Sonntag, 26. Juli 2015

Donnerwetter

Einer der Nachteile des Schichtdienstes ist es ja, zu Zeiten arbeiten zu müssen, an denen der Rest der Bevölkerung sich eher der Erholung hingibt. Aber ab und zu ist es auch mir, trotz mehr oder weniger regelmäßig wechselnder Arbeitszeiten, gegönnt, an einigermaßen „normalen“ Zeiten zuhause zu weilen und so vollkommen normalen Tätigkeiten wie Sofaliegen, Fernsehen und Schlafen im eigenen Bett zu gesellschaftlich anerkannten Zeiten nachzugehen.

Eigentlich verlief dieser Abend genau so, wie ich ihn mir schon lange mal wieder gewünscht hatte. Irgendwann am späteren Nachmittag entließ mich mein Arbeitgeber aus den Mühlen des Werktages, und nach kaum eine dreiviertel Stunde nervenzermürbender Autofahrt durch den Feierabendverkehr, vorbei an verwirrten Touristen, selbsternannten Verkehrserziehern und hektischen Paketfahrern, konnte mich meine Familie zuhause gebührend in Empfang nehmen. Natürlich verlangten die Kinder ihren durchaus berechtigten Teil meiner Aufmerksamkeit, und auch meine geliebte Frau wollte mir von ihrem Tag erzählen und mich teilhaben lassen am Leben neben, vor und nach der Arbeitsstätte. Aber irgendwann waren alle Spiele gespielt, alle Gespräche geführt und alle Abenteuer erzählt. Die Kinder lagen in ihren Betten und suchten das Sandmännchen, und ich konnte mich endlich auf das Sofa niederlassen und den Feierabend mit einem Gläschen Whisky, meiner Frau und einem Blick in den Fernseher mal so richtig genießen. Ruhe und Entspannung stellten sich ein, und alsbald hörte ich die Fernsehsendung mehr, als ich sie sah. Für mich war es dann wohl auch an der Zeit, ins Bett zu gehen. Warum auch nicht? Die Aussicht auf die Wärme und Behaglichkeit einer kuscheligen Federdecke nebst einer mindestens ebenso kuscheligen und warmen Frau zauberte mir ein Lächeln auf das müde Gesicht.
Badrituale, der Katze „Gute Nacht“ sagen, noch ein schneller, aber gewissenhafter Blick auf die tief und fest schlafenden Kinder in ihren Betten, und schon warf ich mich mit Schwung in Morpheus' Arme. Der rauschende Regen, der sanft auf die Dachfenster trommelte, war mein Schlaflied, dem ich nach einem langen und harten Arbeitstag nur zu gern zuhörte. Ach, wäre es doch nur so geblieben….

Ein dumpfes Grollen weckte mich, und auch meine wunderbare Frau regte sich zart neben mir. Beide starrten wir uns verwundert an und fragten uns, was uns da eigentlich geweckt hätte. Es grummelte noch einmal. Aha, ein Gewitter. Nun, das ist im Sommer ja nichts ungewöhnliches. Obwohl… Seien wir mal ehrlich: Ist das überhaupt ein Sommer? Wie dem auch sei…
Während wir beide uns wieder unter die Decken kuschelten, um dem Gewitter die möglichst schlafende Stirn zu bieten, tauchte ein recht enthusiastischer Blitz unser Schlafzimmer in gleißendes Licht, unmittelbar gefolgt von einem titanischen Hammerschlag auf einen gigantischen Amboss. Jetzt waren wir endgültig wach. Sekundenbruchteile nach diesem ohrenbetäubenden himmlischen Rumms ertönten die Sirenen unserer Kinder: „Mama! Papa! Ich hab Angst!“ Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war fast halb vier. Stumm sprachen wir uns ab. Während die treusorgende Mutter die verschreckten Kinder einsammelte, ordnete ich das Bett und räumte einige Kleinigkeiten wie Brille und Wecker aus der Reichweite der kleinen Hände. Wenige Augenblicke später trampelten zwei erschrockene Schlafzwerge in das elterliche Schlafzimmer, beschwerten sich hingebungsvoll über das Wetter im Allgemeinen und den Lärm da draußen im Besonderen, okkupierten Papas warme Schlafmulde und drängelten sich zwischen mein liebes Frauchen und mich. Decke drüber, Augen zu, RUMMS! Der nächste Donnerschlag rollte schwer über das Haus, gefolgt vom teils erschrockenen, teils wütenden Protest von Prinz Fürchtenicht und Prinzessin Dasmachtmirnix. Mutter und Vater bemühten sich redlich, das kleine Volk zu beruhigen, denn so ein Gewitter ist zwar laut, aber „das tut nix, das will nur spielen.“ Und außerdem zog es ja schon wieder ab. Tatsächlich war für eine ganze Weile Ruhe. Wir vier kuschelten uns zusammen, lauschten dem Regen, und alsbald fühlte ich wieder diese besondere, warme Schwere, die sich einstellt, wenn man gerade tief und fest einschläft.
„Weißt du, Mama, im Kindergarten hatten wir auch schon mal Gewitter gesehen!“
Mit krähender Stimme und allem infantilen Enthusiasmus begann ausgerechnet jetzt Prinzessin Weißtduschon ihre Geschichte zu erzählen! Und jeder noch so scharfen Aufforderung zur Ruhe seitens aller drei Zwangszuhörer begegnete sie mit einem „Ja. Aber weißt du...“ Erst die väterliche Drohung mit einem Schlafplatz unter dem Balkontisch, also draußen in Regen und Gewitter, ließ die Erzählerin murrend verstummen.
Ruhe kehrte ein, und ich versuchte, wieder einzuschlafen. Ich war schon sehr nahe dran, ins Land der Träume zu gleiten, als Prinz Schaumalwasichkann etwas simulierte, was anmutete wie eine Mischung aus rhythmischer Sportgymnastik und 100-Meter Sprint der Herren. „Was, zum Henker, machst du da?“ flüsterte ich leicht genervt. „Ich kann nicht einschlafen!“ erhielt ich mindestens ebenso genervt zur Antwort. Meinem Vorschlag, sich dann doch einfach mal ruhig hinzulegen und nicht zu tanzen, wurde gnädig, aber murrend gefolgt.
„Weißt du, Papa, im Kindergarten hat der Uwe auch schon mal...“ „Das ist mir jetzt herzlich egal, was Uwe im Kindergarten gemacht hat, mein Schatz! Ruhe, Augen zu, Mund zu und schlafen! BITTE!“ 
„Ja, aber der Uwe, der hat doch...“ 
„Nein, Hase! Das kannst du mir morgen gerne erzählen. Jetzt wird geschlafen!“
Und murrend (mein Lieblingswort heute!) drehte sich Tochter um und verstummte wieder. Ich selbst versuchte mit aller Kraft, meinen entnervten Puls wieder zur Ruhe zu bringen und noch eine kleine Mütze Schlaf zu erhaschen, bevor der Wecker klingeln und mich zu einem weiteren Arbeitstag rufen würde.
„Oh, Mann! Papa, sie tritt mich immer wieder! Und sie hört gar nicht auf!“ 
„STIMMT GAR NICHT! Ich hab gar nichts gemacht! Ich hab überhaupt keinen Platz mehr!“ 
In der Ferne grollte der Donner, im Inneren grollte ich. Mein liebes Frauchen sprang ein: „Jetzt ist hier aber mal Ruhe! Jetzt wird geschlafen! Ich will jetzt nichts mehr hören!“ 
„Ja, Mama.“ antworteten wir im Chor. Das Gewitter ließ von ganz weit weg noch einmal zart von sich hören, die Atemzüge meiner Frau wurden ruhiger, ich gähnte herzhaft und versuchte zum x-ten Male, einzuschlafen. Gerade eben glitt ich glücklich in Morpheus' Arme, fühlte mich wohl und zufrieden, als ein kindlicher Arm plötzlich und unerwartet Kontakt mit meiner Nase aufnahm. Ich schrie gepeinigt auf und schaute Prinz Haudrauf vorwurfsvoll an. Dieser schrie seinerseits erschrocken auf und sprang von mir weg, geradewegs auf seine Schwester, die sich natürlich ebenfalls lauthals beschwerte. Jetzt war es genug! Mit dem Hinweis auf das längst entschwundene Gewitter schickten wir die Brut wieder zurück in ihre eigenen Betten, damit wir wenigstens noch ein kleines bisschen Schlaf bekommen würden. Mit hängenden Köpfen, sich gegenseitig die Schuld zuweisend, tippelten vier nackte Füße hundemüde aus dem Schlafzimmer. Zwei Türen klappten leise in die Schlösser. Meine Frau und ich waren wieder allein. Todmüde schmiegten wir uns aneinander, schlossen die Augen und…
Der Wecker klingelte! Selten habe ich mich derart darüber geärgert wie an diesem viel zu frühen Morgen. Aber die Pflicht rief, und sie hörte einfach nicht auf damit!

Als ich nach meinen morgendlichen Ritualen und Geschäften in Bad und Küche fertig war, schaute ich noch einmal nach meiner kleinen Familie, bevor ich in der grauen Morgendämmerung eines verregneten Tages das Haus Richtung Arbeitsmühle verließ. Meine Frau schlummerte selig. Ein Bild des Friedens. Ich beneidete sie.
Mein Sohn schlief tief und fest, eingewickelt in seine Decke, leise schnarchend. Und auch meine Tochter bemerkte nicht einmal, dass ich bei ihr war. Ich ließ die beiden schlafen, aber glaubt mir, geschätzte Leser: Es fiel mir schwer!

Mittwoch, 22. Juli 2015

Die Wahrheit...

„Kindermund tut Wahrheit kund!“ sagt der Volksmund, und der muss es ja wissen. Ich allerdings inzwischen auch.

Sich mit Kind und Kegel durch die Gesellschaft zu bewegen ist mal gar nicht so einfach, wie es aussieht. Natürlich sollen die Kinder äußerlich schon mal einen guten Eindruck machen, und so werden sie in saubere Klamotten gestopft, die Haare gebürstet und die Gesichter geschrubbt. Aber natürlich sollen die Kinder auch durch eine gute Erziehung glänzen, weshalb Vater und Mutter abwechselnd oder gemeinsam vor dem Nachwuchs stehen und von gutem Benehmen, der Wichtigkeit der Worte „Bitte“ und „Danke“ und über so komplizierte Dinge wie „Rücksichtnahme“ dozieren. Ein bisschen was bleibt über die Jahre ja auch hängen. Bis dahin müssen wir Eltern ab und an aber auch Blut und Wasser schwitzen.
 
Da stehe ich zum Beispiel unschuldig mit Sohnemann in der Schlange vor der Kasse und überschlage im Geiste schon mal die horrende Summe, die zu übereignen ich in wenigen Augenblicken gezwungen sein werde, als mein Blick auf oben angeführten Thronfolger fällt. Er hat sich gerade sehr interessiert umgeschaut, und ich erkenne an gewissen subtilen Hinweisen in seiner Mimik, dass sich in seinem kleinen, klugen Hirn ein Gedanke formt, der an die Oberfläche drängt. Aber noch bevor ich regulierend eingreifen kann, spricht Prinz Lautstark seine Meinung frei aus: „Die Frau ist aber dick!“ Etwa ein halbes Dutzend Umstehende schnappt entsetzt nach Luft, mir selbst fällt alle Farbe aus dem Gesicht. Mein Blick gleitet zur vor uns stehenden Dame, dessen Umfang, offen gesagt, in der Tat nicht so einfach zu übersehen ist, während meine Ohren und Wangen nach anfänglicher Leichenblässe nunmehr rotglühend von der allgemein greifbaren Peinlichkeit beredte Kunde geben. Meinen ersten Instinkt, den Schuldfinger anklagend unserem Aushilfs-Hiob entgegenzustrecken, unterdrücke ich mit Mühe und versuche stammelnd, mich bei der gewichtigen Dame zu entschuldigen. Glücklicherweise gehört sie zu jener Sorte Menschen, die nicht vergessen haben, dass auch sie mal kleine Kinder waren: „Ach, lassen Sie nur. So sind Kinder. Und er hat ja auch ein bisschen Recht.“ Und mit einem Grinsen und Lachen greift sie nach ihren Einkäufen und verlässt den Ort des schändlichen Verbrechens. Prinz Ichsagdochnur kommt natürlich so einfach nicht davon. Nachdem sich die zuschauende Menge wieder ihrem eigenen Treiben zugewandt hatte und ich um etliche Euros ärmer geworden bin, versuche ich ihm, einige Dinge zu erklären: „Sowas sagt man doch nicht!“ „Ja, aber die war doch dick!“ Womit wir mitten im Thema „Rücksichtnahme“ und „nicht immer alles sagen, was man denkt“ wären. Einem Erstklässler so komplexe Themen beizubringen, braucht dann doch ein wenig Zeit. Aber ich glaube, die eine oder andere Argumentation ist bei ihm schon hängen geblieben Solche Argumente wie „Wenn du nochmal so frech bist, gibt es eine Woche Computerverbot!“ . Denn inzwischen neigt er dazu, uns die Dinge, die ihm an anderen Menschen auffallen, ins Ohr zu flüstern. Nur an der Lautstärke müssen wir noch arbeiten.

