Donnerstag, 12. Juni 2014

Die Wäschespinne des Schmerzes!

Der Sommer ist doch was schönes... Die Sonne scheint, die Kleider sind luftig, man kann sich genüsslich im Freien herumtreiben und man kann eine Menge Strom sparen! 

Das gute und warme Wetter der letzten Tage hat mein lieb Frauchen und mich davon überzeugt, dass es sich vielleicht doch lohnend würde, eine neue Wäschespinne anzuschaffen. Bislang trocknen wir unsere Wäsche auf Wäscheleinen in den abyssalen Tiefen unseres Kellers oder eben im elektrischen Heißluftstrom unseres Trockners. 
Angesichts der zu erwartenden Reichtümer infolge des künftigen, erheblichen Minderverbrauches an Strom und in Anerkennung und Würdigung der Qualität von einheimischen Produkten entschlossen wir uns zum Kauf eines gar nicht mal so billigen Markengerätes, das nicht nur unsere Kleidung zuverlässig auf der Leine halten würde, sondern auch dem Betrachter anzeigen würde: Hier sind Menschen, die Verantwortung für ihre Wäsche übernehmen! 
Als Mann und Herr im Hause in Teilarbeitszeit war es natürlich an mir, die mühselig erworbene Wäschespinne in den Garten zu verfrachten und sie in die Senkrechte zu stellen. 
Angesichts des klugerweise zeitgleich erworbenen, passenden Erdpfahls sollte das Unternehmen „Aufstellen“ kein Schwierigkeit darstellen. Der Erdpfahl wurde aus seiner umfangreichen Plastikumhüllung geschnitten und gerupft, ein Fleckchen Erde wurde zur Pfählung freigegeben, und schon ging es los. 
Der Erdpfahl stellte sich als Schraube dar, die mit Hilfe einer stählernen Stange in die Erde geschraubt werden sollte, und das möglichst gerade. Insbesondere letzteres war mal gar nicht so einfach, wie man glauben sollte. Kaum waren einige Umdrehungen in Richtung Erdmitte getan, stellte sich dieses vermaledeite Ding schräg. Also noch einmal neu ansetzen, das Augenmaß senkrecht gestellt und nochmal drehen. Das ging so lange gut, bis offenbar ein Stein der sorgfältig senkrechten Bewegung einen Tritt aus der Waage gab. Erdpfahl ausdrehen, Erde abklopfen, Loch bewundern, zehn Zentimeter ostwärts der dritte Versuch. Und siehe! Es klappte! Der Erdpfahl konnte bis in die vorgesehene Tiefe eingedreht werden und sah dabei erstaunlich gerade aus! 
Endlich konnte ich die Wäschespinne in den Erdpfahl setzen, ein bisschen zurecht rücken und mit Stolz das Ergebnis betrachten. Na gut, die Wäschespinne steht nicht vollkommen gerade da, aber wenn man an der einen Seite ein bisschen mehr Wäsche aufhängt, als auf der anderen, dann zieht sich das schon zurecht! Denke ich... 
Natürlich musste die Funktionalität des neu erworbenen Stromspargerätes ausführlich getestet werden: Spinne auf, Spinne zu, Spinne auf, Spinne zu... Bis mein lieb Frauchen mit dem ersten Korb Wäsche kam und wir einträchtig und lachend Stück für Stück unserer Leib- und Magenwäsche auf den neuen Leinen aufhängten.

Was für ein erhebender Anblick! Frisch gewaschene Wäsche weht da frei in Wind und Sonne und wird quasi für lau getrocknet. Aus dem Keller hörten wir leise das Schluchzen unseres Trockners. Nun, wir können ihn trösten: Der nächste Herbst kommt bestimmt! 

Eine Weile standen wir andächtig vor der Wäschespinne und sahen dem Sommer bei der Arbeit zu, bevor wir uns den weiteren täglichen Aufgaben widmeten. Wer hätte geahnt, dass eine Wäschespinne schmerzhafte Gefahren für uns, nein, für mich bereithielt? 
Der Tag verging, die Wäsche trocknete vor sich hin, und als die Sonne dem westlichen Horizont entgegen strebte, beschlossen lieb Frauchen und ich, gemeinsam die Wäsche von der Spinne zu nehmen. Ja, auch das ein Geheimnis erfolgreicher Partnerschaft: Gemeinsame Erlebnisse schaffen! 
Frohgemut schnappte ich mir ein Handtuch von der Größe Schleswig-Holsteins, packte es knapp unterhalb der Wäscheklammer und schrie sofort schmerzgepeinigt auf! Hat mich doch ein ignorantes Insekt ohne Vorwarnung in den Zeigefinger gestochen! Ich weiß nicht, welches Insekt da so brutal war, denn Tränen des Schmerzes und der Überraschung trübten meinen Augenlicht augenblicklich, ich hielt den Finger fest und schnürte ihn dicht unter der Verletzung am ersten Glied ab. Sofort begann ich mit Erste Hilfe Maßnahmen und saugte das schreckliche Gift aus dem Finger, während ich zeternd um die Wäschespinne tanzte. Mit dem Schrei „Zwiebeln!“ weckte mich meine Frau aus der Agonie und scheuchte mich in die Küche. Unter unsäglichen Schmerzen klaubte ich eine Zwiebel aus dem Korb, teilte sie und drückte mir die feuchte Hälfte der Frucht auf den gemarterten Finger. Oh, welche Wohltat! Der Schmerz ließ augenblicklich nach. Ich trocknete meine Tränen, schnüffelte am zwiebligen Finger und bekam augenblicklich erneut einen feuchten Blick. Die Zwiebel meinte es ernst! 
Natürlich blieb ich tapfer! Das bin ich meiner Mitgliedschaft in der Spezies Mensch (männlich) schuldig. Mit von Zwiebeldämpfen umwölkten Blick und immer noch ein wenig geschockt vom Angriff des Killerinsekts taumelte ich zurück in den Garten und stellte mich erneut auf dem Schlachtfeld dem nächsten Insekt, das es wagen würde, den Stachel gegen mich zu erheben! Dieses Mal war ich vorbereitet! Aber das war gar nicht mehr nötig. Mein lieb Frauchen hatte bereits, ungeachtet tödlicher Gefahren der Insektenwelt, die Wäsche säuberlich abgenommen, die Wäschespinne in ein kompaktes Paket verwandelt und selbige unter das Dach gestellt, auf dass die Leinen sauber blieben. Ich versuchte noch, ihr den Wäschekorb abzunehmen, um wenigstens einen kleinen Teil zu unserem gemeinsamen Erlebnis beizutragen, aber das wollte sie nicht. Immerhin war ich ja verletzt! Womit sie ja auch nicht ganz unrecht hatte...


Mittlerweile ist nach einem Abend des Schocks und des Schmerzes und einer irgendwie unruhigen Nacht nur noch ein roter Punkt an der Einstichstelle und eine merkwürdige bläuliche Färbung meiner Fingerkuppe von meiner Auseinandersetzung mit dem unbekannten Insekt übrig geblieben. Aber ich denke, unter der wohltuenden und hingebungsvollen eheweiblichen Pflege werden auch diese Spuren der Schlacht bald vergangen sein. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen