Freitag, 30. Januar 2015

Hund ab!

Haustiere sind doch was schönes. Man ist selten allein, man hat eine Aufgabe, und Unterhaltung hat man auch immer. Manchmal ist die Unterhaltung ein wenig einseitig, wenn einen das Haustier einfach nur anschaut, während man damit beschäftigt ist, dem bescheuerten Vieh zum tausendsten Male zu erklären, wozu das Katzenklo da ist, warum man Zimmerpflanzen nicht verspeisen darf oder wie das mit der Katzenklappe funktioniert. Manchmal ist das Haustier aber auch Mittelpunkt einer Darbietung, die vor allem die grinsenden Nachbarn so schnell nicht vergessen werden.

Unsere Nachbarin (ich schrieb es ja schon in einer anderen Geschichte) betrachtet sich als Besitzerin eines Hundes von wahrhaft titanischen Ausmaßen. Ob der Hund das ebenso sieht, ist derzeit nicht bekannt. Wie es für Caniden üblich ist, stellt der Mensch für den Hund eine ausgesprochen wichtige Bezugsperson dar, die man nicht einfach so alleine in die Welt hinauslassen darf, weil es da draußen eben gefährlich ist. Der handelsübliche Hund wird also immer bei Herrchen oder eben Frauchen bleiben wollen, um sich wohl zu fühlen und Teil des Rudels zu sein. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Hunden, die durchaus ein paar Stunden allein zuhause verbringen können, aber lieber wären sie eben bei ihrem Herrchen oder Frauchen. Einige Hunde sind aber dermaßen versessen darauf, ihre Zeit mit ihrem Menschen zu verbringen, dass sie selbst fürchterlichste drohende Gefahren ignorieren, um in die Nähe ihres Menschen zu kommen.
Dieses gesagt, verwundert es wohl nicht, dass ich eines schönen, sonnigen Nachmittags, als ich unschuldig vor dem Computer saß, blecherne Schritte von draußen vernahm. Die Schritte gehörten zu einer ziemlich verblüfften, leicht verzweifelten Cane Corso Hündin, die auf dem Dach unseres Carports hin und her lief und nach einem Weg nach unten suchte.
Ich teilte meine Entdeckung natürlich umgehend meiner liebsten Frau mit, die auch sogleich die Erscheinung auf dem Blechdach in Augenschein nahm und nach sorgfältiger Abwägung die Lage erkannte: „Wahrscheinlich ist sie durch das Loch im Balkongeländer gekrabbelt.“ Ja, das machte Sinn. Und sie konstatierte: „Das arme Tier muss da runter!“ Somit war mein Auftrag wohl klar.
Ich warf mich also in meine Gartenkluft, schnappte mir die Schlüssel zu unserer kleinen Scheune und schaute mir die ganze Geschichte mal aus der Nähe an. Ein weiter Blick in die Runde offenbarte mir eine zunehmend verwirrte Hündin in den höheren Schichten, meine Frau neugierig am Fenster, einen Gartentisch, mehrere passende Gartenstühle und weiteres Gerät und Gerümpel, wie man es in der Peripherie eines einzelstehenden Wohnhauses eben so findet. Nur das Frauchen zu dem Hund auf dem zum Glück nicht so heißen Blechdach offenbarte sich mir nicht. So schritt ich also zunächst allein zu Problemlösung. Es war ja nur ein Hund. Den würde ich doch wohl noch vom Dach pflücken können!
An der niedrigen Seite des Carports stand ein Gartentisch, der hinreichend stabil aussah, sowohl meines, als auch des Hundes Gewicht zu tragen. Ich stellte mich also auf den Tisch, suchte die Hundedame und lockte sie zu mir. Sie kam auch, beschnüffelte mich kurz und wanderte weiter hektisch am tiefen Abgrund entlang. Weitere Lockversuche verliefen ergebnislos, bis endlich Frauchen von irgendwoher eingetroffen war und ihr Herzensmädel noch einmal anlockte. Allerdings beschlichen uns leise Zweifel, ob einer von uns oder wir beide gemeinsam genug Kraft aufbringen würden, eine verängstigte Hündin von den Ausmaßen eines kleinen Büffels auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir versuchten daraufhin, Madame Wuff davon zu überzeugen, den Meter fuffzich hinab auf den Tisch zu springen, was aber am mangelnden Mut der Canidin grandios scheiterte. Man stelle sich das vor:
Zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts trommeln mit den Händen auf dem Tisch herum und intonieren pausenlos: „Hierher! Komm! Nun spring schon! Hierher! Das schaffst du schon!“
Madame Wuff trabte hin und wieder her, schaute in die Tiefe, jaulte herzzerreißend und erhörte uns nicht. In ihrem pechschwarzen Gesicht war deutlich zu lesen, was sie von unserem Vorschlag hielt – nämlich nichts.

Frau Nachbarin und ich erörterten mehrere alternative Pläne, um den Hund wieder sicher auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Wir wollten ihr eine Leine anlegen und dann langsam, aber beständig ziehen, bis die Hündin gar keine andere Wahl mehr hatte, als auf den Tisch zu springen. Wir verwarfen den Gedanken.
Wir wollten Leckerchen holen und an die niederen Instinkte appellieren, auf dass die Dame ihre Furcht vergesse und hungrig zum Futter springe. Wir hatten keine Leckerchen...
Aber meine beste Ehefrau hatte welche und stellte sich ihrerseits auf unseren Balkon, von wo aus sie hingebungsvoll versuchte, Madame Wuff über den kaum sechzig Zentimeter breiten Abgrund zwischen Carport und Balkon auf sicheren Boden zu locken. Madame Wuff stellte sich taub.
Wir wollten das nachbarliche Balkongeländer, durch das der verhinderte Dachhase gekommen war,  stellenweise abschrauben, um sie durch die so entstandene Lücke in die Sicherheit der eigenen Wohnung zu locken. Das klang gut, und wir wollten uns soeben auf den Weg machen, da kam die Rettung in Gestalt des Nachbarn von gegenüber, den wir sonst eher selten sahen. Mit weiten Schritten und einem breiten, langen Brett unterm Arm näherte er sich uns und bot seine Hilfe an. Na, sicher! Wir benutzten das Brett als Absteige, stellten es auf den Tisch und lehnten den Rest an das Dach, gerade da, wo die kletterfreudige Hündin gerade stand. Das nahm selbige natürlich zum Anlass, auf die entgegengesetzte Seite des Daches zu wechseln. Also Brett abnehmen, Tisch umstellen, Brett anstellen, locken. Das Vieh wechselte zur anderen Seite. Und noch einmal; Brett, Tisch, Brett, „komm, Hundi!“
„Wie wäre es, wenn ihr sie am Halsband greift und, ähm... überredet?“
Das war mal eine Idee! Inzwischen war die Maid, die gerettet werden sollte, wieder zur anderen Seite des Daches übergesiedelt. Und zum dritten Mal: Brett ab, Tisch rum, Brett dran. Dieses Mal musste es klappen, erstens sowieso und zweitens, weil es in jeder Geschichte immer entweder in letzer Sekunde oder eben beim dritten Versuch klappen muss. Egal, was ist! Und so war es dann auch. Kaum war das Brett in der richtigen Position, versuchte der Hund wieder, aus die andere Seite zu wandern. Ein beherzter Griff in das Halsgeschirr verhinderte den Abmarsch, und zu zweit zogen wir das verschreckte Hündchen mit sanfter Gewalt auf das schräge Brett in die Tiefe. Endlich sah Madame Wuff den Ausweg, den sie nun schon so lange gesucht hatte, sprang behände auf den Boden und bellte glücklich und erleichtert die halbe Stadt zusammen. 

Zu viert hatten Nachbar, Frauchen, mein geliebtes Eheweib und ich es geschafft, eine Hündin aus sprichwörtlich höchster Not zu retten! Und wer bekam die Belohnung? Richtig! Madame Wuff!
Aber wenigstens hatten wir das Gefühl, moderne Ritter zu sein. Unsere holde Maid in Not hatte zwar ein Paar Beine zuviel, aber das machte nichts. Wir fühlten uns trotzdem toll! Hund ab.





Sonntag, 18. Januar 2015

Fit im Alter - irgendwie


Wenn man einigen meiner geschätzten Mitmenschen glauben darf, ist es ein kleines Wunder, dass ich noch auf Erden wandle, denn eigentlich sollte ich in meinem biblischen Alter schon längst in der Erde dunkler Kühle liegen. Andererseits fühle ich mich lebendig und frisch wie selten in meinen langen Jahren. Abhängig vom Alter der beurteilenden Person befinde ich mich entweder seit meinem zwanzigsten oder meinem dreißigsten Geburtstag auf dem absteigenden Ast. Seit  ich aber die vierziger Linie unwiderruflich überschritten habe, sind sich alle einig: Ich bin uralt!
Der Witz an der ganzen Sache ist: Je älter ich werde, desto fitter müsste ich eigentlich werden.
Nun ja, die Medizin hat eine ganze Reihe von wissenschaftlich untermauerten Argumenten, warum das nicht stimmt. Aber nach meinem eigenen, ganz subjektiven Gefühl bin ich tatsächlich fit wie ein Turnschuh. Auf der Suche nach der Ursache meiner ausgesprochen jugendlichen, sportlichen Verfassung wurde ich an ungeahnter Stelle fündig, und das gerade dieser Tage!

Ich zähle mich nicht unbedingt zu den Musterbeispielen frühmorgendlicher ausgesprochen schlechter Laune, aber ein bisschen Zeit brauche auch ich, bis Körper und höhere Hirnfunktionen nach dem nächtlichen Standby-Betrieb ihre volle Leistungsbereitschaft erreicht haben. Normalerweise tragen eine grundsätzlich verhungernde Katze, eine hinterhältige Treppe und/oder die schmerzhaft helle Badezimmersonne zur Beschleunigung meines Aufwachprozesses bei, aber irgendwie hat das vor ein paar Tagen in aller Frühe nicht so wirklich funktioniert. Tägliche Routineaufgaben wie Katze füttern, Gesichtsenthaarung oder die Zubereitung meines persönlichen Care-Paketes meisterte ich vollautomatisch ohne die Beteiligung eines wachen, motivierten Hirnes. Den Rest der Familie wecken, Herrenhandtasche schnappen, ein Kuss grob Richtung dunklem Schatten, der meine Frau sein musste, und schon verließ ich das Haus, um den Familienlaster zu entern und den Arbeitstag frohgemut und voller Elan zu beginnen. Irgendwo zwischen Hofeinfahrt und Beinaheunfall Nummer eins würde der Rest von mir schon wach werden.
Das mit dem Wachwerden ging früher, als ich vermutet hatte. Da stand ich nämlich vor der Fahrertür, klopfte sämtliche Taschen (und das waren einige!) meiner Anzugsordnung ab und murmelte das altbekannte Mantra der Autofahrer: „Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel…“ Eben diese befanden sich mitnichten in den abyssalen Tiefen meiner baumwollenen Stauräume, sondern säuberlich aufgehängt im Schlüsselkasten, welcher sich wiederum im Inneren meines Hauses, gleich hinter der Haustür, befand. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich bereits zwei Minuten hinter meinem Zeitplan lag, also sprang ich behände wie ein junger Hirsch die Treppe hinauf, knutschte meine verblüffte Frau, entriss dem Schlüsseltresor den so schmählich missachteten Autoschlüssel und eilte zum Auto. Schlüssel passt, das Auto ist das richtige, und schon arbeitete ich daran, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Immerhin war ich jetzt in der Tat und vollständig wach. Alle Körperfunktionen liefen auf Hochtouren, auch mein Puls, und angesichts des moderat erhöhten Tempos meiner Fahrt im innerstädtischen Bereich bemühten sich sowohl die höheren Hirnfunktionen als auch mein Schutzengel um Akkordarbeit. Sowohl beschleunigte Fahrweise wie auch mindestens im gleichen Maße beschleunigter Puls gewährleisteten meine einigermaßen pünktliche Ankunft auf dem Parkplatz meines geschätzten Arbeitgebers. Raus aus dem Auto und ein kleiner Dauerlauf Richtung Stechuhr, auf dass meines Zeitkontos Minusbetrag schmelze wie Schnee am Kilimandscharo. Kaum aber war ich in meinem Büro angekommen, bemerkte ich das Fehlen gewisser lebenswichtiger Dinge, darunter meiner Thermoskanne Kaffee, meines getupperten Frühstücks und meiner Schlüssel zum Büroschrank. Ganz offensichtlich hatte ich meine Tasche im Auto gelassen. Ich  murmelte eine kurze Entschuldigung in die Runde meiner Arbeitskollegen und rannte mit wehenden Fahnen zurück zum Auto, wo ich meine Tasche unschuldig auf der Rückbank ruhend liegen sah. Jetzt wäre ein Autoschlüssel günstig gewesen, aber der lag bereits auf meinem Schreibtisch. Also gallopierte ich wieder zurück, schnappte mir den Schlüssel vom Schreibtisch, rollte vor meinen Kollegen theatralisch mit den Augen und rannte zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten zum Auto, um mir endlich, endlich meine Tasche zu holen. Zurück am Schreibtisch brauchte ich dann doch ein paar Minuten, um das lästige pfeifende Geräusch meines Atmungsapparates wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber wenigstens hatte ich jetzt all meine wichtigen Dinge, die ich so während eines Arbeitstages brauche, beisammen. Der Tag konnte beginnen.

Ganz offensichtlich bin ich die rühmliche Ausnahme der Regel, denn während um mich herum alle älter und gebrechlicher werden, bin ich rank und schlank und fit wie bereits oben aufgeführter Turnschuh, weil ich inzwischen eine ganze Menge Wege mindestens doppelt zurücklege.
Der gemeine Leser denkt sich nun vielleicht: „Toll! Da ist er nun fit, aber dafür leidet er an Alzheimer!“ Natürlich nicht! Denn mit steigendem Alter wächst natürlich auch die Verantwortung, die man so als Familienvater, Abteilungsleiter, Menschenführer zu übernehmen hat. Also muss ich an viele große Dinge denken, weil ich zuweilen Entscheidungen zu treffen habe, die für das weitere Leben und Leiden weitaus jüngerer Menschen ausgesprochen wichtig sein können. Die kleinen Dinge gehen dabei ab und an ein bisschen unter, aber wie der Leser weiter oben gesehen hat, strampeln sich diese kleinen Dinge immer wieder an die Oberfläche. Und dann renne ich los, zum zweiten oder dritten Mal. Ergo: Mit jeder kleinen Sache, die ich vergesse, kümmere ich mich um eine größere, wichtigere, und werde immer fitter!

Dienstag, 6. Januar 2015

Der Traum vom Fliegen


Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, fallen mir neben Kuhstall, Strohballen, Mähdreschern und einer ganzen Menge Dreck und Gras auch die Spielsachen ein, die sich im Laufe der Jahre in meinem Zimmer (und in eigentlich allen anderen Zimmern unseres Hauses auch) stapelten. Da gab es Playmobil, jede Menge Legosteine, Matchbox-Autos (gibt es die eigentlich noch?), Bausätze von diversen Lastwagen von ganz klein bis tierisch groß und viele Dinge mehr. Natürlich durfte die Eisenbahn genauso wenig fehlen wie die Carrera. Ich glückliches Kind…Aber wie das so ist, als Kind. Man wächst, wird älter, erfahrener, vielleicht auch ein bisschen klüger… Und die Spielsachen ändern sich. Die Autos und Legosteine wandern ins Spielzeug-Nirwana der Mülltonne oder, mit ein bisschen Glück, in Kisten auf den Dachboden. Stattdessen findet man mehr Fernseher, Computer und ähnliche Dinge im Zimmer…

Und dann ist man erwachsen und sitzt eines Tages mit den eigenen Kindern vor den Kisten, die eine ebenso treusorgende wie voraussehende gute Seele aus dem Dunkel des Dachbodens ins Licht der Erinnerung gezerrt hat. Vielleicht war es das glückselige Spiel mit den ramponierten Autos aus längst vergangenen Tagen, das mich an jenem kalten Abend im Winter in einen Spielwarenladen trieb, fatalerweise in Begleitung meiner Nachkommenschaft. Nur wenige Augenblicke später verließen wir drei das Geschäft wieder, und die Spielwarensammlung meiner Kinder war um ein Einhorn und einen Reisebus reicher. Der Vater aber hatte ein glückseliges Grinsen im Gesicht  und zitterte vor Aufregung, als feierte er in diesen Tagen nicht nur Weihnachten, sondern auch noch Geburtstag, Ostern, Channuka und Namenstag! Ach, hätte ich doch nur noch schneller nach Hause fahren können, um meinen Schatz – mein Spielzeug auszupacken.
Ich hatte absolut nicht widerstehen können und mir ein ferngesteuertes Auto zugelegt. Nun werden die Spielzeuge ja normalerweise mit zunehmendem Alter immer größer. Ich aber machte da für mich eine Ausnahme. Mein Auto passte samt Fernsteuerung, einer Antenne und vier winzigen Pylonen in eine handelsübliche Getränkedose der 0,33l-Klasse. Aber immerhin verfügt der Winzling über funktionierende Scheinwerfer und Rücklichter!
Kaum also war ich zuhause angekommen, packte ich meine Beute aus, schraubte zusammen, setzte Batterien ein und wartete die vollen zwei Minuten, bis das kleine RC-Rennauto endlich aufgeladen war. Die längsten zwei Minuten meines Lebens, das kann ich Euch sagen! 

Mein kleiner Flitzer - ganz groß!
Oh, welch ein Spaß! Oh, welche Wonne! Ich ließ meinen kleinen Flitzer über die Auslegeware im Wohnzimmer flitzen, umkurvte behände zahlreiche Hindernisse wie Stuhlbeine, die Beine meiner Frau und meiner Kinder, Sitzkissen, Couchtisch und Yuka-Palme, ich jagte die Katze aus ihrem Versteck, ich stellte Geschwindigkeitsrekorde auf, und als ich den Flitzer über die Bodenfließen in Flur und Küche schickte, lernte mein Auto sogar das Fliegen! Ich war glücklich!
Und doch… 





Eigentlich ist das Auto toll! Die Scheinwerfer leuchten lustig. Das Auto hüpft mindestens ebenso lustig über die Fugen im Flur. Aber irgendwie… Auf dem weichen Teppich ist das kleine Ding ganz schön langsam. Und außerdem, fahren kann doch jeder. Sogar Prinz Daskannichschon, der inzwischen sein eigenes, natürlich viel größeres und schnelleres Auto hat, und Prinzessin Gibmirdas, die sich inzwischen meines kleinen Flitzers bemächtigt hat.
Mein Traum war eigentlich ein anderer… Ich brauchte ein paar Tage, um meinem Traum einen Namen geben zu können, ihn einzufangen und auszudrücken.

Zwei Wochen später stand ich wieder im Spielwarenladen vor dem Regal mit dem Spielzeug für die großen Kinder und erinnerte ich mich an einen Abend vor gut zwanzig Jahren.
Zu dieser Zeit wohnte ich noch tief im Süden, und auf meinem Zimmer stand einer dieser tollen Heimcomputer, ohne Internet, aber mit mächtig viel Rechenleistung. Es war eine Zeit, in der ich mir die kalten, einsamen Abende gerne mit Computerspielen vertrieb. Mein Lieblingsspiel war „The Need for Speed“, wo ich mit unglaublich schnellen Autos der Polizei zu entkommen versuchte. Mein zweites Lieblingsspiel war ein Hubschraubersimulator, "Jane's AH-64D Longbow", in welchem ich mit zweifelhaftem Erfolg versuchte, einen Kampfhubschrauber in die Luft zu bekommen und diverse Schlachten auszutragen. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie schwer es mir fiel, nicht nur den Hubschrauber in die Luft zu bekommen, sondern ihn auch noch dazu zu bringen, in eine vorher definierte, festgelegte Richtung zu fliegen. Vom Landen will ich hier gar nicht reden. Ich hatte das Handbuch gewälzt, die Trainingsmissionen geflogen, es mit der Tastatur versucht, mit einem einfachen Joystick, einem HighEnd-Superjoystick mit 37 Knöpfen und 12 Reglern und, immer wieder, mit hingebungsvollem Fluchen. Letztlich half irgendwie nichts. Ich erinnere mich, dass ich viele Stunden am Computer saß, es irgendwann auch schaffte, wenigstens eine Mission anzufangen, aber spätestens bei der Landung versemmelte ich es und verschrottete einen Hubschrauber nach dem nächsten…
An all das erinnerte ich mich, während mein Blick im Spielwarenladen magisch von einem Hubschrauber angezogen wurde. Das war es! Ich wollte fliegen! Und ich wollte einen Hubschrauber fliegen! Und dieses Mal würde ich es schaffen, nicht nur unbeschadet zu starten, sondern auch ebenso unbeschadet zu landen! Also nahm ich den passenden Karton aus dem Regal, stürmte zur Kasse, übereignete  einige Sack Gold der Verkäuferin und eilte der heimatlichen Wohnstatt entgegen.
Meine wunderbarste Ehefrau von allen reagierte ein wenig irritiert, als ich mit dem Paket in der Hand an ihr vorbei ins Wohnzimmer drängte und etwas wie „Mein Schatz!“ von mir gab.
Auspacken, die Anleitung studieren, die Einzelteile zusammensetzen, und schon konnte es losgehen.
Mein Schatz - Hubi!
Die Prinzipien der Aerodynamik waren mir wohl bekannt, aber ich dachte mir, wie schon so oft: Viel hilft viel. Also setzte ich den kleinen Hubi auf der Auslegeware ab und gab beherzt Gas. Nur Bruchteile von Sekunden später polierte der Hubschrauber ratternd und klappernd die Decke, um kurz darauf in kunstvollen Bögen, aber unaufhaltsam dem Boden entgegen zu stürzen. Nun ja, Anfängerpech… Ich probierte es ein bisschen zarter, und siehe da, ich konnte Hubi einigermaßen ruhig in der Luft schweben lassen. Gewiss war noch ein wenig Übung vonnöten, aber so dämlich stellte ich mich gar nicht an.




Nach einigen Augenblicken taumelnden Schwebens nahm ich all meinen Mut zusammen und bewegte den Hebel der Fernsteuerung sacht nach vorn, auf dass sich das Wunderwerk avionischer Technik ebenfalls nach vorn bewege. Ich hätte nicht gedacht, dass die Schrankwand dann doch so nahe war. Nun denn, auf ein neues… Während ich die Fernsteuerung in den Händen und den Hubi im Blick behielt, beeilte sich mein Lieb Frauchen, allzu zerbrechliches, Familienerbstücke sowie unschuldige Kinder und Haustiere aus der Gefahrenzone zu evakuieren, was ich in meinem tiefsten Inneren still als Beleidigung meiner Flugkünste auffasste. Außerdem sind die Schnapsgläser wirklich hässlich gewesen. Und Katze wird sich schon noch an das surrende Geräusch des Hubis gewöhnen.

Am Ende des Tages hatte ich grob geschätzt eine vierstellige Zahl erfolgreicher Starts zu verzeichnen, war in der Lage, einfache Flugmanöver (vorwärts, links, rechts) auszuführen, und konnte den Hubi einigermaßen schweben lassen. Allerdings hatte ich nicht eine einzige ordentliche Landung fertig gebracht! Es war zum Verzweifeln. Hubi fiel unvermittelt vom Himmel herab, stürzte sich lebensverneinend von Regal, Schrank und Tisch, platschte unmotiviert auf den Teppich oder sprang unversehens an die Decke, die Wand oder diverse Einrichtungsgegenstände. In den Tiefen meiner Erinnerungen winkte ein Computerhubschrauberpilot und lächelte wissend. Das hatte ich doch irgendwann, irgendwo schon einmal so ähnlich erlebt.
Mein Leben pendelte sich in den nächsten Tagen in einen seltsamen, aber steten Rhythmus ein. Dreißig Minuten hektischer Hausarbeit wechselten sich ab mit zehn Minuten praktischer Hubschrauberpilotenausbildung, denn nach runden zehn Minuten machte der kleine Motor des Hubis regelmäßig schlapp und musste für eine halbe Stunde an die elektrische Tankstelle. Aber ich kann nun, nach einer ausgesprochen ereignisreichen Flugwoche, einigen dezenten Spuren in der Einrichtung und etwas mehr Platz in den Regalen für neuen dekorativen Tand, mit Stolz vermelden, dass ich es inzwischen schaffe, den Hubschrauber wenigstens annähernd dort runterzubringen, wo ich es beabsichtige. Noch dazu beinahe unbeschadet!
Schon bald werde ich Hubi perfekt durch das Haus steuern können! Und dann geht es ab nach draußen! Und dann… Vielleicht ein größerer Hubschrauber! Einer, der schneller ist, der mehr kann als nur im Kreis zu fliegen! Oder ein Flugzeug! Eines von diesen großen Propeller-Flugzeugen! Oder einen Düsenjäger! Kann man Raketen fernsteuern?

Je älter wir Kinder werden, desto größer werden unsere Spielzeuge. Ist es nicht so?