Dienstag, 28. Mai 2013

Tirili! Piep, piep!

Hier oben im Norden haben wir im Allgemeinen das Glück, immer ein bisschen länger das Tageslicht genießen zu können. Jedenfalls im Sommer. Dafür tragen ja schon diverse Piepmätze Sorge, die mich exakt eine Stunde vor Sonnenaufgang lautstark darauf aufmerksam machen, dass das hier verdammt noch mal ihr ureigenes Revier ist und sich jeder andere gefälligst da raus zu halten hat.

Das hat man nun davon, dass man in grüner Natur wohnt und einen großen Garten hat. So ein Garten und ein Umfeld mit viel Bäumen, Gesträuch und Gestrüpp bietet nun mal auch vielerlei Geflügel reichlich Unterkunft und noch mehr exponierte Singwarten, von denen aus sich ebenso vehement wie lautstark das eigene Revier pfeifend, fiepend und tirilierend vor eventuellen Land-, Nist- und Brauträubern verteidigen lässt. Aber muss das denn so früh sein? Kann der gemeine gefiederte Flötentoni nicht warten, bis Mensch (also ich!) sanft aus Morpheus Armen in die Vertikale geglitten ist? Muss Freund Federpfeife mich unbedingt mitten in der Nacht aus den Daunen trompeten? Offensichtlich, denn es vergeht in dieser hellen, warmen Jahreszeit kein Tag, an dem ich nicht von Amsel, Drossel, Fink und Star ebenso früh wie nachhaltig aus tiefstem Schlafe gerissen werde. Das sind dann die Momente, in denen ich durchaus mal Appetit auf Geflügel bekomme. Warum auch immer...

Auf der anderen Seite hat das Konzert unserer gefiederten Fauna um die Mittagszeit eine gänzlich andere Wirkung als das frühmorgendliche Vogel-Äquivalent der „Einstürzenden Neubauten“.
Wenn nach dem mittäglichen Gelage die Bäuche kugelrund sind und die Augenlider schwer, wird es still in der Arbeitswelt. Ein jeder sucht sich in Büro, Baustelle oder Badezimmer ein gemütliches Fleckchen und fällt ins Suppenkoma. 

In dieser verfressenen Stille hat die Stimme der Natur nun endlich ihre Chance. Statt Bohrmaschinen, Kraftfahrzeugen und Kraftausdrücken hören wir, die wir im erholsamen Schlummer unseres Büroschlafes liegen, die zarten Stimmen von Meise, Kuckuck oder Sperling.
Die zarten Lieder von Nachtigall, Dompfaff und Zaunkönig tragen unsere erschlafften Seelen hoch in den blauen, sonnigen Himmel; wir schweben über der Arbeitswelt, genießen die Ruhe und den Frieden, solange wir können, bevor wir uns wieder hinab in die tägliche Mühsal stürzen und mit neuer Kraft dem Alltag mit all seinen Wirrnissen und Lärmkulissen widmen.
Es wäre so schön… Aber es bleibt ein Traumbild. Denn immer um die Mittagszeit herum, wenn ich dringend nach der ersten Hälfte eines ausgesprochen anspruchsvollen Arbeitstages und mit bis zum Bersten gefüllten Magen ein wenig Ruhe bräuchte, kommt der nette, ganz in dezentes Orange gekleidete Herr mit seiner Kehrmaschine und säubert dröhnend die Straße vom Dreck der Zivilisation. Kann der Mann nicht wenigstens noch ein halbes Stündchen warten, bevor er mit Getöse und Schrittgeschwindigkeit frenetisch die Straße schrubbt? Warum macht der Mann nicht auch eine Mittagspause? Und warum musste er unbedingt seinen Kollegen mit dem Rasenmäher mitbringen, der gleich um die Ecke in die gefräßige Stille mäht? 

