Dienstag, 12. November 2013

Alte Zeiten...

Irgendein kluger Kopf hat mal gesagt, man könne nicht mehr zurück. 

Ein bisschen stimmt das ja auch. Auf der anderen Seite kommen wir doch alle irgendwann in eine Situation, die uns zumindest das Gefühl gibt, wieder im „Früher“ zu sein.
Vor einigen Tagen wurden unser Thronfolger und seine Erzeuger daran erinnert, dass mindestens einer von uns dreien sehr bald einen neuen Lebensabschnitt beginnen wird: 
Die künftige Lehranstalt hatte Sohnemann nebst Eltern zu einem ersten Gespräch eingeladen. Für Prinz Tunichtgut war das Ereignis nicht halb so schrecklich wie für seinen Vater! Der nämlich (also ich!) fühlte sich mit Betreten eines dieser typischen Flure um einige Dutzend Jahre zurückversetzt. 
Kaum erblickten meine alten Augen die offenbar gesetzlich vorgeschriebene Schulflurfarbe „Popelgelb“, die Haken voller kleiner, feuchter Anoraks und die unvermeidlichen verlorenen Handschuhe, kaum hörten meine grauen Ohren das konzentrierte Murmeln hinter verschlossenen Türen, den gelegentlichen Ruf einer Lehrerin nach Ruhe und Aufmerksamkeit, kaum roch meine taube Nase den sauer-herben Geruch lernender, schwitzender Kinder, krochen seltsame Gedanken in mein dumpfes Hirn:
„Ich hab meine Hausaufgaben nicht gemacht!“
„Hoffentlich schreiben wir heute keinen Test!“
Ich habe meinen Turnbeutel vergessen!“
Mein lieb Frauchen sah mir meine Sorgen wohl an, denn sie schenkte mir ein zauberhaftes, nichtsdestotrotz spöttisches Lächeln, als wir durch die stillen Gänge schritten. Vor dem Sekreteriat mussten wir erst mal warten. Das ist wohl so eine Art Naturgesetz: Niemand geht einfach so durch diese Tür! Niemand! Außer den Lehrern und den Schülern der höheren Stufen, die nur noch schnell was für die Schülerzeitung kopieren müssen.
So warteten wir vor den Toren der Höl... vor dem Sekretariat und vertrieben uns die Zeit damit, logische Gründe dafür zu finden, warum wir uns auf gar keinen Fall auf die Stühle setzen wollten, die genauso aussahen, wie man es von solchen Stühlen in allen Schulen dieser Welt erwarten kann (und muss...): Hart und unbequem. 
Während ich mich fragte, warum ich schon wieder zum Rektor musste, erkundete unser künftiger Musterschüler begeistert, fasziniert und gänzlich unbefangen die zahlreichen Zeichen gelebter Demokratie an dieser Schule:




Das Rauchen ist auf dem gesamten Schulgelände verboten!“
Die Schülervertretung informiert: Die nächste Sitzung des Komitees für Leibesertüchtigung findet am 12. April '98 im Schulcafé statt!“
Eure beliebte Schülerband „Die Labskäuse“ spielen zum Sommerfest '99 in der Aula!“
Eure Schülerzeitung „Schwamm drüber“ sucht noch Mitstreiter! Meldet euch bei Elke (7a)!“
Verlorene Turnbeutel können in der großen Pause beim Hausmeister abgeholt werden!“
Turnbeutel verloren! Er ist blau mit roten Streifen. Nicht schütteln! Da ist ein Joghurtbecher drin.“




Nur die Wandtafel mit den Stundenplänen ließ unseren potentiellen Oberprimaner seltsamerweise völlig unberührt...
Endlich, nach gefühlten Stunden ereignislosen Wartens, öffnete sich die Tür zum Sekretariat und eine Stimme erscholl von jenseits des Tresens, voller Autorität und bar jeden Zweifels: „Die nächsten! Bitte.“
Hinter dem Tresen fand sich eine Dame (Und ich wähle diesen Titel bewusst!) älteren Baujahrs, die uns freundlich begrüßte, einige formale Dinge mit uns besprach und sich ganz offensichtlich über den Besuch unseres Sohnes freute. Ihre beredte Körpersprache vermittelte allerdings folgendes:
„Ihr habt Unsinn gemacht. Leugnen hilft nicht, ich weiß es genau! Deshalb müsst ihr nun zum Rektor, und da kann ich euch nicht helfen. Aber keine Angst! Er wird euch schon nicht fressen. Strafe muss sein, und wer weiß? Vielleicht habe ich hinterher noch ein Trostpflästerchen für euch. Falls der Rektor noch etwas von euch übrig lässt...“ 
Dann öffnete sich die Tür zum Büro des Rektors, und es gab kein Zurück mehr! Während lieb Frauchen und Sohn lächelnd, sorglos und beinahe beschwingt in das Büro schwebten, schlurfte ich mit hängenden Schultern und schlechtem Gewissen hinterher...
Welche Hausaufgaben hatte ich denn jetzt schon wieder nicht gemacht? Sooo schlecht waren meine Noten doch nun auch nicht. Und schwänzen tun nur die anderen!
Ich hatte ganz vergessen, was für ein grandioses Gefühl plötzliche Erleichterung ist! Es ging ja gar nicht um mich! Was für ein Wunder. Immerhin hatte ich die Schule schon vor unzähligen Jahren verlassen, und diese spezielle Schule hatte ich noch nie besucht. 
Der Rektor unterhielt sich ausgesprochen freundlich mit uns über seinen künftigen Schüler, stellte uns ebenso wort- wie bildreich seine Schule vor und bedankte sich, dass wir uns für seine Lehranstalt entschieden hatten. Trotz allem kamen wir aber nicht ohne ein Wort der Ermahnung aus dem Büro: Lehren würden sie unserem Sohn alles, was er braucht, aber die Erziehung müssten wir schon selbst übernehmen! 
Das ist wohl noch so ein schulisches Naturgesetz: Der Rektor mahnt immer!




Nur noch ein paar kurze Monate, dann wird der Vorschüler zum Grundschüler. Schon der Gedanke daran macht uns Eltern stolz. Und noch mehr freuen wir uns über den Abschluss dieses besonderen Tages: 
Als wir alles hinter uns hatten, als alle Spiele gespielt und alle Geschichten gelesen waren, nach Abendessen, Waschen und Zähneputzen, als Prinz Studiosus müde in seinem Bett lag, da fragte er uns: „Können wir morgen wieder in die Schule gehen?“
Bald, mein Sohn, bald... 

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