Mittwoch, 11. Juni 2014

Andere Länder...

...andere Fahrer. Ich weiß, wovon ich rede... 
Die unfallfreie Teilnahme am allgemeinen Straßenverkehr ist ja schon vor der eigenen Haustür ein fortwährendes Abenteuer. Die Herausforderungen, die Senioren mit Hut, Führerscheinneulinge, testosteronüberfüllte PS-Protze und dergleichen an uns Otto-Normal-Fahrer stellen, sind ja hierzulande schon groß genug. Jeder von uns kennt reichlich Beispiele von Kurzschluss-Überholmanövern, die doppelt soviel Leistung und freie Strecke wie vorhanden benötigen, kennt Schnecken auf der Autobahn und Oberlehrer hinter dem Steuer. Was könnten wir alle Geschichten davon erzählen! Und was sind da nicht schon irrsinnige Geschichten erzählt worden!
Mir kommt der hiesige Straßenverkehr hingegen schon beinahe erholsam vor, nachdem ich nun einige Monate weiter im Süden verbringen durfte. Viel weiter...
Tatsächlich hatte ich Gelegenheit, den Verkehr zwischen serbischer Bohnensuppe und Gyros mit allem und scharf aus nächster Nähe mitzuerleben. Das war nun wirklich ein Erlebnis.
Zunächst mal sind die Straßen dort im tiefen Süden schon im Aufbau nicht mit jenen vor unserer Haustür zu vergleichen. Die meisten von ihnen gleichen Schlaglochpisten, sind eng, unübersichtlich und schon seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr instandgesetzt worden. Wenn ich es recht bedenke... So groß ist der Unterschied zu unseren Straßen dann nun doch nicht. Allerdings stellen sich viele der Verkehrsverbindungen auf dem Balkan eher als das dar, was man hierzulande als Feldweg oder Pfad bezeichnen würde.
Teerdecken sind nicht überall vorhanden, aber sie breiten sich mittlerweile unaufhaltsam aus. Die Verwendung von Vorwegweisern, Gefahrenschildern und ähnlicher, hier zuhause geradezu profaner Beschilderung ist in weiten Teilen des Balkan ein noch sehr neues Konzept, sodass allein schon das Finden des richtigen Weges zum Abenteuer mutieren kann. So passiert es eben schon mal, dass man mit seinem Fahrzeug zwischen Weißichnicht und Irgendwo steht und mit Händen und Füßen, gelegentlichem Schreien und ohne passende Sprachkenntnisse versucht, einem ortsansässigen Kleinbauern eine Richtungsinformation zu entlocken. Es ist erstaunlich, wie unglaublich oft man dann trotz aller Sprachbarrieren an sein Ziel gelangt, ohne sich mehr als, sagen wir mal, eine halbe Tagesreise zu verfahren.
Sprachbarriere und bedauerlicher Straßenzustand sind aber nicht die einzigen Dinge, die das Fahren auf dem Balkan zum Abenteuer werden lassen. In der Regel sind es die anderen Verkehrsteilnehmer, die für häufig wechselnde Körpertemperaturen, unkontrollierte Lautäußerungen verschiedenster Art und spontane, inbrünstige Glaubensbekenntnisse jedweder Richtung sorgen.
Während sich das Verkehrswegenetz auf dem Balkan beständig weiterentwickelt, sind große Teile der Bevölkerung den alten Traditionen verhaftet geblieben. So gibt es neuerdings zwischen Tirana und Pristina eine moderne Autobahn inklusive bereits jetzt erkennbarer zukünftiger Upgrades mit Raststätten und Mautanlagen, das Konzept eines solchen Schnellweges ist aber noch nicht bei jedem Nutzer angekommen. Da nützen auch die Schilder mit einer grafischen Bedienungsanleitung nichts, die klugerweise in regelmäßigen Abständen entlang der Strecke aufgestellt wurden.
Autobahn mit Bedienungsanleitung! 
Die Autobahn wird konsequent ganz genauso benutzt, wie jeder andere Weg oder Pfad seit Jahrhunderten auch. Und so trifft man während der rasenden Autofahrt nicht nur auf andere Kleinfahrzeuge, Lastwagen und PS-Boliden, sondern auch auf Fußgänger und Pferdefuhrwerke. Natürlich unbeleuchtet und erheblich langsamer als der Rest der Verkehrsteilnehmer. Straßen werden dort überquert, wo es einem gerade passt. Der extra angelegte, gut beleuchete und deutlich sicherere Fußgängerüberweg nur wenige Meter weiter wird hingebungsvoll ignoriert.
Auch das Konzept der Errichtung einer Schnellstraße, um einen anderen Ort schnell zu erreichen, ist einigen Menschen auf dem Balkan noch nicht in den Sinn gekommen. Sie schleichen mit Geschwindigkeiten knapp über der einer rennenden Schildkröte über das Asphaltband und interessieren sich nicht die Bohne für all jene, die sie hupend und schreiend überholen. Wenn Buddha jemals ein Beispiel für innere Ruhe und Ausgeglichenheit gesucht hätte, er hätte es auf der Autobahn gefunden!
Überhaupt sind die fahrbaren Untersätze in jenem Landstrich zwischen Metaxa und Sliwovitz ein Kapitel für sich. Natürlich sieht man auch hier die neuesten Produkte der deutschen, italienischen oder französischen Automobilindustrie. Aber man sieht deutlich mehr Beweise dafür, dass der alte Krempel von damals heute immer noch funktioniert. Tatsächlich habe ich noch nie dermaßen viele VW Golf II auf den Straßen gesehen, wie dort! Und die meisten waren aus mir völlig unerklärlichen Gründen rot. Die Anzahl der Rostlauben geht ins Unermessliche. Beinahe jedes durchschnittliche Fahrzeug auf dem Balkan ist ein Beweis, dass Rost eben doch die verschiedensten Teile der früheren Autokonstruktion zusammenhalten kann. Und ich schreibe hier nicht nur von Kleinfahrzeugen! Bei den Lastwagen kommt zu dem allgegenwärtigen Rost, den unzähligen Beulen und Schrammen auch noch das beunruhigende Knarren von Blattfedern hinzu. Denn das zulässige Gesamtgewicht ist häufig nur eine unwichtige Zahl auf einem unbedeutenden (und wahrscheinlich ohnehin nicht existenten) Papier. Der normale Lastkraftwagen wird solange beladen, bis kein Platz mehr ist und die Achsen einen säuberlichen Halbkreis formen. Solange das fragliche Fahrzeug nicht nagelneu, hundsteuer oder beides ist, stellt das normale auf dem Balkan genutzte Fahrzeug, gleich, welcher Klasse, einen Alptraum für jeden TÜV-Prüfer dar.
Und als wäre dies alles nicht genug, um das Fahren auf dem Balkan zu einem immerwährenden Abenteuer zu machen, kommt dann noch dazu, dass auf dem Balkan zwar Verkehrsregeln existieren, sie aber meistens als gutgemeinte, aber nicht zwingend zu befolgende Ratschläge gelten. Überholt wird da, wo man genug Geschwindigkeit aufgebaut hat, um am Vordermann einigermaßen zügig vorbeizuziehen. Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten im Allgemeinen sowieso nur für solche Fahrzeuge, die ohnehin nicht schneller fahren können, Kutschen zum Beispiel. Parkverbote sind zwar ganz nett, gelten aber für alle anderen außer einem selbst. Und Einbahnstraßen sind Traditionsregelungen und haben absolut nichts mit der aktuellen Beschilderung zu tun. Recht hat, wer stärker, sturer oder selbstmordgefährdeter ist.
Eine defensive, vorausschauende Fahrweise, wie sie von führenden Fahrschulen hierzulande propagiert wird, ist auf dem Balkan der Garant, in der Einfahrt stehenzubleiben, bis die Karre auseinanderfällt. Nun, bei den dortigen Musterbeispielen von Optimistenautos* dauert das wohl nicht allzu lange.
In diesem Zusammenhang habe ich immer die Polizisten bewundert und ein wenig bedauert, die der Anarchie des Straßenverkehrs das Gesetzbuch unablässig und mit Inbrunst vorhalten. Ein Kampf gegen Windmühlen!
Erstaunlicherweise habe ich mich schnell an die ortstypischen Gewohnheiten im Straßenverkehr gewöhnt, und es machte mir sogar Spaß, ein wenig anarchisch durch die Welt zu fahren. Das führte zwar unweigerlich dazu, dass ich wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt wurde, aber ein Erlebnis war es trotzdem.
Nur die Umgewöhnung an den durchorganisierten, vorhersehbaren und meistens defensiven Verkehr in Deutschland fiel mir doch ein bisschen schwerer, als ich mir vorgestellt hatte. Nachdem meinem geliebten Eheweib zweimal innerhalb weniger Minuten die Haare zu Berge standen und ihre Farbton im Gesicht um einige Nuancen heller war als gewöhnlich, erinnerte sie mich deutlich daran, wo ich war: „SCHATZ! Du bist nicht mehr auf dem Balkan!“ Tja, da hatte sie wohl recht...

*Optimistenautos fahren mit Sprit, einem gehörigen Maß Hoffnung und jeder Menge inbrünstige Gebete.



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