt hochsommerliches Wetter nicht nur zum Sonnenbaden ein, sondern auch zu schweißtreibender Gartenarbeit, wie mir meine Frau eindrucksvoll bewies. Sie nämlich hatte schon ein bis mehrere Blumenbeete von unberechtigtem Pflanzenwachstum befreit und sprach nunmehr mit mir über die Möglichkeit, dem Rasen einen Fassonschnitt zu verpassen. Wenn die Sonne nicht so hell am Firmament gestrahlt hätte, hätte ich gesagt: Vom Regen in die Traufe...So aber blieb mir nichts anderes übrig, als mich freudig in die gestellte Aufgabe zu stürzen und den Rasenmäher aus seinem dunklen Verlies zu holen.
Nun begab es sich aber, dass das Schneidmesser unseres Rasenmopeds beim letzten Arbeitsgang ebenso nächste wie abrupte Bekanntschaft mit einem Eisenpfahl gemacht hatte, was spontan zu einer Kaltverformung des Gerätes geführt hatte. Diese Verformung ließ unseren Rasenflitzer übrigens klingen wie einen ausgewachsenen Hubschrauber im Vollgasrausch.
Aus diesem Grunde hatte ich wenige Tage nach dem Unglück ein neues Messer beim Baumarkt unseres Vertrauens erstanden, das bei nächster Gelegenheit das verbogene Blatt austauschen sollte.
Diese Gelegenheit war nun gekommen. Man sollte meinen, dass es eine Kleinigkeit ist, mal eben so ein Rasiermesser zu wechseln, aber ich scheiterte beinahe an der Tatsache, dass der 15er-Schlüssel viel zu groß und der 13er-Schlüssel unglaublicherweise eine Winzigkeit zu klein war, um die Schraube, welche Messer und Moped normalerweise verbindet, zu lösen. Im Chaos meines Werkzeugbestandes fand ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen einen Engländer, also einen verstellbaren Schraubenschlüssel. Vermittels dieses Wunderwerkes der Werkzeugtechnik konnte ich die Schraube endlich lösen und das verbogene Messer Richtung Altmetall transferieren.
Das neue Schneidmesser hielt aber eine ungeahnte Überraschung bereit. Es war viel zu lang! Aus Gründen, die nachzuvollziehen ich bisher nicht in der Lage bin, habe ich im Laden ein Schneidmesser erworben, das auf gar keinen Fall unter unseren Rasenmäher passte.
Natürlich machte ich meinem Ärger Luft, fluchte hingebungsvoll Rasenmäher, Schneidmesser, Engländer im Speziellen und die weitere Umgebung ím Allgemeinen an und meldete meiner Ministerin für Überraschenden Gartenbau mein Missgeschick. Natürlich brachte ich auch gleich eine Lösung für das Problem mit: „Da muss ich wohl noch mal nach'n Baumarkt hin, das Messer umtauschen.“ Und meine wunderbare Ehefrau gab die einzig richtige Antwort: „Aber doch nicht mehr heute!“
Mein Herz wurde weich, Tränen des Glücks stellten sich am Auge an! „Aber doch nicht mehr heute!“ Ein heißes Glücksgefühl durchströmte meine Seele! „Aber doch nicht mehr heute!“
In diesem Augenblick, meine Damen und Herren, wusste ich es: Sie ist die Richtige, die Einzige, die Wahre! Mit diesem kleinen Satz wurde mir klar, dass ich auf gar keinen Fall eine bessere Partnerin hätte haben können! Singend und tanzend sperrte ich den Rasenmäher wieder in sein Verlies, räumte Alteisen, Neueisen und den Engländer auf und betrat meinen Garten mit einem ganz neuen Gefühl: Heute würde ich nicht im Garten arbeiten! Heute würde ich mich unter den Apfelbäumen auf den Rasen setzen, meinen Kindern beim Spiel zuschauen und meine Frau umarmen! Ich würde an den Blumen riechen und meine Augen am Anblick der Farben unserer Pflanzen berauschen! Ich würde meinen Garten einfach mal genießen.
„Würde“ ist übrigens ein Konjunktiv. Konjunktive werden gebraucht, um beispielsweise irreale Wünsche auszudrücken. Letztlich habe ich Unkraut ausgegraben, unsere Biotonne befüllt und mich allgemeiner Gartenarbeit hingegeben. Aber den Rasen habe ich nicht gemäht!

Es muss nicht immer der große Liebeschwur, die Rote Rose oder das Flammende Herz sein, um die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Partner zu bekommen. Manchmal sind es die kleinen Dinge im Alltag, die uns die großen Antworten geben...


Mittwoch, 12. Juni 2013

Zeit zu reden


Ich werde ja nicht müde, zu betonen, wie schwierig es ist, als hart arbeitender Bürger dieses Landes genug Zeit mit seinen Nachkommen zu verbringen.
Tag für Tag kämpft man um ein klein wenig Zeit, um sich möglichst ungestört mit seinen Kindern zu beschäftigen, um mit ihnen zu spielen oder ihnen wertvolle Erfahrungen aus den Bereichen Höhlenbau für Fortgeschrittene, Belletristik und ihre Bedeutung in der Vorschule oder Kaffeekränzchen mit Schnuffi, Kuschel und Barbie zu vermitteln. Und was macht die Brut? Sie lässt mich einsam im Wohnzimmer sitzen, inmitten eines stillen chaotischen Kreises voller Kissen, Decken, Lesebüchern und Puppenstubentassen…
Ich habe aber einen Ort gefunden, an dem ich mich mit meinen Kindern lang und breit unterhalten kann, ohne dass sie auch nur ansatzweise an Flucht denken würden. Und das kam so: 

In diesem Jahr fiel der Pfingstmontag überraschenderweise auf den Wochenbeginn, was viele Gemeinden auf die Idee brachte, sich mit vielerlei Veranstaltungen landauf-landab bekannt zu machen. In einem kleinen, geradezu idyllischen Ort in der Nähe unserer heimatlichen Scholle stampfte man zu diesem Behufe einen mittelalterlich geprägten Markt aus dem Boden, der sich praktischerweise um eine alte Mühle gruppierte, die dann auch gleich einem interessierten Publikum zur Betrachtung und Bewunderung  zur Verfügung stand. Alles war wunderbar ansehnlich arrangiert worden, komplett mit Schmied, Ritterschaft, allerlei Marketendern und natürlich den unvermeidlichen, aber hochwillkommenen Friss-Dich-zu-Tode-Buden.
Weil wir solche Märkte per se gerne besuchen und sich die Kinder noch nicht wirklich wehren können, steuerten wir also an besagtem Tage diesen kleinen, aber feinen Mittelaltermarkt an, um ihn mit unserem Besuche zu beehren. Es gab ja auch einiges zu sehen und zu erleben. Da gab es Gaukler mit schlafenden Frettchen, die man sogar streicheln konnte, Spielleute mit Leier und Dudelsack, Tänzerinnen in bunten Kleidern und viel Geklimper, der eine oder andere Ritter, Bogenschützen und natürlich den Landvogt, der den Markt mit einer kleinen Rede und gebieterischer Geste eröffnete.
Das ganze schöne mittelalterliche Treiben mit Stockbrot, Schwertgeklapper und Dudelpfeifer trat aber plötzlich und unerwartet in den Hintergrund, als sich unsere Prinzessin eilends ihrem väterlichen Freund mit trauriger, gar verzweifelter Miene näherte: „Ich muss mal pieschen!“ Sämtliche Gaukler, die lustigen Dudelsäcker und sogar die knackige Marketenderin mit den großen runden Broten waren mit einem Schlage völlig uninteressant. Die zentrale, dringende Frage lautete einzig und allein: „Wo ist das Klo?“ Vor meinem inneren Auge formte sich das Bild, das man bei solchen besucherintensiven Veranstaltungen gemeinhin erwarten darf: Eine mehr oder weniger lange Reihe blauer Kästen am äußersten Rande des Marktfleckens, mit eindeutiger olfaktorischer Signatur, im Inneren eine Mischung aus Funktionsmöbel und rudimentärer Hygiene. Das könnte lustig werden, wenn Prinzessin Auf-der-Erbse diesen Moloch entdeckt…
Nun denn, es gibt Zwänge, denen wir uns absolut nicht entziehen können. Also auf ins Abenteuer.
Mit einer leicht verzweifelt wirkenden Tochter an der Hand verabschiedete ich mich vom Rest der Familie und machte mich auf die Suche nach der Veranstaltungstoilette  - und fand sie zu meiner Überraschung nicht in einem blauen, müffelnden Rechteck, sondern am Ende eines kleinen, alten Backhauses, sogar mit eigenem Eingang. Dummerweise mussten sich Juniorette und ich am hinteren Ende einer Schlange voller Menschen mit verkniffenem Gesichtsausdruck einordnen. Die Wartezeit würde vermutlich „zu lang“ betragen, die wichtigste Aufgabe war es also, Klein Erna von ihren süd-äquatorialen Nöten effektiv abzulenken. Glücklicherweise bietet ein Mittelaltermarkt dazu allerhand Gelegenheiten. Ich erzählte also meiner geplagten Tochter von dem alten Häuschen und was darin früher einmal passierte. Ich erzählte von der Mühle und was darin früher einmal passierte. Ich erzählte von den Rittern, und was sie damals so alles trieben. Mein Töchterchen sog die Informationen in sich auf, stellte Fragen und erzählte lang und breit von ihren eigenen Erlebnissen auf dem Markt und mit Rittern im Kindergarten. Währenddessen glitten wir Schritt für Schritt der Tür zur Erlösung näher, unterhielten uns über Gott und die Welt und betrachteten das Treiben um uns herum, ohne auch nur ein Wort über volle Blasen oder dringende Geschäfte zu verlieren. Zweifelsohne hatte ich Erfolg mit meiner Taktik der Ablenkung.
Nach einer kleinen Ewigkeit und unzähligen Themen, die wir im geduldigen Warten abgegrast hatten, öffnete sich endlich die Tür zum temporären Paradies nur für uns. Die erste Reaktion unserer unter gewissem Druck stehende Juniorette war: „Das ist aber nicht unser Bad!“ Dem konnte ich nur zustimmen.
Zu den weiteren Ungewöhnlichkeiten gehörte neben einer, trotz der vielen Besucher dieses Separees,  relativen Sauberkeit, auch ein deutlich höherer Abort, sodass der Einsatz eines väterlichen Krans nötig wurde, um den kleinen Hintern auf dem Porzellanrund zu platzieren. Meine Tochter war sichtlich irritiert, bemerkte aber trotzdem einen fehlenden Duschkopf in einer improvisierten Dusche: „Warum ist da keine Dusche?“ …
Nun, man kann nicht alle Fragen zufriedenstellend beantworten. Was nun folgte, war Schweigen, während ich versuchte, nicht an die lange Reihe der Wartenden vor der Tür zu denken, deren Blicke nun so allmählich gelb zu werden drohten, und meine Tochter versuchte, sich in Sekundenschnelle an die ungewohnte Umgebung zu gewöhnen, um sich dann soweit zu entspannen, dass ihr eigener gelber Blick wieder klar werden konnte. Ich wartete. Ich wartete noch ein bisschen länger. Dann wartete ich noch ein bisschen länger und versuchte, meine Tochter mit ein wenig Smalltalk zu beruhigen. Ich wusch mir die Hände in der Hoffnung, das rauschende Wasser stimuliere gewisse kindliche  Körperfunktionen. Ich versuchte verzweifelt, nicht an die vollen Hosen, die zusammengeklemmten Beine und verkniffenen Mienen in den Gesichtern vor der Tür zu denken.
Endlich äußerte sich Prinzessin Auf-der-Erbse: „Es kommt aber nichts!“ Naaa gut. Kind einpacken, Hosen hoch, Hände waschen und mit leichtem Schuldgefühl („Gott, hat das lang gedauert!“) die Kammer der Erleichterung verlassen. Draußen empfingen uns eine Menge verkniffene Gesichter und ein einziges, beinahe erleichtertes, dessen Besitzer uns beinahe aus der Tür schubste. Aber was soll’s? Die Hosen sind trocken geblieben, die Schüssel leider auch, aber Töchterlein war fröhlich und irgendwie erleichtert, als wir zum Rest unserer Familie kamen.

