Sonntag, 17. November 2013

Auf die Vorbereitung kommt es an!

Sämtlichen marktwirtschaftlichen Versuchen zum Trotz beginnen meine Familie und ich tatsächlich erst rund um den ersten Advent mit den feierlichen Vorbereitungen für das alljährliche Weihnachtsfest. 
Wir halten einfach nichts davon, schon mitten im September Lebkuchen, Spekulatius und andere zutiefst weihnachtliche Süßwaren einzukaufen, wenn draußen die Herbststürme gerade erst angefangen haben, dem Land ein neues Styling zu verpassen. Auch Weihnachtskugeln, Kunstschnee und Deko-Schlitten nebst Plastik-Rentier sind meiner Ansicht nach wenig angebracht, wenn am Baum gerade mal die Äpfel reifen...
Außerdem verliert diese ganz besondere Zeit vor Weihnachten irgendwie ihren Glanz, wenn man damit schon kurz nach der Bikinisaison anfängt. Das Argument, der Kunde wolle schon im September Weihnachtsartikel erwerben, ist meiner ganz persönlichen Ansicht nach eine schlichte Lüge umsatzgieriger Supermarktbetreiber.


Aber trotz allen Traditionsbewusstseins und trotz des argwöhnischen Blickes auf den Kalender, gibt es auch für mich eine Weihnachtsvorbereitung, die schon weit vor dem ersten Advent beginnen sollte. Immerhin handelt es sich hierbei um eine ganz besondere, erstaunlich schwierige und extrem gefährliche Angelegenheit, für die man nie genug Vorbereitungszeit haben kann. Deshalb fange ich alljährlich in aller Regel schon wenige Tage nach Ostern damit an, mir den Kopf über die richtigen Weihnachtsgeschenke zu zerbrechen. 
Für unsere Kinder ist das nicht weiter schwer. Sie sind in einem Alter, in dem ein Geschenk nur wenige Kriterien erfüllen muss, um ihre Augen zum Strahlen zu bringen: Groß, bunt und macht Lärm. Jedes Geschenk, das die Entwicklung des kleinen Menschen in mehr oder weniger bestimmten Bereichen fördern kann, ist ebenso sinnlos, wie diverse Kleidungs- und/oder Möbelstücke, die Junior und -ette zwar dringend benötigen, aber eben weder blinken noch irgendwelche interessanten Geräusche machen. 
Aber das richtige Geschenk für den Rest der Verwandtschaft, einschließlich meiner geliebten Ehefrau, zu finden, ist alles andere als einfach. 
Jahr für Jahr nehme ich mir daher vor, den Gesprächen mit der Verwandtschaft mögliche Wünsche, Bedürfnisse oder wenigstens Ideen zu entnehmen, die mir im weiteren Verlauf des Jahres dabei helfen könnten, für jeden die richtige Ware aus dem Laden zu entführen. Und Jahr für Jahr stehe ich am vierten Advent panisch in der Fußgängerzone und frage mich, wo das Jahr geblieben ist. Die Notizen, die ich mir machen wollte, umfassen nach über acht Monaten der Sammlung folgenden Eintrag: „Oma – Übertopf“
Aber was habe ich denn damit gemeint?
Folglich werde ich nun doch wieder alle Geschenke aus dem Bauch heraus auswählen müssen. Es muss eine solche Situation gewesen sein, in der ein kluger Kopf den Spruch gebar: „Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ 
Natürlich könnte ich es mir einfach machen und das bestehende Warenangebot auf das übliche S-O-S einschränken. An Socken, Oberhemden und Schlüppis kann man(n) ja nie genug haben. Für die weibliche Sektion der näheren und ferneren Verwandtschaft gäbe es dann noch die Allheilmittel 4711, die große Pralinensammlung (die gute mit Kirschwasser!) oder das Ein-Jahres-Vorteilsabo für „Frau im Koma“. Aber das wäre, wie bereits erwähnt, ein bisschen sehr einfach und würde mir, neben dem einen oder anderen gezwungenen Lächeln aus Höflichkeit, wohl mehrere Ewigkeiten im Höllenfeuer garantieren, und zwar in der Abteilung, an deren Toren steht: „Ablassbriefe werden hier nicht angenommen!“
Damit mir dieses nicht wieder geschieht und ich nicht wieder mit ebenso rast- wie ratlosem Gesichtsausdruck und einem verlegenen Grinsen an der Supermarktkasse stehe, mit einer Flasche Schnaps, einem Deo und sechs Packen Pralinen (die guten mit Kirschwasser), sitze ich nun schon seit einer Woche in Klausur und zerbreche mir den Kopf, wem in der Verwandtschaft ich welches passende (!) Geschenk machen soll. 
Na gut, Ostern ist schon ein wenig vorbei. Aber immerhin fange ich dieses Jahr wesentlich früher mit meiner persönlichen Weihnachtspanik an, und wenigstens habe ich dieses Mal eine Liste! Und da steht auch schon was drauf:


„Mama – Abo?“


Ich gebe zu, das ist noch nicht viel. Und ich weiß auch nicht mehr, was ich damit eigentlich genau gemeint habe, aber immerhin ist ein Anfang gemacht. Bis Weihnachten dauert es ja auch noch ein Weilchen, da wird mir schon noch was einfallen. Hoffe ich...  

Dienstag, 12. November 2013

Alte Zeiten...

Irgendein kluger Kopf hat mal gesagt, man könne nicht mehr zurück. 

Ein bisschen stimmt das ja auch. Auf der anderen Seite kommen wir doch alle irgendwann in eine Situation, die uns zumindest das Gefühl gibt, wieder im „Früher“ zu sein.
Vor einigen Tagen wurden unser Thronfolger und seine Erzeuger daran erinnert, dass mindestens einer von uns dreien sehr bald einen neuen Lebensabschnitt beginnen wird: 
Die künftige Lehranstalt hatte Sohnemann nebst Eltern zu einem ersten Gespräch eingeladen. Für Prinz Tunichtgut war das Ereignis nicht halb so schrecklich wie für seinen Vater! Der nämlich (also ich!) fühlte sich mit Betreten eines dieser typischen Flure um einige Dutzend Jahre zurückversetzt. 
Kaum erblickten meine alten Augen die offenbar gesetzlich vorgeschriebene Schulflurfarbe „Popelgelb“, die Haken voller kleiner, feuchter Anoraks und die unvermeidlichen verlorenen Handschuhe, kaum hörten meine grauen Ohren das konzentrierte Murmeln hinter verschlossenen Türen, den gelegentlichen Ruf einer Lehrerin nach Ruhe und Aufmerksamkeit, kaum roch meine taube Nase den sauer-herben Geruch lernender, schwitzender Kinder, krochen seltsame Gedanken in mein dumpfes Hirn:
„Ich hab meine Hausaufgaben nicht gemacht!“
„Hoffentlich schreiben wir heute keinen Test!“
Ich habe meinen Turnbeutel vergessen!“
Mein lieb Frauchen sah mir meine Sorgen wohl an, denn sie schenkte mir ein zauberhaftes, nichtsdestotrotz spöttisches Lächeln, als wir durch die stillen Gänge schritten. Vor dem Sekreteriat mussten wir erst mal warten. Das ist wohl so eine Art Naturgesetz: Niemand geht einfach so durch diese Tür! Niemand! Außer den Lehrern und den Schülern der höheren Stufen, die nur noch schnell was für die Schülerzeitung kopieren müssen.
So warteten wir vor den Toren der Höl... vor dem Sekretariat und vertrieben uns die Zeit damit, logische Gründe dafür zu finden, warum wir uns auf gar keinen Fall auf die Stühle setzen wollten, die genauso aussahen, wie man es von solchen Stühlen in allen Schulen dieser Welt erwarten kann (und muss...): Hart und unbequem. 
Während ich mich fragte, warum ich schon wieder zum Rektor musste, erkundete unser künftiger Musterschüler begeistert, fasziniert und gänzlich unbefangen die zahlreichen Zeichen gelebter Demokratie an dieser Schule:




Das Rauchen ist auf dem gesamten Schulgelände verboten!“
Die Schülervertretung informiert: Die nächste Sitzung des Komitees für Leibesertüchtigung findet am 12. April '98 im Schulcafé statt!“
Eure beliebte Schülerband „Die Labskäuse“ spielen zum Sommerfest '99 in der Aula!“
Eure Schülerzeitung „Schwamm drüber“ sucht noch Mitstreiter! Meldet euch bei Elke (7a)!“
Verlorene Turnbeutel können in der großen Pause beim Hausmeister abgeholt werden!“
Turnbeutel verloren! Er ist blau mit roten Streifen. Nicht schütteln! Da ist ein Joghurtbecher drin.“




Nur die Wandtafel mit den Stundenplänen ließ unseren potentiellen Oberprimaner seltsamerweise völlig unberührt...
Endlich, nach gefühlten Stunden ereignislosen Wartens, öffnete sich die Tür zum Sekretariat und eine Stimme erscholl von jenseits des Tresens, voller Autorität und bar jeden Zweifels: „Die nächsten! Bitte.“
Hinter dem Tresen fand sich eine Dame (Und ich wähle diesen Titel bewusst!) älteren Baujahrs, die uns freundlich begrüßte, einige formale Dinge mit uns besprach und sich ganz offensichtlich über den Besuch unseres Sohnes freute. Ihre beredte Körpersprache vermittelte allerdings folgendes:
„Ihr habt Unsinn gemacht. Leugnen hilft nicht, ich weiß es genau! Deshalb müsst ihr nun zum Rektor, und da kann ich euch nicht helfen. Aber keine Angst! Er wird euch schon nicht fressen. Strafe muss sein, und wer weiß? Vielleicht habe ich hinterher noch ein Trostpflästerchen für euch. Falls der Rektor noch etwas von euch übrig lässt...“ 
Dann öffnete sich die Tür zum Büro des Rektors, und es gab kein Zurück mehr! Während lieb Frauchen und Sohn lächelnd, sorglos und beinahe beschwingt in das Büro schwebten, schlurfte ich mit hängenden Schultern und schlechtem Gewissen hinterher...
Welche Hausaufgaben hatte ich denn jetzt schon wieder nicht gemacht? Sooo schlecht waren meine Noten doch nun auch nicht. Und schwänzen tun nur die anderen!
Ich hatte ganz vergessen, was für ein grandioses Gefühl plötzliche Erleichterung ist! Es ging ja gar nicht um mich! Was für ein Wunder. Immerhin hatte ich die Schule schon vor unzähligen Jahren verlassen, und diese spezielle Schule hatte ich noch nie besucht. 
Der Rektor unterhielt sich ausgesprochen freundlich mit uns über seinen künftigen Schüler, stellte uns ebenso wort- wie bildreich seine Schule vor und bedankte sich, dass wir uns für seine Lehranstalt entschieden hatten. Trotz allem kamen wir aber nicht ohne ein Wort der Ermahnung aus dem Büro: Lehren würden sie unserem Sohn alles, was er braucht, aber die Erziehung müssten wir schon selbst übernehmen! 
Das ist wohl noch so ein schulisches Naturgesetz: Der Rektor mahnt immer!




Nur noch ein paar kurze Monate, dann wird der Vorschüler zum Grundschüler. Schon der Gedanke daran macht uns Eltern stolz. Und noch mehr freuen wir uns über den Abschluss dieses besonderen Tages: 
Als wir alles hinter uns hatten, als alle Spiele gespielt und alle Geschichten gelesen waren, nach Abendessen, Waschen und Zähneputzen, als Prinz Studiosus müde in seinem Bett lag, da fragte er uns: „Können wir morgen wieder in die Schule gehen?“
Bald, mein Sohn, bald...