Dienstag, 6. Januar 2015

Der Traum vom Fliegen


Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, fallen mir neben Kuhstall, Strohballen, Mähdreschern und einer ganzen Menge Dreck und Gras auch die Spielsachen ein, die sich im Laufe der Jahre in meinem Zimmer (und in eigentlich allen anderen Zimmern unseres Hauses auch) stapelten. Da gab es Playmobil, jede Menge Legosteine, Matchbox-Autos (gibt es die eigentlich noch?), Bausätze von diversen Lastwagen von ganz klein bis tierisch groß und viele Dinge mehr. Natürlich durfte die Eisenbahn genauso wenig fehlen wie die Carrera. Ich glückliches Kind…Aber wie das so ist, als Kind. Man wächst, wird älter, erfahrener, vielleicht auch ein bisschen klüger… Und die Spielsachen ändern sich. Die Autos und Legosteine wandern ins Spielzeug-Nirwana der Mülltonne oder, mit ein bisschen Glück, in Kisten auf den Dachboden. Stattdessen findet man mehr Fernseher, Computer und ähnliche Dinge im Zimmer…

Und dann ist man erwachsen und sitzt eines Tages mit den eigenen Kindern vor den Kisten, die eine ebenso treusorgende wie voraussehende gute Seele aus dem Dunkel des Dachbodens ins Licht der Erinnerung gezerrt hat. Vielleicht war es das glückselige Spiel mit den ramponierten Autos aus längst vergangenen Tagen, das mich an jenem kalten Abend im Winter in einen Spielwarenladen trieb, fatalerweise in Begleitung meiner Nachkommenschaft. Nur wenige Augenblicke später verließen wir drei das Geschäft wieder, und die Spielwarensammlung meiner Kinder war um ein Einhorn und einen Reisebus reicher. Der Vater aber hatte ein glückseliges Grinsen im Gesicht  und zitterte vor Aufregung, als feierte er in diesen Tagen nicht nur Weihnachten, sondern auch noch Geburtstag, Ostern, Channuka und Namenstag! Ach, hätte ich doch nur noch schneller nach Hause fahren können, um meinen Schatz – mein Spielzeug auszupacken.
Ich hatte absolut nicht widerstehen können und mir ein ferngesteuertes Auto zugelegt. Nun werden die Spielzeuge ja normalerweise mit zunehmendem Alter immer größer. Ich aber machte da für mich eine Ausnahme. Mein Auto passte samt Fernsteuerung, einer Antenne und vier winzigen Pylonen in eine handelsübliche Getränkedose der 0,33l-Klasse. Aber immerhin verfügt der Winzling über funktionierende Scheinwerfer und Rücklichter!
Kaum also war ich zuhause angekommen, packte ich meine Beute aus, schraubte zusammen, setzte Batterien ein und wartete die vollen zwei Minuten, bis das kleine RC-Rennauto endlich aufgeladen war. Die längsten zwei Minuten meines Lebens, das kann ich Euch sagen! 

Mein kleiner Flitzer - ganz groß!
Oh, welch ein Spaß! Oh, welche Wonne! Ich ließ meinen kleinen Flitzer über die Auslegeware im Wohnzimmer flitzen, umkurvte behände zahlreiche Hindernisse wie Stuhlbeine, die Beine meiner Frau und meiner Kinder, Sitzkissen, Couchtisch und Yuka-Palme, ich jagte die Katze aus ihrem Versteck, ich stellte Geschwindigkeitsrekorde auf, und als ich den Flitzer über die Bodenfließen in Flur und Küche schickte, lernte mein Auto sogar das Fliegen! Ich war glücklich!
Und doch… 





Eigentlich ist das Auto toll! Die Scheinwerfer leuchten lustig. Das Auto hüpft mindestens ebenso lustig über die Fugen im Flur. Aber irgendwie… Auf dem weichen Teppich ist das kleine Ding ganz schön langsam. Und außerdem, fahren kann doch jeder. Sogar Prinz Daskannichschon, der inzwischen sein eigenes, natürlich viel größeres und schnelleres Auto hat, und Prinzessin Gibmirdas, die sich inzwischen meines kleinen Flitzers bemächtigt hat.
Mein Traum war eigentlich ein anderer… Ich brauchte ein paar Tage, um meinem Traum einen Namen geben zu können, ihn einzufangen und auszudrücken.

Zwei Wochen später stand ich wieder im Spielwarenladen vor dem Regal mit dem Spielzeug für die großen Kinder und erinnerte ich mich an einen Abend vor gut zwanzig Jahren.
Zu dieser Zeit wohnte ich noch tief im Süden, und auf meinem Zimmer stand einer dieser tollen Heimcomputer, ohne Internet, aber mit mächtig viel Rechenleistung. Es war eine Zeit, in der ich mir die kalten, einsamen Abende gerne mit Computerspielen vertrieb. Mein Lieblingsspiel war „The Need for Speed“, wo ich mit unglaublich schnellen Autos der Polizei zu entkommen versuchte. Mein zweites Lieblingsspiel war ein Hubschraubersimulator, "Jane's AH-64D Longbow", in welchem ich mit zweifelhaftem Erfolg versuchte, einen Kampfhubschrauber in die Luft zu bekommen und diverse Schlachten auszutragen. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie schwer es mir fiel, nicht nur den Hubschrauber in die Luft zu bekommen, sondern ihn auch noch dazu zu bringen, in eine vorher definierte, festgelegte Richtung zu fliegen. Vom Landen will ich hier gar nicht reden. Ich hatte das Handbuch gewälzt, die Trainingsmissionen geflogen, es mit der Tastatur versucht, mit einem einfachen Joystick, einem HighEnd-Superjoystick mit 37 Knöpfen und 12 Reglern und, immer wieder, mit hingebungsvollem Fluchen. Letztlich half irgendwie nichts. Ich erinnere mich, dass ich viele Stunden am Computer saß, es irgendwann auch schaffte, wenigstens eine Mission anzufangen, aber spätestens bei der Landung versemmelte ich es und verschrottete einen Hubschrauber nach dem nächsten…
An all das erinnerte ich mich, während mein Blick im Spielwarenladen magisch von einem Hubschrauber angezogen wurde. Das war es! Ich wollte fliegen! Und ich wollte einen Hubschrauber fliegen! Und dieses Mal würde ich es schaffen, nicht nur unbeschadet zu starten, sondern auch ebenso unbeschadet zu landen! Also nahm ich den passenden Karton aus dem Regal, stürmte zur Kasse, übereignete  einige Sack Gold der Verkäuferin und eilte der heimatlichen Wohnstatt entgegen.
Meine wunderbarste Ehefrau von allen reagierte ein wenig irritiert, als ich mit dem Paket in der Hand an ihr vorbei ins Wohnzimmer drängte und etwas wie „Mein Schatz!“ von mir gab.
Auspacken, die Anleitung studieren, die Einzelteile zusammensetzen, und schon konnte es losgehen.
Mein Schatz - Hubi!
Die Prinzipien der Aerodynamik waren mir wohl bekannt, aber ich dachte mir, wie schon so oft: Viel hilft viel. Also setzte ich den kleinen Hubi auf der Auslegeware ab und gab beherzt Gas. Nur Bruchteile von Sekunden später polierte der Hubschrauber ratternd und klappernd die Decke, um kurz darauf in kunstvollen Bögen, aber unaufhaltsam dem Boden entgegen zu stürzen. Nun ja, Anfängerpech… Ich probierte es ein bisschen zarter, und siehe da, ich konnte Hubi einigermaßen ruhig in der Luft schweben lassen. Gewiss war noch ein wenig Übung vonnöten, aber so dämlich stellte ich mich gar nicht an.




Nach einigen Augenblicken taumelnden Schwebens nahm ich all meinen Mut zusammen und bewegte den Hebel der Fernsteuerung sacht nach vorn, auf dass sich das Wunderwerk avionischer Technik ebenfalls nach vorn bewege. Ich hätte nicht gedacht, dass die Schrankwand dann doch so nahe war. Nun denn, auf ein neues… Während ich die Fernsteuerung in den Händen und den Hubi im Blick behielt, beeilte sich mein Lieb Frauchen, allzu zerbrechliches, Familienerbstücke sowie unschuldige Kinder und Haustiere aus der Gefahrenzone zu evakuieren, was ich in meinem tiefsten Inneren still als Beleidigung meiner Flugkünste auffasste. Außerdem sind die Schnapsgläser wirklich hässlich gewesen. Und Katze wird sich schon noch an das surrende Geräusch des Hubis gewöhnen.

Am Ende des Tages hatte ich grob geschätzt eine vierstellige Zahl erfolgreicher Starts zu verzeichnen, war in der Lage, einfache Flugmanöver (vorwärts, links, rechts) auszuführen, und konnte den Hubi einigermaßen schweben lassen. Allerdings hatte ich nicht eine einzige ordentliche Landung fertig gebracht! Es war zum Verzweifeln. Hubi fiel unvermittelt vom Himmel herab, stürzte sich lebensverneinend von Regal, Schrank und Tisch, platschte unmotiviert auf den Teppich oder sprang unversehens an die Decke, die Wand oder diverse Einrichtungsgegenstände. In den Tiefen meiner Erinnerungen winkte ein Computerhubschrauberpilot und lächelte wissend. Das hatte ich doch irgendwann, irgendwo schon einmal so ähnlich erlebt.
Mein Leben pendelte sich in den nächsten Tagen in einen seltsamen, aber steten Rhythmus ein. Dreißig Minuten hektischer Hausarbeit wechselten sich ab mit zehn Minuten praktischer Hubschrauberpilotenausbildung, denn nach runden zehn Minuten machte der kleine Motor des Hubis regelmäßig schlapp und musste für eine halbe Stunde an die elektrische Tankstelle. Aber ich kann nun, nach einer ausgesprochen ereignisreichen Flugwoche, einigen dezenten Spuren in der Einrichtung und etwas mehr Platz in den Regalen für neuen dekorativen Tand, mit Stolz vermelden, dass ich es inzwischen schaffe, den Hubschrauber wenigstens annähernd dort runterzubringen, wo ich es beabsichtige. Noch dazu beinahe unbeschadet!
Schon bald werde ich Hubi perfekt durch das Haus steuern können! Und dann geht es ab nach draußen! Und dann… Vielleicht ein größerer Hubschrauber! Einer, der schneller ist, der mehr kann als nur im Kreis zu fliegen! Oder ein Flugzeug! Eines von diesen großen Propeller-Flugzeugen! Oder einen Düsenjäger! Kann man Raketen fernsteuern?

Je älter wir Kinder werden, desto größer werden unsere Spielzeuge. Ist es nicht so?

Kommentare:

  1. Ein Schmunzeln am Abend, was will man mehr? :)
    Und oh ja, mit „The Need for Speed“ hab ich auch damals so einige Straftäterrunden gedreht.... Nur fliegen tu ich dann lieber als Passagier, gerne auch in einer kleinen Chesner und irgendwann vielleicht auch mal in einem Heli - aber nur wenn du dann nicht der Pilot bist :D
    Hoffe dass dein Interieure inzwischen nicht all zu sehr gelitten hat, oder hat die Katze sich inzwischen den komischen Vogel gefangen? ^_^

    Dein Schreibstil und wie du deine Kinder betitelst immer wieder Klasse!

    Wünsche noch viel Spaß beim Fliegen.

    LG aus WHV,
    Su


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    1. Hallo, Suhani!
      Vielen Dank für deinen Kommentar! Sowas geht runter wie Öl... ;-)
      Das Interieur lebt noch, sehr zur Freude meiner Liebsten, und auch Katze lebt noch und hat sich keine Magenverstimmung an Hubi geholt. Allerdings hat Hubi offenbar ein größeres Problem mit dem Antrieb, seit er mit Schwung gegen eine Wand und dann die Treppe runter geflogen ist. Muss erstmal in die Werft, der Kleine. Aber das bekommen wir schon wieder hin, und dann geht es weiter mit der Fliegerei!
      Liebe Grüße (und nochmal ein fettes DANKE!) aus Flensburg!
      guetti

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  2. Nicht zu danken, wenn ich schon mal wieder zum Lesen komme, dann sag ich auch "piep" :)
    Hoffe der Hubi steht bald wieder startbereit im Hangar. Aber wenn das Wetter wieder schöner wird, dann kann er ja auch mal draußen seine Runden drehen, da wäre dann mehr Platz.
    Außer wenn du unten in Hafennähe wohnst, dann könnte das schon gefährlicher werden, der hat ja keine Schwimmkufen :)
    LG - Su

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