Samstag, 12. Juli 2014

Wir sind Zauberer!

Wir sind große, mächtige Zauberer! Doch, ehrlich! 
Das gute Wetter der letzten Zeit hat an unseren Kindern deutliche Spuren hinterlassen. Jung Sonnenkönig hat sich seinen ersten, kleinen Sonnenbrand auf den Armen geholt, Prinzessin Wirbelwind hat je Bein rund ein Dutzend blaue Flecken. Dazu kommen noch bei beiden zahlreiche Hautabschürfungen, Kratzer und ähnliche Beschädigungen der Oberhaut. 
Oh, ich höre schon den Aufschrei der ewigen Weltverbesserer: „Da muss man doch besser aufpassen! Das geht doch nicht! Die armen Kinder! Aufsichtspflicht! Aufsichtspflicht!“ 
Doch, geht. Stürze, Salti und Asphaltakne gehören schlicht dazu, wenn Kind seine eigenen Erfahrungen machen soll. Aber natürlich sind der Eltern stützende schnell da, wenn der Sturz zu tief zu werden droht. Aber in Watte werden wir unsere Zwerge sicher nicht packen. Das ist nämlich auch nicht gut für die Kinder. Dieses dazu. 
Und mal abgesehen vom moralischen Standpunkt der Erziehung: Kratzer und Abschürfungen machen aus uns Eltern in den Augen der Kinder großartige, mächtige Zauberer!

Mit schmerzverzerrtem, tränenverhangenen Gesicht kam Sohnemann heulend von seinen Kletterversuchen am Apfelbaum im heimischen Garten zurück. Am Kinn, knapp neben dem linken Ohr, erblickte mein medizinisch geschultes Auge eine gar schröckliche Schürfwunde! Die Entdeckung der Hautschädigung wurde durch unablässiges, deutliches Zeigen seitens meines gemarterten Sohnes sehr erleichtert, sodass ich mich unverzüglich an meine heilende Aufgabe machen konnte. Das Opf... Der Patient wurde zunächst zum Unfallhergang befragt: „Der blöde Baum hat mich abgerutscht!“ war die Antwort. Aha
Ich beglückwünschte meinen Sohn zu dem Mut, einen viel zu hohen Apfelbaum im Alleingang ohne Sicherungsseil und Sauerstoffgerät erklimmen zu wollen, wies aber zugleich darauf hin, dass er zumindest hinsichtlich seiner Körpergröße wohl noch nicht alle Anforderungen für diese Expedition erfülle. Damit hatte ich Jung Reinhold erst mal vom Schmerz am Kinn abgelenkt, denn er erwiderte bestürzt: „Aber ich bin doch schon ganz schön groß!“ Ich murmelte etwas bedingt zustimmendes und geleitete den Hobby-Alois-Trenker ins kombinierte Bade- und Krankenzimmer. Dort inspizierte ich mit wichtiger Kennermiene die Wunde, während mein Sohn jede meiner Bewegungen und Bemerkungen argwöhnisch beobachtete. Wahrscheinlich hatte er Sorge, ich würde sofort amputieren. Das hatte ich natürlich nicht vor. Die Säge war noch beim Schleifer
Oh, da hast du dir aber einen heftigen Kratzer geholt.“ Stolz schwoll Sohnes Brust. „Na, das kriegen wir wieder hin!“ Mit diesen Worten beendete ich die Diagnose und trat in die Phase der Therapie ein. Der Kratzer wurde unter einer Schicht Wundheilsalbe begraben, während ich fremdländische Worte murmelte und Sohnemann erklärte: „Das ist Zaubersalbe.Damit wird das Kinn ganz schnell wieder heil.“ „Jaaa!“ kam die Antwort, „und dann brauche ich noch ein Pflaster, ein blaues!“ Blau ist seine derzeitige Lieblingsfarbe. Natürlich bepflasterte ich den Kratzer mit einem großen, blauen Pflaster, murmelte noch ein paar dunkle Beschwörungen und verkündete: „Morgen früh kann das Pflaster wieder ab und du in den Kindergarten!“ Leise Enttäuschung machte sich auf dem kleinen Gesicht breit. „Aber morgen, da blute ich bestimmt!“ Nun, wir werden sehen. 
Am nächsten Morgen weigerte sich unser Kletterheld standhaft, das große blaue Pflaster vom Kinn zu reißen, weil er „nämlich bestimmt noch ganz schlimm blutet!“ Ich schrecklicher Mensch blieb stur und zupfte mit einer schnellen Bewegung das Pflaster ab und hielt mir sofort die Ohren zu. Meister Thronfolger verlieh seinem Unmut ausgesprochen lautstarken Ausdruck. Mit ernster Miene untersuchte ich sein Kinn und zeigte ihm im Spiegel, wie wenig von seinem schrecklichen, blutigen Kratzer übrig geblieben war. „Das war die Zaubersalbe!“ sagte ich. „Die hat dafür gesorgt, dass dir neue Haut wächst.“ Söhnchens Augen wurden groß wie Suppentassen. Was der Papa alles kann! Ganz neue Haut! Über Nacht! Das war dann doch erstaunlich. In seinen Augen war deutlich abzulesen, welche Geschichte er gleich im Kindergarten erzählen konnte. Aber dasTüpfelchen auf dem „i“ fehlte noch: „Aber, aber... dann brauche ich jetzt ein Pflaster, damit die Haut nicht gleich kaputt geht! Ein blaues!“ Nun, gegen so viel Logik konnte ich natürlich nichts ausrichten, und Sohnemann ging mit stolzgeschwellter Brust, einem riesigen, knallblauen Pflaster am Kinn und einer irrsinnig tollen Geschichten über seinen Papa mit der Zaubersalbe in den Kindergarten. 

Sohnemann und Klein Töchterlein befinden sich alterstechnisch noch einige Zentimeter unterhalb der Einschulungsmarke. Da funktioniert der Trick noch. Nur noch ein paar viel zu wenige Jahre, und unsere Kinder werden uns bei so einer Geschichte anschauen und uns fragen, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben.

Ja, haben wir! Alle bunt, kaputt und gemischt! 

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