Sonntag, 29. November 2015

Faszination Hörspiel

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Die Entwicklung unserer beiden Kinder auch nicht.

Wenn wir bisher längere Autofahrten gemacht haben, konnten sich Fürst Guckmalda und Lady HäWasistdas immer hervorragend auf ihren Rücksitzen beschäftigen, indem sie einfach die Wunder der vorbeiziehenden Welt andächtig beobachteten und kommentierten. Für noch längere Autofahrten hatte ich mal in einem Anfall von finanzieller Unzurechnungsfähigkeit ein mobiles DVD-Bildschirm-System erstanden, um den Kindern die Zeit mit Bob, dem Baumeister, Bibi Blockberg oder den gesammelten Kinoerfolgen von Walt Disney zu vertreiben.
Nun sind unsere beiden Thronfolger aber wieder ein Stück gewachsen, haben sich weiterentwickelt und, was die ganze Sache dann ein wenig komplizierter machte, sich eigene, recht unterschiedliche Interessen zu eigen gemacht. Diese unterschiedlichen Interessen führten in der letzten Zeit zu erheblichen Streitigkeiten auf den hinteren Sitzreihen, weil Lady IchwilleinPferdhaben die Sciencefiction Filme ihres Bruders „blöd“ fand, und Fürst Ichwilldasnichtsehen seinerseits Bibi Blocksberg total „langweilig“. Die mobile Verabreichung zweier unterschiedlicher cineastischer Kunstwerke ist aber auf unserem DVD-System technisch nicht vorgesehen. Es musste also eine Lösung gefunden werden. Die Möglichkeit, die Kinder am elterlichen Musikgenuss via Autoradio teilnehmen zu lassen, schied aus, das sich die Kinder unablässig und lautstark ihre eigene Musik wünschten. Und natürlich wollte Partei a) unbedingt Santiano hören, was Partei b) zu Unmutsäußerungen lautester Art veranlasste. Denn diese wollte natürlich AC/DC in Dauerschleife hören. „Oder Bibi und Tina!“, krähte sie. Die elterliche Musikauswahl wurde in seltener Einmütigkeit als „Uärgh!“ und „Langweilig!“ bewertet, jede Einspielung wichtiger Weltnachrichten mit „Müssen wir das hören? Können wir nicht was anderes?“
Wollten wir hinsichtlich der aktuellen Hitparaden und der neuesten globalen und regionalen Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben, musste nun wirklich dringend eine Lösung her!
Und sie präsentierte sich mir, als anerkanntem Unterhaltungstechniksachverständigem der Familie, in Form zweier abgelegter MP3-Player, die wir uns zugelegt hatten, einige Zeit, bevor wir erkannten, wie unglaublich praktisch Smartphones mit Streamingdiensten sind. Flugs holte ich die beiden Geräte aus der Versenkung, testete gewissenhaft die Funktionsfähigkeit beider und trommelte unsere beiden jungen Musikrezipienten im heimischen Wohnzimmer zusammen. Die Wartezeit, bis Prinz Dasistlangweilig und Prinzessin Dasistblöd aus ihren Gemächern in den improvisierten Lehrsaal diffundierten, nutzte ich, um beide Player mit einer erklecklichen Auswahl an Musik und kindgerechten Hörspielen zu beladen.
Kaum hatten sich Lord und Lady um mich herum versammelt, erklärte ich ihnen umfassen, langsam und deutlich die Funktionsweise ihrer neuen Spielzeuge, sowie im Besonderen die Verwendung der kleinen Kopfhörer und der Lautstärkeregelung.
Es war eine Freude, unseren beiden Schätzen dabei zuzusehen, wie sie ihre neuen Spielzeuge hingebungsvoll mit leuchtenden Augen ausprobierten und die Faszination Kopfhörer bis ins kleinste Detail auskosteten. Natürlich musste ich noch ein bis mehrere Male eingreifen, etwa um die Lautstärke auf ein erträgliches Maß einzupendeln, aber Sohn wie Tochter begriffen schnell die Funktionsweise jedes einzelnen Knöpfchens und freuten sich wie die Schneekönige über ihre jeweils ganz eigenen Musik- und Geschichtenwelten. Insbesondere die Hörspiele hatten es den beiden jungen, enthusiastischen Zuhörern alsbald angetan! Nach zehn Minuten Beobachtungszeit, in der sich in den Gesichtern und Körpern unserer Kinder nicht ein einziger Muskel regte, konstatierte ich mit Kennerblick: „Hörstarre.“
