Donnerstag, 11. Juni 2015

Tierliebe!

Ich bin ja der Meinung, dass es Kindern nur gut tun kann, wenn sie gemeinsam mit Tieren aufwachsen. Sie lernen, vorsichtig und respektvoll mit Haustieren umzugehen, lernen die besondere Verantwortung kennen, die man übernimmt, wenn man ein Haustier sein Eigen nennt, und wachsen in dem Bewusstsein auf, dass es eben noch anderes Leben auf dieser Welt gibt, um das man sich sorgen und kümmern soll. Und nicht zuletzt ist so ein Kuscheltier mit Puls, Körperwärme und behaglichem Schnurren der beste Psychodoktor auf der ganzen Welt!

Als Eltern hat man also eine ganze Menge zu tun, bis man den Kindern beigebracht hat, wie man am besten mit Tieren aller Art umgeht. Unser Prinz Fürchtenicht hat das alles auch schon recht gut aufgenommen und begegnet Tieren im Allgemeinen schon recht unverkrampft und ohne Angst, jedenfalls, solange sich das betreffende Tier innerhalb seiner Gewichtsklasse befindet. Bei größeren Viechern muss Papa dann noch helfen oder wahlweise auch retten. Letzteres ist allerdings Dauerzustand bei Prinzessin Tausendschön. Sie fürchtet sich erst mal grundsätzlich vor jedem animalischen Wesen, bis man ihr glaubhaft versichert hat, dass das Tier satt und ungefährlich ist. Eine Ausnahme bilden hier erstaunlicherweise sämtliche Vertreter der Equidae. Selbige sind grundsätzlich alle knuddelig, schön und lieb, ungeachtet der Größe, des Gemütszustandes oder des Charakters des Pferdchens. Aber das scheint mir bei Mädchen in der Altersklasse zwischen Kindergarten und Mitte Pubertät gewissermaßen werkseitig eingebaut. Pferdenarren sind sie alle irgendwann! Um alle andere Tiere wird allerdings erst mal ein großer Bogen gemacht oder sich an den elterlichen Oberschenkel geklammert, bevor sie sich mit Angstschweiß auf der Stirn und weit von sich gestreckter Streichelhand der Bestie nähert. Ist der Kontakt allerdings erst mal hergestellt, gibt es kein Halten mehr, und das betreffende Opf.. Tier wünscht sich sehr schnell, heute morgen gar nicht erst aus dem Haus, bzw. Stall, gegangen zu sein.
All dies war uns als Eltern deutlich bewusst, als wir beschlossen einen Tag in einem gar nicht mal so nahe gelegenen, gut sortierten Zoo zu verbringen. Die wichtigsten Aufgaben verteilte ich daher schon in der Anfangsphase der Planung: „Du hinderst unseren Sohn daran, sämtliches Getier durch den Park zu scheuchen, und ich schleppe Töchterchen am Oberschenkel mit und entschuldige mich bei allen anderen Gästen für die Panikschreie.“ Wer hätte gedacht, dass der Tag ganz anders werden würde? Ich jedenfalls nicht.
Denn kaum hatten wir die Kassenschlange am Eingang überwunden, gab es für beide Kinder absolut kein Halten mehr! Sie stürzten sich mit kindlichem Elan an die Gitter und Zäune der Gehege und fühlten sich wie im Himmel. Von Angst war hier gar nichts zu sehen. Fräulein Traumichnicht rannte auf das Affengehege zu, bestaunte die Kletterfähigkeiten und das Geschrei von Kapuziner-, Liszt- und Totenkopfäffchen und suchte sich gleich mehrere Exemplare als künftige Spielgefährten aus, denen sie auch gleich neue Namen verpasste. Sie war nur schwer davon zu überzeugen, dass die Äffchen gar nicht mit ihr spielen und auf gar keinen Fall den Tierpark verlassen wollten. Und neue Namen waren schon gleich gar nicht drin! Prinz GuckmalPapa hatte indessen die Lamas entdeckt und fachsimpelte mit zufällig anwesenden Zaungästen über Wolle, Spuckfähigkeit und „der guckt so komisch!“
In diesem Stil rannten, tanzten und hüpften wir von den Lamas zu den Emus, bewunderten Zebras und Gnus, bestaunten Erdmännchen, Meerschweinchen und winzige Kängurus, und jagten unzählige Wellensittiche, einige Papageien und ein paar Fasane durch ihre Volieren. Und nirgends, nicht mal bei den Tapiren oder Kamelen, spürte man auch nur eine Ahnung von Berührungsängsten oder gar Panik!
Der Höhepunkt waren aber nicht all die exotischen Tiere, die wir in unseren Breitengraden für gewöhnlich eher selten zu Gesicht bekommen, sondern der Streichelzoo mit einer ansehnlichen Herde Ziegen und einigen Kamerun-Schafen, die die ganze Zeit einen Ausdruck auf den Gesichtern hatten, als fragten sie sich, wie zur Hölle sie eigentlich in dieses Gehege gekommen seien.
„Ich bin die Heidi, und du kannst der Ziegenpeter sein!“, dröhnte es durch den Tierpark, als sich Prinzessin Allesmeins und Prinz Tierpfleger mit wehenden Fahnen auf die Ziegenherde stürzten. Im Nu fanden sich unser Aushilfsziegengeneral und die Ersatzheidi mitten in der Herde wieder und fühlten sich pudelwohl! Unsere Tochter nahm jedes einzelne Tier in den Arm, streichelte und knuddelte es bis zur Bewusstlosigkeit und rief ein ums andere mal: „Das ist meine Lieblingsziege! Die nehme ich mit!“ Und unser Sohn verteilte möglichst gerecht Tierfutter an all die hungrigen Ziegenmäuler, die sich plötzlich um sie scharten. Unter ihnen befand sich natürlich auch das Leittier der Herde, ein kapitaler Ziegenbock von mindestens doppeltem Geißenpetergewicht und gekrönt von einem ebenso stabilen wie beeindruckenden Gehörn, der ein bisschen um seine Autorität als Leithammel fürchtete, als ihn Sohnemann mit den Worten „Du hattest schon genug Futter, Dicker!“ einfach mal beiseite schob, um den kleineren Herdenmitgliedern ihre Ration zukommen zu lassen. Und natürlich musste Prinz Oberlehrer seiner Ziegenherde zeigen, wie man richtig über Stock und Stein klettert, während sich seine Schwester im Kreis drehte und ihr Glück gar nicht fassen konnte: „Die sind ja so niedlich! Die nehme ich alle mit! Dann bin ich zuhause auch die Heidi!“ Den entsetzten Aufschrei sowohl des Aufsichtspersonals wie auch der Eltern bekam unsere verzückte Ziegenhirtin gar nicht mit!
Irgendwann aber wollten die alten Eltern endlich mal weiter, möglichst bevor die Sonne im Meer versinkt und der Park seine Tore schließt. Der Aufforderung, das Streichelgehege wieder zu verlassen, kamen unsere Kinder nur sehr widerwillig nach, was ja auch verständlich ist. Sohnemann tröstete sich mit der Tatsache, dass er ja kein Futter mehr für die Ziegen hätte, und außerdem war er ja schon mit der ganzen Herde auf sämtliche Felsen geklettert. Lieb Töchterlein hatte allerdings ganz anderes im Sinn. Nachdem ihre Frage, ob sie denn Äffchen mit nach Hause nehmen könne, schon vor einigen Stunden vehement verneint wurde, hatte sie dieses Mal offensichtlich beschlossen, Mutter und Vater vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mit einem freundlichen, aber bestimmten „Du kommst mit!“ packte sie den nächstgelegenen, völlig überraschten Ziegenbock selbstbewusst am Horn und zerrte ihn unbarmherzig mit sich Richtung Ausgang. Es ist dem beherzten Eingreifen eines routinierten Tierpflegers sowie der Kommandostimme ihres Vaters zu verdanken, dass wir heute immer noch den Benzinrasenmäher aus dem Schuppen holen müssen, um das Gras auf unserer heimatlichen Scholle kurz halten zu können.
Die Enttäuschung, das spontan geliebte Hornvieh nicht mit ins Bett nehmen zu dürfen, legte sich glücklicherweise recht schnell, denn es gab ja noch so einige Tiere im Zoo zu entdecken. Die Erdmännchen wollten gefüttert werden, die Murmeltiere zeigten sich im hellen Tageslicht und nur ein unüberwindbarer Zaun verhinderte es, dass unsere Tochter einen Tapir in die Arme nahm. Und jedes Tier, das Sohn und Tochter hingebungsvoll bewunderten, war „geil!“, „süß!“, „niedlich!“, „voll super!“ und insgesamt „Aaaaltääär!“
Natürlich durften weder der Ziegenpeter noch die Heidi auch nur eines der ansässigen Tiere mit nach Hause nehmen, aber wir fanden adäquaten Ersatz in Form einiger Plüschtiere, die nahe des Ausgangs von zwei glücklichen, aber recht erschöpften Kindern adoptiert wurden.

Man sollte meinen, dieses Erlebnis im Zoo hätte insbesondere Prinzessin Ichtraumichnicht einiges von ihren Ängsten genommen. Nein, noch nicht. Jeder handelsübliche Hund macht ihr noch immer mehr Angst, als unbedingt nötig. Aber es gibt ja noch ein paar Tierparks in der Umgebung!

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