Samstag, 20. September 2014

Erreicht den Hof mit Müh‘ und Not...

...die Tochter lacht, das Fahrrad tot!


Die letzten Tage des Sommers sind ja doch gar nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Immerhin gab mir das Wetter der letzten Tage unter anderem Gelegenheit, mal mit meiner Tochter eine kleine Fahrradtour zu unternehmen. Sohnemann befand es, ganz Kavalier der alten Schule, für wichtiger, seine treusorgende Mutter in der Küche zu beaufsichtigen, statt sich solch sportlichem Quatsch wie Fahrradfahren hinzugeben. Papa-Zeit also für Töchterlein.
Weil unsere kleine Prinzessin auf noch nicht gar so viel Erfahrung im hektischen Straßenverkehr unserer Zeit zurückgreifen kann, hielt ich es für wichtig, notwendig und an der Zeit, ihr quasi „on the road“ einige meiner teuren, nützlichen, hart erworbenen Erfahrungen mit auf den Weg zu geben. So nahmen denn Prinzessin „Ich kann das schon“ und ihr Erzeuger ihre Fahrradhelme, sattelten ihre Drahtesel und schon sollte es losgehen. 

Ich hatte mir das ungefähr so gedacht:
Nach Abfahrt am Grundstück Abbiegen nach rechts, dabei Lektion „Handzeichen geben unter besonderer Berücksichtigung des weiblichen Geschlechts der Übenden“.
Noch einmal rechts abbiegen, wieder mit korrektem Handzeichen, dann Weiterfahrt bis zur Fußgängerampel an der Hauptstraße. Hier Lektion „die Lichtzeichenanlage und die Bedeutung der verschiedenen Farben“, dabei Vertiefen der Lektion „Links und rechts gucken vor Überqueren der Straße“.
Nach Überqueren der Hauptstraße an der Ampel Weiterfahrt durch das anschließende Wohngebiet, Lektion „Einschätzung der Geschwindigkeit und Gefährdung durch überhöhtes Tempo“ sowie „Vorfahrtsregeln - Schwerpunkt rechts vor links“.
Der vorgesehene Fahrradweg würde uns dann im weiteren Verlauf in unseren kleinen Stadtpark führen, hier schlössen sich die Lektionen „Fahren auf lockerem Untergrund“ sowie „Bremsen für Anfänger - Rutschgrenzen und Gefahrenbereiche“ an. Zur Auflockerung des Ausbildungsweges wäre hier dann auch die Möglichkeit zum freien Fahren, sofern die vorangegangenen Lektionen erfolgreich abgeschlossen würden. Ansonsten wäre hier Raum zur Wiederholung einzelner Lektionen.
Der weitere Weg würde uns dann in einer weiten Schleife wieder zur heimatlichen Scholle zurückführen, hier ergäbe sich die Möglichkeit, die Lektionen „Lichtzeichenanlage“, „Vorfahrtsregeln“ sowie „Bremsen für Anfänger“ zu wiederholen und erlangtes Wissen abzuprüfen.
Den Abschluss würden dann die Fahrzeugpflege und eine abschließende Besprechung des Übungsabschnittes bilden.
Soweit der Plan, den ich mir als verantwortungsbewusster Vater zurechtgelegt hatte.
Ich erläuterte Prinzessin „Lass uns doch endlich fahren“ den geplanten Ablauf, wies auf prüfungsrelevante Punkte hin, schwang mich auf mein altes Veloziped und gab das Startzeichen.

Mit dem Ruf „Ich will zum Spielplatz!“ trat meine herzallerliebste Tochter mit aller Macht in die Pedale und bog sofort links ab, ohne jedoch Handzeichen zu geben! Mein Puls sprang schlagartig in astronomische Höhen, und ich trampelte schwerfällig hinterher. Sekundenbruchteile vor einer möglicherweise unbedachten Überquerung unserer kleinen Straße hatte ich die rasende Radlerin eingeholt und gestoppt. Na gut, dann fahren wir eben zum Spielplatz, der sich allerdings auch nur wenige Meter von unserem Haus entfernt befindet. Die Begeisterung für Rutsche, Kletterburg und Schaukel verhinderte glücklicherweise nicht, dass Madame ihren Drahtesel ordentlich am Rande parkte. Den Fahrradhelm musste ich ihr allerdings im Flug abnehmen!
Während unser Aushilfsäffchen auf dem Kletterturm turnte, ordnete ich im Geiste die Strecke, um den weiteren Ablauf der Ausbildung doch noch sicherzustellen. Nach etwa fünf Minuten Spiel auf dem Spielplatz forderte ich meine Tochter unmissverständlich zur sofortigen Weiterfahrt auf. Etwa zwanzig Minuten später ging es dann weiter. „Jetzt will ich zum anderen Spielplatz!“ Na gut, damit hatte ich inzwischen gerechnet und machte ihr einen Spielplatz schmackhaft, der ungefähr in der Mitte meiner ohnehin geplanten Route lag. Und wie durch ein Wunder nahm die Profiradlerin meinen Vorschlag an. Wir radelten also Richtung Hauptstraße, wo die Lektion „Lichtzeichen“ ebenso plötzlich wie ersatzlos ausfiel, weil ein ahnungsloser fußläufiger Verkehrsteilnehmer die Ampel bereits betätigt hatte, sodass Prinzessin Sauseschritt ungebremst bei grünem Licht über die Straße flitzte, gefolgt vom hektisch rufenden Vater: „Du hast nicht geguckt!“ „Du auch nicht, Papa!“
In rasender Fahrt ging es durch das Wohnviertel, wo die Lektion „Einschätzung der Geschwindigkeit“ einsam im Fahrtwind verhallte, womit sie das gleiche Schicksal ereilte wie die Lektion „Vorfahrtsregeln“. In meinem verzweifelten Versuch, den weiblichen Eddie Merckx zu bremsen, wurde ich langsam heiser, als wir endlich bewohntes Gebiet verließen und den Park erreichten. Die Lektion „Fahren auf lockerem Untergrund“ löste sich im aufgewirbelten Staub auf, die Lektion „Bremsen“ dagegen nutzte Lady Kamikaze zu einer meisterlichen Vorführung ihrer Vollbremsungsqualitäten (mit gekonntem Slide rechts!), als wir den zweiten Spielplatz erreichten. Ich hätte nie gedacht, dass Fahrradreifen sogar beim Bremsen auf Schotter quietschen können!
Während lieb Töchterlein den Spielplatz schreiend und lachend eroberte, ließ ich mich schweißgebadet auf der nahen Bank nieder und versuchte, mittels jahrhundertealter meditativer Methoden und bewusster Atmung meinen Puls wieder auf halbwegs normale Werte zu bringen.
Wie es scheint, muss ich in meiner Meditation kurz eingenickt sein, denn plötzlich stand die Spielplatzeroberin vor mir und schlug vor, den Heimweg anzutreten. Dazu war ich natürlich gern bereit, allerdings nutzte ich die Gelegenheit, der Rasenden Radlerin mit Nachdruck einzuschärfen, a) langsamer zu fahren (wesentlich langsamer!), und b) beim Papa zu bleiben. (Unbedingt!) „Ja, ja. Komm jetzt, wir fahren los. Ich hab Hunger!“*
Ich verzichtete auf weitere Versuche, noch irgendwelche Lektionen an die junge Frau zu bringen, und achtete ausschließlich darauf, meine kleine Tochter sicher nach Hause zu geleiten. Während das Mädel also fröhlich über Stock und Stein, Hauptverkehrsstraße und Bürgersteige radelte, drehte sich mein Kopf wie ein nervöses Radargerät hin und her und versuchte, jede nur mögliche Gefahr so früh wie möglich zu erfassen. Ein zufälliger Zuhörer hätte unseren Weg durch unser Viertel nachverfolgen können, indem er einfach meinen Rufen gefolgt wäre: „Bisschen langsamer, Schätzchen! Bleib bei Papa! Erst gucken, GUCKEN! Schon gut, Schätzchen, beim nächsten Mal einfach links und rechts gucken, bisschen langsamer, bitte! VORSICHT! Nicht so nah an die Autos! Nach vorne schauen! Bisschen langsamer da vorne!“ und so weiter…
Endlich kam unser Heim in Sicht, endlich bogen wir ein in unsere Auffahrt, endlich war beinahe jegliche Gefahr gebannt. Das töchterliche Fahrrad wurde in die Ecke gepfeffert und die Pilotin rannte freudestrahlend zu ihrem Bruder: „Ich hab eine Fahrradtour mit Papa gemacht! Das war toll!“
Worauf umgehend die Frage kam: „Papa, können wir jetzt auch mal eine Fahrradtour zusammen machen?“ „Natürlich, mein Sohn, nur nicht jetzt, denn mein Kopf ist hochrot, ich bin durchgeschwitzt und bis Oberkante Unterlippe vollgestopft mit Adrenalin.“ Mit anderen Worten: Ich brauchte Rekonvaleszenz, eine mehrwöchige Kur zur Wiederherstellung meiner körperlichen Leidensfähigkeit und einen Plan, um Panikattacken, Kurzatmigkeit und Schockstarre künftig bei solchen Gelegenheiten zu vermeiden. Vielleicht braucht es einfach nur ein bisschen mehr Gelassenheit, um mit Töchterchen durch die Welt zu radeln.

*Das hat nichts zu bedeuten. Hunger hat sie immer. Und grundsätzlich.

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