Dienstag, 12. August 2014

Rolle vorwärts!

Im goldenen Licht der Abenddämmerung saß ich dieser Tage mit meiner Frau beim schottischen Schlummertrunk. Während meine Herzallerliebste lieblich mit Stricknadel und Wollfaden klapperte, erinnerte ich mich an jene längst vergangenen Tage, als ein viel jüngerer Schreiberling auf den schmalen Rädern seiner Inlineskates die Straßen seines Heimatortes unsicher machte. Anlass dieses melancholischen Anfalls von Historie waren die beiden funkelnagelneuen Fahrräder unseres Nachwuchses. Da Prinz Vollgas und Lady WelcheBremse natürlich noch nicht allein auf sich gestellt am wilden, nordischen Straßenverkehr teilnehmen sollten, blieb ihrem Erzeuger nichts anderes übrig, als seinen eigenen, in Ehren verrosteten Drahtesel aus den Tiefen unserer Katakomben freizulegen, um die Kinder bei ihren Ausflügen zu begleiten. Nun ist mein Zweirad zwar nicht das modernste, aber ein gutes Stück, das nach einer Wäsche, ein wenig Luft und Öl und einigen Gebeten brav seinen Dienst verrichtete, und noch verrichtet. Andererseits erinnerte ich mich eben an diesem denkwürdigen, lauen Abend an meine Inlineskates, die irgendwo in den noch tieferen Schichten unserer Katakomben ein vergessenes Dasein fristeten. Davon erzählte ich dann meinem Weibe, die auch gleich eine tolle Idee hatte: „Lass uns doch mal die Kinder mit den Inlinern begleiten!“ Fantastische Idee!
Nach einigem Suchen fanden wir denn auch nicht nur meine längst vergessenen Rollschuhe, sondern auch die meiner Frau. Und beide Paare sahen nach langer Zeit in Dunkelheit, Kälte und Feuchte nicht mehr so ganz trag- und rollbar aus. Für solche Fälle gibt es ja glücklicherweise einen Recycling-Kreislauf und den örtlichen Sportwarenfachhandel. Dort versorgten wir beide uns mit hochmodernen Inlinern, Helm und Protektoren und freuten uns schon auf die bevorstehende sportliche Runde mit unserem Nachwuchs auf den Velos und uns auf den Rollen. Machen wir es kurz: Meine Frau kann fahren, ich nicht!
Während der Rest der Familie völlig unbeschwert mit Helmen, Rollen, Protektoren und Fahrrädern hantierten, hatte ich so meine Probleme. Immerhin war es schon die eine oder andere Dekade her, dass ich mich auf Inlinern bewegt hatte. Daher beschloss ich, meine Ausrüstung in der Sicherheit des heimischen Wohnzimmers anzulegen, wenigstens konnte ich mich dort an einer ganzen Menge Möbeln und Wänden festhalten. Was ich nicht bedacht hatte, war die Treppe, die die Haustür mit dem Rest der Welt verband. Irgendwie musste ich, inzwischen gut verpackt in Helm, Ritter Kuniberts Plaste-Variante der Ausgehrüstung und einer stattlichen Anzahl Stoßgebete, irgendwie auf das Straßenniveau herunterkommen, vorzugsweise heil. Zitternd und zuckend stampfte ich quer zur Treppe Stufe für Stufe hinunter und kam auch, begleitet vom tosenden Applaus meiner Familie, einigermaßen sicher unten an. Aber hier begann das Abenteuer ja erst richtig! Denn irgendwann musste ich ja auf die Straße, wenn ich Frau und Kinder bei dem Ausflug begleiten wollte. Ich hoffte inständig, dass nicht irgendwelche Kameras auf mich gerichtet seien, während ich widerstrebend den Handlauf der Treppe los ließ. Ich hätte ihn ja gerne mitgenommen, zum Festhalten, aber meine Frau wollte nicht, dass ich das Ding abschraube. Ich entsann mich also notgedrungen der jahrhundertealten Bewegungen, die ich damals, als die Welt eine viel jüngere war, so sicher beherrschte wie meine Muttersprache. Knie leicht anwinkeln, Rest des Körpers gerade halten, und dann wie beim Schlittschuhfahren nach vorn gleiten. Das Blöde ist nur, dass es noch viel länger her ist, seit ich auf Schlittschuhen stand. Aber nach einigen Tanzschritten, einer Anzahl ausgewachsener Flüche, denen meine beiden Nachwuchs-Altigs interessiert zuhörten, und zwei bis drei schmutzigen Tricks, mit denen ich tatsächlich die Erdanziehung wenigstens zeitweise an der Nase herumführen konnte, gelang es mir tatsächlich, vorwärts zu kommen. Und mit jedem weiteren Schritt dämmerte es mir, dass es mit dem Inlineskaten nicht anders ist, als mit dem Fahrradfahren: Einmal gelernt, vergisst man es nicht. Dummerweise dauert es mit dem Erinnern immer länger, je älter man ist…
Bisher ging aber alles gut. Ich fuhr zwar nicht elegant, aber doch einigermaßen beständig in die Richtung, die ich beabsichtigt hatte. Allerdings sollten wir alsbald rechts abbiegen, und mein Hirn arbeitete bereits auf Hochtouren, um die passenden Erinnerungen zum Richtungswechsel irgendwo zu finden. Der Abzweig war schon beinahe hinter mir, als ich damit begann, mein Gewicht zu verlagern und die Füße behutsam, aber bestimmt in die richtige Richtung zu drehen. Wahrscheinlich wäre mir der Kurswechsel auch gelungen, wenn nicht ein Laternenpfahl mitten im Weg gestanden hätte. Mit weit nach vorn gebeugtem Körper, mit fest zusammengepressten Lippen, aber ohne die geringste Ahnung, wo sich derzeit eigentlich meine Füße befanden, raste ich auf die Laterne zu und umfing sie mit meinen Armen wie einen alten Freund, den ich lange nicht gesehen hatte. Nun, offensichtlich bestand bei der Richtungsänderung noch irgendein Zusammenhang mit der Geschwindigkeit. Ich beschloss, es im weiteren Verlauf ein wenig langsamer angehen zu lassen.
Schwankend und tanzend entließ ich meinen Freund, den Laternenpfahl, aus meiner innigen Umarmung und trat zum zweiten Versuch an, einigermaßen elegant über die Straßen meines Viertels zu gleiten, immer unter dem wohlwollenden Zuspruch und zeitweisen Applaus meiner kleinen Familie. So langsam fing die Sache an, mir wieder Spaß zu machen, denn mit jedem Meter, den wir zurücklegten, fühlte ich mich ein wenig sicherer. Natürlich, es klappte noch nicht so richtig gut, aber das hatte auch keiner erwartet. Immerhin war ich nach einer guten Stunde auf den Inlineskates wieder in einer Gemütsverfassung, in der mich eventuelle Kameras nicht unbedingt erschreckt hätten. Gemütlich drehten wir unsere Runde über frisch geteerte Straßen, ich meisterte gepflasterte Hofeinfahrten, kleinere Abschnitte voller Splitt und Schotter und auch die Kurven nach links und rechts bereiteten mir kaum noch Schwierigkeiten. Der Fahrtwind strich mir über das Gesicht, ich fühlte die Geschwindigkeit und die Freiheit. War das damals eigentlich genauso?
Die Beantwortung dieser Frage musste noch ein wenig warten, denn unvermittelt sah ich mich meiner letzten Herausforderung gegenüber.
Als ich vor vielen Jahren in den Hohen Norden zog, freute ich mich über flache Ebenen und weite Horizonte, wo man montags schon sehen konnte, wer sonntags zu Besuch käme. Nun ist mir zwar inzwischen aufgefallen, dass es in meiner unmittelbaren Umgebung an weiten Ebenen ein wenig mangelt, aber dass wir offenbar in einem mitteleuropäischen Hochgebirge wohnen, hätte ich auch nicht gedacht! Und doch, da rollte ich unaufhaltsam auf einen ausgesprochen steilen Abhang zu, in dessen Mitte (!) sich unsere Hofeinfahrt befindet. Nun hatte ich das Anfahren, die Kurve und das Aufrechthalten mühevoll gemeistert, aber niemand hatte mir bisher gesagt, wie man bremst! Und in jenen schreckensgeweiteten Sekunden, in denen ich den Abhang unaufhaltsam hinab in die Tiefe rollte, fiel mir etwas ein, das mir eiskalte Schauer des Terrors über den Rücken schickte: Damals, in jenen längst vergangenen Tagen meiner Jugend, hatte ich auch nicht gewusst, wie man richtig bremst! Ein Schrei löste sich von meinen Lippen, ein langgezogenes, lautes „AAH!“ kommentierte meine Hilflosigkeit! Und von irgendwoher hörte ich ein lebensrettendes Wort: „SCHNEEPFLUG!“ Mit äußerster Willensanstrengung gelang es mir, die Beine zu spreizen, um sie sogleich wieder in einem weiten Bogen zusammenzuführen, die Spitzen der nagelneuen Schuhe stießen krachend und knirschend aneinander, meine Arme ruderten wild durch die Luft, mein Schrei hallte durch die Straße! Aber ich hatte gebremst, wenigstens ein bisschen. Ich atmete tief durch und wiederholte, nun um etliche Stundenkilometer langsamer, die Prozedur, und nochmal, und dann gleich noch einmal. Dieses Mal hatte ich sogar Zeit, zu überlegen, was ich da tat. Das Ziel all meiner Hoffnungen lag rechts, rechts war das Tor zum Glück, also ließ ich dem linken Fuß beim letzten Schneepflug ein klein wenig den Vortritt, und der Schwung trug mich nach rechts, der Kante des Bürgersteigs entgegen. Ein kleiner Sprung nur für mich, ein Kontinentalflug für meine körperliche Gesundheit, und ich befand mich auf heimischer Scholle, langsam im Ausrollen begriffen. Mein Herz schlug im Hals, meine Stirn stand in kaltem Schweiß, meine Beine zitterten. Und meine Familie lachte und applaudierte, schlug mir gönnerhaft auf den Rücken und bewunderte meinen Stunt. Ich hatte überlebt.
Am Abend, als alles vorbei war, als die Inliner in der Ecke ausdampften, die Kinder längst in ihren Betten schlummerten und ich mit lieb Frauchen auf dem Sofa saß, da kam der Schmerz. Knie, Knöchel, Fersen, Hüften und eine ganze Menge weiterer Körperteile und Muskelgruppen signalisierten mir in aller Deutlichkeit: Mit uns nicht mehr! Mach deinen Quatsch künftig alleine!
Aber nein, meine lieben Freunde! Ungewohnt gibt Blasen; das ist eine alte Weisheit. Aber schon sehr bald wird es euch nicht mehr ungewohnt sein, denn ich will noch einmal auf die Rollen, und dann gleich nochmal! Bis ich, verd*mmt nochmal, weiß, wie man bremst!

Freitag, 8. August 2014

Abenteuer Heim


Die Tage sind noch warm, die Sonne steht noch hell am Himmel. Aber eben nicht mehr so lange.
So ganz langsam merkt man doch, dass die Tage wieder kürzer werden. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten wir hier oben im Norden noch kurz vor Mitternacht ohne Lampe im Garten die Zeitung lesen. Mittlerweile gelingt mir das nicht mehr so leicht. Was vermutlich aber auch damit zusammenhängt, dass ich um Mitternacht für gewöhnlich bereits tief in Morpheus Arme gefangen bin.
Aber morgens früh um fünf, wenn mich der Radiowecker brutal aus erlesenen Träumen säuselt, merke ich eben doch, dass die Nächte länger werden. Irgendwie ist es noch dunkel. Was bei meinem morgendlichen Dämmerzustand nicht eben hilfreich ist.
Im Schlafzimmer ist das ja noch das kleinere Problem; dort finde ich mich auch noch im Tiefschlaf mit verbundenen Augen zurecht. Aber sobald ich die Schlummerhöhle verlasse, beginnt das Abenteuer „Blindflug“. Denn nachdem der Sandmann offenbar die für meine gesamte Heimatstadt gedachte Fuhre Sand ausschließlich in meinen Augen abgeladen hat, und meine höheren Hirnfunktionen sich weiterhin stur weigern, sich reanimieren zu lassen, nur weil der Körper bereits annähernd aufrecht schwankt, ist es beinahe eine Unmöglichkeit, den Weg ins heimische Badezimmer in einer einigermaßen geraden Linie zu finden. Statt mit dem hellen und einigermaßen zuverlässigem Augenlicht steuere ich die Treppe allmorgendlich nach dem Fledermausprinzip an. Ich stoße beständige stöhnende Laute und heftiges Gähnen aus und ermittle anhand der akustischen Reflektionen, die am schlaftrunkenen Ohr ankommen, die ungefähre Entfernung zum nächsten Hindernis. Ein Gemisch aus Urgedächnis, Zufall und purem Glück ermittelt daraus den richtigen Zeitpunkt, die Richtung zu wechseln und die Treppe hinab zu stolpern. Danach brauche ich eigentlich nur noch das halbe Haus in traumwandlerischer Sicherheit zu durchqueren, bis sich vollautomatisch eine bis dahin reichlich unmotivierte Hand hebt und es leise „Klack“ macht. Meine Augen blinzeln der elektrischen Deckensonne unseres Badezimmers entgegen. Dieser schmerzende Lichtreiz, der mich jeden dunklen Morgen völlig unvorbereitet trifft, setzt den weiteren Aufwachprozess meines Körpers in Gang, und schon wenige Minuten später meldet mein Gehirn die volle Arbeitsbereitschaft. Der Körper nicht, er schreit nach Kaffee.
So läuft das normalerweise jeden Morgen, außer im Sommer, wenn es schon hell ist. Dann muss ich nicht in die elektrische Sonne blinzeln, sondern werde bereits im Bett von den Strahlen der aufgehenden Sonne brutal wach gekitzelt.
Heute Morgen wurde ich allerdings ein bisschen früher wach als sonst. Eigentlich lief alles normal, komplett mit Aufstehen, einer Menge Fledermausgeräuschen und einer Heerschar von Schutzengeln, die sich redlich mühten, Gesetze der Gravitation kurzzeitig außer Kraft zu setzen. Auf diese Weise kam ich heil am unteren Treppenabsatz an und torkelte gähnend und stöhnend Richtung Bad weiter.
Normalerweise werde ich irgendwo unterwegs von unserer inzwischen völlig ausgehungerten und total entnervten Katze erwartet, die mich allmorgendlich so lange anschreit, bis ich wieder volle Kontrolle über diverse Körperfunktionen erreicht habe und Madam Fellwurst das Frühstück kredenze. An diesem heutigen Morgen hat sich Katze aber einen ausgesprochen ungeeigneten Platz ausgesucht, um mich zu begrüßen. Und atypischer Weise blieb Katze auch vollkommen still. Dann kam ich.
