Freitag, 21. November 2014

Eine tierische Hilfe

Normalerweise gehe ich ja eher schöngeistigen Freizeitvergnügungen nach. Ich lese das eine oder andere Buch, höre gern und reichlich Musik oder beschäftige mich mit der Antwort auf die Frage nach dem Universum, dem Leben und dem ganzen Rest.
Ab und an aber beschäftige ich mich auch rein körperlich, und dann findet mich der überraschte Beobachter durchaus auch mal im Garten, angekleidet in eher schnöder, funktionaler und hier und da mehr oder weniger heftig verunreinigter Garderobe, in den Händen Beispiele aus asiatischer Gartenwerkzeugproduktion.
So auch an diesem denkwürdigen, spärlich sonnigen Tag, als der Herbst sich anschickte, langsam aber sicher das Land zu erobern. Das berufliche Tagwerk war getan, der Arbeitgeber lag vermutlich längst in der karibischen Sonne seines persönlichen Wochenendes, da kam meine liebe Ehefrau auf den Gedanken, noch vor den unvermeidlichen Herbststürmen jenen doch reichlich hoch gewachsenen Baum am Rande unseres Parks auf ein Maß zu kürzen, das es wie auch immer gearteten Stürmen unmöglich machen würde, auf irgendwelche von verschwitzten Händen mühselig geschaffene Bauwerke zu fallen.

Am Ende unseres parkgleichen Gartens wächst nämlich eine Salix matsudana 'Tortuosa', eine Korkenzieherweide, die ja, wie wir alle wissen, eine besondere Kulturform der Chinesischen Weide aus der Gattung der Weiden darstellt. So ein zartes Bäumchen erreicht gerne mal himmlische Höhen von acht Metern, von denen das unsrige Exemplar schon beinahe fünf erklommen hatte. Allerdings sind Äste und Stamm des holzigen Gewächses eher flexibel, weshalb das ganze Gebilde schon bei leichtem Winde lustig hin und her wackelt. Ebendieses wackelige Verhalten bewog meine liebste Frau von allen dazu, mich mit dem fachgerechten Einkürzen unserer Korkenzieherweide zu beauftragen.
Ich glaube, ich habe bereits darauf hingewiesen, dass ich mich eher der schöngeistigen Beschäftigung hingezogen fühle. Aber was macht man nicht alles zum Wohlgefallen derer, die man so heftig liebt.
Gekleidet in mannhafte Gartenarbeitsklamotten kramte ich also alles zusammen, was ich für meine vertikalen Holzpflegearbeiten so brauchen würde. Ich entwirrte die Kabeltrommel, um einigen Watt Strom den Weg zum Baum zu ermöglichen, klappte eine Leiter aus, die mich in ungefähre Reichweite der Stelle bringen sollte, an der ich den chirurgischen Baumschnitt anzubringen gedachte, setzte Helm und Schutzbrille auf, legte Telefon, Notfallrufnummer, mehrere Meter Verbandsmull, Schere, Nadel und Faden und einen Eimer heißen Wassers bereit, und zog mir die schweren Lederhandschuhe an. Der aufmerksame Leser wird bereits bemerkt haben, dass etwas Essentielles noch fehlte. Richtig! Eine Motorsäge befand sich nicht in meinem Fundus. Außerdem fehlte es noch an geeignetem Unterstützungspersonal, das bereit wäre, dem abgesägten Baum beim Fall in die richtige Richtung zu helfen, und nebenbei auch noch bereitstünde, sollte sich der ambitionierte Säger unverhofft in eine medizinische Notlage begeben. Aber wozu ist man denn verheiratet? Lieb Frauchen ergriff wieselflink die Initiative, und schon wenige Minuten später materialisierte sich in meinen Händen eine elektrische Kettensäge, einige Dutzend Meter kräftigen Seiles und (vor meinen Händen, dies sei betont) die adrette Nachbarin in praktischer Gewandung und Begleitung eines beachtlich großen, schwarzen Hundes, um beim Baumschnitt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Im Unterschied zu mir hat sie solches Forsttreiben schon mal beobachtet. Es konnte also losgehen. Die Leiter wurde passend aufgestellt, das Seil fachgerecht um den zu fällenden Teil des Baumes geflochten und geknotet und die Schnitthöhe zwischen „Genau hier!“ und „Meinst du so etwa hier?“ festgelegt. Ein kurze aber intensive Betrachtung des elektrischen Holzschnitters brachte einige Vermutungen hinsichtlich des Einschaltvorganges zutage, von denen der sechste und letzte dann auch tatsächlich der richtige war. Mit lustigen Gekreische erwachte die Motorsäge zum Leben, um sogleich zu verstummen, als ich die Säge am Baume ansetzte. Da fehlten dann doch einige Meter Strom.
Also nochmal: Kabel herbeiziehen, dann noch einen Meter nur für den Fall, auf die Leiter steigen, Motorsäge in Betrieb nehmen und Richtung Baumstamm schwanken. Säge ansetzen, und schon hatte ich meine erste Gravur im Baumstamm verewigt. Von meinem Anfangserfolg ermutigt, wies ich die in den Seilen hängende weibliche Helferschaft an, kräftig zu ziehen, während ich ebenso unermüdlich wie unerbittlich der kreischenden Säge scharfes Blatt durch den Stamm trieb.
Schon wenige Augenblicke später fielen gut zweieinhalb Meter Korkenzieherweide mit Getöse und Schwung zu Boden. Stolz erfüllte meine breite Brust und ich begann zu singen:

„Ich bin Holzfäller, und mir geht’s gut! Am Tag packt mich die Arbeitswut!“

Bevor ich meine musikalische Darbietung zu Ende bringen konnte, wurde ich von der holden Stimme meiner Ehefrau beinahe rüde unterbrochen: „Und was ist mit dem zweiten Stamm?“
Also, wieder frisch ans Werk. Es würde schnell gehen, denn inzwischen hatte ich ja einige Erfahrung mit der Motorsäge gesammelt. Wieder wurde das Tau um den Stamm geschwungen, geknotet und gezurrt, wieder wurde die genaue Schnitthöhe zwischen „Irgendwo da!“ und „Ja, so ungefähr!“ bestimmt und wieder wurde das schrille Schneidwerk begonnen.
Bevor ich jetzt mit der Schilderung der weiteren Ereignisse fortfahre, gestatte mir der Leser einige Worte zu oben viel zu kurz erwähntem großen, schwarzen Hund.

Der Hund, der tatsächlich eine Hündin ist und deswegen im Weiteren auch als „sie“ bezeichnet werden kann, gehört zur italienischen Rasse Cane Corso. Die weiblichen Vertreterinnen des Cane Corso (häufig auch „italienische Dogge“ genannt) werden ungefähr 60 bis 65 Zentimeter hoch, haben einen kräftigen, deutlich längeren als hohen Körper und einen geradezu riesigen Kopf. Cane Corso sind, trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer kolossalen Kraft, anschmiegsame, verspielte und kinderliebe Wesen, die insbesondere in Italien als Familien-, Schutz- oder Hütehunde beliebt sind. Nähere Informationen zu dieser bemerkenswerten und ausgesprochen liebenswerten Rasse, sofern oben angeführte „sie“ als Muster gelten kann, siehe hier:

Zurück zum Thema. Die elektrische Säge fraß sich in den zweiten Stamm, unten zogen lieb Frauchen und die nette Nachbarin aus Leibeskräften am Tau, auf dass der Baum mir nicht in den ungeschützten Schoß falle. Allerdings wehrte sich der Baum dieses Mal nach Kräften und stemmte sich gegen jeden Zug von vorne unten und klemmte solcherart immer wieder die Kettensäge ein. Was in der Folge dazu führte, dass a) meine spärliche Gesamtkörpermuskulatur Schwerstarbeit zu verrichten hatte, damit Säge, Bediener, Baum und Leiter an den ihnen bestimmten Orten verblieben, und b) ich meine Helferlein ein ums andere Mal zuschrie: „Zieht! Zieht, Herrgott nochmal!“ Und sie zogen.
Aufgrund unser aller titanischer Anstrengungen mussten wir immer wieder kleine Pausen einlegen, um die Säge zu befreien, der Leiter zu besserem Stand zu verhelfen und einfach mal hingebungsvoll zu fluchen. Und dann ging es weiter. Die Mädels warfen sich das Seil über die Schulter und zogen, als seien sie Teil jener kräftigen Männerschar, die einst die schweren Lastkähne die Wolga hinaufzogen. Und ich sägte um mein Leben. Mit einem Mal, ebenso unerwartet wie unvorbereitet, während ich hochkonzentriert den spärlichen Erfolg der Motorsäge auf dem Weg durch den Baumstamm verfolgte, vernahm ich ein heftiges Krachen und Knirschen, und der Stamm, der eben noch mit Macht auf das Sägeblatt zu drücken drohte, verschwand in Sekundenschnelle aus meinem Sichtbereich. Die Motorsäge sägte plötzlich frische Luft, während ich auf der Leiter spontan einen solistischen Czárdás aufführte, um Gleichgewichtssinn und Gravitation gleichermaßen davon zu überzeugen, dass ich, verdammt nochmal, auf die Leiter gehörte! Von unten hörte ich zwei verblüffte, sehr weibliche Schreckensrufe, begleitet vom Krachen und Knirschen einer in den Rasen geprügelten Rest-Korkenzieherweide und gefolgt von wieherndem Gelächter meiner Helferlein und dem dunklen Bellen eines hoch erfreuten Cane Corso. Ich stand einigermaßen verblüfft ob der letzten, ereignisreichen Sekunden und glücklich, noch kerngesund zu sein, auf der Leiter und versuchte zu begreifen, was da eigentlich gerade passiert sei. Und das war passiert:
Während ich der Motorsäge verzweifelt meinen Willen aufzubrummen versuchte, während lieb Frauchen und Nachbarin gemeinsam ächzend am Tau zogen, nahm sie, die Hündin, meine aufmunternden Worte von oben zum Anlass, selbst tätig zu werden. Sie schnappte nach dem Stück Seil, das ihrem Frauchen lustig hin und her zappelnd über die Schulter hing, und versuchte, sich mit ihrer Beute abzusetzen. Mit anderen Worten: Sie zog! Vierzig Kilo Cane Corso plus insgesamt neunzig Kilo höchst femininer „Masse“ hatte die Korkenzieherweide nichts mehr entgegenzusetzen. Sie gab nach, und das schnell und kompromisslos. Und so kam es, dass ich mich innerhalb weniger Augenblicke aus dem Dschungel verdrehter Äste und Restbelaubung in hellem Tageslicht wiederfand. Leicht verblüfft, ein wenig geschockt, aber sonst gesund an Leib und Leben. Man kann auch mal Glück haben.
Der Rest der Aktion Holzschnitt war beinahe Routine. Ich befreite mich von diversem abgebrochenen Ast- und Zweigwerk und beruhigte die Gravitation dahingehend, dass ich mich wieder auf den Erdboden zurück begab. Mit vereinten Kräften entasteten wir die traurigen Überreste des einst so hoch gewachsenen Baumes und räumten das Kaminholz gewissenhaft beiseite, auf dass es uns wärme in der langen, dunklen Kälte des drohenden Winters.
Natürlich wurde die so hilfreiche Hündin mit allerlei Streicheleinheiten für ihre überraschende und tatkräftige Hilfe entlohnt, ebenso die nette Nachbarin, wobei ich mich bei ihrer Person auf warme, von Herzen kommende Worte des Dankes beschränkte und die Streicheleinheiten aus naheliegenden Gründen meiner lieben Frau zukommen ließ.

Der Cane Corso an sich gilt als arbeitsfreudig, und nach dem eben geschilderten Erlebnis überlegen lieb Frauchen und ich ernsthaft, uns häufiger ihrer vierbeinigen Dienste zu versichern und uns bei der zuweilen kraftraubenden Gartenarbeit helfen zu lassen.
Eigentlich gar keine so schlechte Idee…



Samstag, 20. September 2014

Erreicht den Hof mit Müh‘ und Not...

...die Tochter lacht, das Fahrrad tot!


Die letzten Tage des Sommers sind ja doch gar nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Immerhin gab mir das Wetter der letzten Tage unter anderem Gelegenheit, mal mit meiner Tochter eine kleine Fahrradtour zu unternehmen. Sohnemann befand es, ganz Kavalier der alten Schule, für wichtiger, seine treusorgende Mutter in der Küche zu beaufsichtigen, statt sich solch sportlichem Quatsch wie Fahrradfahren hinzugeben. Papa-Zeit also für Töchterlein.
Weil unsere kleine Prinzessin auf noch nicht gar so viel Erfahrung im hektischen Straßenverkehr unserer Zeit zurückgreifen kann, hielt ich es für wichtig, notwendig und an der Zeit, ihr quasi „on the road“ einige meiner teuren, nützlichen, hart erworbenen Erfahrungen mit auf den Weg zu geben. So nahmen denn Prinzessin „Ich kann das schon“ und ihr Erzeuger ihre Fahrradhelme, sattelten ihre Drahtesel und schon sollte es losgehen. 

Ich hatte mir das ungefähr so gedacht:
Nach Abfahrt am Grundstück Abbiegen nach rechts, dabei Lektion „Handzeichen geben unter besonderer Berücksichtigung des weiblichen Geschlechts der Übenden“.
Noch einmal rechts abbiegen, wieder mit korrektem Handzeichen, dann Weiterfahrt bis zur Fußgängerampel an der Hauptstraße. Hier Lektion „die Lichtzeichenanlage und die Bedeutung der verschiedenen Farben“, dabei Vertiefen der Lektion „Links und rechts gucken vor Überqueren der Straße“.
Nach Überqueren der Hauptstraße an der Ampel Weiterfahrt durch das anschließende Wohngebiet, Lektion „Einschätzung der Geschwindigkeit und Gefährdung durch überhöhtes Tempo“ sowie „Vorfahrtsregeln - Schwerpunkt rechts vor links“.
Der vorgesehene Fahrradweg würde uns dann im weiteren Verlauf in unseren kleinen Stadtpark führen, hier schlössen sich die Lektionen „Fahren auf lockerem Untergrund“ sowie „Bremsen für Anfänger - Rutschgrenzen und Gefahrenbereiche“ an. Zur Auflockerung des Ausbildungsweges wäre hier dann auch die Möglichkeit zum freien Fahren, sofern die vorangegangenen Lektionen erfolgreich abgeschlossen würden. Ansonsten wäre hier Raum zur Wiederholung einzelner Lektionen.
Der weitere Weg würde uns dann in einer weiten Schleife wieder zur heimatlichen Scholle zurückführen, hier ergäbe sich die Möglichkeit, die Lektionen „Lichtzeichenanlage“, „Vorfahrtsregeln“ sowie „Bremsen für Anfänger“ zu wiederholen und erlangtes Wissen abzuprüfen.
Den Abschluss würden dann die Fahrzeugpflege und eine abschließende Besprechung des Übungsabschnittes bilden.
Soweit der Plan, den ich mir als verantwortungsbewusster Vater zurechtgelegt hatte.
Ich erläuterte Prinzessin „Lass uns doch endlich fahren“ den geplanten Ablauf, wies auf prüfungsrelevante Punkte hin, schwang mich auf mein altes Veloziped und gab das Startzeichen.

Mit dem Ruf „Ich will zum Spielplatz!“ trat meine herzallerliebste Tochter mit aller Macht in die Pedale und bog sofort links ab, ohne jedoch Handzeichen zu geben! Mein Puls sprang schlagartig in astronomische Höhen, und ich trampelte schwerfällig hinterher. Sekundenbruchteile vor einer möglicherweise unbedachten Überquerung unserer kleinen Straße hatte ich die rasende Radlerin eingeholt und gestoppt. Na gut, dann fahren wir eben zum Spielplatz, der sich allerdings auch nur wenige Meter von unserem Haus entfernt befindet. Die Begeisterung für Rutsche, Kletterburg und Schaukel verhinderte glücklicherweise nicht, dass Madame ihren Drahtesel ordentlich am Rande parkte. Den Fahrradhelm musste ich ihr allerdings im Flug abnehmen!
Während unser Aushilfsäffchen auf dem Kletterturm turnte, ordnete ich im Geiste die Strecke, um den weiteren Ablauf der Ausbildung doch noch sicherzustellen. Nach etwa fünf Minuten Spiel auf dem Spielplatz forderte ich meine Tochter unmissverständlich zur sofortigen Weiterfahrt auf. Etwa zwanzig Minuten später ging es dann weiter. „Jetzt will ich zum anderen Spielplatz!“ Na gut, damit hatte ich inzwischen gerechnet und machte ihr einen Spielplatz schmackhaft, der ungefähr in der Mitte meiner ohnehin geplanten Route lag. Und wie durch ein Wunder nahm die Profiradlerin meinen Vorschlag an. Wir radelten also Richtung Hauptstraße, wo die Lektion „Lichtzeichen“ ebenso plötzlich wie ersatzlos ausfiel, weil ein ahnungsloser fußläufiger Verkehrsteilnehmer die Ampel bereits betätigt hatte, sodass Prinzessin Sauseschritt ungebremst bei grünem Licht über die Straße flitzte, gefolgt vom hektisch rufenden Vater: „Du hast nicht geguckt!“ „Du auch nicht, Papa!“
In rasender Fahrt ging es durch das Wohnviertel, wo die Lektion „Einschätzung der Geschwindigkeit“ einsam im Fahrtwind verhallte, womit sie das gleiche Schicksal ereilte wie die Lektion „Vorfahrtsregeln“. In meinem verzweifelten Versuch, den weiblichen Eddie Merckx zu bremsen, wurde ich langsam heiser, als wir endlich bewohntes Gebiet verließen und den Park erreichten. Die Lektion „Fahren auf lockerem Untergrund“ löste sich im aufgewirbelten Staub auf, die Lektion „Bremsen“ dagegen nutzte Lady Kamikaze zu einer meisterlichen Vorführung ihrer Vollbremsungsqualitäten (mit gekonntem Slide rechts!), als wir den zweiten Spielplatz erreichten. Ich hätte nie gedacht, dass Fahrradreifen sogar beim Bremsen auf Schotter quietschen können!
Während lieb Töchterlein den Spielplatz schreiend und lachend eroberte, ließ ich mich schweißgebadet auf der nahen Bank nieder und versuchte, mittels jahrhundertealter meditativer Methoden und bewusster Atmung meinen Puls wieder auf halbwegs normale Werte zu bringen.
Wie es scheint, muss ich in meiner Meditation kurz eingenickt sein, denn plötzlich stand die Spielplatzeroberin vor mir und schlug vor, den Heimweg anzutreten. Dazu war ich natürlich gern bereit, allerdings nutzte ich die Gelegenheit, der Rasenden Radlerin mit Nachdruck einzuschärfen, a) langsamer zu fahren (wesentlich langsamer!), und b) beim Papa zu bleiben. (Unbedingt!) „Ja, ja. Komm jetzt, wir fahren los. Ich hab Hunger!“*
Ich verzichtete auf weitere Versuche, noch irgendwelche Lektionen an die junge Frau zu bringen, und achtete ausschließlich darauf, meine kleine Tochter sicher nach Hause zu geleiten. Während das Mädel also fröhlich über Stock und Stein, Hauptverkehrsstraße und Bürgersteige radelte, drehte sich mein Kopf wie ein nervöses Radargerät hin und her und versuchte, jede nur mögliche Gefahr so früh wie möglich zu erfassen. Ein zufälliger Zuhörer hätte unseren Weg durch unser Viertel nachverfolgen können, indem er einfach meinen Rufen gefolgt wäre: „Bisschen langsamer, Schätzchen! Bleib bei Papa! Erst gucken, GUCKEN! Schon gut, Schätzchen, beim nächsten Mal einfach links und rechts gucken, bisschen langsamer, bitte! VORSICHT! Nicht so nah an die Autos! Nach vorne schauen! Bisschen langsamer da vorne!“ und so weiter…
Endlich kam unser Heim in Sicht, endlich bogen wir ein in unsere Auffahrt, endlich war beinahe jegliche Gefahr gebannt. Das töchterliche Fahrrad wurde in die Ecke gepfeffert und die Pilotin rannte freudestrahlend zu ihrem Bruder: „Ich hab eine Fahrradtour mit Papa gemacht! Das war toll!“
Worauf umgehend die Frage kam: „Papa, können wir jetzt auch mal eine Fahrradtour zusammen machen?“ „Natürlich, mein Sohn, nur nicht jetzt, denn mein Kopf ist hochrot, ich bin durchgeschwitzt und bis Oberkante Unterlippe vollgestopft mit Adrenalin.“ Mit anderen Worten: Ich brauchte Rekonvaleszenz, eine mehrwöchige Kur zur Wiederherstellung meiner körperlichen Leidensfähigkeit und einen Plan, um Panikattacken, Kurzatmigkeit und Schockstarre künftig bei solchen Gelegenheiten zu vermeiden. Vielleicht braucht es einfach nur ein bisschen mehr Gelassenheit, um mit Töchterchen durch die Welt zu radeln.

*Das hat nichts zu bedeuten. Hunger hat sie immer. Und grundsätzlich.

Montag, 15. September 2014

Bio-Krafttraining


Einer der Vorteile, die man hat, wenn man ein Haus käuflich erwirbt, ist der nette Garten, der hinter dem Haus zum Verweilen und Erholen einlädt.

Einer der Nachteile, die man hat, wenn man ein Haus käuflich erwirbt, ist der große Garten, der hinter dem Haus wie Unkraut wuchert und einem nur Arbeit macht.

Eine der wenigen immer wieder kehrenden Arbeiten, die mein lieb Frauchen und ich eigentlich ganz gerne machen, ist das mehr oder regelmäßige Rasenmähen. Bei einer Fläche von Bolzplatzgröße dauert so eine Rasenfrisur für gewöhnlich einen Vormittag, bis die Grünfläche wieder betretbar aussieht. Jedenfalls, solange der Rasen nicht allzu viel Zeit zum Wuchern hatte und der Boden einigermaßen trocken ist. Und gerade hier liegt der Hase im sprichwörtlichen Pfeffer. Denn unser Garten ist Sammelpunkt für allerlei Regenwasser, das aus den umliegenden Grundstücken zu uns herabfließt. Dummerweise kann es da kaum noch weg, denn kaum zwei Meter unter der Grasnarbe beginnt eine sechs Meter dicke Lehmschicht; und darunter, quasi im zweiten Tiefgeschoß, befindet sich der Kalksockel, auf dem der Rest der Stadt steht. Die Wasserdurchlässigkeit tendiert also gegen Null, deshalb dauert es nach jedem Regenschutt kleine Ewigkeiten, bis das Wasser sich verteilt hat, verdunstet ist oder von einer Herde Kamele aufgenommen wurde. Auf letztere warte ich inzwischen schon so lange, dass ich bereits darüber nachdenke, die anfallenden Wassermassen zur Kultivierung von Reisfeldern zu nutzen. Jeder graue Regentag verlängert also zwangsläufig den zeitlichen Abstand zwischen den notwendigen Rasenkürzungen und gibt dem Gras Zeit, Gelegenheit und Nahrung, ungehindert in himmlische Höhen zu schießen. Je nasser, desto hoch.

