Dienstag, 15. Juli 2014

Frühe Angewohnheiten

Kennt ihr das? Man wacht morgens erstaunlich früh auf und muss erst mal überlegen, wer  man ist, wo man ist und ob noch alles da  ist. Jeder Mensch braucht einfach so seine Zeit, bis er sich nach einem langen, tiefen Schlaf einigermaßen gesammelt hat, um der Welt frisch und mit Elan entgegenzutreten. Bei mir geht das im Allgemeinen vergleichsweise schnell. Ich öffne die Augen, vertreibe ein vages, allgemeines Schuldgefühl, zähle kurz meine Extremitäten, und wenn alle noch da sind, stehe ich auf und beginne meinen Tag, meistens mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Aber ich kenne da auch andere... 

Da ist zum Beispiel der Typ, dem ich morgens vor dem ersten Kaffee nicht mal ein stumpfes Plastikmesser in die Hand geben würde, weil er emotional irgendwo zwischen Motorsägenmassaker und spontaner Selbstentzündung steht. Bei ihm sollte der Kaffee (schwarz, stark und auf Trinktemperatur) schon bereitstehen, wenn er seine Schlafhöhle verlässt, um Kollateralschäden zu vermeiden. Komisch, wenn er schläft, sieht er aus wie ein kleines unschuldiges Kind...
Dann gibt es auch noch jene, die sich noch im Halbschlaf Joggingdress, Laufschuhe und Smartphone schnappen, um vor dem Wachwerden mal eben schnell einen Halbmarathon um den Block zu rennen, damit sie "das Leben spüren". In diesem Fall frage ich mich immer, ob es bei diesen ganzen Jogging-Apps auch eine Funktion gibt, die dem Läufer sagt, wohin er laufen soll. Also, ich habe im Halbschlaf die Augen meistens noch zu, und ohne Brille sehe ich sowieso nichts. Und halb- bis dreiviertelblind joggen zu gehen, ist dann schon eine kleine Herausforderung.
Andere wiederum brauchen einfach nur eine gewisse Zeit, bis sie auf Betriebstemperatur sind und am täglichen Leben teilnehmen können. Die stehen auf, taumeln zum Sofa, schalten den Fernseher ein und bleiben regungslos und leicht sabbernd sitzen, bis die Frühnachrichten beendet sind oder das Morgenmagazin unerträglich wird. Aber dann sind sie hellwach und meistens sogar recht umgängliche Menschen. 

Selbst Tiere haben so ihre allmorgendlichen Angewohnheiten, wenn sie gerade wach geworden sind. Unsere Madame Teppichtiger zum Beispiel beginnt jede ihrer spärlichen Wachphasen mit einem ausgiebigen Gähnen und der lautstarken, minutenlangen Verkündigung, dass sie jetzt sofort aus den Pfoten kippt, weil sie ja schon wieder verhungern muss! Was uns, angesichts üppig gefüllter Näpfe, Teller und Tassen, eher unwahrscheinlich erscheint. Aber so ist sie nun mal, unsere Katze...
Die beiden Hunde unserer Nachbarin sind nicht sie selbst, wenn sie nicht morgens kurz vor Sonnenaufgang erst mal in den Garten rasen dürfen, um dort jeden einzelnen Busch, Baum und Strauch nach Strich und Faden zu verbellen.
Nun könnte man ja argumentieren, dass es ja eigentlich kein Wunder sein, wenn Haustiere geradezu menschlich anmutende Angewohnheiten haben. Immerhin verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit damit, in der Umgebung von Menschen zu sein und die Angewohnheiten ihrer Herrchen und Frauchen zu adaptieren. Wie der Herr, so's Gescherr!
Allerdings habe ich unwiderlegbare Beweise, dass es auch in der außerhäusigen Fauna Individuen gibt, die jeden Morgen ihr animalischen Äquivalent einer schönen heißen Tasse Kaffee brauchen, bevor sie wach werden. Also, zumindest ein Vieh kenne ich, das morgens nach dem Aufstehen noch nicht voll auf der Höhe ist.
Wie man es hier oben im Norden häufig sieht, verfügt auch unser Casa del Gütt nicht über außen angebrachte Jalousien.Unsere Fenster werden von innen verdunkelt, mit Plissees, Rollos und was der Markt so hergibt. So hängt zum Beispiel an einem unserer Wohnzimmerfenster ein Rollo, das eben jeden Abend herunter- und jeden Morgen heraufgezogen wird. Es hängt innen. Um das noch einmal zu betonen. 
Vor einigen Tagen kam meine Herzallerliebste auf mich zu und sprach: "Du, sowas habe ich auch noch nicht erlebt. Immer, wenn ich das Rollo aufmache, fällt eine Spinne runter!" 

Hartmuth - die Geschockte Morgenspinne
Sehr seltsam, das. Als ich die Sensation jedoch in Augenschein nehmen wollte, hatte sich das Tierchen offenbar schon wieder auf den Weg in den Alltag gemacht. Jedenfalls war keine arachnide Spur mehr zu sehen. Also legte ich mich am nächsten Morgen auf die Lauer, um Augenzeuge zu werden. Lange nach Sonnenaufgang zog ich das Rollo hoch, und richtig: Plopp! Die Spinne fiel, lag einen Augenblick in der Agonie des verfrühten Erwachens, rieb sich ihre acht Augen und taumelte von dannen. 
Das hätte jetzt Zufall sein können, also wiederholte ich am folgenden Morgen das Experiment. Rollo auf, Plopp, kurzes Schütteln der acht Beine, von dannen taumeln. Und am nächsten Tag dasselbe: Rollo, Plopp, taumeln... Es war zum Schießen! Dabei war es völlig egal, ob ich das Rollo langsam und leise oder schnell und laut hochzog. Spinne fiel, rappelte sich auf und torkelte weiter! Man konnte also schon von einer gewissen Gewohnheit sprechen, und offenbar braucht dieser seltsame Achtbeiner  diesen besonderen morgendlichen Moment des Schocks, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Was für eine merkwürdige Angewohnheit, sich wecken zu lassen. 

Andererseits: Wir haben da diese Wecker... 

Samstag, 12. Juli 2014

Wir sind Zauberer!

Wir sind große, mächtige Zauberer! Doch, ehrlich! 
Das gute Wetter der letzten Zeit hat an unseren Kindern deutliche Spuren hinterlassen. Jung Sonnenkönig hat sich seinen ersten, kleinen Sonnenbrand auf den Armen geholt, Prinzessin Wirbelwind hat je Bein rund ein Dutzend blaue Flecken. Dazu kommen noch bei beiden zahlreiche Hautabschürfungen, Kratzer und ähnliche Beschädigungen der Oberhaut. 
Oh, ich höre schon den Aufschrei der ewigen Weltverbesserer: „Da muss man doch besser aufpassen! Das geht doch nicht! Die armen Kinder! Aufsichtspflicht! Aufsichtspflicht!“ 
Doch, geht. Stürze, Salti und Asphaltakne gehören schlicht dazu, wenn Kind seine eigenen Erfahrungen machen soll. Aber natürlich sind der Eltern stützende schnell da, wenn der Sturz zu tief zu werden droht. Aber in Watte werden wir unsere Zwerge sicher nicht packen. Das ist nämlich auch nicht gut für die Kinder. Dieses dazu. 
Und mal abgesehen vom moralischen Standpunkt der Erziehung: Kratzer und Abschürfungen machen aus uns Eltern in den Augen der Kinder großartige, mächtige Zauberer!

Mit schmerzverzerrtem, tränenverhangenen Gesicht kam Sohnemann heulend von seinen Kletterversuchen am Apfelbaum im heimischen Garten zurück. Am Kinn, knapp neben dem linken Ohr, erblickte mein medizinisch geschultes Auge eine gar schröckliche Schürfwunde! Die Entdeckung der Hautschädigung wurde durch unablässiges, deutliches Zeigen seitens meines gemarterten Sohnes sehr erleichtert, sodass ich mich unverzüglich an meine heilende Aufgabe machen konnte. Das Opf... Der Patient wurde zunächst zum Unfallhergang befragt: „Der blöde Baum hat mich abgerutscht!“ war die Antwort. Aha
Ich beglückwünschte meinen Sohn zu dem Mut, einen viel zu hohen Apfelbaum im Alleingang ohne Sicherungsseil und Sauerstoffgerät erklimmen zu wollen, wies aber zugleich darauf hin, dass er zumindest hinsichtlich seiner Körpergröße wohl noch nicht alle Anforderungen für diese Expedition erfülle. Damit hatte ich Jung Reinhold erst mal vom Schmerz am Kinn abgelenkt, denn er erwiderte bestürzt: „Aber ich bin doch schon ganz schön groß!“ Ich murmelte etwas bedingt zustimmendes und geleitete den Hobby-Alois-Trenker ins kombinierte Bade- und Krankenzimmer. Dort inspizierte ich mit wichtiger Kennermiene die Wunde, während mein Sohn jede meiner Bewegungen und Bemerkungen argwöhnisch beobachtete. Wahrscheinlich hatte er Sorge, ich würde sofort amputieren. Das hatte ich natürlich nicht vor. Die Säge war noch beim Schleifer
Oh, da hast du dir aber einen heftigen Kratzer geholt.“ Stolz schwoll Sohnes Brust. „Na, das kriegen wir wieder hin!“ Mit diesen Worten beendete ich die Diagnose und trat in die Phase der Therapie ein. Der Kratzer wurde unter einer Schicht Wundheilsalbe begraben, während ich fremdländische Worte murmelte und Sohnemann erklärte: „Das ist Zaubersalbe.Damit wird das Kinn ganz schnell wieder heil.“ „Jaaa!“ kam die Antwort, „und dann brauche ich noch ein Pflaster, ein blaues!“ Blau ist seine derzeitige Lieblingsfarbe. Natürlich bepflasterte ich den Kratzer mit einem großen, blauen Pflaster, murmelte noch ein paar dunkle Beschwörungen und verkündete: „Morgen früh kann das Pflaster wieder ab und du in den Kindergarten!“ Leise Enttäuschung machte sich auf dem kleinen Gesicht breit. „Aber morgen, da blute ich bestimmt!“ Nun, wir werden sehen. 
Am nächsten Morgen weigerte sich unser Kletterheld standhaft, das große blaue Pflaster vom Kinn zu reißen, weil er „nämlich bestimmt noch ganz schlimm blutet!“ Ich schrecklicher Mensch blieb stur und zupfte mit einer schnellen Bewegung das Pflaster ab und hielt mir sofort die Ohren zu. Meister Thronfolger verlieh seinem Unmut ausgesprochen lautstarken Ausdruck. Mit ernster Miene untersuchte ich sein Kinn und zeigte ihm im Spiegel, wie wenig von seinem schrecklichen, blutigen Kratzer übrig geblieben war. „Das war die Zaubersalbe!“ sagte ich. „Die hat dafür gesorgt, dass dir neue Haut wächst.“ Söhnchens Augen wurden groß wie Suppentassen. Was der Papa alles kann! Ganz neue Haut! Über Nacht! Das war dann doch erstaunlich. In seinen Augen war deutlich abzulesen, welche Geschichte er gleich im Kindergarten erzählen konnte. Aber dasTüpfelchen auf dem „i“ fehlte noch: „Aber, aber... dann brauche ich jetzt ein Pflaster, damit die Haut nicht gleich kaputt geht! Ein blaues!“ Nun, gegen so viel Logik konnte ich natürlich nichts ausrichten, und Sohnemann ging mit stolzgeschwellter Brust, einem riesigen, knallblauen Pflaster am Kinn und einer irrsinnig tollen Geschichten über seinen Papa mit der Zaubersalbe in den Kindergarten. 

Sohnemann und Klein Töchterlein befinden sich alterstechnisch noch einige Zentimeter unterhalb der Einschulungsmarke. Da funktioniert der Trick noch. Nur noch ein paar viel zu wenige Jahre, und unsere Kinder werden uns bei so einer Geschichte anschauen und uns fragen, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben.

Ja, haben wir! Alle bunt, kaputt und gemischt! 

