Mittwoch, 12. Juni 2013

Zeit zu reden


Ich werde ja nicht müde, zu betonen, wie schwierig es ist, als hart arbeitender Bürger dieses Landes genug Zeit mit seinen Nachkommen zu verbringen.
Tag für Tag kämpft man um ein klein wenig Zeit, um sich möglichst ungestört mit seinen Kindern zu beschäftigen, um mit ihnen zu spielen oder ihnen wertvolle Erfahrungen aus den Bereichen Höhlenbau für Fortgeschrittene, Belletristik und ihre Bedeutung in der Vorschule oder Kaffeekränzchen mit Schnuffi, Kuschel und Barbie zu vermitteln. Und was macht die Brut? Sie lässt mich einsam im Wohnzimmer sitzen, inmitten eines stillen chaotischen Kreises voller Kissen, Decken, Lesebüchern und Puppenstubentassen…
Ich habe aber einen Ort gefunden, an dem ich mich mit meinen Kindern lang und breit unterhalten kann, ohne dass sie auch nur ansatzweise an Flucht denken würden. Und das kam so: 

In diesem Jahr fiel der Pfingstmontag überraschenderweise auf den Wochenbeginn, was viele Gemeinden auf die Idee brachte, sich mit vielerlei Veranstaltungen landauf-landab bekannt zu machen. In einem kleinen, geradezu idyllischen Ort in der Nähe unserer heimatlichen Scholle stampfte man zu diesem Behufe einen mittelalterlich geprägten Markt aus dem Boden, der sich praktischerweise um eine alte Mühle gruppierte, die dann auch gleich einem interessierten Publikum zur Betrachtung und Bewunderung  zur Verfügung stand. Alles war wunderbar ansehnlich arrangiert worden, komplett mit Schmied, Ritterschaft, allerlei Marketendern und natürlich den unvermeidlichen, aber hochwillkommenen Friss-Dich-zu-Tode-Buden.
Weil wir solche Märkte per se gerne besuchen und sich die Kinder noch nicht wirklich wehren können, steuerten wir also an besagtem Tage diesen kleinen, aber feinen Mittelaltermarkt an, um ihn mit unserem Besuche zu beehren. Es gab ja auch einiges zu sehen und zu erleben. Da gab es Gaukler mit schlafenden Frettchen, die man sogar streicheln konnte, Spielleute mit Leier und Dudelsack, Tänzerinnen in bunten Kleidern und viel Geklimper, der eine oder andere Ritter, Bogenschützen und natürlich den Landvogt, der den Markt mit einer kleinen Rede und gebieterischer Geste eröffnete.
Das ganze schöne mittelalterliche Treiben mit Stockbrot, Schwertgeklapper und Dudelpfeifer trat aber plötzlich und unerwartet in den Hintergrund, als sich unsere Prinzessin eilends ihrem väterlichen Freund mit trauriger, gar verzweifelter Miene näherte: „Ich muss mal pieschen!“ Sämtliche Gaukler, die lustigen Dudelsäcker und sogar die knackige Marketenderin mit den großen runden Broten waren mit einem Schlage völlig uninteressant. Die zentrale, dringende Frage lautete einzig und allein: „Wo ist das Klo?“ Vor meinem inneren Auge formte sich das Bild, das man bei solchen besucherintensiven Veranstaltungen gemeinhin erwarten darf: Eine mehr oder weniger lange Reihe blauer Kästen am äußersten Rande des Marktfleckens, mit eindeutiger olfaktorischer Signatur, im Inneren eine Mischung aus Funktionsmöbel und rudimentärer Hygiene. Das könnte lustig werden, wenn Prinzessin Auf-der-Erbse diesen Moloch entdeckt…
Nun denn, es gibt Zwänge, denen wir uns absolut nicht entziehen können. Also auf ins Abenteuer.
Mit einer leicht verzweifelt wirkenden Tochter an der Hand verabschiedete ich mich vom Rest der Familie und machte mich auf die Suche nach der Veranstaltungstoilette  - und fand sie zu meiner Überraschung nicht in einem blauen, müffelnden Rechteck, sondern am Ende eines kleinen, alten Backhauses, sogar mit eigenem Eingang. Dummerweise mussten sich Juniorette und ich am hinteren Ende einer Schlange voller Menschen mit verkniffenem Gesichtsausdruck einordnen. Die Wartezeit würde vermutlich „zu lang“ betragen, die wichtigste Aufgabe war es also, Klein Erna von ihren süd-äquatorialen Nöten effektiv abzulenken. Glücklicherweise bietet ein Mittelaltermarkt dazu allerhand Gelegenheiten. Ich erzählte also meiner geplagten Tochter von dem alten Häuschen und was darin früher einmal passierte. Ich erzählte von der Mühle und was darin früher einmal passierte. Ich erzählte von den Rittern, und was sie damals so alles trieben. Mein Töchterchen sog die Informationen in sich auf, stellte Fragen und erzählte lang und breit von ihren eigenen Erlebnissen auf dem Markt und mit Rittern im Kindergarten. Währenddessen glitten wir Schritt für Schritt der Tür zur Erlösung näher, unterhielten uns über Gott und die Welt und betrachteten das Treiben um uns herum, ohne auch nur ein Wort über volle Blasen oder dringende Geschäfte zu verlieren. Zweifelsohne hatte ich Erfolg mit meiner Taktik der Ablenkung.
Nach einer kleinen Ewigkeit und unzähligen Themen, die wir im geduldigen Warten abgegrast hatten, öffnete sich endlich die Tür zum temporären Paradies nur für uns. Die erste Reaktion unserer unter gewissem Druck stehende Juniorette war: „Das ist aber nicht unser Bad!“ Dem konnte ich nur zustimmen.
Zu den weiteren Ungewöhnlichkeiten gehörte neben einer, trotz der vielen Besucher dieses Separees,  relativen Sauberkeit, auch ein deutlich höherer Abort, sodass der Einsatz eines väterlichen Krans nötig wurde, um den kleinen Hintern auf dem Porzellanrund zu platzieren. Meine Tochter war sichtlich irritiert, bemerkte aber trotzdem einen fehlenden Duschkopf in einer improvisierten Dusche: „Warum ist da keine Dusche?“ …
Nun, man kann nicht alle Fragen zufriedenstellend beantworten. Was nun folgte, war Schweigen, während ich versuchte, nicht an die lange Reihe der Wartenden vor der Tür zu denken, deren Blicke nun so allmählich gelb zu werden drohten, und meine Tochter versuchte, sich in Sekundenschnelle an die ungewohnte Umgebung zu gewöhnen, um sich dann soweit zu entspannen, dass ihr eigener gelber Blick wieder klar werden konnte. Ich wartete. Ich wartete noch ein bisschen länger. Dann wartete ich noch ein bisschen länger und versuchte, meine Tochter mit ein wenig Smalltalk zu beruhigen. Ich wusch mir die Hände in der Hoffnung, das rauschende Wasser stimuliere gewisse kindliche  Körperfunktionen. Ich versuchte verzweifelt, nicht an die vollen Hosen, die zusammengeklemmten Beine und verkniffenen Mienen in den Gesichtern vor der Tür zu denken.
Endlich äußerte sich Prinzessin Auf-der-Erbse: „Es kommt aber nichts!“ Naaa gut. Kind einpacken, Hosen hoch, Hände waschen und mit leichtem Schuldgefühl („Gott, hat das lang gedauert!“) die Kammer der Erleichterung verlassen. Draußen empfingen uns eine Menge verkniffene Gesichter und ein einziges, beinahe erleichtertes, dessen Besitzer uns beinahe aus der Tür schubste. Aber was soll’s? Die Hosen sind trocken geblieben, die Schüssel leider auch, aber Töchterlein war fröhlich und irgendwie erleichtert, als wir zum Rest unserer Familie kamen.

