Samstag, 11. Januar 2014

Kaffee-troschka


Kennen Sie diese kleinen, russischen Püppchen, in denen man, wenn man sie aufmacht, noch ein Püppchen findet, und dann noch eines, und noch eines, und noch eines...? Kennen Sie die? 
Mein lieb Frauchen und ich haben vor einigen Tagen die konsumtechnische Variante dieser Matrjoschkas kennengelernt. 











Wie der geneigte Leser ja längst weiß, gehört zu den Annehmlichkeiten, die sich der Autor dieser Zeilen zuweilen gönnt, auch eine gute Tasse Kaffee - schwarz, breit, stark. Zu meinen Favoriten der Erzeugnisse aus jener Kulturpflanze aus dem alten Kaffa gehört der Espresso - schwarz, breit, stark, klein und gemein. 
Na ja, letzteres vielleicht nicht...
Jedenfalls gab es, solange ich denken kann, immer irgendeine Kaffeemaschine in meinem Dunstkreis. Mein Lieb Frauchen und ich haben nun auch schon die eine oder andere Zubereitungsweise mittels verschiedenster Kaffeemaschinen kennengelernt und den entsprechend manufakturierten Kaffee genossen.
Die bisher letzte einer ganzen Reihe Kaffeezubereitungsgerätschaften war eine Kapselmaschine. Sie stellt jeweils eine Tasse verschiedenster Kaffeevarianten her, indem sie heißes Wasser durch vorbereitete Kapseln voller Kaffeepulver drückt. Das geht schnell, reicht für unseren Haushalt und schmeckt auch gar nicht mal so übel. Nachteil an der ganzen Geschichte ist eben nur diese unglaubliche Menge anfallenden Mülls, der wir uns regelmäßig nach Benutzung der Maschine gegenüber sahen. Man liest ja immer wieder davon, aber wenn man das erstmal mit eigenen Augen wahrgenommen hat, denkt man langsam um...
Unser Umdenkungsprozess kam zu Abschluss, als es aus uns völlig unbekannten Gründen keine Kaffeekapseln in der von uns bevorzugten Geschmacksrichtung gab. In der ganzen Stadt waren von jetzt auf gleich keine Kapseln mehr zu finden! Nun hätten wir ja auch im Internet bestellen können. Aber sowohl meine geliebte Gattin wie auch ich sind ausgesprochene Fans des unmittelbaren Kaufrausches im Konsumtempel unserer Wahl. Noch dazu wären die Kosten angesichts der notwendigen Aufwendungen für den Versand in astronomische Höhen gestiegen, weshalb wir uns kurzerhand entschieden, eine neue Kaffeemaschine zu erwerben. Und dieses Mal würden wir unseren eigenen, kleinen Beitrag zur Weltverbesserung leisten und eben keine Kapseln mehr benutzen. Folglich schauten wir uns im Internet nach einem Kaffeevollautomaten um, der uns nebenbei auch  noch die Filtertüten sparen würde, mit Mahlwerk, hochwertiger Brüheinheit und mächtig viel Lämpchen. Und obwohl wir das direkte Kauferlebnis bevorzugen, bestellten wir uns unseren künftigen Automatik-Barista bei einem namhaften Internetshop. Ich habe ja auch nie behauptet, wir wären immer konsequent...
Angesichts unseres inzwischen sehr ausgeprägten Koffeinmangels versetzte uns die simple Nachricht, dass unsere Bestellung soeben versendet worden sei, in einen wahren Freudentaumel! Kaum hatten wir zwei Tage ungeduldig gewartet, klingelte es auch schon an der Haustür. Ein riesenhafter Karton schwankte sanft im grauen Nachmittagslicht vor der Tür. Das beruhigende Schwanken hatte seine Ursache in einem rotgesichtigen Schwerlast-Boten, der etwas von "Paket für sie..." stöhnte. Meine Frau betrachtete den Pappeberg und fragte mich, ob wir denn eine Kaffeeplantage bestellt hätten, komplett mit Bäumen, Bohnen und Onkel Toms Hütte. Ich verneinte guten Gewissens, allerdings beschlich mich die Befürchtung, dass man uns einen Kaffeeheimrösterei-Bausatz geliefert haben könnte. Wie dem auch sei... Der freundliche Heavy-Duty-Postbüttel wurde nach Ableistung einer Unterschrift freundlich vom Hofe gejagt  und das trojanische Pferd in die Küche bugsiert.
Inzwischen wohnten uns auch Prinz Wasistdas und Prinzessin Istdasfürmich bei und betrachteten mit uns das Wunderwerk der Falt- und Packkunst in der Küche. Mir stieg bereits der Duft einer frisch gebrühten Tasse Espresso in die Nase, was mich dazu veranlasste, mit der Enthüllung unseres Neuerwerbs zu beginnen. 
Ein scharfes Messer sorgte zunächst für eine klare Kante, dann für eine kleine Überraschung. 
In dem riesigen Karton fanden wir einen weiteren Karton, sowie reichlich Luft und genug Papier, um die Wochenendausgabe der "Zeit" zu drucken. Unsere Kinder waren begeistert, schnappten sich das Papier und spielten "Lawine"! Meine dekoffeinierte Gattin wunderte sich, hob den zweiten Karton aus seiner Gruft und empfahl mir die Öffnung desselben. Und man wird kaum erraten, was wir fanden! Richtig, noch einen Karton. Immerhin trug dieser letzte Karton nicht die bisher üblichen Hinweise auf den Versender, die maximale Höhe zum Stapeln oder "Hier oben"-Aufkleber, sondern endlich deutliche Hinweise auf das Meisterwerk norditalienischer Ingenieurskunst. Und richtig, hinter einer dicken Styroporwand, eingepackt in mehrere Meter durchsichtiger Plastikfolie und in eine Anzahl kleinerer Teile zerlegt, fanden wir endlich unseren Kaffeevollautomaten. Auspacken, die verschiedenen Teile zusammenfügen, sich über zwei bis vier übrig gebliebene Bauteile wundern, Gerät aufstellen, Betriebsanleitung lesen. Nur eine knappe Stunde später genossen mein angetrautes Eheweib und ich eine ordentliche, heiße und sehr wohl schmeckende Tasse Kaffee.
Den bis hierhin entstandenen Müllberg werden wir durch ein Spezialunternehmen abfahren lassen müssen, aber das war uns unser ökologisches Gewissen wert. Immerhin haben wir nun keinen Anteil mehr an den jährlich anfallenden runden 4000 Tonnen Kaffeekapseln im Müllberg der Nation. 

Der nächste Morgen begann früh für mich, gehöre ich doch dem arbeitenden Teil der Bevölkerung an. Aber an diesem unglaublich frühen Morgen machte mir das Aufstehen gar nichts aus, es machte mir sogar richtig Spaß! Denn heute würde mir eine frisch gebrühte Tasse Kaffee den Start in den Tag erleichtern. Ein Arbeitstag ohne Kaffee ist zwar möglich, aber beschwerlich.
Nach der erforderlichen Reinigung einiger sichtbarer Körperteile, dem Ankleiden und einem ersten neugierigen Blick in die Tagespresse war es endlich soweit. Der Rest der Familie schlief noch selig in den Betten, als ich den neuen Kaffeevollautomaten ganz für mich allein hatte. Ein wahrhaft feierlicher Augenblick!
Kaffeepulver, Kaffeetasse, Bedienungsanleitung, Brille - Mise en Place! Stille im Haus, mein Kaffee kurz vor der Vollendung, ein Genuss in greifbarer Nähe... Das Gerät einschalten. 
Mit unvorstellbarem Röhren brüllte das Gerät auf, zischte und brummte lautstark seine Betriebsbereitschaft hinaus in die weite Welt und spuckte enthusiastisch einige Milliliter heißes Wasser in die Auffangschale. Ich sprang hektisch durch die Küche und verschloss sämtliche Türen, selbst die der Schränke, damit wenigstens ein Teil der übermotivierten Schallwellen im Raum bliebe!
Glücklicherweise beruhigte sich die Maschine nur weniger Minuten später und kehrte zurück in einen Zustand apathischer Stille, während ich heftig atmend den Geräuschen des Hauses lauschte. Offenbar hatte der infernalische Lärm niemanden geweckt. Was für ein Glück!
Kaffee einfüllen, Wasserstand prüfen, Tasse in den Ausgabeschacht. Knöpfchen drücken.
Wer hätte gedacht, dass ein kleiner Druck auf einen kleinen Knopf die Reiter der Apokalypse losjagt? Schnaufend und ratternd brüllte die Maschine das Wasser durch das Pulver, spuckte lautstark den Kaffee in die Tasse und spülte gluckernd und glucksend die Rohre durch! Ich schimpfte mit der Maschine: "Die Kinder schlafen! Meine Frau auch! Sei doch mal leise!" Und erstaunlicherweise tat die Maschine das! Sie gluckste noch einmal kurz, dann wurde sie still, als sei nie etwas gewesen. Im Ausgabeschacht dampfte meine Tasse leise vor sich hin, der Geruch frisch gebrühten Kaffees zog anmutig durch die Küche. Mein Kaffee war fertig, ich auch... Wieder lauschte ich gespannt, ob jemand im Hause (außer mir und einer völlig konsternierten Katze) wach geworden sei. Noch immer herrschte Stille im Haus. Ich atmete auf. Ich konnte meinen Kaffee genießen. Es sind diese Augenblicke, da ich froh um den gesunden Schlaf meiner kleinen Familie bin. Und ich selbst werde mich an all das Schnaufen und Schnorcheln, an das Blubbern, Rattern und Röcheln der Maschine schon noch gewöhnen. Obwohl es sich manchmal wirklich so anhört, als sterbe sie einen Heldentod in vier Akten. Mindestens... 

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