Sonntag, 26. Juli 2015

Donnerwetter

Einer der Nachteile des Schichtdienstes ist es ja, zu Zeiten arbeiten zu müssen, an denen der Rest der Bevölkerung sich eher der Erholung hingibt. Aber ab und zu ist es auch mir, trotz mehr oder weniger regelmäßig wechselnder Arbeitszeiten, gegönnt, an einigermaßen „normalen“ Zeiten zuhause zu weilen und so vollkommen normalen Tätigkeiten wie Sofaliegen, Fernsehen und Schlafen im eigenen Bett zu gesellschaftlich anerkannten Zeiten nachzugehen.

Eigentlich verlief dieser Abend genau so, wie ich ihn mir schon lange mal wieder gewünscht hatte. Irgendwann am späteren Nachmittag entließ mich mein Arbeitgeber aus den Mühlen des Werktages, und nach kaum eine dreiviertel Stunde nervenzermürbender Autofahrt durch den Feierabendverkehr, vorbei an verwirrten Touristen, selbsternannten Verkehrserziehern und hektischen Paketfahrern, konnte mich meine Familie zuhause gebührend in Empfang nehmen. Natürlich verlangten die Kinder ihren durchaus berechtigten Teil meiner Aufmerksamkeit, und auch meine geliebte Frau wollte mir von ihrem Tag erzählen und mich teilhaben lassen am Leben neben, vor und nach der Arbeitsstätte. Aber irgendwann waren alle Spiele gespielt, alle Gespräche geführt und alle Abenteuer erzählt. Die Kinder lagen in ihren Betten und suchten das Sandmännchen, und ich konnte mich endlich auf das Sofa niederlassen und den Feierabend mit einem Gläschen Whisky, meiner Frau und einem Blick in den Fernseher mal so richtig genießen. Ruhe und Entspannung stellten sich ein, und alsbald hörte ich die Fernsehsendung mehr, als ich sie sah. Für mich war es dann wohl auch an der Zeit, ins Bett zu gehen. Warum auch nicht? Die Aussicht auf die Wärme und Behaglichkeit einer kuscheligen Federdecke nebst einer mindestens ebenso kuscheligen und warmen Frau zauberte mir ein Lächeln auf das müde Gesicht.
Badrituale, der Katze „Gute Nacht“ sagen, noch ein schneller, aber gewissenhafter Blick auf die tief und fest schlafenden Kinder in ihren Betten, und schon warf ich mich mit Schwung in Morpheus' Arme. Der rauschende Regen, der sanft auf die Dachfenster trommelte, war mein Schlaflied, dem ich nach einem langen und harten Arbeitstag nur zu gern zuhörte. Ach, wäre es doch nur so geblieben….

Ein dumpfes Grollen weckte mich, und auch meine wunderbare Frau regte sich zart neben mir. Beide starrten wir uns verwundert an und fragten uns, was uns da eigentlich geweckt hätte. Es grummelte noch einmal. Aha, ein Gewitter. Nun, das ist im Sommer ja nichts ungewöhnliches. Obwohl… Seien wir mal ehrlich: Ist das überhaupt ein Sommer? Wie dem auch sei…
Während wir beide uns wieder unter die Decken kuschelten, um dem Gewitter die möglichst schlafende Stirn zu bieten, tauchte ein recht enthusiastischer Blitz unser Schlafzimmer in gleißendes Licht, unmittelbar gefolgt von einem titanischen Hammerschlag auf einen gigantischen Amboss. Jetzt waren wir endgültig wach. Sekundenbruchteile nach diesem ohrenbetäubenden himmlischen Rumms ertönten die Sirenen unserer Kinder: „Mama! Papa! Ich hab Angst!“ Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war fast halb vier. Stumm sprachen wir uns ab. Während die treusorgende Mutter die verschreckten Kinder einsammelte, ordnete ich das Bett und räumte einige Kleinigkeiten wie Brille und Wecker aus der Reichweite der kleinen Hände. Wenige Augenblicke später trampelten zwei erschrockene Schlafzwerge in das elterliche Schlafzimmer, beschwerten sich hingebungsvoll über das Wetter im Allgemeinen und den Lärm da draußen im Besonderen, okkupierten Papas warme Schlafmulde und drängelten sich zwischen mein liebes Frauchen und mich. Decke drüber, Augen zu, RUMMS! Der nächste Donnerschlag rollte schwer über das Haus, gefolgt vom teils erschrockenen, teils wütenden Protest von Prinz Fürchtenicht und Prinzessin Dasmachtmirnix. Mutter und Vater bemühten sich redlich, das kleine Volk zu beruhigen, denn so ein Gewitter ist zwar laut, aber „das tut nix, das will nur spielen.“ Und außerdem zog es ja schon wieder ab. Tatsächlich war für eine ganze Weile Ruhe. Wir vier kuschelten uns zusammen, lauschten dem Regen, und alsbald fühlte ich wieder diese besondere, warme Schwere, die sich einstellt, wenn man gerade tief und fest einschläft.
„Weißt du, Mama, im Kindergarten hatten wir auch schon mal Gewitter gesehen!“
Mit krähender Stimme und allem infantilen Enthusiasmus begann ausgerechnet jetzt Prinzessin Weißtduschon ihre Geschichte zu erzählen! Und jeder noch so scharfen Aufforderung zur Ruhe seitens aller drei Zwangszuhörer begegnete sie mit einem „Ja. Aber weißt du...“ Erst die väterliche Drohung mit einem Schlafplatz unter dem Balkontisch, also draußen in Regen und Gewitter, ließ die Erzählerin murrend verstummen.
Ruhe kehrte ein, und ich versuchte, wieder einzuschlafen. Ich war schon sehr nahe dran, ins Land der Träume zu gleiten, als Prinz Schaumalwasichkann etwas simulierte, was anmutete wie eine Mischung aus rhythmischer Sportgymnastik und 100-Meter Sprint der Herren. „Was, zum Henker, machst du da?“ flüsterte ich leicht genervt. „Ich kann nicht einschlafen!“ erhielt ich mindestens ebenso genervt zur Antwort. Meinem Vorschlag, sich dann doch einfach mal ruhig hinzulegen und nicht zu tanzen, wurde gnädig, aber murrend gefolgt.
„Weißt du, Papa, im Kindergarten hat der Uwe auch schon mal...“ „Das ist mir jetzt herzlich egal, was Uwe im Kindergarten gemacht hat, mein Schatz! Ruhe, Augen zu, Mund zu und schlafen! BITTE!“ 
„Ja, aber der Uwe, der hat doch...“ 
„Nein, Hase! Das kannst du mir morgen gerne erzählen. Jetzt wird geschlafen!“
Und murrend (mein Lieblingswort heute!) drehte sich Tochter um und verstummte wieder. Ich selbst versuchte mit aller Kraft, meinen entnervten Puls wieder zur Ruhe zu bringen und noch eine kleine Mütze Schlaf zu erhaschen, bevor der Wecker klingeln und mich zu einem weiteren Arbeitstag rufen würde.
„Oh, Mann! Papa, sie tritt mich immer wieder! Und sie hört gar nicht auf!“ 
„STIMMT GAR NICHT! Ich hab gar nichts gemacht! Ich hab überhaupt keinen Platz mehr!“ 
In der Ferne grollte der Donner, im Inneren grollte ich. Mein liebes Frauchen sprang ein: „Jetzt ist hier aber mal Ruhe! Jetzt wird geschlafen! Ich will jetzt nichts mehr hören!“ 
„Ja, Mama.“ antworteten wir im Chor. Das Gewitter ließ von ganz weit weg noch einmal zart von sich hören, die Atemzüge meiner Frau wurden ruhiger, ich gähnte herzhaft und versuchte zum x-ten Male, einzuschlafen. Gerade eben glitt ich glücklich in Morpheus' Arme, fühlte mich wohl und zufrieden, als ein kindlicher Arm plötzlich und unerwartet Kontakt mit meiner Nase aufnahm. Ich schrie gepeinigt auf und schaute Prinz Haudrauf vorwurfsvoll an. Dieser schrie seinerseits erschrocken auf und sprang von mir weg, geradewegs auf seine Schwester, die sich natürlich ebenfalls lauthals beschwerte. Jetzt war es genug! Mit dem Hinweis auf das längst entschwundene Gewitter schickten wir die Brut wieder zurück in ihre eigenen Betten, damit wir wenigstens noch ein kleines bisschen Schlaf bekommen würden. Mit hängenden Köpfen, sich gegenseitig die Schuld zuweisend, tippelten vier nackte Füße hundemüde aus dem Schlafzimmer. Zwei Türen klappten leise in die Schlösser. Meine Frau und ich waren wieder allein. Todmüde schmiegten wir uns aneinander, schlossen die Augen und…
Der Wecker klingelte! Selten habe ich mich derart darüber geärgert wie an diesem viel zu frühen Morgen. Aber die Pflicht rief, und sie hörte einfach nicht auf damit!

Als ich nach meinen morgendlichen Ritualen und Geschäften in Bad und Küche fertig war, schaute ich noch einmal nach meiner kleinen Familie, bevor ich in der grauen Morgendämmerung eines verregneten Tages das Haus Richtung Arbeitsmühle verließ. Meine Frau schlummerte selig. Ein Bild des Friedens. Ich beneidete sie.
Mein Sohn schlief tief und fest, eingewickelt in seine Decke, leise schnarchend. Und auch meine Tochter bemerkte nicht einmal, dass ich bei ihr war. Ich ließ die beiden schlafen, aber glaubt mir, geschätzte Leser: Es fiel mir schwer!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen