Freitag, 19. Juni 2015

Einkaufen!

Früher war es einfacher. Da hat man die Kinder im Kinderwagen gefesselt, den Wagen in ausreichender Entfernung von verlockenden Angeboten positioniert und konnte so genüsslich und beinahe ungestört einkaufen. Aber die Kinder werden ja größer. Irgendwann passen sie einfach nicht mehr in den Kinderwagen, und man muss sie frei laufen lassen. Dann ist es gut, wenn man den quasi-zeitlosen Ortswechsel beherrscht und die Hand unter dem Gurkenglas hat, bevor es, von zarten Kinderhänden aus dem Regal geschoben, auf dem Boden des Supermarktes aufschlägt. Es dauert natürlich eine kleine Weile, bis unsere kleinen Thronfolger das Prinzip „Nur anfassen, wenn du es auch kaufen willst!“ auch verinnerlicht haben. Aber sobald das passiert ist, steht die nächste evolutionäre Phase in der Menschwerdung an: 
Der Umgang mit Finanzmitteln – Kapitel 1: Einkaufen.
Genau da sind wir jetzt.

Es ist immer wieder das gleiche, wenn wir einkaufen gehen. Kaum schreiben lieb Frauchen und ich die Meter lange Einkaufsliste für den nächsten Konsumexzess, springen Prinz Daswünschichmirschonlange und Prinzessin Dasbrauchichunbedingt im Dreieck und freuen sich eine weitere Körperöffnung in den Leib. „Wir gehen einkaufen!“Im Anschluss an den Freudentanz flitzen beide zu ihren Sparschweinen und berauben sie deren gesammelten Innereien. Spätestens hier greifen dann die beiden Alttiere ein und setzen durch, dass jeder Jungkonsument maximal zwei Euro ausgeben darf. Gewissenhaft werden die Reichtümer durchforstet, und es dauert immer wieder eine kleine Weile, bis man Sohn wie Tochter klar gemacht hat, was ein Cent bedeutet und was ein Euro, und das zwei Ein-Euro-Münzen das gleiche sind wie eine Zwei-Euro-Münze: „Aber er hat zwei Geld und ich nur eins!“ Das wird noch lange dauern, bis die beiden das begriffen haben… 

Aber irgendwann stehen wir dann im Laden, die Eltern bewaffnet mit Einkaufsliste, Einkaufswagen und Geldbörse, die Kinder mit Kleinbeträgen in den feuchten Händen und purer Gier im Blick. Inzwischen haben wir uns darauf geeinigt, dass zuerst die Pflicht kommt, also der Familieneinkauf, dann das Vergnügen, also das Kauferlebnis der Kinder.
Nur allzu schnell ist unser wie immer viel zu kleiner Einkaufswagen gefüllt mit allerlei Grundnahrungsmitteln, ein klein wenig Ernährungsluxus und all den anderen kleinen und größeren Dingen, die man so als Familie braucht. Es wird also, zumindest nach Meinung unserer Nachwuchskonsumenten, höchste Zeit, den infantilen Konsumbedarf zu befriedigen. Prinz Daswollteichschonimmer stürzt sich mitsamt Schwester in die kleine Spielwarenabteilung, schnappt sich ein halbes Dutzend Spielzeugautos, einen Stapel Lego-Bausätze verschiedener Größe sowie diverse StarWars®-Kleinteile, die er ja schon immer haben wollte und UN-BE-DINGT braucht. Währenddessen kann sich Prinzessin Kannichdasbittehaben nicht zwischen Filly, Hello Kittie, Barbie und verschiedensten, bunten und mehr oder weniger kindgerechten Schmuck- und Glitzersteinchen entscheiden. Typisch Frau. Letztlich stellt sie mit lauter Stimme fest: „Das sind alles meine Lieblingsspielsachen! Die nehm ich alle mit!“
Prinz und Prinzessin reagieren beide ein bisschen ungehalten, als ihre treusorgende Mutter mal eben vorrechnet, wie viel Geld jeder von ihnen bezahlen müsste, erlaubten wir ihnen, alles mitzunehmen, was sie derzeit in den völlig überladenen Händen halten. Aber nach einigen Minuten hitziger Diskussionen und einigen unangenehmen Entscheidungen schieben Prinz Dasistgemein und Prinzessin Ichwillaber missmutig aber ordentlich ihre Beute wieder in die dafür vorgesehenen Regale und lassen sich danach mit hängenden Köpfen von mir in die Süßwarenabteilung führen. Das bringt die gute Laune natürlich sofort zurück, jedenfalls so lange, bis ich ihnen nun vorrechne, wie viel sie da eigentlich in den Armen halten. Zwei Euro sind heutzutage eben gar nicht mal so schrecklich viel Geld. Am Ende können wir uns alle auf je zwei Tüten verschiedener Süß- und Gummiwaren pro Kind einigen, was auch hervorragend in die kindlichen monetären Möglichkeiten passt.
Glücklicherweise hat der Supermarkt unseres Vertrauens nur eine wirklich kleine Spielwarenabteilung. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn wir mit den Kindern in einen richtigen Spielwarenladen einfallen! 

Angesichts dieser, zugegebenermaßen recht kleinen, Herausforderungen sind lieb Frauchen und ich manchmal doch recht froh, wenn wir mal ohne die Kinder einkaufen gehen können. Vor ein paar Tagen war es mal wieder so weit. Nach jahrelangem klaglosen Gebrauch war der Fangkorb unseres Rasenmähers am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt und musste ersetzt werden. Also wanderten meine liebste Ehefrau und ich an einem schönen Vormittag, an dem die Kinder in Schule und Kindergarten beschäftigt und unter fachgerechter Aufsicht waren, in unseren Lieblingsbaumarkt, um das dringend benötigte Ersatzteil zu erstehen. Wie konnte es auch anders sein, das Teil lag natürlich nicht in einem der unzähligen Regale. Aber ein Rasenmäher stand da! Erstaunlich große Schnittbreite, elegant im Design, mit kräftigem Motor, schön sauber und mit einem schönen, großen und vor allem intakten Fangkorb! Ich war begeistert! Das kleine Gerät kostete gerade mal einen knappen halben Tausender, mehr nicht. Aber aus irgendeinem Grunde weigerte sich meine Frau, dem Kauf zuzustimmen, und zerrte mich zu einem Kundenberater. Dieser gar nicht nette Mann schlug sich doch tatsächlich auf die Seite meiner Frau und bot mir an, das benötigte Ersatzteil zu bestellen. Dass selbiges Teil nicht mal ein Zehntel des wunderschönen, sehr neuen Rasenmähers kostete, stimmte mich nur in beschränktem Maße milde. Aber na gut, was tut man nicht alles für eine gute Partnerschaft. Da muss man auch mal nachgeben müssen.
Auf dem Weg zur Kasse entdeckte ich in einem der Gänge eine Schlagbohrmaschine, die ich mir schon immer gewünscht hatte! Natürlich schaute ich sie mir genau an, studierte die Leistungsdaten der Maschine, bewunderte die haptischen Eigenschaften, betrachtete das funktionale Design, und plötzlich lag diese ebenso schöne wie praktische Schlagbohrmaschine in meinem Einkaufswagen. Meine Frau sagte nichts, nahm ihr Handy heraus und tippte. Bei der näheren Betrachtung der Schlagbohrmaschine fiel mir eine Stichsäge gleich daneben auf, von der ich schon immer gesagt hatte, dass ich so eine UN-BE-DINGT brauche. Auch sie wanderte in den Einkaufswagen, während meine Frau schon wieder auf ihrem Handy herum tippte. Na ja, Frauen und ihr Vergnügen…
Siedend heiß fiel mir ein, dass unser olles Bandschleifgerät, das nun schon jahrelang im Keller auf seinen Einsatz wartete, wahrscheinlich auch nicht mehr so richtig funktionieren würde, und wie es der Zufall wollte, fand ich genau das richtige Maschinchen, das dann sogleich der Sammlung im Einkaufswagen hinzugefügt wurde. Das gleiche Schicksal ereilte einen Kompressor, einen Hochdruckreiniger, einen Werkzeugkasten mit 78 Premium-Werkzeugen im Porsche-Design, ein Stromerzeugeraggregat (3000 Watt), eine elektronisch gesteuerte Betonmischmaschine, einen elektrischen Fliesenschneider, einen ebenfalls elektrischen Fuchschwanz und ein 12-teiliges Elektrowerkzeugset, komplett mit Laserentfernungsmesser und Laserwasserwaage. Und während ich mit glänzenden Augen den dringend benötigten Ausbau unserer noch gar nicht existierenden Kellerwerkstatt gewissenhaft vorantrieb, spielte meine Frau die ganze Zeit auf ihrem Handy herum. Sie hätte mir auch ein bisschen helfen können! Das sagte ich ihr dann auch, worauf sie zuckersüß lächelte und mir ihr Handy unter die Nase hielt. Auf dem Display leuchtete eine irrsinnig hohe vierstellige Zahl, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn trieb und die ich mir absolut nicht erklären konnte. Das konnte allerdings mein lieb Frauchen, indem sie wortlos auf jedes einzelne Preisschild deutete, das sie in meinem Einkaufswagen finden konnte. Na gut. Vielleicht könnte ich ein oder zwei Dinge im nächsten Monat kaufen. Also gut, drei! Herrjeh! Ich kann doch nicht alles…! Aber ich brauche doch…! Och, menno!
Es half alles nichts.
Tief enttäuscht brachte ich meine Beute zurück in die Regale, während das Lächeln meiner Frau mit jedem, so dringend gewünschten Artikel, den ich aus dem Einkaufswagen sammelte, immer breiter wurde. Da stand ich nun in der Schlange vor der Kasse, und hatte nichts im Wagen und nur eine schnöde Bestellung über einen langweiligen Fangkorb in der Hand. So ein leerer Einkaufswagen vor der Kasse ist so ziemlich das deprimierenste, was sich der Einzelhandel nur vorstellen kann. Und das wollte ich den wackeren Verkäuferinnen an den Kassen nun wirklich nicht antun! Ich entdeckte in einem der Regale direkt vor der Kasse eine ausgesprochen praktische Taschenlampe mit modernster LED-Technik für nur 3,99€ (inkl. Batterien) und schaute meine liebste Frau verzweifelt an. Sie lächelte und ließ mich gewähren. Der Tag war gerettet! Mein Konto übrigens auch…
Aber irgendwann geh ich nochmal alleine in den Baumarkt! Und dann…!

Mittwoch, 17. Juni 2015

Schlaf wird überbewertet!

Regelmäßige Arbeitszeiten von morgens um sieben bis nachmittags um vier sind ja was für Weicheier. Echte Helden arbeiten 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und natürlich auch an Sonn- und Feiertagen.
Der Vorteil der Schichtarbeit ist, dass man zuhause ist, wenn alle anderen arbeiten, und zumindest gefühlt wesentlich mehr Zeit mit der Familie verbringen kann.
Der Nachteil ist aber, dass man zu Zeiten schlafen will (oder muss), an denen der Rest der Welt hellwach und voller Tatendrang ist. 

Die Nacht war dunkel, lang und streckenweise ziemlich arbeitsreich. Und dann war es auch noch die erste Nachtschicht nach einer wochenlangen Phase der Arbeit zu halbwegs „normalen“ Arbeitszeiten. Nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte, aber dementsprechend müde und zerschlagen war ich, als ich kurz nach dem ersten Hahnenschrei die heiligen Werkhallen meines Arbeitgebers verließ und gen Heimat wankte. Glücklicherweise kennt mein treues Gefährt dem Heimweg schon auswendig, sodass ich nicht unbedingt auf gleich zwei funktionsfähige Sehwerkzeuge angewiesen war. Ein sorgfältig abgestimmtes Zusammenspiel aus jahrelanger Erfahrung, einem Dutzend Schrecksekunden und einigen empörten Hupkonzerten sowie einer Spur lauter Radiomusik brachte mich wohlbehalten an Leib und dem bisschen Seele in die fürsorglichen Arme meiner heiß geliebten Ehefrau, wo ich umgehend einzuschlafen gedachte. Es war mir nicht gegönnt. Sie rüttelte mich ein wenig, und im Halbschlaf verabschiedete ich meine Kinder in die staatlichen Lehr- und Erziehungseinrichtungen, entledigte mich meiner Berufskleidung und ließ mich von Frauchen ins heimische Schlafgemach schleppen.
Es überrascht mich ja immer wieder, wie gemütlich und warm es unter so einer Bettdecke werden kann. Kaum hatte ich eine angenehme, größtenteils horizontale Haltung eingenommen, griffen auch schon Morpheus' zarte Arme nach mir, um mich ins Land der Träume zu geleiten. Wo ich mich sicher auch sehr wohl gefühlt hätte, wäre nicht eine arbeitsame Seele irgendwo in der Nähe des Hauses auf die brillante Idee gekommen, gerade jetzt den Benzinrasenmäher über die Wiese zu treiben. Ich vergrub meinen Kopf unter dem Kopfkissen, ignorierte die angesichts des verminderten Atemluftzustroms eintretenden Erstickungsängste und suchte nach Morpheus. Oder wenigstens nach seinen Armen.
Es war warm, gemütlich, und ich war doch schon viel zu lange wach… Morpheus lächelte mich gütig an und flüsterte: „Folge mir.“ Wohin auch immer er mich führen wollte, es hätte mir sicher gefallen. Aber einige dringend nötige Ausbesserungsarbeiten an der Straße vor dem Haus machten den hingebungsvollen und lautstarken Einsatz eines Presslufthammers unumgänglich. Das galt auch für den kleinen Bagger, den Laster und eine kleine Heerschar schreiender Bauarbeiter. War also wieder nix mit Schlaf… Morpheus wurde nun auch schon langsam ein wenig ungeduldig. Ich wünschte mir, ich könnte mein Gehör einfach abschalten. Aber einen solchen Schalter hatte Mutter Natur evolutionär bisher nicht vorgesehen. Nun, Mutter Natur nicht, aber der Mensch schon!
Auf meinem Nachttisch liegen für solche unvorhersehbaren Fälle grundsätzlich einige Paare Gehörschutzstopfen in dezentem quietschgelb, damit ich ungestört schlafen könne.
Ich stopfte mir je ein Exemplar der tauben Stopfen rechts und links in die Ohren, und schon verstummte aller Lärm. Morpheus Arme umfingen mich und gaben mich auch nicht wieder her. Gartenarbeiten, hupende Autos, Baulärm, Flugzeuge - die gesamte Geräuschkulisse eines vollkommen normalen Arbeitstages in einer mittleren Stadt glitt wirkungslos an meinen hermetisch verschlossenen Gehörgängen ab. Sogar meine Trommelfälle erschlafften! Ich versank noch tiefer in Daunen und Federn, und alsbald fand ich mich an einem weißen, warmen Traumstrand irgendwo zwischen Nassau und Tortuga wieder. Die warme Sonne spiegelte sich im türkisen Wasser der Karibik, ein laues Lüftchen spielte lustig mit meinem Lendenschurz. Glückselig ließ ich meinen Blick schweifen über Palmen und Dschungel, über meine luxuriöse Strandvilla mit Segelyacht, hinaus in die malerische Bucht. Und aus den klaren, warmen Fluten entstieg wie einst die Venus von Milo eine wunderbare Schönheit. Das Wasser perlte glitzernd an ihren zarten Rundungen ab, um mein Frauchen lächelte mich höchst verführerisch an, öffnete ihre zarten Lippen und hauchte: 
„POCK! POCK! POCK!“ Mein Lächeln gefror im Gesicht: „Was?“ „BAMM! BAMM! BAMM! BÄMM!“

Der blaue Himmel bekam Risse! Das Wasser verdampfte zischend! Der Strand löste sich auf, und der Dschungel brach dröhnend und polternd zusammen! Meine schönste Meerjungfrau schmolz dahin und verging im dampfenden Ozean!
Erschrocken öffnete ich meine Augen, blinzelte ein wenig und fragte mich, was, auf allen sieben Weltmeeren, mich da eigentlich geweckt hatte. Die Antwort erfolgte unmittelbar.
Vor dem Schlafzimmer trommelten Barbaren und tanzten wilde Derwische. Elefanten sprangen auf und ab und eine Herde Nilpferde übte sich im Sackhüpfen! Boden und Wände dröhnten und schepperten! Ganz offensichtlich befand ich mich im Epizentrum eines ebenso epischen wie verheerenden Erdbebens! Panisch sprang ich aus der Horizontalen und ohne Umweg direkt in Schlüpfer, Jogginghose und Pantoffeln, schnappte mir Brille und T-Shirt und stürzte aus der Tür! 
Im Flur vor der Tür starrten mich Prinz Haudrauf und Lady Trommelwirbel ein wenig verwundert an, als ich halb bekleidet und komplett verwirrt so plötzlich und unerwartet aus dem Schlafzimmer kam. Im selben Augenblick, da meine Sprösslinge reglos vor mir standen und mich anstarrten wie das achte Weldwunder, endete abrupt das Erdbeben. Aus den Tiefen des verlängerten Rückens krabbelte eine dunkle Ahnung empor Richtung Hirn und hinterließ eine Spur tiefer, eiskalter Gänsehaut. 

„Was macht ihr hier?“
„Wir spielen Zoo!“ trompetete Lord Trampeltier.
„Ganz leise!“ krähte Miss Trommelkönigin.
Was will man dazu noch sagen? Ich entschloss mich zu eisigem Schweigen, machte mir einen mentale Notiz, meiner Brut bei Gelegenheit noch einmal die Unterschiede zwischen „laut“ und „leise“ einzubläuen, und gab mein Vorhaben, einmal richtig auszuschlafen, wortlos auf. Statt dessen machte ich mich auf die Suche nach einem wirklich starken Kaffee. Und er sollte groß sein.

Gehörschutzstopfen sind in gewisser Hinsicht wie Kondome. Sie schützen zuverlässig, aber nicht wirklich hundertprozentig. Gegen den infernalischen Lärm, den zwei leise(!) spielende Kinder entfesseln, sind auch sie einfach machtlos. Und wenn ich dann schon mal wach bin, kann ich ja auch gleich was schreiben. Schlaf wird ja sowieso überbewertet.

Donnerstag, 11. Juni 2015

Tierliebe!

Ich bin ja der Meinung, dass es Kindern nur gut tun kann, wenn sie gemeinsam mit Tieren aufwachsen. Sie lernen, vorsichtig und respektvoll mit Haustieren umzugehen, lernen die besondere Verantwortung kennen, die man übernimmt, wenn man ein Haustier sein Eigen nennt, und wachsen in dem Bewusstsein auf, dass es eben noch anderes Leben auf dieser Welt gibt, um das man sich sorgen und kümmern soll. Und nicht zuletzt ist so ein Kuscheltier mit Puls, Körperwärme und behaglichem Schnurren der beste Psychodoktor auf der ganzen Welt!

Als Eltern hat man also eine ganze Menge zu tun, bis man den Kindern beigebracht hat, wie man am besten mit Tieren aller Art umgeht. Unser Prinz Fürchtenicht hat das alles auch schon recht gut aufgenommen und begegnet Tieren im Allgemeinen schon recht unverkrampft und ohne Angst, jedenfalls, solange sich das betreffende Tier innerhalb seiner Gewichtsklasse befindet. Bei größeren Viechern muss Papa dann noch helfen oder wahlweise auch retten. Letzteres ist allerdings Dauerzustand bei Prinzessin Tausendschön. Sie fürchtet sich erst mal grundsätzlich vor jedem animalischen Wesen, bis man ihr glaubhaft versichert hat, dass das Tier satt und ungefährlich ist. Eine Ausnahme bilden hier erstaunlicherweise sämtliche Vertreter der Equidae. Selbige sind grundsätzlich alle knuddelig, schön und lieb, ungeachtet der Größe, des Gemütszustandes oder des Charakters des Pferdchens. Aber das scheint mir bei Mädchen in der Altersklasse zwischen Kindergarten und Mitte Pubertät gewissermaßen werkseitig eingebaut. Pferdenarren sind sie alle irgendwann! Um alle andere Tiere wird allerdings erst mal ein großer Bogen gemacht oder sich an den elterlichen Oberschenkel geklammert, bevor sie sich mit Angstschweiß auf der Stirn und weit von sich gestreckter Streichelhand der Bestie nähert. Ist der Kontakt allerdings erst mal hergestellt, gibt es kein Halten mehr, und das betreffende Opf.. Tier wünscht sich sehr schnell, heute morgen gar nicht erst aus dem Haus, bzw. Stall, gegangen zu sein.
All dies war uns als Eltern deutlich bewusst, als wir beschlossen einen Tag in einem gar nicht mal so nahe gelegenen, gut sortierten Zoo zu verbringen. Die wichtigsten Aufgaben verteilte ich daher schon in der Anfangsphase der Planung: „Du hinderst unseren Sohn daran, sämtliches Getier durch den Park zu scheuchen, und ich schleppe Töchterchen am Oberschenkel mit und entschuldige mich bei allen anderen Gästen für die Panikschreie.“ Wer hätte gedacht, dass der Tag ganz anders werden würde? Ich jedenfalls nicht.
Denn kaum hatten wir die Kassenschlange am Eingang überwunden, gab es für beide Kinder absolut kein Halten mehr! Sie stürzten sich mit kindlichem Elan an die Gitter und Zäune der Gehege und fühlten sich wie im Himmel. Von Angst war hier gar nichts zu sehen. Fräulein Traumichnicht rannte auf das Affengehege zu, bestaunte die Kletterfähigkeiten und das Geschrei von Kapuziner-, Liszt- und Totenkopfäffchen und suchte sich gleich mehrere Exemplare als künftige Spielgefährten aus, denen sie auch gleich neue Namen verpasste. Sie war nur schwer davon zu überzeugen, dass die Äffchen gar nicht mit ihr spielen und auf gar keinen Fall den Tierpark verlassen wollten. Und neue Namen waren schon gleich gar nicht drin! Prinz GuckmalPapa hatte indessen die Lamas entdeckt und fachsimpelte mit zufällig anwesenden Zaungästen über Wolle, Spuckfähigkeit und „der guckt so komisch!“
In diesem Stil rannten, tanzten und hüpften wir von den Lamas zu den Emus, bewunderten Zebras und Gnus, bestaunten Erdmännchen, Meerschweinchen und winzige Kängurus, und jagten unzählige Wellensittiche, einige Papageien und ein paar Fasane durch ihre Volieren. Und nirgends, nicht mal bei den Tapiren oder Kamelen, spürte man auch nur eine Ahnung von Berührungsängsten oder gar Panik!
Der Höhepunkt waren aber nicht all die exotischen Tiere, die wir in unseren Breitengraden für gewöhnlich eher selten zu Gesicht bekommen, sondern der Streichelzoo mit einer ansehnlichen Herde Ziegen und einigen Kamerun-Schafen, die die ganze Zeit einen Ausdruck auf den Gesichtern hatten, als fragten sie sich, wie zur Hölle sie eigentlich in dieses Gehege gekommen seien.
„Ich bin die Heidi, und du kannst der Ziegenpeter sein!“, dröhnte es durch den Tierpark, als sich Prinzessin Allesmeins und Prinz Tierpfleger mit wehenden Fahnen auf die Ziegenherde stürzten. Im Nu fanden sich unser Aushilfsziegengeneral und die Ersatzheidi mitten in der Herde wieder und fühlten sich pudelwohl! Unsere Tochter nahm jedes einzelne Tier in den Arm, streichelte und knuddelte es bis zur Bewusstlosigkeit und rief ein ums andere mal: „Das ist meine Lieblingsziege! Die nehme ich mit!“ Und unser Sohn verteilte möglichst gerecht Tierfutter an all die hungrigen Ziegenmäuler, die sich plötzlich um sie scharten. Unter ihnen befand sich natürlich auch das Leittier der Herde, ein kapitaler Ziegenbock von mindestens doppeltem Geißenpetergewicht und gekrönt von einem ebenso stabilen wie beeindruckenden Gehörn, der ein bisschen um seine Autorität als Leithammel fürchtete, als ihn Sohnemann mit den Worten „Du hattest schon genug Futter, Dicker!“ einfach mal beiseite schob, um den kleineren Herdenmitgliedern ihre Ration zukommen zu lassen. Und natürlich musste Prinz Oberlehrer seiner Ziegenherde zeigen, wie man richtig über Stock und Stein klettert, während sich seine Schwester im Kreis drehte und ihr Glück gar nicht fassen konnte: „Die sind ja so niedlich! Die nehme ich alle mit! Dann bin ich zuhause auch die Heidi!“ Den entsetzten Aufschrei sowohl des Aufsichtspersonals wie auch der Eltern bekam unsere verzückte Ziegenhirtin gar nicht mit!
Irgendwann aber wollten die alten Eltern endlich mal weiter, möglichst bevor die Sonne im Meer versinkt und der Park seine Tore schließt. Der Aufforderung, das Streichelgehege wieder zu verlassen, kamen unsere Kinder nur sehr widerwillig nach, was ja auch verständlich ist. Sohnemann tröstete sich mit der Tatsache, dass er ja kein Futter mehr für die Ziegen hätte, und außerdem war er ja schon mit der ganzen Herde auf sämtliche Felsen geklettert. Lieb Töchterlein hatte allerdings ganz anderes im Sinn. Nachdem ihre Frage, ob sie denn Äffchen mit nach Hause nehmen könne, schon vor einigen Stunden vehement verneint wurde, hatte sie dieses Mal offensichtlich beschlossen, Mutter und Vater vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mit einem freundlichen, aber bestimmten „Du kommst mit!“ packte sie den nächstgelegenen, völlig überraschten Ziegenbock selbstbewusst am Horn und zerrte ihn unbarmherzig mit sich Richtung Ausgang. Es ist dem beherzten Eingreifen eines routinierten Tierpflegers sowie der Kommandostimme ihres Vaters zu verdanken, dass wir heute immer noch den Benzinrasenmäher aus dem Schuppen holen müssen, um das Gras auf unserer heimatlichen Scholle kurz halten zu können.
Die Enttäuschung, das spontan geliebte Hornvieh nicht mit ins Bett nehmen zu dürfen, legte sich glücklicherweise recht schnell, denn es gab ja noch so einige Tiere im Zoo zu entdecken. Die Erdmännchen wollten gefüttert werden, die Murmeltiere zeigten sich im hellen Tageslicht und nur ein unüberwindbarer Zaun verhinderte es, dass unsere Tochter einen Tapir in die Arme nahm. Und jedes Tier, das Sohn und Tochter hingebungsvoll bewunderten, war „geil!“, „süß!“, „niedlich!“, „voll super!“ und insgesamt „Aaaaltääär!“
Natürlich durften weder der Ziegenpeter noch die Heidi auch nur eines der ansässigen Tiere mit nach Hause nehmen, aber wir fanden adäquaten Ersatz in Form einiger Plüschtiere, die nahe des Ausgangs von zwei glücklichen, aber recht erschöpften Kindern adoptiert wurden.

Man sollte meinen, dieses Erlebnis im Zoo hätte insbesondere Prinzessin Ichtraumichnicht einiges von ihren Ängsten genommen. Nein, noch nicht. Jeder handelsübliche Hund macht ihr noch immer mehr Angst, als unbedingt nötig. Aber es gibt ja noch ein paar Tierparks in der Umgebung!