Freitag, 8. August 2014

Abenteuer Heim


Die Tage sind noch warm, die Sonne steht noch hell am Himmel. Aber eben nicht mehr so lange.
So ganz langsam merkt man doch, dass die Tage wieder kürzer werden. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten wir hier oben im Norden noch kurz vor Mitternacht ohne Lampe im Garten die Zeitung lesen. Mittlerweile gelingt mir das nicht mehr so leicht. Was vermutlich aber auch damit zusammenhängt, dass ich um Mitternacht für gewöhnlich bereits tief in Morpheus Arme gefangen bin.
Aber morgens früh um fünf, wenn mich der Radiowecker brutal aus erlesenen Träumen säuselt, merke ich eben doch, dass die Nächte länger werden. Irgendwie ist es noch dunkel. Was bei meinem morgendlichen Dämmerzustand nicht eben hilfreich ist.
Im Schlafzimmer ist das ja noch das kleinere Problem; dort finde ich mich auch noch im Tiefschlaf mit verbundenen Augen zurecht. Aber sobald ich die Schlummerhöhle verlasse, beginnt das Abenteuer „Blindflug“. Denn nachdem der Sandmann offenbar die für meine gesamte Heimatstadt gedachte Fuhre Sand ausschließlich in meinen Augen abgeladen hat, und meine höheren Hirnfunktionen sich weiterhin stur weigern, sich reanimieren zu lassen, nur weil der Körper bereits annähernd aufrecht schwankt, ist es beinahe eine Unmöglichkeit, den Weg ins heimische Badezimmer in einer einigermaßen geraden Linie zu finden. Statt mit dem hellen und einigermaßen zuverlässigem Augenlicht steuere ich die Treppe allmorgendlich nach dem Fledermausprinzip an. Ich stoße beständige stöhnende Laute und heftiges Gähnen aus und ermittle anhand der akustischen Reflektionen, die am schlaftrunkenen Ohr ankommen, die ungefähre Entfernung zum nächsten Hindernis. Ein Gemisch aus Urgedächnis, Zufall und purem Glück ermittelt daraus den richtigen Zeitpunkt, die Richtung zu wechseln und die Treppe hinab zu stolpern. Danach brauche ich eigentlich nur noch das halbe Haus in traumwandlerischer Sicherheit zu durchqueren, bis sich vollautomatisch eine bis dahin reichlich unmotivierte Hand hebt und es leise „Klack“ macht. Meine Augen blinzeln der elektrischen Deckensonne unseres Badezimmers entgegen. Dieser schmerzende Lichtreiz, der mich jeden dunklen Morgen völlig unvorbereitet trifft, setzt den weiteren Aufwachprozess meines Körpers in Gang, und schon wenige Minuten später meldet mein Gehirn die volle Arbeitsbereitschaft. Der Körper nicht, er schreit nach Kaffee.
So läuft das normalerweise jeden Morgen, außer im Sommer, wenn es schon hell ist. Dann muss ich nicht in die elektrische Sonne blinzeln, sondern werde bereits im Bett von den Strahlen der aufgehenden Sonne brutal wach gekitzelt.
Heute Morgen wurde ich allerdings ein bisschen früher wach als sonst. Eigentlich lief alles normal, komplett mit Aufstehen, einer Menge Fledermausgeräuschen und einer Heerschar von Schutzengeln, die sich redlich mühten, Gesetze der Gravitation kurzzeitig außer Kraft zu setzen. Auf diese Weise kam ich heil am unteren Treppenabsatz an und torkelte gähnend und stöhnend Richtung Bad weiter.
Normalerweise werde ich irgendwo unterwegs von unserer inzwischen völlig ausgehungerten und total entnervten Katze erwartet, die mich allmorgendlich so lange anschreit, bis ich wieder volle Kontrolle über diverse Körperfunktionen erreicht habe und Madam Fellwurst das Frühstück kredenze. An diesem heutigen Morgen hat sich Katze aber einen ausgesprochen ungeeigneten Platz ausgesucht, um mich zu begrüßen. Und atypischer Weise blieb Katze auch vollkommen still. Dann kam ich.
Ich torkelte schlaftrunken durch die Küche in den Flur, jedenfalls hatte ich das vor. Aber mitten in der Tür berührte mein Fuß einen pelzigen Stein, hob ihn an und schob ihn durch den halben Flur. Katze fing natürlich sofort an zu fauchen und zu maunzen, sprang von meinem Fuß herunter und rettete sich unter den Esstisch. Der plötzliche einseitige Gewichtsverlust ließ meinen Fuß vertikal nach oben schnellen, während der andere Fuß noch damit beschäftigt war, den nächsten Schritt nach vorn zu tun. Dieses Vorhaben wurde natürlich sofort vollautomatisch abgebrochen, und ich war in den nächsten gefühlten Minuten vollauf damit beschäftigt, Gleichgewicht zu suchen und zu halten, beide Füße auf den Fußboden zu bekommen und dabei möglichst wenig Mobiliar zu verschieben und möglichst noch viel weniger Lärm zu produzieren. Immerhin schlief der Rest der Familie noch. Nach einigen wilden Tanzschritten, einer Handvoll gedämpft ausgesprochener Flüche und kurzzeitigem Herzrasen hatte ich Körperhaltung, Gleichgewicht und Gravitation wieder im Griff. Und ich war hellwach. Zu dem allgemeinen Schuldgefühl, das mich sowieso allmorgendlich nach dem Aufwachen befällt, kam jetzt noch jede Menge Mitleid mit meiner armen, kleinen Katze hinzu, die sich diesen dämlichen, unpraktischen Platz ausgesucht hatte, um mich zu begrüßen. Also krabbelte ich auf allen vieren auf den erbosten Teppichtiger unter dem Tisch zu und versuchte, mich wortreich zu entschuldigen. Aber irgendwie kamen meine Beteuerungen nicht bei ihr an. Katze schimpfte, motzte und meckerte. Sie fauchte mich an und sträubte das Fell und ließ sich auch nicht von mir streicheln oder kraulen. Ich hatte bei ihr versch*ssen bis in die Steinzeit! Es hätte mich traurig machen können, aber ich kenne ja mein verfressenes Mädchen.
Sobald ich den Futterschrank öffnete, kam Lady Motzky unter dem Tisch hervor und sang mir ihre oft erprobte Arie vom Verhungern. Sie strich um meine Beine herum, sang weitere Dutzend Strophen  vom Verhungern und stürzte sich Nase voran in das feuchte Futter, kaum dass ich ihr die Schüssel vor selbige setzte. Und während sie Geräusche eines Industriestaubsaugers von sich gab, streichelte und kraulte ich mein altes Mädchen und entschuldigte mich für den unfreiwilligen Freiflug am frühen Morgen. Und siehe da! Katze schnurrte. Und die Sonne ging auf.

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