Dienstag, 24. November 2015

Wir werden reis/ reich!

Inzwischen ist es schon einige Jahre her, dass meine geliebte Ehefrau und ich uns ein Häuschen zugelegt haben, um unserer kleinen Familie ein angenehmes Dach über dem Kopf zu verschaffen. Mit dem Häuschen kam natürlich auch ein Garten, der damals, als wir das Haus kauften, zwar nicht mehr taufrisch, aber trotzdem irgendwie gemütlich aussah. Und es machte uns viel Freude, bei gutem Wetter und warmem Sonnenschein die lange vernachlässigte Pflanzenpracht wieder auf Vordermann zu bringen. Wie sich zeigte, war der kleine Brunnen, der sich ziemlich genau in der Mitte unseres Gartens in die Tiefe bohrt, eine ganz ausgezeichnete Idee, bot er doch jeden Tag genug Grundwasser, um die Pflanzen ordentlich zu gießen. Wir brauchten nicht einmal einen Wasserhahn. Es war einfach schön!

Als der Sommer langsam seinen Urlaub antrat und der Herbst kam, um ihn würdig zu vertreten, bekamen wir allmählich eine Ahnung, welchen Sinn der Brunnen mitten im Garten tatsächlich hatte. Der erste Herbststurm, den wir in unserem neuen Casa del Chaos erleben durften, brachte natürlich auch jede Menge Regen mit. Und zu unserer großen Überraschung lief der Garten voll Wasser! Statt einer grünen Wiese mit vereinzelten Büschen, einigen Bäumen und ein paar netten Blümchen fanden wir nun eines Morgens einen tiefen Teich vor, mit vereinzelten Büschen, einigen Bäumen und ein paar abgesoffenen Blümchen. Es dauerte ewig, bis das Wasser abgelaufen war!
Und in diesem Stil ging es durch den gesamten Herbst und natürlich auch durch den feuchten Winter weiter. Mehr oder weniger regelmäßig verwandelte sich unser Garten in eine beinahe idyllische Seenplatte.
Das temporäre Feuchtbiotop im heimischen Garten -
Wir wollen es gewinnbringend nutzen!
Während dieser Zeit reifte in mir der Plan, der Ursache für das temporäre Nassbiotop gründlich auf den Grund zu gehen. Im nächsten Frühjahr, kaum, dass der Rasen einigermaßen trocken, frisch gestutzt und das Wetter einige Tage sonnig geblieben war, begab ich mich zu einer kleinen Lehrstunde angewandter Geophysik, in den Händen die leichte Grundausstattung für Hobbyexploratoren*. Ich öffnete die Abdeckung unseres Brunnens und stieg hinab in die dunkle Tiefe. Dort, etwa 120 Zentimeter unter der Erdoberfläche untersuchte ich den Erdboden auf Beschaffenheit, Zusammensetzung und Wasserdurchlässigkeit und entdeckte statt der insgeheim erträumten extrem seltenen sauteuren Rohstoffe nur ziemlich normale Erde, wie sie in jedem durchschnittlichen Garten gefunden werden kann. Ich spuckte in die Hände, fasste Mut und Schaufel und grub mich tiefer. Eimer um Eimer wanderte gute Muttererde aus dem Brunnen in Richtung Blumenbeete, bis ich etwa 40 Zentimeter tiefer auf gleich zwei Dinge stieß: Grundwasser und Lehm. Jede Menge Lehm. Historisch betrachtet hätte ich damit rechnen müssen, liegt doch meine Heimatstadt am Ende einer Förde, in einer Gegend, in der es vor bummelig 115000 Jahren mal einen gewaltigen Gletscher gab. Kurz: Ich hatte es hier mit Geschiebelehm zu tun, Überreste des Grundmoränenmaterials, das sich hier während der Weichsel-Kaltzeit abgelagert hatte. Ich hätte mich natürlich freuen können, denn an sich ist Lehm nichts schlechtes. Lehmwickel, zum Beispiel, wirken entfettend. Lehm, der direkt auf eine Wunde aufgebracht wird, reinigt und entgiftet; er bindet Krankheitserreger und Gifte. Außerdem ist Lehm seit mindestens 9000 Jahren ein bekannter und beliebter Baustoff, der sich sehr günstig auf das Raumklima auswirkt. Und nicht zuletzt verwittert Lehm auch mit der Zeit zu gutem, fruchtbaren Boden. Allerdings hat Lehm auch eine Eigenschaft, die mich dann doch ärgerte: Er ist wasserundurchlässig. Und da sich der Brunnen, in dem ich mich gerade durch die Erdschichten wühlte, am tiefsten Punkt vierer Grundstücke befindet, sammelt sich hier bei jedem sonst so kleinen feuchten Schutt das umliegende Regenwasser.

Was konnten wir tun?
Nicht viel. Natürlich hätten wir versuchen können, die Lehmschicht mit viel Arbeit und noch mehr Schweiß zu durchstoßen, damit das Wasser dann darunter irgendwo abfließen kann. Aber einige sehr aufschlussreiche Gespräche mit den Nachbarn ließen vermuten, dass sich unter der dem Vernehmen nach sechs Meter tiefen Lehmschicht die obere Kalkschicht des hiesigen Geestrückens befindet, mithin also eine Gesteinsschicht, die mindestens ebenso wasserundurchlässig ist. Uns blieb also nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass das Wasser irgendwann nach dem Regen wieder verschwindet. Wie sagte mein seliger Großvater gerne: „Wasser sucht sich immer seinen Weg.“
Seither üben wir uns in konfuzianischer Geduld bis zum Frühjahr, wenn die Sonne den Rasen und die Erde wieder trockenlegt. Und wenn wir bis dahin in den Garten wollen, tragen wir eben Gummistiefel. Hierzulande ohnehin ein Grundbekleidungsgegenstand.
Der Beginn der Regenzeit, also Herbst und Winter, bedeutet allerdings in unseren nordischen Breitengraden auch, dass man sich am Tage doch vermehrt im Inneren des Hauses aufhält, wo es a) trocken und b) warm ist. Und wo man c) Zeit hat, sich über ein paar Dinge Gedanken zu machen. Diese unglaubliche Menge an Wasser, da muss sich doch was draus machen lassen!
Die erste Idee war natürlich, ein Freibad einzurichten. Allerdings waren wir uns über die angemessenen Eintrittspreise nicht einig. Außerdem hätten wir vermutlich noch einen Bademeister anstellen, den Gartenschuppen zur Umkleidekabine umbauen und eine Outdoor-Dusche einrichten müssen. Das war uns dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Außerdem ist ein Freibad im Winter wohl nur was für ganz harte Jungs. Oder Mädels.
Und dann kam mir die Idee, als ich gerade dabei war, meiner kleinen Familie das sonntägliche Mittagsmahl zu schmieden. Es gab Putengeschnetzeltes in einer feinen Rahmsoße an Basmati-Reis. Als der Duft des indischen Basmati durch die Küche waberte, hatte ich eine Epiphanie! Vor meinem geistigen Auge tauchten die weiten, idyllischen Reisfelder Asiens auf, mit ihren grünen Reispflanzen, den Wasserbüffeln, den asiatischen Reisbauern mit den großen, runden Hüten und jeder Menge Wasser! Das war das Ei, nein, das Reiskorn des Kolumbus!
Während auf unserem Herd der Reis enthusiastisch überkochte und die Pute in der Pfanne verrückt wurde, plante ich unseren Wassergarten durch und verwandelte ihn in meiner Vorstellung in blühende Reisfelder! Im Frühjahr würden wir den Boden aufbrechen und pflügen. Im Sommer, wenn der Boden dann einigermaßen trocken ist, würde der Reis gesät. Denn der darf gar nicht ständig im Wasser stehen. Reis kann nicht aufgehen, wenn er sofort in das Wasser gesetzt wird. Wissen viele ja gar nicht!
Wenn im Herbst dann der Regen nicht mehr aufhört zu fallen, würde unser Reisfeld ganz natürlich und kostenfrei unter Wasser gesetzt. Jetzt könnte der Reis in Ruhe und Frieden den Herbst und Winter hindurch wachsen und gedeihen. Ah, ich höre schon die skeptischen Stimmen, die mich daran erinnern wollen, warum Reis im allgemein warmen Asien angebaut wird. Aber es gibt tatsächlich Reissorten, die auch im kühlen, eher mit dem mitteleuropäischen zu vergleichenden Klima gedeihen! Und genügend Wasser haben wir in jedem Fall. Irgendwo habe ich mal aufgeschnappt, dass man zwischen 3000 und 5000 Liter Wasser benötigt, um ein Kilo Reis zu produzieren. Eine erste, vielleicht etwas unpräzise Berechnung, über den feuchten Daumen gepeilt, ergab eine theoretische Menge von einem Zentner biologisch wertvoll angebauten und geernteten Reis, den wir im Frühjahr, wenn das Reisfeld wieder trocken gefallen wäre, ernten könnten.
Ich erzählte meiner wunderbaren Frau von meinen Überlegungen, während der Rauch des angebrannten Mittagessens langsam um die Häuser zog. Im Geiste zählte ich schon die dicken Geldscheinbündel, die man uns für unseren echt nordischen Qualitätsreis förmlich in die Hände drücken würde! Wir könnten im Handumdrehen unermesslich reis werden!
Und wir müssten uns nicht mal auf den Reis beschränken! Wir könnten Kleinfische und Krustentiere im Reisfeld züchten und hätten doppelten Nutzen davon. Zum einen hätten wir einen kleine Nebenerwerb durch den Verkauf zum Verzehr geeigneter Süßwasserfrüchte, zum anderen würden unsere wertvollen Reispflanzen auf ganz natürliche Weise, also hundertprozentig BIO, gedüngt.
Außerdem könnten wir in den Randzonen unseres Reisfeldes litorale Helophyten** züchten, für den ambitionierten Hobbygärtner! Und sicher hätten wir auch noch Platz für einige besondere Hydrophyten*** und Pleustophyten****. Wir werden stinkreich, weil wir einen platschnassen Garten haben! Eine hervorragende Idee!
Gleich morgen kaufe ich im Supermarkt ein Paket Reis und ein paar Garnelen, quasi als Starterpack.
Nun gut, ein paar Kleinigkeiten müssen noch geklärt werden. Woher, zum Beispiel, bekommen wir einen Wasserbüffel nebst Pflug? Und was frisst so ein Vieh überhaupt? Also, der Büffel, nicht der Pflug. Hoffentlich keinen Reis. Den wollen wir ja verkaufen.
Und was machen wir mit dem Wasserbüffel, wenn er mal nicht durch das Reisfeld stapft?
Wir könnten Kinder auf ihm zur Schule reiten lassen. Oder an Kindergeburtstagen vorführen. Ach, da fällt uns sicher noch was ein! Noch ein Nebenerwerb…
Wir werden sowas von REIS! 



*Eine Schaufel, eine Grubenlampe, mehrere Eimer und jede Menge Elan.

**Uferpflanzen wie Teich-Schachtelhalm zum Beispiel, oder Schilfrohr.

***Wasserpflanzen, die am oder im Boden haften, wie zum Beispiel Seerosen oder Lotus.

****Freischwimmende Wasserpflanzen wie Wasserlinsen, Wasserhyazinthen oder Schwimmfarne.

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