Mittwoch, 25. Juni 2014

Dezi-Bell!

Dass sich die Geschmäcker von Kindern innerhalb kurzer Zeit öfter mal ändern können, ist kein Geheimnis. Aber manchmal überrascht es mich, welche Geschmäcker unsere beiden Augäpfelchen so entwickeln. Nachdem Prinz Willichaber in den zurückliegenden Wochen am liebsten die Geschichten um Leo Lausemaus verschlungen hat, wandte er sich vor gar nicht so langer Zeit urplötzlich und völlig unerklärlich den Gesangeskünsten von Santiano zu. Seither hören mein lieb Frauchen und ich immer wieder „Ich will Santiano hören!“, sobald irgendwo auch nur ansatzweise Musik zu hören ist. Nun ja, es gibt schlimmeres. 
Und natürlich ist dort, wo Prinz IchbinderBestimmer seinen Willen lautstark kundtut, seine kleine Schwester Prinzessin Ichauch nicht weit entfernt und fordert gleiches oder ähnliches für sich. 
Obwohl meine Frau und ich gerne und viel Musik hören, und obwohl wir gerne die Wünsche unseres Nachwuchses berücksichtigen, waren wir irgendwann doch ein wenig von der Einseitigkeit der Musikvorlieben unseres Juniors und seines Schattens leicht genervt. Und dann hatte ich eine hervorragende Idee! 
Junior und Juniorette hatten ja nun schon seit einiger Zeit eigene Lärmerzeugungsgeräte mit Radio und CD-Player in ihren Zimmern stehen. Bisher wurden diese Geräte genutzt, um gegen Abend (und damit allgemeiner Schlafenszeit) den Kindern automatisiert Schlaflieder ins Ohr zu säuseln. Eine Bedienung durch Kinderhände war zwar möglich, bisher aber nicht vorgesehen. Aber das kann man ja ändern. 
Die Segnungen moderner Technik versetzten mich mittels Multimedia-PC, einer gar nicht mal so kleinen Musiksammlung und eines CD-Grills in die Lage, individuell auf die kindliche Ohren und Geschmäcker zugeschnittene Audio-CDs zu brutzeln, die uns in einer recht nahen, herrlichen Zukunft ermöglichen würden, endlich wieder dem eigenen Musikgeschmack mit Hingabe zu folgen. Ich befragte also sowohl unseren Santiano-Jünger als auch seinen schwesterlichen Papagei nach ihren Musikwünschen und erstellte aufgrund des Gehörten eine Liste von Musikstücken, die ich dann natürlich auch gewissenhaft in das runde Gemisch aus Polycarbonat und Aluminiumbeschichtung gravierte. Was für mich nur einige wenige Klicks auf dem Computer waren, machte mich in den Augen meines Nachwuchses zum gottgleichen Magier der Töne! 
Ich unterwies meine beiden Jünger in den Gebrauch ihrer Radiogeräte und war nicht wenig erstaunt, als ich erkennen musste, dass beide bereits genauestens Bescheid wussten über Eject-Taste, CD-Funktion und Equalizer. Sie rissen mir ihre neuen Silberscheiben aus der Hand, warfen mich aus ihren Zimmern und wandten sich ihrem neuen Spielzeug zu. Nur wenige Augenblicke später ertönte aus dem Zimmer meines Sohnes ein Potpourri der größten Erfolge Santianos, während aus dem Zimmer meiner Tochter statt dieses schnöden Gedudels sofort Adeles unverwechselbare Stimme sanft durch den Äther schwang, gefolgt von AC/DC und den Rolling Stones... 
Ich überließ unsere Kinder ihren Hörgenüssen und begab mich ins elterliche Wohnzimmer, um einige der dringenderen Facebook-Posts hingebungsvoll zu würdigen, während lieb Frauchen sich konzentriert diverser Handarbeiten hingab. Es war eine Zeit des Friedens! 
Ich blickte gerade durch das Fenster in einen herrlichen, blauen Himmel, als es urplötzlich und irrsinnig laut donnerte! Gleich darauf erschütterte ein erstaunlich rhythmisches Erdbeben unser kleines Häuschen bis in die Grundfesten! Unsere Katze verließ panisch ihren Kratzbaum und trat die Flucht Richtung Balkon an, meine Frau sprang mit entsetztem Gesicht von ihrer Handarbeit auf und ich selbst biss vor Schreck in die Tastatur. Als anerkanntes Familienoberhaupt und traditioneller Beschützer der Familie war es natürlich meine erste und dringendste Aufgabe, unser Augäpfelchen aus der Naturkatastrophe zu retten, die da so urplötzlich und aus im Sinne des Wortes heiteren Himmel über uns hereingebrochen war. So