Freitag, 30. Januar 2015

Hund ab!

Haustiere sind doch was schönes. Man ist selten allein, man hat eine Aufgabe, und Unterhaltung hat man auch immer. Manchmal ist die Unterhaltung ein wenig einseitig, wenn einen das Haustier einfach nur anschaut, während man damit beschäftigt ist, dem bescheuerten Vieh zum tausendsten Male zu erklären, wozu das Katzenklo da ist, warum man Zimmerpflanzen nicht verspeisen darf oder wie das mit der Katzenklappe funktioniert. Manchmal ist das Haustier aber auch Mittelpunkt einer Darbietung, die vor allem die grinsenden Nachbarn so schnell nicht vergessen werden.

Unsere Nachbarin (ich schrieb es ja schon in einer anderen Geschichte) betrachtet sich als Besitzerin eines Hundes von wahrhaft titanischen Ausmaßen. Ob der Hund das ebenso sieht, ist derzeit nicht bekannt. Wie es für Caniden üblich ist, stellt der Mensch für den Hund eine ausgesprochen wichtige Bezugsperson dar, die man nicht einfach so alleine in die Welt hinauslassen darf, weil es da draußen eben gefährlich ist. Der handelsübliche Hund wird also immer bei Herrchen oder eben Frauchen bleiben wollen, um sich wohl zu fühlen und Teil des Rudels zu sein. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Hunden, die durchaus ein paar Stunden allein zuhause verbringen können, aber lieber wären sie eben bei ihrem Herrchen oder Frauchen. Einige Hunde sind aber dermaßen versessen darauf, ihre Zeit mit ihrem Menschen zu verbringen, dass sie selbst fürchterlichste drohende Gefahren ignorieren, um in die Nähe ihres Menschen zu kommen.
Dieses gesagt, verwundert es wohl nicht, dass ich eines schönen, sonnigen Nachmittags, als ich unschuldig vor dem Computer saß, blecherne Schritte von draußen vernahm. Die Schritte gehörten zu einer ziemlich verblüfften, leicht verzweifelten Cane Corso Hündin, die auf dem Dach unseres Carports hin und her lief und nach einem Weg nach unten suchte.
Ich teilte meine Entdeckung natürlich umgehend meiner liebsten Frau mit, die auch sogleich die Erscheinung auf dem Blechdach in Augenschein nahm und nach sorgfältiger Abwägung die Lage erkannte: „Wahrscheinlich ist sie durch das Loch im Balkongeländer gekrabbelt.“ Ja, das machte Sinn. Und sie konstatierte: „Das arme Tier muss da runter!“ Somit war mein Auftrag wohl klar.
Ich warf mich also in meine Gartenkluft, schnappte mir die Schlüssel zu unserer kleinen Scheune und schaute mir die ganze Geschichte mal aus der Nähe an. Ein weiter Blick in die Runde offenbarte mir eine zunehmend verwirrte Hündin in den höheren Schichten, meine Frau neugierig am Fenster, einen Gartentisch, mehrere passende Gartenstühle und weiteres Gerät und Gerümpel, wie man es in der Peripherie eines einzelstehenden Wohnhauses eben so findet. Nur das Frauchen zu dem Hund auf dem zum Glück nicht so heißen Blechdach offenbarte sich mir nicht. So schritt ich also zunächst allein zu Problemlösung. Es war ja nur ein Hund. Den würde ich doch wohl noch vom Dach pflücken können!
An der niedrigen Seite des Carports stand ein Gartentisch, der hinreichend stabil aussah, sowohl meines, als auch des Hundes Gewicht zu tragen. Ich stellte mich also auf den Tisch, suchte die Hundedame und lockte sie zu mir. Sie kam auch, beschnüffelte mich kurz und wanderte weiter hektisch am tiefen Abgrund entlang. Weitere Lockversuche verliefen ergebnislos, bis endlich Frauchen von irgendwoher eingetroffen war und ihr Herzensmädel noch einmal anlockte. Allerdings beschlichen uns leise Zweifel, ob einer von uns oder wir beide gemeinsam genug Kraft aufbringen würden, eine verängstigte Hündin von den Ausmaßen eines kleinen Büffels auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir versuchten daraufhin, Madame Wuff davon zu überzeugen, den Meter fuffzich hinab auf den Tisch zu springen, was aber am mangelnden Mut der Canidin grandios scheiterte. Man stelle sich das vor:
Zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts trommeln mit den Händen auf dem Tisch herum und intonieren pausenlos: „Hierher! Komm! Nun spring schon! Hierher! Das schaffst du schon!“
Madame Wuff trabte hin und wieder her, schaute in die Tiefe, jaulte herzzerreißend und erhörte uns nicht. In ihrem pechschwarzen Gesicht war deutlich zu lesen, was sie von unserem Vorschlag hielt – nämlich nichts.

Frau Nachbarin und ich erörterten mehrere alternative Pläne, um den Hund wieder sicher auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Wir wollten ihr eine Leine anlegen und dann langsam, aber beständig ziehen, bis die Hündin gar keine andere Wahl mehr hatte, als auf den Tisch zu springen. Wir verwarfen den Gedanken.
Wir wollten Leckerchen holen und an die niederen Instinkte appellieren, auf dass die Dame ihre Furcht vergesse und hungrig zum Futter springe. Wir hatten keine Leckerchen...
Aber meine beste Ehefrau hatte welche und stellte sich ihrerseits auf unseren Balkon, von wo aus sie hingebungsvoll versuchte, Madame Wuff über den kaum sechzig Zentimeter breiten Abgrund zwischen Carport und Balkon auf sicheren Boden zu locken. Madame Wuff stellte sich taub.
Wir wollten das nachbarliche Balkongeländer, durch das der verhinderte Dachhase gekommen war,  stellenweise abschrauben, um sie durch die so entstandene Lücke in die Sicherheit der eigenen Wohnung zu locken. Das klang gut, und wir wollten uns soeben auf den Weg machen, da kam die Rettung in Gestalt des Nachbarn von gegenüber, den wir sonst eher selten sahen. Mit weiten Schritten und einem breiten, langen Brett unterm Arm näherte er sich uns und bot seine Hilfe an. Na, sicher! Wir benutzten das Brett als Absteige, stellten es auf den Tisch und lehnten den Rest an das Dach, gerade da, wo die kletterfreudige Hündin gerade stand. Das nahm selbige natürlich zum Anlass, auf die entgegengesetzte Seite des Daches zu wechseln. Also Brett abnehmen, Tisch umstellen, Brett anstellen, locken. Das Vieh wechselte zur anderen Seite. Und noch einmal; Brett, Tisch, Brett, „komm, Hundi!“
„Wie wäre es, wenn ihr sie am Halsband greift und, ähm... überredet?“
Das war mal eine Idee! Inzwischen war die Maid, die gerettet werden sollte, wieder zur anderen Seite des Daches übergesiedelt. Und zum dritten Mal: Brett ab, Tisch rum, Brett dran. Dieses Mal musste es klappen, erstens sowieso und zweitens, weil es in jeder Geschichte immer entweder in letzer Sekunde oder eben beim dritten Versuch klappen muss. Egal, was ist! Und so war es dann auch. Kaum war das Brett in der richtigen Position, versuchte der Hund wieder, aus die andere Seite zu wandern. Ein beherzter Griff in das Halsgeschirr verhinderte den Abmarsch, und zu zweit zogen wir das verschreckte Hündchen mit sanfter Gewalt auf das schräge Brett in die Tiefe. Endlich sah Madame Wuff den Ausweg, den sie nun schon so lange gesucht hatte, sprang behände auf den Boden und bellte glücklich und erleichtert die halbe Stadt zusammen. 

Zu viert hatten Nachbar, Frauchen, mein geliebtes Eheweib und ich es geschafft, eine Hündin aus sprichwörtlich höchster Not zu retten! Und wer bekam die Belohnung? Richtig! Madame Wuff!
Aber wenigstens hatten wir das Gefühl, moderne Ritter zu sein. Unsere holde Maid in Not hatte zwar ein Paar Beine zuviel, aber das machte nichts. Wir fühlten uns trotzdem toll! Hund ab.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen