Samstag, 20. September 2014

Erreicht den Hof mit Müh‘ und Not...

...die Tochter lacht, das Fahrrad tot!


Die letzten Tage des Sommers sind ja doch gar nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Immerhin gab mir das Wetter der letzten Tage unter anderem Gelegenheit, mal mit meiner Tochter eine kleine Fahrradtour zu unternehmen. Sohnemann befand es, ganz Kavalier der alten Schule, für wichtiger, seine treusorgende Mutter in der Küche zu beaufsichtigen, statt sich solch sportlichem Quatsch wie Fahrradfahren hinzugeben. Papa-Zeit also für Töchterlein.
Weil unsere kleine Prinzessin auf noch nicht gar so viel Erfahrung im hektischen Straßenverkehr unserer Zeit zurückgreifen kann, hielt ich es für wichtig, notwendig und an der Zeit, ihr quasi „on the road“ einige meiner teuren, nützlichen, hart erworbenen Erfahrungen mit auf den Weg zu geben. So nahmen denn Prinzessin „Ich kann das schon“ und ihr Erzeuger ihre Fahrradhelme, sattelten ihre Drahtesel und schon sollte es losgehen. 

Ich hatte mir das ungefähr so gedacht:
Nach Abfahrt am Grundstück Abbiegen nach rechts, dabei Lektion „Handzeichen geben unter besonderer Berücksichtigung des weiblichen Geschlechts der Übenden“.
Noch einmal rechts abbiegen, wieder mit korrektem Handzeichen, dann Weiterfahrt bis zur Fußgängerampel an der Hauptstraße. Hier Lektion „die Lichtzeichenanlage und die Bedeutung der verschiedenen Farben“, dabei Vertiefen der Lektion „Links und rechts gucken vor Überqueren der Straße“.
Nach Überqueren der Hauptstraße an der Ampel Weiterfahrt durch das anschließende Wohngebiet, Lektion „Einschätzung der Geschwindigkeit und Gefährdung durch überhöhtes Tempo“ sowie „Vorfahrtsregeln - Schwerpunkt rechts vor links“.
Der vorgesehene Fahrradweg würde uns dann im weiteren Verlauf in unseren kleinen Stadtpark führen, hier schlössen sich die Lektionen „Fahren auf lockerem Untergrund“ sowie „Bremsen für Anfänger - Rutschgrenzen und Gefahrenbereiche“ an. Zur Auflockerung des Ausbildungsweges wäre hier dann auch die Möglichkeit zum freien Fahren, sofern die vorangegangenen Lektionen erfolgreich abgeschlossen würden. Ansonsten wäre hier Raum zur Wiederholung einzelner Lektionen.
Der weitere Weg würde uns dann in einer weiten Schleife wieder zur heimatlichen Scholle zurückführen, hier ergäbe sich die Möglichkeit, die Lektionen „Lichtzeichenanlage“, „Vorfahrtsregeln“ sowie „Bremsen für Anfänger“ zu wiederholen und erlangtes Wissen abzuprüfen.
Den Abschluss würden dann die Fahrzeugpflege und eine abschließende Besprechung des Übungsabschnittes bilden.
Soweit der Plan, den ich mir als verantwortungsbewusster Vater zurechtgelegt hatte.
Ich erläuterte Prinzessin „Lass uns doch endlich fahren“ den geplanten Ablauf, wies auf prüfungsrelevante Punkte hin, schwang mich auf mein altes Veloziped und gab das Startzeichen.

Mit dem Ruf „Ich will zum Spielplatz!“ trat meine herzallerliebste Tochter mit aller Macht in die Pedale und bog sofort links ab, ohne jedoch Handzeichen zu geben! Mein Puls sprang schlagartig in astronomische Höhen, und ich trampelte schwerfällig hinterher. Sekundenbruchteile vor einer möglicherweise unbedachten Überquerung unserer kleinen Straße hatte ich die rasende Radlerin eingeholt und gestoppt. Na gut, dann fahren wir eben zum Spielplatz, der sich allerdings auch nur wenige Meter von unserem Haus entfernt befindet. Die Begeisterung für Rutsche, Kletterburg und Schaukel verhinderte glücklicherweise nicht, dass Madame ihren Drahtesel ordentlich am Rande parkte. Den Fahrradhelm musste ich ihr allerdings im Flug abnehmen!
Während unser Aushilfsäffchen auf dem Kletterturm turnte, ordnete ich im Geiste die Strecke, um den weiteren Ablauf der Ausbildung doch noch sicherzustellen. Nach etwa fünf Minuten Spiel auf dem Spielplatz forderte ich meine Tochter unmissverständlich zur sofortigen Weiterfahrt auf. Etwa zwanzig Minuten später ging es dann weiter. „Jetzt will ich zum anderen Spielplatz!“ Na gut, damit hatte ich inzwischen gerechnet und machte ihr einen Spielplatz schmackhaft, der ungefähr in der Mitte meiner ohnehin geplanten Route lag. Und wie durch ein Wunder nahm die Profiradlerin meinen Vorschlag an. Wir radelten also Richtung Hauptstraße, wo die Lektion „Lichtzeichen“ ebenso plötzlich wie ersatzlos ausfiel, weil ein ahnungsloser fußläufiger Verkehrsteilnehmer die Ampel bereits betätigt hatte, sodass Prinzessin Sauseschritt ungebremst bei grünem Licht über die Straße flitzte, gefolgt vom hektisch rufenden Vater: „Du hast nicht geguckt!“ „Du auch nicht, Papa!“
In rasender Fahrt ging es durch das Wohnviertel, wo die Lektion „Einschätzung der Geschwindigkeit“ einsam im Fahrtwind verhallte, womit sie das gleiche Schicksal ereilte wie die Lektion „Vorfahrtsregeln“. In meinem verzweifelten Versuch, den weiblichen Eddie Merckx zu bremsen, wurde ich langsam heiser, als wir endlich bewohntes Gebiet verließen und den Park erreichten. Die Lektion „Fahren auf lockerem Untergrund“ löste sich im aufgewirbelten Staub auf, die Lektion „Bremsen“ dagegen nutzte Lady Kamikaze zu einer meisterlichen Vorführung ihrer Vollbremsungsqualitäten (mit gekonntem Slide rechts!), als wir den zweiten Spielplatz erreichten. Ich hätte nie gedacht, dass Fahrradreifen sogar beim Bremsen auf Schotter quietschen können!
Während lieb Töchterlein den Spielplatz schreiend und lachend eroberte, ließ ich mich schweißgebadet auf der nahen Bank nieder und versuchte, mittels jahrhundertealter meditativer Methoden und bewusster Atmung meinen Puls wieder auf halbwegs normale Werte zu bringen.
Wie es scheint, muss ich in meiner Meditation kurz eingenickt sein, denn plötzlich stand die Spielplatzeroberin vor mir und schlug vor, den Heimweg anzutreten. Dazu war ich natürlich gern bereit, allerdings nutzte ich die Gelegenheit, der Rasenden Radlerin mit Nachdruck einzuschärfen, a) langsamer zu fahren (wesentlich langsamer!), und b) beim Papa zu bleiben. (Unbedingt!) „Ja, ja. Komm jetzt, wir fahren los. Ich hab Hunger!“*
Ich verzichtete auf weitere Versuche, noch irgendwelche Lektionen an die junge Frau zu bringen, und achtete ausschließlich darauf, meine kleine Tochter sicher nach Hause zu geleiten. Während das Mädel also fröhlich über Stock und Stein, Hauptverkehrsstraße und Bürgersteige radelte, drehte sich mein Kopf wie ein nervöses Radargerät hin und her und versuchte, jede nur mögliche Gefahr so früh wie möglich zu erfassen. Ein zufälliger Zuhörer hätte unseren Weg durch unser Viertel nachverfolgen können, indem er einfach meinen Rufen gefolgt wäre: „Bisschen langsamer, Schätzchen! Bleib bei Papa! Erst gucken, GUCKEN! Schon gut, Schätzchen, beim nächsten Mal einfach links und rechts gucken, bisschen langsamer, bitte! VORSICHT! Nicht so nah an die Autos! Nach vorne schauen! Bisschen langsamer da vorne!“ und so weiter…
Endlich kam unser Heim in Sicht, endlich bogen wir ein in unsere Auffahrt, endlich war beinahe jegliche Gefahr gebannt. Das töchterliche Fahrrad wurde in die Ecke gepfeffert und die Pilotin rannte freudestrahlend zu ihrem Bruder: „Ich hab eine Fahrradtour mit Papa gemacht! Das war toll!“
Worauf umgehend die Frage kam: „Papa, können wir jetzt auch mal eine Fahrradtour zusammen machen?“ „Natürlich, mein Sohn, nur nicht jetzt, denn mein Kopf ist hochrot, ich bin durchgeschwitzt und bis Oberkante Unterlippe vollgestopft mit Adrenalin.“ Mit anderen Worten: Ich brauchte Rekonvaleszenz, eine mehrwöchige Kur zur Wiederherstellung meiner körperlichen Leidensfähigkeit und einen Plan, um Panikattacken, Kurzatmigkeit und Schockstarre künftig bei solchen Gelegenheiten zu vermeiden. Vielleicht braucht es einfach nur ein bisschen mehr Gelassenheit, um mit Töchterchen durch die Welt zu radeln.

*Das hat nichts zu bedeuten. Hunger hat sie immer. Und grundsätzlich.

Montag, 15. September 2014

Bio-Krafttraining


Einer der Vorteile, die man hat, wenn man ein Haus käuflich erwirbt, ist der nette Garten, der hinter dem Haus zum Verweilen und Erholen einlädt.

Einer der Nachteile, die man hat, wenn man ein Haus käuflich erwirbt, ist der große Garten, der hinter dem Haus wie Unkraut wuchert und einem nur Arbeit macht.

Eine der wenigen immer wieder kehrenden Arbeiten, die mein lieb Frauchen und ich eigentlich ganz gerne machen, ist das mehr oder regelmäßige Rasenmähen. Bei einer Fläche von Bolzplatzgröße dauert so eine Rasenfrisur für gewöhnlich einen Vormittag, bis die Grünfläche wieder betretbar aussieht. Jedenfalls, solange der Rasen nicht allzu viel Zeit zum Wuchern hatte und der Boden einigermaßen trocken ist. Und gerade hier liegt der Hase im sprichwörtlichen Pfeffer. Denn unser Garten ist Sammelpunkt für allerlei Regenwasser, das aus den umliegenden Grundstücken zu uns herabfließt. Dummerweise kann es da kaum noch weg, denn kaum zwei Meter unter der Grasnarbe beginnt eine sechs Meter dicke Lehmschicht; und darunter, quasi im zweiten Tiefgeschoß, befindet sich der Kalksockel, auf dem der Rest der Stadt steht. Die Wasserdurchlässigkeit tendiert also gegen Null, deshalb dauert es nach jedem Regenschutt kleine Ewigkeiten, bis das Wasser sich verteilt hat, verdunstet ist oder von einer Herde Kamele aufgenommen wurde. Auf letztere warte ich inzwischen schon so lange, dass ich bereits darüber nachdenke, die anfallenden Wassermassen zur Kultivierung von Reisfeldern zu nutzen. Jeder graue Regentag verlängert also zwangsläufig den zeitlichen Abstand zwischen den notwendigen Rasenkürzungen und gibt dem Gras Zeit, Gelegenheit und Nahrung, ungehindert in himmlische Höhen zu schießen. Je nasser, desto hoch.

Unser alljährliches Natur-Freibad (Südseite)...
Der diesjährige Sommer neigt sich nun nicht nur kalendarisch dem Ende zu, auch das Wetter wird immer feuchter. Mit einiger Ungeduld hatten meine beste Ehefrau und ich nun schon drei Wochen gewartet, bis der Garten trocken genug sei, um vielleicht ein letztes Mal vor dem Winter den Rasen mähen zu können. Denn hat die herbstliche Regenzeit erstmal begonnen, sieht der Rasen bis zum Frühjahr kein Messer mehr.
Endlich schien der Tag gekommen, dem Rasen einen Fassonschnitt zu verpassen. Dieses Mal zog meine Frau den Kürzeren, und so stürzte ich mich freudig in meine Gartenklamotten, um den Mäher über die Wiese zu schubsen. Hätte ich gewusst, was mir da blühte, hätte ich galant meinem Eheweib den Vortritt gelassen.
Aufgrund einiger recht motivierter Regengüsse war es schon ein ziemliches Weilchen her, seit der Rasen zuletzt gemäht wurde, so gefühlte drei bis vier Jahreszeiten. Jedenfalls kitzelte das Gras schon in den Kniekehlen. Ich begab mich also in die Gartengeräteabteilung unseres Häuschens, befreite den Rasenmäher vom Gartenschlauch* und begann mein grünes, lärmendes Werk. Ein freies Plätzchen auf der Terrasse suchen, Benzinhahn aufdrehen, kräftig am Seil ziehen, fluchen und noch einmal kräftig ziehen, bis der Motor spotzend und spuckend zum lauten Leben erwachte. Nach nur wenigen Metern des Mähens tat sich der Motor immer schwerer, bis er schließlich in stummen Stillstand verfiel. Ein ungläubiger Blick in den Fangkorb zeigte, dass selbiger bereits randvoll und tonnenschwer war. Das lag an der feuchten Natur des Schnittgutes, denn obwohl der Boden ausreichend trocken war, um Gartengerät und Gerätebediener zu tragen, war das Gras an sich noch platschnass. Nun gut, das war im Grunde nicht schlimm. Es hieß eben nur, dass ich den Mähvorgang erheblich öfter würde unterbrechen müssen, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich betrachtete das Dilemma von der sportlichen Seite und malte mir aus, wie Bizeps, Trizeps, Armbeuger und Deltamuskel zu ungeahnten Ausmaßen anschwollen angesichts des schweren Fangkorbes, den ich nun alle paar Minuten stemmen musste. Bio-Krafttraining, sozusagen.
Andererseits nervte es mich schon nach kurzer Zeit, dass es nur runde drei Minuten dauerte, bis der Fangkorb voll nassen Grasschnitts war, aber mindestens fünf Minuten, bis ich den dämlichen Korb zur Komposttonne geschleppt, ausgeleert und wieder am Rasenmäher angebracht hatte. Der Feierabend würde somit in weite Ferne rücken.
Aber irgendwie schienen sich diverse Götter des Gartenbaus heute ohnehin gegen mich verschworen zu haben. Denn kaum hatte ich mich damit abgefunden, dass der Rasen so nass und die Komposttonne so weit weg war, gab der Motor mitten in der Arbeit ein letztes, heiseres Husten von sich und verstummte. Ich zupfte mit wachsender Ungeduld am Starterseil herum, fluchte hingebungsvoll und versetzte dem faulen Gerät einen wohl dosierten Tritt. Der Motor blieb stumm. Ich drehte die Zündkerze ab, reinigte sie und nagelte sie wieder an ihren Platz. Beten, reißen, fluchen. Stille. Ich prüfte den Ölstand, kippte sicherheitshalber noch ein/zwei Liter hinterher und schüttelte die Kiste ordentlich durch. Beten, reißen, fluchen. Stille.
Ich prüfte den Kraftstoffbunker, vertrieb die halb verhungerte Spinne aus dem trockenen Behältnis und entdeckte ansonsten gähnende Leere im Tank. Aha! Wie einst Sherlock Holmes kombinierte ich messerscharf: Da fehlt Sprit! Die nächste Viertelstunde verbrachte ich also mit der Suche nach dem Benzinkanister, den ich letztlich unter ungefähr fünfzig Metern Gartenschlauch fand, die ich doch gerade erst auf die Trommel gewickelt hatte. Tanken, beten, reißen, BRUMM! Ich stimmte ein kurzes, aber ehrlich gemeintes Dankgebet an und mähte verbissen weiter. Am Himmel brauten sich bereits die nächsten Regenwolken zusammen, und ich wollte fertig werden, bevor der Garten erneut zum Natur-Freibad werden würde. Immer wieder war der Fangkorb voll, immer wieder erstarb der Motor, immer wieder wanderte ich zur Tonne und zurück. Irrsinnigerweise ließ sich der Fangkorb plötzlich nicht mehr korrekt am Rasenmäher befestigen. Irgendwo zwischen Rasenmäher und Komposttonne war offenbar eine der Halterungen abgebrochen. Nun war guter Rat teuer. 
Ich durchsuchte den Schuppen nach einer Notbefestigung und fand ein Gummiseil, wie man es zur laienhaften Transportsicherung in Kofferräumen verwendet. Zwei Haken, ein Meter Gummi und jede Menge Hoffnung schienen mir ausreichend, um den Fangkorb wenigstens provisorisch am Rasenmäher festmachen zu können. Ich befestigte das eine Ende des Gummiseiles am hinteren Ende des Fangkorbes, das andere Ende ganz vorn neben dem rechten Vorderrad. Auf diese Weise wurde der Fangkorb in seine Aufnahme gedrückt und der Schnitt wanderte zuverlässig in den Fangkorb. Na bitte, geht doch! Jauchzen, reißen, BRUMM! Hocherfreut und ein bisschen stolz, eine gute Lösung gefunden zu haben, mähte ich heiter weiter. Doch noch bevor der Fangkorb wieder voll war, schnappte es kurz und das Gummiseil war gerissen. Offenbar sollte ich heute wirklich nicht mehr fertig werden, sonst hätte mir jemand gesagt, dass ich das Gummiseil besser nicht am Auspuff entlang führen sollte. Ich wanderte also schon wieder in den Schuppen und schnappte mir das nächste Gummiseil. Übrigens das letzte in unserem Haushalt, diesmal musste es also halten!
Ich befestigte den Fangkorb nun, ohne auch nur in die Nähe des Auspuffes zu gelangen, und prüfte meine Konstruktion ungefähr vier Mal, bevor ich weitermähte. Beten, reißen, BRUMM! Das mit dem Beten muss irgendjemand dort oben gehört haben, denn das unglaubliche geschah: Ich konnte den Rasen zu Ende mähen, ohne, dass noch irgendetwas unvorhergesehenes passierte. Selbst die dicken Regenwolken hatten sich inzwischen wieder verzogen! Statt der üblichen zwei Stunden und ein bisschen, die ich für gewöhnlich brauche, dauerte es an diesem Tag geschlagene vier Stunden, und hinterher schmerzten mir nicht nur die Arme, sondern hatte ich auch Blasen an den Füßen!

Der Herbst scheint nun tatsächlich kommen zu wollen, aber das Gras wächst wie Unkraut. Vielleicht haben wir irgendwann im Oktober noch einmal Gelegenheit, den grünen Teppich zu stutzen. Und wenn nicht, dann müssen wir eben im Frühjahr nächsten Jahres von Bauer Thomsen den Trekker und das Mähwerk leihen und damit durch den Garten rumpeln.
*Ich bin mir sehr sicher, dass ich den Gartenschlauch ordentlich auf die Trommel aufgerollt in die Ecke des Schuppens gestellt hatte. Aber es scheint eine Art Naturgesetz zu sein, dass der Gartenschlauch grundsätzlich den Rasenmäher an die Schubkarre fesselt. Selbst, wenn gar keine Schubkarre im Schuppen steht!

Montag, 8. September 2014

Aufräumarbeiten



Ordnung ist das halbe Leben, sagt ein Sprichwort. Wenn es danach geht, genießt unsere Tochter ihr Leben zur Gänze!
Sohnemann hat schon sehr früh damit angefangen, seinem Leben eine gewisse Ordnung zu geben. Sie unterscheidet sich zwar grundsätzlich vom elterlichen Ordnungsbegriff, aber immerhin steht seine gesamte Spielzeugautosammlung wohlgeordnet in Reih' und Glied im Weg. Heute nach Größe sortiert, morgen nach Farbe, übermorgen nach vermuteter Höchstgeschwindigkeit. Da kann dann ein toller knallroter Tieflader auch mal wesentlich schneller sein, als ein langweiliger grüner Lamborghini. Nun, die Buchstaben sind da, die Worte auch, aber um den Begriff zu verstehen, braucht es noch ein wenig Übung.
Der Ordnungsbegriff unserer Tochter hingegen befindet sich in einem völlig anderen Wörterbuch, vermutlich ein Fremdwörterbuch.

Das eigene Zimmer aufzuräumen ist wohl für jedes Kind eine mehr oder weniger große Herausforderung, denn irgendwie scheinen die Eltern immer eine andere Vorstellung zu haben, wie ein ordentlich aufgeräumtes Zimmer auszusehen hat. Um unseren Kindern die Herausforderung ein wenig kleiner zu gestalten, räumen wir (noch!) gemeinsam mit Junior und Juniorette die Kinderzimmer auf. Frauchen und ich losen dann immer aus, wer mit Sohnemann aufräumen darf und wer die Schaufel holt, um Töchterchens Zimmer zu entrümpeln. Irgendwie verliere immer ich...
Also stand ich mal wieder in einem schier unüberblick und -sehbaren Tohuwabohu aus Puppen, Plüschtieren, unzähligen Taschen, Beuteln und Kartons, etwa zwei bis drei Erdbevölkerungen aus Einhörnern jeglicher Größe und einer Jahresproduktion Decken und Kissen und erklärte meiner Prinzessin zum gefühlten siebenunddreißigsten Mal, wie man aufräumt. Stück für Stück nahm Prinzessin in die Hand, fragte mich „Wohin?“ und ließ sich von mir zu Schrank, Schublade und Müllcontainer lotsen. Das dauerte zwar ewig, war aber letztendlich von Erfolg gekrönt. Man konnte den Fußboden wieder sehen, das Bett war in der Lage, eine todmüde Einhornzüchterin aufzunehmen und sogar das Fenster war wieder zu erkennen. Vielleicht sollte man die eine oder andere Schranktür oder Schublade nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen öffnen, aber prinzipiell war das Zimmer aufgeräumt. Und auch, wenn unsere Ordnungsheldin fürchterlich müde war, war sie doch sehr glücklich, denn das Umschichten ihrer mannigfaltigen Habe förderte einige verloren geglaubte Schätze wie Muscheln, völlig gewöhnliche Steine, kunstvoll zerrupfte Taschentücher und etwa eine halbe Millionen Legosteine zutage. 
Ich gebe ehrlich zu, dass ich ein wenig erstaunt war, als ich am nächsten Morgen entdecken durfte, dass die „Neue Ordnung“ im Zimmer von Fräulein "Das brauch ich noch" noch immer anhielt. Normalerweise ist es eine Sache von Minuten, bis das Chaos die nächste wilde Party in ihrem Zimmer veranstaltet. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Andererseits war unser Liebling des Chaos ja auch noch nicht aufgestanden...
Wie dem auch sei, der Tag nahm seinen ganz typischen Verlauf mit Waschen, Anziehen, Frühstücken und derlei frühen Ritualen, wie an jedem anderen Tag auch. Während ich mich danach an den Computer zurückzog, um die Veränderungen der sozialen Netzwerke in den letzten 24 Stunden gewissenhaft zu prüfen, vertrieb sich lieb Frauchen die Zeit irgendwo zwischen Küche, Waschtrommel und Staubsauger. Die Kinder beschäftigten sich mit sich selbst, und es war eine Freude, ihrem Spiel zuzuschauen. Sohn und Tochter mutierten zu Architekten und bauten mit unzähligen Kissen und Decken, ein paar Stühlen und jeder Menge Motivation eine riesige Höhle in das Wohnzimmer. Während sich Sohnemann als Konstrukteur und Planer hervor tat, schleppte Klein Erna eine Decke nach der zweiten heran, sammelte im ganzen Haus Kissen zwecks Bodenbelag zusammen und stopfte ganze Wagenladungen Kuscheltiere in die halbfertige Höhle. Kaum war die letzte Decke verbaut und der Konstrukteur im Dickicht der Kissen und Kuscheltiere verschwunden, trieb Madame sämtliche Einhörner aus ihrem Gehege ins Wohnzimmer vor die Höhle und verkündete die Regel für das folgende Spiel: „Ich bin die Mama, die Einhörner der Papa und du bist das Kind!“ Ich war ein wenig überrascht, dass Meister Oberkonstrukteur das mit sich machen ließ, erkannte aber bald seine Beweggründe: Er ließ sich von vorne bis hinten bedienen. Nicht nur schleppte die selbsternannte Mutter Essen und Trinken herbei, auf dass es dem Sohne wohl ergehe, sie brachte ihm auch noch eimerweise Spielzeug. So beschäftigten sich Prinz und Prinzessin stundenlang, über den Mittag hinweg bis zum Abend.
Traditionellerweise wird das über den Tag benutzte Spielzeug am Abend gewissenhaft aufgeräumt, bevor es ins Bett geht. Und traditionellerweise lamentiert Meister „Och Mann!“, dass seine Schwester ihm schon wieder nicht helfen will. Und ebenso traditionellerweise wird Madame „Ich kann das nicht!“ mehr oder weniger deutlich auf die Folgen ihres Ungehorsams aufmerksam gemacht, bis sie endlich den schweren Gang antritt und Stück für Stück den Berg an Spielzeug und Baumaterial abträgt. So dauerte es auch an diesem Abend eine ganze Weile, bis sich gnä' Frau endlich ans Werk machte. Was ihre Eltern nur wunderte, war, wie schnell das plötzlich ging! Mit beiden Armen krallte sich unsere Tochter alles, was sich nicht rechtzeitig retten konnte, und rannte aus dem Wohnzimmer. Nur Sekunden später tauchte sie mit leeren Händen wieder auf, schaufelte sich die nächste Fuhre auf die Arme und rannte davon. Vater und Mutter betrachteten andächtig das Wunder vom schmelzenden Berg und ahnten fürchterliches.
Nach nur einem Dutzend Runden durch das Haus verkündete Fräulein Schwerlastbagger freudestrahlend: „Aufgeräumt!“ Nun, die Höhle, das Spielzeug und das ganze andere Gerümpel waren tatsächlich aus dem Wohnzimmer verschwunden. Soweit hatte sie also durchaus Recht. Mit dunklen Vorahnungen schritten Mutter und Vater durch das Haus, sammelten unterwegs verlorene Kissen, Kuscheltiere und Einhörner wieder ein und betrachteten andächtig das töchterliche Kinderzimmer. Vor uns strahlte unsere Tochter über alle vier Backen, hinter uns lachte sich unser Sohn schlapp.
Ein wahrhaft riesiger Berg türmte sich zwischen Kommode und Schrank empor, bedeckte den Fußboden zur Gänze und bedrohte das Bett mit dem kuscheligen Äquivalent eines Erdrutsches. Das Chaos war zu seiner besten Freundin zurückgekehrt.
Manchmal komme ich mir vor wie Sisyphos, und der Ordnungssinn meiner Tochter ist mein Fels, den ich bis in alle Ewigkeit den Berg hinauf schleppe...

Donnerstag, 4. September 2014

Historisch

Gerade eben war er doch noch so klein. Den Satz kennen wohl alle Eltern…

Gerade eben war unser Sohn noch so klein, dass ich selbst Angst hatte, ihn auf den Arm zu nehmen, weil ich befürchtete, ihn kaputt zu machen. Er war doch noch so klein, kaum eine Handvoll.
Und dann? Dann rannte er plötzlich auf allen vieren durch das Haus, dann plötzlich war er groß genug für sein erstes Fahrrad, und jetzt – ist er ein Schuljunge. Dabei war er doch gestern noch so klein!

Eigentlich hatten wir ja auch genug Zeit, um uns auf diesen denkwürdigen Tag vorzubereiten. Schon Monate vorher tauchte plötzlich ein amtlicher Schulranzen in unserem Haushalt auf, viele Wochen vorher bekamen wir eine Einladung der Schule zwecks Vorstellung unseres Sohnes. Dann gab es Informationsveranstaltungen, einen Elternabend „light“*, noch mehr Post von der Schule und natürlich eine ganze Reihe Gespräche mit anderen Eltern, die ihre Kinder zum gleichen Datum dem Lehrinstitut in den Rachen werfen sollten.
Aber letztlich war es der Kauf der Schultüte für Junior, die uns das ganze Ausmaß der Entwicklung unseres Sohnes vor Augen führte. Diese Schultüte stand am Ende einer langen Vorbereitung der Einschulung. Der Kuchen war gebacken, das Mittagessen vorbereitet, die gesamte Sippschaft eingeladen, um dem Ereignis durch ihre Anwesenheit einen würdigen Rahmen zu bereiten, und natürlich hatten wir auch an Geschenke zur Einschulung gedacht. Selbst an ein paar Kleinigkeiten für seine Schwester hatten wir gedacht, komplett mit Schultüte in der Größe Medium.
Und dann war er plötzlich da, der große Tag. Unser künftiger Schüler stand mit Schulranzen, Maxi-Schultüte und Schwesterchen mit stolzgeschwellter Brust vor der Haustür und ließ sich für den ersten Schulweg seines Lebens vom stolzen Vater und mindestens ebenso stolzen Großvater ablichten. Und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
In der Schule war die Sporthalle flux zum Veranstaltungsraum umfunktioniert worden, um so etwa zwanzig Kinder und zweihundert Angehörige zu bewirten. Der Kindergarten verabschiedete seine ehemaligen Kameraden mit einem feierlichen Spalier, und der Rektor dankte einer ganzen Reihe von Schülern und Lehrern, dass sie diesen Tag so wunderbar vorbereitet hatten. Und damit hatte der Mann völlig Recht, denn es gab nicht nur Reden, sondern auch Kaffee und Kuchen, kredenzt von jungen, freundlichen Elevinnen, sowie eine Gesangsdarbietung, vorgetragen von der zweiten Klasse der Schule, unterstützt durch ein kleines, aber enthusiastisches Orchester, bestehend aus vier verschiedenen Perkussionsinstrumenten und einem ebenso hingebungsvollen wie geduldigen Kapellmeister am Klavier.
Dann wurde es ernst für unseren Sohn. Bis gerade eben befand er sich noch in der Obhut einer erklecklichen Anzahl von Eltern und Großeltern, nun aber wurde sein Name aufgerufen, auf dass er sich nach vorn begebe, in den Kreis seiner neuen Mitschüler. Und Prinz Fürchtenicht ging nicht nach vorn, er wankte nicht, er schlich nicht, nein – er rannte! Der kleine Kerl, dem lieb Frauchen und ich doch gerade erst noch die Windel gewechselt hatten, der doch gerade erst krabbeln, laufen, sprechen gelernt hatte, rannte nun mit seinem riesigen Schulranzen und seiner noch größeren Schultüte nach vorn zu seiner Lehrerin, als habe er in seinem Leben noch nie etwas anderes getan. Wir waren gerührt, und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
Väter, Großväter, Onkel, Tanten und eigentlich alle anderen zückten Fotoapparate, Smartphones und Kameras, um den Augenblick der Einschulung auf digitales Fotopapier zu bannen, während den Kindern auf der Schlachtbank… Sitzbank langsam dämmerte, dass sich nun einiges in ihrem Leben ändern würde. Es dauerte ein kleines bisschen länger, bis der Rektor sämtliche Okulare wieder zurück auf ihre Sitzplätze beordert hatte, damit die frischen Schüler nun ihrerseits endlich ihre Plätze in den Klassenräumen einnehmen konnten. Die erste Unterrichtsstunde begann, und wir Eltern und Großeltern waren nicht zugelassen. Ein seltsames Gefühl… Aber wir wurden entschädigt, denn das ausgesprochen freundlich lächelnde Zahnspangen-Geschwader bewirtete uns mit Unmengen heißen Kaffees und süßen Kuchens. Mit vollem Magen und ungefähr 3,6 Promille Koffein im Blut führte man uns dann in den Klassenraum, wo wir Sohnemann beobachten konnten, der seinen Sitzplatz einrichtete und den Rest der Schülerschaft beäugte, und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
Den Abschluss bildete das obligatorische gemeinsame Foto, damit die Erstklässler von heute einst den Erstklässlern in ferner Zukunft von ihrem ersten Schultag berichten können. Es dauerte eine kleine Weile, bis wir unseren künftigen Meisterschüler in der Menge winkender Kinder ausmachen konnten, aber dann fanden wir ihn, und seine Oma, was meine Mutter ist, wurde historisch. „Genau wie du damals, mein Junge!“
Als wir unseren Sohn wieder in Empfang nahmen, nach Reden, Gesang, Kaffee und Kuchen und dem Foto, schaute Prinz Weißichalles in die Runde und rief: „Aber ich habe doch noch gar nichts gelernt!“
Ich schaute seine Oma an, was meine Mutter ist, und sie sagte – nichts. Sie lachte nur, wie wir alle.
Dann wird Sohnemann morgen wohl nochmal in die Schule gehen müssen…

Nun ist die erste Woche in der neuen Schule vergangen, und unser Sohn hat sich daran gewöhnt, dass er wohl noch ein Weilchen länger in die Schule gehen muss. Immerhin freut er sich noch jeden Morgen darauf, in die Schule zu gehen, denn inzwischen hat er doch tatsächlich angefangen, was zu lernen! Mir selbst ist ein bisschen mulmig zumute, wenn ich an solche Begriffe wie Hausaufgaben oder Klassenarbeit denke, denn ich weiß noch sehr genau, was ich damals von der Schule und der damit zusammenhängenden Arbeit hielt…
„Genau wie du damals, mein Junge!“ Ich hoffe nicht…
*„light“, weil uns ja noch keine bösen Überraschungen über unseren Sohn erzählt werden konnten. Theoretisch.