Samstag, 5. Dezember 2015

Das Schlechte Gewissen

Vor etwas über zwei Jahren hatten wir unseren Sohn in der Schule angemeldet, und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mich damals fühlte. Ich erkannte die Gerüche wieder, die in den Fluren herrschten, diese Duftnoten nach kaltem Schweiß, verbrauchter Luft und Feuchtigkeit.Ich erkannte die scheinbar unvermeidlichen Wandfarben wieder, in unsäglichem Umbra, ekligem Elfenbein, grässlichem Grün, alle abwaschbar.
In mir regten sich plötzlich Emotionen, wie ich sie seid bummelig dreißig Jahren nicht mehr gespürt hatte. Durch meinen Kopf gingen Gedanken wie „Ich habe meine Hausaufgaben vergessen!“ - „Hoffentlich kommt heute keine Klassenarbeit! Ich habe nicht gelernt!“ - „Hatten wir überhaupt Hausaufgaben auf?“
Kurz: Als ich mit Frau und Kind vor über zwei Jahren vor dem Büro des Rektors stand, um unseren Sohn anzumelden, war ich das personifizierte schlechte Gewissen.*
Und ich kenne kaum einen Menschen, dem es in ähnlicher Lage nicht genauso gegangen wäre.


Vor ein paar Tagen wurde unsere kleine Tochter wieder ein bisschen größer. Wir hatten einen Brief erhalten, genauer gesagt, eine Einladung. Die Schule, die unser Thronfolger bereits seit zwei Jahren recht erfolgreich besucht, lud uns zu einem Gespräch zum Thema Einschulung der Tochter ein. Wir mögen uns doch bitte an einem ansonsten eher normalen Donnerstag, irgendwann zwischen morgens um acht und nachmittags um drei, im Büro des Rektors einfinden, hierzulande Kontor genannt, was meiner Ansicht nach eines der schöneren alten Worte ist, die unsere Muttersprache irgendwo auf dem Weg in die Moderne bedauerlicherweise verloren hat.
Aber in dieser kleine Geschichte soll es gar nicht um unsere wachsende Tochter gehen, die an diesem regnerischen Donnerstag ihr Einführungsgespräch mit dem Rektor ihrer künftigen Lehranstalt hatte.
Natürlich war sie stolz bis ins letzte Eck (wir natürlich auch!), schaute sich neugierig um und schwieg beharrlich, als der Rektor versuchte, sie auszufragen. Sie war aber in wenigstens einer Hinsicht nur Nebendarstellerin eines Geschehens, das sich ganz genau so zugetragen hatte, wie ich es nun berichten will.

Es war also Donnerstagmorgen, kurz vor acht. Draußen war der Himmel grau, die Luft noch feucht vom letzten Regen, und die Temperaturen noch weit unterhalb der eigenen Komfortzone. Im Schulgebäude, vor dem Kontor (ich liebe dieses Wort!) hatte sich bereits eine Mutter mit ihrem aufgeregtem Kind versammelt. Lächeln, „Guten Morgen“ sagen, warten. Und während wir darauf warteten, ins Vorzimmer des Rektors gerufen zu werden, versammelten sich immer mehr Mütter, Väter und Großeltern und natürlich die dazugehörigen künftigen im Flur der Schule. Ich ließ meinen Blick über die Menge gleiten und erkannte dieselbe Nervosität, wie ich sie selbst nur etwa zwei Jahre zuvor verspürt hatte, als wir unseren Sohn in ebendieser Schule anmeldeten. In den Gesichtern der Mütter und Väter zeigte sich nicht nur die Nervosität, sondern auch das schlechte Gewissen, das sich offenbar immer dann einstellt, wenn man selbst auch nicht der vorbildlichste Schüler war. Ich grinste leise in mich hinein, beugte mich zu meiner Frau hinüber und flüsterte vernehmlich: „Hoffentlich ist die Prüfung nicht so schwer! Ich habe gar nicht gelernt!“ Meine liebe Frau schaute mich an und meinte nur: „Ach, das schaffen wir schon.“ Dutzendweise drehten sich Köpfe zu uns, öffneten sich Ohren weit und Augen gar noch weiter. Das Wort „Prüfung“ sprang munter von Gewissen zu Gewissen und löste wahre Sturzfluten von Schweiß auf den Stirnen der Väter und Mütter aus.
„Prüfung? Was wird denn da geprüft?“
„Oh Gott, ich hab doch gar nichts gelernt!“
„Hat du gehört? Eine Prüfung! Ich hab's dir doch gesagt!“
Genau zu diesem Zeitpunkt öffnete sich die Tür, und die Sekretärin erschien, um uns in das Büro zu bitten. Meine liebe Frau und ich widmeten uns unter der liebevollen und wortreichen Hilfestellung der Sekretärin dem unvermeidlichen Bürokratismus, während unsere baldige Musterschülerin mit einer Mischung aus Scheu, Neugierde und Stolz das gesamte Vorzimmer gewissenhaft untersuchte. Geburtsurkunden wurden untersucht, und für gut befunden, Rechtschreibfehler in Namen und Adressen korrigiert (in rot natürlich), ein paar nette Worte gewechselt – das ganz normale Verwaltungsgeschäft eben. Als alles zur Zufriedenheit der Vorzimmerdame geprüft, korrigiert, nochmals geprüft, unterschrieben und gegengeprüft war, wurden wir wieder vor die Tür gebeten, weil der Rektor noch im Gespräch war.

Als wir wieder vor die Tür in den Flur traten, blickte ich in erwartungsvolle, große, ängstliche Augen: „Und?“ schwebte die unausgesprochene Frage in Blockbuchstaben im Raum, oder besser, im Flur. Ich ließ die Schultern theatralisch hängen und wanderte nervös vor der Tür hin und her. „Mündliche...“ murmelte ich und wanderte weiter, den Blick unstet zwischen den Anwesenden hin und her schweifend, die Hände ringend. Mein Frau klopfte mir auf die Schulter, nahm meine Hände und sprach: „Ach, komm. Wird schon nicht so schlimm werden. Das schaffen wir schon!“ Und unsere Tochter erzählte jedem, der es wissen wollte (oder auch nicht): „Ich gehe jetzt bald in die Schule! Im Sommer, wenn es warm ist!“
„Ja, Schatz!“ sagte ich, „wenn Mama und Papa die Prüfung schaffen.“ Aber davon wollte Töchterchen natürlich gar nichts hören. Verständlich, denke ich.
„Die machen da ernsthaft eine Prüfung?“
„Mündliche? Was meint der Typ mit mündliche?“
„Ich hab dir doch gesagt, es gibt eine Prüfung! Aber du wolltest mir ja wieder nicht glauben!“

Gerade als erster Zweifel aufkam und sich einer der nervöseren Väter mit fragendem Blick an mich wenden wollte, öffnete sich die Tür zum Kontor erneut. Dieses Mal stand aber der Rektor höchstpersönlich in der Tür, mit einem eher neutralen Gesichtsausdruck. „Wenn Sie bitte hereinkommen wollen...“
Tochter stürzte voran, meine liebe Frau hinterher, und ich ließ noch einmal einen verzweifelten Blick auf die Menge los: „Himmel, hilf!“, als ich mit hängenden Schultern hinterher schlurfte.

Das Gespräch mit dem Rektor war entspannt, freundlich und, alles in allem, erfolgreich. Unsere Tochter war erstaunlicherweise von plötzlicher und völlig unerwarteter Stummheit geplagt, aber das schrieben wir unisono der neuen Umgebung, der allgemeinen Nervosität und ein bisschen auch dem schlechten Wetter zu. Dann war das Gespräch auch schon beendet, und wir erhoben uns, bedankten einander für die netten Worte und verließen das Büro. Ich trat als erstes mit strahlendem Gesichtsausdruck vor die Tür, schleppte meine kleine Familie hinterdrein, wandte mich der nächstbesten Mutter zu und raunte deutlich hörbar: „Aufgabe drei! Die Antwort ist BEH!“
Die Frau schaute mir einigermaßen verblüfft nach, während ich mit Frau und Kind im Schlepptau eilends und über alle Backen grinsend dem Ausgang zustrebte. Als sich die Tür langsam schloss und wir auf dem Schulhof waren, drang das befreite Lachen der wartenden Menge an unsere Ohren. Und wir lachten mit.

Humor ist ein hartes Geschäft. Nichts ist schwieriger, als Menschen zum Lachen zu bekommen. Man muss auf das richtige Timing achten, so unglaublich viele Befindlichkeiten beachten, darf nicht übertreiben und sollte immer ausgesprochen gut vorbereitet sein. Fragt Charlie Chaplin, Loriot oder Robin Williams.
Aber manchmal ist der beste Humor eben doch der, der aus dem Bauch heraus kommt! 
 
* Siehe hier: Alte Zeiten

Sonntag, 29. November 2015

Faszination Hörspiel

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Die Entwicklung unserer beiden Kinder auch nicht.

Wenn wir bisher längere Autofahrten gemacht haben, konnten sich Fürst Guckmalda und Lady HäWasistdas immer hervorragend auf ihren Rücksitzen beschäftigen, indem sie einfach die Wunder der vorbeiziehenden Welt andächtig beobachteten und kommentierten. Für noch längere Autofahrten hatte ich mal in einem Anfall von finanzieller Unzurechnungsfähigkeit ein mobiles DVD-Bildschirm-System erstanden, um den Kindern die Zeit mit Bob, dem Baumeister, Bibi Blockberg oder den gesammelten Kinoerfolgen von Walt Disney zu vertreiben.
Nun sind unsere beiden Thronfolger aber wieder ein Stück gewachsen, haben sich weiterentwickelt und, was die ganze Sache dann ein wenig komplizierter machte, sich eigene, recht unterschiedliche Interessen zu eigen gemacht. Diese unterschiedlichen Interessen führten in der letzten Zeit zu erheblichen Streitigkeiten auf den hinteren Sitzreihen, weil Lady IchwilleinPferdhaben die Sciencefiction Filme ihres Bruders „blöd“ fand, und Fürst Ichwilldasnichtsehen seinerseits Bibi Blocksberg total „langweilig“. Die mobile Verabreichung zweier unterschiedlicher cineastischer Kunstwerke ist aber auf unserem DVD-System technisch nicht vorgesehen. Es musste also eine Lösung gefunden werden. Die Möglichkeit, die Kinder am elterlichen Musikgenuss via Autoradio teilnehmen zu lassen, schied aus, das sich die Kinder unablässig und lautstark ihre eigene Musik wünschten. Und natürlich wollte Partei a) unbedingt Santiano hören, was Partei b) zu Unmutsäußerungen lautester Art veranlasste. Denn diese wollte natürlich AC/DC in Dauerschleife hören. „Oder Bibi und Tina!“, krähte sie. Die elterliche Musikauswahl wurde in seltener Einmütigkeit als „Uärgh!“ und „Langweilig!“ bewertet, jede Einspielung wichtiger Weltnachrichten mit „Müssen wir das hören? Können wir nicht was anderes?“
Wollten wir hinsichtlich der aktuellen Hitparaden und der neuesten globalen und regionalen Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben, musste nun wirklich dringend eine Lösung her!
Und sie präsentierte sich mir, als anerkanntem Unterhaltungstechniksachverständigem der Familie, in Form zweier abgelegter MP3-Player, die wir uns zugelegt hatten, einige Zeit, bevor wir erkannten, wie unglaublich praktisch Smartphones mit Streamingdiensten sind. Flugs holte ich die beiden Geräte aus der Versenkung, testete gewissenhaft die Funktionsfähigkeit beider und trommelte unsere beiden jungen Musikrezipienten im heimischen Wohnzimmer zusammen. Die Wartezeit, bis Prinz Dasistlangweilig und Prinzessin Dasistblöd aus ihren Gemächern in den improvisierten Lehrsaal diffundierten, nutzte ich, um beide Player mit einer erklecklichen Auswahl an Musik und kindgerechten Hörspielen zu beladen.
Kaum hatten sich Lord und Lady um mich herum versammelt, erklärte ich ihnen umfassen, langsam und deutlich die Funktionsweise ihrer neuen Spielzeuge, sowie im Besonderen die Verwendung der kleinen Kopfhörer und der Lautstärkeregelung.
Es war eine Freude, unseren beiden Schätzen dabei zuzusehen, wie sie ihre neuen Spielzeuge hingebungsvoll mit leuchtenden Augen ausprobierten und die Faszination Kopfhörer bis ins kleinste Detail auskosteten. Natürlich musste ich noch ein bis mehrere Male eingreifen, etwa um die Lautstärke auf ein erträgliches Maß einzupendeln, aber Sohn wie Tochter begriffen schnell die Funktionsweise jedes einzelnen Knöpfchens und freuten sich wie die Schneekönige über ihre jeweils ganz eigenen Musik- und Geschichtenwelten. Insbesondere die Hörspiele hatten es den beiden jungen, enthusiastischen Zuhörern alsbald angetan! Nach zehn Minuten Beobachtungszeit, in der sich in den Gesichtern und Körpern unserer Kinder nicht ein einziger Muskel regte, konstatierte ich mit Kennerblick: „Hörstarre.“
Meine geliebte Ehefrau und ich beschlossen spontan, diese ungewohnte Stille weidlich auszunutzen. Wir warfen uns auf das Sofa und wandten uns unseren Lieblingsbeschäftigungen zu. Während lieb Frauchen konzentriert und systematisch Wolle verknotete, schlug ich meinen Roman auf und begann zu lesen. Die herrliche Ruhe im Haus ließ mich schnell Raum und Zeit vergessen, und plötzlich sah ich Geronimo zu, wie seine Füße knapp über dem Boden schwebten1. Ich las von Dschinns, von Liebe und Verzweiflung, von Fanatikern, die die Welt aus den Fugen heben, und bald existierte nichts mehr außer der spannenden
„WEISST DU, PAPA!!!! IN DER GESCHICHTE, NÄ, DA IST SO EIN VOGEL!!!“
Mein Buch flog in hohem Bogen durch das Wohnzimmer, meine Frau verbog mit schreckgeweiteten Augen ihre Stricknadeln und mein Körper sprang auf, bevor ich selbst auch nur daran denken konnte. Mit einem Puls weit jenseits der Messskala und mit beiden Händen fest auf die Ohren gepresst, taumelte ich auf meinen entrückt grinsenden Sohn zu, der mir brüllend zu erklären versuchte, was an genau diesem Vogel so besonders war. Ich versuchte zunächst mit Zeichensprache, Meister Schreihals zu bedeuten, die Kopfhörer abzunehmen. Dies misslang natürlich gründlich, weil es dem menschlichen Megaphon natürlich derart wichtig war, mir die gerade gehörte Geschichte zu erzählen, dass er für alle anderen Reize absolut taub und blind war. Vorsichtig und mit der gebotenen Ruhe nahm ich ihm also selbst die Kopfhörer ab und erntete zunächst grenzenloses Unverständnis („Was machst du da?“), dann einen ausgesprochen vernichtenden Blick („Aber die Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende!“) und zuletzt völlige Resignation („Na gut, was willst du?“)
Prinzessin HexHex hatte von all dem nichts mitbekommen, weilte sie doch noch immer in der Hörstarre ihrer eigenen Geschichte. Ich hätte sie ja gerne weiter ihre Geschichte konsumieren lassen, aber wenn ich den Kindern beibringen wollte, dass man die Kopfhörer sinnvollerweise abnimmt, bevor man ein Gespräch beginnt, sollten sie schon in der Lage sein, mir zuzuhören. Ich nahm ihr also die Kopfhörer ab, was sie mit ihrem inzwischen altbekannten und von mir meist gehassten „Heeeej!“ quittierte. Aber es half ja nichts. Ich erklärte anschaulich unter Demonstration der immer noch schreckgeweiteten Augen meiner Frau und ihrer verformten Stricknadeln die Folgen plötzlichen Lärmausbruches, verdeutlichte den Effekt, den Kopfhörer auf die eigene sowie die Akustik der umstehenden haben, am eigenen Beispiel, und erklärte ihnen, was Knigge wohl davon gehalten hätte, hätte man ihn dermaßen angebrüllt. Meine Eleven nickten zu all meinen Ausführungen eifrig: „Ja, Papa!“
Und dann verschwanden beide MP3-Player mit den Kindern daran in ihren Zimmern. Wieder breitete sich himmlische, entspannende Ruhe aus. Ich sammelte meinen Roman vom Boden auf und nutzte den Frieden der Stille, die zitternden Nerven meiner Frau faltenfrei zu bügeln. Dann wandte ich mich wieder meinem Buch zu. Die Stille umfing uns. Und sie hielt an. Ganz offensichtlich waren Sohn und Tochter in ihren Zimmern wieder in Hörstarre gefallen.
Und gerade, als meine verstrickte Ehefrau und ich glaubten, doch einmal in den Kinderzimmern nachschauen zu müssen, ob Prinz und Prinzessin überhaupt noch vorhanden waren, hob eine lautstarke Unterhaltung an und dröhnte durch das Haus:
„WEISST DU, BEI MIR HABEN GERADE BIBI UND TINA…!!!“
„JA, UND BEI MIR SIND DIE PLAYMOS AUF EINER DRACHENINSEL…!!!“


Ich legte mein Buch auf den Tisch und erhob mich seufzend, um den Kindern noch einmal die Welt der Akustik anschaulich näher zu bringen.

Es wird wohl noch eine kleine Weile dauern, bis wir Meister WEISSTDU und Madame HEEEJ mit den MP3-Playern ins Auto lassen können, ohne uns von hinten plötzlich und unerwartet Geschichten in unerträglichen Lautstärken anhören zu müssen. Aber was tut man nicht alles für seine Kinder? Und ein bisschen auch für sich selbst.


1Salman Rushdie, Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte – kann man zum Beispiel hier bestellen: Amazon - Salman Rushdie

Dienstag, 24. November 2015

Wir werden reis/ reich!

Inzwischen ist es schon einige Jahre her, dass meine geliebte Ehefrau und ich uns ein Häuschen zugelegt haben, um unserer kleinen Familie ein angenehmes Dach über dem Kopf zu verschaffen. Mit dem Häuschen kam natürlich auch ein Garten, der damals, als wir das Haus kauften, zwar nicht mehr taufrisch, aber trotzdem irgendwie gemütlich aussah. Und es machte uns viel Freude, bei gutem Wetter und warmem Sonnenschein die lange vernachlässigte Pflanzenpracht wieder auf Vordermann zu bringen. Wie sich zeigte, war der kleine Brunnen, der sich ziemlich genau in der Mitte unseres Gartens in die Tiefe bohrt, eine ganz ausgezeichnete Idee, bot er doch jeden Tag genug Grundwasser, um die Pflanzen ordentlich zu gießen. Wir brauchten nicht einmal einen Wasserhahn. Es war einfach schön!

Als der Sommer langsam seinen Urlaub antrat und der Herbst kam, um ihn würdig zu vertreten, bekamen wir allmählich eine Ahnung, welchen Sinn der Brunnen mitten im Garten tatsächlich hatte. Der erste Herbststurm, den wir in unserem neuen Casa del Chaos erleben durften, brachte natürlich auch jede Menge Regen mit. Und zu unserer großen Überraschung lief der Garten voll Wasser! Statt einer grünen Wiese mit vereinzelten Büschen, einigen Bäumen und ein paar netten Blümchen fanden wir nun eines Morgens einen tiefen Teich vor, mit vereinzelten Büschen, einigen Bäumen und ein paar abgesoffenen Blümchen. Es dauerte ewig, bis das Wasser abgelaufen war!
Und in diesem Stil ging es durch den gesamten Herbst und natürlich auch durch den feuchten Winter weiter. Mehr oder weniger regelmäßig verwandelte sich unser Garten in eine beinahe idyllische Seenplatte.
Das temporäre Feuchtbiotop im heimischen Garten -
Wir wollen es gewinnbringend nutzen!
Während dieser Zeit reifte in mir der Plan, der Ursache für das temporäre Nassbiotop gründlich auf den Grund zu gehen. Im nächsten Frühjahr, kaum, dass der Rasen einigermaßen trocken, frisch gestutzt und das Wetter einige Tage sonnig geblieben war, begab ich mich zu einer kleinen Lehrstunde angewandter Geophysik, in den Händen die leichte Grundausstattung für Hobbyexploratoren*. Ich öffnete die Abdeckung unseres Brunnens und stieg hinab in die dunkle Tiefe. Dort, etwa 120 Zentimeter unter der Erdoberfläche untersuchte ich den Erdboden auf Beschaffenheit, Zusammensetzung und Wasserdurchlässigkeit und entdeckte statt der insgeheim erträumten extrem seltenen sauteuren Rohstoffe nur ziemlich normale Erde, wie sie in jedem durchschnittlichen Garten gefunden werden kann. Ich spuckte in die Hände, fasste Mut und Schaufel und grub mich tiefer. Eimer um Eimer wanderte gute Muttererde aus dem Brunnen in Richtung Blumenbeete, bis ich etwa 40 Zentimeter tiefer auf gleich zwei Dinge stieß: Grundwasser und Lehm. Jede Menge Lehm. Historisch betrachtet hätte ich damit rechnen müssen, liegt doch meine Heimatstadt am Ende einer Förde, in einer Gegend, in der es vor bummelig 115000 Jahren mal einen gewaltigen Gletscher gab. Kurz: Ich hatte es hier mit Geschiebelehm zu tun, Überreste des Grundmoränenmaterials, das sich hier während der Weichsel-Kaltzeit abgelagert hatte. Ich hätte mich natürlich freuen können, denn an sich ist Lehm nichts schlechtes. Lehmwickel, zum Beispiel, wirken entfettend. Lehm, der direkt auf eine Wunde aufgebracht wird, reinigt und entgiftet; er bindet Krankheitserreger und Gifte. Außerdem ist Lehm seit mindestens 9000 Jahren ein bekannter und beliebter Baustoff, der sich sehr günstig auf das Raumklima auswirkt. Und nicht zuletzt verwittert Lehm auch mit der Zeit zu gutem, fruchtbaren Boden. Allerdings hat Lehm auch eine Eigenschaft, die mich dann doch ärgerte: Er ist wasserundurchlässig. Und da sich der Brunnen, in dem ich mich gerade durch die Erdschichten wühlte, am tiefsten Punkt vierer Grundstücke befindet, sammelt sich hier bei jedem sonst so kleinen feuchten Schutt das umliegende Regenwasser.

Was konnten wir tun?
Nicht viel. Natürlich hätten wir versuchen können, die Lehmschicht mit viel Arbeit und noch mehr Schweiß zu durchstoßen, damit das Wasser dann darunter irgendwo abfließen kann. Aber einige sehr aufschlussreiche Gespräche mit den Nachbarn ließen vermuten, dass sich unter der dem Vernehmen nach sechs Meter tiefen Lehmschicht die obere Kalkschicht des hiesigen Geestrückens befindet, mithin also eine Gesteinsschicht, die mindestens ebenso wasserundurchlässig ist. Uns blieb also nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass das Wasser irgendwann nach dem Regen wieder verschwindet. Wie sagte mein seliger Großvater gerne: „Wasser sucht sich immer seinen Weg.“
Seither üben wir uns in konfuzianischer Geduld bis zum Frühjahr, wenn die Sonne den Rasen und die Erde wieder trockenlegt. Und wenn wir bis dahin in den Garten wollen, tragen wir eben Gummistiefel. Hierzulande ohnehin ein Grundbekleidungsgegenstand.
Der Beginn der Regenzeit, also Herbst und Winter, bedeutet allerdings in unseren nordischen Breitengraden auch, dass man sich am Tage doch vermehrt im Inneren des Hauses aufhält, wo es a) trocken und b) warm ist. Und wo man c) Zeit hat, sich über ein paar Dinge Gedanken zu machen. Diese unglaubliche Menge an Wasser, da muss sich doch was draus machen lassen!
Die erste Idee war natürlich, ein Freibad einzurichten. Allerdings waren wir uns über die angemessenen Eintrittspreise nicht einig. Außerdem hätten wir vermutlich noch einen Bademeister anstellen, den Gartenschuppen zur Umkleidekabine umbauen und eine Outdoor-Dusche einrichten müssen. Das war uns dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Außerdem ist ein Freibad im Winter wohl nur was für ganz harte Jungs. Oder Mädels.
Und dann kam mir die Idee, als ich gerade dabei war, meiner kleinen Familie das sonntägliche Mittagsmahl zu schmieden. Es gab Putengeschnetzeltes in einer feinen Rahmsoße an Basmati-Reis. Als der Duft des indischen Basmati durch die Küche waberte, hatte ich eine Epiphanie! Vor meinem geistigen Auge tauchten die weiten, idyllischen Reisfelder Asiens auf, mit ihren grünen Reispflanzen, den Wasserbüffeln, den asiatischen Reisbauern mit den großen, runden Hüten und jeder Menge Wasser! Das war das Ei, nein, das Reiskorn des Kolumbus!
Während auf unserem Herd der Reis enthusiastisch überkochte und die Pute in der Pfanne verrückt wurde, plante ich unseren Wassergarten durch und verwandelte ihn in meiner Vorstellung in blühende Reisfelder! Im Frühjahr würden wir den Boden aufbrechen und pflügen. Im Sommer, wenn der Boden dann einigermaßen trocken ist, würde der Reis gesät. Denn der darf gar nicht ständig im Wasser stehen. Reis kann nicht aufgehen, wenn er sofort in das Wasser gesetzt wird. Wissen viele ja gar nicht!
Wenn im Herbst dann der Regen nicht mehr aufhört zu fallen, würde unser Reisfeld ganz natürlich und kostenfrei unter Wasser gesetzt. Jetzt könnte der Reis in Ruhe und Frieden den Herbst und Winter hindurch wachsen und gedeihen. Ah, ich höre schon die skeptischen Stimmen, die mich daran erinnern wollen, warum Reis im allgemein warmen Asien angebaut wird. Aber es gibt tatsächlich Reissorten, die auch im kühlen, eher mit dem mitteleuropäischen zu vergleichenden Klima gedeihen! Und genügend Wasser haben wir in jedem Fall. Irgendwo habe ich mal aufgeschnappt, dass man zwischen 3000 und 5000 Liter Wasser benötigt, um ein Kilo Reis zu produzieren. Eine erste, vielleicht etwas unpräzise Berechnung, über den feuchten Daumen gepeilt, ergab eine theoretische Menge von einem Zentner biologisch wertvoll angebauten und geernteten Reis, den wir im Frühjahr, wenn das Reisfeld wieder trocken gefallen wäre, ernten könnten.
Ich erzählte meiner wunderbaren Frau von meinen Überlegungen, während der Rauch des angebrannten Mittagessens langsam um die Häuser zog. Im Geiste zählte ich schon die dicken Geldscheinbündel, die man uns für unseren echt nordischen Qualitätsreis förmlich in die Hände drücken würde! Wir könnten im Handumdrehen unermesslich reis werden!
Und wir müssten uns nicht mal auf den Reis beschränken! Wir könnten Kleinfische und Krustentiere im Reisfeld züchten und hätten doppelten Nutzen davon. Zum einen hätten wir einen kleine Nebenerwerb durch den Verkauf zum Verzehr geeigneter Süßwasserfrüchte, zum anderen würden unsere wertvollen Reispflanzen auf ganz natürliche Weise, also hundertprozentig BIO, gedüngt.
Außerdem könnten wir in den Randzonen unseres Reisfeldes litorale Helophyten** züchten, für den ambitionierten Hobbygärtner! Und sicher hätten wir auch noch Platz für einige besondere Hydrophyten*** und Pleustophyten****. Wir werden stinkreich, weil wir einen platschnassen Garten haben! Eine hervorragende Idee!
Gleich morgen kaufe ich im Supermarkt ein Paket Reis und ein paar Garnelen, quasi als Starterpack.
Nun gut, ein paar Kleinigkeiten müssen noch geklärt werden. Woher, zum Beispiel, bekommen wir einen Wasserbüffel nebst Pflug? Und was frisst so ein Vieh überhaupt? Also, der Büffel, nicht der Pflug. Hoffentlich keinen Reis. Den wollen wir ja verkaufen.
Und was machen wir mit dem Wasserbüffel, wenn er mal nicht durch das Reisfeld stapft?
Wir könnten Kinder auf ihm zur Schule reiten lassen. Oder an Kindergeburtstagen vorführen. Ach, da fällt uns sicher noch was ein! Noch ein Nebenerwerb…
Wir werden sowas von REIS! 



*Eine Schaufel, eine Grubenlampe, mehrere Eimer und jede Menge Elan.

**Uferpflanzen wie Teich-Schachtelhalm zum Beispiel, oder Schilfrohr.

***Wasserpflanzen, die am oder im Boden haften, wie zum Beispiel Seerosen oder Lotus.

****Freischwimmende Wasserpflanzen wie Wasserlinsen, Wasserhyazinthen oder Schwimmfarne.

Freitag, 6. November 2015

Und jetzt?

Hemingway kannte es. Tolstoi wahrscheinlich auch, Melville ganz sicher.

Irgendwo habe ich mal von einem Autoren gelesen, der von sich sagte, pro Tag etwa 400 Worte zu schreiben. „So ein Witz!“, dachte ich da. Immerhin schreibe ich, wenn ich endlich mal wieder dazu komme, immer so um die tausend Worte. Aber ich beschäftige mich ja auch nicht mit tiefgehender Recherche, einem Spannungsbogen über mehrere Zeitabschnitte, hab auch keine ausgefeilten, sich ständig entwickelnden Charaktere und brauche auch nicht unbedingt auf Logik, Sinn und Zusammenhang achten. Ich schreibe ja nur kleine Geschichten. Aber – einfach ist auch das nicht. 

Seit einer gefühlten Ewigkeit nun habe ich nichts mehr zu Papier gebracht und auch keine Geschichte mehr in den Blog gestellt. Ich weiß nicht, wie es der kleinen Schar meiner Leser geht, aber ich finde das sehr schade. Ich würde gern mal wieder eine lustige Geschichte schreiben, etwas, das ein Lächeln auf die Gesichter der Leser zaubert, oder sie vielleicht sogar zu schallendem Gelächter animiert. Ich würde davon erzählen, wie ich das halbe Wohnzimmer verwüstet habe, um ein kleines Insekt nicht etwa schmählich zu zerquetschen, sondern in die rettende Freiheit zu geleiten. Ich würde auch gerne von den vielen kleinen Katastrophen erzählen, die uns unsere Kinder in ihrer Unschuld bereiten, oder unsere Katze. Mir fallen auch die richtigen Worte ein, die richtigen Sätze sogar. Aber die Geschichten fügen sich nicht zusammen, und, was weitaus schlimmer ist, mir fallen diese genialen Textschnipsel immer dann ein, wenn ich bis zu den Ellenbogen im Spülwasser hänge, gerade in einer wichtigen (Das sind sie immer!) Besprechung sitze oder von einem Termin zum nächsten hetze. Kurz gesagt: Wann immer mich die Muse küsst, prügelt mir die Pflicht alle tollen Ideen und Einfälle wieder aus dem Hirn. Schlechtes Timing, würde ich sagen.
 
Was übrig bleibt, ist eine leere Seite und ein verwaister Blog. Und ein gehöriger Frust. Hinzu kommt eine merkwürdige, geradezu „Murphy-eske“ Gesetzmäßigkeit: Wann immer ich mein Notizbuch dabei habe, kommt mir garantiert nicht eine einzige, auch nur halbwegs verwertbare Idee. Aber sobald das Notizbuch an dem am weitesten entfernten Ort fleißig Staub sammelt, sprühe ich vor Einfällen. Es ist zum Heulen! Ich versuche dann immer, so viel wie möglich im Kopf zu behalten, bis ich ein wenig Zeit und einen Zettel habe, um meine Idee auf dem Papier festzunageln. Und dann stehe ich da vor dem Blatt, und der Gedanke ist allen Bemühungen zum Trotz über alle Berge. Nein, das Schreiben fällt mir nicht leicht. Oder irgendwie schon. Wenn ich die Zeit und die Muse habe, wenn ich die Ideen festhalten kann, wenn ich den richtigen Anfang finde. Aber das ist das Schlüsselproblem:
In meinem Kopf rasen die Worte ziemlich ziellos umher, Silben werden zu Worten, Worte zu Sätzen und Sätze zu Geschichten – aber so schnell, wie sie aufeinander treffen, zerplatzen sie auch wieder. Wie die Seifenblasen… Dabei habe ich so oft das Gefühl, mein Kopf müsse doch langsam platzen! Der Drang, endlich mal wieder was Vernünftiges zu Papier zu bringen, wird mit jedem Tag stärker. Aber es will mir einfach nicht gelingen.
Kaum sitze ich da, bereit, meine Geschichte aufzuschreiben, bleibt das Papier ebenso leer, wie der bis gerade eben noch zum Bersten gefüllte Kopf. Hat Hemingway so was erlebt? Oder Terry Pratchett? Was macht Umberto Eco, wenn er nicht schreiben kann?
Hemingway hätte sich wahrscheinlich erst mal einen Whisky gegönnt, noch einen. Pratchett? Vielleicht hätte er seinen Hut aufgesetzt und wäre spazieren gegangen. Eco wird vielleicht mit Kollegen vortrefflich philosophieren, bis der Knoten platzt. Und ich? Ich sitze vor dem leeren Blatt Papier, vor dem strahlend weißen Bildschirm und verzweifle langsam.

Vielleicht sollte ich mich wenigstens ein bisschen an Henry Miller halten. Seine Bücher wirken auf mich, als habe er sich bisweilen ordentlich einen hinter die Binde gekippt, ehe er sich mit einem weiteren Drink in der Hand an die Schreibmaschine setzte. Na ja, ich gebe zu, ich trinke gerne einen Whisky. Einen! Nicht die ganze Flasche, um dann später volltrunken und manisch depressiv literarische Meisterwerke zu verfassen.
Andererseits hätte es vielleicht so seine Vorteile, wenn ich mir wenigstens ansatzweise Promille in die Blutbahn drücken würde. Alkohol ist ja schließlich dafür bekannt, die Hemmschwelle mit dem metaphorischen Vorschlaghammer einzureißen. Was vermutlich auch die am nächsten Morgen unvermeidlichen Kopfschmerzen erklärt. Aber das nur am Rande. 

Vielleicht sollte ich mich für eine kleine Weile von Frau, Kindern und Katze verabschieden, mein Notizbuch nehmen, und mich mit einem Glas wirklich guten Whiskys an den Schreibtisch setzen. Ein bisschen gute Musik wäre nicht schlecht, instrumental, damit mich der Text der Lieder nicht entführt. Und dann sollte ich einfach schreiben, ohne an all die Geschichten zu denken, die ich erdacht, vergessen, entworfen und verworfen, angefangen und dann doch nicht beendet habe.
Ja, das sollte ich tun. Nur… Wann?

Freitag, 2. Oktober 2015

Und wann wird die Wäsche gewaschen?

„Aus großer Macht wächst große Verantwortung.“
Das hat Onkel Ben gesagt. Nein, nicht der mit dem Reis, sondern der Onkel von Spiderman. Und wie das so ist mit älteren Herren, sie haben oft sehr recht. 

Ich bin ja Mitglied einer Generation, die sich gewissermaßen direkt auf einem technischen Grabenbruch befindet. Als Kinder haben wir alle noch draußen in Feld, Wald und Wiese gespielt, waren für unsere Eltern stundenlang nicht erreichbar und haben im Sommer vormittags das Ferienprogramm von ARD und ZDF geschaut. Und ein bisschen später kamen erst der eigene PC, dann die Handys und so weiter, bis zur heutigen Moderne, in der ich mich via social media, Smartphone, Smart-TV, Tablet und sprechendem Kühlschrank durch die freie Informationswelt des Internets bewege. Und unsere Kinder wachsen bereits ganz selbstverständlich mit Facebook, Twitter und dem ganzen anderen mehr oder weniger sinnreichen Kram auf*.
Am unteren Ende der modernen Leiter stehen nun die Eltern dieser Generation des Grabenbruchs. Unsere Eltern sind noch mit der Schaufel in der einen und der Tageszeitung in der anderen Hand aufgewachsen. Ihr soziales Netzwerk waren die anderen Kinder im Dorf, der Fernseher hatte maximal drei Programme und die Antenne musste nach jedem mittleren Sturm entweder vom Nachbarhof aufgesammelt oder wenigstens neu ausgerichtet werden. Je älter unsere Eltern wurden, desto besser wurde das Fernsehen, zumindest in der Bildqualität, und aus dem Wählscheibentelefon wurden die Tastentelefone. Das schnurlose Festnetz-Telefon war eine richtige Sensation. 

Irgendwann ist auch in das Heim meiner Eltern ein PC eingezogen, wurde mit dem allwissenden Internet verbunden und leistete fortan treue Dienste, hauptsächlich als binäre Herberge für das beliebte Solitär-Spielchen und als moderne Schreibmaschine mit Druckfunktion. Mit diesem Computer im Haus ergab sich für den einzigen Sohn der Familie, der schon um einige Äonen früher einen elektrischen Rechenknecht sein Eigen nennen durfte, ein neues Aufgabenfeld. Eigentlich soll uns ja so ein Computer eine Menge Aufgaben abnehmen oder zumindest erleichtern. In der Theorie funktioniert das auch. Die Praxis hat sich den Computer allerdings gewissenhaft angeschaut und bedauernd den Kopf geschüttelt. So einfach geht es nun wirklich nicht. Folgerichtig dauerte es also nicht lang, bis ich mit einigen existenziellen datenverarbeitungstechnischen Problemstellungen konfrontiert wurde:

„Da geht was nicht!“
„Der zeigt so komische Sachen!“
„Wo muss ich den einschalten?“

Solange ich noch zuhause wohnte, waren solche Fragen überhaupt kein Problem, denn ich konnte mich natürlich stehenden Fußes diesen elterlichen Problemen widmen und ihnen zeigen, was man wo klicken und wie verschieben musste, damit der Binär-Bube versteht, was man von ihm will.
Glücklicherweise zeigten sich meine Eltern ebenso lernwillig wie wissbegierig, sodass ich auch kein schlechtes Gewissen haben musste, als ich das elterliche Nest verließ und verzweifelt versuchte, mein eigenes Leben in die ebenso eigenen, vor Nervosität schweißnassen Hände zu nehmen.
Das Leben so ganz auf eigenen Füßen und Verantwortung hatte natürlich seine Vorteile. Die Worte „Räum deinen Saustall endlich mal auf!“ hörte man beispielsweise nur noch, wenn die Eltern unangekündigt vor der Tür standen. Außerdem bestimmte man selber, was auf dem Tisch stand und gegessen wurde.** 
Andererseits hatte das Leben weit weg von den Eltern auch mindestens einen entscheidenden Nachteil: Die Hilfe bei elterlichen Computerproblemen wurde extrem schwierig. Ohne den Blick auf den Bildschirm versuchte ich ein ums andere Mal, den kryptischen Beschreibungen meiner Eltern einen Sinn zu entlocken, um das akute, riesige Problem zu lösen:

 „Irgendwas ist hier komisch. Der macht irgendwie nicht das, was er soll!“
„Was hast du denn gemacht?“
„Ja, nix!“
Angesichts solcher Fehlerbeschreibungen ist die Problemlösung schon fast ein Lotteriespiel.

„Was steht denn auf deinem Bildschirm?“
„Wie jetzt, auf dem Bildschirm?“
„Na ja, hast du eine Fehlermeldung bekommen? Ging da ein Fenster auf?“
„Ja schon, aber da hab ich „OK“ gedrückt, und dann war es weg.“
„Und was stand da?“
„Ach, Kind, das weiß ich doch jetzt nicht mehr!“
Ein Klassiker…
In vielen Fällen ließ sich das Problem nur noch folgendermaßen lösen:
„Geht bei dir Solitär noch?“
„Ja, zum Glück. Wieso?“
„Pass auf: Ich komm nächstes Wochenende nach Hause und dann kümmere ich mich drum. Übrigens, meine Klamotten müssten auch mal wieder gewaschen werden.“ 

Mit der Zeit konnten meine Eltern mit ihrem Computer immer besser umgehen, und gemeinsam lernten wir, unsere Versuche, Ferndiagnosen zu stellen und Computerprobleme mit einem Frage-/Antwort-Spiel zu lösen, zu optimieren. Und tatsächlich klappte es immer besser, per Telefon und quasi blind, dem Computer das Drucken beizubringen oder Dateien zu verschieben oder gelöschte Dateien wieder zu retten. Aber es blieb langwierig und manchmal sogar schwierig. Und wenn es gar nicht ging, musste ich meine Eltern auf den nächsten Besuch vertrösten, womit natürlich bei mir wieder der Druck stieg, meine vielfältigen gesellschaftlichen Verpflichtungen dergestalt zu planen, dass ich übers Wochenende genug Zeit für mehrere Stunden Autofahrt, Computerdiagnose und Problemlösung hatte, und meine Wäsche gewaschen, gebügelt und gefaltet wieder mitnehmen konnte.
Immerhin stieg aufgrund meiner Tätigkeit als Aushilfscomputerfachmann meine eigene Erfahrung beim Umgang mit Betriebssystem, Internet und zwischenmenschlicher Kommunikation, was irgendwann darin kulminierte, dass ich es mir zutraute, eine Fernsteuerung für den Elternrechner einzurichten.
Ich installierte also auf meinem Rechner und auf dem meiner Eltern ein kleines Programm, das meinen Rechner mit dem meiner Eltern verbinden sollte. Die Macht der Vernetzung sollte es mir unendlich erleichtern, meinen Eltern bei ihren Computerfehlern zu helfen.
Und tatsächlich! Es funktioniert! Wann immer meine Eltern nun ein Problem mit ihrem Computer haben, rufen sie mich an, und ich löse das Problem, indem ich mich auf ihren Rechner aufschalte und sie Schritt für Schritt zur Lösung führe. Drucker installieren, Dateien aus den Weiten des Internets auf den eigenen Rechner laden, Bilder bearbeiten und so weiter und so fort, alles nur einen Anruf entfernt! Ein wahres Paradies für einen nebenberuflichen PC-Superhelden.
Allerdings tun sich mir nun zwei schwerwiegende Fragen auf:
Habe ich die Büchse der Pandora geöffnet?
Und wann wäscht Mama mir wieder die Wäsche? 

*In diesem Zusammenhang bin ich stolz darauf, dass meine Kinder immer noch mit einer Handvoll Steine, ein paar Ästen und jeder Menge Fantasie Star Wars Episode 1 bis 7 nachspielen können.
**Aus dieser Tatsache ziehen eine ganze Reihe verschiedenster Lieferdienste für Fertignahrung ihre Existenzberechtigung! 

Sonntag, 26. Juli 2015

Donnerwetter

Einer der Nachteile des Schichtdienstes ist es ja, zu Zeiten arbeiten zu müssen, an denen der Rest der Bevölkerung sich eher der Erholung hingibt. Aber ab und zu ist es auch mir, trotz mehr oder weniger regelmäßig wechselnder Arbeitszeiten, gegönnt, an einigermaßen „normalen“ Zeiten zuhause zu weilen und so vollkommen normalen Tätigkeiten wie Sofaliegen, Fernsehen und Schlafen im eigenen Bett zu gesellschaftlich anerkannten Zeiten nachzugehen.

Eigentlich verlief dieser Abend genau so, wie ich ihn mir schon lange mal wieder gewünscht hatte. Irgendwann am späteren Nachmittag entließ mich mein Arbeitgeber aus den Mühlen des Werktages, und nach kaum eine dreiviertel Stunde nervenzermürbender Autofahrt durch den Feierabendverkehr, vorbei an verwirrten Touristen, selbsternannten Verkehrserziehern und hektischen Paketfahrern, konnte mich meine Familie zuhause gebührend in Empfang nehmen. Natürlich verlangten die Kinder ihren durchaus berechtigten Teil meiner Aufmerksamkeit, und auch meine geliebte Frau wollte mir von ihrem Tag erzählen und mich teilhaben lassen am Leben neben, vor und nach der Arbeitsstätte. Aber irgendwann waren alle Spiele gespielt, alle Gespräche geführt und alle Abenteuer erzählt. Die Kinder lagen in ihren Betten und suchten das Sandmännchen, und ich konnte mich endlich auf das Sofa niederlassen und den Feierabend mit einem Gläschen Whisky, meiner Frau und einem Blick in den Fernseher mal so richtig genießen. Ruhe und Entspannung stellten sich ein, und alsbald hörte ich die Fernsehsendung mehr, als ich sie sah. Für mich war es dann wohl auch an der Zeit, ins Bett zu gehen. Warum auch nicht? Die Aussicht auf die Wärme und Behaglichkeit einer kuscheligen Federdecke nebst einer mindestens ebenso kuscheligen und warmen Frau zauberte mir ein Lächeln auf das müde Gesicht.
Badrituale, der Katze „Gute Nacht“ sagen, noch ein schneller, aber gewissenhafter Blick auf die tief und fest schlafenden Kinder in ihren Betten, und schon warf ich mich mit Schwung in Morpheus' Arme. Der rauschende Regen, der sanft auf die Dachfenster trommelte, war mein Schlaflied, dem ich nach einem langen und harten Arbeitstag nur zu gern zuhörte. Ach, wäre es doch nur so geblieben….

Ein dumpfes Grollen weckte mich, und auch meine wunderbare Frau regte sich zart neben mir. Beide starrten wir uns verwundert an und fragten uns, was uns da eigentlich geweckt hätte. Es grummelte noch einmal. Aha, ein Gewitter. Nun, das ist im Sommer ja nichts ungewöhnliches. Obwohl… Seien wir mal ehrlich: Ist das überhaupt ein Sommer? Wie dem auch sei…
Während wir beide uns wieder unter die Decken kuschelten, um dem Gewitter die möglichst schlafende Stirn zu bieten, tauchte ein recht enthusiastischer Blitz unser Schlafzimmer in gleißendes Licht, unmittelbar gefolgt von einem titanischen Hammerschlag auf einen gigantischen Amboss. Jetzt waren wir endgültig wach. Sekundenbruchteile nach diesem ohrenbetäubenden himmlischen Rumms ertönten die Sirenen unserer Kinder: „Mama! Papa! Ich hab Angst!“ Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war fast halb vier. Stumm sprachen wir uns ab. Während die treusorgende Mutter die verschreckten Kinder einsammelte, ordnete ich das Bett und räumte einige Kleinigkeiten wie Brille und Wecker aus der Reichweite der kleinen Hände. Wenige Augenblicke später trampelten zwei erschrockene Schlafzwerge in das elterliche Schlafzimmer, beschwerten sich hingebungsvoll über das Wetter im Allgemeinen und den Lärm da draußen im Besonderen, okkupierten Papas warme Schlafmulde und drängelten sich zwischen mein liebes Frauchen und mich. Decke drüber, Augen zu, RUMMS! Der nächste Donnerschlag rollte schwer über das Haus, gefolgt vom teils erschrockenen, teils wütenden Protest von Prinz Fürchtenicht und Prinzessin Dasmachtmirnix. Mutter und Vater bemühten sich redlich, das kleine Volk zu beruhigen, denn so ein Gewitter ist zwar laut, aber „das tut nix, das will nur spielen.“ Und außerdem zog es ja schon wieder ab. Tatsächlich war für eine ganze Weile Ruhe. Wir vier kuschelten uns zusammen, lauschten dem Regen, und alsbald fühlte ich wieder diese besondere, warme Schwere, die sich einstellt, wenn man gerade tief und fest einschläft.
„Weißt du, Mama, im Kindergarten hatten wir auch schon mal Gewitter gesehen!“
Mit krähender Stimme und allem infantilen Enthusiasmus begann ausgerechnet jetzt Prinzessin Weißtduschon ihre Geschichte zu erzählen! Und jeder noch so scharfen Aufforderung zur Ruhe seitens aller drei Zwangszuhörer begegnete sie mit einem „Ja. Aber weißt du...“ Erst die väterliche Drohung mit einem Schlafplatz unter dem Balkontisch, also draußen in Regen und Gewitter, ließ die Erzählerin murrend verstummen.
Ruhe kehrte ein, und ich versuchte, wieder einzuschlafen. Ich war schon sehr nahe dran, ins Land der Träume zu gleiten, als Prinz Schaumalwasichkann etwas simulierte, was anmutete wie eine Mischung aus rhythmischer Sportgymnastik und 100-Meter Sprint der Herren. „Was, zum Henker, machst du da?“ flüsterte ich leicht genervt. „Ich kann nicht einschlafen!“ erhielt ich mindestens ebenso genervt zur Antwort. Meinem Vorschlag, sich dann doch einfach mal ruhig hinzulegen und nicht zu tanzen, wurde gnädig, aber murrend gefolgt.
„Weißt du, Papa, im Kindergarten hat der Uwe auch schon mal...“ „Das ist mir jetzt herzlich egal, was Uwe im Kindergarten gemacht hat, mein Schatz! Ruhe, Augen zu, Mund zu und schlafen! BITTE!“ 
„Ja, aber der Uwe, der hat doch...“ 
„Nein, Hase! Das kannst du mir morgen gerne erzählen. Jetzt wird geschlafen!“
Und murrend (mein Lieblingswort heute!) drehte sich Tochter um und verstummte wieder. Ich selbst versuchte mit aller Kraft, meinen entnervten Puls wieder zur Ruhe zu bringen und noch eine kleine Mütze Schlaf zu erhaschen, bevor der Wecker klingeln und mich zu einem weiteren Arbeitstag rufen würde.
„Oh, Mann! Papa, sie tritt mich immer wieder! Und sie hört gar nicht auf!“ 
„STIMMT GAR NICHT! Ich hab gar nichts gemacht! Ich hab überhaupt keinen Platz mehr!“ 
In der Ferne grollte der Donner, im Inneren grollte ich. Mein liebes Frauchen sprang ein: „Jetzt ist hier aber mal Ruhe! Jetzt wird geschlafen! Ich will jetzt nichts mehr hören!“ 
„Ja, Mama.“ antworteten wir im Chor. Das Gewitter ließ von ganz weit weg noch einmal zart von sich hören, die Atemzüge meiner Frau wurden ruhiger, ich gähnte herzhaft und versuchte zum x-ten Male, einzuschlafen. Gerade eben glitt ich glücklich in Morpheus' Arme, fühlte mich wohl und zufrieden, als ein kindlicher Arm plötzlich und unerwartet Kontakt mit meiner Nase aufnahm. Ich schrie gepeinigt auf und schaute Prinz Haudrauf vorwurfsvoll an. Dieser schrie seinerseits erschrocken auf und sprang von mir weg, geradewegs auf seine Schwester, die sich natürlich ebenfalls lauthals beschwerte. Jetzt war es genug! Mit dem Hinweis auf das längst entschwundene Gewitter schickten wir die Brut wieder zurück in ihre eigenen Betten, damit wir wenigstens noch ein kleines bisschen Schlaf bekommen würden. Mit hängenden Köpfen, sich gegenseitig die Schuld zuweisend, tippelten vier nackte Füße hundemüde aus dem Schlafzimmer. Zwei Türen klappten leise in die Schlösser. Meine Frau und ich waren wieder allein. Todmüde schmiegten wir uns aneinander, schlossen die Augen und…
Der Wecker klingelte! Selten habe ich mich derart darüber geärgert wie an diesem viel zu frühen Morgen. Aber die Pflicht rief, und sie hörte einfach nicht auf damit!

Als ich nach meinen morgendlichen Ritualen und Geschäften in Bad und Küche fertig war, schaute ich noch einmal nach meiner kleinen Familie, bevor ich in der grauen Morgendämmerung eines verregneten Tages das Haus Richtung Arbeitsmühle verließ. Meine Frau schlummerte selig. Ein Bild des Friedens. Ich beneidete sie.
Mein Sohn schlief tief und fest, eingewickelt in seine Decke, leise schnarchend. Und auch meine Tochter bemerkte nicht einmal, dass ich bei ihr war. Ich ließ die beiden schlafen, aber glaubt mir, geschätzte Leser: Es fiel mir schwer!

Mittwoch, 22. Juli 2015

Die Wahrheit...

„Kindermund tut Wahrheit kund!“ sagt der Volksmund, und der muss es ja wissen. Ich allerdings inzwischen auch.

Sich mit Kind und Kegel durch die Gesellschaft zu bewegen ist mal gar nicht so einfach, wie es aussieht. Natürlich sollen die Kinder äußerlich schon mal einen guten Eindruck machen, und so werden sie in saubere Klamotten gestopft, die Haare gebürstet und die Gesichter geschrubbt. Aber natürlich sollen die Kinder auch durch eine gute Erziehung glänzen, weshalb Vater und Mutter abwechselnd oder gemeinsam vor dem Nachwuchs stehen und von gutem Benehmen, der Wichtigkeit der Worte „Bitte“ und „Danke“ und über so komplizierte Dinge wie „Rücksichtnahme“ dozieren. Ein bisschen was bleibt über die Jahre ja auch hängen. Bis dahin müssen wir Eltern ab und an aber auch Blut und Wasser schwitzen.
 
Da stehe ich zum Beispiel unschuldig mit Sohnemann in der Schlange vor der Kasse und überschlage im Geiste schon mal die horrende Summe, die zu übereignen ich in wenigen Augenblicken gezwungen sein werde, als mein Blick auf oben angeführten Thronfolger fällt. Er hat sich gerade sehr interessiert umgeschaut, und ich erkenne an gewissen subtilen Hinweisen in seiner Mimik, dass sich in seinem kleinen, klugen Hirn ein Gedanke formt, der an die Oberfläche drängt. Aber noch bevor ich regulierend eingreifen kann, spricht Prinz Lautstark seine Meinung frei aus: „Die Frau ist aber dick!“ Etwa ein halbes Dutzend Umstehende schnappt entsetzt nach Luft, mir selbst fällt alle Farbe aus dem Gesicht. Mein Blick gleitet zur vor uns stehenden Dame, dessen Umfang, offen gesagt, in der Tat nicht so einfach zu übersehen ist, während meine Ohren und Wangen nach anfänglicher Leichenblässe nunmehr rotglühend von der allgemein greifbaren Peinlichkeit beredte Kunde geben. Meinen ersten Instinkt, den Schuldfinger anklagend unserem Aushilfs-Hiob entgegenzustrecken, unterdrücke ich mit Mühe und versuche stammelnd, mich bei der gewichtigen Dame zu entschuldigen. Glücklicherweise gehört sie zu jener Sorte Menschen, die nicht vergessen haben, dass auch sie mal kleine Kinder waren: „Ach, lassen Sie nur. So sind Kinder. Und er hat ja auch ein bisschen Recht.“ Und mit einem Grinsen und Lachen greift sie nach ihren Einkäufen und verlässt den Ort des schändlichen Verbrechens. Prinz Ichsagdochnur kommt natürlich so einfach nicht davon. Nachdem sich die zuschauende Menge wieder ihrem eigenen Treiben zugewandt hatte und ich um etliche Euros ärmer geworden bin, versuche ich ihm, einige Dinge zu erklären: „Sowas sagt man doch nicht!“ „Ja, aber die war doch dick!“ Womit wir mitten im Thema „Rücksichtnahme“ und „nicht immer alles sagen, was man denkt“ wären. Einem Erstklässler so komplexe Themen beizubringen, braucht dann doch ein wenig Zeit. Aber ich glaube, die eine oder andere Argumentation ist bei ihm schon hängen geblieben Solche Argumente wie „Wenn du nochmal so frech bist, gibt es eine Woche Computerverbot!“ . Denn inzwischen neigt er dazu, uns die Dinge, die ihm an anderen Menschen auffallen, ins Ohr zu flüstern. Nur an der Lautstärke müssen wir noch arbeiten.

Wer nun glaubt, dass nur Leute außerhalb der familiären Bande Ziel solch ungebremster Wahrheiten sind, muss sich eines anderen belehren lassen.
 
Sogar einem fleißigen Bienchen wie mir ist es ab und an vergönnt, einige Tage meinem ansonsten so geliebten Arbeitsplatz fern zu bleiben und mich meinen häuslichen Pflichten und meiner Familie zu widmen. In dieser Reihenfolge. Tatsächlich ereilte mich jenes glückliche Schicksal unter anderem letzten Dienstag, als die Sonne warm schien und die ganze Stadt vor der Tür zu finden war. Außer mir natürlich, denn ich hatte Küchendienst. So wirbelte ich mit Wischlappen, Geschirrtuch und einem Liedchen auf den Lippen durch mein kleines, sehr persönliches Paradies und versetzte Herd, Arbeitsfläche und Spüle wieder in einen glänzenden Zustand, als ich bemerkte, dass der Mülleimer die Grenze seines Fassungsvermögens schon vorgestern erreicht hatte. Es ist für uns als Eltern selbstverständlich, dass auch die Kinder ihren Anteil an der Hausarbeit erledigen, also rief ich nach Prinzessin Immerich und drückte ihr die pralle Mülltüte in die Hand, zusammen mit genauen Anweisungen, was sie damit zu tun hatte: „Bring das doch bitte mal in die Mülltonne mit dem gelben Deckel.“ „Ja. Die braune oder die graue?“ „Gelb, mein Hase, gelb! Das ist die Tonne ganz rechts außen.“ „Ja, also die blaue. Oder?“ „Sag mal, willst du mich veräppeln?“ „Nein?“ „Also bitte, die mit dem gelben Deckel.“ Und als ich Prinzessin Weißichnicht die Mülltüte übergab, passierte das, was einem Mann einige Stunden nach einer herzhaften Mahlzeit gerne mal passiert, und worüber es eigentlich auch keine großen Worte zu verlieren gab, denn immerhin passierte es a) bei geöffneten Fenstern und Türen und b) in der heimischen Küche und c) (sehr wichtig!) nicht in einem hermetisch verschlossenen und vollbesetzten Fahrstuhl. Kurz: Ich entließ ein wenig überschüssigen Luftdruck aus den hinteren Bereichen meines Verdauungssystems, und zwar hörbar. Jeder andere Mensch, insbesondere einige Familienmitglieder, die ich kenne, hätten dieses flüchtige Ereignis nicht oder nur ausgesprochen beiläufig zur Kenntnis genommen. Meine über alles geliebte Tochter dagegen stürmte mit wehendem Müllsack aus dem Haus und brüllte quer durch die Straße:
„Papa hat gefurzt! Juhu!“
Die Nachbarn von allen drei Seiten, einige bisher unbescholtene Passanten sowie ein zufällig anwesender Postbüttel grinsten über alle vier Backen, während meine viel zu mitteilungsfreudige Tochter die Mülltüte mit Schwung in die blaue Tonne beförderte, was ich hinwiederum beobachtete und ihr eilends und ein wenig genervt folgte, um die Tüte in die richtige Tonne umzuschichten. Das Grinsen zahlloser Beobachter folgte mir auf dem gesamten Weg aus der Haustüre heraus, über den Hof, zu den Mülltonnen und zurück. Ihr Pharisäer! Als hättet ihr noch nie Darmwinde brüllend in die weite Welt entlassen! Ha!
Auch hier war ein klärender und lehrreicher Vortrag über „Rücksichtnahme“ und „Was man besser nicht hinausposaunt“ dringend angebracht und wurde von mir mit Nachdruck geführt: „Hast du mich verstanden?“ „Ja. Was?“ 
Nun ja, sie ist noch nicht ganz im schulpflichtigen Alter. Da werde ich wohl noch so einige Gespräche führen müssen. Aber bis dahin klemme ich mir die Sitzfläche zu, solange meine Tochter in Hörweite ist!

Dienstag, 7. Juli 2015

Ein echtes Mädchen, irgendwie...

Unsere Tochter ist schon ein Früchtchen. Eigentlich ist sie ja unsere Prinzessin, und alles an ihr schreit auch mehr oder weniger deutlich „Achtung, hier kommt ein Mädchen!“ Blonde, lange Haare, blaue Augen, ein niedliches Lächeln und ein hübsches Gesicht. Gut, die eigenen Kinder sind immer die schönsten, aber in diesem Falle bin ich durchaus überzeugt, dass auch unvoreingenommene, objektive Beobachter unsere Tochter als wohlgestalt bezeichnen würden.
Allerdings hat unsere Prinzessin einige absolut ganz und gar nicht mädchenhafte Züge. Dazu zählen zum Beispiel unzählige blaue Flecken und ein undurchdringliches Muster an Kratzern und Macken an allen Extremitäten, die sie sich auf ihrem Weg durch sämtliche Hecken und auf alle Bäume dieser Stadt hart und ohne Murren erarbeitet hat. Zuweilen stammen diese Blessuren aber auch von den Lektionen, die sie jenen unwissenden Knaben erteilt, die bis dahin glaubten, ein schwaches Mädchen ärgern zu können.
Die schnelle Rechte unserer Tochter ist im Kindergarten inzwischen ebenso bekannt wie gefürchtet!
Und wenn sich unsere kleine Tochter dann einmal am Tag in das Kachelzimmer zurückzieht, sind hinterher umfangreiche Renovierungsmaßnahmen notwendig, weil nicht nur sämtliche Kacheln von der Wand fallen, sondern auch Fenster und Spiegel erblindet sind. Weitere Details möchte ich dem Leser hier ersparen. Ich möchte hier nur noch ihren Großen Bruder zitieren, der empört und ganz grün im Gesicht fragte: „Sag mal, spülst du denn nicht runter?“
Es gibt allerdings eine charakterliche Eigenart, die unsere Tochter sehr eindeutig und ohne Zweifel zu einem echten Mädchen macht.

So langsam fällt mir eine gewisse Regelmäßigkeit auf. Etwa alle zwei Monate müssen wir mit Prinz Weißichschon und Prinzessin Ichauch unseren örtlichen Händler für Schuhwerk besuchen, um die Hufe der Kinder neu besohlen zu lassen. Man hat zuweilen den Eindruck, dass unsere Sprösslinge wachsen wie Unkraut, vor allen an den Füßen. Vor einigen Tagen war es dann auch wieder so weit, dass wir Sohn und Tochter in die Innenstadt entführen mussten, weil das alte Schuhwerk teils in seine Einzelteile zerfiel, teils aber auch unerklärlicherweise und überraschend geschrumpft war.
Lassen wir mal Prinz Ichkanndasschon beiseite. Bei ihm verlief der Schuhkauf so, wie man es von einem zukünftigen Mann erwarten kann. Schuh ist dunkelblau oder schwarz, sieht annähernd sportlich aus und passt. Bezahlen (lassen), fertig.
Bei meiner Tochter stellte sich das ganze nicht ganz so einfach dar. Wie könnte es auch anders sein? Immerhin ist sie der femininen Hälfte der Gattung Mensch zuzurechnen.
Zunächst musste die richtige Größe festgestellt werden. Im Grunde ist das auch nicht schwer, denn in jedem Schuhladen, der was auf sich hält, existiert mindestens eines dieser Dinger, die aussehen wie eine Mischung auch Hackbrett und Schieblehre und mit denen sich die Schuhgröße exakt feststellen lässt. Vorausgesetzt, gnä‘ Frau schaffen es, wenigstens mal eine einzige kurze Sekunde ruhig still zu stehen. 
„Nein, die Hacken müssen ganz nach hinten. Die Hacken sind hinten an den Füßen. Dreh dich bitte um! Noch ein kleines Stück nach hinten, Schatz. Du sollst nicht von dem Ding steigen! Komm zurück! Stillhalten! 32! Nein, 29! 30? Och, nun halt doch mal still!“ 
Und so weiter, und so fort.
Letztlich einigten wir uns nach etlichen Versuchen und ebenso zahlreichen Schätzungen im Schnitt auf Schuhgröße 30. Meine Frau und ich parkten lieb Töchterchen vor dem hauseigenen Kinderkanal, wo sich ihr Bruder bereits heimisch eingerichtet hatte, und wuselten durch die Gänge, auf der Suche nach hübschen und passenden Schuhen für junge Damen. Wir stellten eine Auswahl praktischer Schuhe zusammen und führten sie Prinzessin Dasgefälltmirnicht freudestrahlend vor. Nun ja, alle Schuhe fielen durch. Jene waren zu bunt, diese zu blau, andere nicht rosa genug, und hier war ja gar kein Filly drauf! Also nochmal das ganze….
Nein, diese sind so spitz, jene zu doof, und gibt es denn kein Hello Kittie?
Etwa elf verschiedene Paar Schuhe (ausschließlich Größe 30) später war unsere königliche Schuhkäuferin zumindest hinsichtlich des Designs einigermaßen zufrieden gestellt. Sie entschied sich für rosa-farbene, flache Schuhe in sportlichem Design, mit einem gefälligen Filly-Motiv und mit reichlich Löchern, aber ohne Schnürsenkel. Sehr schön.
Wie eben gerade gemessen, sollte Schuhgröße 30 also passen, aber wir probieren besser nochmal an. Schuhgröße 30 war zu groß! Meiner Frau, die sich schon beinahe auf dem Heimweg wähnte, stiegen die Tränen ins Auge. Wir kramten in den Regalen nach dem Modell in Größe 29, jubelten verhalten, als wir es wider aller Hoffnung fanden, und nagelten einen der Schuhe an den töchterlichen Huf. Der Schuh war zu klein! Ich knirschte mit den Zähnen, beruhigte meine Frau und begab mich anschließend auf die Suche nach weiteren Schuhen, die vielleicht sogar passen würden. Aber jene waren unpraktisch, diese einfach nur hässlich, die da drüben gab es nicht mehr in der passenden Größe, und die hier vorne schieden ganz aus.
Währenddessen machte Prinzessin Ichwillaber unmissverständlich und vernehmlich klar, was sie wollte: Diese Schuhe nämlich, die ihr doch, trotz richtiger Größenprägung an der Sohle, ein gutes Stück zu groß waren. Die wollte sie haben. UN-BE-DINGT!

Meine liebste Frau und ich beratschlagten unter großer Geheimhaltung und mit viel Getuschel, was nun zu tun sei. Keiner von uns beiden hatte noch Lust, weitere Schuhläden zu besuchen, zumal es in unserer Stadt zwar unzählige Verkaufsstellen für Damenschuhe, aber nur ein recht geringes Angebot an Kinderschuhen gibt. Wir schauten uns das Objekt der töchterlichen Begierde noch einmal genauer an. Löcher. Für Schnürsenkel… Aber es sind eigentlich keine Schnürsenkel vorgesehen, für dieses Modell. Eigentlich… Und die Füße unserer derzeit noch recht kleinen Madame wachsen jeden Tag ein bisschen. Es wäre also nur eine Frage der Zeit, wann die Schuhe perfekt passen würden.
Der Plan war gemacht: Die Schuhe bekommen Schnürsenkel! Unsere Tochter belohnte uns mit einem strahlenden Lächeln der Marke „Wusste ich es doch!“, als wir ihr unsere Entscheidung, eben diese gewünschten Schuhe zu erwerben, mitteilten. Was hatten wir doch für ein Glück! Irgendwie…
Von da an ging alles sehr schnell. Die bummelig zwei Dutzend Paar Schuhe, die wir aus den Regalen entführt und vor dem Thron unserer Tochter aufgetürmt hatten, wurden wieder mit ihren Regalliegenachbarn vereint, unser Sohn vom Schuhladenfernsehen enteist und an die Hand genommen und unsere Tochter davon überzeugt, die alten Schuhe zum Abschied noch ein einziges Mal zu tragen. An der Kasse übereigneten wir unsere kümmerlichen Reichtümer im Austausch gegen ein Paar Schuhe für echte Kerle, ein Paar Schühchen für kleine Zicken sowie ein Paar pinker, passender und sauberer Schnürsenkel, und schon traten wir mit unserer Beute stolz den Heimweg an, wo Sohn und Tochter stolz und in aller Ausführlichkeit ihre schönes, neues, sauberes Schuhwerk diversen Omas und Opas präsentierten. Perfektes Glück..!

Nur zwei Tage später sahen die Schuhe schon wieder irgendwie alt und abgetragen aus. Kinder eben…


Mittwoch, 1. Juli 2015

Das Lied von Eis und Feuer

Eines meiner liebsten Hobbies ist ja das Lesen. Ich glaube, ich schrieb das schon mal irgendwo. Dabei fängt das Vergnügen ja schon an, wenn ich im Buchladen meines Vertrauens stehe und das nächste Werk, das zu lesen ich beabsichtige, sorgfältig auswähle. Es gibt ja Menschen, die sich dabei von irgendwelchen Bestseller-Listen oder Bewertungen leiten lassen. Das sind sicher nicht die schlechtesten Entscheidungshilfen, wenn man so gar nicht weiß, was man lesen soll, aber ich brauche so etwas nicht. Ich konsultiere das Titelbild und den Klappentext und ignoriere die auf der Rückseite gedruckten Lobeshymnen. Gefällt mir, was ich das lese und sehe, blättere ich bis zum Prolog oder dem ersten Kapitel. Ein Buch, das mich hinsichtlich Thematik und Klappentext interessiert, muss es nun schaffen, mich mit den ersten Sätzen zu überzeugen. Wenn mir der Schreibstil des Autors (oder des Übersetzers, auch das macht viel aus!) gefällt, ist das Buch so gut wie gekauft.

Vor einigen Wochen musste ich doch tatsächlich ein wenig Zeit in der Stadt überbrücken, bevor mich mein nächster Termin erwartete. Ich nutzte die Zeit und ging in eines meiner Lieblingsgeschäfte, ein Buchladen. Wie könnte es anders sein?
Ich suchte nach neuen Abenteuern, vielleicht in einer Richtung, die ich bisher noch nicht oder doch nur wenig gelesen hatte. Fantasy hatte ich reichlich, auch Science Fiction, daneben aber auch eine ganze Menge Krimis, Dramen und sogar einige Familiengeschichten. Lustiges lese ich besonders gerne, aber eben auch spannendes, besinnliches, philosophisches. Die Auswahl war also alles andere als leicht. Ich wollte etwas neues, also schloss ich die mir bekannten und geliebten Autoren erst mal aus, sonst wird es nicht neu. Umberto Eco blieb links liegen, von Douglas Adams hatte ich auch schon reichlich und gern gelesen, selbst meinen verehrten Terry Pratchett beachtete ich dieses eine Mal nicht, obwohl es mich doch einige Überwindung kostete. Ich suchte nach einer neuen Welt mit Figuren, von denen ich noch nie gehört hatte. Und tatsächlich fand ich einen Roman, der in einer Fantasiewelt spielte, zu einer Zeit, die man wohl am besten mit unserem Mittelalter vergleichen könnte. Es gab Könige, Ritter, Schwerter und Lords und Ladies, aber eben auch einige auf unserer Welt eher seltener zu beobachtende Wesen wie Untote oder Drachen. Schon die ersten Zeilen dieses Romans waren irrsinnig spannend, und von dem Autoren hatte ich bisher weder gelesen noch gehört.
Ich hatte mein nächstes Buch gefunden, und wie ich der langen Reihe im Regal entnehmen konnte, gab es da noch einige Bände mehr.

Mit diesem kleinen Schatz in den Händen nahm ich zunächst meinen Termin in der Stadt wahr, um dann möglichst schnell auf das heimische Sofa zu eilen, wo ich endlich tief in diese mir noch völlig unbekannte Welt eintauchen konnte. Mit jeder Zeile vertiefte ich mich noch ein bisschen weiter in die Geschehnisse, las und hörte von Schwertkämpfen, roch den Moder in der Stadt, diskutierte mit Lords und Ladies, sodass ich schon ein wenig ungehalten reagierte, als es plötzlich und unvermittelt an der Tür klingelte. Ich hätte ja gerne eines meiner Mündel ans Tor geschickt, aber ich hatte ja weder Mündel noch Tor. Na ja, es gibt ja Lesezeichen.
Vor der Tür stand unsere gute Freundin, die sich schon Tage vorher angekündigt hatte, was ich aber angesichts der Abenteuer in meinem frisch erbeuteten Roman völlig vergessen hatte. Eben jene Freundin entdeckte dann auch sogleich den Roman, den ich auf dem Tisch hatte liegen lassen, und war sofort Feuer und Flamme:
„Habt ihr die Serie schon gesehen? Ich kann sie euch mal mitbringen.“
„Welche Serie? Ich hab das Buch doch gerade erst gekauft!“
„Na, Game of Thrones! Da sind doch schon vier Staffeln gelaufen, und die fünfte kommt jetzt auch bald!“
Ich verstand kein Wort. Geduldig erklärte unsere Freundin mir, was es mit diesem „Game of Thrones“ auf sich hatte, wie berühmt die Serie doch sei, und dass wir offenbar weit hinter dem Mond wohnten, wo doch praktisch jeder die Serie kenne. Außer mir natürlich…

Der mir vollkommen unbekannte Autor war also niemand anderes als George R.R. Martin, und das Buch, das mir so außerordentlich gefallen hatte, war „Das Lied von Eis und Feuer – Die Herren von Winterfell“, der erste Band der Reihe, die auf Englisch eben „Game of Thrones“ heißt. Wer hätte das gedacht? Damit erklärten sich auch die anderen neun Bände, die noch im Regal im Buchladen standen, und die inzwischen längst den Weg in unsere eigene bescheidene Bibliothek gefunden haben.
 
Diese kleine Geschichte trug sich vor nun vier Wochen zu. Inzwischen stehen natürlich alle zehn Bände dieses erstaunlichen Epos im Regal, gleich neben der Scheibenwelt und dem Herrn der Ringe. Länger habe ich tatsächlich nicht gebraucht, um die spannende Geschichte um die Lennisters, den Eisernen Thron und der wunderschönen Daenerys zu verschlingen. Es ist natürlich das Verdienst des Erfinders dieser Welt, George R.R. Martin, der die Schicksale erdacht und zwischen den Buchdeckeln eine großartige Welt erschaffen hat. Es ist aber auch das Verdienst des Übersetzers Andreas Helweg, der Martins Ideen, Beschreibungen und Gedanken hervorragend aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat.
Zehn Bücher lang fieberte ich mit Lords, Sers, Ladies mit, sorgte mich um eine ganze Reihe von Huren und Bastarden, bewunderte den Mut vieler Ritter und verfluchte die Taten der Verräter. In jeder freien Minute verschlang ich die Schicksale von Arya, von Tyrion, von Jon Schnee und Sansa Stark. Ich liebte Daenerys und hasste Joffrey und Ramsay Bolton. Ich sah Westeros vor mir, wanderte durch die Straßen von Königsmund und segelte durch die Sklavenbucht. Viele Helden, von denen ich es nicht erwartet hätte, starben auf vielfältige Art und Weise, viele Schurken, denen ich den Strick an den missratenen Hals wünschte, überlebten hingegen. Und immer mehr verstrickten sich Schicksale, kamen Intrigen ans Licht und wurde Vertrauen erst gewonnen, dann gebrochen. Zehn Bände lang habe ich mich gefragt, wie die Geschichte ausgeht. Und jetzt gerade, vor ein paar Minuten erst, habe ich die letzten Sätze des letzten Bandes gelesen. Aber ich weiß immer noch nicht, wie die Geschichte endet! So viele Fragen sind noch offen. Was passiert mit der Königin Regentin? Kommt die Drachenkönigin über das Meer? Wo ist der Königsmörder? Und wo die Jungfrau Brienne? Aber die wichtigste Frage ist: Wann kommt Band elf? Und wann Band zwölf?
Jetzt, wo ich die Bücher gelesen habe, schaue ich mir die Serie an. Ich bin gespannt.

Wen das Lied von Eis und Feuer interessiert, der besuche den Buchladen seines Vertrauens. Ich selbst kann das Werk nur wärmstens empfehlen.

Freitag, 19. Juni 2015

Einkaufen!

Früher war es einfacher. Da hat man die Kinder im Kinderwagen gefesselt, den Wagen in ausreichender Entfernung von verlockenden Angeboten positioniert und konnte so genüsslich und beinahe ungestört einkaufen. Aber die Kinder werden ja größer. Irgendwann passen sie einfach nicht mehr in den Kinderwagen, und man muss sie frei laufen lassen. Dann ist es gut, wenn man den quasi-zeitlosen Ortswechsel beherrscht und die Hand unter dem Gurkenglas hat, bevor es, von zarten Kinderhänden aus dem Regal geschoben, auf dem Boden des Supermarktes aufschlägt. Es dauert natürlich eine kleine Weile, bis unsere kleinen Thronfolger das Prinzip „Nur anfassen, wenn du es auch kaufen willst!“ auch verinnerlicht haben. Aber sobald das passiert ist, steht die nächste evolutionäre Phase in der Menschwerdung an: 
Der Umgang mit Finanzmitteln – Kapitel 1: Einkaufen.
Genau da sind wir jetzt.

Es ist immer wieder das gleiche, wenn wir einkaufen gehen. Kaum schreiben lieb Frauchen und ich die Meter lange Einkaufsliste für den nächsten Konsumexzess, springen Prinz Daswünschichmirschonlange und Prinzessin Dasbrauchichunbedingt im Dreieck und freuen sich eine weitere Körperöffnung in den Leib. „Wir gehen einkaufen!“Im Anschluss an den Freudentanz flitzen beide zu ihren Sparschweinen und berauben sie deren gesammelten Innereien. Spätestens hier greifen dann die beiden Alttiere ein und setzen durch, dass jeder Jungkonsument maximal zwei Euro ausgeben darf. Gewissenhaft werden die Reichtümer durchforstet, und es dauert immer wieder eine kleine Weile, bis man Sohn wie Tochter klar gemacht hat, was ein Cent bedeutet und was ein Euro, und das zwei Ein-Euro-Münzen das gleiche sind wie eine Zwei-Euro-Münze: „Aber er hat zwei Geld und ich nur eins!“ Das wird noch lange dauern, bis die beiden das begriffen haben… 

Aber irgendwann stehen wir dann im Laden, die Eltern bewaffnet mit Einkaufsliste, Einkaufswagen und Geldbörse, die Kinder mit Kleinbeträgen in den feuchten Händen und purer Gier im Blick. Inzwischen haben wir uns darauf geeinigt, dass zuerst die Pflicht kommt, also der Familieneinkauf, dann das Vergnügen, also das Kauferlebnis der Kinder.
Nur allzu schnell ist unser wie immer viel zu kleiner Einkaufswagen gefüllt mit allerlei Grundnahrungsmitteln, ein klein wenig Ernährungsluxus und all den anderen kleinen und größeren Dingen, die man so als Familie braucht. Es wird also, zumindest nach Meinung unserer Nachwuchskonsumenten, höchste Zeit, den infantilen Konsumbedarf zu befriedigen. Prinz Daswollteichschonimmer stürzt sich mitsamt Schwester in die kleine Spielwarenabteilung, schnappt sich ein halbes Dutzend Spielzeugautos, einen Stapel Lego-Bausätze verschiedener Größe sowie diverse StarWars®-Kleinteile, die er ja schon immer haben wollte und UN-BE-DINGT braucht. Währenddessen kann sich Prinzessin Kannichdasbittehaben nicht zwischen Filly, Hello Kittie, Barbie und verschiedensten, bunten und mehr oder weniger kindgerechten Schmuck- und Glitzersteinchen entscheiden. Typisch Frau. Letztlich stellt sie mit lauter Stimme fest: „Das sind alles meine Lieblingsspielsachen! Die nehm ich alle mit!“
Prinz und Prinzessin reagieren beide ein bisschen ungehalten, als ihre treusorgende Mutter mal eben vorrechnet, wie viel Geld jeder von ihnen bezahlen müsste, erlaubten wir ihnen, alles mitzunehmen, was sie derzeit in den völlig überladenen Händen halten. Aber nach einigen Minuten hitziger Diskussionen und einigen unangenehmen Entscheidungen schieben Prinz Dasistgemein und Prinzessin Ichwillaber missmutig aber ordentlich ihre Beute wieder in die dafür vorgesehenen Regale und lassen sich danach mit hängenden Köpfen von mir in die Süßwarenabteilung führen. Das bringt die gute Laune natürlich sofort zurück, jedenfalls so lange, bis ich ihnen nun vorrechne, wie viel sie da eigentlich in den Armen halten. Zwei Euro sind heutzutage eben gar nicht mal so schrecklich viel Geld. Am Ende können wir uns alle auf je zwei Tüten verschiedener Süß- und Gummiwaren pro Kind einigen, was auch hervorragend in die kindlichen monetären Möglichkeiten passt.
Glücklicherweise hat der Supermarkt unseres Vertrauens nur eine wirklich kleine Spielwarenabteilung. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn wir mit den Kindern in einen richtigen Spielwarenladen einfallen! 

Angesichts dieser, zugegebenermaßen recht kleinen, Herausforderungen sind lieb Frauchen und ich manchmal doch recht froh, wenn wir mal ohne die Kinder einkaufen gehen können. Vor ein paar Tagen war es mal wieder so weit. Nach jahrelangem klaglosen Gebrauch war der Fangkorb unseres Rasenmähers am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt und musste ersetzt werden. Also wanderten meine liebste Ehefrau und ich an einem schönen Vormittag, an dem die Kinder in Schule und Kindergarten beschäftigt und unter fachgerechter Aufsicht waren, in unseren Lieblingsbaumarkt, um das dringend benötigte Ersatzteil zu erstehen. Wie konnte es auch anders sein, das Teil lag natürlich nicht in einem der unzähligen Regale. Aber ein Rasenmäher stand da! Erstaunlich große Schnittbreite, elegant im Design, mit kräftigem Motor, schön sauber und mit einem schönen, großen und vor allem intakten Fangkorb! Ich war begeistert! Das kleine Gerät kostete gerade mal einen knappen halben Tausender, mehr nicht. Aber aus irgendeinem Grunde weigerte sich meine Frau, dem Kauf zuzustimmen, und zerrte mich zu einem Kundenberater. Dieser gar nicht nette Mann schlug sich doch tatsächlich auf die Seite meiner Frau und bot mir an, das benötigte Ersatzteil zu bestellen. Dass selbiges Teil nicht mal ein Zehntel des wunderschönen, sehr neuen Rasenmähers kostete, stimmte mich nur in beschränktem Maße milde. Aber na gut, was tut man nicht alles für eine gute Partnerschaft. Da muss man auch mal nachgeben müssen.
Auf dem Weg zur Kasse entdeckte ich in einem der Gänge eine Schlagbohrmaschine, die ich mir schon immer gewünscht hatte! Natürlich schaute ich sie mir genau an, studierte die Leistungsdaten der Maschine, bewunderte die haptischen Eigenschaften, betrachtete das funktionale Design, und plötzlich lag diese ebenso schöne wie praktische Schlagbohrmaschine in meinem Einkaufswagen. Meine Frau sagte nichts, nahm ihr Handy heraus und tippte. Bei der näheren Betrachtung der Schlagbohrmaschine fiel mir eine Stichsäge gleich daneben auf, von der ich schon immer gesagt hatte, dass ich so eine UN-BE-DINGT brauche. Auch sie wanderte in den Einkaufswagen, während meine Frau schon wieder auf ihrem Handy herum tippte. Na ja, Frauen und ihr Vergnügen…
Siedend heiß fiel mir ein, dass unser olles Bandschleifgerät, das nun schon jahrelang im Keller auf seinen Einsatz wartete, wahrscheinlich auch nicht mehr so richtig funktionieren würde, und wie es der Zufall wollte, fand ich genau das richtige Maschinchen, das dann sogleich der Sammlung im Einkaufswagen hinzugefügt wurde. Das gleiche Schicksal ereilte einen Kompressor, einen Hochdruckreiniger, einen Werkzeugkasten mit 78 Premium-Werkzeugen im Porsche-Design, ein Stromerzeugeraggregat (3000 Watt), eine elektronisch gesteuerte Betonmischmaschine, einen elektrischen Fliesenschneider, einen ebenfalls elektrischen Fuchschwanz und ein 12-teiliges Elektrowerkzeugset, komplett mit Laserentfernungsmesser und Laserwasserwaage. Und während ich mit glänzenden Augen den dringend benötigten Ausbau unserer noch gar nicht existierenden Kellerwerkstatt gewissenhaft vorantrieb, spielte meine Frau die ganze Zeit auf ihrem Handy herum. Sie hätte mir auch ein bisschen helfen können! Das sagte ich ihr dann auch, worauf sie zuckersüß lächelte und mir ihr Handy unter die Nase hielt. Auf dem Display leuchtete eine irrsinnig hohe vierstellige Zahl, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn trieb und die ich mir absolut nicht erklären konnte. Das konnte allerdings mein lieb Frauchen, indem sie wortlos auf jedes einzelne Preisschild deutete, das sie in meinem Einkaufswagen finden konnte. Na gut. Vielleicht könnte ich ein oder zwei Dinge im nächsten Monat kaufen. Also gut, drei! Herrjeh! Ich kann doch nicht alles…! Aber ich brauche doch…! Och, menno!
Es half alles nichts.
Tief enttäuscht brachte ich meine Beute zurück in die Regale, während das Lächeln meiner Frau mit jedem, so dringend gewünschten Artikel, den ich aus dem Einkaufswagen sammelte, immer breiter wurde. Da stand ich nun in der Schlange vor der Kasse, und hatte nichts im Wagen und nur eine schnöde Bestellung über einen langweiligen Fangkorb in der Hand. So ein leerer Einkaufswagen vor der Kasse ist so ziemlich das deprimierenste, was sich der Einzelhandel nur vorstellen kann. Und das wollte ich den wackeren Verkäuferinnen an den Kassen nun wirklich nicht antun! Ich entdeckte in einem der Regale direkt vor der Kasse eine ausgesprochen praktische Taschenlampe mit modernster LED-Technik für nur 3,99€ (inkl. Batterien) und schaute meine liebste Frau verzweifelt an. Sie lächelte und ließ mich gewähren. Der Tag war gerettet! Mein Konto übrigens auch…
Aber irgendwann geh ich nochmal alleine in den Baumarkt! Und dann…!