Es wunderte mich nicht im Geringsten, dass nur wenige Minuten später auch mein Sohn mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck an mich herantrat: „Papa! Ich muss mal!“
Na, immerhin hatte ich jetzt schon einige Übung darin… Anstellen, Gespräche über das Backhaus im Wandel der Zeiten, moderne und archaische Landwirtschaft am Beispiel der Egge, gesellschaftliche Unterschiede zwischen Piraten und Rittern und natürlich die Frage: „Warum ist da keine Dusche?“
Die Nutzung meiner nur kurze Zeit zuvor gemachten Erfahrungen führte dazu, dass Jung Siegfried deutlich mehr Erfolg hatte als seine Schwester. Was mich andererseits angesichts einer neuen Frage in Bedrängnis brachte: „Papa, wo ist hier eigentlich das Klopapier?“ Zum Glück für uns beide und vermutlich auch einige unserer Nachfolger fand ich eine noch unangetastete Rolle des weißen Goldes in einem kleinen, unscheinbaren Schränkchen, sodass uns letztlich ein voller Erfolg beschieden war. Stolz, froh und in mehrfacher Hinsicht erleichtert verließen wir die einzige Toilette des Marktplatzes, meine Kinder um eine Erfahrung reicher, und ich – nun, ich hatte einen Weg gefunden, mich endlich einmal mit meinen Kindern über  das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu unterhalten, ohne plötzlich allein dazustehen. Ich hoffe nur, dass es auch in Zukunft genug Märkte geben wird. Und nur eine einzige Toilette.

Dienstag, 11. Juni 2013

Wie bei Muttern…


Kennen Sie eigentlich Lucius Licinius Lucullus? Das war ein römischer Senator und Feldherr, der um das Jahr 74 v.Chr. (also wahnsinnig lange her) auch Konsul war. Er war sicherlich nicht so bedeutend wie beispielsweise Gaius Julius Cäsar (Richtig, das war der aus den Asterix-Comics…) oder Pontius Pilatus (bekannt durch seine Manie, sich permanent die Hände zu waschen). Trotzdem hat dieser Mann Spuren hinterlassen, die wir auch in unserer modernen Welt noch sehen können.
 
Meine Mutter jedenfalls hatte sich, vielleicht unwissentlich, vielleicht mit Absicht, jenen Lucullus offenbar zum Vorbild genommen, als wir vor einigen Tagen einen längst überfälligen Familienbesuch unternommen hatten.
Wie es die Natur für die Mütter in aller Welt festgelegt hat, glaubt auch meine liebe Mutter unerschütterlich daran, dass ihr Sohn draußen in der Fremde (also alles ab Haustür!) bitterlich verhungern muss, ungeachtet einer eigentlich lückenlosen Versorgung mit Nahrungsmitteln aller Art sowohl im inzwischen erfolgreich eingerichteten eigenen Heim samt Nachwuchs und des Kochens kundiger Ehefrau als auch in der Fremde eines von zuhause viel zu weit entfernten Landstriches.
Folglich wird, wenn der verlorene Sohn endlich mal wieder den heimatlichen Hafen anläuft, alles aufgefahren, was Küche und Keller zu bieten haben. Außerdem ist es völlig unmöglich, dass Sohnemann auch „da draußen“ sein Lieblingsessen bekommt. Und in diesem Falle hat sie nun wirklich recht, den nur Mamas Lasagne schmeckt wie Mamas Lasagne. Ja, und dann gilt ja auch das uralte Naturgesetz, nach dem es nur zuhause schmecken kann wie bei Muttern.
Da man an den Naturgesetzen nichts ändern kann und ich im Übrigen in diesem speziellen Fall auch gar nichts ändern will, dauerte es nicht lange, bis der ewig hungernde Sohn mit kugelrundem Waschtrommelbauch auf dem knarzenden Stuhl saß. Mit einer solchen Beule vor dem Leib kann man natürlich nicht mehr wirklich viel tun, außer der Sitzlandschaft im Wohnzimmer ein weiteres, tiefes Tal hinzuzufügen und dem  Magen einen Verdauungsschnaps zuzuführen, der mit Schippe und Hacke runtergeht und unterwegs keine Gefangenen macht. Das ist zwar aus medizinischer Sicht ziemlicher Humbug, weil der in den für gewöhnlich konsumierten Schnäpsen enthaltene Alkohol für die Verdauung mal so rein gar nichts tun kann, tut aber trotzdem ungemein gut.
Ist das Mittagessen nach einem mehrstündigen Verdauungsschläfchen verarbeitet und der Bauch auf einen erträglichen Umfang geschrumpft, fühlt man sich bereit, den weiteren Attraktionen, die der Familienbesuch zu bieten hat, die Stirn zu bieten.
Wenn ein Teil der Familie eine Tagesreise entfernt ist, gibt es natürlich reichlich zu erzählen, zu zeigen und zu bewundern. So werden die landschaftlichen Veränderungen des Wohnortes vorgeführt, besprochen und bewertet, allerlei Neuanschaffungen aus den Bereichen Heim und Garten, Haute Couture und Handwerkerbedarf präsentiert, der neuste Klatsch geteilt und so weiter und so fort.  Das strengt natürlich ein wenig an und macht hungrig. Kaum hat man das Mittagessen erfolgreich aus dem Magen in weitere Verdauungsapparate transferiert, ergeht der mütterliche Befehl, den Tisch für das Abendbrot vorzubereiten. Und was da nicht alles aufgefahren wird! Aufschnitt in vielerlei Varianten, ein gutes Dutzend verschiedener Käsesorten, Brot, Brötchen, Toast, Butter und Margarine, gekochte Eier, Tomaten, Gurken und Senf, und das alles in rauen Mengen. Obwohl maximal sechs Mägen zu befüllen sind, reicht die dargebotene Vielfalt aus, a) die Tischplatte Richtung Erdboden wandern zu lassen und b) eine Heerschar hungriger Mäuler zu stopfen. Der bereits vom üppigen Mittagsmahl bis aufs äußerste gedehnte Magen nimmt die Fülle bereitwillig auf, der Bauch balloniert ein weiteres Mal genüsslich vor sich hin, bis endlich auch die letzte Käseplatte leer Richtung Küche wandert. Jetzt endlich ist der Bauch wegen Überfüllung geschlossen und der Verdauungsschnaps verwandelt sich irgendwo zwischen Giftschrank und Tisch in einen blutroten Wein, dessen fruchtige Schwere sich im ganzen Körper ausbreitet. Solchermaßen vollends zur Bewegungslosigkeit verdammt liege ich im urgemütlichen Sessel und warte darauf, dass der Verdauungstrakt seine Arbeit macht und ich mich irgendwann später wenigstens erheben kann, um ins Bett zu gehen.  
In diesem Stile geht es die ganze Zeit des Familienbesuches weiter. Der Stuhl am Esstisch knarzt nach jeder Mahlzeit ein bisschen lauter, das Gehen fällt mitunter ein bisschen schwerer und die Zeiten, die man auf dem Rund des Porzellans verbringt, werden auch immer länger.
Wenn der Familienbesuch nach Tagen der Völlerei viel zu schnell vorbei ist, wird es sogar in unserem Familienlaster langsam eng. Denn nicht nur ich habe mich der Völlerei hingegeben, auch mein Frauchen hat das reiche Essen genossen. Und unsere Kinder haben sich als ausgesprochen talentierte Buffet-Fräsen bewiesen. So sitzen wir zu viert in den weichen Polstern und tragen ein jeder sein Bäuchlein stolz vor sich her.
Wo ist nun Lucius Licinius Lucullus geblieben? Wir finden ihn in unserer Sprache, denn neben vielem anderen war der Besuch bei Muttern (und Vatern! Wir wollen dich nicht vergessen!) auch ein lukullisches Erlebnis erster Güte.
Der Name eines Genießers, der in längst vergangenen Zeiten mal Konsul war, ging in unsere Sprache ein, weil Lucius zu seinen Zeiten berühmt war für seine unglaublichen und hochgelobten Gastmähler.
Zuhause schmeckt es eben immer am besten!

P.S.: Was mir gerade aufgefallen ist: Auf dem Heimweg, also nach der deutlichen Gewichtszunahme, haben wir deutlich weniger Pausen gemacht, als auf dem Weg zu Muttern. Woran lag das? Es lag daran, dass wir gar nicht aus den Polstern kamen! Unsere Bäuche waren einfach noch zu voll…