Sonntag, 29. November 2015

Faszination Hörspiel

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Die Entwicklung unserer beiden Kinder auch nicht.

Wenn wir bisher längere Autofahrten gemacht haben, konnten sich Fürst Guckmalda und Lady HäWasistdas immer hervorragend auf ihren Rücksitzen beschäftigen, indem sie einfach die Wunder der vorbeiziehenden Welt andächtig beobachteten und kommentierten. Für noch längere Autofahrten hatte ich mal in einem Anfall von finanzieller Unzurechnungsfähigkeit ein mobiles DVD-Bildschirm-System erstanden, um den Kindern die Zeit mit Bob, dem Baumeister, Bibi Blockberg oder den gesammelten Kinoerfolgen von Walt Disney zu vertreiben.
Nun sind unsere beiden Thronfolger aber wieder ein Stück gewachsen, haben sich weiterentwickelt und, was die ganze Sache dann ein wenig komplizierter machte, sich eigene, recht unterschiedliche Interessen zu eigen gemacht. Diese unterschiedlichen Interessen führten in der letzten Zeit zu erheblichen Streitigkeiten auf den hinteren Sitzreihen, weil Lady IchwilleinPferdhaben die Sciencefiction Filme ihres Bruders „blöd“ fand, und Fürst Ichwilldasnichtsehen seinerseits Bibi Blocksberg total „langweilig“. Die mobile Verabreichung zweier unterschiedlicher cineastischer Kunstwerke ist aber auf unserem DVD-System technisch nicht vorgesehen. Es musste also eine Lösung gefunden werden. Die Möglichkeit, die Kinder am elterlichen Musikgenuss via Autoradio teilnehmen zu lassen, schied aus, das sich die Kinder unablässig und lautstark ihre eigene Musik wünschten. Und natürlich wollte Partei a) unbedingt Santiano hören, was Partei b) zu Unmutsäußerungen lautester Art veranlasste. Denn diese wollte natürlich AC/DC in Dauerschleife hören. „Oder Bibi und Tina!“, krähte sie. Die elterliche Musikauswahl wurde in seltener Einmütigkeit als „Uärgh!“ und „Langweilig!“ bewertet, jede Einspielung wichtiger Weltnachrichten mit „Müssen wir das hören? Können wir nicht was anderes?“
Wollten wir hinsichtlich der aktuellen Hitparaden und der neuesten globalen und regionalen Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben, musste nun wirklich dringend eine Lösung her!
Und sie präsentierte sich mir, als anerkanntem Unterhaltungstechniksachverständigem der Familie, in Form zweier abgelegter MP3-Player, die wir uns zugelegt hatten, einige Zeit, bevor wir erkannten, wie unglaublich praktisch Smartphones mit Streamingdiensten sind. Flugs holte ich die beiden Geräte aus der Versenkung, testete gewissenhaft die Funktionsfähigkeit beider und trommelte unsere beiden jungen Musikrezipienten im heimischen Wohnzimmer zusammen. Die Wartezeit, bis Prinz Dasistlangweilig und Prinzessin Dasistblöd aus ihren Gemächern in den improvisierten Lehrsaal diffundierten, nutzte ich, um beide Player mit einer erklecklichen Auswahl an Musik und kindgerechten Hörspielen zu beladen.
Kaum hatten sich Lord und Lady um mich herum versammelt, erklärte ich ihnen umfassen, langsam und deutlich die Funktionsweise ihrer neuen Spielzeuge, sowie im Besonderen die Verwendung der kleinen Kopfhörer und der Lautstärkeregelung.
Es war eine Freude, unseren beiden Schätzen dabei zuzusehen, wie sie ihre neuen Spielzeuge hingebungsvoll mit leuchtenden Augen ausprobierten und die Faszination Kopfhörer bis ins kleinste Detail auskosteten. Natürlich musste ich noch ein bis mehrere Male eingreifen, etwa um die Lautstärke auf ein erträgliches Maß einzupendeln, aber Sohn wie Tochter begriffen schnell die Funktionsweise jedes einzelnen Knöpfchens und freuten sich wie die Schneekönige über ihre jeweils ganz eigenen Musik- und Geschichtenwelten. Insbesondere die Hörspiele hatten es den beiden jungen, enthusiastischen Zuhörern alsbald angetan! Nach zehn Minuten Beobachtungszeit, in der sich in den Gesichtern und Körpern unserer Kinder nicht ein einziger Muskel regte, konstatierte ich mit Kennerblick: „Hörstarre.“
Meine geliebte Ehefrau und ich beschlossen spontan, diese ungewohnte Stille weidlich auszunutzen. Wir warfen uns auf das Sofa und wandten uns unseren Lieblingsbeschäftigungen zu. Während lieb Frauchen konzentriert und systematisch Wolle verknotete, schlug ich meinen Roman auf und begann zu lesen. Die herrliche Ruhe im Haus ließ mich schnell Raum und Zeit vergessen, und plötzlich sah ich Geronimo zu, wie seine Füße knapp über dem Boden schwebten1. Ich las von Dschinns, von Liebe und Verzweiflung, von Fanatikern, die die Welt aus den Fugen heben, und bald existierte nichts mehr außer der spannenden
„WEISST DU, PAPA!!!! IN DER GESCHICHTE, NÄ, DA IST SO EIN VOGEL!!!“
Mein Buch flog in hohem Bogen durch das Wohnzimmer, meine Frau verbog mit schreckgeweiteten Augen ihre Stricknadeln und mein Körper sprang auf, bevor ich selbst auch nur daran denken konnte. Mit einem Puls weit jenseits der Messskala und mit beiden Händen fest auf die Ohren gepresst, taumelte ich auf meinen entrückt grinsenden Sohn zu, der mir brüllend zu erklären versuchte, was an genau diesem Vogel so besonders war. Ich versuchte zunächst mit Zeichensprache, Meister Schreihals zu bedeuten, die Kopfhörer abzunehmen. Dies misslang natürlich gründlich, weil es dem menschlichen Megaphon natürlich derart wichtig war, mir die gerade gehörte Geschichte zu erzählen, dass er für alle anderen Reize absolut taub und blind war. Vorsichtig und mit der gebotenen Ruhe nahm ich ihm also selbst die Kopfhörer ab und erntete zunächst grenzenloses Unverständnis („Was machst du da?“), dann einen ausgesprochen vernichtenden Blick („Aber die Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende!“) und zuletzt völlige Resignation („Na gut, was willst du?“)
Prinzessin HexHex hatte von all dem nichts mitbekommen, weilte sie doch noch immer in der Hörstarre ihrer eigenen Geschichte. Ich hätte sie ja gerne weiter ihre Geschichte konsumieren lassen, aber wenn ich den Kindern beibringen wollte, dass man die Kopfhörer sinnvollerweise abnimmt, bevor man ein Gespräch beginnt, sollten sie schon in der Lage sein, mir zuzuhören. Ich nahm ihr also die Kopfhörer ab, was sie mit ihrem inzwischen altbekannten und von mir meist gehassten „Heeeej!“ quittierte. Aber es half ja nichts. Ich erklärte anschaulich unter Demonstration der immer noch schreckgeweiteten Augen meiner Frau und ihrer verformten Stricknadeln die Folgen plötzlichen Lärmausbruches, verdeutlichte den Effekt, den Kopfhörer auf die eigene sowie die Akustik der umstehenden haben, am eigenen Beispiel, und erklärte ihnen, was Knigge wohl davon gehalten hätte, hätte man ihn dermaßen angebrüllt. Meine Eleven nickten zu all meinen Ausführungen eifrig: „Ja, Papa!“
Und dann verschwanden beide MP3-Player mit den Kindern daran in ihren Zimmern. Wieder breitete sich himmlische, entspannende Ruhe aus. Ich sammelte meinen Roman vom Boden auf und nutzte den Frieden der Stille, die zitternden Nerven meiner Frau faltenfrei zu bügeln. Dann wandte ich mich wieder meinem Buch zu. Die Stille umfing uns. Und sie hielt an. Ganz offensichtlich waren Sohn und Tochter in ihren Zimmern wieder in Hörstarre gefallen.
Und gerade, als meine verstrickte Ehefrau und ich glaubten, doch einmal in den Kinderzimmern nachschauen zu müssen, ob Prinz und Prinzessin überhaupt noch vorhanden waren, hob eine lautstarke Unterhaltung an und dröhnte durch das Haus:
„WEISST DU, BEI MIR HABEN GERADE BIBI UND TINA…!!!“
„JA, UND BEI MIR SIND DIE PLAYMOS AUF EINER DRACHENINSEL…!!!“


Ich legte mein Buch auf den Tisch und erhob mich seufzend, um den Kindern noch einmal die Welt der Akustik anschaulich näher zu bringen.

Es wird wohl noch eine kleine Weile dauern, bis wir Meister WEISSTDU und Madame HEEEJ mit den MP3-Playern ins Auto lassen können, ohne uns von hinten plötzlich und unerwartet Geschichten in unerträglichen Lautstärken anhören zu müssen. Aber was tut man nicht alles für seine Kinder? Und ein bisschen auch für sich selbst.


1Salman Rushdie, Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte – kann man zum Beispiel hier bestellen: Amazon - Salman Rushdie

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