stürzte ich mit schreckgeweiteten Augen, einer Überdosis Adrenalin im Blut und einer Taschenlampe in der Hand zu den Kinderzimmern, zur heroischen Rettung von Sohn und Tochter! Auf dem Weg dorthin erfasste mich ein weiteres seltsam gleichmäßiges Erdbeben, das die Türen in ihren Angeln erzittern ließ. Offenbar näherte ich mich dem Epizentrum der Erschütterungen. Mit Mühe drückte ich die Tür des töchterlichen Verwahrgelasses auf und erkannte mit Erstaunen, dass Prinzessin Ichauch mit verzücktem Gesicht vor dem zitternden und dröhnenden CD-Player stand und dem infernalischem Lärm von „Highway to hell“ andächtig lauschte. Die Haare wehten wild auf dem Kopf hin und her, die Augen glänzten, der Mund grinste über sämtliche Backen! Mit einem Aufschrei stürzte ich mich auf den Lautstärkeregler und kurbelte ihn mit aller Kraft zum Nullpunkt. Meine Tochter erwachte aus der Hörstarre und schaute mich mit finsterem Blick an. Ich zog den Stecker der Höllenmaschine und bedeutete meiner Irren, sich nicht einen Millimeter zu bewegen, während ich mich in dumpfer Vorahnung dem Kern des heftigen Gewitters näherte, das ein Stockwerk höher zu toben schien. Die Tür zur Höhle unseres Sohnes erzitterte in ihren Angeln, als der nächste Donner vehement durch das Haus rollte. Ich öffnete und entdeckte meinen Sohn mit glänzenden Augen und breitem Lächeln auf dem Gesicht mitten im Raum: „SAN TI-AAAAAA-NO!“
Sein Radiogerät erlitt das gleiche Schicksal wie das seiner Schwester: Ich zog den Stecker! Stille breitete sich aus, meine Ohren entrollten sich wieder, die Welt erhielt wieder Einzug in unser Panoptikum. Im Flur versammelte ich unseren Nachwuchs und hielt ihm einen flammenden Vortrag über Lautstärkeregler, Trommelfell-Verletzungen und früher Schwerhörigkeit. Ich würzte meinen Vortrag mit Beschwerden der Nachbarn sowie der Einwohner der Häuser zwei Straßen weiter, dekorierte meine Ausführungen mit möglichen Schäden an der Bausubstanz des Hauses infolge fortwährender Vibrationen und schloss mit dem feierlichen Versprechen, beide Radios umgehend in den Verwertungskreislauf zu geben, sollte sich eine solch infernalische Lärmentfaltung noch einmal auch nur andeutungsweise wiederholen! Alsdann führte ich meine beiden sichtlich beeindruckten Kinder wieder in ihre Zimmer und zeigte jedem, bis wohin genau der Lautstärkeregler gedreht werden dürfe. Prinz Santiano war sofort einverstanden und schob mich aus dem Zimmer, um das unterbrochene Konzert wieder aufzunehmen. Ich vermerkte durchaus positiv, dass die Lärmentwicklung in seinem Zimmer sich nunmehr auf einem annehmbaren Niveau befand. Töchterchen hingegen grinste mich freundlich an, schrie „JA, PAPA!“ und schob mich ebenfalls aus dem Zimmer. Nur wenige Sekunden später verkündete Adele der gesamten Stadt, dass ein Gerücht über ihren Partner umginge. Fenster und Türen erzitterten in der Verkündigung dieser Neuigkeit, während ich mit angelegten Ohren ihr Zimmer enterte und zum zweiten Mal den Stecker zog! „Och, Papa!!“ war ihre Reaktion. Und zum zweiten Mal hielt ich meinen Monolog über die Gefahren des Lärms und dann gleich noch einen über die schrecklichen Folgen von Ungehorsam. Das Radio dudelte leise und angenehm vor sich hin, als ich meine gebügelte und gefaltete Tochter verließ. Die Tür blieb offen. 

Während sich mein lieb Frauchen und ich wieder den routinemäßigen Aufgaben des Alltags widmeten, gewöhnten sich DJ Santiano und Missie Adele an den verminderten Schallsturm in ihren Zimmern und genossen letztendlich doch noch das neue Wunder der Musik aus der Konserve. 
Die CDs sind nun bummelig drei Tage alt, und noch immer verschwinden unsere beiden Nachwuchsmusiker mit Vorliebe in ihren Zimmern, um sich gegenseitig ihre CDs vorzuspielen und inbrünstig mitzusingen. Was bei englischen Texten noch ein wenig holprig klingen mag. Aber bei den deutschen Liedern singen sie allmählich die Profis an die Wand! 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen