Mittwoch, 25. Juni 2014

Dezi-Bell!

Dass sich die Geschmäcker von Kindern innerhalb kurzer Zeit öfter mal ändern können, ist kein Geheimnis. Aber manchmal überrascht es mich, welche Geschmäcker unsere beiden Augäpfelchen so entwickeln. Nachdem Prinz Willichaber in den zurückliegenden Wochen am liebsten die Geschichten um Leo Lausemaus verschlungen hat, wandte er sich vor gar nicht so langer Zeit urplötzlich und völlig unerklärlich den Gesangeskünsten von Santiano zu. Seither hören mein lieb Frauchen und ich immer wieder „Ich will Santiano hören!“, sobald irgendwo auch nur ansatzweise Musik zu hören ist. Nun ja, es gibt schlimmeres. 
Und natürlich ist dort, wo Prinz IchbinderBestimmer seinen Willen lautstark kundtut, seine kleine Schwester Prinzessin Ichauch nicht weit entfernt und fordert gleiches oder ähnliches für sich. 
Obwohl meine Frau und ich gerne und viel Musik hören, und obwohl wir gerne die Wünsche unseres Nachwuchses berücksichtigen, waren wir irgendwann doch ein wenig von der Einseitigkeit der Musikvorlieben unseres Juniors und seines Schattens leicht genervt. Und dann hatte ich eine hervorragende Idee! 
Junior und Juniorette hatten ja nun schon seit einiger Zeit eigene Lärmerzeugungsgeräte mit Radio und CD-Player in ihren Zimmern stehen. Bisher wurden diese Geräte genutzt, um gegen Abend (und damit allgemeiner Schlafenszeit) den Kindern automatisiert Schlaflieder ins Ohr zu säuseln. Eine Bedienung durch Kinderhände war zwar möglich, bisher aber nicht vorgesehen. Aber das kann man ja ändern. 
Die Segnungen moderner Technik versetzten mich mittels Multimedia-PC, einer gar nicht mal so kleinen Musiksammlung und eines CD-Grills in die Lage, individuell auf die kindliche Ohren und Geschmäcker zugeschnittene Audio-CDs zu brutzeln, die uns in einer recht nahen, herrlichen Zukunft ermöglichen würden, endlich wieder dem eigenen Musikgeschmack mit Hingabe zu folgen. Ich befragte also sowohl unseren Santiano-Jünger als auch seinen schwesterlichen Papagei nach ihren Musikwünschen und erstellte aufgrund des Gehörten eine Liste von Musikstücken, die ich dann natürlich auch gewissenhaft in das runde Gemisch aus Polycarbonat und Aluminiumbeschichtung gravierte. Was für mich nur einige wenige Klicks auf dem Computer waren, machte mich in den Augen meines Nachwuchses zum gottgleichen Magier der Töne! 
Ich unterwies meine beiden Jünger in den Gebrauch ihrer Radiogeräte und war nicht wenig erstaunt, als ich erkennen musste, dass beide bereits genauestens Bescheid wussten über Eject-Taste, CD-Funktion und Equalizer. Sie rissen mir ihre neuen Silberscheiben aus der Hand, warfen mich aus ihren Zimmern und wandten sich ihrem neuen Spielzeug zu. Nur wenige Augenblicke später ertönte aus dem Zimmer meines Sohnes ein Potpourri der größten Erfolge Santianos, während aus dem Zimmer meiner Tochter statt dieses schnöden Gedudels sofort Adeles unverwechselbare Stimme sanft durch den Äther schwang, gefolgt von AC/DC und den Rolling Stones... 
Ich überließ unsere Kinder ihren Hörgenüssen und begab mich ins elterliche Wohnzimmer, um einige der dringenderen Facebook-Posts hingebungsvoll zu würdigen, während lieb Frauchen sich konzentriert diverser Handarbeiten hingab. Es war eine Zeit des Friedens! 
Ich blickte gerade durch das Fenster in einen herrlichen, blauen Himmel, als es urplötzlich und irrsinnig laut donnerte! Gleich darauf erschütterte ein erstaunlich rhythmisches Erdbeben unser kleines Häuschen bis in die Grundfesten! Unsere Katze verließ panisch ihren Kratzbaum und trat die Flucht Richtung Balkon an, meine Frau sprang mit entsetztem Gesicht von ihrer Handarbeit auf und ich selbst biss vor Schreck in die Tastatur. Als anerkanntes Familienoberhaupt und traditioneller Beschützer der Familie war es natürlich meine erste und dringendste Aufgabe, unser Augäpfelchen aus der Naturkatastrophe zu retten, die da so urplötzlich und aus im Sinne des Wortes heiteren Himmel über uns hereingebrochen war. So stürzte ich mit schreckgeweiteten Augen, einer Überdosis Adrenalin im Blut und einer Taschenlampe in der Hand zu den Kinderzimmern, zur heroischen Rettung von Sohn und Tochter! Auf dem Weg dorthin erfasste mich ein weiteres seltsam gleichmäßiges Erdbeben, das die Türen in ihren Angeln erzittern ließ. Offenbar näherte ich mich dem Epizentrum der Erschütterungen. Mit Mühe drückte ich die Tür des töchterlichen Verwahrgelasses auf und erkannte mit Erstaunen, dass Prinzessin Ichauch mit verzücktem Gesicht vor dem zitternden und dröhnenden CD-Player stand und dem infernalischem Lärm von „Highway to hell“ andächtig lauschte. Die Haare wehten wild auf dem Kopf hin und her, die Augen glänzten, der Mund grinste über sämtliche Backen! Mit einem Aufschrei stürzte ich mich auf den Lautstärkeregler und kurbelte ihn mit aller Kraft zum Nullpunkt. Meine Tochter erwachte aus der Hörstarre und schaute mich mit finsterem Blick an. Ich zog den Stecker der Höllenmaschine und bedeutete meiner Irren, sich nicht einen Millimeter zu bewegen, während ich mich in dumpfer Vorahnung dem Kern des heftigen Gewitters näherte, das ein Stockwerk höher zu toben schien. Die Tür zur Höhle unseres Sohnes erzitterte in ihren Angeln, als der nächste Donner vehement durch das Haus rollte. Ich öffnete und entdeckte meinen Sohn mit glänzenden Augen und breitem Lächeln auf dem Gesicht mitten im Raum: „SAN TI-AAAAAA-NO!“
Sein Radiogerät erlitt das gleiche Schicksal wie das seiner Schwester: Ich zog den Stecker! Stille breitete sich aus, meine Ohren entrollten sich wieder, die Welt erhielt wieder Einzug in unser Panoptikum. Im Flur versammelte ich unseren Nachwuchs und hielt ihm einen flammenden Vortrag über Lautstärkeregler, Trommelfell-Verletzungen und früher Schwerhörigkeit. Ich würzte meinen Vortrag mit Beschwerden der Nachbarn sowie der Einwohner der Häuser zwei Straßen weiter, dekorierte meine Ausführungen mit möglichen Schäden an der Bausubstanz des Hauses infolge fortwährender Vibrationen und schloss mit dem feierlichen Versprechen, beide Radios umgehend in den Verwertungskreislauf zu geben, sollte sich eine solch infernalische Lärmentfaltung noch einmal auch nur andeutungsweise wiederholen! Alsdann führte ich meine beiden sichtlich beeindruckten Kinder wieder in ihre Zimmer und zeigte jedem, bis wohin genau der Lautstärkeregler gedreht werden dürfe. Prinz Santiano war sofort einverstanden und schob mich aus dem Zimmer, um das unterbrochene Konzert wieder aufzunehmen. Ich vermerkte durchaus positiv, dass die Lärmentwicklung in seinem Zimmer sich nunmehr auf einem annehmbaren Niveau befand. Töchterchen hingegen grinste mich freundlich an, schrie „JA, PAPA!“ und schob mich ebenfalls aus dem Zimmer. Nur wenige Sekunden später verkündete Adele der gesamten Stadt, dass ein Gerücht über ihren Partner umginge. Fenster und Türen erzitterten in der Verkündigung dieser Neuigkeit, während ich mit angelegten Ohren ihr Zimmer enterte und zum zweiten Mal den Stecker zog! „Och, Papa!!“ war ihre Reaktion. Und zum zweiten Mal hielt ich meinen Monolog über die Gefahren des Lärms und dann gleich noch einen über die schrecklichen Folgen von Ungehorsam. Das Radio dudelte leise und angenehm vor sich hin, als ich meine gebügelte und gefaltete Tochter verließ. Die Tür blieb offen. 

Während sich mein lieb Frauchen und ich wieder den routinemäßigen Aufgaben des Alltags widmeten, gewöhnten sich DJ Santiano und Missie Adele an den verminderten Schallsturm in ihren Zimmern und genossen letztendlich doch noch das neue Wunder der Musik aus der Konserve. 
Die CDs sind nun bummelig drei Tage alt, und noch immer verschwinden unsere beiden Nachwuchsmusiker mit Vorliebe in ihren Zimmern, um sich gegenseitig ihre CDs vorzuspielen und inbrünstig mitzusingen. Was bei englischen Texten noch ein wenig holprig klingen mag. Aber bei den deutschen Liedern singen sie allmählich die Profis an die Wand! 

Donnerstag, 12. Juni 2014

Die Wäschespinne des Schmerzes!

Der Sommer ist doch was schönes... Die Sonne scheint, die Kleider sind luftig, man kann sich genüsslich im Freien herumtreiben und man kann eine Menge Strom sparen! 

Das gute und warme Wetter der letzten Tage hat mein lieb Frauchen und mich davon überzeugt, dass es sich vielleicht doch lohnend würde, eine neue Wäschespinne anzuschaffen. Bislang trocknen wir unsere Wäsche auf Wäscheleinen in den abyssalen Tiefen unseres Kellers oder eben im elektrischen Heißluftstrom unseres Trockners. 
Angesichts der zu erwartenden Reichtümer infolge des künftigen, erheblichen Minderverbrauches an Strom und in Anerkennung und Würdigung der Qualität von einheimischen Produkten entschlossen wir uns zum Kauf eines gar nicht mal so billigen Markengerätes, das nicht nur unsere Kleidung zuverlässig auf der Leine halten würde, sondern auch dem Betrachter anzeigen würde: Hier sind Menschen, die Verantwortung für ihre Wäsche übernehmen! 
Als Mann und Herr im Hause in Teilarbeitszeit war es natürlich an mir, die mühselig erworbene Wäschespinne in den Garten zu verfrachten und sie in die Senkrechte zu stellen. 
Angesichts des klugerweise zeitgleich erworbenen, passenden Erdpfahls sollte das Unternehmen „Aufstellen“ kein Schwierigkeit darstellen. Der Erdpfahl wurde aus seiner umfangreichen Plastikumhüllung geschnitten und gerupft, ein Fleckchen Erde wurde zur Pfählung freigegeben, und schon ging es los. 
Der Erdpfahl stellte sich als Schraube dar, die mit Hilfe einer stählernen Stange in die Erde geschraubt werden sollte, und das möglichst gerade. Insbesondere letzteres war mal gar nicht so einfach, wie man glauben sollte. Kaum waren einige Umdrehungen in Richtung Erdmitte getan, stellte sich dieses vermaledeite Ding schräg. Also noch einmal neu ansetzen, das Augenmaß senkrecht gestellt und nochmal drehen. Das ging so lange gut, bis offenbar ein Stein der sorgfältig senkrechten Bewegung einen Tritt aus der Waage gab. Erdpfahl ausdrehen, Erde abklopfen, Loch bewundern, zehn Zentimeter ostwärts der dritte Versuch. Und siehe! Es klappte! Der Erdpfahl konnte bis in die vorgesehene Tiefe eingedreht werden und sah dabei erstaunlich gerade aus! 
Endlich konnte ich die Wäschespinne in den Erdpfahl setzen, ein bisschen zurecht rücken und mit Stolz das Ergebnis betrachten. Na gut, die Wäschespinne steht nicht vollkommen gerade da, aber wenn man an der einen Seite ein bisschen mehr Wäsche aufhängt, als auf der anderen, dann zieht sich das schon zurecht! Denke ich... 
Natürlich musste die Funktionalität des neu erworbenen Stromspargerätes ausführlich getestet werden: Spinne auf, Spinne zu, Spinne auf, Spinne zu... Bis mein lieb Frauchen mit dem ersten Korb Wäsche kam und wir einträchtig und lachend Stück für Stück unserer Leib- und Magenwäsche auf den neuen Leinen aufhängten.

Was für ein erhebender Anblick! Frisch gewaschene Wäsche weht da frei in Wind und Sonne und wird quasi für lau getrocknet. Aus dem Keller hörten wir leise das Schluchzen unseres Trockners. Nun, wir können ihn trösten: Der nächste Herbst kommt bestimmt! 

Eine Weile standen wir andächtig vor der Wäschespinne und sahen dem Sommer bei der Arbeit zu, bevor wir uns den weiteren täglichen Aufgaben widmeten. Wer hätte geahnt, dass eine Wäschespinne schmerzhafte Gefahren für uns, nein, für mich bereithielt? 
Der Tag verging, die Wäsche trocknete vor sich hin, und als die Sonne dem westlichen Horizont entgegen strebte, beschlossen lieb Frauchen und ich, gemeinsam die Wäsche von der Spinne zu nehmen. Ja, auch das ein Geheimnis erfolgreicher Partnerschaft: Gemeinsame Erlebnisse schaffen! 
Frohgemut schnappte ich mir ein Handtuch von der Größe Schleswig-Holsteins, packte es knapp unterhalb der Wäscheklammer und schrie sofort schmerzgepeinigt auf! Hat mich doch ein ignorantes Insekt ohne Vorwarnung in den Zeigefinger gestochen! Ich weiß nicht, welches Insekt da so brutal war, denn Tränen des Schmerzes und der Überraschung trübten meinen Augenlicht augenblicklich, ich hielt den Finger fest und schnürte ihn dicht unter der Verletzung am ersten Glied ab. Sofort begann ich mit Erste Hilfe Maßnahmen und saugte das schreckliche Gift aus dem Finger, während ich zeternd um die Wäschespinne tanzte. Mit dem Schrei „Zwiebeln!“ weckte mich meine Frau aus der Agonie und scheuchte mich in die Küche. Unter unsäglichen Schmerzen klaubte ich eine Zwiebel aus dem Korb, teilte sie und drückte mir die feuchte Hälfte der Frucht auf den gemarterten Finger. Oh, welche Wohltat! Der Schmerz ließ augenblicklich nach. Ich trocknete meine Tränen, schnüffelte am zwiebligen Finger und bekam augenblicklich erneut einen feuchten Blick. Die Zwiebel meinte es ernst! 
Natürlich blieb ich tapfer! Das bin ich meiner Mitgliedschaft in der Spezies Mensch (männlich) schuldig. Mit von Zwiebeldämpfen umwölkten Blick und immer noch ein wenig geschockt vom Angriff des Killerinsekts taumelte ich zurück in den Garten und stellte mich erneut auf dem Schlachtfeld dem nächsten Insekt, das es wagen würde, den Stachel gegen mich zu erheben! Dieses Mal war ich vorbereitet! Aber das war gar nicht mehr nötig. Mein lieb Frauchen hatte bereits, ungeachtet tödlicher Gefahren der Insektenwelt, die Wäsche säuberlich abgenommen, die Wäschespinne in ein kompaktes Paket verwandelt und selbige unter das Dach gestellt, auf dass die Leinen sauber blieben. Ich versuchte noch, ihr den Wäschekorb abzunehmen, um wenigstens einen kleinen Teil zu unserem gemeinsamen Erlebnis beizutragen, aber das wollte sie nicht. Immerhin war ich ja verletzt! Womit sie ja auch nicht ganz unrecht hatte...


Mittlerweile ist nach einem Abend des Schocks und des Schmerzes und einer irgendwie unruhigen Nacht nur noch ein roter Punkt an der Einstichstelle und eine merkwürdige bläuliche Färbung meiner Fingerkuppe von meiner Auseinandersetzung mit dem unbekannten Insekt übrig geblieben. Aber ich denke, unter der wohltuenden und hingebungsvollen eheweiblichen Pflege werden auch diese Spuren der Schlacht bald vergangen sein. 

Mittwoch, 11. Juni 2014

Andere Länder...

...andere Fahrer. Ich weiß, wovon ich rede... 
Die unfallfreie Teilnahme am allgemeinen Straßenverkehr ist ja schon vor der eigenen Haustür ein fortwährendes Abenteuer. Die Herausforderungen, die Senioren mit Hut, Führerscheinneulinge, testosteronüberfüllte PS-Protze und dergleichen an uns Otto-Normal-Fahrer stellen, sind ja hierzulande schon groß genug. Jeder von uns kennt reichlich Beispiele von Kurzschluss-Überholmanövern, die doppelt soviel Leistung und freie Strecke wie vorhanden benötigen, kennt Schnecken auf der Autobahn und Oberlehrer hinter dem Steuer. Was könnten wir alle Geschichten davon erzählen! Und was sind da nicht schon irrsinnige Geschichten erzählt worden!
Mir kommt der hiesige Straßenverkehr hingegen schon beinahe erholsam vor, nachdem ich nun einige Monate weiter im Süden verbringen durfte. Viel weiter...
Tatsächlich hatte ich Gelegenheit, den Verkehr zwischen serbischer Bohnensuppe und Gyros mit allem und scharf aus nächster Nähe mitzuerleben. Das war nun wirklich ein Erlebnis.
Zunächst mal sind die Straßen dort im tiefen Süden schon im Aufbau nicht mit jenen vor unserer Haustür zu vergleichen. Die meisten von ihnen gleichen Schlaglochpisten, sind eng, unübersichtlich und schon seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr instandgesetzt worden. Wenn ich es recht bedenke... So groß ist der Unterschied zu unseren Straßen dann nun doch nicht. Allerdings stellen sich viele der Verkehrsverbindungen auf dem Balkan eher als das dar, was man hierzulande als Feldweg oder Pfad bezeichnen würde.
Teerdecken sind nicht überall vorhanden, aber sie breiten sich mittlerweile unaufhaltsam aus. Die Verwendung von Vorwegweisern, Gefahrenschildern und ähnlicher, hier zuhause geradezu profaner Beschilderung ist in weiten Teilen des Balkan ein noch sehr neues Konzept, sodass allein schon das Finden des richtigen Weges zum Abenteuer mutieren kann. So passiert es eben schon mal, dass man mit seinem Fahrzeug zwischen Weißichnicht und Irgendwo steht und mit Händen und Füßen, gelegentlichem Schreien und ohne passende Sprachkenntnisse versucht, einem ortsansässigen Kleinbauern eine Richtungsinformation zu entlocken. Es ist erstaunlich, wie unglaublich oft man dann trotz aller Sprachbarrieren an sein Ziel gelangt, ohne sich mehr als, sagen wir mal, eine halbe Tagesreise zu verfahren.
Sprachbarriere und bedauerlicher Straßenzustand sind aber nicht die einzigen Dinge, die das Fahren auf dem Balkan zum Abenteuer werden lassen. In der Regel sind es die anderen Verkehrsteilnehmer, die für häufig wechselnde Körpertemperaturen, unkontrollierte Lautäußerungen verschiedenster Art und spontane, inbrünstige Glaubensbekenntnisse jedweder Richtung sorgen.
Während sich das Verkehrswegenetz auf dem Balkan beständig weiterentwickelt, sind große Teile der Bevölkerung den alten Traditionen verhaftet geblieben. So gibt es neuerdings zwischen Tirana und Pristina eine moderne Autobahn inklusive bereits jetzt erkennbarer zukünftiger Upgrades mit Raststätten und Mautanlagen, das Konzept eines solchen Schnellweges ist aber noch nicht bei jedem Nutzer angekommen. Da nützen auch die Schilder mit einer grafischen Bedienungsanleitung nichts, die klugerweise in regelmäßigen Abständen entlang der Strecke aufgestellt wurden.
Autobahn mit Bedienungsanleitung! 
Die Autobahn wird konsequent ganz genauso benutzt, wie jeder andere Weg oder Pfad seit Jahrhunderten auch. Und so trifft man während der rasenden Autofahrt nicht nur auf andere Kleinfahrzeuge, Lastwagen und PS-Boliden, sondern auch auf Fußgänger und Pferdefuhrwerke. Natürlich unbeleuchtet und erheblich langsamer als der Rest der Verkehrsteilnehmer. Straßen werden dort überquert, wo es einem gerade passt. Der extra angelegte, gut beleuchete und deutlich sicherere Fußgängerüberweg nur wenige Meter weiter wird hingebungsvoll ignoriert.
Auch das Konzept der Errichtung einer Schnellstraße, um einen anderen Ort schnell zu erreichen, ist einigen Menschen auf dem Balkan noch nicht in den Sinn gekommen. Sie schleichen mit Geschwindigkeiten knapp über der einer rennenden Schildkröte über das Asphaltband und interessieren sich nicht die Bohne für all jene, die sie hupend und schreiend überholen. Wenn Buddha jemals ein Beispiel für innere Ruhe und Ausgeglichenheit gesucht hätte, er hätte es auf der Autobahn gefunden!
Überhaupt sind die fahrbaren Untersätze in jenem Landstrich zwischen Metaxa und Sliwovitz ein Kapitel für sich. Natürlich sieht man auch hier die neuesten Produkte der deutschen, italienischen oder französischen Automobilindustrie. Aber man sieht deutlich mehr Beweise dafür, dass der alte Krempel von damals heute immer noch funktioniert. Tatsächlich habe ich noch nie dermaßen viele VW Golf II auf den Straßen gesehen, wie dort! Und die meisten waren aus mir völlig unerklärlichen Gründen rot. Die Anzahl der Rostlauben geht ins Unermessliche. Beinahe jedes durchschnittliche Fahrzeug auf dem Balkan ist ein Beweis, dass Rost eben doch die verschiedensten Teile der früheren Autokonstruktion zusammenhalten kann. Und ich schreibe hier nicht nur von Kleinfahrzeugen! Bei den Lastwagen kommt zu dem allgegenwärtigen Rost, den unzähligen Beulen und Schrammen auch noch das beunruhigende Knarren von Blattfedern hinzu. Denn das zulässige Gesamtgewicht ist häufig nur eine unwichtige Zahl auf einem unbedeutenden (und wahrscheinlich ohnehin nicht existenten) Papier. Der normale Lastkraftwagen wird solange beladen, bis kein Platz mehr ist und die Achsen einen säuberlichen Halbkreis formen. Solange das fragliche Fahrzeug nicht nagelneu, hundsteuer oder beides ist, stellt das normale auf dem Balkan genutzte Fahrzeug, gleich, welcher Klasse, einen Alptraum für jeden TÜV-Prüfer dar.
Und als wäre dies alles nicht genug, um das Fahren auf dem Balkan zu einem immerwährenden Abenteuer zu machen, kommt dann noch dazu, dass auf dem Balkan zwar Verkehrsregeln existieren, sie aber meistens als gutgemeinte, aber nicht zwingend zu befolgende Ratschläge gelten. Überholt wird da, wo man genug Geschwindigkeit aufgebaut hat, um am Vordermann einigermaßen zügig vorbeizuziehen. Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten im Allgemeinen sowieso nur für solche Fahrzeuge, die ohnehin nicht schneller fahren können, Kutschen zum Beispiel. Parkverbote sind zwar ganz nett, gelten aber für alle anderen außer einem selbst. Und Einbahnstraßen sind Traditionsregelungen und haben absolut nichts mit der aktuellen Beschilderung zu tun. Recht hat, wer stärker, sturer oder selbstmordgefährdeter ist.
Eine defensive, vorausschauende Fahrweise, wie sie von führenden Fahrschulen hierzulande propagiert wird, ist auf dem Balkan der Garant, in der Einfahrt stehenzubleiben, bis die Karre auseinanderfällt. Nun, bei den dortigen Musterbeispielen von Optimistenautos* dauert das wohl nicht allzu lange.
In diesem Zusammenhang habe ich immer die Polizisten bewundert und ein wenig bedauert, die der Anarchie des Straßenverkehrs das Gesetzbuch unablässig und mit Inbrunst vorhalten. Ein Kampf gegen Windmühlen!
Erstaunlicherweise habe ich mich schnell an die ortstypischen Gewohnheiten im Straßenverkehr gewöhnt, und es machte mir sogar Spaß, ein wenig anarchisch durch die Welt zu fahren. Das führte zwar unweigerlich dazu, dass ich wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt wurde, aber ein Erlebnis war es trotzdem.
Nur die Umgewöhnung an den durchorganisierten, vorhersehbaren und meistens defensiven Verkehr in Deutschland fiel mir doch ein bisschen schwerer, als ich mir vorgestellt hatte. Nachdem meinem geliebten Eheweib zweimal innerhalb weniger Minuten die Haare zu Berge standen und ihre Farbton im Gesicht um einige Nuancen heller war als gewöhnlich, erinnerte sie mich deutlich daran, wo ich war: „SCHATZ! Du bist nicht mehr auf dem Balkan!“ Tja, da hatte sie wohl recht...

*Optimistenautos fahren mit Sprit, einem gehörigen Maß Hoffnung und jeder Menge inbrünstige Gebete.