Dienstag, 8. Juli 2014

Strandschätze!

Wisst ihr, was ich am Sommer so mag? 
Den Strand! Es ist einfach herrlich, an einem warmen, sonnigen Tag am Meer entlang zu spazieren, sich herrliche Landschaften anzuschauen und einfach Wärme, Wetter und Aussicht zu genießen.
Unsere Schatzkammer! 
Tatsächlich gehöre ich eher nicht zur Fraktion der Strandlieger, sonder eigentlich zu den Strandläufern. Oder doch wenigstens zu den Strandspaziergängern. Das deckt sich sinnigerweise mit den Vorlieben meiner Frau, die den Strand nicht der Ausicht wegen besucht, sondern um ihm seine mannigfaltigen Schätze zu entreißen.

Mit der Tüte in der Hand un dem Blick am Boden wandet mein Frauchen bei jedem Strandaufenthalt langsam aber stetig am Ufer entlang und entdeckt regelmäßig unzählige Granite, Pegmatite, Ukanit, Urkalk (gewöhnlich auch Marmor genannt), Quarze und Quarzite, und was es da sonst noch so alles gibt. Nebenbei finden aber auch seltene Fossilien oder hübsche Muscheln den Weg in ihre schier bodenlose Tüte. Jeder Fund wird ausgiebig bewundert, der Welt im Allgemeinen und mir im Besonderen detailreich beschrieben, sowie sein weiterer Werdegang als künftiges Schmuckstück zumindest grob skizziert. 
Da gibt es hübsch anzuschauende Felsformationen im Miniaturformat, erstaunliche Zeugnisse der Erdentwicklung, Beweise vulkanischer Aktivitäten in vorglazialer Zeit, sowie (unter anderem) eine stattliche Anzahl an Indizien, dass diese Welt bereits lange vor Ankunft des Homo sapiens reichlich besiedelt war. Zu Stein erstarrte Schnecken, Wirbeltierchen und anderes Gewürm starrt uns aus silikater Umhüllung und großer temporaler Entfernung an. All das so sehens- und bemerkenswert, dass andere kluge Geister bereits mehrere Regalmeter Bücher darüber geschrieben haben, komplett mit Karten und Bildern der Fundstücke.

Immer, wenn meine begeisterte Strandgut-Sammlerin ein besonders schönes Exemplar ozeanischer Hinerlassenschaft findet, freut sie sich wie Bolle und ruft alle Welt herbei, auf dass sie ihre Freude teile. Und weil es bei uns am Strand der Ostsee reiche Beute gibt, freut sie sich oft. 
Vor ein paar Tagen konnte ich bei meiner Frau sogar einen besonders heftigen Ausbruch an Freude entdecken. Und das kam so:

Eigentlich hatte der Tag gar nicht so toll angefangen, jedenfalls in meteorologischer Hinsicht. Die Wolken hingen grau, fett und träge über der Stadt, die Temperaturen hatten sich in wärmere Gefilde verabschiedet und außerdem gab es da ja noch ein wenig Hausarbeit, die getan werden sollte. Irgendwann waren wir aber mit der Hausarbeit fertig und alle Pflichten erfüllt, und wir machten ein wenig Mittagspause, komplett mit Sofa und Schlummer. Mit einem wohligen Schmatzen und Schnurren erwachte ich aus meinem Suppenkoma, warf einen Blick aus dem Fenster und verkündete umgehend meinen Beschluss: „Familie! Man kleide sich an! Die Sonne ruft und der Strand lacht!“
Frau und Kinder warfen sich mit Begeisterung in Schuhe und Jacken, rannten zum Auto und zogen sich die Jacken sofort wieder aus. Denn mit der Sonne waren auch die Gräder wiedergekommen, und es war angenehm warm. Schnell noch die Schaufeln für die Kinder in den Kofferraum geworfen, und schon waren wir auf dem Weg ans Meer, das ja von unserer heimischen Höhle gar nicht so weit entfernt vor sich hin plätschert.

Am Strand warfen sich Jung Bauunternehmer und zukünftige Ingenieurin sofort an die Schaufeln und begannen mit dem Bau eines neuen und viel besseren Nordostseekanals, während meine Frau den Kopf senkte und systematisch Quadratzentimeter für Quadratzentimeter den Wellensaum absuchte. Und richtig: Nach nur wenigen Minuten erreichte mich der erste Ruf: „Guck mal, wie hübsch!“ Der erste kleine Schatz war gehoben: Ein Stein! Wer hätte das gedacht? 
In diesem Stil ging es weiter. Meine Kinder gruben Kanal um Kanal, meine Frau stülpte den Strand um, und die Tüte wurde langsam, aber sicher voll. Ich indessen bewunderte zum wiederholten Male die ruhige Ostsee, das weit entfernte Ufer Dänemarks, die weißen Segel, die warme Luft und den ganzen Rest. Das Leben war schön. Und weil der Vormittag ja nicht gerade mit sommerlichen Prachtwetter aufgewartet hatte, war der nachmittägliche Strand auch nicht sonderlich belegt. Es herrschte eine wundervolle Ruhe, nur unterbrochen vom „Guck mal hier!“ meiner Frau und den enthusiastisch kommentierten industriellen Fortschritten meiner Kinder. Ich genoss.

Plötzlich aber unterschied sich die Frohe Kunde meiner Frau deutlich von den bisherigen Jauchzern: „Ich werde verrückt!“ Mit breitem Grinsen und gar anmutigen Schritten tänzelte lieb Frauchen auf mich zu und rief immerzu: „Das gibt’s ja gar nicht! Guck mal, was ich gefunden hab!“ In ihrer zarten Hand erstrahlte ein schönes Stück urzeitlichen Harzes, landläufig als Bernstein bekannt, das Gold der Ostsee! Tatsächlich ist Bernstein in unserer Gegend nur sehr selten zu finden, was den Grund eheweiblicher Freude erklärt.
Das Gold der Ostsee in zarter Hand...
Mit kindlicher Begeisterung erzählte mir meine Holde, wo genau und unter exakt welchen Umständen sie nun jenen erstaunlichen Schatz gefunden und geborgen hatte. Ihr erstes, ganz eigenes und selbst gefundenes Stückchen Bernstein! Und zudem war dieses besondere Steinchen auch noch geschmückt mit einem urzeitlichen Blättchen! Das jener erste, geradezu legendäre Fund bereits gelocht war und dann auch noch ein uraltes Stückchen Lederband im Loch steckte, tat ihrer grenzenlosen Freude keine Abbruch. Selbst die Kinder waren fasziniert vom goldenen Glanz und der Wärme dieses edlen Steins und freuten sich mit ihrer Mama, bevor sie sich an das nächste strändische Bauobjekt wagten.
Einige Augenblicke genossen meine Frau und ich noch den Nachhall ihres Glücksfundes, dann ging es weiter am Strand entlang, auf der Suche nach dem nächsten maritimen Schatz. Und manchmal schlägt das Glück des Sammlers mit aller Wucht zu. Denn nur einige Dutzend Meter vom ersten Schatz entfernt brach meine Frau zum zweiten Mal in einen geradezu unglaublichen Freudentaumel aus! Ein weiteres, schönes Stück Bernstein glänzte in ihrer Hand, und ihr Glück war vollkommen! Denn dieser Stein hatte weder Loch noch Lederband, sondern war vollkommen natürlich und vermutlich unberührt. Andächtig standen wir um den Stein herum, betrachteten ihn, und meine Frau erklärte mir eifrig, was für schöne Dinge aus diesem Bernstein werden könnten, sobald wir zu hause wären. Aber der Tag war noch nicht alt genug und das Wetter noch nicht schlecht genug, um schon den Heimweg anzutreten. So setzten wir unsere gemütliche Wanderung fort, die uns in einem weiten Bogen zurück zu unserem Auto führte. All die schönen, besonderen Steine, die nun noch gefunden wurden, verblassten hinter dem Glück, an einem einzigen Tag gleich zwei wunderschöne Bernsteine gefunden zu haben. Und wer nach uns an den Strand kam, hätte unsere Spur verfolgen können, denn hinter uns lagen unzählige Kanäle, Sandburgen und Häfen, die Klein Baumeister und Maid Schaufel auf ihrem Weg geschaffen hatten.
Jene Schätze, die wir gefunden haben, sind inzwischen dem Gefängnis der Tüte entronnen und wurden gründlich gesäubert und getrocknet. Jetzt warten sie darauf, dass aus einem schnöden Stück Erdgeschichte ein zartes, glänzendes, elegantes und schön anzuschauendes Schmuckstück wird.


Wer sich mal anschauen möchte, was aus Steinen werden kann, dem empfehle ich einen Klick auf den folgenden Link:  

Freitag, 4. Juli 2014

Autsch!

Vater sein wird mit der Zeit auch immer gefährlicher. Man mag es kaum glauben! 
In den Anfangszeiten meiner Vaterschaft konnte ich mich mit meinem Sohn beschäftigen, und das gefährlichste, was mich erwarten konnte, war ein unappetitlicher Fleck irgendwo auf dem Hemd. Die Farbe des Fleckes war dabei ebenso unerheblich wie der Geruch desselben.

Irgendwann später war die größte Gefahr, über liegen gebliebene Kuscheltiere in allen Größen und Formen zu stolpern. Das beste daran war, dass diese Kuschelviecher grundsätzlich weich waren! Ein unbeabsichtigtes Betreten des ungewöhnlichen Bodenbelags hatte also nichts weiter zur Folge, als eine Reihe Tanzschritte zur Wiedererlangung kosmischen Gleichgewichtes, sowie eine Reihe ausgewählter Schimpfworte, die man maximal in den nicht vorhandenen Bart nuschelte, damit Kleinkind nicht schon so früh verbal verunreinigt wird.
Mit den Jahren der Kindererziehung erlernte ich auch gewisse Techniken, unerwartetem Spielgerät quasi blind auszuweichen. Ich entwickelte ein Gespür dafür, wo Laufrad, Schaufel und Malstifte meinen Pfad versperrten, schwebte traumwandlerisch über mehr oder weniger kleine Haufen Autos, die unvermittelt in Türen, auf Sofas und unter den Tischen auftauchten, und übersah auch nicht Unmengen an Wäsche, die seltsamerweise völlig unangekündigt mitten im Badezimmer materialisierten. 
All das kein Problem, keine Gefahr. Mein Sohn konnte mir in den Weg legen, was immer er wollte, ich überstieg es, wich dem Hindernis aus oder trampelte ohne jede erkennbare Gefühlsregung darauf herum. Summa summarum blieb ich vor allem eines: Unverletzt!


Das hat sich nun gerade heute geändert! 
Der Tag war warm, wir hatten viel Spaß im Garten, und es gelang mir wie gewohnt, den Gefahren zweier Kinder routiniert auszuweichen. Irgendwann ist aber auch in unserem Haushalt die Zeit gekommen, da die Kinder so ganz allmählich Morpheus' Armen überantwortet werden sollten. Sohnemanns Schlafhöhle liegt nun auf dem Sonnendeck unserer heimischen Burg. Und weil der Tag sehr sonnig und warm war, herrschten dort oben geradezu sonnenhohe Temperaturen, trotz umfangreicher Abschattungs- und Isolierungsmaßnahmen. Bei dieser Hitze kann man einfach nicht schlafen. Glücklicherweise war am Abend die Sonne ja schon im Begriff, sich hinter dem Horizont zu verstecken, weshalb ein wenig Wind aufkam. Diesen Wind gedachte ich (als treusorgender Familienvater, der ich nun mal bin) mittels geschickt geöffneter Fensterfluchten zu kanalisieren und zwecks Abkühlung durch des Thronfolgers Schlafsaal zu lenken. Super Plan! Er ist im Grunde auch geglückt, hatte aber den Nachteil, dass ich, der ich aufgrund hoher Umgebungstemperaturen barfuß unterwegs war, das Territorium meines Sohnes zu durchqueren hatte. Schon der zweite Schritt auf seinem Terrain endete in einem improvisierten, einbeinigen Tanz und einem unterdrückten Schrei des Schmerzes. Ich hatte das Gefühl, auf eine fiese Mine getreten zu sein! Ein scharfer Schmerz durchzuckte meinen Fuß, unmittelbar, nachdem ein ansonsten völlig unbeachtet herumliegendes Lego-Konstrukt tiefgehenden und plötzlichen Kontakt mit ihm gesucht hatte. Mühsam hielt ich meine Tränen zurück und gab dem Verursacher dieser unsäglichen Fußschmerzen einen kräftigen Tritt aus meinem Wirkungsbereich! Der weitere Weg verlief ereignislos, bis ich das Fenster erreichte. Ich öffnete es weit und verkeilte den Fensterflügel, auf dass mein Lüftungsplan gelinge. Umdrehen, kurz Richtung Ausgang orientiert, erster Schritt – AUTSCH! Zum zweiten Mal trampelte ich mit Schwung auf das nächste Klötzchenbauwerk! Mit dem gleichen, bereits hinlänglich malträtierten Fuß! Ein weiterer Schwall mühsam geflüsterter Flüche ergoß sich durch das Kinderzimmer. Gleichzeitig lernte eine eher grobe Legokonstruktion urplötzlich das Fliegen sowie die zufallsbasierte Dreipunktlandung. 
Der weitere Weg in die sicheren Gefilde aufgeräumter Räumlichkeiten verlief unfallfrei, nachdem ich jeden Zentimeter meines Pfades argwöhnisch nach weiteren Hindernissen abgesucht hatte. Wie es sich für einen Mann meines Kalibers gehört, verbiss ich mir den höllischen Schmerz, als ich mich dem Kreise meiner Familie im Erdgeschoss wieder anschloss.

Kinder ins Bad treiben, Umkleidungsrituale, umfangreiche Reden zum Thema „Der saubere Zahn und seine Wirkung auf die Außenwelt“ sowie weitere Riten zur Erlangung der Bettfähigkeit verliefen ohne Beanstandungen und wurden unfallfrei beendet. Es wurde Zeit, die Brut ins Bett zu verfrachten. 
Was lieb Töchterlein angeht, gab es keinerlei Probleme. Ihre Hindernisse befinden sich noch in der Phase „Ach, wie kuschelig!“ Tochter ins Bett gestopft, Gute-Nacht-Kuss, Schlafmusik, Ende der Geschichte. 
Theoretisch hätte das mit Sohnemann genauso funktionieren müssen. Aber das Fenster war ja noch auf! 
Während Morpheus' Jünger es sich im Bett gemütlich machte, wandelte ich auf sicheren Pfaden zum Fenster und schluchzte nur kurz, als mein Fuß nun zum dritten Mal einen Legoklotz von oben traf.Mit dem ganzen Gewicht meiner Vaterfigur, inklusive der Konstanten für die Gravitation, stellte ich mich auf die scharfe, betonharte Kante des Legosteines. Meine innere Fluchliste wurde sofort um etliche neue Kreationen verlängert! 
Sämtliche Flüche stellten sich auf meiner Zunge zwecks lautstarker Aussprache an, wurden aber erfolgreich vom Schutzwall der Lippen am Ausbruch gehindert. 
Mit äußerer Ruhe und Gelassenheit sowie inneren Monologen voll Fluch und Pein schloss ich das Fenster und sperrte das abendliche Licht aus. Mein Sohn bemerkte, wie ich es beabsichtigt hatte, nichts von meinen inneren Qualen und Schmerzen. Schlafmusik, Gute-Nacht-Kuss, Ende der Geschichte. 
Oder doch nicht so ganz. Denn als ich mich sicher fühlte, kurz bevor ich die Hallen der Schmerzes verlassen sollte, schaute ich noch einmal meinen schlaftrunkenen Sohn in seinem Bett an - und erlebte prompt ein viertes Mal eine ganz persönliche Welt pedaler Schmerzen! 
Morgen wird dieser Aushilfsattentäter sein Zimmer aufräumen! Und zwar unter meiner persönlichen, ständigen Aufsicht! Und danach werde ich jeden einzelnen Legostein in Schaumstoff packen!