Dienstag, 15. Juli 2014

Frühe Angewohnheiten

Kennt ihr das? Man wacht morgens erstaunlich früh auf und muss erst mal überlegen, wer  man ist, wo man ist und ob noch alles da  ist. Jeder Mensch braucht einfach so seine Zeit, bis er sich nach einem langen, tiefen Schlaf einigermaßen gesammelt hat, um der Welt frisch und mit Elan entgegenzutreten. Bei mir geht das im Allgemeinen vergleichsweise schnell. Ich öffne die Augen, vertreibe ein vages, allgemeines Schuldgefühl, zähle kurz meine Extremitäten, und wenn alle noch da sind, stehe ich auf und beginne meinen Tag, meistens mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Aber ich kenne da auch andere... 

Da ist zum Beispiel der Typ, dem ich morgens vor dem ersten Kaffee nicht mal ein stumpfes Plastikmesser in die Hand geben würde, weil er emotional irgendwo zwischen Motorsägenmassaker und spontaner Selbstentzündung steht. Bei ihm sollte der Kaffee (schwarz, stark und auf Trinktemperatur) schon bereitstehen, wenn er seine Schlafhöhle verlässt, um Kollateralschäden zu vermeiden. Komisch, wenn er schläft, sieht er aus wie ein kleines unschuldiges Kind...
Dann gibt es auch noch jene, die sich noch im Halbschlaf Joggingdress, Laufschuhe und Smartphone schnappen, um vor dem Wachwerden mal eben schnell einen Halbmarathon um den Block zu rennen, damit sie "das Leben spüren". In diesem Fall frage ich mich immer, ob es bei diesen ganzen Jogging-Apps auch eine Funktion gibt, die dem Läufer sagt, wohin er laufen soll. Also, ich habe im Halbschlaf die Augen meistens noch zu, und ohne Brille sehe ich sowieso nichts. Und halb- bis dreiviertelblind joggen zu gehen, ist dann schon eine kleine Herausforderung.
Andere wiederum brauchen einfach nur eine gewisse Zeit, bis sie auf Betriebstemperatur sind und am täglichen Leben teilnehmen können. Die stehen auf, taumeln zum Sofa, schalten den Fernseher ein und bleiben regungslos und leicht sabbernd sitzen, bis die Frühnachrichten beendet sind oder das Morgenmagazin unerträglich wird. Aber dann sind sie hellwach und meistens sogar recht umgängliche Menschen. 

Selbst Tiere haben so ihre allmorgendlichen Angewohnheiten, wenn sie gerade wach geworden sind. Unsere Madame Teppichtiger zum Beispiel beginnt jede ihrer spärlichen Wachphasen mit einem ausgiebigen Gähnen und der lautstarken, minutenlangen Verkündigung, dass sie jetzt sofort aus den Pfoten kippt, weil sie ja schon wieder verhungern muss! Was uns, angesichts üppig gefüllter Näpfe, Teller und Tassen, eher unwahrscheinlich erscheint. Aber so ist sie nun mal, unsere Katze...
Die beiden Hunde unserer Nachbarin sind nicht sie selbst, wenn sie nicht morgens kurz vor Sonnenaufgang erst mal in den Garten rasen dürfen, um dort jeden einzelnen Busch, Baum und Strauch nach Strich und Faden zu verbellen.
Nun könnte man ja argumentieren, dass es ja eigentlich kein Wunder sein, wenn Haustiere geradezu menschlich anmutende Angewohnheiten haben. Immerhin verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit damit, in der Umgebung von Menschen zu sein und die Angewohnheiten ihrer Herrchen und Frauchen zu adaptieren. Wie der Herr, so's Gescherr!
Allerdings habe ich unwiderlegbare Beweise, dass es auch in der außerhäusigen Fauna Individuen gibt, die jeden Morgen ihr animalischen Äquivalent einer schönen heißen Tasse Kaffee brauchen, bevor sie wach werden. Also, zumindest ein Vieh kenne ich, das morgens nach dem Aufstehen noch nicht voll auf der Höhe ist.
Wie man es hier oben im Norden häufig sieht, verfügt auch unser Casa del Gütt nicht über außen angebrachte Jalousien.Unsere Fenster werden von innen verdunkelt, mit Plissees, Rollos und was der Markt so hergibt. So hängt zum Beispiel an einem unserer Wohnzimmerfenster ein Rollo, das eben jeden Abend herunter- und jeden Morgen heraufgezogen wird. Es hängt innen. Um das noch einmal zu betonen. 
Vor einigen Tagen kam meine Herzallerliebste auf mich zu und sprach: "Du, sowas habe ich auch noch nicht erlebt. Immer, wenn ich das Rollo aufmache, fällt eine Spinne runter!" 

Hartmuth - die Geschockte Morgenspinne
Sehr seltsam, das. Als ich die Sensation jedoch in Augenschein nehmen wollte, hatte sich das Tierchen offenbar schon wieder auf den Weg in den Alltag gemacht. Jedenfalls war keine arachnide Spur mehr zu sehen. Also legte ich mich am nächsten Morgen auf die Lauer, um Augenzeuge zu werden. Lange nach Sonnenaufgang zog ich das Rollo hoch, und richtig: Plopp! Die Spinne fiel, lag einen Augenblick in der Agonie des verfrühten Erwachens, rieb sich ihre acht Augen und taumelte von dannen. 
Das hätte jetzt Zufall sein können, also wiederholte ich am folgenden Morgen das Experiment. Rollo auf, Plopp, kurzes Schütteln der acht Beine, von dannen taumeln. Und am nächsten Tag dasselbe: Rollo, Plopp, taumeln... Es war zum Schießen! Dabei war es völlig egal, ob ich das Rollo langsam und leise oder schnell und laut hochzog. Spinne fiel, rappelte sich auf und torkelte weiter! Man konnte also schon von einer gewissen Gewohnheit sprechen, und offenbar braucht dieser seltsame Achtbeiner  diesen besonderen morgendlichen Moment des Schocks, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Was für eine merkwürdige Angewohnheit, sich wecken zu lassen. 

Andererseits: Wir haben da diese Wecker... 

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