Freitag, 29. Mai 2015

Babylonische Sprachverwirrung

Sprachen sind doch was Feines. Mit ihrer Hilfe kann man Briefe schreiben, die neuesten Filme schauen, eine Liebeserklärung stöhnen und dem Chef die Kündigung vorlesen.
Und natürlich kann man als mitteleuropäischer Germane auch in Übersee (also Mallorca, zum Beispiel) sein geliebtes Schnitzel mit Pommes (rot/weiß) in der landestypischen Sprache ordern. Sofern man die Landessprache irgendwann mal erlernt hat. Das ist auch gar nicht so schwierig, jedenfalls wenn es um so typische Idiome wie Englisch, Französisch, Japanisch, Mandarin und so weiter geht. Die Klassiker der VHS eben. 
Aber es gibt da eine Sprache, die zu erlernen selbst mir, einem eigener unmaßgeblicher Meinung nach mittelmäßig talentierten Multilinguisten, unmöglich erscheint.

Es ist schon eine kleine Weile her, da fragte ich Prinz Kannichschon, wie er denn den Abend zu gestalten gedenke, bevor er das Bett aufsucht. Bisher hatten sich hier Tätigkeiten wie „Meckern, weil es zu früh ist“ oder „Schimpfen, weil es noch zu hell ist“ angeboten, aber nachdem in unserem Thronfolger recht schnell die Erkenntnis reifte, dass Mama und Papa das „Meckern“-Spiel nicht mitspielten, hatte sich Prinz Ichbinnochnichtmüde auf weit moderneren Zeitvertreib gestürzt. Er sagte: „Judjupp!“ Ich verstand ihn zunächst nicht und forderte ihn höflich auf, sein Anliegen zu wiederholen: „Hä?“
„Judjupp!“ erscholl es wieder aus seinem Munde. 
Noch immer schien ich Tomaten auf den Ohren zu haben: „Was meinst du?“ „Mann, Papa! Juuud! Juuub!“
Das Wort wanderte durch die weiten Hallen meiner linguistischen Erinnerungen, fand aber keinen Anschluss. Ich fragte meine liebste Ehefrau um Rat. Sie verfiel in nachdenkliches Schweigen und zeigte dann ebenso stumm wie entschlossen auf das Wörterbuch.
„Nochmal, Sohnemann. Was möchtest du machen heute Abend?“ 
„Na, jupjubben eben!“
Ich nahm also Dudens feinstes und aktuellstes Werk aus dem Regal und blätterte mich einer Eingebung folgend durch bis „i.U.: Abk., 1 im, in Umbau 2 im, in Umbruch“. Das ergab ebenso wenig Sinn wie das nachfolgende „IU: Abk. Insassenunfallversicherung“. Also forschte ich weiter ab „Jubel...“, „Judenkirsche...“, „Jumelage...“ und so weiter. Bei „juvenil...“ gab ich auf. Zunächst.
Inzwischen war Prinz Sprachgenie der Verzweiflung nahe, sah er doch schin seine abendliche Beschäftigung recht zügig den Fluß hinunter in die Weiten des Ozeans entschwinden.
Für einen jungen Mann in seinem zarten Alter sind die Väter grundsätzlich Helden, die einfach alles können. Dieses Problem musste also gelöst werden, sonst könnte ich meinen metaphorischen Heldenumhang gleich an den Nagel hängen. 
Ich forschte also nach weiteren Hinweisen, die mich auf der Quest nach dem „Judjupp“ zum hehren Ziel führen würden. Kinder haben ja gerne so ihre eigenen Spielregeln. Also fragte ich einfach danach: „Wie macht man denn dieses Judjubb?“ Dies Frage zauberte ein lustiges, deutliches und sehr verzweifeltes Fragezeichen auf die Stirn meines unglücklichen Sohnes: „Na, gucken!“ „Aha, und was guckt man da so?“ „Na, Finasunfol!“
An dieser Stelle war ich vollkommen verloren, und kein Navi dieser Welt hätte eine Verbindung zur Gedankenwelt meines Thronfolgers gefunden. 
„Ähm… Und was noch?“ fragte ich bar jeder Hoffnung. 
„Die lustigen Pinguine! Minjens! Tom und Dschärrie!“ Meine Hoffnung keimte, nein, explodierte einem enthusiastischen Feuerwerk gleich und erleuchtete meine Erinnerung wie eine Sonne! Ein Sturm der Erleichterung brach lachend und feixend aus meiner Brust, und ich tanzte an unseren guten, alten Rechenknecht heran, stellte mit einem nonchalanten Klick die Verbindung mit dem weltweiten Netz der Netze her und ließ beinahe magisch die Heimseite des Videosammelbehälters Youtube auf dem Bildschirm erscheinen. Sohnemann strahlte! Ich war wieder sein Held! Oder, beinahe. 
„Und jetzt Pinnassenfol!“
Meine kleinen grauen Zellen suchten hektisch nach ähnlich klingenden Wortlauten und buchstäblichen Verbindungen, während ich mittels geschickter Fragen Prinz Youtube weitere Hinweise zu entlocken suchte: „Was, um alles in der Netzwelt, ist das denn?“
„Na, die fliegen da! Um die Welt und so. Und dann machen die so Sachen. Lustige eben. Mit einem Ballon.“
„Die fliegen also um die Welt und machen lustige Sachen mit einem Ballon.“
„Neeee, Papa! Die fliegen doch mit dem Ballon!“
An dieser Stelle zahlte es sich aus, dass ich in den Sommerferien gern das Kinderferienprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender konsumiert hatte. Was mein kleiner Sohn da ganz offensichtlich meinte, war eine Zeichentrickserie, die Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lief und noch heute über Youtube angeschaut werden kann. Die Lösung unseres Kommunikationsproblems war also nur ein paar weitere Klicks mit der Maus entfernt. Was mich bei der ganzen Geschichte ein wenig stutzig machte, war der Name der Sendung: Willy Fogg.
Das klang so gar nicht nach „Pinnassenfol“ oder „Finasunfol“. Ach, egal. Wer weiß schon, was so im Kopf eines kleinen Jungen vorgeht?
Glücklich grinste ich in den Computerbildschirm und betrachtete die Helden längst vergangener Kindertage. Meine euphorische Reise in die Vergangenheit bekam allerdings einen heftigen und lautstarken Dämpfer, als Prinz IchbinderBestimmer mit fester Stimme bemerkte: „Das ist aber gar nicht Finnassuvoll!“ Verdammt! Und jetzt?
Offensichtlich war ich auf der falschen Fährte und meine anfängliche Befragung doch nicht ganz so erfolgreich, wie ich gehofft hatte.
Also weiter im Text: „Wo hast du das denn schon mal gesehen?“
„Na, bei Oma und Opa!“
Aha! Der nächste greifbare Hinweis. Und gar kein schlechter! Mir war nämlich sofort sonnenklar, dass unser kleiner Trickfilmkkonsument diesen ominösen Film auf gar keinen Fall aus dem Internet kennen konnte! Denn obwohl seine Großeltern, die durch einen ebenso irrwitzigen wie unwichtigen Zufall meine Eltern sind, durchaus als moderne Menschen bezeichnet werden dürfen, die schon mehrfach die unendlichen, virtuellen Weiten des Internet bereist hatten und bisher immer unbeschadet in die Realwelt zurückgekehrt sind, konnte ich doch kaum glauben, dass sie den Kindern irgendwelche Filmchen bei Youtube zeigen würden, war ihnen diese Videoplattform doch recht unbekannt, da unglaublich unwichtig. Ich hakte nach: 
„ Aha, und hast du das im Computer oder im Fernsehen gesehen?“
„Also, wir haben im Wohnzimmer gesessen, und da haben wir das im Fernsehen gesehen!“
Ein neuer Hoffnungsschimmer glimmte zaghaft auf. Ich stürzte zur Fernsehzeitung und blätterte mich zügig durch zu den Kinderkanälen. Und siehe da! Ich fand eine Kinderserie mit dem Namen „Phineas und Ferb“! Das war es, was unser Sprachprofessor mit „Pinnassenfol“ und „Finasunfol“ meinte. Es gab sie, sie war durchaus für Kinder geeignet und alles war gut. Bis auf einen kleinen Nachteil: Jetzt gerade lief die Serie eben nicht! Unser Pinnassenfol-Fan hätte bis zum nächsten Vormittag warten müssen, um diese Figuren zu sehen.
Aber wozu gibt es denn den Computer, das allumfassende Internet und „Judjubb“?

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