Unser alljährliches Natur-Freibad (Südseite)...
Der diesjährige Sommer neigt sich nun nicht nur kalendarisch dem Ende zu, auch das Wetter wird immer feuchter. Mit einiger Ungeduld hatten meine beste Ehefrau und ich nun schon drei Wochen gewartet, bis der Garten trocken genug sei, um vielleicht ein letztes Mal vor dem Winter den Rasen mähen zu können. Denn hat die herbstliche Regenzeit erstmal begonnen, sieht der Rasen bis zum Frühjahr kein Messer mehr.
Endlich schien der Tag gekommen, dem Rasen einen Fassonschnitt zu verpassen. Dieses Mal zog meine Frau den Kürzeren, und so stürzte ich mich freudig in meine Gartenklamotten, um den Mäher über die Wiese zu schubsen. Hätte ich gewusst, was mir da blühte, hätte ich galant meinem Eheweib den Vortritt gelassen.
Aufgrund einiger recht motivierter Regengüsse war es schon ein ziemliches Weilchen her, seit der Rasen zuletzt gemäht wurde, so gefühlte drei bis vier Jahreszeiten. Jedenfalls kitzelte das Gras schon in den Kniekehlen. Ich begab mich also in die Gartengeräteabteilung unseres Häuschens, befreite den Rasenmäher vom Gartenschlauch* und begann mein grünes, lärmendes Werk. Ein freies Plätzchen auf der Terrasse suchen, Benzinhahn aufdrehen, kräftig am Seil ziehen, fluchen und noch einmal kräftig ziehen, bis der Motor spotzend und spuckend zum lauten Leben erwachte. Nach nur wenigen Metern des Mähens tat sich der Motor immer schwerer, bis er schließlich in stummen Stillstand verfiel. Ein ungläubiger Blick in den Fangkorb zeigte, dass selbiger bereits randvoll und tonnenschwer war. Das lag an der feuchten Natur des Schnittgutes, denn obwohl der Boden ausreichend trocken war, um Gartengerät und Gerätebediener zu tragen, war das Gras an sich noch platschnass. Nun gut, das war im Grunde nicht schlimm. Es hieß eben nur, dass ich den Mähvorgang erheblich öfter würde unterbrechen müssen, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich betrachtete das Dilemma von der sportlichen Seite und malte mir aus, wie Bizeps, Trizeps, Armbeuger und Deltamuskel zu ungeahnten Ausmaßen anschwollen angesichts des schweren Fangkorbes, den ich nun alle paar Minuten stemmen musste. Bio-Krafttraining, sozusagen.
Andererseits nervte es mich schon nach kurzer Zeit, dass es nur runde drei Minuten dauerte, bis der Fangkorb voll nassen Grasschnitts war, aber mindestens fünf Minuten, bis ich den dämlichen Korb zur Komposttonne geschleppt, ausgeleert und wieder am Rasenmäher angebracht hatte. Der Feierabend würde somit in weite Ferne rücken.
Aber irgendwie schienen sich diverse Götter des Gartenbaus heute ohnehin gegen mich verschworen zu haben. Denn kaum hatte ich mich damit abgefunden, dass der Rasen so nass und die Komposttonne so weit weg war, gab der Motor mitten in der Arbeit ein letztes, heiseres Husten von sich und verstummte. Ich zupfte mit wachsender Ungeduld am Starterseil herum, fluchte hingebungsvoll und versetzte dem faulen Gerät einen wohl dosierten Tritt. Der Motor blieb stumm. Ich drehte die Zündkerze ab, reinigte sie und nagelte sie wieder an ihren Platz. Beten, reißen, fluchen. Stille. Ich prüfte den Ölstand, kippte sicherheitshalber noch ein/zwei Liter hinterher und schüttelte die Kiste ordentlich durch. Beten, reißen, fluchen. Stille.
Ich prüfte den Kraftstoffbunker, vertrieb die halb verhungerte Spinne aus dem trockenen Behältnis und entdeckte ansonsten gähnende Leere im Tank. Aha! Wie einst Sherlock Holmes kombinierte ich messerscharf: Da fehlt Sprit! Die nächste Viertelstunde verbrachte ich also mit der Suche nach dem Benzinkanister, den ich letztlich unter ungefähr fünfzig Metern Gartenschlauch fand, die ich doch gerade erst auf die Trommel gewickelt hatte. Tanken, beten, reißen, BRUMM! Ich stimmte ein kurzes, aber ehrlich gemeintes Dankgebet an und mähte verbissen weiter. Am Himmel brauten sich bereits die nächsten Regenwolken zusammen, und ich wollte fertig werden, bevor der Garten erneut zum Natur-Freibad werden würde. Immer wieder war der Fangkorb voll, immer wieder erstarb der Motor, immer wieder wanderte ich zur Tonne und zurück. Irrsinnigerweise ließ sich der Fangkorb plötzlich nicht mehr korrekt am Rasenmäher befestigen. Irgendwo zwischen Rasenmäher und Komposttonne war offenbar eine der Halterungen abgebrochen. Nun war guter Rat teuer. 
Ich durchsuchte den Schuppen nach einer Notbefestigung und fand ein Gummiseil, wie man es zur laienhaften Transportsicherung in Kofferräumen verwendet. Zwei Haken, ein Meter Gummi und jede Menge Hoffnung schienen mir ausreichend, um den Fangkorb wenigstens provisorisch am Rasenmäher festmachen zu können. Ich befestigte das eine Ende des Gummiseiles am hinteren Ende des Fangkorbes, das andere Ende ganz vorn neben dem rechten Vorderrad. Auf diese Weise wurde der Fangkorb in seine Aufnahme gedrückt und der Schnitt wanderte zuverlässig in den Fangkorb. Na bitte, geht doch! Jauchzen, reißen, BRUMM! Hocherfreut und ein bisschen stolz, eine gute Lösung gefunden zu haben, mähte ich heiter weiter. Doch noch bevor der Fangkorb wieder voll war, schnappte es kurz und das Gummiseil war gerissen. Offenbar sollte ich heute wirklich nicht mehr fertig werden, sonst hätte mir jemand gesagt, dass ich das Gummiseil besser nicht am Auspuff entlang führen sollte. Ich wanderte also schon wieder in den Schuppen und schnappte mir das nächste Gummiseil. Übrigens das letzte in unserem Haushalt, diesmal musste es also halten!
Ich befestigte den Fangkorb nun, ohne auch nur in die Nähe des Auspuffes zu gelangen, und prüfte meine Konstruktion ungefähr vier Mal, bevor ich weitermähte. Beten, reißen, BRUMM! Das mit dem Beten muss irgendjemand dort oben gehört haben, denn das unglaubliche geschah: Ich konnte den Rasen zu Ende mähen, ohne, dass noch irgendetwas unvorhergesehenes passierte. Selbst die dicken Regenwolken hatten sich inzwischen wieder verzogen! Statt der üblichen zwei Stunden und ein bisschen, die ich für gewöhnlich brauche, dauerte es an diesem Tag geschlagene vier Stunden, und hinterher schmerzten mir nicht nur die Arme, sondern hatte ich auch Blasen an den Füßen!

Der Herbst scheint nun tatsächlich kommen zu wollen, aber das Gras wächst wie Unkraut. Vielleicht haben wir irgendwann im Oktober noch einmal Gelegenheit, den grünen Teppich zu stutzen. Und wenn nicht, dann müssen wir eben im Frühjahr nächsten Jahres von Bauer Thomsen den Trekker und das Mähwerk leihen und damit durch den Garten rumpeln.
*Ich bin mir sehr sicher, dass ich den Gartenschlauch ordentlich auf die Trommel aufgerollt in die Ecke des Schuppens gestellt hatte. Aber es scheint eine Art Naturgesetz zu sein, dass der Gartenschlauch grundsätzlich den Rasenmäher an die Schubkarre fesselt. Selbst, wenn gar keine Schubkarre im Schuppen steht!

Montag, 8. September 2014

Aufräumarbeiten



Ordnung ist das halbe Leben, sagt ein Sprichwort. Wenn es danach geht, genießt unsere Tochter ihr Leben zur Gänze!
Sohnemann hat schon sehr früh damit angefangen, seinem Leben eine gewisse Ordnung zu geben. Sie unterscheidet sich zwar grundsätzlich vom elterlichen Ordnungsbegriff, aber immerhin steht seine gesamte Spielzeugautosammlung wohlgeordnet in Reih' und Glied im Weg. Heute nach Größe sortiert, morgen nach Farbe, übermorgen nach vermuteter Höchstgeschwindigkeit. Da kann dann ein toller knallroter Tieflader auch mal wesentlich schneller sein, als ein langweiliger grüner Lamborghini. Nun, die Buchstaben sind da, die Worte auch, aber um den Begriff zu verstehen, braucht es noch ein wenig Übung.
Der Ordnungsbegriff unserer Tochter hingegen befindet sich in einem völlig anderen Wörterbuch, vermutlich ein Fremdwörterbuch.

Das eigene Zimmer aufzuräumen ist wohl für jedes Kind eine mehr oder weniger große Herausforderung, denn irgendwie scheinen die Eltern immer eine andere Vorstellung zu haben, wie ein ordentlich aufgeräumtes Zimmer auszusehen hat. Um unseren Kindern die Herausforderung ein wenig kleiner zu gestalten, räumen wir (noch!) gemeinsam mit Junior und Juniorette die Kinderzimmer auf. Frauchen und ich losen dann immer aus, wer mit Sohnemann aufräumen darf und wer die Schaufel holt, um Töchterchens Zimmer zu entrümpeln. Irgendwie verliere immer ich...
Also stand ich mal wieder in einem schier unüberblick und -sehbaren Tohuwabohu aus Puppen, Plüschtieren, unzähligen Taschen, Beuteln und Kartons, etwa zwei bis drei Erdbevölkerungen aus Einhörnern jeglicher Größe und einer Jahresproduktion Decken und Kissen und erklärte meiner Prinzessin zum gefühlten siebenunddreißigsten Mal, wie man aufräumt. Stück für Stück nahm Prinzessin in die Hand, fragte mich „Wohin?“ und ließ sich von mir zu Schrank, Schublade und Müllcontainer lotsen. Das dauerte zwar ewig, war aber letztendlich von Erfolg gekrönt. Man konnte den Fußboden wieder sehen, das Bett war in der Lage, eine todmüde Einhornzüchterin aufzunehmen und sogar das Fenster war wieder zu erkennen. Vielleicht sollte man die eine oder andere Schranktür oder Schublade nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen öffnen, aber prinzipiell war das Zimmer aufgeräumt. Und auch, wenn unsere Ordnungsheldin fürchterlich müde war, war sie doch sehr glücklich, denn das Umschichten ihrer mannigfaltigen Habe förderte einige verloren geglaubte Schätze wie Muscheln, völlig gewöhnliche Steine, kunstvoll zerrupfte Taschentücher und etwa eine halbe Millionen Legosteine zutage. 
Ich gebe ehrlich zu, dass ich ein wenig erstaunt war, als ich am nächsten Morgen entdecken durfte, dass die „Neue Ordnung“ im Zimmer von Fräulein "Das brauch ich noch" noch immer anhielt. Normalerweise ist es eine Sache von Minuten, bis das Chaos die nächste wilde Party in ihrem Zimmer veranstaltet. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Andererseits war unser Liebling des Chaos ja auch noch nicht aufgestanden...
Wie dem auch sei, der Tag nahm seinen ganz typischen Verlauf mit Waschen, Anziehen, Frühstücken und derlei frühen Ritualen, wie an jedem anderen Tag auch. Während ich mich danach an den Computer zurückzog, um die Veränderungen der sozialen Netzwerke in den letzten 24 Stunden gewissenhaft zu prüfen, vertrieb sich lieb Frauchen die Zeit irgendwo zwischen Küche, Waschtrommel und Staubsauger. Die Kinder beschäftigten sich mit sich selbst, und es war eine Freude, ihrem Spiel zuzuschauen. Sohn und Tochter mutierten zu Architekten und bauten mit unzähligen Kissen und Decken, ein paar Stühlen und jeder Menge Motivation eine riesige Höhle in das Wohnzimmer. Während sich Sohnemann als Konstrukteur und Planer hervor tat, schleppte Klein Erna eine Decke nach der zweiten heran, sammelte im ganzen Haus Kissen zwecks Bodenbelag zusammen und stopfte ganze Wagenladungen Kuscheltiere in die halbfertige Höhle. Kaum war die letzte Decke verbaut und der Konstrukteur im Dickicht der Kissen und Kuscheltiere verschwunden, trieb Madame sämtliche Einhörner aus ihrem Gehege ins Wohnzimmer vor die Höhle und verkündete die Regel für das folgende Spiel: „Ich bin die Mama, die Einhörner der Papa und du bist das Kind!“ Ich war ein wenig überrascht, dass Meister Oberkonstrukteur das mit sich machen ließ, erkannte aber bald seine Beweggründe: Er ließ sich von vorne bis hinten bedienen. Nicht nur schleppte die selbsternannte Mutter Essen und Trinken herbei, auf dass es dem Sohne wohl ergehe, sie brachte ihm auch noch eimerweise Spielzeug. So beschäftigten sich Prinz und Prinzessin stundenlang, über den Mittag hinweg bis zum Abend.
Traditionellerweise wird das über den Tag benutzte Spielzeug am Abend gewissenhaft aufgeräumt, bevor es ins Bett geht. Und traditionellerweise lamentiert Meister „Och Mann!“, dass seine Schwester ihm schon wieder nicht helfen will. Und ebenso traditionellerweise wird Madame „Ich kann das nicht!“ mehr oder weniger deutlich auf die Folgen ihres Ungehorsams aufmerksam gemacht, bis sie endlich den schweren Gang antritt und Stück für Stück den Berg an Spielzeug und Baumaterial abträgt. So dauerte es auch an diesem Abend eine ganze Weile, bis sich gnä' Frau endlich ans Werk machte. Was ihre Eltern nur wunderte, war, wie schnell das plötzlich ging! Mit beiden Armen krallte sich unsere Tochter alles, was sich nicht rechtzeitig retten konnte, und rannte aus dem Wohnzimmer. Nur Sekunden später tauchte sie mit leeren Händen wieder auf, schaufelte sich die nächste Fuhre auf die Arme und rannte davon. Vater und Mutter betrachteten andächtig das Wunder vom schmelzenden Berg und ahnten fürchterliches.
Nach nur einem Dutzend Runden durch das Haus verkündete Fräulein Schwerlastbagger freudestrahlend: „Aufgeräumt!“ Nun, die Höhle, das Spielzeug und das ganze andere Gerümpel waren tatsächlich aus dem Wohnzimmer verschwunden. Soweit hatte sie also durchaus Recht. Mit dunklen Vorahnungen schritten Mutter und Vater durch das Haus, sammelten unterwegs verlorene Kissen, Kuscheltiere und Einhörner wieder ein und betrachteten andächtig das töchterliche Kinderzimmer. Vor uns strahlte unsere Tochter über alle vier Backen, hinter uns lachte sich unser Sohn schlapp.
Ein wahrhaft riesiger Berg türmte sich zwischen Kommode und Schrank empor, bedeckte den Fußboden zur Gänze und bedrohte das Bett mit dem kuscheligen Äquivalent eines Erdrutsches. Das Chaos war zu seiner besten Freundin zurückgekehrt.
Manchmal komme ich mir vor wie Sisyphos, und der Ordnungssinn meiner Tochter ist mein Fels, den ich bis in alle Ewigkeit den Berg hinauf schleppe...

Donnerstag, 4. September 2014

Historisch

Gerade eben war er doch noch so klein. Den Satz kennen wohl alle Eltern…

Gerade eben war unser Sohn noch so klein, dass ich selbst Angst hatte, ihn auf den Arm zu nehmen, weil ich befürchtete, ihn kaputt zu machen. Er war doch noch so klein, kaum eine Handvoll.
Und dann? Dann rannte er plötzlich auf allen vieren durch das Haus, dann plötzlich war er groß genug für sein erstes Fahrrad, und jetzt – ist er ein Schuljunge. Dabei war er doch gestern noch so klein!

Eigentlich hatten wir ja auch genug Zeit, um uns auf diesen denkwürdigen Tag vorzubereiten. Schon Monate vorher tauchte plötzlich ein amtlicher Schulranzen in unserem Haushalt auf, viele Wochen vorher bekamen wir eine Einladung der Schule zwecks Vorstellung unseres Sohnes. Dann gab es Informationsveranstaltungen, einen Elternabend „light“*, noch mehr Post von der Schule und natürlich eine ganze Reihe Gespräche mit anderen Eltern, die ihre Kinder zum gleichen Datum dem Lehrinstitut in den Rachen werfen sollten.
Aber letztlich war es der Kauf der Schultüte für Junior, die uns das ganze Ausmaß der Entwicklung unseres Sohnes vor Augen führte. Diese Schultüte stand am Ende einer langen Vorbereitung der Einschulung. Der Kuchen war gebacken, das Mittagessen vorbereitet, die gesamte Sippschaft eingeladen, um dem Ereignis durch ihre Anwesenheit einen würdigen Rahmen zu bereiten, und natürlich hatten wir auch an Geschenke zur Einschulung gedacht. Selbst an ein paar Kleinigkeiten für seine Schwester hatten wir gedacht, komplett mit Schultüte in der Größe Medium.
Und dann war er plötzlich da, der große Tag. Unser künftiger Schüler stand mit Schulranzen, Maxi-Schultüte und Schwesterchen mit stolzgeschwellter Brust vor der Haustür und ließ sich für den ersten Schulweg seines Lebens vom stolzen Vater und mindestens ebenso stolzen Großvater ablichten. Und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
In der Schule war die Sporthalle flux zum Veranstaltungsraum umfunktioniert worden, um so etwa zwanzig Kinder und zweihundert Angehörige zu bewirten. Der Kindergarten verabschiedete seine ehemaligen Kameraden mit einem feierlichen Spalier, und der Rektor dankte einer ganzen Reihe von Schülern und Lehrern, dass sie diesen Tag so wunderbar vorbereitet hatten. Und damit hatte der Mann völlig Recht, denn es gab nicht nur Reden, sondern auch Kaffee und Kuchen, kredenzt von jungen, freundlichen Elevinnen, sowie eine Gesangsdarbietung, vorgetragen von der zweiten Klasse der Schule, unterstützt durch ein kleines, aber enthusiastisches Orchester, bestehend aus vier verschiedenen Perkussionsinstrumenten und einem ebenso hingebungsvollen wie geduldigen Kapellmeister am Klavier.
Dann wurde es ernst für unseren Sohn. Bis gerade eben befand er sich noch in der Obhut einer erklecklichen Anzahl von Eltern und Großeltern, nun aber wurde sein Name aufgerufen, auf dass er sich nach vorn begebe, in den Kreis seiner neuen Mitschüler. Und Prinz Fürchtenicht ging nicht nach vorn, er wankte nicht, er schlich nicht, nein – er rannte! Der kleine Kerl, dem lieb Frauchen und ich doch gerade erst noch die Windel gewechselt hatten, der doch gerade erst krabbeln, laufen, sprechen gelernt hatte, rannte nun mit seinem riesigen Schulranzen und seiner noch größeren Schultüte nach vorn zu seiner Lehrerin, als habe er in seinem Leben noch nie etwas anderes getan. Wir waren gerührt, und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
Väter, Großväter, Onkel, Tanten und eigentlich alle anderen zückten Fotoapparate, Smartphones und Kameras, um den Augenblick der Einschulung auf digitales Fotopapier zu bannen, während den Kindern auf der Schlachtbank… Sitzbank langsam dämmerte, dass sich nun einiges in ihrem Leben ändern würde. Es dauerte ein kleines bisschen länger, bis der Rektor sämtliche Okulare wieder zurück auf ihre Sitzplätze beordert hatte, damit die frischen Schüler nun ihrerseits endlich ihre Plätze in den Klassenräumen einnehmen konnten. Die erste Unterrichtsstunde begann, und wir Eltern und Großeltern waren nicht zugelassen. Ein seltsames Gefühl… Aber wir wurden entschädigt, denn das ausgesprochen freundlich lächelnde Zahnspangen-Geschwader bewirtete uns mit Unmengen heißen Kaffees und süßen Kuchens. Mit vollem Magen und ungefähr 3,6 Promille Koffein im Blut führte man uns dann in den Klassenraum, wo wir Sohnemann beobachten konnten, der seinen Sitzplatz einrichtete und den Rest der Schülerschaft beäugte, und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
Den Abschluss bildete das obligatorische gemeinsame Foto, damit die Erstklässler von heute einst den Erstklässlern in ferner Zukunft von ihrem ersten Schultag berichten können. Es dauerte eine kleine Weile, bis wir unseren künftigen Meisterschüler in der Menge winkender Kinder ausmachen konnten, aber dann fanden wir ihn, und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
Als wir unseren Sohn wieder in Empfang nahmen, nach Reden, Gesang, Kaffee und Kuchen und dem Foto, schaute Prinz Weißichalles in die Runde und rief: „Aber ich habe doch noch gar nichts gelernt!“
Ich schaute seine Oma an, was meine Mutter ist, und sie sagte – nichts. Sie lachte nur, wie wir alle.
Dann wird Sohnemann morgen wohl nochmal in die Schule gehen müssen…

Nun ist die erste Woche in der neuen Schule vergangen, und unser Sohn hat sich daran gewöhnt, dass er wohl noch ein Weilchen länger in die Schule gehen muss. Immerhin freut er sich noch jeden Morgen darauf, in die Schule zu gehen, denn inzwischen hat er doch tatsächlich angefangen, was zu lernen! Mir selbst ist ein bisschen mulmig zumute, wenn ich an solche Begriffe wie Hausaufgaben oder Klassenarbeit denke, denn ich weiß noch sehr genau, was ich damals von der Schule und der damit zusammenhängenden Arbeit hielt…
„Genau wie du damals, mein Junge!“ Ich hoffe nicht…
*„light“, weil uns ja noch keine bösen Überraschungen über unseren Sohn erzählt werden konnten. Theoretisch.

Dienstag, 12. August 2014

Rolle vorwärts!

Im goldenen Licht der Abenddämmerung saß ich dieser Tage mit meiner Frau beim schottischen Schlummertrunk. Während meine Herzallerliebste lieblich mit Stricknadel und Wollfaden klapperte, erinnerte ich mich an jene längst vergangenen Tage, als ein viel jüngerer Schreiberling auf den schmalen Rädern seiner Inlineskates die Straßen seines Heimatortes unsicher machte. Anlass dieses melancholischen Anfalls von Historie waren die beiden funkelnagelneuen Fahrräder unseres Nachwuchses. Da Prinz Vollgas und Lady WelcheBremse natürlich noch nicht allein auf sich gestellt am wilden, nordischen Straßenverkehr teilnehmen sollten, blieb ihrem Erzeuger nichts anderes übrig, als seinen eigenen, in Ehren verrosteten Drahtesel aus den Tiefen unserer Katakomben freizulegen, um die Kinder bei ihren Ausflügen zu begleiten. Nun ist mein Zweirad zwar nicht das modernste, aber ein gutes Stück, das nach einer Wäsche, ein wenig Luft und Öl und einigen Gebeten brav seinen Dienst verrichtete, und noch verrichtet. Andererseits erinnerte ich mich eben an diesem denkwürdigen, lauen Abend an meine Inlineskates, die irgendwo in den noch tieferen Schichten unserer Katakomben ein vergessenes Dasein fristeten. Davon erzählte ich dann meinem Weibe, die auch gleich eine tolle Idee hatte: „Lass uns doch mal die Kinder mit den Inlinern begleiten!“ Fantastische Idee!
Nach einigem Suchen fanden wir denn auch nicht nur meine längst vergessenen Rollschuhe, sondern auch die meiner Frau. Und beide Paare sahen nach langer Zeit in Dunkelheit, Kälte und Feuchte nicht mehr so ganz trag- und rollbar aus. Für solche Fälle gibt es ja glücklicherweise einen Recycling-Kreislauf und den örtlichen Sportwarenfachhandel. Dort versorgten wir beide uns mit hochmodernen Inlinern, Helm und Protektoren und freuten uns schon auf die bevorstehende sportliche Runde mit unserem Nachwuchs auf den Velos und uns auf den Rollen. Machen wir es kurz: Meine Frau kann fahren, ich nicht!
Während der Rest der Familie völlig unbeschwert mit Helmen, Rollen, Protektoren und Fahrrädern hantierten, hatte ich so meine Probleme. Immerhin war es schon die eine oder andere Dekade her, dass ich mich auf Inlinern bewegt hatte. Daher beschloss ich, meine Ausrüstung in der Sicherheit des heimischen Wohnzimmers anzulegen, wenigstens konnte ich mich dort an einer ganzen Menge Möbeln und Wänden festhalten. Was ich nicht bedacht hatte, war die Treppe, die die Haustür mit dem Rest der Welt verband. Irgendwie musste ich, inzwischen gut verpackt in Helm, Ritter Kuniberts Plaste-Variante der Ausgehrüstung und einer stattlichen Anzahl Stoßgebete, irgendwie auf das Straßenniveau herunterkommen, vorzugsweise heil. Zitternd und zuckend stampfte ich quer zur Treppe Stufe für Stufe hinunter und kam auch, begleitet vom tosenden Applaus meiner Familie, einigermaßen sicher unten an. Aber hier begann das Abenteuer ja erst richtig! Denn irgendwann musste ich ja auf die Straße, wenn ich Frau und Kinder bei dem Ausflug begleiten wollte. Ich hoffte inständig, dass nicht irgendwelche Kameras auf mich gerichtet seien, während ich widerstrebend den Handlauf der Treppe los ließ. Ich hätte ihn ja gerne mitgenommen, zum Festhalten, aber meine Frau wollte nicht, dass ich das Ding abschraube. Ich entsann mich also notgedrungen der jahrhundertealten Bewegungen, die ich damals, als die Welt eine viel jüngere war, so sicher beherrschte wie meine Muttersprache. Knie leicht anwinkeln, Rest des Körpers gerade halten, und dann wie beim Schlittschuhfahren nach vorn gleiten. Das Blöde ist nur, dass es noch viel länger her ist, seit ich auf Schlittschuhen stand. Aber nach einigen Tanzschritten, einer Anzahl ausgewachsener Flüche, denen meine beiden Nachwuchs-Altigs interessiert zuhörten, und zwei bis drei schmutzigen Tricks, mit denen ich tatsächlich die Erdanziehung wenigstens zeitweise an der Nase herumführen konnte, gelang es mir tatsächlich, vorwärts zu kommen. Und mit jedem weiteren Schritt dämmerte es mir, dass es mit dem Inlineskaten nicht anders ist, als mit dem Fahrradfahren: Einmal gelernt, vergisst man es nicht. Dummerweise dauert es mit dem Erinnern immer länger, je älter man ist…
Bisher ging aber alles gut. Ich fuhr zwar nicht elegant, aber doch einigermaßen beständig in die Richtung, die ich beabsichtigt hatte. Allerdings sollten wir alsbald rechts abbiegen, und mein Hirn arbeitete bereits auf Hochtouren, um die passenden Erinnerungen zum Richtungswechsel irgendwo zu finden. Der Abzweig war schon beinahe hinter mir, als ich damit begann, mein Gewicht zu verlagern und die Füße behutsam, aber bestimmt in die richtige Richtung zu drehen. Wahrscheinlich wäre mir der Kurswechsel auch gelungen, wenn nicht ein Laternenpfahl mitten im Weg gestanden hätte. Mit weit nach vorn gebeugtem Körper, mit fest zusammengepressten Lippen, aber ohne die geringste Ahnung, wo sich derzeit eigentlich meine Füße befanden, raste ich auf die Laterne zu und umfing sie mit meinen Armen wie einen alten Freund, den ich lange nicht gesehen hatte. Nun, offensichtlich bestand bei der Richtungsänderung noch irgendein Zusammenhang mit der Geschwindigkeit. Ich beschloss, es im weiteren Verlauf ein wenig langsamer angehen zu lassen.
Schwankend und tanzend entließ ich meinen Freund, den Laternenpfahl, aus meiner innigen Umarmung und trat zum zweiten Versuch an, einigermaßen elegant über die Straßen meines Viertels zu gleiten, immer unter dem wohlwollenden Zuspruch und zeitweisen Applaus meiner kleinen Familie. So langsam fing die Sache an, mir wieder Spaß zu machen, denn mit jedem Meter, den wir zurücklegten, fühlte ich mich ein wenig sicherer. Natürlich, es klappte noch nicht so richtig gut, aber das hatte auch keiner erwartet. Immerhin war ich nach einer guten Stunde auf den Inlineskates wieder in einer Gemütsverfassung, in der mich eventuelle Kameras nicht unbedingt erschreckt hätten. Gemütlich drehten wir unsere Runde über frisch geteerte Straßen, ich meisterte gepflasterte Hofeinfahrten, kleinere Abschnitte voller Splitt und Schotter und auch die Kurven nach links und rechts bereiteten mir kaum noch Schwierigkeiten. Der Fahrtwind strich mir über das Gesicht, ich fühlte die Geschwindigkeit und die Freiheit. War das damals eigentlich genauso?
Die Beantwortung dieser Frage musste noch ein wenig warten, denn unvermittelt sah ich mich meiner letzten Herausforderung gegenüber.
Als ich vor vielen Jahren in den Hohen Norden zog, freute ich mich über flache Ebenen und weite Horizonte, wo man montags schon sehen konnte, wer sonntags zu Besuch käme. Nun ist mir zwar inzwischen aufgefallen, dass es in meiner unmittelbaren Umgebung an weiten Ebenen ein wenig mangelt, aber dass wir offenbar in einem mitteleuropäischen Hochgebirge wohnen, hätte ich auch nicht gedacht! Und doch, da rollte ich unaufhaltsam auf einen ausgesprochen steilen Abhang zu, in dessen Mitte (!) sich unsere Hofeinfahrt befindet. Nun hatte ich das Anfahren, die Kurve und das Aufrechthalten mühevoll gemeistert, aber niemand hatte mir bisher gesagt, wie man bremst! Und in jenen schreckensgeweiteten Sekunden, in denen ich den Abhang unaufhaltsam hinab in die Tiefe rollte, fiel mir etwas ein, das mir eiskalte Schauer des Terrors über den Rücken schickte: Damals, in jenen längst vergangenen Tagen meiner Jugend, hatte ich auch nicht gewusst, wie man richtig bremst! Ein Schrei löste sich von meinen Lippen, ein langgezogenes, lautes „AAH!“ kommentierte meine Hilflosigkeit! Und von irgendwoher hörte ich ein lebensrettendes Wort: „SCHNEEPFLUG!“ Mit äußerster Willensanstrengung gelang es mir, die Beine zu spreizen, um sie sogleich wieder in einem weiten Bogen zusammenzuführen, die Spitzen der nagelneuen Schuhe stießen krachend und knirschend aneinander, meine Arme ruderten wild durch die Luft, mein Schrei hallte durch die Straße! Aber ich hatte gebremst, wenigstens ein bisschen. Ich atmete tief durch und wiederholte, nun um etliche Stundenkilometer langsamer, die Prozedur, und nochmal, und dann gleich noch einmal. Dieses Mal hatte ich sogar Zeit, zu überlegen, was ich da tat. Das Ziel all meiner Hoffnungen lag rechts, rechts war das Tor zum Glück, also ließ ich dem linken Fuß beim letzten Schneepflug ein klein wenig den Vortritt, und der Schwung trug mich nach rechts, der Kante des Bürgersteigs entgegen. Ein kleiner Sprung nur für mich, ein Kontinentalflug für meine körperliche Gesundheit, und ich befand mich auf heimischer Scholle, langsam im Ausrollen begriffen. Mein Herz schlug im Hals, meine Stirn stand in kaltem Schweiß, meine Beine zitterten. Und meine Familie lachte und applaudierte, schlug mir gönnerhaft auf den Rücken und bewunderte meinen Stunt. Ich hatte überlebt.
Am Abend, als alles vorbei war, als die Inliner in der Ecke ausdampften, die Kinder längst in ihren Betten schlummerten und ich mit lieb Frauchen auf dem Sofa saß, da kam der Schmerz. Knie, Knöchel, Fersen, Hüften und eine ganze Menge weiterer Körperteile und Muskelgruppen signalisierten mir in aller Deutlichkeit: Mit uns nicht mehr! Mach deinen Quatsch künftig alleine!
Aber nein, meine lieben Freunde! Ungewohnt gibt Blasen; das ist eine alte Weisheit. Aber schon sehr bald wird es euch nicht mehr ungewohnt sein, denn ich will noch einmal auf die Rollen, und dann gleich nochmal! Bis ich, verd*mmt nochmal, weiß, wie man bremst!

Freitag, 8. August 2014

Abenteuer Heim


Die Tage sind noch warm, die Sonne steht noch hell am Himmel. Aber eben nicht mehr so lange.
So ganz langsam merkt man doch, dass die Tage wieder kürzer werden. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten wir hier oben im Norden noch kurz vor Mitternacht ohne Lampe im Garten die Zeitung lesen. Mittlerweile gelingt mir das nicht mehr so leicht. Was vermutlich aber auch damit zusammenhängt, dass ich um Mitternacht für gewöhnlich bereits tief in Morpheus Arme gefangen bin.
Aber morgens früh um fünf, wenn mich der Radiowecker brutal aus erlesenen Träumen säuselt, merke ich eben doch, dass die Nächte länger werden. Irgendwie ist es noch dunkel. Was bei meinem morgendlichen Dämmerzustand nicht eben hilfreich ist.
Im Schlafzimmer ist das ja noch das kleinere Problem; dort finde ich mich auch noch im Tiefschlaf mit verbundenen Augen zurecht. Aber sobald ich die Schlummerhöhle verlasse, beginnt das Abenteuer „Blindflug“. Denn nachdem der Sandmann offenbar die für meine gesamte Heimatstadt gedachte Fuhre Sand ausschließlich in meinen Augen abgeladen hat, und meine höheren Hirnfunktionen sich weiterhin stur weigern, sich reanimieren zu lassen, nur weil der Körper bereits annähernd aufrecht schwankt, ist es beinahe eine Unmöglichkeit, den Weg ins heimische Badezimmer in einer einigermaßen geraden Linie zu finden. Statt mit dem hellen und einigermaßen zuverlässigem Augenlicht steuere ich die Treppe allmorgendlich nach dem Fledermausprinzip an. Ich stoße beständige stöhnende Laute und heftiges Gähnen aus und ermittle anhand der akustischen Reflektionen, die am schlaftrunkenen Ohr ankommen, die ungefähre Entfernung zum nächsten Hindernis. Ein Gemisch aus Urgedächnis, Zufall und purem Glück ermittelt daraus den richtigen Zeitpunkt, die Richtung zu wechseln und die Treppe hinab zu stolpern. Danach brauche ich eigentlich nur noch das halbe Haus in traumwandlerischer Sicherheit zu durchqueren, bis sich vollautomatisch eine bis dahin reichlich unmotivierte Hand hebt und es leise „Klack“ macht. Meine Augen blinzeln der elektrischen Deckensonne unseres Badezimmers entgegen. Dieser schmerzende Lichtreiz, der mich jeden dunklen Morgen völlig unvorbereitet trifft, setzt den weiteren Aufwachprozess meines Körpers in Gang, und schon wenige Minuten später meldet mein Gehirn die volle Arbeitsbereitschaft. Der Körper nicht, er schreit nach Kaffee.
So läuft das normalerweise jeden Morgen, außer im Sommer, wenn es schon hell ist. Dann muss ich nicht in die elektrische Sonne blinzeln, sondern werde bereits im Bett von den Strahlen der aufgehenden Sonne brutal wach gekitzelt.
Heute Morgen wurde ich allerdings ein bisschen früher wach als sonst. Eigentlich lief alles normal, komplett mit Aufstehen, einer Menge Fledermausgeräuschen und einer Heerschar von Schutzengeln, die sich redlich mühten, Gesetze der Gravitation kurzzeitig außer Kraft zu setzen. Auf diese Weise kam ich heil am unteren Treppenabsatz an und torkelte gähnend und stöhnend Richtung Bad weiter.
Normalerweise werde ich irgendwo unterwegs von unserer inzwischen völlig ausgehungerten und total entnervten Katze erwartet, die mich allmorgendlich so lange anschreit, bis ich wieder volle Kontrolle über diverse Körperfunktionen erreicht habe und Madam Fellwurst das Frühstück kredenze. An diesem heutigen Morgen hat sich Katze aber einen ausgesprochen ungeeigneten Platz ausgesucht, um mich zu begrüßen. Und atypischer Weise blieb Katze auch vollkommen still. Dann kam ich.
Ich torkelte schlaftrunken durch die Küche in den Flur, jedenfalls hatte ich das vor. Aber mitten in der Tür berührte mein Fuß einen pelzigen Stein, hob ihn an und schob ihn durch den halben Flur. Katze fing natürlich sofort an zu fauchen und zu maunzen, sprang von meinem Fuß herunter und rettete sich unter den Esstisch. Der plötzliche einseitige Gewichtsverlust ließ meinen Fuß vertikal nach oben schnellen, während der andere Fuß noch damit beschäftigt war, den nächsten Schritt nach vorn zu tun. Dieses Vorhaben wurde natürlich sofort vollautomatisch abgebrochen, und ich war in den nächsten gefühlten Minuten vollauf damit beschäftigt, Gleichgewicht zu suchen und zu halten, beide Füße auf den Fußboden zu bekommen und dabei möglichst wenig Mobiliar zu verschieben und möglichst noch viel weniger Lärm zu produzieren. Immerhin schlief der Rest der Familie noch. Nach einigen wilden Tanzschritten, einer Handvoll gedämpft ausgesprochener Flüche und kurzzeitigem Herzrasen hatte ich Körperhaltung, Gleichgewicht und Gravitation wieder im Griff. Und ich war hellwach. Zu dem allgemeinen Schuldgefühl, das mich sowieso allmorgendlich nach dem Aufwachen befällt, kam jetzt noch jede Menge Mitleid mit meiner armen, kleinen Katze hinzu, die sich diesen dämlichen, unpraktischen Platz ausgesucht hatte, um mich zu begrüßen. Also krabbelte ich auf allen vieren auf den erbosten Teppichtiger unter dem Tisch zu und versuchte, mich wortreich zu entschuldigen. Aber irgendwie kamen meine Beteuerungen nicht bei ihr an. Katze schimpfte, motzte und meckerte. Sie fauchte mich an und sträubte das Fell und ließ sich auch nicht von mir streicheln oder kraulen. Ich hatte bei ihr versch*ssen bis in die Steinzeit! Es hätte mich traurig machen können, aber ich kenne ja mein verfressenes Mädchen.
Sobald ich den Futterschrank öffnete, kam Lady Motzky unter dem Tisch hervor und sang mir ihre oft erprobte Arie vom Verhungern. Sie strich um meine Beine herum, sang weitere Dutzend Strophen  vom Verhungern und stürzte sich Nase voran in das feuchte Futter, kaum dass ich ihr die Schüssel vor selbige setzte. Und während sie Geräusche eines Industriestaubsaugers von sich gab, streichelte und kraulte ich mein altes Mädchen und entschuldigte mich für den unfreiwilligen Freiflug am frühen Morgen. Und siehe da! Katze schnurrte. Und die Sonne ging auf.

Donnerstag, 7. August 2014

Meteorologie

Allein das Wort ist schon irgendwie faszinierend. Bis man es aussprechen kann, hat man sich die Zunge komplett verknotet, und um sie zu begreifen, muss man mindestens mal drei Jahre lang die Schulbank auf der Universität drücken und darf auch nicht ganz ahnungslos in zahllosen naturwissenschaftlichen Bereichen sein. Ein bisschen Erfahrung mit Wolken, Wind und Thermometer wäre auch ganz hilfreich.
Trotzdem gehört zu einer ordentlichen Wettervorhersage nicht nur ein profundes naturwissenschaftliches und insbesondere meteorologisches Wissen, sondern auch ein Quäntchen Glück. Wie sonst ist es zu erklären, dass man häufig hektisch nach einem Dach über dem Kopf sucht, obwohl der Wetterkasper im Fernsehen doch gesagt hat, es würde heute nicht regnen?
Mich selbst hat die Kunst der Wettervorhersage schon als kleines Kind fasziniert. In unserem Haus stehen und hängen allerlei Thermometer, Hygrometer, Barometer und noch ein gutes Dutzend anderer –meter, die ich neben den Blick in den Himmel gerne zu Rate ziehe, um herauszufinden, was ich denn nun anziehen soll, bevor ich mich in die Urgewalten der Elemente begebe. Ich finde es immer beinahe magisch, was man alles anhand von Druckunterschieden, Windrichtungen und Wolkenformen herausfinden und vorhersagen kann. Ich habe mir sogar ein Fachbuch gekauft!
Letztlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich all das gar nicht brauche. Für meine ganz persönliche und zugegebenermaßen örtlich recht stark begrenzte Meteorolüge brauche ich keine Meter irgendwelcher Art, auch keine kleine Wolkenkunde oder Kompassrose. Alles, was ich brauche, ist ein Vorhaben. Ich gebe mal ein Beispiel.

Der diesjährige Sommer gefällt mir mal so richtig. Es ist warm, die Sonne scheint seit Wochen beinahe täglich, die Kleider wurden erfreulich kurz und meine Vitamin-D-Produktion läuft dermaßen effizient, dass ich auf Jahre hinaus versorgt wäre, könnte ich die Vitaminchen nur alle irgendwie speichern, vorzugsweise im erweiterten Hüftgürtel. Besonders hier oben im Norden zeichnet sich der diesjährige Sommer unter anderem durch einen markanten Regenwassermangel aus. Ich weiß, an anderen Orten sah das in den letzten Tagen und Wochen ganz anders aus, aber hier oben herrschte eine ziemlich kontinuierliche Dürre. Herrschte. Um das nochmal zu betonen.
Denn seit heute nimmt der Sommer ganz offensichtlich seinen Abschied, und all die Regengüsse, die wir in den letzten Wochen verpasst hatten, haben sich versammelt, um an einem einzigen Tag über unsere trockene Nordwelt herzufallen. Wie konnte das nur passieren? Leider muss ich zugeben, dass ich wohl selbst an dieser feuchten Misere Schuld bin. Offenbar kann ich das Wetter auf eine mir noch unbekannte und vollkommen unbegreifliche Art beeinflussen. Soweit ich es bisher rekonstruieren konnte, ist folgendes passiert:
Angesichts der andauernden trockenen Wetterlage hatten sich meine liebe Ehefrau und ich schon vor einigen Wochen entschieden, die Wäsche fürderhin an der frischen, warmen Luft im Garten zu trocknen. Eine Wäschespinne war schnell gekauft, die Wäsche gewaschen, nur das Aufstellen und Ausrichten der Wäschespinne bereitete mir gewisse Schwierigkeiten. Die Spinne wurde bisher mittels eines Schraubfußes in der Erde verankert. Die Erdschraube ließ sich auch problemlos einigermaßen gerade in die Erde drehen, sobald aber die Wäschespinne eingesetzt wurde, geschah erstaunliches! Mit jedem Stück Wäsche neigte sich die Wäschespinne erdwärts, drehte sich lustig im Kreise und weigerte sich standhaft, wenigstens annähernd gerade zu stehen. Mehrere Versuche mit verschiedenen Standorten in feuchter oder trockener Erde oder mit möglichst gleichmäßiger Gewichtsverteilung beim Aufhängen der Wäsche brachten keine Besserung. Immer wieder versuchte die Wäschespinne, an den Gänseblümchen zu riechen. Eine Lösung musste her. Und die fand ich in Gestalt einer Tüte Schnellbindemörtel aus dem Baumarkt. Ich grub ein stattliches Loch, platzierte die Röhre zur Aufnahme der Wäschespinne einigermaßen mittig, richtete das gute Stück mittels Braun’scher Wasserwaage aus und goss den verbliebenen Raum mit Beton in rauen Mengen aus. Innerhalb weniger Minuten war der Beton ausgehärtet, und das Rohr stand festgemauert in der Erden.
Das war gestern. Heute könnte lieb Frauchen also die Wäsche aufhängen, ohne sich zu sorgen, dass die Hosen über den Rasen kratzen. Und was passiert? Es regnet in Strömen! Zufall?
Ich denke nicht. Denn wie ich hier sitze und diese Worte zu elektronischem Papier bringe, wird mir eines bewusst: Immer dann, wenn ich etwas tue, in dessen Folge ich schönes, trockenes Wetter gebrauchen könnte, wird es unweigerlich und mit hundertprozentiger Sicherheit junge Hunde regnen. Das ist Gesetz!
Sobald wir damit fertig sind, die Fenster im ganzen Haus geputzt zu haben, wird es innerhalb weniger Minuten anfangen zu regnen!
Immer, wenn mein Auto gerade frisch gewaschen und poliert ist, wird es regnen, noch bevor ich den Wagen unter dem schützenden Dach des Carports geparkt habe!
Sobald ich aufgrund bester Witterung einen Grillabend plane, wird es an besagtem Tag Bindfäden regnen!
Bisher kannte ich diese Art des Wettermachens nur vom Hörensagen und von anderen Leuten. In meiner Kindheit wohnte ich auf dem Dorf, und vor unserem Haus lag eine schöne, große, grüne Wiese, die allsommerlich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von einem Bauern mit Traktor und Mähwerk frisiert wurde. Pünktlich zwei Tage später, als das Heu beinahe perfekt gewesen wäre, hat es in Strömen geregnet. Immer! Das ganze Dorf hatte sich schon darauf eingestellt, selbst Grillabende, Familienfeierlichkeiten und Dorffeste wurden auf das Auftauchen des Bauern mit dem Mähwerk abgestimmt. Aber dass ich selbst einmal meteorologischer Aushilfsschamane sein würde, hätte ich mir nie träumen lassen.
Nun, die Fenster sind geputzt, das Auto war bis vor ein paar Stunden noch sauber und die Wäschespinne stünde, wenn meine Frau die Wäsche rausgehängt hätte, mit Sicherheit schnurgerade und bombenfest. Vielleicht kommt der Sommer ja noch mal zurück. Es kann ja schließlich nicht ewig regnen…

Mittwoch, 6. August 2014

Pläne...


Es gibt im Leben von Eltern Situationen, auf die man sich, trotz aller Liebe und Zuneigung, wie ein kleines Kind freut.
Mein lieb Frauchen und ich hatten gerade eine solche. Volle sieben Tage waren wir kinderfrei! Den Großeltern sei an dieser Stelle noch einmal von Herzen Dank und Anerkennung vor die Füße gestreut!
Die Kinderlandverschickung kam natürlich nicht ganz überraschend, immerhin sind Prinz Fürchtenicht und Lady SchnellerHöherWeiter noch in der Kleinkindphase. Da setzt man sich nicht mal so auf’s Geradewohl ins Familienvehikel und macht Urlaub. Wochen zuvor hatten wir bereits die generelle Bereitschaft zur Übernahme von Erziehungs-, Verpflegungs- und Ausbildungsaufgaben für den Zeitraum einer Woche mit den Großeltern besprochen und sowohl unseren Nachwuchs als auch uns selbst auf die kommende Herausforderung seelisch und moralisch eingestellt.
Wenige Tage vor der geplanten Ausreise gab es dann auch Pläne zur Befüllung der Koffer, der Spielzeugschränke und Kuscheltiergehege. Und ich hatte sogar einen Plan, womit mein angetrautes Eheweib und ich die viele Freizeit und die sturmfreie Bude nutzen würden. Hier ein breites Grinsen einfügen.

An einem sonnigen, warmen Sonntag war es dann soweit. Die Kinder wurden in das Familienmobil gefesselt, die umfangreiche Gepäckausstattung im Kofferraum gestapelt und gesichert, und dann fuhren wir den weiten Weg zur großelterlichen Ferienwohnung. Die Übergabe unserer beiden geliebten Tunichtgute verlief überraschend problemlos, fragte doch unsere gemeinsame Tochter schon ungefähr fünf Minuten nach Ankunft: „Fahrt ihr jetzt endlich nach Hause?“ Offensichtlich wollte sie ihre Großeltern ganz für sich allein. Aus purem Trotz blieben Mama und Papa dann doch noch ein paar Stündchen, auch, weil wir uns nicht so ganz und sofort von den Kindern trennen wollten. So sind wir Eltern nun mal…
Aber irgendwann war es dann endlich soweit, die Verabschiedungsfeierlichkeiten waren erstaunlich schnell beendet, und wir waren kinderlos für eine Woche.
Was hatte ich nicht alles geplant für diese Woche! Wir konnten nun tun und lassen, was wir wollten, denn auf die Kinder würden ja die Großeltern achten. Ich wollte mit meiner Frau mal wieder so richtig fein und am Abend essen gehen, komplett mit Kerzenschein, feinem Wein und feiner Speise.
Kino war auch noch so eine Idee, die ich hatte. Einen schönen romantischen  Film aus der Loge heraus betrachten, danach ein kleiner Spaziergang entlang der in goldenes Abendlicht getauchten Hafenpromenade und dann… wer weiß?Bei diesem herrlichen Sommer, den wir bisher genießen durften, schwebten mir auch ein, zwei  Tage am Strand vor. Schätze suchen, baden gehen, genießen… Ja, wäre schön gewesen.Solche Ideen hatte ich, und die hier genannten waren noch nicht mal alle.

Und was haben wir gemacht?
Jeden Tag sind wir früh aufgestanden, „damit wir noch was vom Tag haben!“
Wir haben das Haus geputzt, inklusive Fenster und Treppen, wir haben sogar die Kinderzimmer einer tiefgehenden Grundreinigung mit einhergehender Entrümpelung unterzogen. Wir haben Unkraut gejätet, uns um unsere heimischen Obstplantagen gekümmert und neuen Pflanzen Einzug in unser grünes  Reich gewährt. Wir haben das Auto gewaschen, poliert und gewienert. Wir haben längst fälligen Papierkrieg erbittert gefochten und sogar gewonnen. Wir haben repariert, gewartet und gepflegt, was immer uns in die Hände fiel.
Jeden Abend sind wir müde, aber glücklich, weil wir „etwas vom Tag gehabt haben“, ins Bett gefallen. Jeden Morgen haben wir uns in die nächste unaufschiebbare „Jetzt-endlich-mal“-Gelegenheit gestürzt.
Und plötzlich, ganz unerwartet, waren sieben Tage Zweisamkeit vorbei. Die Kinder zogen wieder ein, gebracht von ihren Großeltern, die nur ein bisschen müde aussahen, aber sonst in guter geistiger und körperlicher Verfassung. Und mit ihnen zogen Lachen, Schreien, Spaß und Freude wieder ein, während die Ruhe ein wenig verblüfft und vielleicht auch traurig ihre Sachen packte und auszog.  
Während unsere Kinder und ihre Großeltern von den großen Abenteuern und kleinen Schrecklichkeiten der Woche berichteten, von Radtouren, Strandtagen und irrsinnig vielen Tieren, betrachtete ich unsere kleinen Schätze und dachte:
Was von all dem Schönen, was ich mir für meine Frau und mich vorgenommen hatte, habe ich geschafft? Nichts. Rein gar nichts. Aber das war nicht schlimm, denn wir hatten sieben Tage Zweisamkeit, in denen wir jeden Abend „die Kinder ins Bett brachten“, indem wir die Jalousien ihrer Fenster schlossen, in denen wir jeden Morgen mit einem kleinen, flauen Gefühl im Bauch an den stillen, leeren Kinderzimmern vorbei ins Bad wanderten, in denen wir jeden Tag wussten, dass es unseren Kinder so richtig gut geht, und die wir dennoch gerne wieder um uns gehabt hätten.
Meine Pläne haben den Kontakt mit der Realität nicht überstanden, aber so geht es wohl den meisten Plänen. 
Aber irgendwann werden unsere Kinder wieder Ferien bei Oma und Opa machen, und dann, meine lieben Freunde, hindert mich mal so gar nichts daran, meine Pläne wahr werden zu lassen!

Dienstag, 15. Juli 2014

Frühe Angewohnheiten

Kennt ihr das? Man wacht morgens erstaunlich früh auf und muss erst mal überlegen, wer  man ist, wo man ist und ob noch alles da  ist. Jeder Mensch braucht einfach so seine Zeit, bis er sich nach einem langen, tiefen Schlaf einigermaßen gesammelt hat, um der Welt frisch und mit Elan entgegenzutreten. Bei mir geht das im Allgemeinen vergleichsweise schnell. Ich öffne die Augen, vertreibe ein vages, allgemeines Schuldgefühl, zähle kurz meine Extremitäten, und wenn alle noch da sind, stehe ich auf und beginne meinen Tag, meistens mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Aber ich kenne da auch andere... 

Da ist zum Beispiel der Typ, dem ich morgens vor dem ersten Kaffee nicht mal ein stumpfes Plastikmesser in die Hand geben würde, weil er emotional irgendwo zwischen Motorsägenmassaker und spontaner Selbstentzündung steht. Bei ihm sollte der Kaffee (schwarz, stark und auf Trinktemperatur) schon bereitstehen, wenn er seine Schlafhöhle verlässt, um Kollateralschäden zu vermeiden. Komisch, wenn er schläft, sieht er aus wie ein kleines unschuldiges Kind...
Dann gibt es auch noch jene, die sich noch im Halbschlaf Joggingdress, Laufschuhe und Smartphone schnappen, um vor dem Wachwerden mal eben schnell einen Halbmarathon um den Block zu rennen, damit sie "das Leben spüren". In diesem Fall frage ich mich immer, ob es bei diesen ganzen Jogging-Apps auch eine Funktion gibt, die dem Läufer sagt, wohin er laufen soll. Also, ich habe im Halbschlaf die Augen meistens noch zu, und ohne Brille sehe ich sowieso nichts. Und halb- bis dreiviertelblind joggen zu gehen, ist dann schon eine kleine Herausforderung.
Andere wiederum brauchen einfach nur eine gewisse Zeit, bis sie auf Betriebstemperatur sind und am täglichen Leben teilnehmen können. Die stehen auf, taumeln zum Sofa, schalten den Fernseher ein und bleiben regungslos und leicht sabbernd sitzen, bis die Frühnachrichten beendet sind oder das Morgenmagazin unerträglich wird. Aber dann sind sie hellwach und meistens sogar recht umgängliche Menschen. 

Selbst Tiere haben so ihre allmorgendlichen Angewohnheiten, wenn sie gerade wach geworden sind. Unsere Madame Teppichtiger zum Beispiel beginnt jede ihrer spärlichen Wachphasen mit einem ausgiebigen Gähnen und der lautstarken, minutenlangen Verkündigung, dass sie jetzt sofort aus den Pfoten kippt, weil sie ja schon wieder verhungern muss! Was uns, angesichts üppig gefüllter Näpfe, Teller und Tassen, eher unwahrscheinlich erscheint. Aber so ist sie nun mal, unsere Katze...
Die beiden Hunde unserer Nachbarin sind nicht sie selbst, wenn sie nicht morgens kurz vor Sonnenaufgang erst mal in den Garten rasen dürfen, um dort jeden einzelnen Busch, Baum und Strauch nach Strich und Faden zu verbellen.
Nun könnte man ja argumentieren, dass es ja eigentlich kein Wunder sein, wenn Haustiere geradezu menschlich anmutende Angewohnheiten haben. Immerhin verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit damit, in der Umgebung von Menschen zu sein und die Angewohnheiten ihrer Herrchen und Frauchen zu adaptieren. Wie der Herr, so's Gescherr!
Allerdings habe ich unwiderlegbare Beweise, dass es auch in der außerhäusigen Fauna Individuen gibt, die jeden Morgen ihr animalischen Äquivalent einer schönen heißen Tasse Kaffee brauchen, bevor sie wach werden. Also, zumindest ein Vieh kenne ich, das morgens nach dem Aufstehen noch nicht voll auf der Höhe ist.
Wie man es hier oben im Norden häufig sieht, verfügt auch unser Casa del Gütt nicht über außen angebrachte Jalousien.Unsere Fenster werden von innen verdunkelt, mit Plissees, Rollos und was der Markt so hergibt. So hängt zum Beispiel an einem unserer Wohnzimmerfenster ein Rollo, das eben jeden Abend herunter- und jeden Morgen heraufgezogen wird. Es hängt innen. Um das noch einmal zu betonen. 
Vor einigen Tagen kam meine Herzallerliebste auf mich zu und sprach: "Du, sowas habe ich auch noch nicht erlebt. Immer, wenn ich das Rollo aufmache, fällt eine Spinne runter!" 

Hartmuth - die Geschockte Morgenspinne
Sehr seltsam, das. Als ich die Sensation jedoch in Augenschein nehmen wollte, hatte sich das Tierchen offenbar schon wieder auf den Weg in den Alltag gemacht. Jedenfalls war keine arachnide Spur mehr zu sehen. Also legte ich mich am nächsten Morgen auf die Lauer, um Augenzeuge zu werden. Lange nach Sonnenaufgang zog ich das Rollo hoch, und richtig: Plopp! Die Spinne fiel, lag einen Augenblick in der Agonie des verfrühten Erwachens, rieb sich ihre acht Augen und taumelte von dannen. 
Das hätte jetzt Zufall sein können, also wiederholte ich am folgenden Morgen das Experiment. Rollo auf, Plopp, kurzes Schütteln der acht Beine, von dannen taumeln. Und am nächsten Tag dasselbe: Rollo, Plopp, taumeln... Es war zum Schießen! Dabei war es völlig egal, ob ich das Rollo langsam und leise oder schnell und laut hochzog. Spinne fiel, rappelte sich auf und torkelte weiter! Man konnte also schon von einer gewissen Gewohnheit sprechen, und offenbar braucht dieser seltsame Achtbeiner  diesen besonderen morgendlichen Moment des Schocks, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Was für eine merkwürdige Angewohnheit, sich wecken zu lassen. 

Andererseits: Wir haben da diese Wecker... 

Samstag, 12. Juli 2014

Wir sind Zauberer!

Wir sind große, mächtige Zauberer! Doch, ehrlich! 
Das gute Wetter der letzten Zeit hat an unseren Kindern deutliche Spuren hinterlassen. Jung Sonnenkönig hat sich seinen ersten, kleinen Sonnenbrand auf den Armen geholt, Prinzessin Wirbelwind hat je Bein rund ein Dutzend blaue Flecken. Dazu kommen noch bei beiden zahlreiche Hautabschürfungen, Kratzer und ähnliche Beschädigungen der Oberhaut. 
Oh, ich höre schon den Aufschrei der ewigen Weltverbesserer: „Da muss man doch besser aufpassen! Das geht doch nicht! Die armen Kinder! Aufsichtspflicht! Aufsichtspflicht!“ 
Doch, geht. Stürze, Salti und Asphaltakne gehören schlicht dazu, wenn Kind seine eigenen Erfahrungen machen soll. Aber natürlich sind der Eltern stützende schnell da, wenn der Sturz zu tief zu werden droht. Aber in Watte werden wir unsere Zwerge sicher nicht packen. Das ist nämlich auch nicht gut für die Kinder. Dieses dazu. 
Und mal abgesehen vom moralischen Standpunkt der Erziehung: Kratzer und Abschürfungen machen aus uns Eltern in den Augen der Kinder großartige, mächtige Zauberer!

Mit schmerzverzerrtem, tränenverhangenen Gesicht kam Sohnemann heulend von seinen Kletterversuchen am Apfelbaum im heimischen Garten zurück. Am Kinn, knapp neben dem linken Ohr, erblickte mein medizinisch geschultes Auge eine gar schröckliche Schürfwunde! Die Entdeckung der Hautschädigung wurde durch unablässiges, deutliches Zeigen seitens meines gemarterten Sohnes sehr erleichtert, sodass ich mich unverzüglich an meine heilende Aufgabe machen konnte. Das Opf... Der Patient wurde zunächst zum Unfallhergang befragt: „Der blöde Baum hat mich abgerutscht!“ war die Antwort. Aha
Ich beglückwünschte meinen Sohn zu dem Mut, einen viel zu hohen Apfelbaum im Alleingang ohne Sicherungsseil und Sauerstoffgerät erklimmen zu wollen, wies aber zugleich darauf hin, dass er zumindest hinsichtlich seiner Körpergröße wohl noch nicht alle Anforderungen für diese Expedition erfülle. Damit hatte ich Jung Reinhold erst mal vom Schmerz am Kinn abgelenkt, denn er erwiderte bestürzt: „Aber ich bin doch schon ganz schön groß!“ Ich murmelte etwas bedingt zustimmendes und geleitete den Hobby-Alois-Trenker ins kombinierte Bade- und Krankenzimmer. Dort inspizierte ich mit wichtiger Kennermiene die Wunde, während mein Sohn jede meiner Bewegungen und Bemerkungen argwöhnisch beobachtete. Wahrscheinlich hatte er Sorge, ich würde sofort amputieren. Das hatte ich natürlich nicht vor. Die Säge war noch beim Schleifer
Oh, da hast du dir aber einen heftigen Kratzer geholt.“ Stolz schwoll Sohnes Brust. „Na, das kriegen wir wieder hin!“ Mit diesen Worten beendete ich die Diagnose und trat in die Phase der Therapie ein. Der Kratzer wurde unter einer Schicht Wundheilsalbe begraben, während ich fremdländische Worte murmelte und Sohnemann erklärte: „Das ist Zaubersalbe.Damit wird das Kinn ganz schnell wieder heil.“ „Jaaa!“ kam die Antwort, „und dann brauche ich noch ein Pflaster, ein blaues!“ Blau ist seine derzeitige Lieblingsfarbe. Natürlich bepflasterte ich den Kratzer mit einem großen, blauen Pflaster, murmelte noch ein paar dunkle Beschwörungen und verkündete: „Morgen früh kann das Pflaster wieder ab und du in den Kindergarten!“ Leise Enttäuschung machte sich auf dem kleinen Gesicht breit. „Aber morgen, da blute ich bestimmt!“ Nun, wir werden sehen. 
Am nächsten Morgen weigerte sich unser Kletterheld standhaft, das große blaue Pflaster vom Kinn zu reißen, weil er „nämlich bestimmt noch ganz schlimm blutet!“ Ich schrecklicher Mensch blieb stur und zupfte mit einer schnellen Bewegung das Pflaster ab und hielt mir sofort die Ohren zu. Meister Thronfolger verlieh seinem Unmut ausgesprochen lautstarken Ausdruck. Mit ernster Miene untersuchte ich sein Kinn und zeigte ihm im Spiegel, wie wenig von seinem schrecklichen, blutigen Kratzer übrig geblieben war. „Das war die Zaubersalbe!“ sagte ich. „Die hat dafür gesorgt, dass dir neue Haut wächst.“ Söhnchens Augen wurden groß wie Suppentassen. Was der Papa alles kann! Ganz neue Haut! Über Nacht! Das war dann doch erstaunlich. In seinen Augen war deutlich abzulesen, welche Geschichte er gleich im Kindergarten erzählen konnte. Aber dasTüpfelchen auf dem „i“ fehlte noch: „Aber, aber... dann brauche ich jetzt ein Pflaster, damit die Haut nicht gleich kaputt geht! Ein blaues!“ Nun, gegen so viel Logik konnte ich natürlich nichts ausrichten, und Sohnemann ging mit stolzgeschwellter Brust, einem riesigen, knallblauen Pflaster am Kinn und einer irrsinnig tollen Geschichten über seinen Papa mit der Zaubersalbe in den Kindergarten. 

Sohnemann und Klein Töchterlein befinden sich alterstechnisch noch einige Zentimeter unterhalb der Einschulungsmarke. Da funktioniert der Trick noch. Nur noch ein paar viel zu wenige Jahre, und unsere Kinder werden uns bei so einer Geschichte anschauen und uns fragen, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben.

Ja, haben wir! Alle bunt, kaputt und gemischt! 

Dienstag, 8. Juli 2014

Strandschätze!

Wisst ihr, was ich am Sommer so mag? 
Den Strand! Es ist einfach herrlich, an einem warmen, sonnigen Tag am Meer entlang zu spazieren, sich herrliche Landschaften anzuschauen und einfach Wärme, Wetter und Aussicht zu genießen.
Unsere Schatzkammer! 
Tatsächlich gehöre ich eher nicht zur Fraktion der Strandlieger, sonder eigentlich zu den Strandläufern. Oder doch wenigstens zu den Strandspaziergängern. Das deckt sich sinnigerweise mit den Vorlieben meiner Frau, die den Strand nicht der Ausicht wegen besucht, sondern um ihm seine mannigfaltigen Schätze zu entreißen.

Mit der Tüte in der Hand un dem Blick am Boden wandet mein Frauchen bei jedem Strandaufenthalt langsam aber stetig am Ufer entlang und entdeckt regelmäßig unzählige Granite, Pegmatite, Ukanit, Urkalk (gewöhnlich auch Marmor genannt), Quarze und Quarzite, und was es da sonst noch so alles gibt. Nebenbei finden aber auch seltene Fossilien oder hübsche Muscheln den Weg in ihre schier bodenlose Tüte. Jeder Fund wird ausgiebig bewundert, der Welt im Allgemeinen und mir im Besonderen detailreich beschrieben, sowie sein weiterer Werdegang als künftiges Schmuckstück zumindest grob skizziert. 
Da gibt es hübsch anzuschauende Felsformationen im Miniaturformat, erstaunliche Zeugnisse der Erdentwicklung, Beweise vulkanischer Aktivitäten in vorglazialer Zeit, sowie (unter anderem) eine stattliche Anzahl an Indizien, dass diese Welt bereits lange vor Ankunft des Homo sapiens reichlich besiedelt war. Zu Stein erstarrte Schnecken, Wirbeltierchen und anderes Gewürm starrt uns aus silikater Umhüllung und großer temporaler Entfernung an. All das so sehens- und bemerkenswert, dass andere kluge Geister bereits mehrere Regalmeter Bücher darüber geschrieben haben, komplett mit Karten und Bildern der Fundstücke.

Immer, wenn meine begeisterte Strandgut-Sammlerin ein besonders schönes Exemplar ozeanischer Hinerlassenschaft findet, freut sie sich wie Bolle und ruft alle Welt herbei, auf dass sie ihre Freude teile. Und weil es bei uns am Strand der Ostsee reiche Beute gibt, freut sie sich oft. 
Vor ein paar Tagen konnte ich bei meiner Frau sogar einen besonders heftigen Ausbruch an Freude entdecken. Und das kam so:

Eigentlich hatte der Tag gar nicht so toll angefangen, jedenfalls in meteorologischer Hinsicht. Die Wolken hingen grau, fett und träge über der Stadt, die Temperaturen hatten sich in wärmere Gefilde verabschiedet und außerdem gab es da ja noch ein wenig Hausarbeit, die getan werden sollte. Irgendwann waren wir aber mit der Hausarbeit fertig und alle Pflichten erfüllt, und wir machten ein wenig Mittagspause, komplett mit Sofa und Schlummer. Mit einem wohligen Schmatzen und Schnurren erwachte ich aus meinem Suppenkoma, warf einen Blick aus dem Fenster und verkündete umgehend meinen Beschluss: „Familie! Man kleide sich an! Die Sonne ruft und der Strand lacht!“
Frau und Kinder warfen sich mit Begeisterung in Schuhe und Jacken, rannten zum Auto und zogen sich die Jacken sofort wieder aus. Denn mit der Sonne waren auch die Gräder wiedergekommen, und es war angenehm warm. Schnell noch die Schaufeln für die Kinder in den Kofferraum geworfen, und schon waren wir auf dem Weg ans Meer, das ja von unserer heimischen Höhle gar nicht so weit entfernt vor sich hin plätschert.

Am Strand warfen sich Jung Bauunternehmer und zukünftige Ingenieurin sofort an die Schaufeln und begannen mit dem Bau eines neuen und viel besseren Nordostseekanals, während meine Frau den Kopf senkte und systematisch Quadratzentimeter für Quadratzentimeter den Wellensaum absuchte. Und richtig: Nach nur wenigen Minuten erreichte mich der erste Ruf: „Guck mal, wie hübsch!“ Der erste kleine Schatz war gehoben: Ein Stein! Wer hätte das gedacht? 
In diesem Stil ging es weiter. Meine Kinder gruben Kanal um Kanal, meine Frau stülpte den Strand um, und die Tüte wurde langsam, aber sicher voll. Ich indessen bewunderte zum wiederholten Male die ruhige Ostsee, das weit entfernte Ufer Dänemarks, die weißen Segel, die warme Luft und den ganzen Rest. Das Leben war schön. Und weil der Vormittag ja nicht gerade mit sommerlichen Prachtwetter aufgewartet hatte, war der nachmittägliche Strand auch nicht sonderlich belegt. Es herrschte eine wundervolle Ruhe, nur unterbrochen vom „Guck mal hier!“ meiner Frau und den enthusiastisch kommentierten industriellen Fortschritten meiner Kinder. Ich genoss.

Plötzlich aber unterschied sich die Frohe Kunde meiner Frau deutlich von den bisherigen Jauchzern: „Ich werde verrückt!“ Mit breitem Grinsen und gar anmutigen Schritten tänzelte lieb Frauchen auf mich zu und rief immerzu: „Das gibt’s ja gar nicht! Guck mal, was ich gefunden hab!“ In ihrer zarten Hand erstrahlte ein schönes Stück urzeitlichen Harzes, landläufig als Bernstein bekannt, das Gold der Ostsee! Tatsächlich ist Bernstein in unserer Gegend nur sehr selten zu finden, was den Grund eheweiblicher Freude erklärt.
Das Gold der Ostsee in zarter Hand...
Mit kindlicher Begeisterung erzählte mir meine Holde, wo genau und unter exakt welchen Umständen sie nun jenen erstaunlichen Schatz gefunden und geborgen hatte. Ihr erstes, ganz eigenes und selbst gefundenes Stückchen Bernstein! Und zudem war dieses besondere Steinchen auch noch geschmückt mit einem urzeitlichen Blättchen! Das jener erste, geradezu legendäre Fund bereits gelocht war und dann auch noch ein uraltes Stückchen Lederband im Loch steckte, tat ihrer grenzenlosen Freude keine Abbruch. Selbst die Kinder waren fasziniert vom goldenen Glanz und der Wärme dieses edlen Steins und freuten sich mit ihrer Mama, bevor sie sich an das nächste strändische Bauobjekt wagten.
Einige Augenblicke genossen meine Frau und ich noch den Nachhall ihres Glücksfundes, dann ging es weiter am Strand entlang, auf der Suche nach dem nächsten maritimen Schatz. Und manchmal schlägt das Glück des Sammlers mit aller Wucht zu. Denn nur einige Dutzend Meter vom ersten Schatz entfernt brach meine Frau zum zweiten Mal in einen geradezu unglaublichen Freudentaumel aus! Ein weiteres, schönes Stück Bernstein glänzte in ihrer Hand, und ihr Glück war vollkommen! Denn dieser Stein hatte weder Loch noch Lederband, sondern war vollkommen natürlich und vermutlich unberührt. Andächtig standen wir um den Stein herum, betrachteten ihn, und meine Frau erklärte mir eifrig, was für schöne Dinge aus diesem Bernstein werden könnten, sobald wir zu hause wären. Aber der Tag war noch nicht alt genug und das Wetter noch nicht schlecht genug, um schon den Heimweg anzutreten. So setzten wir unsere gemütliche Wanderung fort, die uns in einem weiten Bogen zurück zu unserem Auto führte. All die schönen, besonderen Steine, die nun noch gefunden wurden, verblassten hinter dem Glück, an einem einzigen Tag gleich zwei wunderschöne Bernsteine gefunden zu haben. Und wer nach uns an den Strand kam, hätte unsere Spur verfolgen können, denn hinter uns lagen unzählige Kanäle, Sandburgen und Häfen, die Klein Baumeister und Maid Schaufel auf ihrem Weg geschaffen hatten.
Jene Schätze, die wir gefunden haben, sind inzwischen dem Gefängnis der Tüte entronnen und wurden gründlich gesäubert und getrocknet. Jetzt warten sie darauf, dass aus einem schnöden Stück Erdgeschichte ein zartes, glänzendes, elegantes und schön anzuschauendes Schmuckstück wird.


Wer sich mal anschauen möchte, was aus Steinen werden kann, dem empfehle ich einen Klick auf den folgenden Link: