Montag, 15. September 2014

Bio-Krafttraining


Einer der Vorteile, die man hat, wenn man ein Haus käuflich erwirbt, ist der nette Garten, der hinter dem Haus zum Verweilen und Erholen einlädt.

Einer der Nachteile, die man hat, wenn man ein Haus käuflich erwirbt, ist der große Garten, der hinter dem Haus wie Unkraut wuchert und einem nur Arbeit macht.

Eine der wenigen immer wieder kehrenden Arbeiten, die mein lieb Frauchen und ich eigentlich ganz gerne machen, ist das mehr oder regelmäßige Rasenmähen. Bei einer Fläche von Bolzplatzgröße dauert so eine Rasenfrisur für gewöhnlich einen Vormittag, bis die Grünfläche wieder betretbar aussieht. Jedenfalls, solange der Rasen nicht allzu viel Zeit zum Wuchern hatte und der Boden einigermaßen trocken ist. Und gerade hier liegt der Hase im sprichwörtlichen Pfeffer. Denn unser Garten ist Sammelpunkt für allerlei Regenwasser, das aus den umliegenden Grundstücken zu uns herabfließt. Dummerweise kann es da kaum noch weg, denn kaum zwei Meter unter der Grasnarbe beginnt eine sechs Meter dicke Lehmschicht; und darunter, quasi im zweiten Tiefgeschoß, befindet sich der Kalksockel, auf dem der Rest der Stadt steht. Die Wasserdurchlässigkeit tendiert also gegen Null, deshalb dauert es nach jedem Regenschutt kleine Ewigkeiten, bis das Wasser sich verteilt hat, verdunstet ist oder von einer Herde Kamele aufgenommen wurde. Auf letztere warte ich inzwischen schon so lange, dass ich bereits darüber nachdenke, die anfallenden Wassermassen zur Kultivierung von Reisfeldern zu nutzen. Jeder graue Regentag verlängert also zwangsläufig den zeitlichen Abstand zwischen den notwendigen Rasenkürzungen und gibt dem Gras Zeit, Gelegenheit und Nahrung, ungehindert in himmlische Höhen zu schießen. Je nasser, desto hoch.

Unser alljährliches Natur-Freibad (Südseite)...
Der diesjährige Sommer neigt sich nun nicht nur kalendarisch dem Ende zu, auch das Wetter wird immer feuchter. Mit einiger Ungeduld hatten meine beste Ehefrau und ich nun schon drei Wochen gewartet, bis der Garten trocken genug sei, um vielleicht ein letztes Mal vor dem Winter den Rasen mähen zu können. Denn hat die herbstliche Regenzeit erstmal begonnen, sieht der Rasen bis zum Frühjahr kein Messer mehr.
Endlich schien der Tag gekommen, dem Rasen einen Fassonschnitt zu verpassen. Dieses Mal zog meine Frau den Kürzeren, und so stürzte ich mich freudig in meine Gartenklamotten, um den Mäher über die Wiese zu schubsen. Hätte ich gewusst, was mir da blühte, hätte ich galant meinem Eheweib den Vortritt gelassen.
Aufgrund einiger recht motivierter Regengüsse war es schon ein ziemliches Weilchen her, seit der Rasen zuletzt gemäht wurde, so gefühlte drei bis vier Jahreszeiten. Jedenfalls kitzelte das Gras schon in den Kniekehlen. Ich begab mich also in die Gartengeräteabteilung unseres Häuschens, befreite den Rasenmäher vom Gartenschlauch* und begann mein grünes, lärmendes Werk. Ein freies Plätzchen auf der Terrasse suchen, Benzinhahn aufdrehen, kräftig am Seil ziehen, fluchen und noch einmal kräftig ziehen, bis der Motor spotzend und spuckend zum lauten Leben erwachte. Nach nur wenigen Metern des Mähens tat sich der Motor immer schwerer, bis er schließlich in stummen Stillstand verfiel. Ein ungläubiger Blick in den Fangkorb zeigte, dass selbiger bereits randvoll und tonnenschwer war. Das lag an der feuchten Natur des Schnittgutes, denn obwohl der Boden ausreichend trocken war, um Gartengerät und Gerätebediener zu tragen, war das Gras an sich noch platschnass. Nun gut, das war im Grunde nicht schlimm. Es hieß eben nur, dass ich den Mähvorgang erheblich öfter würde unterbrechen müssen, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich betrachtete das Dilemma von der sportlichen Seite und malte mir aus, wie Bizeps, Trizeps, Armbeuger und Deltamuskel zu ungeahnten Ausmaßen anschwollen angesichts des schweren Fangkorbes, den ich nun alle paar Minuten stemmen musste. Bio-Krafttraining, sozusagen.
Andererseits nervte es mich schon nach kurzer Zeit, dass es nur runde drei Minuten dauerte, bis der Fangkorb voll nassen Grasschnitts war, aber mindestens fünf Minuten, bis ich den dämlichen Korb zur Komposttonne geschleppt, ausgeleert und wieder am Rasenmäher angebracht hatte. Der Feierabend würde somit in weite Ferne rücken.
Aber irgendwie schienen sich diverse Götter des Gartenbaus heute ohnehin gegen mich verschworen zu haben. Denn kaum hatte ich mich damit abgefunden, dass der Rasen so nass und die Komposttonne so weit weg war, gab der Motor mitten in der Arbeit ein letztes, heiseres Husten von sich und verstummte. Ich zupfte mit wachsender Ungeduld am Starterseil herum, fluchte hingebungsvoll und versetzte dem faulen Gerät einen wohl dosierten Tritt. Der Motor blieb stumm. Ich drehte die Zündkerze ab, reinigte sie und nagelte sie wieder an ihren Platz. Beten, reißen, fluchen. Stille. Ich prüfte den Ölstand, kippte sicherheitshalber noch ein/zwei Liter hinterher und schüttelte die Kiste ordentlich durch. Beten, reißen, fluchen. Stille.
Ich prüfte den Kraftstoffbunker, vertrieb die halb verhungerte Spinne aus dem trockenen Behältnis und entdeckte ansonsten gähnende Leere im Tank. Aha! Wie einst Sherlock Holmes kombinierte ich messerscharf: Da fehlt Sprit! Die nächste Viertelstunde verbrachte ich also mit der Suche nach dem Benzinkanister, den ich letztlich unter ungefähr fünfzig Metern Gartenschlauch fand, die ich doch gerade erst auf die Trommel gewickelt hatte. Tanken, beten, reißen, BRUMM! Ich stimmte ein kurzes, aber ehrlich gemeintes Dankgebet an und mähte verbissen weiter. Am Himmel brauten sich bereits die nächsten Regenwolken zusammen, und ich wollte fertig werden, bevor der Garten erneut zum Natur-Freibad werden würde. Immer wieder war der Fangkorb voll, immer wieder erstarb der Motor, immer wieder wanderte ich zur Tonne und zurück. Irrsinnigerweise ließ sich der Fangkorb plötzlich nicht mehr korrekt am Rasenmäher befestigen. Irgendwo zwischen Rasenmäher und Komposttonne war offenbar eine der Halterungen abgebrochen. Nun war guter Rat teuer. 
Ich durchsuchte den Schuppen nach einer Notbefestigung und fand ein Gummiseil, wie man es zur laienhaften Transportsicherung in Kofferräumen verwendet. Zwei Haken, ein Meter Gummi und jede Menge Hoffnung schienen mir ausreichend, um den Fangkorb wenigstens provisorisch am Rasenmäher festmachen zu können. Ich befestigte das eine Ende des Gummiseiles am hinteren Ende des Fangkorbes, das andere Ende ganz vorn neben dem rechten Vorderrad. Auf diese Weise wurde der Fangkorb in seine Aufnahme gedrückt und der Schnitt wanderte zuverlässig in den Fangkorb. Na bitte, geht doch! Jauchzen, reißen, BRUMM! Hocherfreut und ein bisschen stolz, eine gute Lösung gefunden zu haben, mähte ich heiter weiter. Doch noch bevor der Fangkorb wieder voll war, schnappte es kurz und das Gummiseil war gerissen. Offenbar sollte ich heute wirklich nicht mehr fertig werden, sonst hätte mir jemand gesagt, dass ich das Gummiseil besser nicht am Auspuff entlang führen sollte. Ich wanderte also schon wieder in den Schuppen und schnappte mir das nächste Gummiseil. Übrigens das letzte in unserem Haushalt, diesmal musste es also halten!
Ich befestigte den Fangkorb nun, ohne auch nur in die Nähe des Auspuffes zu gelangen, und prüfte meine Konstruktion ungefähr vier Mal, bevor ich weitermähte. Beten, reißen, BRUMM! Das mit dem Beten muss irgendjemand dort oben gehört haben, denn das unglaubliche geschah: Ich konnte den Rasen zu Ende mähen, ohne, dass noch irgendetwas unvorhergesehenes passierte. Selbst die dicken Regenwolken hatten sich inzwischen wieder verzogen! Statt der üblichen zwei Stunden und ein bisschen, die ich für gewöhnlich brauche, dauerte es an diesem Tag geschlagene vier Stunden, und hinterher schmerzten mir nicht nur die Arme, sondern hatte ich auch Blasen an den Füßen!

Der Herbst scheint nun tatsächlich kommen zu wollen, aber das Gras wächst wie Unkraut. Vielleicht haben wir irgendwann im Oktober noch einmal Gelegenheit, den grünen Teppich zu stutzen. Und wenn nicht, dann müssen wir eben im Frühjahr nächsten Jahres von Bauer Thomsen den Trekker und das Mähwerk leihen und damit durch den Garten rumpeln.
*Ich bin mir sehr sicher, dass ich den Gartenschlauch ordentlich auf die Trommel aufgerollt in die Ecke des Schuppens gestellt hatte. Aber es scheint eine Art Naturgesetz zu sein, dass der Gartenschlauch grundsätzlich den Rasenmäher an die Schubkarre fesselt. Selbst, wenn gar keine Schubkarre im Schuppen steht!

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