Ich torkelte schlaftrunken durch die Küche in den Flur, jedenfalls hatte ich das vor. Aber mitten in der Tür berührte mein Fuß einen pelzigen Stein, hob ihn an und schob ihn durch den halben Flur. Katze fing natürlich sofort an zu fauchen und zu maunzen, sprang von meinem Fuß herunter und rettete sich unter den Esstisch. Der plötzliche einseitige Gewichtsverlust ließ meinen Fuß vertikal nach oben schnellen, während der andere Fuß noch damit beschäftigt war, den nächsten Schritt nach vorn zu tun. Dieses Vorhaben wurde natürlich sofort vollautomatisch abgebrochen, und ich war in den nächsten gefühlten Minuten vollauf damit beschäftigt, Gleichgewicht zu suchen und zu halten, beide Füße auf den Fußboden zu bekommen und dabei möglichst wenig Mobiliar zu verschieben und möglichst noch viel weniger Lärm zu produzieren. Immerhin schlief der Rest der Familie noch. Nach einigen wilden Tanzschritten, einer Handvoll gedämpft ausgesprochener Flüche und kurzzeitigem Herzrasen hatte ich Körperhaltung, Gleichgewicht und Gravitation wieder im Griff. Und ich war hellwach. Zu dem allgemeinen Schuldgefühl, das mich sowieso allmorgendlich nach dem Aufwachen befällt, kam jetzt noch jede Menge Mitleid mit meiner armen, kleinen Katze hinzu, die sich diesen dämlichen, unpraktischen Platz ausgesucht hatte, um mich zu begrüßen. Also krabbelte ich auf allen vieren auf den erbosten Teppichtiger unter dem Tisch zu und versuchte, mich wortreich zu entschuldigen. Aber irgendwie kamen meine Beteuerungen nicht bei ihr an. Katze schimpfte, motzte und meckerte. Sie fauchte mich an und sträubte das Fell und ließ sich auch nicht von mir streicheln oder kraulen. Ich hatte bei ihr versch*ssen bis in die Steinzeit! Es hätte mich traurig machen können, aber ich kenne ja mein verfressenes Mädchen.
Sobald ich den Futterschrank öffnete, kam Lady Motzky unter dem Tisch hervor und sang mir ihre oft erprobte Arie vom Verhungern. Sie strich um meine Beine herum, sang weitere Dutzend Strophen  vom Verhungern und stürzte sich Nase voran in das feuchte Futter, kaum dass ich ihr die Schüssel vor selbige setzte. Und während sie Geräusche eines Industriestaubsaugers von sich gab, streichelte und kraulte ich mein altes Mädchen und entschuldigte mich für den unfreiwilligen Freiflug am frühen Morgen. Und siehe da! Katze schnurrte. Und die Sonne ging auf.

Donnerstag, 7. August 2014

Meteorologie

Allein das Wort ist schon irgendwie faszinierend. Bis man es aussprechen kann, hat man sich die Zunge komplett verknotet, und um sie zu begreifen, muss man mindestens mal drei Jahre lang die Schulbank auf der Universität drücken und darf auch nicht ganz ahnungslos in zahllosen naturwissenschaftlichen Bereichen sein. Ein bisschen Erfahrung mit Wolken, Wind und Thermometer wäre auch ganz hilfreich.
Trotzdem gehört zu einer ordentlichen Wettervorhersage nicht nur ein profundes naturwissenschaftliches und insbesondere meteorologisches Wissen, sondern auch ein Quäntchen Glück. Wie sonst ist es zu erklären, dass man häufig hektisch nach einem Dach über dem Kopf sucht, obwohl der Wetterkasper im Fernsehen doch gesagt hat, es würde heute nicht regnen?
Mich selbst hat die Kunst der Wettervorhersage schon als kleines Kind fasziniert. In unserem Haus stehen und hängen allerlei Thermometer, Hygrometer, Barometer und noch ein gutes Dutzend anderer –meter, die ich neben den Blick in den Himmel gerne zu Rate ziehe, um herauszufinden, was ich denn nun anziehen soll, bevor ich mich in die Urgewalten der Elemente begebe. Ich finde es immer beinahe magisch, was man alles anhand von Druckunterschieden, Windrichtungen und Wolkenformen herausfinden und vorhersagen kann. Ich habe mir sogar ein Fachbuch gekauft!
Letztlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich all das gar nicht brauche. Für meine ganz persönliche und zugegebenermaßen örtlich recht stark begrenzte Meteorolüge brauche ich keine Meter irgendwelcher Art, auch keine kleine Wolkenkunde oder Kompassrose. Alles, was ich brauche, ist ein Vorhaben. Ich gebe mal ein Beispiel.

Der diesjährige Sommer gefällt mir mal so richtig. Es ist warm, die Sonne scheint seit Wochen beinahe täglich, die Kleider wurden erfreulich kurz und meine Vitamin-D-Produktion läuft dermaßen effizient, dass ich auf Jahre hinaus versorgt wäre, könnte ich die Vitaminchen nur alle irgendwie speichern, vorzugsweise im erweiterten Hüftgürtel. Besonders hier oben im Norden zeichnet sich der diesjährige Sommer unter anderem durch einen markanten Regenwassermangel aus. Ich weiß, an anderen Orten sah das in den letzten Tagen und Wochen ganz anders aus, aber hier oben herrschte eine ziemlich kontinuierliche Dürre. Herrschte. Um das nochmal zu betonen.
Denn seit heute nimmt der Sommer ganz offensichtlich seinen Abschied, und all die Regengüsse, die wir in den letzten Wochen verpasst hatten, haben sich versammelt, um an einem einzigen Tag über unsere trockene Nordwelt herzufallen. Wie konnte das nur passieren? Leider muss ich zugeben, dass ich wohl selbst an dieser feuchten Misere Schuld bin. Offenbar kann ich das Wetter auf eine mir noch unbekannte und vollkommen unbegreifliche Art beeinflussen. Soweit ich es bisher rekonstruieren konnte, ist folgendes passiert:
Angesichts der andauernden trockenen Wetterlage hatten sich meine liebe Ehefrau und ich schon vor einigen Wochen entschieden, die Wäsche fürderhin an der frischen, warmen Luft im Garten zu trocknen. Eine Wäschespinne war schnell gekauft, die Wäsche gewaschen, nur das Aufstellen und Ausrichten der Wäschespinne bereitete mir gewisse Schwierigkeiten. Die Spinne wurde bisher mittels eines Schraubfußes in der Erde verankert. Die Erdschraube ließ sich auch problemlos einigermaßen gerade in die Erde drehen, sobald aber die Wäschespinne eingesetzt wurde, geschah erstaunliches! Mit jedem Stück Wäsche neigte sich die Wäschespinne erdwärts, drehte sich lustig im Kreise und weigerte sich standhaft, wenigstens annähernd gerade zu stehen. Mehrere Versuche mit verschiedenen Standorten in feuchter oder trockener Erde oder mit möglichst gleichmäßiger Gewichtsverteilung beim Aufhängen der Wäsche brachten keine Besserung. Immer wieder versuchte die Wäschespinne, an den Gänseblümchen zu riechen. Eine Lösung musste her. Und die fand ich in Gestalt einer Tüte Schnellbindemörtel aus dem Baumarkt. Ich grub ein stattliches Loch, platzierte die Röhre zur Aufnahme der Wäschespinne einigermaßen mittig, richtete das gute Stück mittels Braun’scher Wasserwaage aus und goss den verbliebenen Raum mit Beton in rauen Mengen aus. Innerhalb weniger Minuten war der Beton ausgehärtet, und das Rohr stand festgemauert in der Erden.
Das war gestern. Heute könnte lieb Frauchen also die Wäsche aufhängen, ohne sich zu sorgen, dass die Hosen über den Rasen kratzen. Und was passiert? Es regnet in Strömen! Zufall?
Ich denke nicht. Denn wie ich hier sitze und diese Worte zu elektronischem Papier bringe, wird mir eines bewusst: Immer dann, wenn ich etwas tue, in dessen Folge ich schönes, trockenes Wetter gebrauchen könnte, wird es unweigerlich und mit hundertprozentiger Sicherheit junge Hunde regnen. Das ist Gesetz!
Sobald wir damit fertig sind, die Fenster im ganzen Haus geputzt zu haben, wird es innerhalb weniger Minuten anfangen zu regnen!
Immer, wenn mein Auto gerade frisch gewaschen und poliert ist, wird es regnen, noch bevor ich den Wagen unter dem schützenden Dach des Carports geparkt habe!
Sobald ich aufgrund bester Witterung einen Grillabend plane, wird es an besagtem Tag Bindfäden regnen!
Bisher kannte ich diese Art des Wettermachens nur vom Hörensagen und von anderen Leuten. In meiner Kindheit wohnte ich auf dem Dorf, und vor unserem Haus lag eine schöne, große, grüne Wiese, die allsommerlich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von einem Bauern mit Traktor und Mähwerk frisiert wurde. Pünktlich zwei Tage später, als das Heu beinahe perfekt gewesen wäre, hat es in Strömen geregnet. Immer! Das ganze Dorf hatte sich schon darauf eingestellt, selbst Grillabende, Familienfeierlichkeiten und Dorffeste wurden auf das Auftauchen des Bauern mit dem Mähwerk abgestimmt. Aber dass ich selbst einmal meteorologischer Aushilfsschamane sein würde, hätte ich mir nie träumen lassen.
Nun, die Fenster sind geputzt, das Auto war bis vor ein paar Stunden noch sauber und die Wäschespinne stünde, wenn meine Frau die Wäsche rausgehängt hätte, mit Sicherheit schnurgerade und bombenfest. Vielleicht kommt der Sommer ja noch mal zurück. Es kann ja schließlich nicht ewig regnen…

Mittwoch, 6. August 2014

Pläne...


Es gibt im Leben von Eltern Situationen, auf die man sich, trotz aller Liebe und Zuneigung, wie ein kleines Kind freut.
Mein lieb Frauchen und ich hatten gerade eine solche. Volle sieben Tage waren wir kinderfrei! Den Großeltern sei an dieser Stelle noch einmal von Herzen Dank und Anerkennung vor die Füße gestreut!
Die Kinderlandverschickung kam natürlich nicht ganz überraschend, immerhin sind Prinz Fürchtenicht und Lady SchnellerHöherWeiter noch in der Kleinkindphase. Da setzt man sich nicht mal so auf’s Geradewohl ins Familienvehikel und macht Urlaub. Wochen zuvor hatten wir bereits die generelle Bereitschaft zur Übernahme von Erziehungs-, Verpflegungs- und Ausbildungsaufgaben für den Zeitraum einer Woche mit den Großeltern besprochen und sowohl unseren Nachwuchs als auch uns selbst auf die kommende Herausforderung seelisch und moralisch eingestellt.
Wenige Tage vor der geplanten Ausreise gab es dann auch Pläne zur Befüllung der Koffer, der Spielzeugschränke und Kuscheltiergehege. Und ich hatte sogar einen Plan, womit mein angetrautes Eheweib und ich die viele Freizeit und die sturmfreie Bude nutzen würden. Hier ein breites Grinsen einfügen.

An einem sonnigen, warmen Sonntag war es dann soweit. Die Kinder wurden in das Familienmobil gefesselt, die umfangreiche Gepäckausstattung im Kofferraum gestapelt und gesichert, und dann fuhren wir den weiten Weg zur großelterlichen Ferienwohnung. Die Übergabe unserer beiden geliebten Tunichtgute verlief überraschend problemlos, fragte doch unsere gemeinsame Tochter schon ungefähr fünf Minuten nach Ankunft: „Fahrt ihr jetzt endlich nach Hause?“ Offensichtlich wollte sie ihre Großeltern ganz für sich allein. Aus purem Trotz blieben Mama und Papa dann doch noch ein paar Stündchen, auch, weil wir uns nicht so ganz und sofort von den Kindern trennen wollten. So sind wir Eltern nun mal…
Aber irgendwann war es dann endlich soweit, die Verabschiedungsfeierlichkeiten waren erstaunlich schnell beendet, und wir waren kinderlos für eine Woche.
Was hatte ich nicht alles geplant für diese Woche! Wir konnten nun tun und lassen, was wir wollten, denn auf die Kinder würden ja die Großeltern achten. Ich wollte mit meiner Frau mal wieder so richtig fein und am Abend essen gehen, komplett mit Kerzenschein, feinem Wein und feiner Speise.
Kino war auch noch so eine Idee, die ich hatte. Einen schönen romantischen  Film aus der Loge heraus betrachten, danach ein kleiner Spaziergang entlang der in goldenes Abendlicht getauchten Hafenpromenade und dann… wer weiß?Bei diesem herrlichen Sommer, den wir bisher genießen durften, schwebten mir auch ein, zwei  Tage am Strand vor. Schätze suchen, baden gehen, genießen… Ja, wäre schön gewesen.Solche Ideen hatte ich, und die hier genannten waren noch nicht mal alle.

Und was haben wir gemacht?
Jeden Tag sind wir früh aufgestanden, „damit wir noch was vom Tag haben!“
Wir haben das Haus geputzt, inklusive Fenster und Treppen, wir haben sogar die Kinderzimmer einer tiefgehenden Grundreinigung mit einhergehender Entrümpelung unterzogen. Wir haben Unkraut gejätet, uns um unsere heimischen Obstplantagen gekümmert und neuen Pflanzen Einzug in unser grünes  Reich gewährt. Wir haben das Auto gewaschen, poliert und gewienert. Wir haben längst fälligen Papierkrieg erbittert gefochten und sogar gewonnen. Wir haben repariert, gewartet und gepflegt, was immer uns in die Hände fiel.
Jeden Abend sind wir müde, aber glücklich, weil wir „etwas vom Tag gehabt haben“, ins Bett gefallen. Jeden Morgen haben wir uns in die nächste unaufschiebbare „Jetzt-endlich-mal“-Gelegenheit gestürzt.
Und plötzlich, ganz unerwartet, waren sieben Tage Zweisamkeit vorbei. Die Kinder zogen wieder ein, gebracht von ihren Großeltern, die nur ein bisschen müde aussahen, aber sonst in guter geistiger und körperlicher Verfassung. Und mit ihnen zogen Lachen, Schreien, Spaß und Freude wieder ein, während die Ruhe ein wenig verblüfft und vielleicht auch traurig ihre Sachen packte und auszog.  
Während unsere Kinder und ihre Großeltern von den großen Abenteuern und kleinen Schrecklichkeiten der Woche berichteten, von Radtouren, Strandtagen und irrsinnig vielen Tieren, betrachtete ich unsere kleinen Schätze und dachte:
Was von all dem Schönen, was ich mir für meine Frau und mich vorgenommen hatte, habe ich geschafft? Nichts. Rein gar nichts. Aber das war nicht schlimm, denn wir hatten sieben Tage Zweisamkeit, in denen wir jeden Abend „die Kinder ins Bett brachten“, indem wir die Jalousien ihrer Fenster schlossen, in denen wir jeden Morgen mit einem kleinen, flauen Gefühl im Bauch an den stillen, leeren Kinderzimmern vorbei ins Bad wanderten, in denen wir jeden Tag wussten, dass es unseren Kinder so richtig gut geht, und die wir dennoch gerne wieder um uns gehabt hätten.
Meine Pläne haben den Kontakt mit der Realität nicht überstanden, aber so geht es wohl den meisten Plänen. 
Aber irgendwann werden unsere Kinder wieder Ferien bei Oma und Opa machen, und dann, meine lieben Freunde, hindert mich mal so gar nichts daran, meine Pläne wahr werden zu lassen!