Meine geliebte Ehefrau und ich beschlossen spontan, diese ungewohnte Stille weidlich auszunutzen. Wir warfen uns auf das Sofa und wandten uns unseren Lieblingsbeschäftigungen zu. Während lieb Frauchen konzentriert und systematisch Wolle verknotete, schlug ich meinen Roman auf und begann zu lesen. Die herrliche Ruhe im Haus ließ mich schnell Raum und Zeit vergessen, und plötzlich sah ich Geronimo zu, wie seine Füße knapp über dem Boden schwebten1. Ich las von Dschinns, von Liebe und Verzweiflung, von Fanatikern, die die Welt aus den Fugen heben, und bald existierte nichts mehr außer der spannenden
„WEISST DU, PAPA!!!! IN DER GESCHICHTE, NÄ, DA IST SO EIN VOGEL!!!“
Mein Buch flog in hohem Bogen durch das Wohnzimmer, meine Frau verbog mit schreckgeweiteten Augen ihre Stricknadeln und mein Körper sprang auf, bevor ich selbst auch nur daran denken konnte. Mit einem Puls weit jenseits der Messskala und mit beiden Händen fest auf die Ohren gepresst, taumelte ich auf meinen entrückt grinsenden Sohn zu, der mir brüllend zu erklären versuchte, was an genau diesem Vogel so besonders war. Ich versuchte zunächst mit Zeichensprache, Meister Schreihals zu bedeuten, die Kopfhörer abzunehmen. Dies misslang natürlich gründlich, weil es dem menschlichen Megaphon natürlich derart wichtig war, mir die gerade gehörte Geschichte zu erzählen, dass er für alle anderen Reize absolut taub und blind war. Vorsichtig und mit der gebotenen Ruhe nahm ich ihm also selbst die Kopfhörer ab und erntete zunächst grenzenloses Unverständnis („Was machst du da?“), dann einen ausgesprochen vernichtenden Blick („Aber die Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende!“) und zuletzt völlige Resignation („Na gut, was willst du?“)
Prinzessin HexHex hatte von all dem nichts mitbekommen, weilte sie doch noch immer in der Hörstarre ihrer eigenen Geschichte. Ich hätte sie ja gerne weiter ihre Geschichte konsumieren lassen, aber wenn ich den Kindern beibringen wollte, dass man die Kopfhörer sinnvollerweise abnimmt, bevor man ein Gespräch beginnt, sollten sie schon in der Lage sein, mir zuzuhören. Ich nahm ihr also die Kopfhörer ab, was sie mit ihrem inzwischen altbekannten und von mir meist gehassten „Heeeej!“ quittierte. Aber es half ja nichts. Ich erklärte anschaulich unter Demonstration der immer noch schreckgeweiteten Augen meiner Frau und ihrer verformten Stricknadeln die Folgen plötzlichen Lärmausbruches, verdeutlichte den Effekt, den Kopfhörer auf die eigene sowie die Akustik der umstehenden haben, am eigenen Beispiel, und erklärte ihnen, was Knigge wohl davon gehalten hätte, hätte man ihn dermaßen angebrüllt. Meine Eleven nickten zu all meinen Ausführungen eifrig: „Ja, Papa!“
Und dann verschwanden beide MP3-Player mit den Kindern daran in ihren Zimmern. Wieder breitete sich himmlische, entspannende Ruhe aus. Ich sammelte meinen Roman vom Boden auf und nutzte den Frieden der Stille, die zitternden Nerven meiner Frau faltenfrei zu bügeln. Dann wandte ich mich wieder meinem Buch zu. Die Stille umfing uns. Und sie hielt an. Ganz offensichtlich waren Sohn und Tochter in ihren Zimmern wieder in Hörstarre gefallen.
Und gerade, als meine verstrickte Ehefrau und ich glaubten, doch einmal in den Kinderzimmern nachschauen zu müssen, ob Prinz und Prinzessin überhaupt noch vorhanden waren, hob eine lautstarke Unterhaltung an und dröhnte durch das Haus:
„WEISST DU, BEI MIR HABEN GERADE BIBI UND TINA…!!!“
„JA, UND BEI MIR SIND DIE PLAYMOS AUF EINER DRACHENINSEL…!!!“


Ich legte mein Buch auf den Tisch und erhob mich seufzend, um den Kindern noch einmal die Welt der Akustik anschaulich näher zu bringen.

Es wird wohl noch eine kleine Weile dauern, bis wir Meister WEISSTDU und Madame HEEEJ mit den MP3-Playern ins Auto lassen können, ohne uns von hinten plötzlich und unerwartet Geschichten in unerträglichen Lautstärken anhören zu müssen. Aber was tut man nicht alles für seine Kinder? Und ein bisschen auch für sich selbst.


1Salman Rushdie, Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte – kann man zum Beispiel hier bestellen: Amazon - Salman Rushdie

Dienstag, 24. November 2015

Wir werden reis/ reich!

Inzwischen ist es schon einige Jahre her, dass meine geliebte Ehefrau und ich uns ein Häuschen zugelegt haben, um unserer kleinen Familie ein angenehmes Dach über dem Kopf zu verschaffen. Mit dem Häuschen kam natürlich auch ein Garten, der damals, als wir das Haus kauften, zwar nicht mehr taufrisch, aber trotzdem irgendwie gemütlich aussah. Und es machte uns viel Freude, bei gutem Wetter und warmem Sonnenschein die lange vernachlässigte Pflanzenpracht wieder auf Vordermann zu bringen. Wie sich zeigte, war der kleine Brunnen, der sich ziemlich genau in der Mitte unseres Gartens in die Tiefe bohrt, eine ganz ausgezeichnete Idee, bot er doch jeden Tag genug Grundwasser, um die Pflanzen ordentlich zu gießen. Wir brauchten nicht einmal einen Wasserhahn. Es war einfach schön!

Als der Sommer langsam seinen Urlaub antrat und der Herbst kam, um ihn würdig zu vertreten, bekamen wir allmählich eine Ahnung, welchen Sinn der Brunnen mitten im Garten tatsächlich hatte. Der erste Herbststurm, den wir in unserem neuen Casa del Chaos erleben durften, brachte natürlich auch jede Menge Regen mit. Und zu unserer großen Überraschung lief der Garten voll Wasser! Statt einer grünen Wiese mit vereinzelten Büschen, einigen Bäumen und ein paar netten Blümchen fanden wir nun eines Morgens einen tiefen Teich vor, mit vereinzelten Büschen, einigen Bäumen und ein paar abgesoffenen Blümchen. Es dauerte ewig, bis das Wasser abgelaufen war!
Und in diesem Stil ging es durch den gesamten Herbst und natürlich auch durch den feuchten Winter weiter. Mehr oder weniger regelmäßig verwandelte sich unser Garten in eine beinahe idyllische Seenplatte.
Das temporäre Feuchtbiotop im heimischen Garten -
Wir wollen es gewinnbringend nutzen!
Während dieser Zeit reifte in mir der Plan, der Ursache für das temporäre Nassbiotop gründlich auf den Grund zu gehen. Im nächsten Frühjahr, kaum, dass der Rasen einigermaßen trocken, frisch gestutzt und das Wetter einige Tage sonnig geblieben war, begab ich mich zu einer kleinen Lehrstunde angewandter Geophysik, in den Händen die leichte Grundausstattung für Hobbyexploratoren*. Ich öffnete die Abdeckung unseres Brunnens und stieg hinab in die dunkle Tiefe. Dort, etwa 120 Zentimeter unter der Erdoberfläche untersuchte ich den Erdboden auf Beschaffenheit, Zusammensetzung und Wasserdurchlässigkeit und entdeckte statt der insgeheim erträumten extrem seltenen sauteuren Rohstoffe nur ziemlich normale Erde, wie sie in jedem durchschnittlichen Garten gefunden werden kann. Ich spuckte in die Hände, fasste Mut und Schaufel und grub mich tiefer. Eimer um Eimer wanderte gute Muttererde aus dem Brunnen in Richtung Blumenbeete, bis ich etwa 40 Zentimeter tiefer auf gleich zwei Dinge stieß: Grundwasser und Lehm. Jede Menge Lehm. Historisch betrachtet hätte ich damit rechnen müssen, liegt doch meine Heimatstadt am Ende einer Förde, in einer Gegend, in der es vor bummelig 115000 Jahren mal einen gewaltigen Gletscher gab. Kurz: Ich hatte es hier mit Geschiebelehm zu tun, Überreste des Grundmoränenmaterials, das sich hier während der Weichsel-Kaltzeit abgelagert hatte. Ich hätte mich natürlich freuen können, denn an sich ist Lehm nichts schlechtes. Lehmwickel, zum Beispiel, wirken entfettend. Lehm, der direkt auf eine Wunde aufgebracht wird, reinigt und entgiftet; er bindet Krankheitserreger und Gifte. Außerdem ist Lehm seit mindestens 9000 Jahren ein bekannter und beliebter Baustoff, der sich sehr günstig auf das Raumklima auswirkt. Und nicht zuletzt verwittert Lehm auch mit der Zeit zu gutem, fruchtbaren Boden. Allerdings hat Lehm auch eine Eigenschaft, die mich dann doch ärgerte: Er ist wasserundurchlässig. Und da sich der Brunnen, in dem ich mich gerade durch die Erdschichten wühlte, am tiefsten Punkt vierer Grundstücke befindet, sammelt sich hier bei jedem sonst so kleinen feuchten Schutt das umliegende Regenwasser.

Was konnten wir tun?
Nicht viel. Natürlich hätten wir versuchen können, die Lehmschicht mit viel Arbeit und noch mehr Schweiß zu durchstoßen, damit das Wasser dann darunter irgendwo abfließen kann. Aber einige sehr aufschlussreiche Gespräche mit den Nachbarn ließen vermuten, dass sich unter der dem Vernehmen nach sechs Meter tiefen Lehmschicht die obere Kalkschicht des hiesigen Geestrückens befindet, mithin also eine Gesteinsschicht, die mindestens ebenso wasserundurchlässig ist. Uns blieb also nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass das Wasser irgendwann nach dem Regen wieder verschwindet. Wie sagte mein seliger Großvater gerne: „Wasser sucht sich immer seinen Weg.“
Seither üben wir uns in konfuzianischer Geduld bis zum Frühjahr, wenn die Sonne den Rasen und die Erde wieder trockenlegt. Und wenn wir bis dahin in den Garten wollen, tragen wir eben Gummistiefel. Hierzulande ohnehin ein Grundbekleidungsgegenstand.
Der Beginn der Regenzeit, also Herbst und Winter, bedeutet allerdings in unseren nordischen Breitengraden auch, dass man sich am Tage doch vermehrt im Inneren des Hauses aufhält, wo es a) trocken und b) warm ist. Und wo man c) Zeit hat, sich über ein paar Dinge Gedanken zu machen. Diese unglaubliche Menge an Wasser, da muss sich doch was draus machen lassen!
Die erste Idee war natürlich, ein Freibad einzurichten. Allerdings waren wir uns über die angemessenen Eintrittspreise nicht einig. Außerdem hätten wir vermutlich noch einen Bademeister anstellen, den Gartenschuppen zur Umkleidekabine umbauen und eine Outdoor-Dusche einrichten müssen. Das war uns dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Außerdem ist ein Freibad im Winter wohl nur was für ganz harte Jungs. Oder Mädels.
Und dann kam mir die Idee, als ich gerade dabei war, meiner kleinen Familie das sonntägliche Mittagsmahl zu schmieden. Es gab Putengeschnetzeltes in einer feinen Rahmsoße an Basmati-Reis. Als der Duft des indischen Basmati durch die Küche waberte, hatte ich eine Epiphanie! Vor meinem geistigen Auge tauchten die weiten, idyllischen Reisfelder Asiens auf, mit ihren grünen Reispflanzen, den Wasserbüffeln, den asiatischen Reisbauern mit den großen, runden Hüten und jeder Menge Wasser! Das war das Ei, nein, das Reiskorn des Kolumbus!
Während auf unserem Herd der Reis enthusiastisch überkochte und die Pute in der Pfanne verrückt wurde, plante ich unseren Wassergarten durch und verwandelte ihn in meiner Vorstellung in blühende Reisfelder! Im Frühjahr würden wir den Boden aufbrechen und pflügen. Im Sommer, wenn der Boden dann einigermaßen trocken ist, würde der Reis gesät. Denn der darf gar nicht ständig im Wasser stehen. Reis kann nicht aufgehen, wenn er sofort in das Wasser gesetzt wird. Wissen viele ja gar nicht!
Wenn im Herbst dann der Regen nicht mehr aufhört zu fallen, würde unser Reisfeld ganz natürlich und kostenfrei unter Wasser gesetzt. Jetzt könnte der Reis in Ruhe und Frieden den Herbst und Winter hindurch wachsen und gedeihen. Ah, ich höre schon die skeptischen Stimmen, die mich daran erinnern wollen, warum Reis im allgemein warmen Asien angebaut wird. Aber es gibt tatsächlich Reissorten, die auch im kühlen, eher mit dem mitteleuropäischen zu vergleichenden Klima gedeihen! Und genügend Wasser haben wir in jedem Fall. Irgendwo habe ich mal aufgeschnappt, dass man zwischen 3000 und 5000 Liter Wasser benötigt, um ein Kilo Reis zu produzieren. Eine erste, vielleicht etwas unpräzise Berechnung, über den feuchten Daumen gepeilt, ergab eine theoretische Menge von einem Zentner biologisch wertvoll angebauten und geernteten Reis, den wir im Frühjahr, wenn das Reisfeld wieder trocken gefallen wäre, ernten könnten.
Ich erzählte meiner wunderbaren Frau von meinen Überlegungen, während der Rauch des angebrannten Mittagessens langsam um die Häuser zog. Im Geiste zählte ich schon die dicken Geldscheinbündel, die man uns für unseren echt nordischen Qualitätsreis förmlich in die Hände drücken würde! Wir könnten im Handumdrehen unermesslich reis werden!
Und wir müssten uns nicht mal auf den Reis beschränken! Wir könnten Kleinfische und Krustentiere im Reisfeld züchten und hätten doppelten Nutzen davon. Zum einen hätten wir einen kleine Nebenerwerb durch den Verkauf zum Verzehr geeigneter Süßwasserfrüchte, zum anderen würden unsere wertvollen Reispflanzen auf ganz natürliche Weise, also hundertprozentig BIO, gedüngt.
Außerdem könnten wir in den Randzonen unseres Reisfeldes litorale Helophyten** züchten, für den ambitionierten Hobbygärtner! Und sicher hätten wir auch noch Platz für einige besondere Hydrophyten*** und Pleustophyten****. Wir werden stinkreich, weil wir einen platschnassen Garten haben! Eine hervorragende Idee!
Gleich morgen kaufe ich im Supermarkt ein Paket Reis und ein paar Garnelen, quasi als Starterpack.
Nun gut, ein paar Kleinigkeiten müssen noch geklärt werden. Woher, zum Beispiel, bekommen wir einen Wasserbüffel nebst Pflug? Und was frisst so ein Vieh überhaupt? Also, der Büffel, nicht der Pflug. Hoffentlich keinen Reis. Den wollen wir ja verkaufen.
Und was machen wir mit dem Wasserbüffel, wenn er mal nicht durch das Reisfeld stapft?
Wir könnten Kinder auf ihm zur Schule reiten lassen. Oder an Kindergeburtstagen vorführen. Ach, da fällt uns sicher noch was ein! Noch ein Nebenerwerb…
Wir werden sowas von REIS! 



*Eine Schaufel, eine Grubenlampe, mehrere Eimer und jede Menge Elan.

**Uferpflanzen wie Teich-Schachtelhalm zum Beispiel, oder Schilfrohr.

***Wasserpflanzen, die am oder im Boden haften, wie zum Beispiel Seerosen oder Lotus.

****Freischwimmende Wasserpflanzen wie Wasserlinsen, Wasserhyazinthen oder Schwimmfarne.

Freitag, 6. November 2015

Und jetzt?

Hemingway kannte es. Tolstoi wahrscheinlich auch, Melville ganz sicher.

Irgendwo habe ich mal von einem Autoren gelesen, der von sich sagte, pro Tag etwa 400 Worte zu schreiben. „So ein Witz!“, dachte ich da. Immerhin schreibe ich, wenn ich endlich mal wieder dazu komme, immer so um die tausend Worte. Aber ich beschäftige mich ja auch nicht mit tiefgehender Recherche, einem Spannungsbogen über mehrere Zeitabschnitte, hab auch keine ausgefeilten, sich ständig entwickelnden Charaktere und brauche auch nicht unbedingt auf Logik, Sinn und Zusammenhang achten. Ich schreibe ja nur kleine Geschichten. Aber – einfach ist auch das nicht. 

Seit einer gefühlten Ewigkeit nun habe ich nichts mehr zu Papier gebracht und auch keine Geschichte mehr in den Blog gestellt. Ich weiß nicht, wie es der kleinen Schar meiner Leser geht, aber ich finde das sehr schade. Ich würde gern mal wieder eine lustige Geschichte schreiben, etwas, das ein Lächeln auf die Gesichter der Leser zaubert, oder sie vielleicht sogar zu schallendem Gelächter animiert. Ich würde davon erzählen, wie ich das halbe Wohnzimmer verwüstet habe, um ein kleines Insekt nicht etwa schmählich zu zerquetschen, sondern in die rettende Freiheit zu geleiten. Ich würde auch gerne von den vielen kleinen Katastrophen erzählen, die uns unsere Kinder in ihrer Unschuld bereiten, oder unsere Katze. Mir fallen auch die richtigen Worte ein, die richtigen Sätze sogar. Aber die Geschichten fügen sich nicht zusammen, und, was weitaus schlimmer ist, mir fallen diese genialen Textschnipsel immer dann ein, wenn ich bis zu den Ellenbogen im Spülwasser hänge, gerade in einer wichtigen (Das sind sie immer!) Besprechung sitze oder von einem Termin zum nächsten hetze. Kurz gesagt: Wann immer mich die Muse küsst, prügelt mir die Pflicht alle tollen Ideen und Einfälle wieder aus dem Hirn. Schlechtes Timing, würde ich sagen.
 
Was übrig bleibt, ist eine leere Seite und ein verwaister Blog. Und ein gehöriger Frust. Hinzu kommt eine merkwürdige, geradezu „Murphy-eske“ Gesetzmäßigkeit: Wann immer ich mein Notizbuch dabei habe, kommt mir garantiert nicht eine einzige, auch nur halbwegs verwertbare Idee. Aber sobald das Notizbuch an dem am weitesten entfernten Ort fleißig Staub sammelt, sprühe ich vor Einfällen. Es ist zum Heulen! Ich versuche dann immer, so viel wie möglich im Kopf zu behalten, bis ich ein wenig Zeit und einen Zettel habe, um meine Idee auf dem Papier festzunageln. Und dann stehe ich da vor dem Blatt, und der Gedanke ist allen Bemühungen zum Trotz über alle Berge. Nein, das Schreiben fällt mir nicht leicht. Oder irgendwie schon. Wenn ich die Zeit und die Muse habe, wenn ich die Ideen festhalten kann, wenn ich den richtigen Anfang finde. Aber das ist das Schlüsselproblem:
In meinem Kopf rasen die Worte ziemlich ziellos umher, Silben werden zu Worten, Worte zu Sätzen und Sätze zu Geschichten – aber so schnell, wie sie aufeinander treffen, zerplatzen sie auch wieder. Wie die Seifenblasen… Dabei habe ich so oft das Gefühl, mein Kopf müsse doch langsam platzen! Der Drang, endlich mal wieder was Vernünftiges zu Papier zu bringen, wird mit jedem Tag stärker. Aber es will mir einfach nicht gelingen.
Kaum sitze ich da, bereit, meine Geschichte aufzuschreiben, bleibt das Papier ebenso leer, wie der bis gerade eben noch zum Bersten gefüllte Kopf. Hat Hemingway so was erlebt? Oder Terry Pratchett? Was macht Umberto Eco, wenn er nicht schreiben kann?
Hemingway hätte sich wahrscheinlich erst mal einen Whisky gegönnt, noch einen. Pratchett? Vielleicht hätte er seinen Hut aufgesetzt und wäre spazieren gegangen. Eco wird vielleicht mit Kollegen vortrefflich philosophieren, bis der Knoten platzt. Und ich? Ich sitze vor dem leeren Blatt Papier, vor dem strahlend weißen Bildschirm und verzweifle langsam.

Vielleicht sollte ich mich wenigstens ein bisschen an Henry Miller halten. Seine Bücher wirken auf mich, als habe er sich bisweilen ordentlich einen hinter die Binde gekippt, ehe er sich mit einem weiteren Drink in der Hand an die Schreibmaschine setzte. Na ja, ich gebe zu, ich trinke gerne einen Whisky. Einen! Nicht die ganze Flasche, um dann später volltrunken und manisch depressiv literarische Meisterwerke zu verfassen.
Andererseits hätte es vielleicht so seine Vorteile, wenn ich mir wenigstens ansatzweise Promille in die Blutbahn drücken würde. Alkohol ist ja schließlich dafür bekannt, die Hemmschwelle mit dem metaphorischen Vorschlaghammer einzureißen. Was vermutlich auch die am nächsten Morgen unvermeidlichen Kopfschmerzen erklärt. Aber das nur am Rande. 

Vielleicht sollte ich mich für eine kleine Weile von Frau, Kindern und Katze verabschieden, mein Notizbuch nehmen, und mich mit einem Glas wirklich guten Whiskys an den Schreibtisch setzen. Ein bisschen gute Musik wäre nicht schlecht, instrumental, damit mich der Text der Lieder nicht entführt. Und dann sollte ich einfach schreiben, ohne an all die Geschichten zu denken, die ich erdacht, vergessen, entworfen und verworfen, angefangen und dann doch nicht beendet habe.
Ja, das sollte ich tun. Nur… Wann?