Wer nun glaubt, dass nur Leute außerhalb der familiären Bande Ziel solch ungebremster Wahrheiten sind, muss sich eines anderen belehren lassen.
 
Sogar einem fleißigen Bienchen wie mir ist es ab und an vergönnt, einige Tage meinem ansonsten so geliebten Arbeitsplatz fern zu bleiben und mich meinen häuslichen Pflichten und meiner Familie zu widmen. In dieser Reihenfolge. Tatsächlich ereilte mich jenes glückliche Schicksal unter anderem letzten Dienstag, als die Sonne warm schien und die ganze Stadt vor der Tür zu finden war. Außer mir natürlich, denn ich hatte Küchendienst. So wirbelte ich mit Wischlappen, Geschirrtuch und einem Liedchen auf den Lippen durch mein kleines, sehr persönliches Paradies und versetzte Herd, Arbeitsfläche und Spüle wieder in einen glänzenden Zustand, als ich bemerkte, dass der Mülleimer die Grenze seines Fassungsvermögens schon vorgestern erreicht hatte. Es ist für uns als Eltern selbstverständlich, dass auch die Kinder ihren Anteil an der Hausarbeit erledigen, also rief ich nach Prinzessin Immerich und drückte ihr die pralle Mülltüte in die Hand, zusammen mit genauen Anweisungen, was sie damit zu tun hatte: „Bring das doch bitte mal in die Mülltonne mit dem gelben Deckel.“ „Ja. Die braune oder die graue?“ „Gelb, mein Hase, gelb! Das ist die Tonne ganz rechts außen.“ „Ja, also die blaue. Oder?“ „Sag mal, willst du mich veräppeln?“ „Nein?“ „Also bitte, die mit dem gelben Deckel.“ Und als ich Prinzessin Weißichnicht die Mülltüte übergab, passierte das, was einem Mann einige Stunden nach einer herzhaften Mahlzeit gerne mal passiert, und worüber es eigentlich auch keine großen Worte zu verlieren gab, denn immerhin passierte es a) bei geöffneten Fenstern und Türen und b) in der heimischen Küche und c) (sehr wichtig!) nicht in einem hermetisch verschlossenen und vollbesetzten Fahrstuhl. Kurz: Ich entließ ein wenig überschüssigen Luftdruck aus den hinteren Bereichen meines Verdauungssystems, und zwar hörbar. Jeder andere Mensch, insbesondere einige Familienmitglieder, die ich kenne, hätten dieses flüchtige Ereignis nicht oder nur ausgesprochen beiläufig zur Kenntnis genommen. Meine über alles geliebte Tochter dagegen stürmte mit wehendem Müllsack aus dem Haus und brüllte quer durch die Straße:
„Papa hat gefurzt! Juhu!“
Die Nachbarn von allen drei Seiten, einige bisher unbescholtene Passanten sowie ein zufällig anwesender Postbüttel grinsten über alle vier Backen, während meine viel zu mitteilungsfreudige Tochter die Mülltüte mit Schwung in die blaue Tonne beförderte, was ich hinwiederum beobachtete und ihr eilends und ein wenig genervt folgte, um die Tüte in die richtige Tonne umzuschichten. Das Grinsen zahlloser Beobachter folgte mir auf dem gesamten Weg aus der Haustüre heraus, über den Hof, zu den Mülltonnen und zurück. Ihr Pharisäer! Als hättet ihr noch nie Darmwinde brüllend in die weite Welt entlassen! Ha!
Auch hier war ein klärender und lehrreicher Vortrag über „Rücksichtnahme“ und „Was man besser nicht hinausposaunt“ dringend angebracht und wurde von mir mit Nachdruck geführt: „Hast du mich verstanden?“ „Ja. Was?“ 
Nun ja, sie ist noch nicht ganz im schulpflichtigen Alter. Da werde ich wohl noch so einige Gespräche führen müssen. Aber bis dahin klemme ich mir die Sitzfläche zu, solange meine Tochter in Hörweite ist!

Dienstag, 7. Juli 2015

Ein echtes Mädchen, irgendwie...

Unsere Tochter ist schon ein Früchtchen. Eigentlich ist sie ja unsere Prinzessin, und alles an ihr schreit auch mehr oder weniger deutlich „Achtung, hier kommt ein Mädchen!“ Blonde, lange Haare, blaue Augen, ein niedliches Lächeln und ein hübsches Gesicht. Gut, die eigenen Kinder sind immer die schönsten, aber in diesem Falle bin ich durchaus überzeugt, dass auch unvoreingenommene, objektive Beobachter unsere Tochter als wohlgestalt bezeichnen würden.
Allerdings hat unsere Prinzessin einige absolut ganz und gar nicht mädchenhafte Züge. Dazu zählen zum Beispiel unzählige blaue Flecken und ein undurchdringliches Muster an Kratzern und Macken an allen Extremitäten, die sie sich auf ihrem Weg durch sämtliche Hecken und auf alle Bäume dieser Stadt hart und ohne Murren erarbeitet hat. Zuweilen stammen diese Blessuren aber auch von den Lektionen, die sie jenen unwissenden Knaben erteilt, die bis dahin glaubten, ein schwaches Mädchen ärgern zu können.
Die schnelle Rechte unserer Tochter ist im Kindergarten inzwischen ebenso bekannt wie gefürchtet!
Und wenn sich unsere kleine Tochter dann einmal am Tag in das Kachelzimmer zurückzieht, sind hinterher umfangreiche Renovierungsmaßnahmen notwendig, weil nicht nur sämtliche Kacheln von der Wand fallen, sondern auch Fenster und Spiegel erblindet sind. Weitere Details möchte ich dem Leser hier ersparen. Ich möchte hier nur noch ihren Großen Bruder zitieren, der empört und ganz grün im Gesicht fragte: „Sag mal, spülst du denn nicht runter?“
Es gibt allerdings eine charakterliche Eigenart, die unsere Tochter sehr eindeutig und ohne Zweifel zu einem echten Mädchen macht.

So langsam fällt mir eine gewisse Regelmäßigkeit auf. Etwa alle zwei Monate müssen wir mit Prinz Weißichschon und Prinzessin Ichauch unseren örtlichen Händler für Schuhwerk besuchen, um die Hufe der Kinder neu besohlen zu lassen. Man hat zuweilen den Eindruck, dass unsere Sprösslinge wachsen wie Unkraut, vor allen an den Füßen. Vor einigen Tagen war es dann auch wieder so weit, dass wir Sohn und Tochter in die Innenstadt entführen mussten, weil das alte Schuhwerk teils in seine Einzelteile zerfiel, teils aber auch unerklärlicherweise und überraschend geschrumpft war.
Lassen wir mal Prinz Ichkanndasschon beiseite. Bei ihm verlief der Schuhkauf so, wie man es von einem zukünftigen Mann erwarten kann. Schuh ist dunkelblau oder schwarz, sieht annähernd sportlich aus und passt. Bezahlen (lassen), fertig.
Bei meiner Tochter stellte sich das ganze nicht ganz so einfach dar. Wie könnte es auch anders sein? Immerhin ist sie der femininen Hälfte der Gattung Mensch zuzurechnen.
Zunächst musste die richtige Größe festgestellt werden. Im Grunde ist das auch nicht schwer, denn in jedem Schuhladen, der was auf sich hält, existiert mindestens eines dieser Dinger, die aussehen wie eine Mischung auch Hackbrett und Schieblehre und mit denen sich die Schuhgröße exakt feststellen lässt. Vorausgesetzt, gnä‘ Frau schaffen es, wenigstens mal eine einzige kurze Sekunde ruhig still zu stehen. 
„Nein, die Hacken müssen ganz nach hinten. Die Hacken sind hinten an den Füßen. Dreh dich bitte um! Noch ein kleines Stück nach hinten, Schatz. Du sollst nicht von dem Ding steigen! Komm zurück! Stillhalten! 32! Nein, 29! 30? Och, nun halt doch mal still!“ 
Und so weiter, und so fort.
Letztlich einigten wir uns nach etlichen Versuchen und ebenso zahlreichen Schätzungen im Schnitt auf Schuhgröße 30. Meine Frau und ich parkten lieb Töchterchen vor dem hauseigenen Kinderkanal, wo sich ihr Bruder bereits heimisch eingerichtet hatte, und wuselten durch die Gänge, auf der Suche nach hübschen und passenden Schuhen für junge Damen. Wir stellten eine Auswahl praktischer Schuhe zusammen und führten sie Prinzessin Dasgefälltmirnicht freudestrahlend vor. Nun ja, alle Schuhe fielen durch. Jene waren zu bunt, diese zu blau, andere nicht rosa genug, und hier war ja gar kein Filly drauf! Also nochmal das ganze….
Nein, diese sind so spitz, jene zu doof, und gibt es denn kein Hello Kittie?
Etwa elf verschiedene Paar Schuhe (ausschließlich Größe 30) später war unsere königliche Schuhkäuferin zumindest hinsichtlich des Designs einigermaßen zufrieden gestellt. Sie entschied sich für rosa-farbene, flache Schuhe in sportlichem Design, mit einem gefälligen Filly-Motiv und mit reichlich Löchern, aber ohne Schnürsenkel. Sehr schön.
Wie eben gerade gemessen, sollte Schuhgröße 30 also passen, aber wir probieren besser nochmal an. Schuhgröße 30 war zu groß! Meiner Frau, die sich schon beinahe auf dem Heimweg wähnte, stiegen die Tränen ins Auge. Wir kramten in den Regalen nach dem Modell in Größe 29, jubelten verhalten, als wir es wider aller Hoffnung fanden, und nagelten einen der Schuhe an den töchterlichen Huf. Der Schuh war zu klein! Ich knirschte mit den Zähnen, beruhigte meine Frau und begab mich anschließend auf die Suche nach weiteren Schuhen, die vielleicht sogar passen würden. Aber jene waren unpraktisch, diese einfach nur hässlich, die da drüben gab es nicht mehr in der passenden Größe, und die hier vorne schieden ganz aus.
Währenddessen machte Prinzessin Ichwillaber unmissverständlich und vernehmlich klar, was sie wollte: Diese Schuhe nämlich, die ihr doch, trotz richtiger Größenprägung an der Sohle, ein gutes Stück zu groß waren. Die wollte sie haben. UN-BE-DINGT!

Meine liebste Frau und ich beratschlagten unter großer Geheimhaltung und mit viel Getuschel, was nun zu tun sei. Keiner von uns beiden hatte noch Lust, weitere Schuhläden zu besuchen, zumal es in unserer Stadt zwar unzählige Verkaufsstellen für Damenschuhe, aber nur ein recht geringes Angebot an Kinderschuhen gibt. Wir schauten uns das Objekt der töchterlichen Begierde noch einmal genauer an. Löcher. Für Schnürsenkel… Aber es sind eigentlich keine Schnürsenkel vorgesehen, für dieses Modell. Eigentlich… Und die Füße unserer derzeit noch recht kleinen Madame wachsen jeden Tag ein bisschen. Es wäre also nur eine Frage der Zeit, wann die Schuhe perfekt passen würden.
Der Plan war gemacht: Die Schuhe bekommen Schnürsenkel! Unsere Tochter belohnte uns mit einem strahlenden Lächeln der Marke „Wusste ich es doch!“, als wir ihr unsere Entscheidung, eben diese gewünschten Schuhe zu erwerben, mitteilten. Was hatten wir doch für ein Glück! Irgendwie…
Von da an ging alles sehr schnell. Die bummelig zwei Dutzend Paar Schuhe, die wir aus den Regalen entführt und vor dem Thron unserer Tochter aufgetürmt hatten, wurden wieder mit ihren Regalliegenachbarn vereint, unser Sohn vom Schuhladenfernsehen enteist und an die Hand genommen und unsere Tochter davon überzeugt, die alten Schuhe zum Abschied noch ein einziges Mal zu tragen. An der Kasse übereigneten wir unsere kümmerlichen Reichtümer im Austausch gegen ein Paar Schuhe für echte Kerle, ein Paar Schühchen für kleine Zicken sowie ein Paar pinker, passender und sauberer Schnürsenkel, und schon traten wir mit unserer Beute stolz den Heimweg an, wo Sohn und Tochter stolz und in aller Ausführlichkeit ihre schönes, neues, sauberes Schuhwerk diversen Omas und Opas präsentierten. Perfektes Glück..!

Nur zwei Tage später sahen die Schuhe schon wieder irgendwie alt und abgetragen aus. Kinder eben…


Mittwoch, 1. Juli 2015

Das Lied von Eis und Feuer

Eines meiner liebsten Hobbies ist ja das Lesen. Ich glaube, ich schrieb das schon mal irgendwo. Dabei fängt das Vergnügen ja schon an, wenn ich im Buchladen meines Vertrauens stehe und das nächste Werk, das zu lesen ich beabsichtige, sorgfältig auswähle. Es gibt ja Menschen, die sich dabei von irgendwelchen Bestseller-Listen oder Bewertungen leiten lassen. Das sind sicher nicht die schlechtesten Entscheidungshilfen, wenn man so gar nicht weiß, was man lesen soll, aber ich brauche so etwas nicht. Ich konsultiere das Titelbild und den Klappentext und ignoriere die auf der Rückseite gedruckten Lobeshymnen. Gefällt mir, was ich das lese und sehe, blättere ich bis zum Prolog oder dem ersten Kapitel. Ein Buch, das mich hinsichtlich Thematik und Klappentext interessiert, muss es nun schaffen, mich mit den ersten Sätzen zu überzeugen. Wenn mir der Schreibstil des Autors (oder des Übersetzers, auch das macht viel aus!) gefällt, ist das Buch so gut wie gekauft.

Vor einigen Wochen musste ich doch tatsächlich ein wenig Zeit in der Stadt überbrücken, bevor mich mein nächster Termin erwartete. Ich nutzte die Zeit und ging in eines meiner Lieblingsgeschäfte, ein Buchladen. Wie könnte es anders sein?
Ich suchte nach neuen Abenteuern, vielleicht in einer Richtung, die ich bisher noch nicht oder doch nur wenig gelesen hatte. Fantasy hatte ich reichlich, auch Science Fiction, daneben aber auch eine ganze Menge Krimis, Dramen und sogar einige Familiengeschichten. Lustiges lese ich besonders gerne, aber eben auch spannendes, besinnliches, philosophisches. Die Auswahl war also alles andere als leicht. Ich wollte etwas neues, also schloss ich die mir bekannten und geliebten Autoren erst mal aus, sonst wird es nicht neu. Umberto Eco blieb links liegen, von Douglas Adams hatte ich auch schon reichlich und gern gelesen, selbst meinen verehrten Terry Pratchett beachtete ich dieses eine Mal nicht, obwohl es mich doch einige Überwindung kostete. Ich suchte nach einer neuen Welt mit Figuren, von denen ich noch nie gehört hatte. Und tatsächlich fand ich einen Roman, der in einer Fantasiewelt spielte, zu einer Zeit, die man wohl am besten mit unserem Mittelalter vergleichen könnte. Es gab Könige, Ritter, Schwerter und Lords und Ladies, aber eben auch einige auf unserer Welt eher seltener zu beobachtende Wesen wie Untote oder Drachen. Schon die ersten Zeilen dieses Romans waren irrsinnig spannend, und von dem Autoren hatte ich bisher weder gelesen noch gehört.
Ich hatte mein nächstes Buch gefunden, und wie ich der langen Reihe im Regal entnehmen konnte, gab es da noch einige Bände mehr.

Mit diesem kleinen Schatz in den Händen nahm ich zunächst meinen Termin in der Stadt wahr, um dann möglichst schnell auf das heimische Sofa zu eilen, wo ich endlich tief in diese mir noch völlig unbekannte Welt eintauchen konnte. Mit jeder Zeile vertiefte ich mich noch ein bisschen weiter in die Geschehnisse, las und hörte von Schwertkämpfen, roch den Moder in der Stadt, diskutierte mit Lords und Ladies, sodass ich schon ein wenig ungehalten reagierte, als es plötzlich und unvermittelt an der Tür klingelte. Ich hätte ja gerne eines meiner Mündel ans Tor geschickt, aber ich hatte ja weder Mündel noch Tor. Na ja, es gibt ja Lesezeichen.
Vor der Tür stand unsere gute Freundin, die sich schon Tage vorher angekündigt hatte, was ich aber angesichts der Abenteuer in meinem frisch erbeuteten Roman völlig vergessen hatte. Eben jene Freundin entdeckte dann auch sogleich den Roman, den ich auf dem Tisch hatte liegen lassen, und war sofort Feuer und Flamme:
„Habt ihr die Serie schon gesehen? Ich kann sie euch mal mitbringen.“
„Welche Serie? Ich hab das Buch doch gerade erst gekauft!“
„Na, Game of Thrones! Da sind doch schon vier Staffeln gelaufen, und die fünfte kommt jetzt auch bald!“
Ich verstand kein Wort. Geduldig erklärte unsere Freundin mir, was es mit diesem „Game of Thrones“ auf sich hatte, wie berühmt die Serie doch sei, und dass wir offenbar weit hinter dem Mond wohnten, wo doch praktisch jeder die Serie kenne. Außer mir natürlich…

Der mir vollkommen unbekannte Autor war also niemand anderes als George R.R. Martin, und das Buch, das mir so außerordentlich gefallen hatte, war „Das Lied von Eis und Feuer – Die Herren von Winterfell“, der erste Band der Reihe, die auf Englisch eben „Game of Thrones“ heißt. Wer hätte das gedacht? Damit erklärten sich auch die anderen neun Bände, die noch im Regal im Buchladen standen, und die inzwischen längst den Weg in unsere eigene bescheidene Bibliothek gefunden haben.
 
Diese kleine Geschichte trug sich vor nun vier Wochen zu. Inzwischen stehen natürlich alle zehn Bände dieses erstaunlichen Epos im Regal, gleich neben der Scheibenwelt und dem Herrn der Ringe. Länger habe ich tatsächlich nicht gebraucht, um die spannende Geschichte um die Lennisters, den Eisernen Thron und der wunderschönen Daenerys zu verschlingen. Es ist natürlich das Verdienst des Erfinders dieser Welt, George R.R. Martin, der die Schicksale erdacht und zwischen den Buchdeckeln eine großartige Welt erschaffen hat. Es ist aber auch das Verdienst des Übersetzers Andreas Helweg, der Martins Ideen, Beschreibungen und Gedanken hervorragend aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat.
Zehn Bücher lang fieberte ich mit Lords, Sers, Ladies mit, sorgte mich um eine ganze Reihe von Huren und Bastarden, bewunderte den Mut vieler Ritter und verfluchte die Taten der Verräter. In jeder freien Minute verschlang ich die Schicksale von Arya, von Tyrion, von Jon Schnee und Sansa Stark. Ich liebte Daenerys und hasste Joffrey und Ramsay Bolton. Ich sah Westeros vor mir, wanderte durch die Straßen von Königsmund und segelte durch die Sklavenbucht. Viele Helden, von denen ich es nicht erwartet hätte, starben auf vielfältige Art und Weise, viele Schurken, denen ich den Strick an den missratenen Hals wünschte, überlebten hingegen. Und immer mehr verstrickten sich Schicksale, kamen Intrigen ans Licht und wurde Vertrauen erst gewonnen, dann gebrochen. Zehn Bände lang habe ich mich gefragt, wie die Geschichte ausgeht. Und jetzt gerade, vor ein paar Minuten erst, habe ich die letzten Sätze des letzten Bandes gelesen. Aber ich weiß immer noch nicht, wie die Geschichte endet! So viele Fragen sind noch offen. Was passiert mit der Königin Regentin? Kommt die Drachenkönigin über das Meer? Wo ist der Königsmörder? Und wo die Jungfrau Brienne? Aber die wichtigste Frage ist: Wann kommt Band elf? Und wann Band zwölf?
Jetzt, wo ich die Bücher gelesen habe, schaue ich mir die Serie an. Ich bin gespannt.

Wen das Lied von Eis und Feuer interessiert, der besuche den Buchladen seines Vertrauens. Ich selbst kann das Werk nur wärmstens empfehlen.