Dienstag, 9. Juli 2013

Held in strahlender Rüstung


Manchmal frage ich mich, was wohl mit dieser Welt passieren würde, gäbe es uns Männer nicht.
Baumärkte gäbe es wohl nur wenige, dafür aber eine ganze Menge mehr Schuhläden und Boutiquen. Vermutlich wäre auch Unordnung ein zumindest nicht ganz so heftiges Thema, da Frauen ja im Allgemeinen einen etwas anderen Ordnungsbegriff haben, als wir Männer. Für uns zählt es ja schon als „aufgeräumt“, wenn wir die abgelegten Klamotten mit einem halbwegs gezielten Tritt grob Richtung Waschtrommel befördern.
Dergleichen Beispiele gäbe es wohl noch reichlich, aber insgesamt könnte man wohl behaupten, ohne uns Männer wäre die Welt sauberer, ein bisschen blumiger und vielleicht auch ein bisschen ruhiger.
Wenn es da nicht gewisse Situationen gäbe, die euch Frauen alltäglich beweisen, dass es ohne uns Männer einfach nicht geht. Wer, um nur mal ein Beispiel zu nennen, würde all die technischen Hürden meistern, um eine Glühlampe auszutauschen? Wie sollte frau einen Reifen wechseln, nachts, in völliger Einsamkeit und Dunkelheit, bei Regen? Wer würde all die schönen Kleider kreieren? Oder die Schuhe? Und wer, wenn nicht wir Männer, würde in schöner Regelmäßigkeit die schöne Jungfrau vor dem schrecklichen Drachen retten?

Vor einigen Tagen befand ich mich mitten in einer wenig testosteron-trächtigen Beschäftigung: Ich half meiner Frau beim Reinigen der heimischen Wohn- und Schlafräume. Ich weilte gerade bewaffnet mit Eimer, Lappen und etlichen Reinigungsmitteln im Oberdeck unseres Schlosses und bedrohte die dortige Toilette mit absoluter Sauberkeit, als aus der Küche ein spitzer Schrei des Schreckens ertönte. Natürlich unterbrach ich sämtliche Reinigungsrituale und lauschte gespannt zunächst den Hilferufen aus den Tiefen des Wohnhauses, genauer gesagt, aus der Küche, dann dem Rauschen des Testosterons in meinem Blute. Was ich zu hören bekam, ließ den Schluss zu, dass sich in der Küche ein achtbeiniges, behaartes, mindestens vier Meter hohes Monster breit gemacht hat, dass a) den Fluchtweg versperrt und b) meine Frau zu verspeisen gedenkt. Ich stellte also mein Desinfektionsmaterial beiseite und machte mich gemächlich auf den Weg zum Tatort, während von unten beständig die Schreie der Not und der Pein an mein Ohr drangen. Das wilde Geschrei um Hilfe hatte inzwischen auch die Kinder alarmiert und in die Küche getrieben, wo nun auch ich, als heroischer Retter in strahlender Rüstung, eintraf. (Mein stattlicher Hengst musste leider draußen bleiben und graste friedlich vor dem Haus.) Meine Frau drückte sich in der hintersten Ecke unserer kleinen Küche herum, mit schreckgeweiteten Augen und bereits heiser vom ständigen Schrei nach ihrem Helden. Jung Siegfried und Prinzessin Tausendschön standen mittendrin und lachten sich schlapp.
Held, der ich war, fragte ich mein Weib zunächst mal nach dem Grund ihres Alarms und erhielt zur Antwort einen ausgestreckten Arm, der grob Richtung Fenster deutete, sowie eine verbale, eher schlicht gehaltene Beschreibung: „IIIIIIIIIH! MACH DAS WEG!“ Eine nähere Untersuchung in angegebener Richtung ergab, dass sich am Küchenfenster ein Exemplar der Arachnidae befand, komplett mit acht Beinen sowie Prosoma und Opisthosoma, also Vorder- und Hinterleib, ungefähr riesige zwei Zentimeter groß im Durchmesser. Zudem war das monströse Spinnenvieh auch noch ausgesprochen lebendig, was sich in einer deutlichen Wanderbewegung zeigte, deren Ziel offenbar in der Nähe meiner Frau lag. Das dürfte zum allgemeinen Schrecken meines Eheweibes beigetragen haben.
Der heroische Ritter straffte seine Rüstung und wählte seine Waffen: „Habt keine Angst, meine Königin! Ich werde Euch sogleich erretten! Weh dir, schreckliches Untier!“
Ich warf mich mit lautem „Hurra!“ und einem Küchentuch auf den fürchterlichen Drachen und bezwang ihn mit List und Tücke. Und mit einem ebenso heftigen wie gezielten Schlag auf den Kopf.
Das Küchentuch bildete nun das Leichentuch für meinen in heroischem Kampf gefallenen, tapferen Gegner; ich nahm es auf und begab mich als siegreicher Ritter mit dem Beweis meines Mutes zu meiner Königin, um ihr meine Beute zu Füßen zu legen. Statt nun der Bewunderung ob meines geradezu unerhörten Sieges würdig Ausdruck zu geben, drängte sich meine kürzlich Gerettete noch weiter in die Ecke, verdrehte Augen, Nase und sogar die Lippen, rollte Zehennägel und Fußzehen ein und lehnte aus mir nicht erklärlichen Gründen die angebotene Trophäe angeekelt ab. Mir blieb also nichts anderes übrig, als den platten Leib des Monsters den Dunklen Wasserfällen der Toilette zu übergeben, um meiner Frau den Schrecken zu nehmen: „Ihr seid errettet, oh holde Maid!“ Erleichterung strömte über das Gesicht meiner Holden, und ich bekam  endlich den traditionellen Siegespreis: Einen Kuss! Mit stolz geschwellter Brust und wehenden Fahnen ritt der Held in den Sonnenuntergang, während die Kinder sich lachend auf dem Boden wälzten.
Noch stundenlang konnte man unsere Kinder hören, wie sie immer wieder „Iiiih!“ schrien, und „Igitt! Eine Spinne!“ Und immer wieder musste ich als Held in strahlender Rüstung antraben und retten, was zu retten ging, während meine Frau den Schrecken verdaute und sich vielleicht auch ein wenig ob ihrer Schreckhaftigkeit schämte.

Wahrscheinlich wäre die Welt tatsächlich sauberer und ein bisschen blumiger ohne uns Männer. Aber gewiss nicht ruhiger, denn sie würde erzittern unter dem Geschrei der Frauen, die Schutz und Hilfe suchen vor Spinnen, Mäusen, Wespen und anderen ekligen Viechern. 



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