Dienstag, 12. August 2014

Rolle vorwärts!

Im goldenen Licht der Abenddämmerung saß ich dieser Tage mit meiner Frau beim schottischen Schlummertrunk. Während meine Herzallerliebste lieblich mit Stricknadel und Wollfaden klapperte, erinnerte ich mich an jene längst vergangenen Tage, als ein viel jüngerer Schreiberling auf den schmalen Rädern seiner Inlineskates die Straßen seines Heimatortes unsicher machte. Anlass dieses melancholischen Anfalls von Historie waren die beiden funkelnagelneuen Fahrräder unseres Nachwuchses. Da Prinz Vollgas und Lady WelcheBremse natürlich noch nicht allein auf sich gestellt am wilden, nordischen Straßenverkehr teilnehmen sollten, blieb ihrem Erzeuger nichts anderes übrig, als seinen eigenen, in Ehren verrosteten Drahtesel aus den Tiefen unserer Katakomben freizulegen, um die Kinder bei ihren Ausflügen zu begleiten. Nun ist mein Zweirad zwar nicht das modernste, aber ein gutes Stück, das nach einer Wäsche, ein wenig Luft und Öl und einigen Gebeten brav seinen Dienst verrichtete, und noch verrichtet. Andererseits erinnerte ich mich eben an diesem denkwürdigen, lauen Abend an meine Inlineskates, die irgendwo in den noch tieferen Schichten unserer Katakomben ein vergessenes Dasein fristeten. Davon erzählte ich dann meinem Weibe, die auch gleich eine tolle Idee hatte: „Lass uns doch mal die Kinder mit den Inlinern begleiten!“ Fantastische Idee!
Nach einigem Suchen fanden wir denn auch nicht nur meine längst vergessenen Rollschuhe, sondern auch die meiner Frau. Und beide Paare sahen nach langer Zeit in Dunkelheit, Kälte und Feuchte nicht mehr so ganz trag- und rollbar aus. Für solche Fälle gibt es ja glücklicherweise einen Recycling-Kreislauf und den örtlichen Sportwarenfachhandel. Dort versorgten wir beide uns mit hochmodernen Inlinern, Helm und Protektoren und freuten uns schon auf die bevorstehende sportliche Runde mit unserem Nachwuchs auf den Velos und uns auf den Rollen. Machen wir es kurz: Meine Frau kann fahren, ich nicht!
Während der Rest der Familie völlig unbeschwert mit Helmen, Rollen, Protektoren und Fahrrädern hantierten, hatte ich so meine Probleme. Immerhin war es schon die eine oder andere Dekade her, dass ich mich auf Inlinern bewegt hatte. Daher beschloss ich, meine Ausrüstung in der Sicherheit des heimischen Wohnzimmers anzulegen, wenigstens konnte ich mich dort an einer ganzen Menge Möbeln und Wänden festhalten. Was ich nicht bedacht hatte, war die Treppe, die die Haustür mit dem Rest der Welt verband. Irgendwie musste ich, inzwischen gut verpackt in Helm, Ritter Kuniberts Plaste-Variante der Ausgehrüstung und einer stattlichen Anzahl Stoßgebete, irgendwie auf das Straßenniveau herunterkommen, vorzugsweise heil. Zitternd und zuckend stampfte ich quer zur Treppe Stufe für Stufe hinunter und kam auch, begleitet vom tosenden Applaus meiner Familie, einigermaßen sicher unten an. Aber hier begann das Abenteuer ja erst richtig! Denn irgendwann musste ich ja auf die Straße, wenn ich Frau und Kinder bei dem Ausflug begleiten wollte. Ich hoffte inständig, dass nicht irgendwelche Kameras auf mich gerichtet seien, während ich widerstrebend den Handlauf der Treppe los ließ. Ich hätte ihn ja gerne mitgenommen, zum Festhalten, aber meine Frau wollte nicht, dass ich das Ding abschraube. Ich entsann mich also notgedrungen der jahrhundertealten Bewegungen, die ich damals, als die Welt eine viel jüngere war, so sicher beherrschte wie meine Muttersprache. Knie leicht anwinkeln, Rest des Körpers gerade halten, und dann wie beim Schlittschuhfahren nach vorn gleiten. Das Blöde ist nur, dass es noch viel länger her ist, seit ich auf Schlittschuhen stand. Aber nach einigen Tanzschritten, einer Anzahl ausgewachsener Flüche, denen meine beiden Nachwuchs-Altigs interessiert zuhörten, und zwei bis drei schmutzigen Tricks, mit denen ich tatsächlich die Erdanziehung wenigstens zeitweise an der Nase herumführen konnte, gelang es mir tatsächlich, vorwärts zu kommen. Und mit jedem weiteren Schritt dämmerte es mir, dass es mit dem Inlineskaten nicht anders ist, als mit dem Fahrradfahren: Einmal gelernt, vergisst man es nicht. Dummerweise dauert es mit dem Erinnern immer länger, je älter man ist…
Bisher ging aber alles gut. Ich fuhr zwar nicht elegant, aber doch einigermaßen beständig in die Richtung, die ich beabsichtigt hatte. Allerdings sollten wir alsbald rechts abbiegen, und mein Hirn arbeitete bereits auf Hochtouren, um die passenden Erinnerungen zum Richtungswechsel irgendwo zu finden. Der Abzweig war schon beinahe hinter mir, als ich damit begann, mein Gewicht zu verlagern und die Füße behutsam, aber bestimmt in die richtige Richtung zu drehen. Wahrscheinlich wäre mir der Kurswechsel auch gelungen, wenn nicht ein Laternenpfahl mitten im Weg gestanden hätte. Mit weit nach vorn gebeugtem Körper, mit fest zusammengepressten Lippen, aber ohne die geringste Ahnung, wo sich derzeit eigentlich meine Füße befanden, raste ich auf die Laterne zu und umfing sie mit meinen Armen wie einen alten Freund, den ich lange nicht gesehen hatte. Nun, offensichtlich bestand bei der Richtungsänderung noch irgendein Zusammenhang mit der Geschwindigkeit. Ich beschloss, es im weiteren Verlauf ein wenig langsamer angehen zu lassen.
Schwankend und tanzend entließ ich meinen Freund, den Laternenpfahl, aus meiner innigen Umarmung und trat zum zweiten Versuch an, einigermaßen elegant über die Straßen meines Viertels zu gleiten, immer unter dem wohlwollenden Zuspruch und zeitweisen Applaus meiner kleinen Familie. So langsam fing die Sache an, mir wieder Spaß zu machen, denn mit jedem Meter, den wir zurücklegten, fühlte ich mich ein wenig sicherer. Natürlich, es klappte noch nicht so richtig gut, aber das hatte auch keiner erwartet. Immerhin war ich nach einer guten Stunde auf den Inlineskates wieder in einer Gemütsverfassung, in der mich eventuelle Kameras nicht unbedingt erschreckt hätten. Gemütlich drehten wir unsere Runde über frisch geteerte Straßen, ich meisterte gepflasterte Hofeinfahrten, kleinere Abschnitte voller Splitt und Schotter und auch die Kurven nach links und rechts bereiteten mir kaum noch Schwierigkeiten. Der Fahrtwind strich mir über das Gesicht, ich fühlte die Geschwindigkeit und die Freiheit. War das damals eigentlich genauso?
Die Beantwortung dieser Frage musste noch ein wenig warten, denn unvermittelt sah ich mich meiner letzten Herausforderung gegenüber.
Als ich vor vielen Jahren in den Hohen Norden zog, freute ich mich über flache Ebenen und weite Horizonte, wo man montags schon sehen konnte, wer sonntags zu Besuch käme. Nun ist mir zwar inzwischen aufgefallen, dass es in meiner unmittelbaren Umgebung an weiten Ebenen ein wenig mangelt, aber dass wir offenbar in einem mitteleuropäischen Hochgebirge wohnen, hätte ich auch nicht gedacht! Und doch, da rollte ich unaufhaltsam auf einen ausgesprochen steilen Abhang zu, in dessen Mitte (!) sich unsere Hofeinfahrt befindet. Nun hatte ich das Anfahren, die Kurve und das Aufrechthalten mühevoll gemeistert, aber niemand hatte mir bisher gesagt, wie man bremst! Und in jenen schreckensgeweiteten Sekunden, in denen ich den Abhang unaufhaltsam hinab in die Tiefe rollte, fiel mir etwas ein, das mir eiskalte Schauer des Terrors über den Rücken schickte: Damals, in jenen längst vergangenen Tagen meiner Jugend, hatte ich auch nicht gewusst, wie man richtig bremst! Ein Schrei löste sich von meinen Lippen, ein langgezogenes, lautes „AAH!“ kommentierte meine Hilflosigkeit! Und von irgendwoher hörte ich ein lebensrettendes Wort: „SCHNEEPFLUG!“ Mit äußerster Willensanstrengung gelang es mir, die Beine zu spreizen, um sie sogleich wieder in einem weiten Bogen zusammenzuführen, die Spitzen der nagelneuen Schuhe stießen krachend und knirschend aneinander, meine Arme ruderten wild durch die Luft, mein Schrei hallte durch die Straße! Aber ich hatte gebremst, wenigstens ein bisschen. Ich atmete tief durch und wiederholte, nun um etliche Stundenkilometer langsamer, die Prozedur, und nochmal, und dann gleich noch einmal. Dieses Mal hatte ich sogar Zeit, zu überlegen, was ich da tat. Das Ziel all meiner Hoffnungen lag rechts, rechts war das Tor zum Glück, also ließ ich dem linken Fuß beim letzten Schneepflug ein klein wenig den Vortritt, und der Schwung trug mich nach rechts, der Kante des Bürgersteigs entgegen. Ein kleiner Sprung nur für mich, ein Kontinentalflug für meine körperliche Gesundheit, und ich befand mich auf heimischer Scholle, langsam im Ausrollen begriffen. Mein Herz schlug im Hals, meine Stirn stand in kaltem Schweiß, meine Beine zitterten. Und meine Familie lachte und applaudierte, schlug mir gönnerhaft auf den Rücken und bewunderte meinen Stunt. Ich hatte überlebt.
Am Abend, als alles vorbei war, als die Inliner in der Ecke ausdampften, die Kinder längst in ihren Betten schlummerten und ich mit lieb Frauchen auf dem Sofa saß, da kam der Schmerz. Knie, Knöchel, Fersen, Hüften und eine ganze Menge weiterer Körperteile und Muskelgruppen signalisierten mir in aller Deutlichkeit: Mit uns nicht mehr! Mach deinen Quatsch künftig alleine!
Aber nein, meine lieben Freunde! Ungewohnt gibt Blasen; das ist eine alte Weisheit. Aber schon sehr bald wird es euch nicht mehr ungewohnt sein, denn ich will noch einmal auf die Rollen, und dann gleich nochmal! Bis ich, verd*mmt nochmal, weiß, wie man bremst!

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