Wieder einmal ist der so dringend benötigte Mittagsschlaf rüde unterbrochen worden, und mir bleibt nur die Hoffnung auf einen möglichst frühen Gang in die Horizontale, auf dass ich verpassten Schlaf endlich nachholen kann.
So bette ich im Schatten der untergehenden Sonne, wenn es langsam kühl wird, mein müdes Haupt in die weichen Kissen der heimischen Bettstatt. Schnell ein kleines Nachtgebet, die Augen schließen und nun mit Schwung Morpheus in die Arme hüpfen. Welch eine Wohltat, wenn ich in die Daunen sinke, mich in die Wärme der Bettdecke rolle und die Augen schließe.
Vor den Schlaf aber haben die Götter Nachbars Grillparty gesetzt. Da wird mit einem Hochleistungsföhn die Kohle zur Weißglut gebracht, der Grillmeister schreit nach Fleisch, Zange, Pflaster und Brandwundensalbe, die Hausfrau nach Tischdecke, Salatschüssel und Prosecco. Alsbald treffen die geladenen Gäste ein, und zu der Geräuschkulisse von brutzelndem Grillgut und streitenden Pärchen gesellen sich nun Flaschenklirren, Gelächter und Geschnatter.
An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich wieder in einigermaßen gesellschaftsfähige Kleidung zu werfen und den Nachbarn zu besuchen. Pulle oder Bulle – das kann er sich dann aussuchen. Und ich wette, er nimmt Pulle, dann höre ich morgen früh nicht einen einzigen Vogel mehr! 

Um auszuschlafen, braucht es eben manchmal einen kleinen Trick…

Donnerstag, 23. Mai 2013

Kleine Abweichungen…

Es gibt eine Theorie, die besagt, dass es in Mitteleuropa gewittert, wenn in Asien ein Schmetterling rülpst. Oder so ähnlich.
Es gibt Tage, da sollte man einfach nicht aufstehen. Aber dann stößt man sich wahrscheinlich den Kopf an der Bettkante…
Schon der Morgen war eine einzige Abfolge von Missgeschicken. Nicht nur, dass meine elektrische Zahnbürste nur noch Widerstand, aber keinerlei Spannung anbot, ich klemmte mir beim Zubereiten meiner kargen frühmorgendlichen Speise auch noch die Finger in der Besteckschublade. In der Folge litt ich für einige Zeit an einem recht tauben Gefühl in den Fingerspitzen. Diese Gelegenheit konnte sich das Schicksal natürlich nicht entgehen lassen, und folgerichtig fiel mir auch noch die volle Kaffeetasse aus den Händen.
Die unvorhersehbaren Verzögerungen in meinen morgendlichen Ritualen hatten dann zur Folge, dass ich den Autoschlüssel im Schlüsselkasten hängen ließ, was ich natürlich erst bemerkte, als ich den Pilotensitz unseres Familienlasters erklimmen wollte. Bis ich den Schlüssel geholt hatte und ich endlich die heimatliche Scholle gen Arbeitsplatz verlassen konnte, waren die Zeiger der Uhr dermaßen weit Richtung Vormittag gewandert, dass nicht mal Michael Schumacher es geschafft hätte, noch pünktlich zu Arbeitsbeginn bei meinem Arbeitgeber aufzutauchen. Ich gab also den hundert Pferdchen unter der Haube nicht wirklich die Sporen, denn es hätte sich ohnehin nicht ausgezahlt. Schon bald konnte ich erkennen, wie weise meine Entscheidung für eine gesetzestreue Fahrweise war, denn wirklich jede Ampel auf dem Wege schaltete auf Rot, sobald ich mich in meiner Kutsche näherte. Den Fahrer vor mir, der bei Tempo 35 sein persönliches Highspeed-Limit erreichte, hätte ich nicht noch zusätzlich gebraucht. Aber zum Glück bog er bald hinter der Stadt ab und reichte die endlose Schlange seiner Verfolger an einen hoffnungslos überalterten Lastwagen weiter, der am oberen Ende seiner Leistungskurve mit ungeheuren sechzig Kilometern (pro Tag? Nein, natürlich pro Stunde…) über die Bundesstraße schaukelte. Letztlich bin ich trotzdem an meinem Arbeitsplatz angekommen, nur um festzustellen, dass mich niemand vermisst hatte. Nicht mal mein Computer, der es sich nicht nehmen ließ, an diesem besonderen Morgen nur widerwillig anzuspringen. Und die Kaffeekanne war natürlich auch schon leer, genau wie die Kaffeepulverdose. In meinen Kreisen eine absolute Katastrophe!
In diesem Stil ging es den ganzen Tag weiter. Unbeabsichtigt gelöschte Dateien, Arbeit an wahnwitzig riesigen Tabellen, die sich letztlich nicht speichern ließen, fehlendes Papier im Drucker, leere Druckerpatronen, ein verpasstes Mittagessen, gestoßene Fußzehen und ein blauer Fleck dort, wo mein Knie mit dem Schreibtisch vehementen Kontakt aufnahm…
Nein, wirklich schön war der Tag nicht.
Die Häufung dieser mehr oder weniger kleinen Missgeschicke und Unglücksfälle ließ mich natürlich nach der Ursache forschen. Mit dem falschen Bein konnte ich nicht aufgestanden sein, denn das hätte einen Knoten in den Gehwerkzeugen zur Folge gehabt, der mich an der weiteren Teilnahme am Arbeitsleben nachhaltig gehindert hätte. Ein Blick in diverse Horoskope in BILD-Zeitung, örtlicher Journaille und Fachzeitschriften (Das Goldene Blatt et al.) führte ebenfalls zu keiner wie auch immer gearteten Ursache. Ich war ratlos. Wie konnte es nur zu einer derartig massiven Häufung von Pech kommen? Hatte meine persönliche Glücksgöttin spontan Urlaub genommen? Hatte sie sich vielleicht sogar von mir abgewendet? Oder trieb das Schicksal ein böses Spiel mit mir? Vielleicht eine Art göttliche Prüfung?
Aber ich fand keine befriedigende Antwort auf meine Frage.

Letztlich war es der eingangs erwähnte Schmetterling, der mir die Antwort gab. Hinter dem oben beschriebenen Phänomen steckt nämlich die Tatsache, dass eine kleine Abweichung auf lange Sicht ein ganzes System vollständig und unvorhersehbar verändern kann. Ich machte mich also auf die Suche nach der Abweichung, die mein persönliches System namens „Tagesablauf“ so vollständig durcheinander gebracht hatte. Aber ich fand sie nicht. Ich bin aufgestanden wie immer, bin wie immer halb blind und vollständig verschlafen ins Bad getorkelt, habe mich wie immer den Reinigungs- und Kleidungsritualen gewidmet, und so weiter und so fort. Ich konnte einfach keine Abweichungen finden.
Bis ich spät am Abend des unglücklichen Tages meine tägliche Dusche genießen wollte…
Weil der Mensch im Allgemeinen unbekleidet unter dem warmen Strahl des Duschkopfes steht, entledigte auch ich mich meiner baumwollenen Hülle. Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren! Knapp unterhalb der Äquatorlinie meines Leibes leuchtete mir vom Bund meiner Boxershorts ein kleines weißes Schild mit Waschanweisungen entgegen. Offenbar hatte ich am viel zu frühen Morgen in meinem Tran die Unterhose falsch herum angezogen.
Eine kleine Abweichung, die große Veränderungen bewirkte…
Der weitere Verlauf des Abends lieferte den Beweis meiner Theorie: Die Dusche war eine Wohltat nach dem misslungenen Tag, der Whisky zum Tagesabschluss war ebenso wohltuend wie wohlschmeckend, und ich habe geschlafen wie ein Murmeltier. Am folgenden Morgen achtete ich aber peinlich genau darauf, mich erstens in der richtigen Reihenfolge und zweitens jedes Kleidungsstück in der richtigen Weise anzuziehen.



Sonntag, 19. Mai 2013

Jagdtrophäen!

Wer aus dem Fenster schaut, hat es sicher schon bemerkt: Der Winter ist, fürs erste zumindest, Geschichte.
In unserem Häuschen gibt es allerdings noch weitere, sehr deutliche Zeichen dafür, dass die Outdoor-Saison unserer Kinder schon längst auf Hochtouren läuft.
Im Flur hinter der Haustür wurden die Schlammspuren und Matschflecken von weiten Sand- und Kieselwüsten abgelöst. In den Taschen der Jacken finden sich nun Steine, Stöcke und undefinierbare (aber trockene) Gegenstände statt des bisher üblichen Gemisches aus Schneematsch und Streusand.
Außerdem haben wir an der Garderobe mehr Platz, seit die dicken Mäntel und Daunenjacken den leichteren Übergangsanoraks weichen durften.
Ein eher subtiles Zeichen der warmen Jahreszeit sind unzählige über den Teppichboden und allen anderen waagerechten Flächen verteilte Stückchen Kalziumkarbonats in unterschiedlichster Färbung und Größe. Der geneigte Leser mag sich nun fragen, woher das kommt.
Gehen wir zur Beantwortung dieser Frage einfach mal an die frische Luft und in den angrenzenden Garten unseres kleinen Hauses. Hier findet der Naturfreund alles, was sein Herz begehrt. Neben Obstbäumen, Nutzpflanzen und Schmucksträuchern wachsen hier Gras, Blumen und anderes pflanzliches Gezücht, wie es sich für einen ordentlichen Garten gehört. Und wie es sich für einen ordentlichen Garten ebenfalls gehört, wird er von einer ungeheuren Anzahl verschiedenster Vertreter der örtlichen Fauna bewohnt. Hier gibt es allerlei Käfer, Hummeln, auch die eine oder andere Wespe, eine stattliche Anzahl Spinnen, sogar Mäuse und eine kleine Armee Frösche. Und dann gibt es da noch eine wahrhaft unglaublich große Menge an Schnecken. Bänderschnecken ebenso wie Nacktschnecken, in vielerlei Form und Größe und im Falle der Bänderschnecken mit einer Unzahl architektonischer Meisterwerke auf den schleimigen Rücken. Diese Häuser bestehen bei Schnecken aus Kalk, oder eben Kalziumkarbonat. Fragt man sich immer noch, wie dieses Zeug in gigantischen Mengen in unser Heim kommt.
Das liegt an zwei ebenso flinken wie geschickten Jägern, die seit der Schneeschmelze und einer Wetterlage, die außerhäusige Betätigungen begünstigt, durch unseren Garten streifen und der Helicidae-Familie nachstellen. Die Nachbarschaft weiß inzwischen ganz genau, wann unsere Kinder im Freien spielen, denn dann hallt unablässig ihr Jagdruf durch die Lüfte: „Mama, Papa, guck mal! Eine Schnecke!“ Und dabei ist es vollkommen egal, ob die erste oder die neunundvierzigste Schnecke des Tages gefunden wurde. Wir haben sowohl unserem Nachwuchs-Waidmann als auch Jung-Diana beigebracht, ihre Beute näher zu untersuchen, ob die Schnecke denn noch in ihrem Haus wohnt. Beim Ruf „Da ist noch Leben drin!“ werden die Elterntiere schlagartig aktiv. Denn statt das arme Tier einfach im Rasen abzusetzen und des Weiteren einen weiten Bogen um das Vieh zu schlagen, neigen beide Aushilfsjäger trotz unablässiger Ermahnung dazu, den bewohnten Schneckenhäusern einen Freiflug zu schenken. So etwas ist nur selten der Gesundheit der Bänderschnecke zuträglich und wird von uns gar nicht gern gesehen. Deshalb springen wir auf den Alarm hin sofort herbei und legen unseren Kindern zum x-ten Mal eindringlich dar, dass auch eine schleimige Schnecke irgendwo am Leib eine Tasche hat, in der ihr Lebensberechtigungsschein steckt. Solange aber „kein Leben drin“ ist, wird das Schneckenhaus der aktuellen Sammlung zugeführt. Natürlich kann man die so schwer zusammengetragenen Trophäen jungmeisterlicher Jägerskunst nicht einfach am Ende des Tages im Garten liegen lassen. So werden allabendlich, kurz vor dem familiären Abendmahl, unzählige Schneckenhäuser in das Haus getragen und feierlich auf dem gerade eben gesaugten Teppich des Wohnzimmers ausgebreitet, das kindliche Äquivalent der waidmännischen Strecke. Dann wird jedes einzelne Meisterwerk aus Kalziumkarbonat gründlich inspiziert, auf Farbe, Geschmack  und Konsistenz geprüft und intensiv bespielt. Dabei kommt es natürlich im Eifer des Spieles auch mal zu Schäden an der Integrität der Schale, was zu den oben erwähnten Kalk-Puzzeln führt, die wir in unserem Heim bewundern dürfen. Außerdem führt die physische Zerstörung der Schneckenhäuser zur absoluten Notwendigkeit, jetzt sofort neue Schnecken zu sammeln, unabhängig von Tageszeit, Hungerzustand der Eltern oder klimatischen Verhältnissen vor der Tür. Es bedarf dann einiger Überzeugungsarbeit und eines leckeren Abendessens, um beide Schneckensammler von ihrem beinahe nächtlichen Vorhaben abzubringen. Denn als Jäger muss man auch lernen, seinem Opfer Zeit zu geben, um die durch die Jagd erlittenen Verluste mittels Produktion einer zahlreichen Nachkommenschaft ausgleichen zu können. Mit anderen Worten: Nach der erfolgreichen Jagd muss der Jäger (und seine Schwester) dringend ins Bett, sonst gibt es morgen keine Schnecken mehr.
Den Rest des Tages sind Frauchen, der Autor dieser Zeilen und ein angemessen leistungsfähiger Staubsauger damit beschäftigt, ein Puzzle aus unzähligen Teilchen aus dem Haus zu entfernen, damit morgen Platz für die nächste Strecke ist.
Übrigens, auf die Frage, wer denn die Schnecken so gründlich zerlegt habe, bekamen wir zur Antwort: „Die sind ganz alleine kaputt gegangen!“ Spontane Schneckenhaus-Explosion, wer hätte das gedacht?

Dienstag, 14. Mai 2013

Schauspielerische Meisterleistung!


Wenn es nach unseren Kindern ginge, wären die beiden bereits in ihren ausgesprochen jungen Jahren kugelrund und Musterbeispiele für Adipositas. Denn dann würde ihre Speisekarte ausschließlich Dinge wie Schokolade, Weingummi in rauen Mengen, Pommes und Kekse enthalten. Solche merkwürdigen Sachen wie Obst, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Nudeln gäbe es gar nicht. Obwohl, Nudeln wahrscheinlich doch, vorausgesetzt, es gibt reichlich Ketchup dazu.
Zum Glück gibt es ja noch uns Eltern, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, ihre Kinder mit einer ausgewogenen, vitaminreichen, gesunden  und abwechslungsreichen Ernährung zu traktieren, damit sie auch morgen noch durch die Tür passen. Zuweilen sorgen diese beiden diametral entgegengesetzten Sichtweisen auf genüssliche Ernährung natürlich für Spannungen, aber bisher haben es Vater und Mutter immer noch geschafft, unseren Thronfolgern solch schreckliche Monster wie Vitamine und Kohlenhydrate in ausreichender Menge zum Fraß vorzuwerfen.
Manchmal aber muss man zu einer kleinen List greifen, damit Kind die angebotene Nahrung widerspruchslos zu sich nimmt. 

So trug es sich eines gar nicht so fernen Morgens zu, dass Junior sein eigens für ihn bereitetes Frühstücksbrot nicht zur Gänze vertilgen wollte. Das war nicht schlimm, denn die Hälfte der Nuss-Nougat-Scheibe, die er aß, war groß genug, um ihn bis zum Mittagessen zu bringen. Die andere Hälfte lag indes bis auf eine kleine Biss-Spur unberührt auf dem Teller. Na ja, dachte ich, dann bekommt Juniorette eben den Rest. Man muss ja keine teuren Lebensmittel unnötig dem Müll überantworten, zumal unsere Prinzessin in der Regel das gleiche Frühstücksbuffet bekommt wie ihr Bruder. Für gewöhnlich frühstücken die beiden ja auch gemeinsam. Aber es war Wochenende, und wir Männer wissen ja alle, wie Frauen unter Umständen reagieren können, wenn sie zu früh aus ihrem Schönheitsschlaf getrommelt werden. Meine Tochter macht da keine Ausnahme. Wenn man sie zu früh aus dem Bett holt, ist der Tag für sie erst mal gelaufen. Und es gibt nichts schlimmeres, als einen Morgenmuffel, den man den ganzen Tag ertragen muss!
Wo war ich stehengeblieben? Ach so, beim Frühstück. Irgendwann schälte sich dann auch unsere Tochter aus Morpheus‘ Armen und wankte schlaftrunken zur morgendlichen Wasserstelle, um sich den täglichen Reinigungs- und Bekleidungsritualen hinzugeben. Frisch gewaschen, sauber gewandet, ausgesprochen gut gelaunt und hungrig wie ein Bär nach dem Winterschlaf stürmte sie nur wenig später an den Frühstückstisch, wo Kakao und „das Brot mit brauner Schokolade“ schon bereitstanden. Ihre bis zu diesem Moment bis in den Himmel reichenden Mundwinkel fielen sofort in bodenlose Tiefen, Töchterchen ließ die Schultern hängen und drückte dicke Tränen in die Augen. Natürlich bemerkte ich den plötzlichen, extremen Stimmungswandel und fragte entsprechend nach: „Was’n los?“ „Das ist nicht mein Brot. Das ist Bruder Brot!“
Geduldig setzte ich Prinzessin Auf-der-Erbse auseinander, dass jenes Brot noch essbar wäre, wundervoll schmecke und ihren kleinen Bauch aufs Trefflichste füllen werde. Ich pries die Mahlzeit als göttliches Manna an, als Ambrosia und Hochgenuss. Allein, Madame hielten Kopf und Schultern gesenkt, meine sorgfältig gewählten Argumente, meine irrwitzig interessante Werbung und meine ansonsten wahnsinnig effektive Überzeugungsarbeit versickerten allesamt gute zwei Zentimeter vor ihrer Nasenspitze…
Da hatte ich einen wahrhaft hollywood-mäßigen Einfall! Ich kapitulierte vor meiner Tochter, entschuldigte mich wortreich für den frühmorgendlichen Fauxpas und nahm den Teller mit dem unglaublich unpassenden Frühstücksbrot vom Tisch. Mit theatralischer Geste, viel Geklapper und unglaublich umständlich holte ich einen weiteren, natürlich sauberen Teller aus der Vitrine und wanderte in die Küche. Hier klapperte ich enthusiastisch mit beiden Tellern, holte deutlich sichtbar ein Streichmesser aus der Schublade sowie den Pott mit der „braunen Schokolade“ aus dem Lebensmitteldepot und veranstaltete allerlei küchentechnischen Lärm. Hinter meinem Rücken beobachtete indes meine kleine Motzkugel mein recht auffälliges Treiben, während ich, für sie natürlich nicht sichtbar, die Bisskante des brüderlichen Brotes sorgfältig glättete und das Brot auf dem sauberen Teller deponierte. Was bin ich doch für ein Schelm! Anschließend stellte ich meinem hungrigen Wolf den Teller mit dem Schwung eines sternegekrönten Oberkellners vor die Nase und präsentierte somit Ihrer Majestät ihr nagelneues, nur für sie bereitetes und garantiert exklusives Frühstücksbrot. Schultern, Trotzkopf und Mundwinkel hoben sich in ungeahnte Höhen, Töchterchen strahlte mich aus königsblauen Augen an, und das Brot sah das Tageslicht nie wieder. Der Tag war gerettet, meiner Tochter Laune schlagartig ganz oben, und meine, ganz nebenbei gesagt, auch.

Was für ein Talent! Was für eine fantastische Leistung! Welch ein begnadeter Schauspieler!
„Und der Oscar für die beste schauspielerische Leistung in einem Küchenstück geht an – mich!“
Danke! Danke! Danke! Völlig zu Recht! Trotzdem in aller Bescheidenheit Danke!

Montag, 13. Mai 2013

In der Kürze...

Meinen Blog schreibe ich ja, wenn ich ehrlich sein soll, aus reinem Vergnügen am Schreiben. Aber natürlich freue ich mich immer sehr, wenn ich Reaktionen auf meine kleinen Geschichten bekomme. 

Meistens sind die Reaktionen positiv. Aber es gibt natürlich auch andere Menschen. Denen gefällt mein Schreibstil nicht. Sie sagen, meine Sätze wären zu lang. Das kann ich gar nicht nachvollziehen.
Ich kann meinen Sätzen gut folgen. Ich verstehe sie alle. Mir sind sie auch nicht zu lang.
Manchmal braucht ein Satz eben drei oder vier Zeilen. Das hat mit dem Thema des Satzes zu tun. Das ist eben manchmal ein bisschen schwieriger. Dann reichen drei oder vier Worte eben nicht. Trotzdem denke ich: Einen langen Satz kann man auch verstehen. Man muss nur aufmerksam lesen. Aber manchmal ist ein langer Satz auch eine besondere Herausforderung.
Ich nehme mir aber die Hinweise meiner Leser gerne zu Herzen. Deswegen schreibe ich heute mal in kurzen Sätzen. Das heißt, ich verwende in diesem Text nur einfache Sätze. So etwas benutzt man auch in der Werbung. Das macht Fakten leichter verständlich. Aber es bedeutet auch den Verzicht auf Komplexität. Einfache Sätze findet man auch in Erzählungen für Kinder. Kinder können lange Sätze noch nicht verstehen. Dem einen oder andern Leser meiner Geschichten geht es wohl genauso.
Mit kurzen Sätzen lassen sich Geschichten aber nicht so gut erzählen. Es fehlen Verbindungen und Zusammenhänge. So etwas kann man besser mit Nebensätzen ausdrücken. Also kommt man manchmal nicht an schwierigen Sätzen vorbei. Das ist aber nicht schlimm. Jedenfalls ist das meine Meinung. Viele bekannte Autoren benutzen lange Sätze. Man nennt solche langen Sätze auch Schachtelsätze. Das Fremdwort für „Schachtelsatz“ ist Hypotaxe. Heinrich von Kleist hat solche Schachtelsätze sehr oft gebraucht. Auch bei Thomas Mann findet man oft Hypotaxen.
Vielleicht sind diese beiden Schreiber gerade deswegen so berühmt geworden. Mir fällt nämlich kein einziger Autor ein, der kurze Sätze geschrieben hätte. Der letzte Satz war schon ziemlich lang. Es ging aber nicht anders. Das tut mir leid.
Deshalb ist die Geschichte hier auch schon zu Ende. Es ist nämlich nicht leicht, mit kurzen Sätzen viel zu sagen.
 
Das war ganz speziell für dich, mein lieber „Nie-nicht-gar-nicht“. Konntest du meine Sätze jetzt lesen? Und konntest du sie auch verstehen? ;-D

ICH ZUERST!

Fünf Tage in der Woche ist Papa auf Achse und muss mühsam das Geld verdienen, das Frau und Kinder in der Folge ernährt. An fünf Tagen in der Woche sehe ich meine Familie nur stundenweise, tragischerweise immer dann, wenn alle hundemüde sind, kurz vor dem Schlafengehen. Zum Glück gibt es ja die Wochenenden, wo ich meine Kinder auch mal im ausgeschlafenen Zustand betrachten kann. Und dann gibt es da noch die Glücksfälle der Brückentage, an denen ein Wochenende angenehm lang wird. Obwohl… In der Rückschau muss ich leider mit einem gewissen Mißfallen feststellen, dass die vier Tage erschreckend schnell schon wieder vorbei waren. Nun ja, das ist ja ein altbekanntes Problem: Wenn es langweilig ist, dröge und irgendwie völlig uninteressant, dehnen sich die Minuten zu schier unendlichen Stunden. Hat man aber Spaß und Freude, fliegt die Zeit. Schlecht organisiert, diese ganze Geschichte mit der Zeit…

Vier Tage mit der Familie, was für ein Spaß! Der Vatertag fiel ja dieses Jahr überraschend auf einen Donnerstag, und natürlich habe ich als Vater die Möglichkeit beim Schopfe ergriffen, mich meinen väterlichen Pflichten ausgiebigst zu widmen. Statt mich also einer Horde Pseudoväter anzuschließen und mit einem Bollerwagen bewaffnet durch die Lande zu ziehen, um mittels Unmengen von Alkohol auch die letzten enzephalografischen Schwingungen mit Gewalt in Richtung Nulllinie zu prügeln, verbrachte ich Christi Himmelfahrt damit, meinen Sprösslingen die Welt der Bits und Bytes näher zu bringen. Wiewohl die beiden Nachwüchslinge noch einstellig an Jahren sind, halten es meine Frau und ich doch für wichtig, sie so ganz allmählich und spielerisch an eines der wichtigsten Arbeitsgeräte unserer (und wohl noch mehr ihrer) Generation heranzuführen.
Mit anderen Worten: Ich richtete meinen Kindern einen eigenen Computer ein. Was für ein Luxus! Tatsächlich waren wir aber in der Lage, meinen Kindern mittels einiger zwar arbeitsloser, aber arbeitswilliger PC-Teile sowie eines kostenlosen Betriebssystems einen Rechner zum Nulltarif zu basteln. 

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die großelterlichen Spender von ungefähr 98 Prozent des infantilen Rechenknechts!

Hätte ich allerdings gewusst, was über mich hereinbrechen sollte, vielleicht hätte ich noch das eine oder andere Dutzend Jahre gewartet. Der Zusammenbau der Einzelteile und die Installation eines einfachen, altersgerechten und vor allen Dingen kostenlosen Betriebssystems waren überhaupt kein Problem für mich, da ich schon ein wenig Übung und Erfahrung im PC-Bau sowie dem dazugehörigen hingebungsvollen Fluchen hatte. Schon um die Mittagszeit des Vatertages herum konnten meine Kinder einen funktionstüchtigen Computer sowie einen Vater beobachten, der verzweifelt versuchte, Aufgabenstellung und Funktionsweise von Programmen zu verstehen, die für Kleinkinder gedacht waren. Es ist eben doch eine ganz andere Welt als die der Erwachsenen…
Mein Kinder belächelten also milde den väterlichen Versuch, eine verrückt gewordene Computermaus zu zähmen, Ballons in unterschiedlichen Farben zu erkennen und zu sortieren, und was der kindlichen Aufgaben da mehr sind. Immerhin war und ist es unser elterlicher Anspruch, den Kinder unter Anleitung des Brutpaares die Welt der Datenverarbeitung näherzubringen. Da sollte man schon wissen, welche Aufgaben da auf die angehenden IT-Fachkräfte warten.
Dies alles war auch keine sooo große Herausforderung. Angesichts meiner Weigerung, tatsächlich mal erwachsen zu werden, fiel es mir erstaunlich leicht, hinter die Geheimnisse der Lernprogramme zu kommen. Allerdings fiel es mir mit der Zeit immer schwerer, mich auf die Aufgabenstellung zu konzentrieren, weil ständig jemand auf mich einbrüllte: „ICH AUCH! ICH AUCH MAL, PAPA!“
Na gut, da hatte ich wohl keine andere Wahl. Nur widerstrebend machte ich den Platz vor dem neuen Spielzeug frei, um sogleich Zeuge einer epischen Schlacht zu werden: Die Schlacht um den Platz an Maus und Tastatur! Gemeinsamer Schlachtruf beider Kriegsparteien war „ICH ZUERST!“, wahrscheinlich mit Gottes (also meiner) Hilfe... aber das tat ich nicht. Stattdessen wartete ich den Verlauf der Schlacht ab und entfernte beide Streithähne vom Schlachtfeld, als klar wurde, dass heute keine Entscheidung fallen würde. Ich verkündete das Ende der Schlacht aufgrund väterlichen Befehls. Danach bestimmte ich nach dem Zufallsprinzip den ersten Benutzer und setzte Sohnemann (Alter vor Schönheit!) an den Rechner. Meine Hoffnung, damit zu ein wenig Ruhe zu kommen, erfüllte sich nicht, denn Töchterchen beharrte darauf: „DA WOLLTE ICH ABER!“ Nun ja, man kann nicht alles haben.
Erstaunlicherweise erwies sich Jung Siegfried als kleines Naturtalent. Schnell hatte er nicht nur herausgefunden, wozu Tastatur und Maus in der Lage sind, sondern auch, wo er klicken musste, um ein spezielles Programm („EISENBAHN!!“) zu starten. Das Beenden dieses Programmes nach gefühlten zehn und realen dreißig Minuten scheiterte nicht etwa an den Fähigkeiten meines Nachwuchs-Programmierers, sondern an seinem Unwillen, den Platz aufzugeben. Aber ich hatte es nun mal meinem Töchterchen versprochen! Der Kampfschrei „DA WOLLTE ICH ABER!“ wurde ersetzt durch „DA WAR ICH ABER ZUERST!“, während ich mit unserer jungen Dame die ersten Schritte am Computer unternahm. Unter Aufbietung meines ganzen Willens gelang es mir, das Enfant terrible mit seinem Hintergrundgeschimpfe auszublenden, während ich meiner Tochter erklärte, dass es weder dem Computer noch der Maus gut tut, wenn man letztere in die allgegenwärtige Handtasche stopft, ohne wenigstens vorher gewisse Kabelverbindungen zu lösen. Nachdem unser Mädchen allerdings entdeckt hatte, dass die Maus a) schöne Farben und b) lustige Geräusche machen konnte, war das Hightech-Gerät vor einem Leben in der Dunkelheit erst mal sicher.
Nach weiteren dreißig Minuten stand der letzte Akt in der Schlacht um den Computer unter dem Motto: Wenn’s am schönsten ist, sollte man aufhören. Erwartungsgemäß stieß dieses Motto auf vollkommen taube Ohren, sodass ich dann doch gezwungen war, meine Ansichten über die Sitzungsdauer am neuen Spielzeug etwas vehementer vorzutragen. Mit Grandezza schaltete ich den Rechner schlicht aus und erklärte: „Och, leider kaputt!“ Mein Mienenspiel schien wenig überzeugend gewesen zu sein, denn weder Sohnemann noch Prinzessin glaubten mir auch nur ein Wort. Da werde ich wohl noch an meinen schauspielerischen Leistungen arbeiten müssen. Zum Glück lassen sich unsere beiden Streithähne und Sturköpfe schnell ablenken, in diesem Fall mit ein wenig Süßwaren und dem Versprechen, dass wir uns bald wieder in ein binäres Abenteuer stürzen werden. Dann aber werden die aufsichtführenden Alttiere die Plätze an der Tastatur im Losverfahren vergeben! Obwohl ich behaupte, dass wir trotzdem den fürchterlichen Kampfschrei hören werden: „ICH ZUERST!“

Was wir an den restlichen drei Tagen des Wochenendes gemacht haben? Da möchte ich mit Michael Ende antworten: „Das ist eine andere Geschichte, und soll ein anderes Mal erzählt werden.“