Sonntag, 18. Januar 2015

Fit im Alter - irgendwie


Wenn man einigen meiner geschätzten Mitmenschen glauben darf, ist es ein kleines Wunder, dass ich noch auf Erden wandle, denn eigentlich sollte ich in meinem biblischen Alter schon längst in der Erde dunkler Kühle liegen. Andererseits fühle ich mich lebendig und frisch wie selten in meinen langen Jahren. Abhängig vom Alter der beurteilenden Person befinde ich mich entweder seit meinem zwanzigsten oder meinem dreißigsten Geburtstag auf dem absteigenden Ast. Seit  ich aber die vierziger Linie unwiderruflich überschritten habe, sind sich alle einig: Ich bin uralt!
Der Witz an der ganzen Sache ist: Je älter ich werde, desto fitter müsste ich eigentlich werden.
Nun ja, die Medizin hat eine ganze Reihe von wissenschaftlich untermauerten Argumenten, warum das nicht stimmt. Aber nach meinem eigenen, ganz subjektiven Gefühl bin ich tatsächlich fit wie ein Turnschuh. Auf der Suche nach der Ursache meiner ausgesprochen jugendlichen, sportlichen Verfassung wurde ich an ungeahnter Stelle fündig, und das gerade dieser Tage!

Ich zähle mich nicht unbedingt zu den Musterbeispielen frühmorgendlicher ausgesprochen schlechter Laune, aber ein bisschen Zeit brauche auch ich, bis Körper und höhere Hirnfunktionen nach dem nächtlichen Standby-Betrieb ihre volle Leistungsbereitschaft erreicht haben. Normalerweise tragen eine grundsätzlich verhungernde Katze, eine hinterhältige Treppe und/oder die schmerzhaft helle Badezimmersonne zur Beschleunigung meines Aufwachprozesses bei, aber irgendwie hat das vor ein paar Tagen in aller Frühe nicht so wirklich funktioniert. Tägliche Routineaufgaben wie Katze füttern, Gesichtsenthaarung oder die Zubereitung meines persönlichen Care-Paketes meisterte ich vollautomatisch ohne die Beteiligung eines wachen, motivierten Hirnes. Den Rest der Familie wecken, Herrenhandtasche schnappen, ein Kuss grob Richtung dunklem Schatten, der meine Frau sein musste, und schon verließ ich das Haus, um den Familienlaster zu entern und den Arbeitstag frohgemut und voller Elan zu beginnen. Irgendwo zwischen Hofeinfahrt und Beinaheunfall Nummer eins würde der Rest von mir schon wach werden.
Das mit dem Wachwerden ging früher, als ich vermutet hatte. Da stand ich nämlich vor der Fahrertür, klopfte sämtliche Taschen (und das waren einige!) meiner Anzugsordnung ab und murmelte das altbekannte Mantra der Autofahrer: „Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel…“ Eben diese befanden sich mitnichten in den abyssalen Tiefen meiner baumwollenen Stauräume, sondern säuberlich aufgehängt im Schlüsselkasten, welcher sich wiederum im Inneren meines Hauses, gleich hinter der Haustür, befand. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich bereits zwei Minuten hinter meinem Zeitplan lag, also sprang ich behände wie ein junger Hirsch die Treppe hinauf, knutschte meine verblüffte Frau, entriss dem Schlüsseltresor den so schmählich missachteten Autoschlüssel und eilte zum Auto. Schlüssel passt, das Auto ist das richtige, und schon arbeitete ich daran, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Immerhin war ich jetzt in der Tat und vollständig wach. Alle Körperfunktionen liefen auf Hochtouren, auch mein Puls, und angesichts des moderat erhöhten Tempos meiner Fahrt im innerstädtischen Bereich bemühten sich sowohl die höheren Hirnfunktionen als auch mein Schutzengel um Akkordarbeit. Sowohl beschleunigte Fahrweise wie auch mindestens im gleichen Maße beschleunigter Puls gewährleisteten meine einigermaßen pünktliche Ankunft auf dem Parkplatz meines geschätzten Arbeitgebers. Raus aus dem Auto und ein kleiner Dauerlauf Richtung Stechuhr, auf dass meines Zeitkontos Minusbetrag schmelze wie Schnee am Kilimandscharo. Kaum aber war ich in meinem Büro angekommen, bemerkte ich das Fehlen gewisser lebenswichtiger Dinge, darunter meiner Thermoskanne Kaffee, meines getupperten Frühstücks und meiner Schlüssel zum Büroschrank. Ganz offensichtlich hatte ich meine Tasche im Auto gelassen. Ich  murmelte eine kurze Entschuldigung in die Runde meiner Arbeitskollegen und rannte mit wehenden Fahnen zurück zum Auto, wo ich meine Tasche unschuldig auf der Rückbank ruhend liegen sah. Jetzt wäre ein Autoschlüssel günstig gewesen, aber der lag bereits auf meinem Schreibtisch. Also gallopierte ich wieder zurück, schnappte mir den Schlüssel vom Schreibtisch, rollte vor meinen Kollegen theatralisch mit den Augen und rannte zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten zum Auto, um mir endlich, endlich meine Tasche zu holen. Zurück am Schreibtisch brauchte ich dann doch ein paar Minuten, um das lästige pfeifende Geräusch meines Atmungsapparates wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber wenigstens hatte ich jetzt all meine wichtigen Dinge, die ich so während eines Arbeitstages brauche, beisammen. Der Tag konnte beginnen.

Ganz offensichtlich bin ich die rühmliche Ausnahme der Regel, denn während um mich herum alle älter und gebrechlicher werden, bin ich rank und schlank und fit wie bereits oben aufgeführter Turnschuh, weil ich inzwischen eine ganze Menge Wege mindestens doppelt zurücklege.
Der gemeine Leser denkt sich nun vielleicht: „Toll! Da ist er nun fit, aber dafür leidet er an Alzheimer!“ Natürlich nicht! Denn mit steigendem Alter wächst natürlich auch die Verantwortung, die man so als Familienvater, Abteilungsleiter, Menschenführer zu übernehmen hat. Also muss ich an viele große Dinge denken, weil ich zuweilen Entscheidungen zu treffen habe, die für das weitere Leben und Leiden weitaus jüngerer Menschen ausgesprochen wichtig sein können. Die kleinen Dinge gehen dabei ab und an ein bisschen unter, aber wie der Leser weiter oben gesehen hat, strampeln sich diese kleinen Dinge immer wieder an die Oberfläche. Und dann renne ich los, zum zweiten oder dritten Mal. Ergo: Mit jeder kleinen Sache, die ich vergesse, kümmere ich mich um eine größere, wichtigere, und werde immer fitter!

Kommentare:

  1. hähähähä

    super erzählt ... an was der ältere Mensch mit Verantwortung auch alles zu denken hat, da macht sich ein normal sterblicher kein Bild von.

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  2. Halli-Hallo!
    Also mit deinen Formulierungen und deinem Erzählstil könntest du eigentlich auch mal ein Buch schreiben. Schon mal drüber nachgedacht? :)
    Und jep, deine Geschichte stimmt. Je mehr man um die Ohren hat, je mehr kleine Dinge vergisst man zwischenzeitig und hat deswegen mehr Wege zu machen - ergo: das hält von ganz alleine fit :D
    Schöne Woche noch!
    LG - Su

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