Es wunderte mich nicht im Geringsten, dass nur wenige Minuten später auch mein Sohn mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck an mich herantrat: „Papa! Ich muss mal!“
Na, immerhin hatte ich jetzt schon einige Übung darin… Anstellen, Gespräche über das Backhaus im Wandel der Zeiten, moderne und archaische Landwirtschaft am Beispiel der Egge, gesellschaftliche Unterschiede zwischen Piraten und Rittern und natürlich die Frage: „Warum ist da keine Dusche?“
Die Nutzung meiner nur kurze Zeit zuvor gemachten Erfahrungen führte dazu, dass Jung Siegfried deutlich mehr Erfolg hatte als seine Schwester. Was mich andererseits angesichts einer neuen Frage in Bedrängnis brachte: „Papa, wo ist hier eigentlich das Klopapier?“ Zum Glück für uns beide und vermutlich auch einige unserer Nachfolger fand ich eine noch unangetastete Rolle des weißen Goldes in einem kleinen, unscheinbaren Schränkchen, sodass uns letztlich ein voller Erfolg beschieden war. Stolz, froh und in mehrfacher Hinsicht erleichtert verließen wir die einzige Toilette des Marktplatzes, meine Kinder um eine Erfahrung reicher, und ich – nun, ich hatte einen Weg gefunden, mich endlich einmal mit meinen Kindern über  das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu unterhalten, ohne plötzlich allein dazustehen. Ich hoffe nur, dass es auch in Zukunft genug Märkte geben wird. Und nur eine einzige Toilette.

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